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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


22. Dezember 2010

Pre­digt zum vier­ten Advent (EfG Gries­heim)

Maria und Eli­sa­bet (http://www.anne-worbes.de/index.html)

Der Lob­ge­sang der Maria“ – so wird der Text der Pre­digt zum dies­jäh­ri­gen vier­ten Advent gewöhn­lich über­schrie­ben, lie­be Gemein­de. Nach sei­nem Anfang in der latei­ni­schen Bibel ist er auch als Magni­fi­kat bekannt. Er ist immer wie­der musi­ka­lisch dar­ge­stellt wor­den, ich selbst ver­eh­re in jün­ge­rer Zeit die Ver­to­nung durch die Chor­mu­sik des est­ni­schen Kom­po­nis­ten Arvo Pärt. (more…)

20. August 2010

Die Öko­no­misch-Phi­lo­so­phi­schen Manu­skrip­te des jun­gen Karl Marx

Die­ser Kurs des Phi­lo­so­phie­krei­ses Hei­del­berg befasst sich mit der frü­hen Phi­lo­so­phie von Karl Marx. Auch die Marx-Engels-Wer­ke haben rela­tiv spät die­se Tex­te auf­ge­nom­men. Sie erge­ben einen eher ande­ren Blick auf das Werk von Marx, ­als die­ser immer noch gewöhn­lich ist. Natür­lich ist auch The­ma des Kur­ses, ob Marx’ Auf­fas­sung unter heu­ti­gen Bedin­gun­gen über­haupt noch etwas besagt – ist nicht „Ent­frem­dung“ eher etwas, dass bei­spiels­wei­se unse­re „Ein­sam­keit“ oder die Bedro­hung durch den „Kon­sum­ter­ror“ betrifft? (more…)

12. Dezember 2009

Der Völ­ker­rechts­ver­stoß durch die Bun­des­wehr

in Afgha­ni­stan nimmt immer deut­li­che­re Kon­tu­ren an. Wie zu erwar­ten, war das Bun­des­kanz­ler­amt nicht über eini­ge Wochen ganz geschlos­sen wg. Wahl­kampf. Glei­ches gilt auch für das Außen­amt. Es kann sein, dass dies im Unter­su­chungs­aus­schuss noch trans­pa­ren­ter wird, aber für den gesun­den Men­schen­ver­stand ist es klar, es hat zivi­le Opfer in grö­ße­rer Zahl gege­ben — und es ist nur unklar, ob dies aus­reicht, um ein straf­recht­li­ches Ver­fah­ren mit Aus­sicht auf Erfolg zu füh­ren.

Die poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung von Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel und dem frü­he­ren Außen­mi­nis­ter Stein­mei­er ist aber auch so klar, m. E. wäre bei­der Rück­tritt von ihren Funk­tio­nen ange­mes­sen.  Wei­ter tritt nun die Fra­ge auf, ob die Bun­des­wehr schon seit eini­ger Zeit  gegen das Bun­des­tags­man­dat agiert. Bau­ern­op­fer wie Jung und mög­li­cher­wei­se bald von und zu Gut­ten­berg ver­schlei­ern nur das Ver­sa­gen von Stein­mei­er und Mer­kel — sowie deren Ver­ant­wor­tung für den Tod von vie­len Zivilist/inn/en. Selbst in der Uni­on scheint die Ein­sicht zu däm­mern, dass da auch im Bun­des­kanz­ler­amt etwas nicht stimmt.

Eine recht­li­che Beur­tei­lung, die in der Ten­denz der Bei­trä­ge in die­sem Blog steht, bie­tet jetzt Heri­bert Prantl.

4. Dezember 2009

Erin­ne­rung an den 30.11. — Vhs Neckar­ge­münd

Die Sit­zung befass­te sich zum gro­ßen Teil mit Pro­ble­men der letz­ten Sit­zung, weil jetzt kla­rer gewor­den war, dass es meh­re­re mög­li­che Betrach­tungs­wei­sen bio­ti­scher Pro­zes­se gibt. Schon Bau­er, stär­ker aber Hoff­mey­er unter­stel­len, dass der ein­zel­ne Pro­zess nur im Kon­text der gesam­ten Pro­zes­se im Orga­nis­mus ver­stan­den wer­den kann, wes­halb Hoff­mey­er eine semio­ti­sche Ver­net­zung der ein­zel­nen Pro­zes­se unter­stellt.

Dabei stößt man auf Unend­lich­keits­pro­ble­me und Unschär­fen, es wird deut­li­cher, dass auch wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis stets nur vor­läu­fi­gen Wert hat – mit­hin also in Zukunft ver­bes­sert, wider­legt und gege­be­nen­falls nur leicht modi­fi­ziert bestä­tigt wird. Dem­ge­gen­über sug­ge­rie­ren Ver­tre­ter wie Daw­kins, dass wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis einen wesent­li­chen Schlüs­sel fin­den müs­se, mit dem man das gesam­te Schloss auf­schlie­ßen kön­ne, ihm zu Fol­ge geht dies mit der Meta­pher des „ego­is­ti­schen Gens“. Soll­ten die neue­ren For­schun­gen im Recht sein, ist die­se meta­pho­ri­sche Dra­pie­rung des Orga­nis­mus hin­fäl­lig. Wenn das Genom den Pro­zess der Onto­ge­ne­se nicht deter­mi­nie­ren kann, hängt die gan­ze Kon­struk­ti­on des „ego­is­ti­schen Gens“ in der Luft.

Aber falls es unver­meid­lich Unend­lich­keits­pro­ble­me und Unschär­fen gibt, war­um soll man dann über­haupt das Phä­no­men des Gan­zen the­ma­ti­sie­ren – und sich nicht auf die Erkennt­nis von Ein­zel­sach­ver­hal­ten beschrän­ken? Weil das Ein­zel­ne nur im Gesamt­zu­sam­men­hang ange­mes­sen erkannt wer­den kann. Jede Erkennt­nis ist dann aber zumin­dest mit einem hypo­the­tisch-abduk­ti­ven Rest ver­bun­den, sodass gera­de die Hand­lun­gen, die auf einer sol­chen Erkennt­nis beru­hen, stets revi­dier­bar sein müs­sen. Das gilt nicht nur für den Bereich der Medi­zin, son­dern auch für die Berei­che der Poli­tik und der Wirt­schaft. U. a. aus die­sem Grund ist die Demo­kra­tie prin­zi­pi­ell ande­ren Staats­for­men über­le­gen, wird aber stets zu unter­mi­nie­ren ver­sucht.

Dadurch wird nicht auf ein­mal alles bes­ser, wohl aber ist seit dem 16. Jahr­hun­dert doch eini­ges bes­ser gewor­den. Die Demo­kra­tie erzwingt nicht sitt­li­ches oder ver­nünf­ti­ges Han­deln, wohl aber ist sie in der Lage durch Rechts­set­zung sank­ti­ons­be­wehr­te Erwar­tungs­si­cher­heit in bestimm­ten Berei­chen her­zu­stel­len. Daher wur­de seit eini­gen Jah­ren an bestimm­ten Aspek­ten des Grund­ge­set­zes gear­bei­tet, um die­se zu ver­än­dern – zumeist hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der­ar­ti­ge Geset­ze als zumin­dest teil­wei­se ver­fas­sungs­wid­rig erklärt. Die moder­ne Demo­kra­tie funk­tio­niert also nicht ohne das­je­ni­ge Recht, wel­ches seit der euro­päi­schen und nord­ame­ri­ka­ni­schen Auf­klä­rung Gestalt annimmt. Gera­de die Finanz­kri­se hat mus­ter­haft gezeigt, dass das Grund­ge­setz mit den Arti­keln 14 und 15 auch schwie­ri­gen Situa­tio­nen gewach­sen ist.

Wer also hohe sitt­li­che Ansprü­che hat, muss sich in der Demo­kra­tie selbst dafür ein­set­zen, dass die­se auch wirk­sam wer­den.

Das Pro­blem der prä­dik­ti­ven Medi­zin besteht bei mul­ti­fak­to­ri­el­len Krank­hei­ten wie Dia­be­tes mel­li­tus in der Wahr­schein­lich­keits­rech­nung. Soll­te ein Mensch zwei Eltern mit die­ser Krank­heit besit­zen, beträgt die sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit 50 %, dass er die­se auch bekommt. Und sie beträgt 50 %, dass er sie nicht bekommt. Was tun? Hier ver­bin­det sich das kon­kre­te Pro­blem mit dem zuvor erör­ter­ten Pro­blem. Wie geht man eigent­lich mit höchst unschar­fen Ein­sich­ten um? Da Wahr­schein­lich­kei­ten nichts über den tat­säch­li­chen Ver­lauf beim ein­zel­nen Men­schen aus­sa­gen, ist hier höchs­te Zurück­hal­tung gebo­ten – so wie es auch der Bun­des­tag beschlos­sen hat.

22. November 2009

John Dew­ey — Mein päd­ago­gi­sches Glau­bens­be­kennt­nis I

John Dew­ey (1859-1953) ist einer der bedeu­tends­ten Päd­ago­gi­ker der Moder­ne. In Deutsch­land bzw. im deut­schen Sprach­raum wür­de man sei­ne päd­ago­gi­sche Posi­ti­on als Reform­päd­ago­gik bezeich­nen. Dar­un­ter kann man die­je­ni­gen Posi­tio­nen

John Dewey

John Dew­ey

ver­ste­hen, wel­che Ein­sich­ten der klas­si­schen Päd­ago­gik wie der­je­ni­gen Fried­rich Schlei­er­ma­chers (2000a; b) in leb­ba­re For­men umsetz­te. Dew­ey ist m. E. des­halb von beson­de­rer Bedeu­tung, weil er eine sozi­al ver­ant­wort­li­che und ent­schie­den demo­kra­ti­sche Posi­ti­on ver­trat. Es kann nur zur Demo­kra­tie kom­men und die­se kann  auch nur bestehen, wenn die Schu­le selbst für Kin­der Demo­kra­tie erleb­bar und gestalt­bar macht. Dew­ey ist mit­hin nicht der Über­zeu­gung, dass man in der Schu­le für das Leben ler­ne, wie ein ver­brei­te­ter Sinn­spruch in unse­rer Welt­ge­gend lau­tet. Es ver­hält sich anders: Die Schu­le ist ein Teil des Lebens und mit­hin auch des demo­kra­ti­schen und sozi­al ver­ant­wort­li­chen Lebens.

Ich wer­de über Weih­nach­ten bzw. den Jah­res­ab­schluss  hin­aus hier Dew­eys Text My Pedago­gic Creed (1897) über­set­zen und mit eini­gen kom­men­tie­ren­den Bemer­kun­gen ver­se­hen. Der Regie­rungs­er­klä­rung von Ange­la Mer­kel zufol­ge soll ja Deutsch­land zur „Bil­dungs­re­pu­blik“ wer­den.  Hier­zu hat Dew­ey Wesent­li­ches bei­zu­tra­gen. Denn sei­ne Auf­fas­sung ist wesent­lich grund­le­gen­der als die­je­ni­gen Über­zeu­gun­gen, die bes­ten­falls von der OECD beein­flusst sind, aber schlimms­ten­falls Sar­ra­zin­sche For­men anneh­men kön­nen. Von der­ar­ti­gen Auf­fas­sun­gen ist der jeden­falls mas­sen­me­di­al zumeist notier­te Bil­dungs­dis­kurs bestimmt. So fin­det sich in frü­her renom­mier­ten Zei­tun­gen wie der „Zeit“ bemer­kens­wert oft eine abfäl­li­ge Bemer­kung über „bil­dungs­fer­ne Schich­ten“ – ein Aus­druck, der zeigt, wie lebens­fremd  und refle­xi­ons­arm nicht sel­ten der Dis­kurs in Deutsch­land geführt wird. Hier besteht mit­hin noch ein beacht­li­ches Poten­zi­al an Nach­denk­lich­keit, Infor­ma­ti­on, an eige­ner Übung und Selbst­er­fah­rung, um in der Sache gedank­lich und prak­tisch wei­ter zu kom­men.

Dew­ey hat sei­nen Text der fin­gier­ten Gat­tung „Glau­bens­be­kennt­nis“ fol­gend in Arti­kel geglie­dert, es sind fünf. Und jede drit­te Woche wird hier ein „Glau­bens­ar­ti­kel“ über­setzt und in der fol­gen­den Woche mit  Hin­wei­sen ver­se­hen.

7. November 2009

Der Frei­herr von und zu Gut­ten­berg ver­sucht etwas Kon­kre­tes zu sagen

Es hat lan­ge gedau­ert, bis der orga­ni­sier­te regie­rungs­be­zo­ge­ne Teil etwas Kon­kre­tes zu dem Völ­ker­rechts­bruch in Afgha­ni­stan gesagt hat, den wir hier schon bespro­chen haben. Nun ver­sucht sich der Frei­herr zu Gut­ten­berg in die­ser hohen Kunst, etwas Kon­kre­tes zu sagen. So sei­en schlicht eini­ge Ver­fah­rens­re­geln nicht so son­der­lich klar gewe­sen, ins­ge­samt aber habe Oberst Klein mili­tä­risch rich­tig gehan­delt. Ob das völ­ker- und zivil­recht­lich ange­mes­sen war, will von Gut­ten­berg inter­es­san­ter­wei­se nicht beur­tei­len.

Ist dies – ich hat­te auch den Ein­druck bei Ant­wor­ten auf mei­ne Anfra­gen an die Bun­des­kanz­le­rin und den dama­li­gen Außen­mi­nis­ter Stein­mei­er – für die Bun­des­re­gie­rung nicht wich­tig?

Zu Gut­ten­berg unter­stellt, dass es zivi­le Opfer gege­ben habe, wel­che er im Her­zen bedaue­re. Aber dann recht­fer­tigt er einen Völ­ker­rechts­bruch, der mög­li­cher­wei­se straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen hat.

Von Gut­ten­berg ver­sucht sich eben­falls dem Cha­rak­ter des Ein­sat­zes in Afgha­ni­stan zu nähern. Hier kann man ihm hel­fen. Es ist ein UNO-Ein­satz nach der UNO-Char­ta. Dies ist spä­tes­tens in der Gro­ßen Koali­ti­on, viel­leicht schon unter Rot­grün unter­ge­gan­gen. Es wur­de dar­über fabu­liert, dass Deutsch­land am Hin­du­kusch ver­tei­digt wer­den müs­se. Das ist nicht rich­tig, es geht um den Wie­der­auf­bau eines „fai­led sta­te„, also eines Staa­tes, in dem die staat­li­che Ord­nung zusam­men­ge­bro­chen ist. Dabei geht es auch nicht dar­um,  eine „west­li­che“ Demo­kra­tie ein­zu­füh­ren, son­dern die Maß­stä­be zu beach­ten, die in der UNO-Men­schen­rechts­char­ta vor­ge­se­hen sind. Das scheint nur teil­wei­se gelun­gen zu sein, um es sehr vor­sich­tig aus­zu­drü­cken. Aus mei­ner Sicht ist der Ein­satz daher geschei­tert, nicht zuletzt dadurch, dass Bom­bar­de­ments der Art von Oberst Klein zum guten Ton der NATO-Trup­pen gehört haben, wel­che im Auf­trag der UNO den vom Sicher­heits­rat beschlos­se­nen Ein­satz durch­füh­ren. Hier ist die UNO in der Fol­ge gefragt, sehr kon­kre­te Regeln aus­zu­ar­bei­ten, wie ähn­li­che Fäl­le ange­gan­gen wer­den sol­len. Deutsch­land soll­te Trup­pen nur dann zur Ver­fü­gung stel­len, sofern dies geschieht.

Im Moment spricht daher alles für „eine geord­ne­te Insol­venz„, um eine recht­lich nicht exis­ten­te Form zu nen­nen, die zu Gut­ten­berg im Kon­text von Opel ange­spro­chen hat. Zu Gut­ten­berg soll­te daher „eine geord­ne­te Insol­venz“ des deut­schen Bei­trags zu einem geschei­ter­ten UNO-Ein­satz ver­kün­den, das wäre ein­mal etwas Kon­kre­tes.

Update um 13.18 Uhr, in der „Frank­fur­ter Rund­schau“ fin­det sich ein wei­te­rer apo­lo­ge­ti­scher Text von Harald Kujat, auch hier die Befürch­tung, dass jemand die Ver­bre­chens­fra­ge in Deutsch­land zu klä­ren ver­sucht. Aber die­se Straf­tats­fra­ge ist völ­ker­recht­lich aus­schlag­ge­bend. Nimmt die Bun­des­wehr an UNO-Ein­sät­zen teil, muss sie sich ans Völ­ker­recht hal­ten. Hält sie sich nicht dar­an, wie bei Oberst Klein mög­li­cher­wei­se gesche­hen, zählt Art. 11 des Völ­ker­rechts­straf­ge­setz­bu­ches zu den ein­schlä­gi­gen Arti­keln

3. Oktober 2009

Sank­ti­ons­mo­ra­to­ri­um bei Hartz IV-Bezie­her/in­nen

Emp­feh­le fol­gen­den Auf­ruf zu unter­schrei­ben, der von Politiker/inne/n, Gewerkschaftler/inne/n und Wissenschaftler/inne/n unter­stützt wird. Hoff­nungs­voll stimmt, dass hier poli­ti­sche, wis­sen­schaft­li­che und reli­giö­se Initia­ti­ven zusam­men­ar­bei­ten, um eine an den Gren­zen unse­rer Ver­fas­sung ange­sie­del­te Pra­xis der Behör­den zu been­den. Gefor­dert wird zunächst nur die z. T. mora­lisch anstö­ßi­ge Anwen­dung des § 31 des Sozi­al­ge­setz­bu­ches II aus­zu­set­zen.

29. August 2009

Nach­le­se

Die Bun­des­kanz­le­rin legt Wert dar­auf, dass Josef Acker­mann über das Zustan­de­kom­men jenes Essens nicht zutref­fend im ZDF berich­tet habe. Auch ihre Ant­wort, die Hein­rich­m­ar­tin Kreye mir zuge­sandt hat, unter­stellt die­se Ver­si­on. Der Arti­kel in der SZ von Nico Fried unter­sucht dies mit dem übli­chen Per­so­na­li­ty-Tief­sinn, auf den wei­te Tei­le der Main­stream­me­di­en seit gut zehn Jah­ren her­ab­ge­sun­ken sind. Die Bun­des­kanz­le­rin selbst ist frei­lich zu klug, um die fak­ti­sche Kata­stro­phe jenes von ihr im „Kon­text“ des sech­zigs­ten Geburts­tags von Josef Acker­mann aus­ge­rich­te­ten Abend­essens mit Men­schen aus Bil­dung, Kul­tur, Enter­tain­ment, Wirt­schaft und Poli­tik nicht zu über­se­hen. Daher betont sie, dass es auf „Distanz“ der Funk­ti­ons­eli­ten von Poli­tik und Wirt­schaft ankom­me.

Jenes Essen hat aber offen­sicht­lich eine ganz ande­re Bedeu­tung. Anders als im Wahl­kampf gegen­wär­tig betont, war Frau Dr. Mer­kel eine uner­bitt­li­che Anhän­ge­rin der neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie, wes­halb sie Acker­mann frü­her auch wegen sei­ner Rol­le in der Man­nes­mann-Affä­re ver­tei­digt hat.  Acker­mann wur­de bekannt­lich nicht ver­ur­teilt. Das Wahl­pro­gramm 2005 legt den Sie­ges­zug der neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie offen, der sich in der Uni­on ereig­net hat­te. An der Spit­ze die­ser Bewe­gung stand Ange­la Mer­kel.

In der Tat hat sich Mer­kels Über­zeu­gung offen­bar geän­dert – und dies ist durch­aus respek­ta­bel. Aber die stets wei­ter ver­tei­dig­te 25-%-auf- das-Eigen­ka­pi­tal-Ren­di­te Acker­manns ist eine der Haupt­ur­sa­chen der Finanz­kri­se, jeden­falls die Men­ta­li­tät, wel­che hin­ter die­ser Ren­di­te-Erwar­tung steht. Acker­manns Leh­rer Hans Chris­toph Binswan­ger urteilt in jenem denk­wür­di­gen FAZ-Inter­view fol­gen­der­ma­ßen:

Goe­the hat die Papier­geld­schöp­fung in die Nähe der Alche­mie, der Magie gerückt, die es ver­mag, natür­li­che Abläu­fe wun­der­sam zu beschleu­ni­gen. Herr Acker­mann, Sie haben der Deut­schen Bank das Ziel vor­ge­ge­ben, über einen Kon­junk­tur­zy­klus hin­weg im Schnitt jähr­lich eine Eigen­ka­pi­tal­ren­di­te von 25 Pro­zent zu errei­chen. Das läuft auf eine Ver­dopp­lung des Eigen­ka­pi­tals in weni­gen Jah­ren hin­aus. Vie­len gilt die­ses Ziel als der Inbe­griff von Maß­lo­sig­keit. Den­noch haben Sie es unlängst bekräf­tigt.

Acker­mann: Zunächst ein­mal: Wir spre­chen hier von einer Vor­steu­er­ren­di­te, also gar so schnell ver­dop­pelt sich das Eigen­ka­pi­tal nicht. Außer­dem hat das mit Maß­lo­sig­keit nichts zu tun. Sol­che Ren­di­ten erwirt­schaf­ten die bes­ten Ban­ken der Welt seit vie­len Jah­ren. Wenn eine Bank im Kon­zert der Bes­ten mit­spie­len will – und das ist der Anspruch der Deut­schen Bank -, muss sie auch ver­gleich­ba­re Ren­di­ten wie die Bes­ten erzie­len. Das kommt nicht nur den Aktio­nä­ren zugu­te, son­dern auch Mit­ar­bei­tern, Kun­den und der Gesell­schaft als Gan­zes. Um ein guter Arbeit­ge­ber zu sein, Arbeits­plät­ze zu schaf­fen, Steu­ern zu zah­len oder für gute, sozia­le Zwe­cke etwas tun zu kön­nen, muss man gute Gewin­ne erwirt­schaf­ten. Im Übri­gen: Dank ihrer hohen Ertrags­kraft in den zurück­lie­gen­den Jah­ren war die Deut­sche Bank jetzt in der Lage, die Kri­se ohne staat­li­che Unter­stüt­zung aus der Tasche der Steu­er­zah­ler durch­zu­ste­hen. Natür­lich kann man dis­ku­tie­ren, ob die­ses „faus­ti­sche Stre­ben“ nach immer mehr, immer grö­ßer, immer schnel­ler rich­tig ist. Aber man muss sich dabei auch bewusst sein, dass mit weni­ger Geld­schöp­fung und weni­ger Wachs­tum wahr­schein­lich auch der all­ge­mei­ne Wohl­stand gerin­ger sein wird.

Die Kri­se hat gezeigt, dass es sich bei der ver­meint­li­chen Wert­schöp­fung oft nur um hei­ße Luft gehan­delt hat. Die Buch­wer­te haben sich buch­stäb­lich in Luft auf­ge­löst. Hohe Eigen­ka­pi­tal­ren­di­ten las­sen sich eben nur erzie­len, wenn ein Unter­neh­men mit gro­ßem Kre­dit­he­bel arbei­tet. Kre­dit­ver­ga­be führt zu Geld­schöp­fung, unter Umstän­den zu Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen – die schließ­lich plat­zen.

Acker­mann: Des­we­gen ist es ganz wich­tig, Insti­tu­tio­nen zu schaf­fen, die sich mit bedenk­li­chen Ent­wick­lun­gen recht­zei­tig aus­ein­an­der­set­zen und ver­hin­dern, dass Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen ent­ste­hen. Sie haben inso­fern recht, als die Ban­ken unter den jet­zi­gen „Spiel­re­geln“ rela­tiv wenig Eigen­ka­pi­tal benö­ti­gen. Nach den Basel-II-Vor­schrif­ten der Bank­auf­se­her müs­sen Ban­ken ihr Geschäft nur mit min­des­tens 4 Pro­zent Kern­ka­pi­tal unter­le­gen. Das erleich­tert es natür­lich, eine hohe Eigen­ka­pi­tal­ren­di­te zu erzie­len.

Ist es nicht so: Für eine hohe Ren­di­te muss man hohe Risi­ken ein­ge­hen?

Acker­mann: Nein, das sehe ich nicht so. Gera­de in Geschäfts­fel­dern, die wenig ris­kant sind, etwa in der Ver­mö­gens­ver­wal­tung oder im Bera­tungs­ge­schäft, benö­tigt man wenig Eigen­ka­pi­tal – bei glei­chem Gewinn ist die Ren­di­te auf einem sol­chen Geschäfts­feld also viel höher als auf Gebie­ten mit hohen Risi­ken, für die die Auf­sicht eine höhe­re Eigen­ka­pi­tal­un­ter­le­gung vor­schreibt. Die Höhe der Eigen­ka­pi­tal­ren­di­te hängt stark vom Geschäfts­mo­dell ab.

Herr Binswan­ger, hal­ten Sie eine Eigen­ka­pi­tal­ren­di­te von 25 Pro­zent für ein rea­lis­ti­sches Ziel?

Binswan­ger: Für Ein­zel­ne ja. Aber nicht gene­rell. Eine solch hohe Ren­di­te lässt sich auf Dau­er nur in einem mono­po­lis­ti­schen oder oli­go­po­lis­ti­schen Markt erzie­len. Für alle Unter­neh­men scheint mir das hin­ge­gen nicht mög­lich, es sei denn, es kommt über Kre­dit­ver­ga­be zu Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen. Doch wenn die­se Bla­sen plat­zen, kommt es statt zu Gewin­nen zu Ver­lus­ten.

Acker­mann: Natür­lich kann nicht jedes ein­zel­ne Unter­neh­men oder kön­nen nicht alle Unter­neh­men im Schnitt solch eine Ren­di­te erzie­len!

Die Ein­la­dung für Acker­mann war also durch­aus als Zustim­mung der wich­tigs­ten Akteu­rin der poli­ti­schen Funk­ti­ons­eli­te zu der­je­ni­gen und eine Hom­mage an die­je­ni­ge Per­son zu ver­ste­hen, wel­che für die fal­sche Hal­tung im Finanz­sek­tor ver­ant­wort­lich ist. Acker­mann redet tap­fer an Binswan­gers schar­fem Ein­wand vor­bei. Und Ange­la Mer­kel distan­ziert sich gera­de nicht glaub­wür­dig von ihrer frü­he­ren fal­schen Hal­tung. Die­se Hal­tung hat die schwers­te Wirt­schafts­kri­se seit über 70 Jah­ren ver­ur­sacht.

31. Juli 2009

Stil­leM­aus, @einspruch.org zu den Wahl­kamp­fer­war­tun­gen:

Reichstagmitkanzlernundhund94b75

7. Juni 2009

Euro­pa­wahl in Deutsch­land

Die Euro­pa­wahl in Deutsch­land hat bes­ten­falls einen Gewin­ner: die FDP. War­um wohl? Das Ergeb­nis ruft bei mir – nach den inten­si­ven Debat­ten der letz­ten neun Mona­te im Anschluss an die Finanz­kri­se – doch eher Rat­lo­sig­keit her­vor. Sar­kas­tisch sieht es im Blick auf den haupt­säch­li­chen Ver­lie­rer wie­der ein­mal @StilleMaus.

@StilleMaus, einspruch.org

@StilleMaus, einspruch.org