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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Zitat der Woche

Zweite Dezemberwoche

GfdS wählt »postfaktisch« zum Wort des Jahres 2016

Das Wort des Jahres 2016 ist postfaktisch. Diese Entscheidung traf am Mittwochabend eine Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden. Sie richtet damit das Augenmerk auf einen tiefgreifenden politischen Wandel. Das Kunstwort postfaktisch, eine Lehnübertragung des amerikanisch-englischen post truth, verweist darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt im »postfaktischen Zeitalter« zum Erfolg (ausführliche Worterklärung am Ende dieser Pressemitteilung von Jochen A. Bär).

Erste Novemberwoche

        Neben  der  Wahrheit  des  Evangeliums  und  neben  der  durch  sie ermöglichten  Freiheit  war  das  wichtigste  Wort  der  Reformation  wohl „Gnade“.  Luthers  alles  andere  überragende  Erfahrung  war,  dass  er allein  durch  die  Gnade  Gottes  zu  einem  gerechten  und  guten  Menschen werde.  Das  war  das  Befreiungserlebnis  seines  Lebens,  die  Erlösung seiner  suchenden  und  oft verängstigten  Seele. Gnade:  damals  ein  zentrales  –  heute  vielleicht  ein  fremdes  Wort. Und  dabei,  so  scheint  es  mir,  hätten  wir  gerade  heute  nichts  so  nötig wie  Gnade.  Gnade  zuerst  mit  uns  selbst,  damit  wir  nicht  vor  immer neuer  Selbsterfindung  und  Selbstoptimierung  schließlich  in verzweifelter  Erschöpfung  landen.  Gnade  auch  mit  unseren Mitmenschen,  die  eben  fehlbare  und  unvollkommene  Wesen  sind  wie wir  selber  und  von  denen  wir  doch  häufig  Perfektion  und  reibungsloses Funktionieren  erwarten.   Es  macht  sich  zudem  in  unserer  Gesellschaft,  von  Internetforen bis  hin  zu  politischen  Debatten,  ein  Ungeist  der  Gnadenlosigkeit  breit, des  Niedermachens,  der  Selbstgerechtigkeit,  der  Verachtung,  der  für uns  alle  brandgefährlich  ist.   Und  dass  wir  weniger  von  Ängsten  geplagt  und  von  Furcht ergriffen  sind  als  die  Zeitgenossen  der  Reformation,  das  kann  man  nun sicher  nicht  behaupten,  auch  wenn  diese  Ängste  uns  nicht  mehr  als leibhaftige  Dämonen und  Teufel  erscheinen. Von  denjenigen,  für  die  die  Reformation  mehr  ist  als  historische Erinnerung  und  für  deren  Leben  der  christliche  Glaube  eine  wichtige Rolle  spielt,  von  denjenigen  wünsche  ich  mir,  dass  sie  aus  diesem Glauben  heraus  gnadenlosen  Zuständen  immer  wieder  Momente  von tätiger  Zuwendung,  aber  auch  von  Umkehr  und  Veränderung, entgegensetzen  können.  Wir  brauchen  auch  heute  Agenten  der Entängstigung.  Und  wenn  es  sein  muss  auch  mit  dem  gelassenen Trotz,  wie  ihn  Luther  formuliert:  „Und  wenn  die  Welt  voll  Teufel  wär  / Und  wollt  uns  gar  verschlingen  /  So  fürchten  wir  uns  nicht  so  sehr  /  Es soll  uns  doch gelingen…“ Für  viele  ist  der  Glaube  an  Gott  oder  an  eine  unverdiente himmlische  Gnade  keine  persönlich  erfahrene  Wirklichkeit  mehr.  Ihnen wünsche  ich,  dass  sie  hier  und  da  Gnade  von  ihren  Mitmenschen erfahren  und  auch  selber  gnädig  mit  anderen  umgehen.  Wenn Menschen  sich  bewusst  machen,  dass  sie  hier  und  da  in  rational  nicht fassbarer  Weise  beschenkt,  getragen  oder  bewahrt  waren,  oder  wenn sie  voller  Staunen  erleben,  dass  ihnen  Gutes  widerfährt,  was  sie  sich nicht  selber  erarbeitet  haben  –  dann  haben  sie  möglicherweise  eine Erfahrung  von  Gnade  gemacht.  Auf  Latein  heißt  Gnade  „gratia“. „Gratis“  kommt  daher:  Großzügigkeit  und  selbstloses  Schenken.

Vierte Oktoberwoche 2016

    „Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden,“ schrieb Hannah Arendt in der Vita Activa, „und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“

Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen. Und das heisst: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt.

Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen.  Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen. Wir können neu geboren werden, in dem wir uns einschalten in die Welt. Wir können das, was uns hinterlassen wurde, befragen, ob es gerecht genug war, wir können das, was uns gegeben ist, abklopfen, ob es taugt, ob es inklusiv und frei genug ist – oder nicht. (Carolin Emcke, Friedenspreisrede)

Wir können immer wieder anfangen, als Individuen, aber auch als Gesellschaft. Wir können die Verkrustungen wieder aufbrechen, die Strukturen, die uns beengen oder unterdrücken, auflösen, wir können austreten und miteinander suchen nach neuen, anderen Formen.

Wir können neu anfangen und die alten Geschichten weiterspinnen wie einen Faden Fesselrest, der heraushängt, wir können anknüpfen oder aufknüpfen, wir können verschiedene Geschichten zusammen weben und eine andere Erzählung erzählen, eine, die offener ist, leiser auch, eine, in der jede und jeder relevant ist.

Dritte Septemberwoche 2016

Die Verfassung des Deutschen Reichs
Art 137

(1) Es besteht keine Staatskirche.
(2) Die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgesellschaften wird gewährleistet. Der Zusammenschluß von Religionsgesellschaften innerhalb des Reichsgebiets unterliegt keinen Beschränkungen.
(3) Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. Sie verleiht ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde.
(4) Religionsgesellschaften erwerben die Rechtsfähigkeit nach den allgemeinen Vorschriften des bürgerlichen Rechtes.
(5) Die Religionsgesellschaften bleiben Körperschaften des öffentlichen Rechtes, soweit sie solche bisher waren. Anderen Religionsgesellschaften sind auf ihren Antrag gleiche Rechte zu gewähren, wenn sie durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer bieten. Schließen sich mehrere derartige öffentlich-rechtliche Religionsgesellschaften zu einem Verbande zusammen, so ist auch dieser Verband eine öffentlich-rechtliche Körperschaft.
(6) Die Religionsgesellschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben.
(7) Den Religionsgesellschaften werden die Vereinigungen gleichgestellt, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe machen …

Auszug aus dem Art., der in 140 Grundgesetz übernommen wird und der bei Rechten ganz unbekannt ist.

Zweite Septemberwoche 2016

  … wenn sie nicht bedenklich von narzisstischen Problemen behaftet wäre, zu glauben, dass Menschen mit hochproblematischen und kulturell und religiös verankerten Fehlentwicklungen in kürzester Zeit einen befreienden demokratischen Weg gehen könnten, um die die Europäer über Jahrhunderte blutige Kämpfe mit millionenfachen Verlusten ausgefochten haben. Die normopathische Störung, die ich unserer Gegenwartsgesellschaft bescheinige, verstehe ich als Folge reaktiver Schuldabwehr aus den zu verantwortenden Verbrechen der Vergangenheit und dem Wissen vom neuen „falschen Leben“ in einer Gesellschaft mit Profitzwang und materieller Gier. (Hans-Joachim Maaz, Cicero-Artikel)

Zweite Oktoberwoche 2009

„Im 6. Kapitel [sc. des Zhuang Zi] Ernst Tugendhat - Googlebilderheißt es an einer Stelle: Fische gedeihen im Wasser, Menschen im Tao. Folgende Interpretation legt sich nahe: Andere Tiere haben eine spezifische Umwelt, die Menschen hingegen nicht, sie leben unter immer wieder anderen Bedingungen und daher in konstanter Unbeständigkeit; deswegen können sie eine Beständigkeit nur erreichen, indem sie sich explizit auf das Tao, die Einheit in den Gegensätzen, beziehen.
Ich meine, dass diese taoistische Lehre von den Gegensätzen unmittelbarer zu uns sprechen kann als vergleichbare Theorien in unserer eigenen Tradition… Ihre Absicht ist eine rein praktische, die Erreichung der Stille im Sichbewusstmachen der Einheit der ganzen Kurve.“ (Ernst Tugendhat, Egozentrizität und Mystik, 135)

Dritte Oktoberwoche

„Die Gesetze der Ökonomie arbeiten zwar langsam, aber sieHans-Werner Sinn - googlebild arbeiten beständig und mit großer Kraft. “ (Hans-Werner Sinn, Ist Deutschland noch zu retten, München 2004, 455)

Vierte Oktoberwoche


Wo nichts unter den menschlichen Dingen googlebilder Schleiermacher, jungunerschüttert bleibt; wo jeder gerade das, was seinen Platz in der Welt bestimmt und ihn an die irdische Ordnung der Dinge fesselt, in jedem Augenblick im Begriff sieht, nicht nur ihm zu entfliehen und sich von einem anderen ergreifen zu lassen, sondern unterzugehen im allgemeinen Strudel; wo die einen keine Anstrengung ihrer Kräfte schonen, und noch nach allen Seiten um Hilfe rufen, um dasjenige festzuhalten, was sie für die Angeln der Welt und der Gesellschaft der Kunst und der Wissenschaft halten, die sich nun durch ein unbegreifliches Schicksal wie von selbst aus ihren innersten Gründen emporheben, und fallen lassen, was sich so lange um sie bewegt hatte, und wo die anderen mit eben dem rastlosen Eifer geschäftig sind, die Trümmer eingestürzter Jahrhunderte aus dem Wege zu räumen, um unter den ersten zu sein, die sich ansiedeln auf dem fruchtbaren Boden, der sich unter ihnen bildet aus der schnell erkaltenden Lava des schrecklichen Vulkans; wo jeder, auch ohne seine Stelle zu verlassen, von den heftigen Erschütterungen des Ganzen so gewaltig bewegt wird, dass er in dem allgemeinen Schwindel froh sein muss, irgendeinen einzelnen Gegenstand fest genug ins Auge zu fassen, um sich an ihn halten und sich allmählich überzeugen zu können, dass doch etwas noch stehe; in einem solchen Zustande wäre es töricht zu erwarten, dass viele geschickt sein könnten, das Unendliche wahrzunehmen. (Reden 1799 [1984], 249)

Erste Novemberwoche

Der Körper ist zwar eine Maschine, jedoch keine die, einmal John Martin Littlejohn - googlebildaufgezogen, über Jahre hinweg gänzlich unter äußerem Einfluss funktionieren kann. Seine Formung und Gestaltung geschehen vielmehr von innen. Mentale Funktion ist die Basis jeder physischen Funktion. Hinter den physischen Vorgängen, Atmung und Blutkreislauf gibt es einen mentalen Zustand, der den Körperzustand bestimmt. (John Martin Littlejohn, Psychophysiologie [1899, deutsche Übersetzung 2008])

Zweite Novemberwoche

Charles Peirce - Googlebilder

Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Dritte Novemberwoche

„Erziehung, die nicht in den Formen des Lebens erfolgt, nicht um ihrer selbst willen wertvoll ist, John Dewey – googlebildist immer nur ein kümmerlicher Ersatz für die Wirklichkeit und birgt die Gefahr, zu verkrampfen und zu ertöten…
Erziehung ist die grundlegende Methode des sozialen Fortschritts. Die Pflicht der Gesellschaft zu erziehen, ist daher ihre höchste sittliche Pflicht. Durch Gesetze und Strafen, soziale Agitation und Diskussion kann sich die Gesellschaft nur in planloser und zufälliger Weise regeln und formen. Durch Erziehung kann sie ihre eigenen Zwecke formulieren, ihre Mittel und Hilfsquellen organisieren und sich so mit geringstem Aufwand in der Richtung entwickeln, in der sie dies zu tun wünscht.“
John Dewey, Democracy and Education, 1916; deutsch 1993.

Letzte Dezemberwoche

Wenn in der Gegenwart viele Formen wirtschaftlichen Handelns im Sturm der Globalisierung massive Kritik hervorgerufen haben, die auch die Wirtschaftswissenschaften als Legitimationshilfe dieser Handlungen betrifft, dann zeigt sich unmittelbar, dass die These von der „Wertneutralität“ der Ökonomie als Wissenschaft nicht haltbar ist. Hinzu kommt, dass die Ökonomie als empirische Wissenschaft, die tragfähige Prognosen liefern sollte, gescheitert ist. (Buddhistische Wirtschaftsethik, 2002, 1f)

Erste Januarwoche 2009

„Der wahre Grundstoff alles Lebens und Daseins ist eben das

Schelling - Googlebild

Schreckliche.“ (Philosophie der Offenbarung)

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„Dieses Wochenende in Prag werde ich Barack Obama, googlebildeine Tagesordnung vorlegen, um das Ziel einer Welt ohne Nuklearwaffen zu verfolgen“, sagte Obama. „Selbst nach dem Ende des Kalten Krieges könnte die Verbreitung von Atomwaffen oder der Diebstahl von atomarem Material zur Vernichtung von jeder Stadt auf dem Planeten führen.“

Zweite Maiwoche

Verschiebungen der sozialen und epistemischen Konstellationen,Michael Hampe, ETH Zürich

in denen Menschen denken und handeln, versehen verschiedene kulturelle

Strukturen mit verschiedenen Funktionen. so kann eine Religion sowohl eine subversive Kraft sein, die sich gegen bestimmte Herrschaftsstrukturen richtet, wie auch ein Mittel der Herrschaftsausübung und -stabilisierung. Das Christentum hat in seinen beiden Erscheinungsformen, als jüdische Sekte im römisch besetzen Palästina und als staatstragende Religion im Heiligen Römischen Reich, zu unterschiedlichen Zeiten beide Funktionen erfüllt. Ebenso kann eine politisch-ökonomische Philosophie wie die von Karl Marx Kritik einer wirtschaftlichen Ideologie in einem liberalen Bürgerstaat sein und den Steinbruch für die Überzeugungselemente einer staatstragendenden Ideologie abgeben, die eine Parteidiktatur stützt, wie es im Stalinismus passiert ist. Eine Metaphysik wie die Platonische Ideenlehre kann ein Mittel der Kritik sein wie im Munde des Sokrates gegenüber dem oppurtunistischen Relativismus der Sophistik, oder sie kann als Instrument zur Legitimierung einer Kirchenhierarchie als „ontologisch“ notwendig dienen wie im Fall des augustinischen Neuplatonismus. Eine Technik wie das Internet kann komplexe und umfangreiche Wissensbestände allgemein zugänglich machen oder das Streben nach Wissenschaft und Wahrheit durch die Verbreitung von Lügen und Pornografie behindern. Kurz: Soziale, kulturelle Strukturen wie Religionen, Philosophien, Technologien oder auch Künste haben weder ein festes Wesen noch eine feste Funktion. (Michael Hampe, Erkenntnis und Praxis. Zur Philosophie des Pragmatismus, Frankfurt/M. 2006, 24f.)

Dritte Maiwoche

Die Doppelstruktur, dass das ontisch-reale Gehirn zwei sich widersprechende Konstrukte generiert, ein alltagswirkliches und ein naturwissenschaftliches, erkannten wir bereits … Prof. Dr. Peter Lampe, HeidelbergEinerseits konstruiert das ontisch-reale Gehirn aufgrund eines bestimmten (mir unzugänglichen) Reizes aus der ontischen Realität die Farbwahrnehmung Rot, andererseits entwirft es das naturwissenschaftliche Bild, dass dieser Umweltreiz farblos ist und lediglich aus einer bestimmten (mir zugänglichen, in Nanometern bezifferbaren Frequenz) elektromagnetischer Wellen besteht. „Rot“ verhält sich zu „eine elektromagnetische Wellenfrequenz um 700 Nanometer reizt den (wirklichen) visuellen Apparat, Rot wahrzunehmen“, wie „Mein Ich ist Autor des motorischen Tuns“ sich verhält zu „Ein ‚readiness potential‘ des wirklichen Gehirns setzt mein Tun in Gang“. Je widerspricht das eine Bildkonstrukt dem anderen. (Peter Lampe, Die Wirklichkeit als Bild, 2006, 59)

Erste Oktoberwoche

Wenn uns jemand erzählte, ein Mann habe in der Chicagoer Gangsterwelt ein langes und erfolgreiches Leben geführt, so wären wir berechtigt, einige Überlegungen darüber anzustellen, was für eine Sorte Mensch er war. Wir könnten erwarten, dass er Eigenschaften hätte wie Härte, Reaktionsschnelligkeit und die Fähigkeit, loyale Freunde um sich zu sammeln. Dies wären zwar keine unfehlbaren Rückschlüsse, doch man kann sehr wohl einige Aussagen über den Charakter eines Menschen machen, wenn man etwas über die Bedingungen weiß, unter denen er überlebt und sich erfolgreich behauptet hat. Die These dieses Buches ist, dass wir und alle anderen Tieren Maschinen sind, die durch Gene geschaffen wurden. Wie erfolgreiche Chicagoer Gangster haben unsere Gene in einer Welt intensiven Existenzkampfes überlebt – in einigen Fällen mehrere Millionen Jahre. Aufgrund dessen können wir ihnen bestimmte Eigenschaften unterstellen. Ich würde argumentieren, dass eine vorherrschende Eigenschaft, die wir bei einem erfolgreichen Gen erwarten müssen, ein skrupelloser Egoismus ist. Dieser Egoismus des Gens wird gewöhnlich egoistisches Verhalten des Individuums hervorrufen. Es gibt jedoch, wie wir sehen werden, besondere Umstände, unter denen ein Gen seine egoistischen Ziele ab besten dadurch erreichen kann, dass es einen begrenzten Altruismus auf der Stufe der Individuen fördert. Die Worte „besonders“ und „begrenzt“ in diesem Satz sind wichtig. So gern wir auch etwas anderes glauben wollen, universelle Liebe und das Wohlergehen einer Art als Ganzes sind Begriffe, die evolutionstheoretisch einfach keinen Sinn ergeben.

Dies bringt mich zu der ersten Feststellung, die ich darüber treffen möchte, was dieses Buch nicht ist. Ich trete nicht für eine Ethik auf der Grundlage der Evolution ein. Ich berichte lediglich, wie die Dinge sich entwickelt haben. Ich sage nicht, wie wir Menschen uns in moralischer Hinsicht verhalten sollen. Ich betone dies angesichts der Gefahr, dass ich von jenen – allzu zahlreichen – Leuten falsch verstanden werde, die nicht unterscheiden können zwischen einer Darstellung dessen, was nach Überzeugung des Sprechenden oder Schreibenden der Fall ist, und einem Plädoyer für das, was der Fall sein sollte. Ich selbst bin der Meinung, dass eine menschliche Gesellschaft, die lediglich auf dem Gesetz des universellen, rücksichtslosen Gen-Egoismus beruhte, eine Gesellschaft wäre, in der es sich sehr unangenehm lebte. Unglücklicherweise jedoch hört etwas, das wir beklagen, und sei es auch noch so sehr, deshalb nicht auf, wahr zu sein. Dieses Buch soll vor allem interessant sein. Wenn der Leser jedoch ein Moral aus ihm ableiten möchte, möge er es als Warnung lesen: Wenn er – wie ich – eine Gesellschaft aufbauen möchte, in der die einzelnen großzügig und selbstlos zugunsten eines gemeinsamen Wohlergehens zusammenarbeiten, kann er wenig Hilfe von der biologischen Natur erwarten. Lasst uns versuchen, Großzügigkeit und Selbstlosigkeit zu lehren, denn wir sind egoistisch geboren. Lasst uns verstehen lernen, was unsere eigenen egoistischen Gene vorhaben, denn dann haben wir vielleicht die Chance, ihre Pläne zu durchkreuzen – etwas, das keine Art bisher jemals angestrebt hat. (Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 2008, 36-38)

Zu älteren Zitaten vgl. hier…