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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


20. Oktober 2011

Die „Prag­ma­ti­sche Maxi­me“ – eine kul­tur­phi­lo­so­phi­sche Regel

Wir haben uns in der Sit­zung vom 17.10. um ein aus­rei­chen­des Ver­ständ­nis des all­ge­mei­nen und umfas­sen­den Phi­lo­so­phie­an­sat­zes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der meta­phy­si­schen Pro­ble­me bespro­chen, das Peirce tat­säch­lich behan­delt: die Got­tes­fra­ge, wobei Peirce vie­le all­ge­mei­ne Äuße­run­gen hin­zu­zieht, wel­che ihn anre­gen. Neben Tra­di­tio­nen von Juden­tum, Chris­ten­tum und Islam spie­len bei Peirce auch Neo­hin­du­ide­en eine nicht unbe­acht­li­che Rol­le. Dies war alles am Ende des 19. Jahr­hun­derts und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in den USA bekennt und wur­de kon­tro­vers dis­ku­tiert.[1] Phi­lo­so­phie ver­ar­bei­tet sol­che Tra­di­tio­nen und reflek­tiert sie kri­tisch dar­auf, ob sie Erfah­rungs­ge­hal­te sym­bo­li­sie­ren – oder ob man auf­grund sol­cher Bil­der Erfah­run­gen machen kann. Wel­ches The­ma man meta­phy­sisch durch all­ge­mei­ne Unter­stel­lun­gen angeht: Peirce hält nichts von geschmäck­le­ri­schen, viel­leicht schön­geis­ti­gen Theo­rie­de­bat­ten, weil Theo­ri­en selbst durch Pra­xis gewon­nen wur­den, prak­tisch über­prüft und ggf. dann ver­än­dert oder auch ver­wor­fen wer­den. Die prag­ma­tis­ti­sche Phi­lo­so­phie kon­zen­triert sich mit­hin auf den kul­tu­rel­len Kon­text der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, in dem klar wur­de, dass die sozia­le Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Wis­sen­schaf­ten soge­nann­tes „Wis­sen“ bereit­stellt, das es ermög­licht, prak­ti­sche Regeln zu ent­wer­fen, die sich the­ra­peu­tisch, päd­ago­gisch und öko­no­misch sehr gut bewähr­ten. Das sind ent­we­der Tech­ni­ken oder Kunst­leh­ren.

  • Um Tech­ni­ken han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, die das ange­streb­te Ziel stets errei­chen, also z. B. Glüh­bir­nen pro­du­zie­ren, die immer dann leuch­ten, sofern man auf einen Schal­ter drückt (Th. A. Edi­son).
  • Um Kunst­leh­ren han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, bei denen der Erfolg im Ein­zel­fall nicht sicher ist, die mit­hin stets vom Ein­zel­fall her ange­passt wer­den müs­sen (etwa Päd­ago­gik, Medi­zin).

Das ist kei­ne typisch „ame­ri­ka­ni­sche“ Ent­de­ckung. Aber im ame­ri­ka­ni­schen Prag­ma­tis­mus bra­chen sich – ver­mit­telt durch den „Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus (Emer­son, Tho­reau, Ful­ler u. a.) die Ide­en, die von den Frühromantiker/innen, Goe­the, Schlei­er­ma­cher und Hum­boldt stam­men, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kon­text der Demo­kra­tie ver­wie­sen, der für das Ver­ständ­nis der Wer­ke von Peirce, James und Dew­ey sehr aus­schlag­ge­bemd ist, der natür­lich in Deutsch­land in einem ernst­haf­ten Sinn erst nach 1968 exis­tier­te, im Kern erst in den 1970er Jah­ren bestim­mend wur­de. Denn die Mög­lich­kei­ten poli­ti­scher Frei­heit setz­ten die Ener­gi­en frei, wel­che ein Leben in Selbst­be­stim­mung schön machen kön­nen. Das for­mu­liert in der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung die Rede vom „pur­su­it of hap­pi­ness). Aber – so reflek­tiert die soge­nann­te „prag­ma­ti­sche Maxi­me“, wel­che prak­ti­sche Fol­gen bzw. Wir­kun­gen eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie haben kann, soll­te abge­schätzt wer­den.

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands!

(Charles Peirce, How to make our ide­as clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jah­ren (z. B. Ein­lei­tung zu „Phä­no­me­no­lo­gie und Logik der Zei­chen“) dar­auf ver­wie­sen, dass Grund­fra­gen des „Prin­zips Ver­ant­wor­tung“ (Hans Jonas, ein Hei­deg­ger­schü­ler) hier völ­lig klar for­mu­liert wer­den. Wenn also zu den abge­schätz­ten mög­li­chen Wir­kun­gen sol­che gehö­ren, die sitt­lich miss­bil­ligt wer­den müs­sen, erge­ben sich kon­flikt­rei­che ethi­sche Auf­ga­ben. Wie ist z. B. eine demo­kra­ti­sche Kon­trol­le der Wis­sen­schaf­ten mög­lich? Peirce setzt also dar­auf, dass neben der phi­lo­so­phi­schen Tätig­keit der Wissenschaftler/innen ein uni­ver­sa­ler Hori­zont in der Gesell­schaft ent­steht, der eben ver­ant­wort­lich dar­über ent­schei­det, wel­che tech­ni­schen und kunst­mä­ßi­gen Pro­jek­te durch­ge­führt wer­den – und wel­che bes­ser unter­las­sen wer­den soll­ten, weil ihre Wir­kun­gen die Mög­lich­keit der Frei­heit negie­ren.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof (EGH) hat in die­ser Woche in die­sem Sin­ne eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung zur Stamm­zel­len­for­schung getrof­fen, die den Wün­schen und gedank­li­chen Ambi­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft in Tei­len Euro­pas ent­spricht – ein Bei­spiel für die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung sol­cher demo­kra­ti­scher Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­se, die auch Peirce für not­wen­dig hielt. Natür­lich lässt sich öko­no­misch bes­ser mit (finan­zi­el­ler und tech­ni­scher) Indus­trie­un­ter­stüt­zung for­schen. Aber die hier­zu erfor­der­li­che Paten­tie­rung von bestimm­ten prak­tisch her­vor­ge­ru­fe­nen Zell­ver­än­de­run­gen wider­spricht ele­men­ta­ren Prin­zi­pi­en der Men­schen­rech­te. Um dies zu ver­ste­hen, muss man nur all­ge­mein gebil­det sein, wel­ches eine Vor­aus­set­zung von Demo­kra­tie im Sin­ne von Peirce und sei­nem Schü­ler Dew­ey ist.

  • Die in den Wis­sen­schaf­ten ent­wor­fe­nen Abduk­tio­nen (Hypo­the­sen)
  • wer­den mit­hin deduk­tiv auf Über­prü­fungs­kon­tex­te in der kunst­mä­ßig oder tech­nisch model­lier­ten Erfah­rung (etwa des Labors) bezo­gen,
  • wo sie auf ihre induk­ti­ve Taug­lich­keit in immer neu­en Erfah­run­gen über­prüft wer­den.

Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“ for­mu­liert die­sen durch und durch prak­ti­schen Zusam­men­hang. Und Hand­lun­gen gehö­ren ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den nega­ti­ven – und wie wir heu­te u. a. an der Kli­ma­ka­ta­stro­phe und Fuku­shi­ma sehen – fata­len Fol­gen des Erfolgs von Posi­ti­vis­mus und Neo­po­si­ti­vis­mus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ide­en klar gemacht wer­den, aus dem Bereich der Ethik in einen angeb­lich „neu­tra­len“ wis­sen­schaft­li­chen Bereich trans­for­miert haben, wo (was nicht so ger­ne zuge­ge­ben wird) letzt­lich kurz­fris­ti­ge öko­no­mi­sche Inter­es­sen den Aus­schlag geben, sie­he den sich immer noch brüs­ten­den Oli­ver Brüst­le (Uni­ver­si­tät Bonn).

Logisch-semio­tisch ver­hält es sich so: Das Ziel wäre eine The­ra­pie für Par­kin­son. Die Abduk­ti­on lau­tet: Die­ses Ziel kann durch gen­tech­no­lo­gi­sche Mani­pu­la­ti­on von Zel­len „über­zäh­li­ger Embryo­nen“ erreicht wer­den, weil sich hier­aus geeig­ne­te Prä­pa­ra­te gegen Par­kin­son gewin­nen las­sen. Deduk­tiv fin­det die­se Mani­pu­la­ti­on seit drei Jah­ren oder mehr statt. Eine Über­prü­fung, die induk­tiv den Erfolg eini­ger­ma­ßen sicher­stel­len könn­te, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Men­schen­rech­te die Kon­se­quen­zen gezo­gen. Embryo­nen dür­fen nicht als Mit­tel behan­delt wer­den. Sie tra­gen die rea­le Mög­lich­keit des Mensch­seins in sich. Im posi­ti­vis­ti­schen und neo­po­si­ti­vis­ti­schen Kon­text wer­den ent­spre­chen­de ele­men­ta­re ethi­sche Fra­gen bewusst aus­ge­klam­mert. Mit­hin sind die Ide­en sol­cher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufol­ge unklar.

  • War­um?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hät­te der Papst argu­men­tiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jah­ren dar­auf ver­wie­sen, dass die Phi­lo­so­phie durch eine der­ar­ti­ge logisch-semio­ti­sche Sub­ti­li­tät gesell­schaft­li­che Streit­fra­gen klä­ren hel­fen kann – und dadurch dazu bei­trägt, die geis­ti­ge „Umwelt­ver­schmut­zung“ zu mil­dern. Das ist eine schö­ne Auf­ga­be der Phi­lo­so­phie.


[1] Es ist unbe­strit­ten, dass es auch Cow­boys und Cow­girls gab. Sie waren kul­tu­rell aber weni­ger bedeu­tend, als das Gen­re „Wes­tern“ nahe­le­gen könn­te. Auch im Mitt­le­ren Wes­ten und an der Fron­tier wur­den phi­lo­so­phi­sche Fra­gen dis­ku­tiert, wie man sich an dem Begrün­der der Osteo­pa­thie Andrew Tay­lor Stil exem­pla­risch klar machen kann.

10. September 2011

Die Phi­lo­so­phie von Charles Peirce

Die Phi­lo­so­phie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktu­ell. Nach kon­ser­va­ti­ver Mei­nung hat sich die Bun­des­kanz­le­rin als „Prag­ma­tis­tin“ erwie­sen, weil sie ange­sichts der „tages­po­li­ti­schen Ereig­nis­se“ (FAZ) von Fuku­shi­ma ihre Hal­tung zur Kern­ener­gie geän­dert hat – was ent­spre­chen­de Kon­se­quen­zen hat­te. Dabei ist ein Begriff von „Prag­ma­tis­mus“ impli­ziert, der unter­stellt, man set­ze poli­tisch nur das­je­ni­ge durch, was sich ange­sichts von Wider­stän­den gegen­über der Bevöl­ke­rung ver­tre­ten las­se. Aber auch im Sin­ne von Peirce war das eine „prag­ma­tis­ti­sche“ Ent­schei­dung. Denn ange­sichts unab­weis­ba­rer Erfah­run­gen ließ sich fest­stel­len, dass die Betrei­bung der Kern­er­gie offen­sicht­lich töd­li­che Fol­gen haben kann, mit­hin mit den Men­schen­rech­ten unver­ein­bar ist. Folg­lich ist das Betrei­ben der Kern­er­gie in einem Land, das die Men­schen­rech­te ach­tet, nicht wei­ter mög­lich.

Nicht nur die­se Aktua­li­tät besteht, son­dern Peirce bie­tet eine brei­te The­men­pa­let­te, von der wir im Kurs an der VHS Neckar­ge­münd eini­ge The­men bespre­chen wol­len:

 

10.10. Wech­sel­sei­ti­ge Vor­stel­lung und Kurs­plan

17.10. Leben und Werk

24.10. Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“

31.10. Der Pri­mat der Ethik

07.11. Semio­tik I

14.11. Semio­tik II

21.11. Wahr­neh­mung und Erfah­rung

28.11. Prag­ma­tis­mus und Phä­no­me­no­lo­gie

05.12. Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie

12.12. Abschluss­dis­kus­si­on

 

Aus der Per­spek­ti­ve der Teilnehmer/innen kön­nen die­se The­men ver­än­dert wer­den. Bit­te schrei­ben Sie mir hier­zu eine E-Mail mit ihren Vor­schlä­gen.

16. März 2011

Alles anders als ange­nom­men

Atombusen der Bundeskanzlerin

Atombusen der Bundeskanzlerin

Die Bundeskanzlerin hat am Montag im Bundeskanzleramt in der Gegenwart des Vizekanzlers zwar eine in der Sache weitgehend abwegige Erklärung abgegeben, für den aufmerksamen Beobachter gab es aber kleinere Nebenbemerkungen und Gesichtsbewegungen, die aufhorchen bzw. aufmerken ließen. (more…)

22. Dezember 2010

Pre­digt zum vier­ten Advent (EfG Gries­heim)

Maria und Eli­sa­bet (http://www.anne-worbes.de/index.html)

Der Lob­ge­sang der Maria“ – so wird der Text der Pre­digt zum dies­jäh­ri­gen vier­ten Advent gewöhn­lich über­schrie­ben, lie­be Gemein­de. Nach sei­nem Anfang in der latei­ni­schen Bibel ist er auch als Magni­fi­kat bekannt. Er ist immer wie­der musi­ka­lisch dar­ge­stellt wor­den, ich selbst ver­eh­re in jün­ge­rer Zeit die Ver­to­nung durch die Chor­mu­sik des est­ni­schen Kom­po­nis­ten Arvo Pärt. (more…)

20. August 2010

Die Öko­no­misch-Phi­lo­so­phi­schen Manu­skrip­te des jun­gen Karl Marx

Die­ser Kurs des Phi­lo­so­phie­krei­ses Hei­del­berg befasst sich mit der frü­hen Phi­lo­so­phie von Karl Marx. Auch die Marx-Engels-Wer­ke haben rela­tiv spät die­se Tex­te auf­ge­nom­men. Sie erge­ben einen eher ande­ren Blick auf das Werk von Marx, ­als die­ser immer noch gewöhn­lich ist. Natür­lich ist auch The­ma des Kur­ses, ob Marx’ Auf­fas­sung unter heu­ti­gen Bedin­gun­gen über­haupt noch etwas besagt – ist nicht „Ent­frem­dung“ eher etwas, dass bei­spiels­wei­se unse­re „Ein­sam­keit“ oder die Bedro­hung durch den „Kon­sum­ter­ror“ betrifft? (more…)

12. Dezember 2009

Der Völ­ker­rechts­ver­stoß durch die Bun­des­wehr

in Afgha­ni­stan nimmt immer deut­li­che­re Kon­tu­ren an. Wie zu erwar­ten, war das Bun­des­kanz­ler­amt nicht über eini­ge Wochen ganz geschlos­sen wg. Wahl­kampf. Glei­ches gilt auch für das Außen­amt. Es kann sein, dass dies im Unter­su­chungs­aus­schuss noch trans­pa­ren­ter wird, aber für den gesun­den Men­schen­ver­stand ist es klar, es hat zivi­le Opfer in grö­ße­rer Zahl gege­ben — und es ist nur unklar, ob dies aus­reicht, um ein straf­recht­li­ches Ver­fah­ren mit Aus­sicht auf Erfolg zu füh­ren.

Die poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung von Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel und dem frü­he­ren Außen­mi­nis­ter Stein­mei­er ist aber auch so klar, m. E. wäre bei­der Rück­tritt von ihren Funk­tio­nen ange­mes­sen.  Wei­ter tritt nun die Fra­ge auf, ob die Bun­des­wehr schon seit eini­ger Zeit  gegen das Bun­des­tags­man­dat agiert. Bau­ern­op­fer wie Jung und mög­li­cher­wei­se bald von und zu Gut­ten­berg ver­schlei­ern nur das Ver­sa­gen von Stein­mei­er und Mer­kel — sowie deren Ver­ant­wor­tung für den Tod von vie­len Zivilist/inn/en. Selbst in der Uni­on scheint die Ein­sicht zu däm­mern, dass da auch im Bun­des­kanz­ler­amt etwas nicht stimmt.

Eine recht­li­che Beur­tei­lung, die in der Ten­denz der Bei­trä­ge in die­sem Blog steht, bie­tet jetzt Heri­bert Prantl.

4. Dezember 2009

Erin­ne­rung an den 30.11. — Vhs Neckar­ge­münd

Die Sit­zung befass­te sich zum gro­ßen Teil mit Pro­ble­men der letz­ten Sit­zung, weil jetzt kla­rer gewor­den war, dass es meh­re­re mög­li­che Betrach­tungs­wei­sen bio­ti­scher Pro­zes­se gibt. Schon Bau­er, stär­ker aber Hoff­mey­er unter­stel­len, dass der ein­zel­ne Pro­zess nur im Kon­text der gesam­ten Pro­zes­se im Orga­nis­mus ver­stan­den wer­den kann, wes­halb Hoff­mey­er eine semio­ti­sche Ver­net­zung der ein­zel­nen Pro­zes­se unter­stellt.

Dabei stößt man auf Unend­lich­keits­pro­ble­me und Unschär­fen, es wird deut­li­cher, dass auch wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis stets nur vor­läu­fi­gen Wert hat – mit­hin also in Zukunft ver­bes­sert, wider­legt und gege­be­nen­falls nur leicht modi­fi­ziert bestä­tigt wird. Dem­ge­gen­über sug­ge­rie­ren Ver­tre­ter wie Daw­kins, dass wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis einen wesent­li­chen Schlüs­sel fin­den müs­se, mit dem man das gesam­te Schloss auf­schlie­ßen kön­ne, ihm zu Fol­ge geht dies mit der Meta­pher des „ego­is­ti­schen Gens“. Soll­ten die neue­ren For­schun­gen im Recht sein, ist die­se meta­pho­ri­sche Dra­pie­rung des Orga­nis­mus hin­fäl­lig. Wenn das Genom den Pro­zess der Onto­ge­ne­se nicht deter­mi­nie­ren kann, hängt die gan­ze Kon­struk­ti­on des „ego­is­ti­schen Gens“ in der Luft.

Aber falls es unver­meid­lich Unend­lich­keits­pro­ble­me und Unschär­fen gibt, war­um soll man dann über­haupt das Phä­no­men des Gan­zen the­ma­ti­sie­ren – und sich nicht auf die Erkennt­nis von Ein­zel­sach­ver­hal­ten beschrän­ken? Weil das Ein­zel­ne nur im Gesamt­zu­sam­men­hang ange­mes­sen erkannt wer­den kann. Jede Erkennt­nis ist dann aber zumin­dest mit einem hypo­the­tisch-abduk­ti­ven Rest ver­bun­den, sodass gera­de die Hand­lun­gen, die auf einer sol­chen Erkennt­nis beru­hen, stets revi­dier­bar sein müs­sen. Das gilt nicht nur für den Bereich der Medi­zin, son­dern auch für die Berei­che der Poli­tik und der Wirt­schaft. U. a. aus die­sem Grund ist die Demo­kra­tie prin­zi­pi­ell ande­ren Staats­for­men über­le­gen, wird aber stets zu unter­mi­nie­ren ver­sucht.

Dadurch wird nicht auf ein­mal alles bes­ser, wohl aber ist seit dem 16. Jahr­hun­dert doch eini­ges bes­ser gewor­den. Die Demo­kra­tie erzwingt nicht sitt­li­ches oder ver­nünf­ti­ges Han­deln, wohl aber ist sie in der Lage durch Rechts­set­zung sank­ti­ons­be­wehr­te Erwar­tungs­si­cher­heit in bestimm­ten Berei­chen her­zu­stel­len. Daher wur­de seit eini­gen Jah­ren an bestimm­ten Aspek­ten des Grund­ge­set­zes gear­bei­tet, um die­se zu ver­än­dern – zumeist hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der­ar­ti­ge Geset­ze als zumin­dest teil­wei­se ver­fas­sungs­wid­rig erklärt. Die moder­ne Demo­kra­tie funk­tio­niert also nicht ohne das­je­ni­ge Recht, wel­ches seit der euro­päi­schen und nord­ame­ri­ka­ni­schen Auf­klä­rung Gestalt annimmt. Gera­de die Finanz­kri­se hat mus­ter­haft gezeigt, dass das Grund­ge­setz mit den Arti­keln 14 und 15 auch schwie­ri­gen Situa­tio­nen gewach­sen ist.

Wer also hohe sitt­li­che Ansprü­che hat, muss sich in der Demo­kra­tie selbst dafür ein­set­zen, dass die­se auch wirk­sam wer­den.

Das Pro­blem der prä­dik­ti­ven Medi­zin besteht bei mul­ti­fak­to­ri­el­len Krank­hei­ten wie Dia­be­tes mel­li­tus in der Wahr­schein­lich­keits­rech­nung. Soll­te ein Mensch zwei Eltern mit die­ser Krank­heit besit­zen, beträgt die sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit 50 %, dass er die­se auch bekommt. Und sie beträgt 50 %, dass er sie nicht bekommt. Was tun? Hier ver­bin­det sich das kon­kre­te Pro­blem mit dem zuvor erör­ter­ten Pro­blem. Wie geht man eigent­lich mit höchst unschar­fen Ein­sich­ten um? Da Wahr­schein­lich­kei­ten nichts über den tat­säch­li­chen Ver­lauf beim ein­zel­nen Men­schen aus­sa­gen, ist hier höchs­te Zurück­hal­tung gebo­ten – so wie es auch der Bun­des­tag beschlos­sen hat.

22. November 2009

John Dew­ey — Mein päd­ago­gi­sches Glau­bens­be­kennt­nis I

John Dew­ey (1859-1953) ist einer der bedeu­tends­ten Päd­ago­gi­ker der Moder­ne. In Deutsch­land bzw. im deut­schen Sprach­raum wür­de man sei­ne päd­ago­gi­sche Posi­ti­on als Reform­päd­ago­gik bezeich­nen. Dar­un­ter kann man die­je­ni­gen Posi­tio­nen

John Dewey

John Dew­ey

ver­ste­hen, wel­che Ein­sich­ten der klas­si­schen Päd­ago­gik wie der­je­ni­gen Fried­rich Schlei­er­ma­chers (2000a; b) in leb­ba­re For­men umsetz­te. Dew­ey ist m. E. des­halb von beson­de­rer Bedeu­tung, weil er eine sozi­al ver­ant­wort­li­che und ent­schie­den demo­kra­ti­sche Posi­ti­on ver­trat. Es kann nur zur Demo­kra­tie kom­men und die­se kann  auch nur bestehen, wenn die Schu­le selbst für Kin­der Demo­kra­tie erleb­bar und gestalt­bar macht. Dew­ey ist mit­hin nicht der Über­zeu­gung, dass man in der Schu­le für das Leben ler­ne, wie ein ver­brei­te­ter Sinn­spruch in unse­rer Welt­ge­gend lau­tet. Es ver­hält sich anders: Die Schu­le ist ein Teil des Lebens und mit­hin auch des demo­kra­ti­schen und sozi­al ver­ant­wort­li­chen Lebens.

Ich wer­de über Weih­nach­ten bzw. den Jah­res­ab­schluss  hin­aus hier Dew­eys Text My Pedago­gic Creed (1897) über­set­zen und mit eini­gen kom­men­tie­ren­den Bemer­kun­gen ver­se­hen. Der Regie­rungs­er­klä­rung von Ange­la Mer­kel zufol­ge soll ja Deutsch­land zur „Bil­dungs­re­pu­blik“ wer­den.  Hier­zu hat Dew­ey Wesent­li­ches bei­zu­tra­gen. Denn sei­ne Auf­fas­sung ist wesent­lich grund­le­gen­der als die­je­ni­gen Über­zeu­gun­gen, die bes­ten­falls von der OECD beein­flusst sind, aber schlimms­ten­falls Sar­ra­zin­sche For­men anneh­men kön­nen. Von der­ar­ti­gen Auf­fas­sun­gen ist der jeden­falls mas­sen­me­di­al zumeist notier­te Bil­dungs­dis­kurs bestimmt. So fin­det sich in frü­her renom­mier­ten Zei­tun­gen wie der „Zeit“ bemer­kens­wert oft eine abfäl­li­ge Bemer­kung über „bil­dungs­fer­ne Schich­ten“ – ein Aus­druck, der zeigt, wie lebens­fremd  und refle­xi­ons­arm nicht sel­ten der Dis­kurs in Deutsch­land geführt wird. Hier besteht mit­hin noch ein beacht­li­ches Poten­zi­al an Nach­denk­lich­keit, Infor­ma­ti­on, an eige­ner Übung und Selbst­er­fah­rung, um in der Sache gedank­lich und prak­tisch wei­ter zu kom­men.

Dew­ey hat sei­nen Text der fin­gier­ten Gat­tung „Glau­bens­be­kennt­nis“ fol­gend in Arti­kel geglie­dert, es sind fünf. Und jede drit­te Woche wird hier ein „Glau­bens­ar­ti­kel“ über­setzt und in der fol­gen­den Woche mit  Hin­wei­sen ver­se­hen.

7. November 2009

Der Frei­herr von und zu Gut­ten­berg ver­sucht etwas Kon­kre­tes zu sagen

Es hat lan­ge gedau­ert, bis der orga­ni­sier­te regie­rungs­be­zo­ge­ne Teil etwas Kon­kre­tes zu dem Völ­ker­rechts­bruch in Afgha­ni­stan gesagt hat, den wir hier schon bespro­chen haben. Nun ver­sucht sich der Frei­herr zu Gut­ten­berg in die­ser hohen Kunst, etwas Kon­kre­tes zu sagen. So sei­en schlicht eini­ge Ver­fah­rens­re­geln nicht so son­der­lich klar gewe­sen, ins­ge­samt aber habe Oberst Klein mili­tä­risch rich­tig gehan­delt. Ob das völ­ker- und zivil­recht­lich ange­mes­sen war, will von Gut­ten­berg inter­es­san­ter­wei­se nicht beur­tei­len.

Ist dies – ich hat­te auch den Ein­druck bei Ant­wor­ten auf mei­ne Anfra­gen an die Bun­des­kanz­le­rin und den dama­li­gen Außen­mi­nis­ter Stein­mei­er – für die Bun­des­re­gie­rung nicht wich­tig?

Zu Gut­ten­berg unter­stellt, dass es zivi­le Opfer gege­ben habe, wel­che er im Her­zen bedaue­re. Aber dann recht­fer­tigt er einen Völ­ker­rechts­bruch, der mög­li­cher­wei­se straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen hat.

Von Gut­ten­berg ver­sucht sich eben­falls dem Cha­rak­ter des Ein­sat­zes in Afgha­ni­stan zu nähern. Hier kann man ihm hel­fen. Es ist ein UNO-Ein­satz nach der UNO-Char­ta. Dies ist spä­tes­tens in der Gro­ßen Koali­ti­on, viel­leicht schon unter Rot­grün unter­ge­gan­gen. Es wur­de dar­über fabu­liert, dass Deutsch­land am Hin­du­kusch ver­tei­digt wer­den müs­se. Das ist nicht rich­tig, es geht um den Wie­der­auf­bau eines „fai­led sta­te„, also eines Staa­tes, in dem die staat­li­che Ord­nung zusam­men­ge­bro­chen ist. Dabei geht es auch nicht dar­um,  eine „west­li­che“ Demo­kra­tie ein­zu­füh­ren, son­dern die Maß­stä­be zu beach­ten, die in der UNO-Men­schen­rechts­char­ta vor­ge­se­hen sind. Das scheint nur teil­wei­se gelun­gen zu sein, um es sehr vor­sich­tig aus­zu­drü­cken. Aus mei­ner Sicht ist der Ein­satz daher geschei­tert, nicht zuletzt dadurch, dass Bom­bar­de­ments der Art von Oberst Klein zum guten Ton der NATO-Trup­pen gehört haben, wel­che im Auf­trag der UNO den vom Sicher­heits­rat beschlos­se­nen Ein­satz durch­füh­ren. Hier ist die UNO in der Fol­ge gefragt, sehr kon­kre­te Regeln aus­zu­ar­bei­ten, wie ähn­li­che Fäl­le ange­gan­gen wer­den sol­len. Deutsch­land soll­te Trup­pen nur dann zur Ver­fü­gung stel­len, sofern dies geschieht.

Im Moment spricht daher alles für „eine geord­ne­te Insol­venz„, um eine recht­lich nicht exis­ten­te Form zu nen­nen, die zu Gut­ten­berg im Kon­text von Opel ange­spro­chen hat. Zu Gut­ten­berg soll­te daher „eine geord­ne­te Insol­venz“ des deut­schen Bei­trags zu einem geschei­ter­ten UNO-Ein­satz ver­kün­den, das wäre ein­mal etwas Kon­kre­tes.

Update um 13.18 Uhr, in der „Frank­fur­ter Rund­schau“ fin­det sich ein wei­te­rer apo­lo­ge­ti­scher Text von Harald Kujat, auch hier die Befürch­tung, dass jemand die Ver­bre­chens­fra­ge in Deutsch­land zu klä­ren ver­sucht. Aber die­se Straf­tats­fra­ge ist völ­ker­recht­lich aus­schlag­ge­bend. Nimmt die Bun­des­wehr an UNO-Ein­sät­zen teil, muss sie sich ans Völ­ker­recht hal­ten. Hält sie sich nicht dar­an, wie bei Oberst Klein mög­li­cher­wei­se gesche­hen, zählt Art. 11 des Völ­ker­rechts­straf­ge­setz­bu­ches zu den ein­schlä­gi­gen Arti­keln

3. Oktober 2009

Sank­ti­ons­mo­ra­to­ri­um bei Hartz IV-Bezie­her/in­nen

Emp­feh­le fol­gen­den Auf­ruf zu unter­schrei­ben, der von Politiker/inne/n, Gewerkschaftler/inne/n und Wissenschaftler/inne/n unter­stützt wird. Hoff­nungs­voll stimmt, dass hier poli­ti­sche, wis­sen­schaft­li­che und reli­giö­se Initia­ti­ven zusam­men­ar­bei­ten, um eine an den Gren­zen unse­rer Ver­fas­sung ange­sie­del­te Pra­xis der Behör­den zu been­den. Gefor­dert wird zunächst nur die z. T. mora­lisch anstö­ßi­ge Anwen­dung des § 31 des Sozi­al­ge­setz­bu­ches II aus­zu­set­zen.