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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


8. September 2018

Die Mut­ter aller Pro­ble­me

SZ-Foto

Dass die Migration(sfrage) die Mut­ter aller Pro­ble­me sein soll, ist von #Mut­ti sach­lich zurück­ge­wie­sen wor­den. Es han­de­le sich um Her­aus­for­de­run­gen, neben Pro­ble­men gebe es auch Erfol­ge. Man muss #See­ho­fer frei­lich Respekt zol­len, er befin­det sich auf gutem Weg ein gro­ßer Twit­te­rer vor dem Herrn wie @realDonaldTrump zu wer­den. Logisch ist die­ser Sinn­spruch nicht, weil der All­quan­tor empi­risch nicht zu kon­trol­lie­ren ist. Empi­risch hat die Kanz­le­rin das Nöti­ge gesagt. Immer­hin lässt sich der Sinn­spruch als Über­trei­bung ver­ste­hen.
Ent­schei­den­der ist der Ges­tus des kol­por­tier­ten See­ho­fer­schen Sinn­spruchs. Für alle Pro­ble­me ist #Mut­ti mit ihrer Fehl­ent­schei­dung von 2015 ver­ant­wort­lich. Mer­kel muss weg, nur lei­der war das recht­lich o. k., wie der EuGH bestä­tigt hat. Also kämpft die CSU zusam­men mit ande­ren Kräf­ten dar­um, die­sen Feh­ler wie­der gut zu machen.
Dass tat­säch­lich Migrant*innen an der Tötung eines Deutsch-Kuba­ners in #Chem­nitz betei­ligt waren, ist der rea­le Hin­ter­grund. Aber das bei AfDC­SU belieb­te Argu­ment, dass das auf #Mut­ti zurück­ge­he, ist unhalt­bar. Sicher lässt sich ver­tei­di­gen, dass ohne #Mer­kel die­se wohl nicht dage­we­sen wären, schon die unter­blie­be­ne Abschie­bung eines Ver­däch­ti­gen nach Bul­ga­ri­en geht auf ande­re Betei­lig­te zurück. Und für das­je­ni­ge, was ein Mensch tut, ist die Kanz­le­rin nicht ver­ant­wort­lich zu machen.
Daher liegt hier eine unzu­läs­si­ge Ver­all­ge­mei­ne­rung vor. Weder töten Migrant*innen mehr als Deut­sche noch ver­ge­wal­ti­gen sie häu­fi­ger. Lei­der sind nicht alle vor­bild­li­che Men­schen – wie eini­ge Deut­sche auch nicht. Das ent­täuscht sicher­lich eini­ge Men­schen. Aber war das anders zu erwar­ten?
Die ver­all­ge­mei­nern­de Skan­da­li­sie­rung der Taten von Frei­burg, Kan­del und Chem­nitz geht daher in eine fal­sche Rich­tung. Es geht statt­des­sen um ruhi­ge und rea­lis­ti­sche Wahr­neh­mung.
Logisch und empi­risch ist See­ho­fers Sinn­spruch nicht gehalt­voll. Rhe­to­risch immer­hin ein Ver­such. Es geht aber um die prag­ma­ti­sche Poin­te. Die­se liegt in der Bestim­mung der Bedeu­tung des The­mas. Nach einer EMNID-Umfra­ge ist die Flücht­lings­fra­ge nicht mehr pro­mi­nent. Das soll für den Wahl­kampf wie­der anders wer­den. Ob das der CSU nützt – oder doch der AfD? Soll­te das Letz­te­re der Fall sein, hat sich das Pro­blem #See­ho­fer mut­maß­lich erle­digt.
Es ist viel­leicht kein Zufall, dass die Sicht der Kanz­le­rin auch vom säch­si­schen Minis­ter­prä­si­den­ten und vom Ver­fas­sungs­schutz-Prä­si­den­ten ange­grif­fen wird. In ihrem RTL-Som­mer­inter­view weist sie dar­auf hin, dass die Ver­fol­gung von Men­schen bei #Chem­nitz doku­men­tiert sei. Es ist daher m. E. not­wen­dig, dass die Sozialdemokrat*innen hier wach­sam tätig sind. Ob die CSU über­haupt noch regie­rungs­fä­hig oder auch -wil­lig ist, scheint eine offe­ne Fra­ge zu sein.

5. September 2018

Rechts­po­pu­lis­mus? Zur Kri­tik eines in den Medi­en belieb­ten Begriffs

 

Der Begriff wird z. B. auch von seriö­sen Poli­tik­wis­sen­schaft­ler*innen wie @ulrikeguerot über­nom­men, frei­lich wohl nicht ganz über­zeugt. Ich ver­su­che die Gene­se des Begriffs in den letz­ten 30 Jah­ren zu erfas­sen. Der „Populismus“-Begriff ist in jün­ge­rer Zeit im Kon­text der neo­li­be­ra­len Refor­men ent­stan­den bzw. auf­ge­nom­men wor­den, als neo­li­be­ra­le Auf­fas­sun­gen im Sin­ne von Hay­eks für vie­le gesell­schaft­li­che Berei­che als nor­ma­tiv gal­ten bzw. gel­ten soll­ten – und nicht nur als eine Auf­fas­sung zur Opti­mie­rung des Wirt­schafts­sys­tems, etwa im Unter­schied zu keyne­sia­ni­schen Ide­en. Kri­ti­ker*innen der Refor­men wie Oskar Lafon­tai­ne wur­den als „Popu­lis­ten“ bezeich­net, weil sie den neo­li­be­ra­len Rah­men nicht als „ver­nünf­tig“ ansa­hen – und eher (links)keynesianische Model­le etwa in der Fra­ge der Ren­ten­po­li­tik emp­fah­len. „Popu­lis­mus“ soll­te besa­gen, es wird nur ein Teil der Bevöl­ke­rung berück­sich­tigt, aber für das gesam­te Sys­tem sei die neo­li­be­ra­le Sicht­wei­se ver­nünf­tig bzw. ange­mes­sen. Die neo­li­be­ra­le Argu­men­ta­ti­ons­wei­se ist häu­fig ethisch mit einer uti­li­ta­ris­ti­schen Sicht­wei­se ver­bun­den. Lafon­tai­nes Kri­tik dage­gen sei „linkspopu­lis­tisch“. Inzwi­schen ist die Dis­kus­si­on z. B. wg. der „Alters­ar­mut“ wie­der offe­ner gewor­den. So sind ca. 75 % der Bürger*innen zudem nach einer FOR­SA-Umfra­ge davon über­zeugt, dass ein „star­ker Staat“ uner­läss­lich sei, was sowohl sozi­al als auch öko­no­misch gel­ten soll. https://www.abendblatt.de/politik/article208116845/Fast-drei-Viertel-der-Deutschen-fuer-starken-Staat.html

M. E. ist die Ver­wen­dung des Aus­drucks „Rechtspopu­lis­mus“ ähn­lich zu beschrei­ben. Hier spielt die Inter­pre­ta­ti­on des Slo­gans „Wir sind das Volk!“ der Bür­ger­rechts­be­we­gung in der DDR eine bedeu­ten­de Rol­le. Ursprüng­lich bezeich­ne­ten die Bürgerrechtler*innen damit den Sach­ver­halt, dass die DDR-Ver­fas­sung alle Bür­ger­rech­te ent­hielt, die­se aber durch die dik­ta­to­ri­sche Pra­xis der Bevöl­ke­rung nicht gewährt wur­den – was zum fried­li­chen und gewalt­lo­sen Wider­stand gegen SED und Staats­si­cher­heit berech­tig­te. Doch es gab wohl früh schon natio­na­lis­ti­sche Inter­pre­ta­tio­nen die­ses Slo­gans: „Wir sind die Ver­tre­ter des (deut­schen) Vol­kes!“, wie man para­phra­sie­ren könn­te. Dar­auf bezie­hen sich PEGI­DA und AfD. Nun ist es so, dass die AfD zur­zeit am ehes­ten 20 % der Bevöl­ke­rung reprä­sen­tiert, also nicht „das Volk“. Wie das „ZDF-Som­mer-Inter­view“ von Tho­mas Wal­de mit Alex­an­der Gau­land zeigt, ist das der AfD-Füh­rung bewusst. So kann sie hin­rei­chend Unord­nung schaf­fen, ein schar­fer Oppo­si­ti­ons­kurs erscheint ihr aus­rei­chend und legi­tim. Das Schau­spiel der Kri­tik des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters Horst See­ho­fer an der Bun­des­kanz­le­rin und die zeit­wei­se Läh­mung des Regie­rungs­ap­pa­ra­tes ist ein Zei­chen dafür, dass die­se Stra­te­gie funk­tio­niert. Ob es zu einer rela­ti­ven Inte­gra­ti­on von AfD-The­sen kommt, ist noch nicht abseh­bar, scheint aber wahr­schein­lich. Denn die ande­ren Par­tei­en möch­ten ihre Wähler*innen zurück, das ist nicht nur bei CDSU der Fall, son­dern auch bei SPD und „Auf­ste­hen“. Man/frau kann nur hof­fen, dass dabei die Huma­ni­tät und der Art. 1 GG beach­tet wer­den. Jeden­falls ist klar gewor­den, dass die Furcht vor frem­den Men­schen doch ein wesent­li­ches Ele­ment in vie­len Bevöl­ke­rungs­grup­pen ist. Die erstaun­li­che Erfolg­lo­sig­keit der auf­klä­re­ri­schen Beschrei­bung des Islam zeigt m. E. die star­ke Domi­nanz von Emo­tio­nen bzw. antik Lei­den­schaf­ten wie Furcht bzw. Angst bei der Erör­te­rung die­ser Fra­ge. Was kann also die phi­lo­lo­gisch und reli­gi­ons­ge­schicht­lich auf­schluss­rei­che Arbeit der Ber­li­ner Ara­bi­stin #Ange­li­ka­Neu­wirth gegen den bil­dungs­fer­nen Zynis­mus des frü­he­ren Ber­li­ner Finanz­se­na­tors und rech­ten Sozi­al­de­mo­kra­ten #Thi­loS­ar­ra­zin aus­rich­ten?
M. E. erscheint es daher emp­feh­lens­wert, anstel­le der schein­bar über­le­ge­nen Pole­mik gegen „Rechts­po­pu­lis­mus“ eher auf die zum Aus­gleich ten­die­ren­den poli­ti­schen Pro­zes­se zu ach­ten – und dabei zu ver­su­chen, Huma­ni­tät und die Wür­de aller Men­schen zu bewah­ren. Es ist ethisch genau­so gut, Men­schen in ihren Hei­mat­län­dern zu hel­fen wie hier. Ver­zicht auf schein­bar über­le­ge­ne Pole­mik gegen „Rechts­po­pu­lis­mus“ ist auch des­halb emp­feh­lens­wert, weil sich häu­fi­ger zeigt, dass die Idea­li­sie­rung von Grup­pen wie „Flücht­lin­gen“ nicht ent­täu­schungs­fest ist, was zuletzt in #Chem­nitz wie­der deut­lich wur­de.

28. August 2018

#Chem­nitz

Pogrom­stim­mung in Chem­nitz

Das Ermor­den (?) eines deutsch-kuba­ni­schen jun­gen Man­nes durch mut­maß­lich Migran­ten hat in #Chem­nitz zu der Jagd auf Ausländer*innen sei­tens ca. 800 rech­ten ent­hemm­ten Men­schen geführt, was auch durch im Inter­net ver­brei­te­te Auf­ru­fe aus­ge­löst wur­de. Es han­delt sich um ein Pogrom.
Die Rechts­staats­fra­gen wur­den aus­führ­lich erör­tert, es bleibt fest­zu­hal­ten, dass in Sach­sen die­ser z. T. nicht zu exis­tie­ren scheint. Hier ist die Fra­ge zu stel­len, ob ersatz­wei­se nicht Ein­hei­ten der Bun­des­po­li­zei ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Die Frei­heit der Pres­se wird vom Minis­ter­prä­si­den­ten und Tei­len der Poli­zei miss­ach­tet, der Schutz von Leib und Leben wur­de in #Chem­nitz außer Kraft gesetzt. Jeden­falls braucht die säch­si­sche CDU eine Inten­siv­kur durch #Mut­ti.
Was aber auch die Auf­ga­be der säch­si­schen SPD sein könn­te. Sie regiert in einer Regie­rung mit, wel­che das Grund­ge­setz z. T. miss­ach­tet. Wenn sie das ändern könn­te, gewön­ne sie mög­li­cher­wei­se Pro­fil. Die SPD ist die­je­ni­ge demo­kra­ti­sche Par­tei, die dem Ermäch­ti­gungs­ge­setz nicht zuge­stimmt hat. Und es ist unüber­seh­bar, dass die säch­si­sche CDU z. T. nicht mehr ver­fas­sungs­treu ist.

6. Mai 2012

TUD: Krieg und Frie­den im NT)">Lk 2,1-20 (TUD: Krieg und Frie­den im NT)

 

Natür­lich stand der Chor der „Himm­li­schen Heer­scha­ren“ mit Recht in einem Fokus der Auf­merk­sam­keit. Er singt aber wenig mili­tä­risch vom „Frie­den auf Erden“, der von dem in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen gebo­re­nen gött­li­chen Kind aus­geht. Die­ses steht im Gegen­satz zum Kai­ser Augus­tus, der für eine Steu­er­schät­zung ver­ant­wort­lich ist, wes­halb Josef mit sei­ner schwan­ge­ren Frau Maria in sei­ne Hei­mat­stadt Beth­le­hem muss­te. Der Text erweckt mit­hin den Ein­druck, dass die mit Kai­ser August ver­bun­de­ne Pax Roma­na, der „Frie­den des Römi­schen Rei­ches“ zumin­dest etwas kom­pli­zier­ter zu betrach­ten ist.

Die „Hir­ten auf dem Feld“ ste­hen für eine wenig wohl­ha­ben­de Bevöl­ke­rungs­grup­pe, die das Kind auf­sucht. Sym­bo­lisch erin­nern sie aber auch an die David­sto­rys, denen zufol­ge der Hir­ten­jun­ge David zum ers­ten König Isra­els wur­de, wor­an zeit­ge­nös­si­sche mes­sia­ni­sche Hoff­nun­gen im Juden­tum anknüpf­ten – und die auch ein Pro­blem des frü­hen Chris­ten­tums dar­stell­ten.

19. April 2012

Ethik in Exis­tenz­phi­lo­so­phie und Exis­ten­zia­lis­mus

In der letz­ten Sit­zung haben wir kurz den Uti­li­ta­ris­mus gestreift und uns haupt­säch­lich erneut mit den Fra­gen der Dis­kur­s­ethik befasst.

 

Die Exis­tenz­phi­lo­so­phie, die spä­ter mit Sart­re u. a. zum „Exis­ten­zia­lis­mus“ wur­de, beginnt in der Zeit­pha­se, die wir mit Schlei­er­ma­chers Ent­wurf wahr­ge­nom­men haben – und ist mit dem Namen Søren Kier­ke­gaard ver­bun­den. (more…)

22. März 2012

Die Pro­zess-Ethik Schlei­er­ma­chers

1               Erin­ne­rung an die letz­te Sit­zung

Unse­re Begeg­nung mit der Pflich­ten­leh­re Imma­nu­el Kants blieb strit­tig. Es gab Ver­su­che, Kants Ethik näher zu ver­ste­hen, auch zu ver­tei­di­gen – ein Kurs­teil­neh­mer schlug vor, die Auf­fas­sung der Ethik nach dem Auf­tre­ten des Manns aus Königs­berg fol­gen­der­ma­ßen zu unter­tei­len: Ethik bis Kant – auf Kants Niveau oder hin­ter Kant zurück­ge­fal­len. Ande­re schie­nen nicht die­ser Über­zeu­gung zu sein, ins­be­son­de­re nicht von Kants Argu­ment für die Ableh­nung der Güter­leh­re, weil die­se nicht vor dem Hang zum Bösen gefeit sei, man hier­mit den Nei­gun­gen ver­fal­len sei, wenn man ein Gut anstre­be. Das tran­szen­den­ta­le Kon­zept der Sub­jek­ti­vi­tät, wel­ches offen­bar hin­ter Kants Opti­on für die Pflich­ten­leh­re und die ent­spre­chen­den kate­go­ri­schen Impe­ra­ti­ve steht, leuch­te­te man­chen Teilnehmer/innen nicht recht ein. Aller­dings akzep­tier­ten alle, soweit sie sich äußer­ten,

  • das Prin­zip der Uni­ver­sa­li­sier­bar­keit von ethi­schen Maxi­men, aber auch Kants
  • Akzep­tanz der Men­schen­rech­te als Grund­la­ge der Ethik. (more…)
14. März 2012

Die auto­no­me Ethik Kants

1              Erin­ne­rung an die Sit­zung vom 12.03.

Die Sit­zung ergab, dass im nächs­ten Kurs das The­ma

  • Erkennt­nis­theo­rie“

behan­delt wer­den soll. Der Dozent ver­sprach, dass die Durch­füh­rung des Kur­ses nicht „drö­ge“ sein sol­le. Zur im Kurs ver­wen­de­ten Lite­ra­tur vgl. hier.

Zunächst muss sich der Dozent dafür ent­schul­di­gen, dass er mit dem Schlei­er­ma­cher­zi­tat zur Geschich­te von Güter-, Tugend- und Sit­ten­leh­re und deren Dar­stel­lungs­wei­se in einer Ethik bei den Teil­neh­men­den ein Über­for­de­rungs­ge­fühl erzeugt hat, weil dies eben auch nicht in Lexi­ka und Sekun­där­li­te­ra­tur wie bei Höf­fe oder Tugend­hat adäquat dar­ge­stellt wird. Ich hät­te das Zitat schlicht auf einer Sei­te inter­pre­tie­ren sol­len. Schon 1812 war die Behand­lung der Güter­leh­re ganz zurück­ge­tre­ten, mit der Tugend­leh­re mag es etwas bes­ser gestan­den haben. (more…)

6. März 2012

Begrif­fe der Ethik, „Güter-, Tugend- und Pflich­ten­leh­re“, „gut“ und „schlecht“, „Ethik vs. Moral“

In der letz­ten Sit­zung wur­den drei The­men fest­ge­legt, die im Kurs nächs­tes Semes­ter ver­han­delt wer­den könn­ten – und in der kom­men­den Sit­zung abge­stimmt wer­den sol­len:

  • Erkennt­nis­theo­rie: Gren­zen, Bedin­gun­gen, Medi­en und Mög­lich­kei­ten mensch­li­cher Erkennt­nis;
  • Mas­se und Macht. Sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche und phi­lo­so­phi­sche Erwä­gun­gen;
  • Kunst(-lehre) und Tech­nik. Phi­lo­so­phi­sche Refle­xi­on wesent­li­cher Hand­lungs­ty­pen.

In die­ser Sit­zung wur­den auch zwei typi­sche Tex­te des Aris­to­te­les bespro­chen, wel­cher eine Güter­leh­re vor­trägt und die hier­für nöti­gen Ver­nunft­po­ten­zia­le als Tugen­den (z. B. „Tap­fer­keit“, „Beson­nen­heit“) bestimmt – bzw. die Ver­tei­lung sol­cher Tugen­den bei den indi­vi­du­ell Han­deln­den durch sei­ne „Mit­te-Leh­re“ zu erfas­sen sucht, wel­che jeweils indi­vi­du­el­le Lebens­ge­schich­ten berück­sich­tigt. (more…)

1. März 2012

VHS Neckar­ge­münd Ethik II">VHS Neckar­ge­münd Ethik II

1              Erin­ne­rung an die ers­te Sit­zung

Der Kurs beschloss, den Kurs­plan fol­gen­der­ma­ßen zu ändern:

1.    Erin­ne­rung an den letz­ten Kurs (27.02.)
2.    Die Ent­ste­hung des Begriffs der „Ethik“ (ἠθικὰ Νικομάχεια, ēthi­ká Nikomácheia) bei Aris­to­te­les (05.03.)
3.    Moral – Ethik; Güter, Tugen­den und Pflich­ten (Begriffs­fest­le­gun­gen) (12.03.)
4.    Auto­no­me Ethik (Kant) (19.03.)
5.    Pro­zess-Ethik (F. D. E. Schlei­er­ma­cher) (26.03.)
6.    Dis­kurs-Ethik (Peirce u. a.) (02.04.)
7.    Uti­li­ta­ris­ti­sche Ethik (16.04.)
8.    Exis­ten­zi­el­le bzw. exis­ten­zia­lis­ti­sche Ethik (23.04.)
9.    Prin­zip Ver­ant­wor­tung – Zukunfts­ethik (30.04.)
10.  Medi­zi­nethik – Public-Health-Ethik (14.05.)

Bit­te schla­gen Sie beim nächs­ten Mal The­men für den nächs­ten Kurs vor, über die beim über­nächs­ten Mal abge­stimmt wer­den kann!

2              Die Ent­ste­hung des Begriffs der „Ethik“ bei Aris­to­te­les

Der phi­lo­so­phi­sche Dis­kurs dar­über, was „Ethik“ ist, beginnt in der klas­si­schen Peri­ode der Phi­lo­so­phie in den grie­chi­schen Stadt­staa­ten, ins­be­son­de­re in Athen. Die­ser geht ein lan­ger Dis­kurs vor­aus, der ins­be­son­de­re durch Homer und Hesi­od, aber auch ande­re Poet/inn/en doku­men­tiert ist. Dabei muss beach­tet wer­den, da die­se refle­xi­ve phi­lo­so­phi­sche Dis­zi­plin „Ethik“ erst mit Aris­to­te­les beginnt. (Vgl. Ste­phan H. Pfürt­ner, Ethik in der euro­päi­schen Geschich­te I, 1988) (more…)

3. November 2011

Die Semio­tik Charles Peirce’ (Vhs Neckar­ge­münd)

Die letz­te Sit­zung befass­te sich mit dem Ethik­ent­wurf Peirce’, was schon durch die For­mu­lie­rung der Prag­ma­ti­schen Maxi­me vor­be­rei­tet war – wobei ich auf die ent­spre­chen­den Tech­ni­ken und Kunst­leh­ren hin­ge­wie­sen hat­te, die kei­nes­wegs nur zur Anwen­dung der Wis­sen­schaf­ten gehö­ren, son­dern durch­aus zur Pro­duk­ti­on von „Wis­sen“ die­nen. Die „Ethik“ Peirce’ beruht auf grund­le­gen­den Erwä­gun­gen des Aris­to­te­les, was sich auch in dem Begriff der „Über­le­gung“ nie­der­schlägt, der eine Neu­fas­sung des Begriffs der sofro­sy­ne (Beson­nen­heit) ist.

Mit­hin sind Wis­sen­schaf­ten – anders als bei den Positivist/inn/en und den Neukantianer/innen nicht wert­neu­tral. Es ließ sich auch an Weber ganz leicht auf­zei­gen, dass selbst die­se For­de­rung nur durch bewer­ten­des Spre­chen mög­lich ist, mit­hin selbst ein Fall der „Ethik“ wäre. Peirce’ Ver­or­tung der „Ethik“ als nor­ma­ti­ve Wis­sen­schaft vor der Logik, stellt sicher, dass sol­che doch recht schlich­ten logi­schen Feh­ler ver­mie­den wer­den.

Positivist/inn/en und Neukantianer/innen sind daher den nicht selbst­kon­trol­lier­ten und wenig beson­ne­nen öko­no­mi­schen oder poli­ti­schen Inter­es­sen ganz hilf­los aus­ge­lie­fert gewe­sen, was den Bei­trag der Wis­sen­schaf­ten zu min­des­tens drei gro­ßen Kri­sen zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts sicht­bar macht:

  • Nut­zung der Kern­ener­gie
  • Kli­ma­ka­ta­stro­phe
  • Nahe­zu eine Mil­li­ar­de, mit­hin ein Sieb­tel der Men­schen, ste­hen vor dem Hun­ger­tod (Felix zu Löwen­stein, Food Crash [2011])

In allen die­sen drei Phä­no­me­nen wird erst ein schein­bar nahe­lie­gen­des Modell ver­tre­ten, wel­ches Gefah­ren ban­nen und öko­no­mi­sche Pro­duk­ti­vi­tät oder poli­ti­sche Sicher­heit erzeu­gen könn­te, tat­säch­lich aber wer­den unbe­son­ne­ne Metho­den ver­wen­det, wel­che sich letzt­lich nicht bewäh­ren und fata­le Fol­gen zei­ti­gen. Daher ist die „Ethik“ so wich­tig, die Peirce’ zufol­ge unter Ein­be­zie­hung aller Men­schen gesche­hen muss. Wir sehen das neu­er­dings in der rich­ti­gen Inten­ti­on von Papan­d­reou, das grie­chi­sche Volk über sei­nen Weg selbst abstim­men zu las­sen. Natür­lich gibt es dage­gen Wider­stand der poli­ti­schen Klas­se hier­zu­lan­de und in Grie­chen­land, aber es ist eine Fol­ge der Athe­ner Demo­kra­tie so zu optie­ren.

Damit wird das vier­te Pro­blem sicht­bar, das auch im Werk Peirce’ sicht­bar ist:

  • Der Pri­mat der „Ethik“ for­dert den Pri­mat demo­kra­ti­scher Poli­tik über die öko­no­mi­schen Inter­es­sen.

Der Bei­trag Peirce’ besteht vor allem dar­in, dass er die semio­tisch-logi­sche Sub­ti­li­tät erhöht hat, um auch im All­tag leich­ter all­zu schlich­te Alter­na­ti­ven und Lösungs­we­ge durch­schau­en zu kön­nen. Semio­ti­sche Kom­pe­tenz erhöht mit­hin die All­tags­kom­pe­tenz und stärkt all­tags­phi­lo­so­phi­sche Bemü­hun­gen – ganz leicht ist sie den­noch nicht … Wir wen­den uns heu­te aber vor allem der wis­sen­schaft­li­chen Bedeu­tung zu. In der nächs­ten Sit­zung schen­ken wir der rela­tio­na­len Begriffs­theo­rie Peirce’ Beach­tung, die unse­re Betrach­tungs­wei­sen ändern könn­te, wir haben dies in unse­rem Kurs schon bei Brod­beck gese­hen, der die Miss­ach­tung der Rela­ti­on als zen­tra­ler Kate­go­rie für vie­le Miss­stän­de in unse­ren Gesell­schaf­ten ver­ant­wort­lich macht: Es sind hier nicht nur wis­sen­schaft­li­che, son­dern brei­te All­tags­über­zeu­gun­gen, die nega­ti­ve Fol­gen haben.

Der Prag­ma­tis­mus ist mit eini­gen Auf­sät­zen auch in die wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Dis­kus­si­on ein­ge­tre­ten, die Charles San­ders Peirce seit 1868 in der Zeit­schrift The Jour­nal of Spe­cu­la­ti­ve Phi­lo­so­phy ver­öf­fent­licht hat, dar­un­ter auch der berühm­te Auf­satz How to Make Our Ide­as Clear (1878), am leich­tes­ten erreich­bar in: The Essen­ti­al Peirce I, 1992, 142ff; eine eini­ger­ma­ßen pas­sa­ble Über­set­zung fin­det sich in Apel, Peirce. Schrif­ten zum Prag­ma­tis­mus usf. (1991; stw 945), 182ff. Der phi­lo­so­phi­sche Ansatz der ursprüng­li­chen Prag­ma­tis­ten Peirce, James, Dew­ey schätzt die Bedeu­tung der Wis­sen­schaf­ten hoch ein, daher gebührt ihnen auch phi­lo­so­phi­sche Auf­merk­sam­keit. Peirce ist als Ein­zel­wis­sen­schaft­ler Logi­ker gewe­sen, er hat die moder­ne Rela­tio­nen­lo­gik mit ent­wi­ckelt, außer­dem war er einer der Begrün­der der Semio­tik. Wil­liam James gilt mit Recht als einer der Begrün­der der empi­ri­schen Psy­cho­lo­gie. John Dew­ey ist nach mei­nem Urteil der bedeu­tends­te nach­klas­si­sche Päd­ago­ge. Die Prag­ma­tis­ten ver­tre­ten z. T. sehr unter­schied­li­che Posi­tio­nen, aber sie eint den­noch eine Grund­über­zeu­gung, die Dew­ey so zusam­men­fasst, wel­che wir uns noch ein­mal ver­deut­li­chen soll­ten:

Sofern sich jemand schon auf die Über­zeu­gung ver­pflich­tet hat, dass die Rea­li­tät sau­ber und abschlie­ßend in einem Paket mit einem Band ver­packt ist, das nicht mehr auf­ge­schnürt wer­den kann, es mit­hin kei­ne unvoll­ende­ten The­men oder neue Aben­teu­er gibt, wird er der Auf­fas­sung wider­spre­chen, dass Wis­sen eine Dif­fe­renz erzeugt, wie man auch sonst jedem unver­schäm­ten auf­dring­li­chen Men­schen wider­spricht. Doch sofern man davon über­zeugt ist, dass sich die Welt selbst im Über­gangs­pro­zess befin­det, war­um soll­te dann die Über­zeu­gung, dass das Wis­sen der bedeu­tends­te Modus ihrer Modi­fi­ka­ti­on und das ein­zi­ge Organ ihrer Lei­tung sei, a prio­ri schäd­lich sein? (Does Rea­li­ty Pos­sess a Prac­tical Cha­rac­ter?, The Essen­ti­al Dew­ey I, 124ff, 125).

Dies besagt im Kon­text die­ses grund­le­gen­den Auf­sat­zes min­des­tens drei­er­lei:

(1)  Die Rea­li­tät sei nicht nur prak­tisch erschließ­bar, das scheint auf­grund der expe­ri­men­tel­len Pra­xis der Natur­wis­sen­schaf­ten seit dem 17. Jahr­hun­dert unab­weis­bar. Das wäre ein blo­ßer tru­ism, eine blo­ße Bin­sen­wahr­heit. Die Prag­ma­tis­ten ver­tre­ten aber dar­über hin­aus:

(2)  Die Rea­li­tät steht den han­deln­den Men­schen, auch den expe­ri­men­tie­ren­den Wissenschaftler/innen nicht sta­tisch gegen­über, son­dern sie wird sowohl durch das Expe­ri­ment als auch durch die dar­auf fol­gen­de Pra­xis ver­än­dert. Inso­fern befin­det sich die Rea­li­tät in einem durch mensch­li­ches wis­sen­schaft­li­ches Erken­nen mit­be­stimm­ten Ver­än­de­rungs­pro­zess. Auch dies war im letz­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts auf­grund der öko­no­misch-tech­ni­schen Umset­zung phy­si­ka­li­scher und che­mi­scher Erkennt­nis­se unab­weis­bar.

(3)  Dar­über hin­aus war allen klas­si­schen Prag­ma­tis­ten klar, dass auch die Fol­gen der Hand­lun­gen in der Wis­sen­schaft in die Erfas­sung wis­sen­schaft­li­cher Hand­lun­gen ein­ge­hen müs­sen. Auch bei heu­ti­gen Prag­ma­tis­ten wie Put­nam, Haber­mas, Ham­pe und Pape wird genau dies betont – und das ist ange­sichts des kata­stro­pha­len Schei­terns des wis­sen­schaft­lich-öko­no­misch-tech­ni­schen Pro­jek­tes vor allem an der Kli­ma­ver­än­de­rung, aber auch der Nut­zung der Kern­ener­gie und der Erzeu­gung von  Hun­ger über­aus aktu­ell.

1                               Semio­tik und Erkennt­nis

Es war das von allen ande­ren auch aner­kann­te Ver­dienst Peirce’ bestimm­te Grund­la­gen logisch-semio­ti­scher Art gelegt zu haben, die manch­mal nicht direkt zitiert wer­den, aber noch bis zu Dew­eys Theo­ry of Inqui­ry (1938 [vgl. wich­ti­ge Aus­zü­ge in: The Essen­ti­al Dew­ey II]), die akzep­tier­te Grund­la­ge bil­de­ten. Dew­ey hat­te bei Peirce Logik gehört – und das macht sich auf jeden Fall bemerk­bar.

Gra­fik 1: Genu­in Tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on, kei­nes der drei Rela­ta der Bezeich­nungs­re­la­ti­on Zei­chen, Objekt und Inter­pre­tant darf feh­len, alle sind stets durch die genu­in tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on ver­bun­den, der Inter­pre­tant ist stets eine refle­xi­ve Inter­pre­ta­ti­on eines schon vor­han­den Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zes­ses.

Ein Zei­chen oder Reprä­sen­ta­men ist alles, was in einer sol­chen Bezie­hung zu einem Zwei­ten steht, dass sein Objekt genannt wird, dass es fähig ist ein Drit­tes, das sein Inter­pre­tant genannt wird, dahin­ge­hend zu bestim­men, in der­sel­ben tria­di­schen Rela­ti­on zu ste­hen, in der es selbst steht. Das bedeu­tet, dass der Inter­pre­tant selbst ein Zei­chen ist, das ein Zei­chen des­sel­ben Objekts bestimmt – und so fort ohn Ende. (Phä­no­men und Logik der Zei­chen, 64)

Dass Erken­nen und wis­sen­schaft­li­ches Erken­nen Zei­chen­pro­zes­se sind, ist eigent­lich auch ein tru­ism, aber lei­der wird die­ser häu­fig nicht beach­tet. Noch heu­te meint man, eine wis­sen­schaft­li­che Behaup­tung sei eine Vor­stel­lung, ein men­ta­les Urteil, mög­li­cher­wei­se han­delt es sich sogar um – bis­lang unbe­ob­acht­ba­re – Gehirn­pro­zes­se. Davon kann kaum eine Rede sein, wis­sen­schaft­li­che Behaup­tun­gen wer­den öffent­lich gemacht, öffent­lich dis­ku­tiert usf. Mit­hin sind sie Zei­chen­pro­zes­se. Die Poin­te Peirce’ besteht in zwei wesent­li­chen Punk­ten:

(1)  Der wis­sen­schaft­li­che Pro­zess ist als Erken­nen mit dem Objekt in einer genu­in tria­di­schen Rela­ti­on rela­tio­nal ver­bun­den, die sinn­li­che Wahr­neh­mung des „Objekts“ im „Zei­chen“ wird im „Inter­pre­t­an­ten“ dar­ge­stellt. Da der Inter­pre­tant selbst­re­fle­xiv dar­stellt, ist auch unter­stellt, dass schon die sinn­li­che Wahr­neh­mung im Zei­chen auf einen sol­chen tria­di­schen Pro­zess zurück­geht, mit­hin: Sofern sinn­li­che Wahr­neh­mung selbst ein Zei­chen­pro­zess ist, sind die angeb­li­chen Sin­nes­da­ten als abso­lu­ter Aus­gangs­punkt wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis, wie dies die Posi­ti­vis­ten unter­stell­ten, Tei­le eines unend­li­chen Zei­chen­pro­zes­ses, ein Punkt, den beson­ders Bert­rand Rus­sell als über­aus bedroh­lich emp­fand; vgl. die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Rus­sell und Dew­ey in: The Essen­ti­al Dew­ey II, 201ff; 408ff; mit aus­führ­li­chen und fai­ren Rus­sell­zi­ta­ten, in denen Rus­sell auf der Mach­schen Posi­ti­on beharrt.) Dew­ey hat spä­ter mit Recht betont, dass die Ide­en von Peirce mit denen von Whitehead beson­ders ver­wandt sei­en, weil bei­de auf unter­schied­li­che Wei­se, den fal­schen Gemein­platz infra­ge­ge­stellt hät­ten, es gäbe so etwas wie eine Sub­jekt-Objekt-Spal­tung usf. bzw. eine fak­tisch siche­re Aus­gangs­ba­sis in Sin­nes­da­ten. Auch Sin­nes­da­ten beru­hen auf einem Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zess, so Peirce, mit­hin müs­sen vie­le sol­che Inter­pre­ta­tio­nen mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den. Folg­lich ist anders als Pop­per mein­te, nicht nur die Induk­ti­on pro­ble­ma­tisch, wie also die Sin­nes­da­ten zu einer Theo­rie zusam­men­ge­fügt wer­den, schon die sinn­li­che Erfah­rung stellt eine prin­zi­pi­ell fal­li­ble Inter­pre­ta­ti­on dar.

(2)  Für alle Prag­ma­tis­ten bis hin zu Haber­mas heißt das dann, dass der Wis­sen­schafts­pro­zess zukunfts­of­fen ist, er hat als Ziel mit­hin die Zustim­mung aller der­je­ni­gen, die sich wis­sen­schaft­lich kom­pe­tent enga­gie­ren. Bzw. man kann zurück­hal­ten­der sagen, dass er die­ses Ziel  haben kön­nen muss, wenn man gründ­lich nach­denkt. Dies heißt dann aber auch, dass man im Sin­ne der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ Peirce’ stets die Kon­se­quen­zen des eige­nen wis­sen­schaft­li­chen Han­delns mit­be­den­ken muss, Ethik­ko­mis­sio­nen wer­den heu­te addi­tiv sozu­sa­gen stan­dard­mä­ßig auf­ge­baut. Für Dew­ey bedeu­te­te dies, dass die Zahl der­je­ni­gen, die wis­sen­schaft­lich kom­pe­tent sind, durch geeig­ne­te demo­kra­ti­sche Erzie­hung mög­lichst weit gefasst wer­den muss; vgl. dazu mei­ne Dar­stel­lung. Anders als in der spät­po­si­ti­vis­ti­schen oder neo­po­si­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on Pop­pers liegt also kein prin­zi­pi­el­ler Erkennt­nis­zwei­fel vor. Statt­des­sen besteht die Erwar­tung, dass die Wis­sen­schaf­ten vor dem Hin­ter­grund einer brei­ten Kom­pe­tenz in der Bevöl­ke­rung ihre hoch­kom­ple­xen und uni­ver­sal ange­setz­ten Auf­ga­ben eini­ger­ma­ßen lösen und dabei die Rea­li­tät zuguns­ten sitt­li­cher Zie­le ver­än­dern könn­ten. Es sind hier also kei­nes­wegs die wis­sen­schaft­li­chen Expert/inn/en gefragt, son­dern die ursprüng­li­che prag­ma­tis­ti­sche Idee besteht dar­in, dass es zu einer Demo­kra­tie gehört, dass das Wis­sen­schafts­sys­tem mög­lichst vie­le Men­schen durch All­ge­mein­bil­dung und in die Tie­fe gehen­de unend­li­che Bil­dungs­be­mü­hun­gen betei­ligt. Dies ist beson­ders ein­drück­lich von Dew­ey bedacht wor­den, der auch die ent­spre­chen­den sozia­len Vor­aus­set­zun­gen immer deut­li­cher erkann­te, z. B. einen Sozi­al­staat, der deut­lich über gewöhn­li­che „ame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se“ hin­aus­geht; vgl. „Demo­cra­cy is Radi­cal“, in: The Essen­ti­al Dew­ey I, 337ff, aber Dew­ey zufol­ge sehr wohl in den klas­si­schen Doku­men­ten der ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on und Demo­kra­tie ange­legt sei.

Inter­es­sant ist, dass der schon in unse­ren Kurs­zu­sam­men­hän­gen erwähn­te Johann Jakob von Uex­küll prin­zi­pi­ell den Ansatz von Peirce und Dew­ey, dass also „Rea­li­tät“ im dar­ge­stell­ten Sin­ne unter Zei­chen­ver­wen­dung „prak­tisch“ sei, auch bei den leben­den Wesen ab dem Ein­zel­ler unter­stellt:

Gra­fik 2: Quel­le: Thu­re von Uex­küll u. a., Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin, 2008, 9.

Das „Mer­ken“ führt zum „Wir­ken“, wodurch die Rea­li­tät, die wahr­ge­nom­men wur­de, ver­än­dert wird. Dies geht Uex­küll zufol­ge nur durch eine ent­spre­chen­de Inter­pre­ta­ti­on, die u. a. am eige­nen Bedürf­nis ori­en­tiert ist.

Zwi­schen den Prag­ma­tis­ten und von Uex­küll scheint kei­ne wech­sel­sei­ti­ge oder auch nur ein­sei­ti­ge Wahr­neh­mung zustan­de­ge­kom­men zu sein. Hier liegt aber eine wesent­li­che wis­sen­schaft­li­che Chan­ce, um Ein­sei­tig­kei­ten in der Bio­lo­gie infra­ge zu stel­len.

2                             Fal­li­bi­lis­mus

Wer die Rea­li­tät als in einem stän­di­gen Über­gangs­pro­zess begrif­fen sieht, kann die Rol­le der Wis­sen­schaf­ten ganz gelas­sen als sozia­le Sys­te­me mit Fal­li­bi­lis­mus als wesent­li­chem metho­di­schem Aspekt und dau­ern­der selbst­kri­ti­scher Besin­nung bestim­men. Der ent­spre­chen­de Wiki­pe­diaar­ti­kel hat das unbe­streit­ba­re Ver­dienst, die Sache nicht ganz auf Pop­pers Niveau her­un­ter­zu­bea­men. M. E. ist Pop­pers Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus kein Fal­li­bi­lis­mus im Sin­ne von Peirce und Dew­ey, dass dies den­noch oft als Fal­li­bi­lis­mus bezeich­net wird, ist ein bedau­er­li­cher Man­gel, aber so etwas kommt in der Wis­sen­schafts- und Phi­lo­so­phie­ge­schich­te nicht sehr sel­ten vor. Der Fal­li­bi­lis­mus ist auf­grund der Grund­idee der Prag­ma­tis­ten wis­sen­schaft­lich zwin­gend, weil schon die Sin­nes­da­ten Tei­le der dyna­mi­schen genu­in tria­di­schen Bezeich­nungs­re­la­ti­on sind, ganz zu schwei­gen von allen wei­te­ren abduk­ti­ven, induk­ti­ven oder gele­gent­lich auch deduk­ti­ven Inter­pre­ta­tio­nen grö­ße­ren Aus­ma­ßes. Wei­ter ist den Prag­ma­tis­ten zufol­ge die Bedeu­tung einer wis­sen­schaft­li­chen Behaup­tung oder Theo­rie auf die Zukunft aus­ge­legt, mit­hin kön­nen im Ver­lauf ihrer Wei­ter­in­ter­pre­ta­ti­on stän­dig Ver­än­de­run­gen auf­tre­ten – und wie die Wis­sen­schafts­ge­schich­te zeigt, ist dies auch der Fall. Jede Induk­ti­on muss sich in der Zukunft bewäh­ren – und das gilt auch und gera­de für die Natur­ge­set­ze, die man­che für recht gut erkannt hal­ten. Aller­dings zeigt die Geschich­te der Wis­sen­schaf­ten auch, dass bestimm­te Ein­sich­ten wis­sen­schaft­li­cher Art sich bewährt haben. Das ist des­halb der Fall, weil wir unse­re Behaup­tun­gen und Theo­ri­en in ent­spre­chen­den Pra­xis­si­tua­tio­nen stets über­prü­fen und ver­bes­sern kön­nen, das setzt mit Dew­ey eben eine sehr ver­brei­te­te wis­sen­schaft­li­che Kom­pe­tenz in einer mög­lichst brei­ten Öffent­lich­keit vor­aus. Pop­per ist gegen die­se Auf­fas­sung rela­tiv mas­siv vor­ge­gan­gen und hat ent­spre­chen­de Poli­tik­be­ra­tung bei Hel­mut Schmidt u. a. betrie­ben. Das war vor allem in der Fra­ge der Kli­ma­ka­ta­stro­phe fatal – auch das an sich ganz intel­li­gen­te Men­schen wie Hel­mut Schmidt sich von Pop­pers Aura täu­schen lie­ßen, anstatt des­sen Behaup­tun­gen kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Daher lässt sich inzwi­schen an die­sem Bei­spiel eigent­lich ganz leicht sehen, dass der Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus Pop­pers mit dem Fal­li­bi­lis­mus von Peirce und Dew­ey schwer­lich mit­hal­ten kann. Pop­per hat die öko­lo­gi­schen Behaup­tun­gen und Theo­ri­en nur als zu fal­si­fi­zie­ren­de Theo­ri­en betrach­tet, dabei waren die Ansich­ten von Alfred Rus­sel Wal­lace im Kern rich­tig. Sie müs­sen wie jede Theo­rie natür­lich ange­passt wer­den. Aber die Idee des Erkennt­nis­zwei­fels, die hin­ter Pop­pers Theo­rie liegt, scheint eher zwei­fel­haft, wie die Ent­wick­lung zeigt.