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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Zitat der Woche

Zweite Dezemberwoche

GfdS wählt »post­fak­tisch« zum Wort des Jah­res 2016

Das Wort des Jah­res 2016 ist post­fak­tisch. Die­se Ent­schei­dung traf am Mitt­woch­abend eine Jury der Gesell­schaft für deut­sche Spra­che (GfdS) in Wies­ba­den. Sie rich­tet damit das Augen­merk auf einen tief­grei­fen­den poli­ti­schen Wan­del. Das Kunst­wort post­fak­tisch, eine Lehn­über­tra­gung des ame­ri­ka­nisch-eng­li­schen post truth, ver­weist dar­auf, dass es in poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Dis­kus­sio­nen heu­te zuneh­mend um Emo­tio­nen anstel­le von Fak­ten geht. Immer grö­ße­re Bevöl­ke­rungs­schich­ten sind in ihrem Wider­wil­len gegen »die da oben« bereit, Tat­sa­chen zu igno­rie­ren und sogar offen­sicht­li­che Lügen bereit­wil­lig zu akzep­tie­ren. Nicht der Anspruch auf Wahr­heit, son­dern das Aus­spre­chen der »gefühl­ten Wahr­heit« führt im »post­fak­ti­schen Zeit­al­ter« zum Erfolg (aus­führ­li­che Wort­er­klä­rung am Ende die­ser Pres­se­mit­tei­lung von Jochen A. Bär).

Erste Novemberwoche

        Neben  der  Wahr­heit  des  Evan­ge­li­ums  und  neben  der  durch  sie ermög­lich­ten  Frei­heit  war  das  wich­tigs­te  Wort  der  Refor­ma­ti­on  wohl „Gna­de“.  Luthers  alles  ande­re  über­ra­gen­de  Erfah­rung  war,  dass  er allein  durch  die  Gna­de  Got­tes  zu  einem  gerech­ten  und  guten  Men­schen wer­de.  Das  war  das  Befrei­ungs­er­leb­nis  sei­nes  Lebens,  die  Erlö­sung sei­ner  suchen­den  und  oft ver­ängs­tig­ten  See­le. Gna­de:  damals  ein  zen­tra­les  –  heu­te  viel­leicht  ein  frem­des  Wort. Und  dabei,  so  scheint  es  mir,  hät­ten  wir  gera­de  heu­te  nichts  so  nötig wie  Gna­de.  Gna­de  zuerst  mit  uns  selbst,  damit  wir  nicht  vor  immer neu­er  Selbst­er­fin­dung  und  Selb­st­op­ti­mie­rung  schließ­lich  in ver­zwei­fel­ter  Erschöp­fung  lan­den.  Gna­de  auch  mit  unse­ren Mit­men­schen,  die  eben  fehl­ba­re  und  unvoll­kom­me­ne  Wesen  sind  wie wir  sel­ber  und  von  denen  wir  doch  häu­fig  Per­fek­ti­on  und  rei­bungs­lo­ses Funk­tio­nie­ren  erwar­ten.   Es  macht  sich  zudem  in  unse­rer  Gesell­schaft,  von  Inter­net­fo­ren bis  hin  zu  poli­ti­schen  Debat­ten,  ein  Ungeist  der  Gna­den­lo­sig­keit  breit, des  Nie­der­ma­chens,  der  Selbst­ge­rech­tig­keit,  der  Ver­ach­tung,  der  für uns  alle  brand­ge­fähr­lich  ist.   Und  dass  wir  weni­ger  von  Ängs­ten  geplagt  und  von  Furcht ergrif­fen  sind  als  die  Zeit­ge­nos­sen  der  Refor­ma­ti­on,  das  kann  man  nun sicher  nicht  behaup­ten,  auch  wenn  die­se  Ängs­te  uns  nicht  mehr  als leib­haf­ti­ge  Dämo­nen und  Teu­fel  erschei­nen. Von  den­je­ni­gen,  für  die  die  Refor­ma­ti­on  mehr  ist  als  his­to­ri­sche Erin­ne­rung  und  für  deren  Leben  der  christ­li­che  Glau­be  eine  wich­ti­ge Rol­le  spielt,  von  den­je­ni­gen  wün­sche  ich  mir,  dass  sie  aus  die­sem Glau­ben  her­aus  gna­den­lo­sen  Zustän­den  immer  wie­der  Momen­te  von täti­ger  Zuwen­dung,  aber  auch  von  Umkehr  und  Ver­än­de­rung, ent­ge­gen­set­zen  kön­nen.  Wir  brau­chen  auch  heu­te  Agen­ten  der Ent­ängs­ti­gung.  Und  wenn  es  sein  muss  auch  mit  dem  gelas­se­nen Trotz,  wie  ihn  Luther  for­mu­liert:  „Und  wenn  die  Welt  voll  Teu­fel  wär  / Und  wollt  uns  gar  ver­schlin­gen  /  So  fürch­ten  wir  uns  nicht  so  sehr  /  Es soll  uns  doch gelin­gen…“ Für  vie­le  ist  der  Glau­be  an  Gott  oder  an  eine  unver­dien­te himm­li­sche  Gna­de  kei­ne  per­sön­lich  erfah­re­ne  Wirk­lich­keit  mehr.  Ihnen wün­sche  ich,  dass  sie  hier  und  da  Gna­de  von  ihren  Mit­men­schen erfah­ren  und  auch  sel­ber  gnä­dig  mit  ande­ren  umge­hen.  Wenn Men­schen  sich  bewusst  machen,  dass  sie  hier  und  da  in  ratio­nal  nicht fass­ba­rer  Wei­se  beschenkt,  getra­gen  oder  bewahrt  waren,  oder  wenn sie  vol­ler  Stau­nen  erle­ben,  dass  ihnen  Gutes  wider­fährt,  was  sie  sich nicht  sel­ber  erar­bei­tet  haben  –  dann  haben  sie  mög­li­cher­wei­se  eine Erfah­rung  von  Gna­de  gemacht.  Auf  Latein  heißt  Gna­de  „gra­tia“. „Gra­tis“  kommt  daher:  Groß­zü­gig­keit  und  selbst­lo­ses  Schen­ken.

Vierte Oktoberwoche 2016

    „Spre­chend und han­delnd schal­ten wir uns in die Welt der Men­schen ein, die exis­tier­te, bevor wir in sie gebo­ren wur­den,“ schrieb Han­nah Arendt in der Vita Activa, „und die­se Ein­schal­tung ist wie eine zwei­te Geburt, in der wir die nack­te Tat­sa­che des Gebo­renseins bestä­ti­gen, gleich­sam die Ver­ant­wor­tung dafür auf uns neh­men.“

Wir dür­fen uns nicht wehr­los und sprach­los machen las­sen. Wir kön­nen spre­chen und han­deln. Wir kön­nen die Ver­ant­wor­tung auf uns neh­men. Und das heisst: Wir kön­nen spre­chend und han­delnd ein­grei­fen in die­se sich zuneh­mend ver­ro­hen­de Welt.

Dazu braucht es nur Ver­trau­en in das, was uns Men­schen aus­zeich­net: die Bega­bung zum Anfan­gen.  Wir kön­nen hin­aus­ge­hen und etwas unter­bre­chen. Wir kön­nen neu gebo­ren wer­den, in dem wir uns ein­schal­ten in die Welt. Wir kön­nen das, was uns hin­ter­las­sen wur­de, befra­gen, ob es gerecht genug war, wir kön­nen das, was uns gege­ben ist, abklop­fen, ob es taugt, ob es inklu­siv und frei genug ist – oder nicht. (Caro­lin Emcke, Frie­dens­preis­re­de)

Wir kön­nen immer wie­der anfan­gen, als Indi­vi­du­en, aber auch als Gesell­schaft. Wir kön­nen die Ver­krus­tun­gen wie­der auf­bre­chen, die Struk­tu­ren, die uns been­gen oder unter­drü­cken, auf­lö­sen, wir kön­nen aus­tre­ten und mit­ein­an­der suchen nach neu­en, ande­ren For­men.

Wir kön­nen neu anfan­gen und die alten Geschich­ten wei­ter­spin­nen wie einen Faden Fes­sel­rest, der her­aus­hängt, wir kön­nen anknüp­fen oder auf­knüp­fen, wir kön­nen ver­schie­de­ne Geschich­ten zusam­men weben und eine ande­re Erzäh­lung erzäh­len, eine, die offe­ner ist, lei­ser auch, eine, in der jede und jeder rele­vant ist.

Dritte Septemberwoche 2016

Die Verfassung des Deutschen Reichs
Art 137

(1) Es besteht kei­ne Staats­kir­che.
(2) Die Frei­heit der Ver­ei­ni­gung zu Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten wird gewähr­leis­tet. Der Zusam­men­schluß von Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten inner­halb des Reichs­ge­biets unter­liegt kei­nen Beschrän­kun­gen.
(3) Jede Reli­gi­ons­ge­sell­schaft ord­net und ver­wal­tet ihre Ange­le­gen­hei­ten selb­stän­dig inner­halb der Schran­ken des für alle gel­ten­den Geset­zes. Sie ver­leiht ihre Ämter ohne Mit­wir­kung des Staa­tes oder der bür­ger­li­chen Gemein­de.
(4) Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten erwer­ben die Rechts­fä­hig­keit nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten des bür­ger­li­chen Rech­tes.
(5) Die Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten blei­ben Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rech­tes, soweit sie sol­che bis­her waren. Ande­ren Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten sind auf ihren Antrag glei­che Rech­te zu gewäh­ren, wenn sie durch ihre Ver­fas­sung und die Zahl ihrer Mit­glie­der die Gewähr der Dau­er bie­ten. Schlie­ßen sich meh­re­re der­ar­ti­ge öffent­lich-recht­li­che Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten zu einem Ver­ban­de zusam­men, so ist auch die­ser Ver­band eine öffent­lich-recht­li­che Kör­per­schaft.
(6) Die Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten, wel­che Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rech­tes sind, sind berech­tigt, auf Grund der bür­ger­li­chen Steu­er­lis­ten nach Maß­ga­be der lan­des­recht­li­chen Bestim­mun­gen Steu­ern zu erhe­ben.
(7) Den Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten wer­den die Ver­ei­ni­gun­gen gleich­ge­stellt, die sich die gemein­schaft­li­che Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be machen …

Aus­zug aus dem Art., der in 140 Grund­ge­setz über­nom­men wird und der bei Rech­ten ganz unbe­kannt ist.

Zweite Septemberwoche 2016

  … wenn sie nicht bedenk­lich von nar­ziss­ti­schen Pro­ble­men behaf­tet wäre, zu glau­ben, dass Men­schen mit hoch­pro­ble­ma­ti­schen und kul­tu­rell und reli­gi­ös ver­an­ker­ten Fehl­ent­wick­lun­gen in kür­zes­ter Zeit einen befrei­en­den demo­kra­ti­schen Weg gehen könn­ten, um die die Euro­pä­er über Jahr­hun­der­te blu­ti­ge Kämp­fe mit mil­lio­nen­fa­chen Ver­lus­ten aus­ge­foch­ten haben. Die nor­mo­pa­thi­sche Stö­rung, die ich unse­rer Gegen­warts­ge­sell­schaft beschei­ni­ge, ver­ste­he ich als Fol­ge reak­ti­ver Schuld­ab­wehr aus den zu ver­ant­wor­ten­den Ver­bre­chen der Ver­gan­gen­heit und dem Wis­sen vom neu­en „fal­schen Leben“ in einer Gesell­schaft mit Pro­fitzwang und mate­ri­el­ler Gier. (Hans-Joa­chim Maaz, Cice­ro-Arti­kel)

Zweite Oktoberwoche 2009

Im 6. Kapi­tel [sc. des Zhuang Zi] Ernst Tugendhat - Googlebilderheißt es an einer Stel­le: Fische gedei­hen im Was­ser, Men­schen im Tao. Fol­gen­de Inter­pre­ta­ti­on legt sich nahe: Ande­re Tie­re haben eine spe­zi­fi­sche Umwelt, die Men­schen hin­ge­gen nicht, sie leben unter immer wie­der ande­ren Bedin­gun­gen und daher in kon­stan­ter Unbe­stän­dig­keit; des­we­gen kön­nen sie eine Bestän­dig­keit nur errei­chen, indem sie sich expli­zit auf das Tao, die Ein­heit in den Gegen­sät­zen, bezie­hen.
Ich mei­ne, dass die­se tao­is­ti­sche Leh­re von den Gegen­sät­zen unmit­tel­ba­rer zu uns spre­chen kann als ver­gleich­ba­re Theo­ri­en in unse­rer eige­nen Tra­di­ti­on… Ihre Absicht ist eine rein prak­ti­sche, die Errei­chung der Stil­le im Sich­be­wusst­ma­chen der Ein­heit der gan­zen Kur­ve.“ (Ernst Tugend­hat, Ego­zen­tri­zi­tät und Mys­tik, 135)

Dritte Oktoberwoche

Die Geset­ze der Öko­no­mie arbei­ten zwar lang­sam, aber sieHans-Werner Sinn - googlebild arbei­ten bestän­dig und mit gro­ßer Kraft. “ (Hans-Wer­ner Sinn, Ist Deutsch­land noch zu ret­ten, Mün­chen 2004, 455)

Vierte Oktoberwoche


Wo nichts unter den mensch­li­chen Din­gen googlebilder Schleiermacher, junguner­schüt­tert bleibt; wo jeder gera­de das, was sei­nen Platz in der Welt bestimmt und ihn an die irdi­sche Ord­nung der Din­ge fes­selt, in jedem Augen­blick im Begriff sieht, nicht nur ihm zu ent­flie­hen und sich von einem ande­ren ergrei­fen zu las­sen, son­dern unter­zu­ge­hen im all­ge­mei­nen Stru­del; wo die einen kei­ne Anstren­gung ihrer Kräf­te scho­nen, und noch nach allen Sei­ten um Hil­fe rufen, um das­je­ni­ge fest­zu­hal­ten, was sie für die Angeln der Welt und der Gesell­schaft der Kunst und der Wis­sen­schaft hal­ten, die sich nun durch ein unbe­greif­li­ches Schick­sal wie von selbst aus ihren inners­ten Grün­den empor­he­ben, und fal­len las­sen, was sich so lan­ge um sie bewegt hat­te, und wo die ande­ren mit eben dem rast­lo­sen Eifer geschäf­tig sind, die Trüm­mer ein­ge­stürz­ter Jahr­hun­der­te aus dem Wege zu räu­men, um unter den ers­ten zu sein, die sich ansie­deln auf dem frucht­ba­ren Boden, der sich unter ihnen bil­det aus der schnell erkal­ten­den Lava des schreck­li­chen Vul­kans; wo jeder, auch ohne sei­ne Stel­le zu ver­las­sen, von den hef­ti­gen Erschüt­te­run­gen des Gan­zen so gewal­tig bewegt wird, dass er in dem all­ge­mei­nen Schwin­del froh sein muss, irgend­ei­nen ein­zel­nen Gegen­stand fest genug ins Auge zu fas­sen, um sich an ihn hal­ten und sich all­mäh­lich über­zeu­gen zu kön­nen, dass doch etwas noch ste­he; in einem sol­chen Zustan­de wäre es töricht zu erwar­ten, dass vie­le geschickt sein könn­ten, das Unend­li­che wahr­zu­neh­men. (Reden 1799 [1984], 249)

Erste Novemberwoche

Der Kör­per ist zwar eine Maschi­ne, jedoch kei­ne die, ein­mal John Martin Littlejohn - googlebildauf­ge­zo­gen, über Jah­re hin­weg gänz­lich unter äuße­rem Ein­fluss funk­tio­nie­ren kann. Sei­ne For­mung und Gestal­tung gesche­hen viel­mehr von innen. Men­ta­le Funk­ti­on ist die Basis jeder phy­si­schen Funk­ti­on. Hin­ter den phy­si­schen Vor­gän­gen, Atmung und Blut­kreis­lauf gibt es einen men­ta­len Zustand, der den Kör­per­zu­stand bestimmt. (John Mar­tin Litt­le­john, Psy­cho­phy­sio­lo­gie [1899, deut­sche Über­set­zung 2008])

Zweite Novemberwoche

Charles Peirce - Googlebilder

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands!

(Charles Peirce, How to make our ide­as clear, 1878)

Dritte Novemberwoche

Erzie­hung, die nicht in den For­men des Lebens erfolgt, nicht um ihrer selbst wil­len wert­voll ist, John Dewey – googlebildist immer nur ein küm­mer­li­cher Ersatz für die Wirk­lich­keit und birgt die Gefahr, zu ver­kramp­fen und zu ertö­ten…
Erzie­hung ist die grund­le­gen­de Metho­de des sozia­len Fort­schritts. Die Pflicht der Gesell­schaft zu erzie­hen, ist daher ihre höchs­te sitt­li­che Pflicht. Durch Geset­ze und Stra­fen, sozia­le Agi­ta­ti­on und Dis­kus­si­on kann sich die Gesell­schaft nur in plan­lo­ser und zufäl­li­ger Wei­se regeln und for­men. Durch Erzie­hung kann sie ihre eige­nen Zwe­cke for­mu­lie­ren, ihre Mit­tel und Hilfs­quel­len orga­ni­sie­ren und sich so mit gerings­tem Auf­wand in der Rich­tung ent­wi­ckeln, in der sie dies zu tun wünscht.“
John Dew­ey, Demo­cra­cy and Edu­ca­ti­on, 1916; deutsch 1993.

Letzte Dezemberwoche

Wenn in der Gegen­wart vie­le For­men wirt­schaft­li­chen Han­delns im Sturm der Glo­ba­li­sie­rung mas­si­ve Kri­tik her­vor­ge­ru­fen haben, die auch die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten als Legi­ti­ma­ti­ons­hil­fe die­ser Hand­lun­gen betrifft, dann zeigt sich unmit­tel­bar, dass die The­se von der „Wert­neu­tra­li­tät“ der Öko­no­mie als Wis­sen­schaft nicht halt­bar ist. Hin­zu kommt, dass die Öko­no­mie als empi­ri­sche Wis­sen­schaft, die trag­fä­hi­ge Pro­gno­sen lie­fern soll­te, geschei­tert ist. (Bud­dhis­ti­sche Wirt­schafts­ethik, 2002, 1f)

Erste Januarwoche 2009

Der wah­re Grund­stoff alles Lebens und Daseins ist eben das

Schelling - Googlebild

Schreck­li­che.“ (Phi­lo­so­phie der Offen­ba­rung)

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„Die­ses Wochen­en­de in Prag wer­de ich Barack Obama, googlebildeine Tages­ord­nung vor­le­gen, um das Ziel einer Welt ohne Nukle­ar­waf­fen zu ver­fol­gen“, sag­te Oba­ma. „Selbst nach dem Ende des Kal­ten Krie­ges könn­te die Ver­brei­tung von Atom­waf­fen oder der Dieb­stahl von ato­ma­rem Mate­ri­al zur Ver­nich­tung von jeder Stadt auf dem Pla­ne­ten füh­ren.“

Zweite Maiwoche

Ver­schie­bun­gen der sozia­len und epis­te­mi­schen Kon­stel­la­tio­nen,Michael Hampe, ETH Zürich

in denen Men­schen den­ken und han­deln, ver­se­hen ver­schie­de­ne kul­tu­rel­le

Struk­tu­ren mit ver­schie­de­nen Funk­tio­nen. so kann eine Reli­gi­on sowohl eine sub­ver­si­ve Kraft sein, die sich gegen bestimm­te Herr­schafts­struk­tu­ren rich­tet, wie auch ein Mit­tel der Herr­schafts­aus­übung und -sta­bi­li­sie­rung. Das Chris­ten­tum hat in sei­nen bei­den Erschei­nungs­for­men, als jüdi­sche Sek­te im römisch beset­zen Paläs­ti­na und als staats­tra­gen­de Reli­gi­on im Hei­li­gen Römi­schen Reich, zu unter­schied­li­chen Zei­ten bei­de Funk­tio­nen erfüllt. Eben­so kann eine poli­tisch-öko­no­mi­sche Phi­lo­so­phie wie die von Karl Marx Kri­tik einer wirt­schaft­li­chen Ideo­lo­gie in einem libe­ra­len Bür­ger­staat sein und den Stein­bruch für die Über­zeu­gungs­ele­men­te einer staats­tra­gen­den­den Ideo­lo­gie abge­ben, die eine Par­tei­dik­ta­tur stützt, wie es im Sta­li­nis­mus pas­siert ist. Eine Meta­phy­sik wie die Pla­to­ni­sche Ide­en­leh­re kann ein Mit­tel der Kri­tik sein wie im Mun­de des Sokra­tes gegen­über dem oppur­tu­nis­ti­schen Rela­ti­vis­mus der Sophis­tik, oder sie kann als Instru­ment zur Legi­ti­mie­rung einer Kir­chen­hier­ar­chie als „onto­lo­gisch“ not­wen­dig die­nen wie im Fall des augus­ti­ni­schen Neu­pla­to­nis­mus. Eine Tech­nik wie das Inter­net kann kom­ple­xe und umfang­rei­che Wis­sens­be­stän­de all­ge­mein zugäng­lich machen oder das Stre­ben nach Wis­sen­schaft und Wahr­heit durch die Ver­brei­tung von Lügen und Por­no­gra­fie behin­dern. Kurz: Sozia­le, kul­tu­rel­le Struk­tu­ren wie Reli­gio­nen, Phi­lo­so­phi­en, Tech­no­lo­gi­en oder auch Küns­te haben weder ein fes­tes Wesen noch eine fes­te Funk­ti­on. (Micha­el Ham­pe, Erkennt­nis und Pra­xis. Zur Phi­lo­so­phie des Prag­ma­tis­mus, Frankfurt/M. 2006, 24f.)

Dritte Maiwoche

Die Dop­pel­struk­tur, dass das ontisch-rea­le Gehirn zwei sich wider­spre­chen­de Kon­struk­te gene­riert, ein all­tags­wirk­li­ches und ein natur­wis­sen­schaft­li­ches, erkann­ten wir bereits … Prof. Dr. Peter Lampe, HeidelbergEiner­seits kon­stru­iert das ontisch-rea­le Gehirn auf­grund eines bestimm­ten (mir unzugäng­li­chen) Rei­zes aus der onti­schen Rea­li­tät die Farb­wahr­neh­mung Rot, ande­rer­seits ent­wirft es das natur­wis­sen­schaft­li­che Bild, dass die­ser Umwelt­reiz farb­los ist und ledig­lich aus einer bestimm­ten (mir zugäng­li­chen, in Nano­me­tern bezif­fer­ba­ren Fre­quenz) elek­tro­ma­gne­ti­scher Wel­len besteht. „Rot“ ver­hält sich zu „eine elek­tro­ma­gne­ti­sche Wel­len­fre­quenz um 700 Nano­me­ter reizt den (wirk­li­chen) visu­el­len Appa­rat, Rot wahr­zu­neh­men“, wie „Mein Ich ist Autor des moto­ri­schen Tuns“ sich ver­hält zu „Ein ‚readi­ness poten­ti­al‘ des wirk­li­chen Gehirns setzt mein Tun in Gang“. Je wider­spricht das eine Bild­kon­strukt dem ande­ren. (Peter Lam­pe, Die Wirk­lich­keit als Bild, 2006, 59)

Erste Oktoberwoche

Wenn uns jemand erzähl­te, ein Mann habe in der Chi­ca­go­er Gangs­ter­welt ein lan­ges und erfolg­rei­ches Leben geführt, so wären wir berech­tigt, eini­ge Über­le­gun­gen dar­über anzu­stel­len, was für eine Sor­te Mensch er war. Wir könn­ten erwar­ten, dass er Eigen­schaf­ten hät­te wie Här­te, Reak­ti­ons­schnel­lig­keit und die Fähig­keit, loya­le Freun­de um sich zu sam­meln. Dies wären zwar kei­ne unfehl­ba­ren Rück­schlüs­se, doch man kann sehr wohl eini­ge Aus­sa­gen über den Cha­rak­ter eines Men­schen machen, wenn man etwas über die Bedin­gun­gen weiß, unter denen er über­lebt und sich erfolg­reich behaup­tet hat. Die The­se die­ses Buches ist, dass wir und alle ande­ren Tie­ren Maschi­nen sind, die durch Gene geschaf­fen wur­den. Wie erfolg­rei­che Chi­ca­go­er Gangs­ter haben unse­re Gene in einer Welt inten­si­ven Exis­tenz­kamp­fes über­lebt – in eini­gen Fäl­len meh­re­re Mil­lio­nen Jah­re. Auf­grund des­sen kön­nen wir ihnen bestimm­te Eigen­schaf­ten unter­stel­len. Ich wür­de argu­men­tie­ren, dass eine vor­herr­schen­de Eigen­schaft, die wir bei einem erfolg­rei­chen Gen erwar­ten müs­sen, ein skru­pel­lo­ser Ego­is­mus ist. Die­ser Ego­is­mus des Gens wird gewöhn­lich ego­is­ti­sches Ver­hal­ten des Indi­vi­du­ums her­vor­ru­fen. Es gibt jedoch, wie wir sehen wer­den, beson­de­re Umstän­de, unter denen ein Gen sei­ne ego­is­ti­schen Zie­le ab bes­ten dadurch errei­chen kann, dass es einen begrenz­ten Altru­is­mus auf der Stu­fe der Indi­vi­du­en för­dert. Die Wor­te „beson­ders“ und „begrenzt“ in die­sem Satz sind wich­tig. So gern wir auch etwas ande­res glau­ben wol­len, uni­ver­sel­le Lie­be und das Wohl­erge­hen einer Art als Gan­zes sind Begrif­fe, die evo­lu­ti­ons­theo­re­tisch ein­fach kei­nen Sinn erge­ben.

Dies bringt mich zu der ers­ten Fest­stel­lung, die ich dar­über tref­fen möch­te, was die­ses Buch nicht ist. Ich tre­te nicht für eine Ethik auf der Grund­la­ge der Evo­lu­ti­on ein. Ich berich­te ledig­lich, wie die Din­ge sich ent­wi­ckelt haben. Ich sage nicht, wie wir Men­schen uns in mora­li­scher Hin­sicht ver­hal­ten sol­len. Ich beto­ne dies ange­sichts der Gefahr, dass ich von jenen – all­zu zahl­rei­chen – Leu­ten falsch ver­stan­den wer­de, die nicht unter­schei­den kön­nen zwi­schen einer Dar­stel­lung des­sen, was nach Über­zeu­gung des Spre­chen­den oder Schrei­ben­den der Fall ist, und einem Plä­doy­er für das, was der Fall sein soll­te. Ich selbst bin der Mei­nung, dass eine mensch­li­che Gesell­schaft, die ledig­lich auf dem Gesetz des uni­ver­sel­len, rück­sichts­lo­sen Gen-Ego­is­mus beruh­te, eine Gesell­schaft wäre, in der es sich sehr unan­ge­nehm leb­te. Unglück­li­cher­wei­se jedoch hört etwas, das wir bekla­gen, und sei es auch noch so sehr, des­halb nicht auf, wahr zu sein. Die­ses Buch soll vor allem inter­es­sant sein. Wenn der Leser jedoch ein Moral aus ihm ablei­ten möch­te, möge er es als War­nung lesen: Wenn er – wie ich – eine Gesell­schaft auf­bau­en möch­te, in der die ein­zel­nen groß­zü­gig und selbst­los zuguns­ten eines gemein­sa­men Wohl­erge­hens zusam­men­ar­bei­ten, kann er wenig Hil­fe von der bio­lo­gi­schen Natur erwar­ten. Lasst uns ver­su­chen, Groß­zü­gig­keit und Selbst­lo­sig­keit zu leh­ren, denn wir sind ego­is­tisch gebo­ren. Lasst uns ver­ste­hen ler­nen, was unse­re eige­nen ego­is­ti­schen Gene vor­ha­ben, denn dann haben wir viel­leicht die Chan­ce, ihre Plä­ne zu durch­kreu­zen – etwas, das kei­ne Art bis­her jemals ange­strebt hat. (Richard Daw­kins, Das ego­is­ti­sche Gen, 2008, 36-38)

Zu älte­ren Zita­ten vgl. hier…