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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


13. Juni 2014

Zum Tod von Frank Schirrmacher

Frank Schirrmacher war durchaus eine interessante Figur. Er konnte gut schreiben, das ist für einen Journalisten und Buchautor wichtig. Tiefsinnig war er nicht. Der Herstellungsprozess seiner Dissertation war jedenfalls nicht ruhmreich.

Immerhin hat er das Feuilleton der FAZ für wesentliche Themen geöffnet. Sicherlich war er ein bedeutender Verteidiger der Freiheit des Einzelnen. Gelegentlich hatte er aber auch ein zu schlichtes Bild des Einzelnen, den er im Internet untergehen sah – ein Mangel an historischer und philosophischer Bildung. Diese Seite war jedenfalls auch durch seine Tätigkeit als FAZ-Herausgeber geprägt. Journalist/inn/en, die bei Zeitungen arbeiten, sind hier oft ungerecht.

In der Phase der fälschlich sogenannten „Euro-Krise“ wehrte er sich gegen die „Alternativlosigkeit“ der postdemokratischen Entwicklung und zuletzt – FAZ-typisch – gegen die US-Spionage, deren Bedeutung er vor allem ökonomisch ansetzte, ohne den tatsächlichen Freiheitsverlust für den Einzelnen zu übersehen. Auch hier verkannte er – anders als NSA und GCHQ – die Bedeutung des Internet. Als Niederlage hat er vielleicht erlebt, dass man die FAZ inzwischen etwas preisgünstiger auf einem E-Reader lesen kann.

 

12. Juni 2013

Veranstaltungen 11.06. Uni Hd und TUD

 

1               Uni Hd: Ostergeschichten

Der Plan für die letzten Sitzungen bis zum 23.07. (Doppelsitzung) lautet:

18.06. Luk 24,1-35 auf Griechisch

25.06. Joh 19-21 auf Deutsch

02.07. Joh 20,1-31 auf Griechisch

09.07. Joh 21,1-25 auf Griechisch

16.07. Schreiben, Liebe und Aufstehen bei Johannes

23.07. 1Kor 15,1-11 auf Griechisch; 12-28 auf Deutsch

– das Realitätsverständnis des Aufstehens
nach Paulus

23.07. Im Anschluss Abschlussdiskussion

Die Sitzung hatte Luk 24 zum Thema. Dabei fiel auf, dass Luk nach der Erzählung vom leeren Grab zuerst die Erscheinung Jesu während des Diskurses mit den Emmausjüngern erzählt, dann die Erscheinung vor Simon Petrus erwähnt. Weiter erscheint Jesus den Elf plus den Emmausjüngern, die eben nach Jerusalem zurückgekehrt waren.

Diese Erscheinung ist eine Erweiterung und Verstärkung der Emmausjüngererzählung. Deutlich wird betont, dass Jesus als Aufgestandener kein bloßer Geist sei, sondern Fleisch und Knochen besitze. Zudem isst er, was ja nur nötig ist, wenn Fleisch und Knochen Nahrung brauchen. Diese Elemente finden sich alle in der Emmausjüngererzählung. Und dort findet sich auch das dritte wesentliche Element von Luk 24: Alles dasjenige, was im Leben, Sterben, Aufstehen Jesu geschah (und weiter in der Geschichte der Kirche geschieht), hat sich nach einem narrativen Programm ereignet, dass in der LXX als dem Alten Testament der frühen Christ/inn/en aufgeschrieben wurde. Luk interpretiert die Heiligen Schriften der Juden als prophetische Texte, welche die grammatischen Regeln kreativ vorgeben, nach denen das lukanische Doppelwerk geschrieben ist.

Zum Brotbrechen vgl. Act 2,46.

Luk 24 ist auch als Übergang zu Act konzipiert, Himmelfahrt und Geistwunder werden erzählt bzw. angedeutet.

Die Diskussion drehte sich u. a. um das Verhältnis von Judentum und Christentum, Act 28 als Problemanzeige wurde diskutiert. Dort diskutiert Paulus mit der jüdischen Gemeinde in Rom, seine Botschaft wird dort abgelehnt. Es ist m. E. wichtig, dass Luk so offenlegt, seine Auslegung der Heiligen Schriften der Juden finde im Kontext der ([proto]rabbinischen) Theologie keine Zustimmung. Die Konzeption des Luk ist eine der versöhnten und streitenden Verschiedenheit. So werden im Eschaton Pessach und Abendmahl gefeiert. Vielleicht nicht so enthusiastisch wie Paulus (Röm 11,25-32), aber doch ähnlich, unterstellt er, dass die Juden gerettet werden. Die Umkehr steht im Zentrum der Verkündigung der Schüler – und dieses Thema hat die Jesustradition mit der dynamischen Schriftauslegung im Judentum gemeinsam. Es wird nach Luk auch zum Hauptthema der Kirchengeschichte, welche von Jerusalem ausgeht.

In der Emmauserzählung wird auf jüdische Messiashoffnungen Bezug genommen, die im Schülerkreis präsent waren. Sie finden sich in PsSal 17f, daraus ein Ausschnitt:

Darin ist also eine Auseinandersetzung mit folgender im Judentum vorhandenen Messias- (griechisch: christos, lateinisch: Christus-) Vorstellung zu finden:

Sieh zu, Herr, und lass ihnen ihren König erstehen, den Sohn Davids,

…, dass er über deinen Sklaven Israel regiere.

Und gürte ihn mit Kraft, dass er ungerechte Heiden zerschmettere,

Jerusalem reinige von den Heiden, die es erbarmungswürdig zertreten …

Dann wird er sein heiliges Volk zusammenführen, das er mit Gerechtigkeit regiert …

Er lässt nicht zu, dass weiter Unrecht in ihrer Mitte stattfindet …,

Und er verteilt sie nach ihren Stämmen über das Land,

und weder Beisasse noch Fremder darf künftig unter ihnen wohnen.

Er richtet [alle] Völker nach seiner gerechten Weisheit.

(Psalmen Salomos 17,21-29)

Da Jesus aber ein gekreuzigter Messias war, ist das keine 1:1-Übernahme – und die Schriftauslegung muss u. a. aus Jes 53 Ergänzungen liefern.

2               TUD: Verständnisvolles Lesen der Bibel (1. Mose 9)

Die Debatte über 1. Mose 9 schloss den Abschnitt des Seminars ab, der sich mit dem Problem der Gliederung und Bestimmung der Themen eines Textes (Semantik) befasst. Ab dem nächsten, vor allem ab dem übernächsten Mal ist dann die Pragmatik der Texte Thema. Was wollen diese Texte kommunikativ erreichen? Vermutungen darüber haben wir immer schon angestellt, aber mindestens ab dem übernächsten Mal werden wir das explizit in den Vordergrund stellen, wenn auch die Exkursionsteilnehmer/innen wieder dabei sind.

In 1. Mose 9 wird das Thema des Noahbundes in den Vordergrund gestellt, wir machten uns auch Signale wie den Regenbogen klar. Die Themen des Vortextes waren stark präsent. Gott lässt keine Sintflut mehr kommen, obgleich „das Trachten der Menschen böse von Jugend auf“ ist.

Der „Bund“ ist eine Vertragskonzeption. Gott schließt mit diesen Menschen einen Vertrag und verpflichtet sich, keine Sintflut mehr kommen zu lassen. Man kann mit Kant sagen: Gott erkennt die Menschenrechte an, zu diesen gehört auch das Recht zu sündigen. Kant sprach davon, dass der Mensch aus „krummem Holz“ geschnitzt sei.

Dazu gehört auch die Erzählung von Noah, dem ersten Weinbauern, bei der Ham das Nacktheitstabu verletzt.

3               TUD: 1. Kor 15,20-28

Mit diesem Text wurde der erste pantheistische Text präsentiert. Dabei ist Gott im Begriff, alles in allem zu werden. Dies ist ein Prozessgedanke. Gott ist am Anfang des Prozesses noch nicht alles, sondern am Ende des Prozesses wird er dazu.

Das ist mit der Sünde Adams verbunden, bei welcher der Glanz in der Welt verloren geht – und der Tod in die Welt kommt. Mit der Auferweckung des gekreuzigten Christus beginnt die Gegenbewegung, in der alle Gegenmächte und zuletzt der Tod unterworfen werden. Der Glanz kehrt dann zurück, Gott wird alles in allem sein.

Die Position ist ein prozessphilosophischer Pantheismus, der unter Aufnahme von Gedanken Spinozas seit der Romantik sowohl bei Schelling als auch bei Schleiermacher vertreten wurde. Besonders deutlich ist dies bei Charles Peirce am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Religionsphilosophische Schriften, 1995) der Fall. Diese Position liegt auch bei Alfred North Whitehead vor. Unter den evangelischen Theologen wird diese Position am ehesten von Eberhard Jüngel vertreten. Dabei ist gedacht, dass im ewigen Leben, in dem Gott alles in allem ist, unsere Individualität durch nicht gelebte Möglichkeiten ergänzt wird. Aber es ist auch klar, dass die scharfen Grenzen zu Anderen, die wir oft ziehen, keinen Bestand haben.

Nach meinem Urteil war Paulus der bedeutendste Theologe des Christentums. Denn er hat nicht die Überlegenheit des christlichen Lebens, über andere Weisen zu leben, gelehrt. Das wäre Selbstruhm. Nüchtern ist die Welt, wie wir sie erleben, durch den Tod und die Vergänglichkeit bestimmt. Die Lebenszeichen, die auf den kommenden Glanz verweisen, sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Wenn alle Menschen so lebten, wäre alles gut. Aber so ist es nicht. Der Tod muss unterworfen werden, er findet sich auch in gesellschaftlichen Formen wie dem Kapitalismus, um ein Beispiel aus der Seminargruppe zu nehmen. Nach Paulus leben wir richtig, wenn wir glauben, hoffen und lieben. Und so verzweifeln wir s. E. nicht, wenn wir darauf harren, dass Gott alles in allem wird – und Glanz und Zauber universal sind.

Es wurde kontrovers diskutiert, ob dieser Gottesgedanke nicht dem Vaterunser widerspreche. Eher nicht. Man darf das Gebet Jesu nicht mit den eigenen Wünschen verwechseln, so Schleiermacher. Gerade die Gebetsfrömmigkeit, die bei Mk und Mt durchscheint, setzt voraus, dass das Vertrauen an der Schöpfermacht Gottes partizipiert. Und man wird festhalten müssen, dass diese sich entwickelt und im Werden begriffen ist. In diese Lebenshaltung üben, auf unterschiedliche Weise, Markus und Matthäus ein.

22. März 2012

Die Prozess-Ethik Schleiermachers

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Unsere Begegnung mit der Pflichtenlehre Immanuel Kants blieb strittig. Es gab Versuche, Kants Ethik näher zu verstehen, auch zu verteidigen – ein Kursteilnehmer schlug vor, die Auffassung der Ethik nach dem Auftreten des Manns aus Königsberg folgendermaßen zu unterteilen: Ethik bis Kant – auf Kants Niveau oder hinter Kant zurückgefallen. Andere schienen nicht dieser Überzeugung zu sein, insbesondere nicht von Kants Argument für die Ablehnung der Güterlehre, weil diese nicht vor dem Hang zum Bösen gefeit sei, man hiermit den Neigungen verfallen sei, wenn man ein Gut anstrebe. Das transzendentale Konzept der Subjektivität, welches offenbar hinter Kants Option für die Pflichtenlehre und die entsprechenden kategorischen Imperative steht, leuchtete manchen Teilnehmer/innen nicht recht ein. Allerdings akzeptierten alle, soweit sie sich äußerten,

  • das Prinzip der Universalisierbarkeit von ethischen Maximen, aber auch Kants
  • Akzeptanz der Menschenrechte als Grundlage der Ethik. (more…)
14. März 2012

Die autonome Ethik Kants

1              Erinnerung an die Sitzung vom 12.03.

Die Sitzung ergab, dass im nächsten Kurs das Thema

  • „Erkenntnistheorie“

behandelt werden soll. Der Dozent versprach, dass die Durchführung des Kurses nicht „dröge“ sein solle. Zur im Kurs verwendeten Literatur vgl. hier.

Zunächst muss sich der Dozent dafür entschuldigen, dass er mit dem Schleiermacherzitat zur Geschichte von Güter-, Tugend- und Sittenlehre und deren Darstellungsweise in einer Ethik bei den Teilnehmenden ein Überforderungsgefühl erzeugt hat, weil dies eben auch nicht in Lexika und Sekundärliteratur wie bei Höffe oder Tugendhat adäquat dargestellt wird. Ich hätte das Zitat schlicht auf einer Seite interpretieren sollen. Schon 1812 war die Behandlung der Güterlehre ganz zurückgetreten, mit der Tugendlehre mag es etwas besser gestanden haben. (more…)

6. März 2012

Begriffe der Ethik, „Güter-, Tugend- und Pflichtenlehre“, „gut“ und „schlecht“, „Ethik vs. Moral“

In der letzten Sitzung wurden drei Themen festgelegt, die im Kurs nächstes Semester verhandelt werden könnten – und in der kommenden Sitzung abgestimmt werden sollen:

  • Erkenntnistheorie: Grenzen, Bedingungen, Medien und Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis;
  • Masse und Macht. Sozialpsychologische und philosophische Erwägungen;
  • Kunst(-lehre) und Technik. Philosophische Reflexion wesentlicher Handlungstypen.

In dieser Sitzung wurden auch zwei typische Texte des Aristoteles besprochen, welcher eine Güterlehre vorträgt und die hierfür nötigen Vernunftpotenziale als Tugenden (z. B. „Tapferkeit“, „Besonnenheit“) bestimmt – bzw. die Verteilung solcher Tugenden bei den individuell Handelnden durch seine „Mitte-Lehre“ zu erfassen sucht, welche jeweils individuelle Lebensgeschichten berücksichtigt. (more…)

14. Dezember 2011

Die Religionsphilosophie Peirce‘

 

Wir haben uns in der letzten Sitzung mit den Problemen der Wahrnehmung aus phänomenologischer Perspektive, aber auch entsprechenden Leistungen des Zeichenbegriffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meissner dankenswerterweise auf Kants merkwürdige Annahme hinwies, man werde vom „Ding an sich“ affiziert.

In der Auseinandersetzung mit Merleau-Ponty und Fuchs wurde erörtert, inwiefern Wahrnehmung auch Kommunikation oder Austausch sei, was von Peirce und dieser grenzwertigen Auffassung Kants tatsächlich unterstellt wird. In der Sprache von Peirce ist also zu sagen, das (dynamische) Objekt bilde mit dem Zeichen eine derartige Beziehung, dass es den Interpretanten bestimme, in derselben triadischen Relation zu stehen, in der es selbst stehe. M. E. ist hier nur fraglich, ob man the same wie Pape mit „derselben“ oder „der gleichen“ übersetzen sollte, wohl das Letztere … Worauf es ankommt, ist der Sachverhalt, dass Peirce diese Affizierung des Interpreten über die triadische Bezeichnungsrelation eindeutig gedacht hat.

Wir haben versucht, uns ausführlicher mit dem Gedanken der „Zwischenleiblichkeit“ auseinanderzusetzen, was z. T. humorig ablief. Hier ist m. E. noch ein beachtliches Potenzial, das vor allem von der Phänomenologie entwickelt wird.

Der Kurs schließt mit einer Besinnung zur Religionsphilosphie Peirce’. Viele Texte finden sich in der Übersetzung Hermann Deusers „Religionsphilosophischen Schriften“ ([RPh] 1995). Hinzutreten muss noch der Aufsatz „Evolutionäre Liebe“ aus „Naturordnung und Zeichenprozess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu denjenigen originellen Denkern, die sich nicht vom Positivismus abschrecken ließen, obgleich er die wissenschaftliche Leistung der Positivisten ausdrücklich anerkannte. Aber er formulierte eine witzige Polemik über deren Lebensauffassung:

„Das Leben auf dem Globus ist eine gänzlich zufällige Enwicklungsphase, die, soweit wir wissen, keinem dauerhaften Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nutzen, außer dass sie hin und wieder ein angenehmes Nervenkitzeln bei diesem oder jenem Wanderer auf dieser ermüdenden und zwecklosen Reise hervorruft – einer Reise, die in einer Tretmühle nirgendwo beginnt und nirgendwo endet und deren Maschinerie ganz und gar nichts hervorbringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gelegentlichen Freuden, und die sind trügerisch und werden bald vollständig verschwinden.“ (RPh 61f [1867/68]) (more…)

3. November 2011

Die Semiotik Charles Peirce’ (Vhs Neckargemünd)

Die letzte Sitzung befasste sich mit dem Ethikentwurf Peirce’, was schon durch die Formulierung der Pragmatischen Maxime vorbereitet war – wobei ich auf die entsprechenden Techniken und Kunstlehren hingewiesen hatte, die keineswegs nur zur Anwendung der Wissenschaften gehören, sondern durchaus zur Produktion von „Wissen“ dienen. Die „Ethik“ Peirce’ beruht auf grundlegenden Erwägungen des Aristoteles, was sich auch in dem Begriff der „Überlegung“ niederschlägt, der eine Neufassung des Begriffs der sofrosyne (Besonnenheit) ist.

Mithin sind Wissenschaften – anders als bei den Positivist/inn/en und den Neukantianer/innen nicht wertneutral. Es ließ sich auch an Weber ganz leicht aufzeigen, dass selbst diese Forderung nur durch bewertendes Sprechen möglich ist, mithin selbst ein Fall der „Ethik“ wäre. Peirce’ Verortung der „Ethik“ als normative Wissenschaft vor der Logik, stellt sicher, dass solche doch recht schlichten logischen Fehler vermieden werden.

Positivist/inn/en und Neukantianer/innen sind daher den nicht selbstkontrollierten und wenig besonnenen ökonomischen oder politischen Interessen ganz hilflos ausgeliefert gewesen, was den Beitrag der Wissenschaften zu mindestens drei großen Krisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts sichtbar macht:

  • Nutzung der Kernenergie
  • Klimakatastrophe
  • Nahezu eine Milliarde, mithin ein Siebtel der Menschen, stehen vor dem Hungertod (Felix zu Löwenstein, Food Crash [2011])

In allen diesen drei Phänomenen wird erst ein scheinbar naheliegendes Modell vertreten, welches Gefahren bannen und ökonomische Produktivität oder politische Sicherheit erzeugen könnte, tatsächlich aber werden unbesonnene Methoden verwendet, welche sich letztlich nicht bewähren und fatale Folgen zeitigen. Daher ist die „Ethik“ so wichtig, die Peirce’ zufolge unter Einbeziehung aller Menschen geschehen muss. Wir sehen das neuerdings in der richtigen Intention von Papandreou, das griechische Volk über seinen Weg selbst abstimmen zu lassen. Natürlich gibt es dagegen Widerstand der politischen Klasse hierzulande und in Griechenland, aber es ist eine Folge der Athener Demokratie so zu optieren.

Damit wird das vierte Problem sichtbar, das auch im Werk Peirce’ sichtbar ist:

  • Der Primat der „Ethik“ fordert den Primat demokratischer Politik über die ökonomischen Interessen.

Der Beitrag Peirce’ besteht vor allem darin, dass er die semiotisch-logische Subtilität erhöht hat, um auch im Alltag leichter allzu schlichte Alternativen und Lösungswege durchschauen zu können. Semiotische Kompetenz erhöht mithin die Alltagskompetenz und stärkt alltagsphilosophische Bemühungen – ganz leicht ist sie dennoch nicht … Wir wenden uns heute aber vor allem der wissenschaftlichen Bedeutung zu. In der nächsten Sitzung schenken wir der relationalen Begriffstheorie Peirce’ Beachtung, die unsere Betrachtungsweisen ändern könnte, wir haben dies in unserem Kurs schon bei Brodbeck gesehen, der die Missachtung der Relation als zentraler Kategorie für viele Missstände in unseren Gesellschaften verantwortlich macht: Es sind hier nicht nur wissenschaftliche, sondern breite Alltagsüberzeugungen, die negative Folgen haben.

Der Pragmatismus ist mit einigen Aufsätzen auch in die wissenschaftstheoretische Diskussion eingetreten, die Charles Sanders Peirce seit 1868 in der Zeitschrift The Journal of Speculative Philosophy veröffentlicht hat, darunter auch der berühmte Aufsatz How to Make Our Ideas Clear (1878), am leichtesten erreichbar in: The Essential Peirce I, 1992, 142ff; eine einigermaßen passable Übersetzung findet sich in Apel, Peirce. Schriften zum Pragmatismus usf. (1991; stw 945), 182ff. Der philosophische Ansatz der ursprünglichen Pragmatisten Peirce, James, Dewey schätzt die Bedeutung der Wissenschaften hoch ein, daher gebührt ihnen auch philosophische Aufmerksamkeit. Peirce ist als Einzelwissenschaftler Logiker gewesen, er hat die moderne Relationenlogik mit entwickelt, außerdem war er einer der Begründer der Semiotik. William James gilt mit Recht als einer der Begründer der empirischen Psychologie. John Dewey ist nach meinem Urteil der bedeutendste nachklassische Pädagoge. Die Pragmatisten vertreten z. T. sehr unterschiedliche Positionen, aber sie eint dennoch eine Grundüberzeugung, die Dewey so zusammenfasst, welche wir uns noch einmal verdeutlichen sollten:

„Sofern sich jemand schon auf die Überzeugung verpflichtet hat, dass die Realität sauber und abschließend in einem Paket mit einem Band verpackt ist, das nicht mehr aufgeschnürt werden kann, es mithin keine unvollendeten Themen oder neue Abenteuer gibt, wird er der Auffassung widersprechen, dass Wissen eine Differenz erzeugt, wie man auch sonst jedem unverschämten aufdringlichen Menschen widerspricht. Doch sofern man davon überzeugt ist, dass sich die Welt selbst im Übergangsprozess befindet, warum sollte dann die Überzeugung, dass das Wissen der bedeutendste Modus ihrer Modifikation und das einzige Organ ihrer Leitung sei, a priori schädlich sein? (Does Reality Possess a Practical Character?, The Essential Dewey I, 124ff, 125).

Dies besagt im Kontext dieses grundlegenden Aufsatzes mindestens dreierlei:

(1)  Die Realität sei nicht nur praktisch erschließbar, das scheint aufgrund der experimentellen Praxis der Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert unabweisbar. Das wäre ein bloßer truism, eine bloße Binsenwahrheit. Die Pragmatisten vertreten aber darüber hinaus:

(2)  Die Realität steht den handelnden Menschen, auch den experimentierenden Wissenschaftler/innen nicht statisch gegenüber, sondern sie wird sowohl durch das Experiment als auch durch die darauf folgende Praxis verändert. Insofern befindet sich die Realität in einem durch menschliches wissenschaftliches Erkennen mitbestimmten Veränderungsprozess. Auch dies war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgrund der ökonomisch-technischen Umsetzung physikalischer und chemischer Erkenntnisse unabweisbar.

(3)  Darüber hinaus war allen klassischen Pragmatisten klar, dass auch die Folgen der Handlungen in der Wissenschaft in die Erfassung wissenschaftlicher Handlungen eingehen müssen. Auch bei heutigen Pragmatisten wie Putnam, Habermas, Hampe und Pape wird genau dies betont – und das ist angesichts des katastrophalen Scheiterns des wissenschaftlich-ökonomisch-technischen Projektes vor allem an der Klimaveränderung, aber auch der Nutzung der Kernenergie und der Erzeugung von  Hunger überaus aktuell.

1                               Semiotik und Erkenntnis

Es war das von allen anderen auch anerkannte Verdienst Peirce’ bestimmte Grundlagen logisch-semiotischer Art gelegt zu haben, die manchmal nicht direkt zitiert werden, aber noch bis zu Deweys Theory of Inquiry (1938 [vgl. wichtige Auszüge in: The Essential Dewey II]), die akzeptierte Grundlage bildeten. Dewey hatte bei Peirce Logik gehört – und das macht sich auf jeden Fall bemerkbar.

Grafik 1: Genuin Triadische Bezeichnungsrelation, keines der drei Relata der Bezeichnungsrelation Zeichen, Objekt und Interpretant darf fehlen, alle sind stets durch die genuin triadische Bezeichnungsrelation verbunden, der Interpretant ist stets eine reflexive Interpretation eines schon vorhanden Interpretationsprozesses.

Ein Zeichen oder Repräsentamen ist alles, was in einer solchen Beziehung zu einem Zweiten steht, dass sein Objekt genannt wird, dass es fähig ist ein Drittes, das sein Interpretant genannt wird, dahingehend zu bestimmen, in derselben triadischen Relation zu stehen, in der es selbst steht. Das bedeutet, dass der Interpretant selbst ein Zeichen ist, das ein Zeichen desselben Objekts bestimmt – und so fort ohn Ende. (Phänomen und Logik der Zeichen, 64)

Dass Erkennen und wissenschaftliches Erkennen Zeichenprozesse sind, ist eigentlich auch ein truism, aber leider wird dieser häufig nicht beachtet. Noch heute meint man, eine wissenschaftliche Behauptung sei eine Vorstellung, ein mentales Urteil, möglicherweise handelt es sich sogar um – bislang unbeobachtbare – Gehirnprozesse. Davon kann kaum eine Rede sein, wissenschaftliche Behauptungen werden öffentlich gemacht, öffentlich diskutiert usf. Mithin sind sie Zeichenprozesse. Die Pointe Peirce’ besteht in zwei wesentlichen Punkten:

(1)  Der wissenschaftliche Prozess ist als Erkennen mit dem Objekt in einer genuin triadischen Relation relational verbunden, die sinnliche Wahrnehmung des „Objekts“ im „Zeichen“ wird im „Interpretanten“ dargestellt. Da der Interpretant selbstreflexiv darstellt, ist auch unterstellt, dass schon die sinnliche Wahrnehmung im Zeichen auf einen solchen triadischen Prozess zurückgeht, mithin: Sofern sinnliche Wahrnehmung selbst ein Zeichenprozess ist, sind die angeblichen Sinnesdaten als absoluter Ausgangspunkt wissenschaftlicher Erkenntnis, wie dies die Positivisten unterstellten, Teile eines unendlichen Zeichenprozesses, ein Punkt, den besonders Bertrand Russell als überaus bedrohlich empfand; vgl. die Auseinandersetzung zwischen Russell und Dewey in: The Essential Dewey II, 201ff; 408ff; mit ausführlichen und fairen Russellzitaten, in denen Russell auf der Machschen Position beharrt.) Dewey hat später mit Recht betont, dass die Ideen von Peirce mit denen von Whitehead besonders verwandt seien, weil beide auf unterschiedliche Weise, den falschen Gemeinplatz infragegestellt hätten, es gäbe so etwas wie eine Subjekt-Objekt-Spaltung usf. bzw. eine faktisch sichere Ausgangsbasis in Sinnesdaten. Auch Sinnesdaten beruhen auf einem Interpretationsprozess, so Peirce, mithin müssen viele solche Interpretationen miteinander verglichen werden. Folglich ist anders als Popper meinte, nicht nur die Induktion problematisch, wie also die Sinnesdaten zu einer Theorie zusammengefügt werden, schon die sinnliche Erfahrung stellt eine prinzipiell fallible Interpretation dar.

(2)  Für alle Pragmatisten bis hin zu Habermas heißt das dann, dass der Wissenschaftsprozess zukunftsoffen ist, er hat als Ziel mithin die Zustimmung aller derjenigen, die sich wissenschaftlich kompetent engagieren. Bzw. man kann zurückhaltender sagen, dass er dieses Ziel  haben können muss, wenn man gründlich nachdenkt. Dies heißt dann aber auch, dass man im Sinne der „Pragmatischen Maxime“ Peirce’ stets die Konsequenzen des eigenen wissenschaftlichen Handelns mitbedenken muss, Ethikkomissionen werden heute additiv sozusagen standardmäßig aufgebaut. Für Dewey bedeutete dies, dass die Zahl derjenigen, die wissenschaftlich kompetent sind, durch geeignete demokratische Erziehung möglichst weit gefasst werden muss; vgl. dazu meine Darstellung. Anders als in der spätpositivistischen oder neopositivistischen Position Poppers liegt also kein prinzipieller Erkenntniszweifel vor. Stattdessen besteht die Erwartung, dass die Wissenschaften vor dem Hintergrund einer breiten Kompetenz in der Bevölkerung ihre hochkomplexen und universal angesetzten Aufgaben einigermaßen lösen und dabei die Realität zugunsten sittlicher Ziele verändern könnten. Es sind hier also keineswegs die wissenschaftlichen Expert/inn/en gefragt, sondern die ursprüngliche pragmatistische Idee besteht darin, dass es zu einer Demokratie gehört, dass das Wissenschaftssystem möglichst viele Menschen durch Allgemeinbildung und in die Tiefe gehende unendliche Bildungsbemühungen beteiligt. Dies ist besonders eindrücklich von Dewey bedacht worden, der auch die entsprechenden sozialen Voraussetzungen immer deutlicher erkannte, z. B. einen Sozialstaat, der deutlich über gewöhnliche „amerikanische Verhältnisse“ hinausgeht; vgl. „Democracy is Radical“, in: The Essential Dewey I, 337ff, aber Dewey zufolge sehr wohl in den klassischen Dokumenten der amerikanischen Revolution und Demokratie angelegt sei.

Interessant ist, dass der schon in unseren Kurszusammenhängen erwähnte Johann Jakob von Uexküll prinzipiell den Ansatz von Peirce und Dewey, dass also „Realität“ im dargestellten Sinne unter Zeichenverwendung „praktisch“ sei, auch bei den lebenden Wesen ab dem Einzeller unterstellt:

Grafik 2: Quelle: Thure von Uexküll u. a., Psychosomatische Medizin, 2008, 9.

Das „Merken“ führt zum „Wirken“, wodurch die Realität, die wahrgenommen wurde, verändert wird. Dies geht Uexküll zufolge nur durch eine entsprechende Interpretation, die u. a. am eigenen Bedürfnis orientiert ist.

Zwischen den Pragmatisten und von Uexküll scheint keine wechselseitige oder auch nur einseitige Wahrnehmung zustandegekommen zu sein. Hier liegt aber eine wesentliche wissenschaftliche Chance, um Einseitigkeiten in der Biologie infrage zu stellen.

2                             Fallibilismus

Wer die Realität als in einem ständigen Übergangsprozess begriffen sieht, kann die Rolle der Wissenschaften ganz gelassen als soziale Systeme mit Fallibilismus als wesentlichem methodischem Aspekt und dauernder selbstkritischer Besinnung bestimmen. Der entsprechende Wikipediaartikel hat das unbestreitbare Verdienst, die Sache nicht ganz auf Poppers Niveau herunterzubeamen. M. E. ist Poppers Falsifikationismus kein Fallibilismus im Sinne von Peirce und Dewey, dass dies dennoch oft als Fallibilismus bezeichnet wird, ist ein bedauerlicher Mangel, aber so etwas kommt in der Wissenschafts- und Philosophiegeschichte nicht sehr selten vor. Der Fallibilismus ist aufgrund der Grundidee der Pragmatisten wissenschaftlich zwingend, weil schon die Sinnesdaten Teile der dynamischen genuin triadischen Bezeichnungsrelation sind, ganz zu schweigen von allen weiteren abduktiven, induktiven oder gelegentlich auch deduktiven Interpretationen größeren Ausmaßes. Weiter ist den Pragmatisten zufolge die Bedeutung einer wissenschaftlichen Behauptung oder Theorie auf die Zukunft ausgelegt, mithin können im Verlauf ihrer Weiterinterpretation ständig Veränderungen auftreten – und wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt, ist dies auch der Fall. Jede Induktion muss sich in der Zukunft bewähren – und das gilt auch und gerade für die Naturgesetze, die manche für recht gut erkannt halten. Allerdings zeigt die Geschichte der Wissenschaften auch, dass bestimmte Einsichten wissenschaftlicher Art sich bewährt haben. Das ist deshalb der Fall, weil wir unsere Behauptungen und Theorien in entsprechenden Praxissituationen stets überprüfen und verbessern können, das setzt mit Dewey eben eine sehr verbreitete wissenschaftliche Kompetenz in einer möglichst breiten Öffentlichkeit voraus. Popper ist gegen diese Auffassung relativ massiv vorgegangen und hat entsprechende Politikberatung bei Helmut Schmidt u. a. betrieben. Das war vor allem in der Frage der Klimakatastrophe fatal – auch das an sich ganz intelligente Menschen wie Helmut Schmidt sich von Poppers Aura täuschen ließen, anstatt dessen Behauptungen kritisch zu hinterfragen. Daher lässt sich inzwischen an diesem Beispiel eigentlich ganz leicht sehen, dass der Falsifikationismus Poppers mit dem Fallibilismus von Peirce und Dewey schwerlich mithalten kann. Popper hat die ökologischen Behauptungen und Theorien nur als zu falsifizierende Theorien betrachtet, dabei waren die Ansichten von Alfred Russel Wallace im Kern richtig. Sie müssen wie jede Theorie natürlich angepasst werden. Aber die Idee des Erkenntniszweifels, die hinter Poppers Theorie liegt, scheint eher zweifelhaft, wie die Entwicklung zeigt.

 

 

20. Oktober 2011

Die „Pragmatische Maxime“ – eine kulturphilosophische Regel

Wir haben uns in der Sitzung vom 17.10. um ein ausreichendes Verständnis des allgemeinen und umfassenden Philosophieansatzes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der metaphysischen Probleme besprochen, das Peirce tatsächlich behandelt: die Gottesfrage, wobei Peirce viele allgemeine Äußerungen hinzuzieht, welche ihn anregen. Neben Traditionen von Judentum, Christentum und Islam spielen bei Peirce auch Neohinduideen eine nicht unbeachtliche Rolle. Dies war alles am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA bekennt und wurde kontrovers diskutiert.[1] Philosophie verarbeitet solche Traditionen und reflektiert sie kritisch darauf, ob sie Erfahrungsgehalte symbolisieren – oder ob man aufgrund solcher Bilder Erfahrungen machen kann. Welches Thema man metaphysisch durch allgemeine Unterstellungen angeht: Peirce hält nichts von geschmäcklerischen, vielleicht schöngeistigen Theoriedebatten, weil Theorien selbst durch Praxis gewonnen wurden, praktisch überprüft und ggf. dann verändert oder auch verworfen werden. Die pragmatistische Philosophie konzentriert sich mithin auf den kulturellen Kontext der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem klar wurde, dass die soziale Ausdifferenzierung der Wissenschaften sogenanntes „Wissen“ bereitstellt, das es ermöglicht, praktische Regeln zu entwerfen, die sich therapeutisch, pädagogisch und ökonomisch sehr gut bewährten. Das sind entweder Techniken oder Kunstlehren.

  • Um Techniken handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, die das angestrebte Ziel stets erreichen, also z. B. Glühbirnen produzieren, die immer dann leuchten, sofern man auf einen Schalter drückt (Th. A. Edison).
  • Um Kunstlehren handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, bei denen der Erfolg im Einzelfall nicht sicher ist, die mithin stets vom Einzelfall her angepasst werden müssen (etwa Pädagogik, Medizin).

Das ist keine typisch „amerikanische“ Entdeckung. Aber im amerikanischen Pragmatismus brachen sich – vermittelt durch den „Amerikanischen Transzendentalismus (Emerson, Thoreau, Fuller u. a.) die Ideen, die von den Frühromantiker/innen, Goethe, Schleiermacher und Humboldt stammen, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kontext der Demokratie verwiesen, der für das Verständnis der Werke von Peirce, James und Dewey sehr ausschlaggebemd ist, der natürlich in Deutschland in einem ernsthaften Sinn erst nach 1968 existierte, im Kern erst in den 1970er Jahren bestimmend wurde. Denn die Möglichkeiten politischer Freiheit setzten die Energien frei, welche ein Leben in Selbstbestimmung schön machen können. Das formuliert in der Unabhängigkeitserklärung die Rede vom „pursuit of happiness). Aber – so reflektiert die sogenannte „pragmatische Maxime“, welche praktische Folgen bzw. Wirkungen eine wissenschaftliche Theorie haben kann, sollte abgeschätzt werden.

Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jahren (z. B. Einleitung zu „Phänomenologie und Logik der Zeichen“) darauf verwiesen, dass Grundfragen des „Prinzips Verantwortung“ (Hans Jonas, ein Heideggerschüler) hier völlig klar formuliert werden. Wenn also zu den abgeschätzten möglichen Wirkungen solche gehören, die sittlich missbilligt werden müssen, ergeben sich konfliktreiche ethische Aufgaben. Wie ist z. B. eine demokratische Kontrolle der Wissenschaften möglich? Peirce setzt also darauf, dass neben der philosophischen Tätigkeit der Wissenschaftler/innen ein universaler Horizont in der Gesellschaft entsteht, der eben verantwortlich darüber entscheidet, welche technischen und kunstmäßigen Projekte durchgeführt werden – und welche besser unterlassen werden sollten, weil ihre Wirkungen die Möglichkeit der Freiheit negieren.

Der Europäische Gerichtshof (EGH) hat in dieser Woche in diesem Sinne eine entsprechende Entscheidung zur Stammzellenforschung getroffen, die den Wünschen und gedanklichen Ambitionen der Zivilgesellschaft in Teilen Europas entspricht – ein Beispiel für die Institutionalisierung solcher demokratischer Meinungsbildungsprozesse, die auch Peirce für notwendig hielt. Natürlich lässt sich ökonomisch besser mit (finanzieller und technischer) Industrieunterstützung forschen. Aber die hierzu erforderliche Patentierung von bestimmten praktisch hervorgerufenen Zellveränderungen widerspricht elementaren Prinzipien der Menschenrechte. Um dies zu verstehen, muss man nur allgemein gebildet sein, welches eine Voraussetzung von Demokratie im Sinne von Peirce und seinem Schüler Dewey ist.

  • Die in den Wissenschaften entworfenen Abduktionen (Hypothesen)
  • werden mithin deduktiv auf Überprüfungskontexte in der kunstmäßig oder technisch modellierten Erfahrung (etwa des Labors) bezogen,
  • wo sie auf ihre induktive Tauglichkeit in immer neuen Erfahrungen überprüft werden.

Die „pragmatische Maxime“ formuliert diesen durch und durch praktischen Zusammenhang. Und Handlungen gehören ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den negativen – und wie wir heute u. a. an der Klimakatastrophe und Fukushima sehen – fatalen Folgen des Erfolgs von Positivismus und Neopositivismus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ideen klar gemacht werden, aus dem Bereich der Ethik in einen angeblich „neutralen“ wissenschaftlichen Bereich transformiert haben, wo (was nicht so gerne zugegeben wird) letztlich kurzfristige ökonomische Interessen den Ausschlag geben, siehe den sich immer noch brüstenden Oliver Brüstle (Universität Bonn).

Logisch-semiotisch verhält es sich so: Das Ziel wäre eine Therapie für Parkinson. Die Abduktion lautet: Dieses Ziel kann durch gentechnologische Manipulation von Zellen „überzähliger Embryonen“ erreicht werden, weil sich hieraus geeignete Präparate gegen Parkinson gewinnen lassen. Deduktiv findet diese Manipulation seit drei Jahren oder mehr statt. Eine Überprüfung, die induktiv den Erfolg einigermaßen sicherstellen könnte, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Menschenrechte die Konsequenzen gezogen. Embryonen dürfen nicht als Mittel behandelt werden. Sie tragen die reale Möglichkeit des Menschseins in sich. Im positivistischen und neopositivistischen Kontext werden entsprechende elementare ethische Fragen bewusst ausgeklammert. Mithin sind die Ideen solcher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufolge unklar.

  • Warum?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hätte der Papst argumentiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jahren darauf verwiesen, dass die Philosophie durch eine derartige logisch-semiotische Subtilität gesellschaftliche Streitfragen klären helfen kann – und dadurch dazu beiträgt, die geistige „Umweltverschmutzung“ zu mildern. Das ist eine schöne Aufgabe der Philosophie.


[1] Es ist unbestritten, dass es auch Cowboys und Cowgirls gab. Sie waren kulturell aber weniger bedeutend, als das Genre „Western“ nahelegen könnte. Auch im Mittleren Westen und an der Frontier wurden philosophische Fragen diskutiert, wie man sich an dem Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Stil exemplarisch klar machen kann.

10. September 2011

Die Philosophie von Charles Peirce

Die Philosophie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktuell. Nach konservativer Meinung hat sich die Bundeskanzlerin als „Pragmatistin“ erwiesen, weil sie angesichts der „tagespolitischen Ereignisse“ (FAZ) von Fukushima ihre Haltung zur Kernenergie geändert hat – was entsprechende Konsequenzen hatte. Dabei ist ein Begriff von „Pragmatismus“ impliziert, der unterstellt, man setze politisch nur dasjenige durch, was sich angesichts von Widerständen gegenüber der Bevölkerung vertreten lasse. Aber auch im Sinne von Peirce war das eine „pragmatistische“ Entscheidung. Denn angesichts unabweisbarer Erfahrungen ließ sich feststellen, dass die Betreibung der Kernergie offensichtlich tödliche Folgen haben kann, mithin mit den Menschenrechten unvereinbar ist. Folglich ist das Betreiben der Kernergie in einem Land, das die Menschenrechte achtet, nicht weiter möglich.

Nicht nur diese Aktualität besteht, sondern Peirce bietet eine breite Themenpalette, von der wir im Kurs an der VHS Neckargemünd einige Themen besprechen wollen:

 

10.10. Wechselseitige Vorstellung und Kursplan

17.10. Leben und Werk

24.10. Die „pragmatische Maxime“

31.10. Der Primat der Ethik

07.11. Semiotik I

14.11. Semiotik II

21.11. Wahrnehmung und Erfahrung

28.11. Pragmatismus und Phänomenologie

05.12. Religionsphilosophie

12.12. Abschlussdiskussion

 

Aus der Perspektive der Teilnehmer/innen können diese Themen verändert werden. Bitte schreiben Sie mir hierzu eine E-Mail mit ihren Vorschlägen.

16. März 2011

Alles anders als angenommen

Atombusen der Bundeskanzlerin

Atombusen der Bundeskanzlerin

Die Bundeskanzlerin hat am Montag im Bundeskanzleramt in der Gegenwart des Vizekanzlers zwar eine in der Sache weitgehend abwegige Erklärung abgegeben, für den aufmerksamen Beobachter gab es aber kleinere Nebenbemerkungen und Gesichtsbewegungen, die aufhorchen bzw. aufmerken ließen. (more…)