Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


9. November 2012

Die Erkenntnis von Naturgesetzen

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Die Sitzung über alltägliche Erfahrung, deren Abschluss eine „Erkenntnis“ ist, verlief konstruktiv. Bestimmte Aspekte der Phänomenologie wurden kurz angesprochen, wie dass es in ihr wie im Pragmatismus keine Subjekt-Objekt-Spaltung gibt. Daher sind wir im Alltag mit den Gegenständen unseres Erkennens verbunden bzw. gehen mit ihnen in intersubjektiv offenen Situationen um. Diese Einsicht geht u. a. auf das Mitspieler-Sein im Sinne Kants zurück. Wir stehen der Realität gar nicht getrennt von ihr gegenüber – und dies lässt sich im Alltag erfahren.

2               Die Erkenntnis von Naturgesetzen

„Das Wort Erkenntnis ist ebenfalls ein passender Terminus, um Ziel und Abschluss der Forschung zu bezeichnen. Aber es leidet ebenfalls unter einer Zweideutigkeit. Wenn man sagt, die Gewinnung von Erkenntnis oder Wahrheit sei das Ziel der Forschung ist diese Aussage, nach der hier eingenommenen Position eine Tautologie. Das, was die Forschung auf befriedigende Weise abschließt, ist per definitionem Erkenntnis; es ist Erkenntnis, weil es der angemessene Abschluss der Forschung ist. Aber man kann vermuten, und es ist vermutet worden, diese Aussage drücke etwas Bedeutsames und nicht eine Tautologie aus. Als Tautologie definiert sie Erkenntnis als das Ergebnis kompetenter und kontrollierter Forschung. (John Dewey, Logik. Die Theorie der Forschung (stw 1902), 2002, 20f [in der Folge: Dewey 2002)

In Aufnahme und Präzisierung wesentlicher Positionen seines Lehrers Peirce formuliert Dewey seine Auffassung sehr klar. Nicht zuletzt wissenschaftliches Vorgehen ist ein Fall von Problemlösen. Der Forschungsprozess ist der methodologisch kontrollierte Versuch aus der Zusammenhanglosigkeit von Wahrnehmungen und Gedanken zu einer kohärenten und möglichst umfassenden Bestimmtheit zu kommen. Dieser Abschluss wird als (fallible) Erkenntnis bezeichnet. Diese muss immer weiter überprüft werden.

Unterscheiden sich die Verfahren in den Wissenschaften Physik, Biologie und Chemie voneinander, wie ein solcher Abschluss erreicht werden soll, kann es zu unterschiedlichen Auffassungen davon kommen, was ein biologisches oder physikalisches Naturgesetz ist (Hampe 2007, 150ff).

Allgemein gilt, dass Naturgesetze wissenschaftliche Gesetze sind. Dabei handelt es sich um generelle Aussagen, die sich auf experimentelle Situationen beziehen.

Da es sich um universale Aussagen handelt, sind sie als Handlungsvorschriften zu verstehen: Immer wenn Du X tust, musst Du Y tun. Wohl etwas genauer als Peirce – wenn ich recht sehe – interpretiert er daher Gesetzesaussagen in den Naturwissenschaften als „Vorschriften für eine spezifische Form des Handelns in der materiellen oder natürlichen Welt, nämlich für das experimentelle Handeln.“ (Hampe 2007, 143)

Dewey zufolge sind immer „Tun und Machen im Spiel. Die Art des Tuns und Machens ist die, die – materielle und prozedurale – Mittel bestimmt, um ein prospektives Ziel, eine vereinheitlichte Situation zu bewirken. Diese vereinheitlichte Situation ist das letzte (wenngleich nicht nächste) Ziel jeder Forschung.“ (Dewey 2002, 530)

Um das Apfelbaumbeispiel zu verwenden, das uns im Kurs begleitet:

Die Gesetzesaussage: „Alle Äpfel fallen mit 9,81 m/s2 nach unten“ wird – sofern sie so zutreffen sollte, in prinzipiell wiederholbaren Situationen erhoben, die hier z. B. Vorschriften für ein Zeitmessgerät einschließen muss – und sie wird weiterhin überprüft bzw. möglicherweise korrigiert. Man darf sich durch die mathematische Formulierung dabei  nicht täuschen lassen – dieses Naturgesetz, sofern es tatsächlich bestehen sollte, lässt sich nur aufgrund solcher vereinheitlichten Situationen erfassen und überprüfen. „Das Naturgesetz ist eine Handlungsvorschrift für die Erzeugung einer solchen Situation und Erfahrung.“ (Hampe 2007, 143)

Das ist keine Übertreibung. Hampe verweist mit Recht darauf, dass dies tatsächlich auf die frühe Neuzeit bei Galilei und Newton zurückgeht (experimentelle Philosophie [2007, 145]).

Jedenfalls Peirce und Dewey erkannten, dass Naturgesetze Abschluss eines Forschungsprozesses sind, der prinzipiell wiederholbar und überprüfbar ist. Logisch ist die These Deweys bei Peirce in dessen Quantorenlogik (insbesondere der spieltheoretischen Auffassung von All-Aussagen) vorbereitet. Dewey zieht freilich wohl als erster genau diese Konsequenz. Zu den Handlungsvorschriften gehören auch Anweisungen, welches mathematische Regelsystem Anwendung findet – was ebenfalls immer weiter überprüft wird.

Deweys These beruht auf seinem Erfahrungsbegriff und ist eine konsequente Explikation desselben.

1. November 2012

Alltagserfahrung

1               Erinnerung an die letzte Sitzung (Vhs Neckargemünd)

Der Kurs benutzte den Text von A. N. Whitehead, aus Adventures of Ideas zu den vier verschienenen Theorien bzw. Lehren darüber, was Naturgesetze darstellen, um eine Erfahrung mit den eigenen Vermutungen, Ideen, Gefühlen und Vorstellungen, Unsicherheiten zu machen. Es dauerte bis etwa 20.57 Uhr bei der in die z. T. in die kontradiktorischen Extreme getriebene Gruppenerfahrung, bis schließlich unter positiver Mithilfe des Mitarbeiters am Bildungsprozess doch wohl einige sagen konnten: Das war eine Erfahrung. Tatsächlich machten die Teilnehmer/innen die Erfahrung mit ihrer Denkgewohnheit, kontradiktorische Ausgangssituationen zu definieren – und darin zu verharren. Diese bröckelte schließlich, als erkannt wurde, dass man derartige Prozesse besser als Übergangserfahrung versteht, in denen man die kontradiktorischen Extrempositionen als die Grenzbegriffe nimmt, zwischen denen sich die Realität in unterschiedlichen Abschattierungen und verschiedenen Verhältnissen der Extrembegriffe abspielt (conscious intent), der Mitarbeiter schlug vor, „Beeinflussung der Naturgesetze“ und „überhaupt keine Veränderung am Mond durch Beobachtung“ als solche Extrembegriffe zu wählen – und beim übernächsten Mal zu sehen, wie es tatsächlich geht, ein Naturgesetz zu erkennen.

Zu Whitehead einführend: Michael Hampe, Alfred North Whitehead, 1998 (BsR 547), in der Folge: Hampe 1998.

2               Alltagserfahrung

In der Alltagserfahrung ist die kantische Auffassung des Mitspielerseins an sich wohl selbstverständlich. Wenn ein Apfel vom Baum fällt, ist eigentlich nur die Frage, ob man ihn gleich essen darf – oder er erst gereinigt werden muss. Wir unterstellen aufgrund häufiger ähnlicher Erfahrungen, dass auch der nächste Apfel vom Baum fallen wird, die jetzige Jahreszeit ist schon eine bekannte Grenze dieser Erfahrung, aber man erwartet, dass es im nächsten Jahr wieder so sein wird. Dann kann man diese Erfahrung im Deweyschen Sinn wieder machen, wir warten vor einem Baum – oder schütteln diesen, um Äpfel fallen zu sehen. Phänomenolog/inn/en und Pragmatist/inn/en stimmen darin überein, dass die Alltagserfahrung wesentlich für uns ist, wenn sie intersubjektiv kommuniziert wird. Wenn ich also zu einer Ärztin gehe und mich darüber beklage, dass seit zwei Tagen mein rechter Fuß schmerzt, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Ärztin einige Untersuchungen am Fuß bis zum Knie durchführt. Irritationen kann aber der Vorschlag der Ärztin auslösen, dass man erst einmal eine Magnetresonanztomografie durchführen müsse, um abzuklären, ob dieses nicht eine Störung im sensomotorischen Kortex im Gehirn sei (zum Beispiel: Thomas Fuchs, Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption, 2008, 34f, in der Folge: Fuchs 2008). Ärztin und Patient unterstellen aber gewöhnlich, dass die Ursache des Schmerzes im rechten Fuß durch eine Ursache in dieser Gegend zustande kommt, beispielsweise eine Verstauchung oder einen Gichtanfall.

Fuchs hält diese geteilte Situationserfahrung für hinreichend, um viele Phänomene des Alltags zu erklären – und steht einer Priorität der Wissenschaften vor der Alltagserfahrung sehr kritisch gegenüber. Dass man z. B. in den Medien publizierte Messergebnisse aus der Gehirnforschung etwa zum Bildungsprozess als Argument nimmt, um zu sagen: Nur Unterricht, der Spaß macht, ist guter Unterricht! – greift aus dieser Perspektive also zu kurz. Man muss über längere Zeit solche Unterrichtstypen beobachten und qualitative Erfahrungen der Schüler/innen sowie ihre Leistungen aufzeichnen, um derartige Schlüsse ziehen zu können. Für die Phänomenologie hat also die Alltagserfahrung Priorität, die Wissenschaften hinken eher nach. Natürlich werden bei solchen Nachrichten in den Medien die Probleme der Genauigkeit der Kernspintomografen usf. gar nicht erwähnt.

Die Pragmatist/inn/en stehen der wissenschaftlichen Evaluierung von Alltagserfahrungen offener gegenüber. Die Alltagserfahrung ist wesentlich, weil wir hauptsächlich durch sie Erfahrungen mit natürlichen und sozialen Sachverhalten haben. Aber nicht nur in den Wissenschaften ist der Irrtum zu Hause, auch im Alltag kann man sich irren. Pragmatist/inn/en würden im Erziehungsbeispiel für eine experimentelle Schulsituation plädieren, in der alle Rahmenbedingungen und mögliche Störfaktoren aufgezeichnet werden. Qualitative Aufzeichnungen von Schüler/innen/äußerungen sind gut, dennoch müssen mehr Aspekte genau nachkontrolliert werden.

Hier liegt einer der Unterschiede von Phänomenologen und Pragmatisten, die Pragmatisten setzen auf beständige Überprüfung, während die Phänomenologen ein relativ ungebrochenes Vertrauen in die Alltagserfahrung haben.

17. Oktober 2012

Erfahrung I (Vhs Neckargemünd)

 

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Für die Abstimmung zur Themenwahl stehen fest:

  1. Sprachphilosophie
  2.  Kunstlehre und Theorie der Kunst
  3. Was ist der Mensch? Kulturelle und natürliche Anthropologie
  4. Religiosität und Religionslosigkeit – Religionsphilosophie

Kants Mitspielermetaphorik hat im Pragmatismus eine Wende in der Erkenntnistheorie ausgelöst. Dewey zufolge ist der Mensch kontinuierlicher Teil der Wirklichkeit (Realität), die als ständiger Übergangsprozess verstanden wird. An diesem nimmt auch der erkennende Mensch verändernd Teil.

Die Diskussion versuchte im Anschluss ständig auf das Wahrheitsmoment der alten Auffassung zu rekurrieren: Ist die Realität nicht mehr als dasjenige, was der Mensch erkennen kann? Können auch Walfische erkennen? Das unbestreitbare Recht der pragmatistischen Auffassung zeigt sich z. B. an der vom Menschen aufgrund seiner unbesonnen umgesetzten wissenschaftlichen Erkenntnisse mitinduzierten Klimakatastrophe.

Das Erfahrungsverständnis sollte auf der Kunsterfahrung beruhen (John Dewey)

John Dewey hat gegen Ende seiner akademischen Lehrtätigkeit 1934 „Kunst als Erfahrung“ geschrieben (stw 703) geschrieben (in der Folge: Dewey 1988). Darin unterstellt er, dass die Rezipientin der Kunst mit den Kunstwerken eine Erfahrung macht, die zu den Kunstwerken der realen Möglichkeit nach gehört – ihnen also keineswegs äußerlich ist. Vor allem aber rekonstruiert er den Entstehungsprozess des Kunstwerks als vollständigen bzw. vollendeten Erfahrungsprozess, in dem dasjenige auftaucht, was in der klassischen Ästhetik immer unterstellt wurde. Irgendwann verdichtet sich der Erfahrungsprozess zu einem bewussten Plan (conscious intent), der dann die Erfahrung zu einem Vollzug und Abschluss bringt (Dewey 1988: 47-72). Auch Hampe 2007: 142 akzeptiert diesen Gedanken und versucht ihn dann in der Folge für die Logik der Experimente weiter zu nutzen. Wir werden das am 29.10. näher diskutieren.

Dewey 1988 : 47 schreibt – und das sollte unserer Diskussion in der Sitzung zugrunde liegen (Übersetzung etwas angepasst):

Erfahrungen werden ständig gemacht, denn die Interaktion von lebendigem Geschöpf und Umwelt ist Teil des eigentlichen Lebensprozesses. Unter den Bedingungen von Widerstand und Konflikt statten die in dieser Interaktion enthaltenen Aspekte von Selbst und Erfahrung die Erfahrung mit Empfindungen und Vorstellungen aus, sodass ein bewusster Plan in Erscheinung tritt. Oftmals jedoch bleibt die gemachte Erfahrung unvollständig. Man erfährt die Sachverhalte, fügt sie aber nicht zu einer Erfahrung zusammen: Es herrschen Trennung und Auflösung. Was wir beobachten und was wir denken, was wir ersehnen und was wir erlangen, steht nicht miteinander im Einklang. Wir machen uns an die Arbeit und halten inne; wir beginnen und brechen ab – nicht etwa weil das Ziel der Erfahrung, um dessentwillen sie begonnen wurde, erreicht wäre, sondern wegen äußerer Unterbrechung oder wegen Lethargie.

Im Gegensatz zu solcher Erfahrung machen wir eine Erfahrung, wenn das Material das erfahren worden ist, eine Entwicklung bis hin zur Vollendung durchläuft. Dann und nur dann ist es in den Gesamtstrom der Erfahrung eingegliedert und darin gleichzeitig von anderen Erfahrungen abgegrenzt. Eine Arbeit wird zufriedenstellend abgeschlossen ein Problem findet seine Lösung; ein Spiel wird bis zum Ende durchgespielt; eine Situation ist derart abgerundet, dass ihr Abschluss Vollendung und nicht Abbruch bedeutet – sei es nun, dass es sich um das Einnehmen einer Mahlzeit handelt oder um eine Partie Schach, um ein Gespräch oder darum, dass ma nein Buch verfasst oder an einer politischen Aktion teilnimmt. Eine solche Erfahrung bedeutet ein Ganzes, sie besitzt ihre besonderen kennzeichnenden Eigenschaften und eine innere Eigenständigkeit. Sie ist eine Erfahrung.

Wichtig an Deweys Erfahrungsverständnis ist die Unterstellung, dass jener bewusste Plan irgendwann entsteht – und dann zur Vollendung drängt. Nach Dewey gilt das nicht nur für Kunstwerke, sondern auch für Liebesbeziehungen und wissenschaftliche Forschungen. Der Passivitätscharakter der Erfahrung wird hier also mit einem klaren Aktivitätsakzent verbunden. Die Einzelaspekte der Erfahrung sind dann entsprechend organisch mit dem Ganzen verbunden, ohne dass sie als Einzelaspekte verschwunden wären.

 

12. Oktober 2012

Erkenntniseinstellungen (Vhs Neckargemünd)

1                Erinnerung an die erste Sitzung

Der Kursplan wurde so angenommen:

  1.      08.10.12: Besprechen des Kursplans, Änderungswünsche der Teilnehmenden, ein erster hinführender Text.
  2.      15.10.:      Mögliche Erkenntniseinstellungen der Erkennenden – das Feld der Erkenntnis mit möglichen Vorgehensweisen und allgemeinen Unterstellungen
  3.      22.10.:      Erfahrung und Erkenntnis I
  4.      29.10.:      Erfahrung und Erkenntnis II
  5.      05.11.       Alltagserfahrung und Erkenntnis
  6.      12.11:       Die Erkenntnis von Naturgesetzen
  7.      19.11:       Die Erkenntnis von sozialen Regeln
  8.      26.11:       Die Erkenntnis von Regeln, welche Individuen bestimmen.
  9.      03.12:       Die Erkenntnis der Freiheit
  10.   10.12:       Abschlusserörterungen

Die Teilnehmer/innen wurden gebeten, sich bis zum Montagabend Themen zu überlegen, die Gegenstand des Sommerkurses sein könnten, sodass wir am 22.10. darüber abstimmen können!

Weiterhin haben wir versucht, uns mit einem ersten Text an das Thema heranzutasten:

Wittgensteins, Heideggers und Deweys gemeinsame Diagnose lautet, dass die Vorstellung, das Erkennen sei ein akkurates Darstellen – ermöglicht durch besondere mentale Vorgänge und verstehbar durch eine allgemeine Theorie der Darstellung –, aufgegeben werden muss. Die Rede von ‚Fundamenten der Erkenntnis’ und der Gedanke, die Philosophie habe das cartesianische Unternehmen der Widerlegung des erkenntnistheoretischen Skeptikers zu ihrer zentralen Aufgabe, werden von diesen gleichermaßen für nichtig erklärt. Weiterhin abgeschafft wird die Descartes, Locke und Kant gemeinsame Idee ‚des Bewusstseins’ als eines besonderen, in einem inneren Raum angesiedelten Forschungsbereichs, in dem sich die Bestandteile und Prozesse finden, die unser Erkennen ermöglichen. Dies bedeutet nicht, dass sie über alternative ‚Theorien der Erkenntnis’ oder ‚Philosophien des Mentalen’ verfügen. Sie verabschieden Erkenntnistheorie und Metaphysik als mögliche Disziplinen. (Richard Rorty, Der Spiegel der Natur, 1987, 16)

Es wurde im Kurs wahrgenommen, dass die früher dominierenden neukantianischen und positivistischen Theorien aus der Sicht des Zitats 1987 nicht mehr so wohlgelitten waren. D. h. u. a., dass man nicht eine fertige Erkenntnistheorie haben kann, die man dann beim Erkennen nur noch anwendet … Wir werden im Kursverlauf vor allem an Dewey sehen, was das bedeutet. Auch das ästhetische Problem und die Emotionen wurden ergänzend als für das Phänomen des Erkennens als wesentlich angesprochen.

2               Erkenntniseinstellungen

Spätestens bei Kant wird das Problem aufgeworfen, dass es keineswegs selbstverständlich ist, welche Einstellung man zum Erkennen einnimmt. Dies stellt er auf den ersten Seiten der „Anthropologie in pragmatischer Absicht“ dar (Kant Werke, Bd. 10, Darmstadt 1975, in der Folge immer: Kant 1975). Aus der philosophischen Literatur ist dazu hilfreich: Michael Hampe, Eine kleine Geschichte des Naturgesetzbegriffs, 2007 (stw 1864), 131-134 (in der Folge immer: Hampe 2007).

Dieser Text Kants ist deshalb wichtig, weil er 1902 von Charles Sanders Peirce in einem Artikel in Baldwins Dictionary of Pychology and Philosophy, 321f, aufgegriffen wurde. Danach gibt es drei Einstellungen:

(1)  Diejenige, nach welcher der Mensch als Naturwesen vorkommt (Kant spricht davon, was die Natur aus dem Menschen macht).

(2)  Diejenige, nach welcher der Mensch als frei handelndes Wesen auftritt. Man könnte sagen: was der Mensch aus sich macht. Kant drückt hier alternative Möglichkeiten aus, er könne an einem Spiel als Zuschauer sozusagen passiv teilnehmen – oder mitspielen.

(3)  Die von Peirce und Hampe thematisierte dritte Möglichkeit findet sich im kurzen Text von Kant nicht, aber in einem bedeutenden Teil von Kants Schriften. Es handelt sich um die transzendentalphilosophische Einstellung, derzufolge der Mensch aufgrund seiner Anschauungsformen und kategorialen Verstandesleistungen die zu erkennende Welt konstituiert.

Für Peirce und wohl noch stärker für seinen Schüler John Dewey wird die Perspektive des aktiven Mitspielenden dann ausschlaggebend, ich zitiere einen wichtigen Text aus Deweys berühmten Aufsatz „Besitzt die Realität einen praktischen Charakter?“ (in der Folge Dewey 1908):

„Sofern sich jemand schon auf die Überzeugung verpflichtet hat, dass die Realität sauber und abschließend in einem Paket mit einem Band verpackt ist, das nicht mehr aufgeschnürt werden kann, es mithin keine unvollendeten Themen oder neue Abenteuer gibt, wird er der Auffassung widersprechen, dass Wissen eine Differenz erzeugt, wie man auch sonst jedem unverschämten aufdringlichen Menschen widerspricht. Doch sofern man davon überzeugt ist, dass sich die Welt selbst im Übergangsprozess befindet, warum sollte dann die Überzeugung, dass das Wissen der bedeutendste Modus ihrer Modifikation und das einzige Organ ihrer Leitung sei, a priori schädlich sein?“ (Does Reality Possess a Practical Character?, The Essential Dewey I, 124ff, 125).

Dewey führt aus, dass die Darwinsche Evolutionstheorie u. a. Versuche gezeigt hätten, dass das Universum nicht statisch sei, zudem zeige die Variation der Erkenntnisse in den Einzelwissenschaften, dass sich alles im Prozess befinde.

Das besprechen wir am Montagabend anhand des Kanttextes genauer.

9. September 2012

Erkenntnistheorie

 

Derjenige, der das Thema eigentlich besonders bevorzugte, kann an diesem Kurs leider nicht teilnehmen, weil er umgezogen ist – er nimmt jetzt an meinem Heidelberger Philosophiekurs teil. Aber die große Mehrheit hatte das Thema gewählt und daher soll dieses Thema auch so wie geplant durchgeführt werden.

1               Vorläufiger Kursplan

  1. 1.     08.10.12:[1] Besprechen des Kursplans, Änderungswünsche der Teilnehmenden, ein erster hinführender Text.
  2. 2.     15.10.:      Mögliche Erkenntniseinstellungen der Erkennenden – das Feld der Erkenntnis mit möglichen Vorgehensweisen und allgemeinen Unterstellungen
  3. 3.     22.10.:      Erfahrung und Erkenntnis I
  4. 4.     29.10.:      Erfahrung und Erkenntnis II
  5. 5.     05.11.       Alltagserfahrung und Erkenntnis
  6. 6.     12.11:       Die Erkenntnis von Naturgesetzen
  7. 7.     19.11:       Die Erkenntnis von sozialen Regeln
  8. 8.     26.11:       Die Erkenntnis von Regeln, welche Individuen bestimmen.
  9. 9.     03.12:       Die Erkenntnis der Freiheit
  10. 10.  10.12:       Abschlusserörterungen

Der Kurs ist auf das Erfahrungsproblem konzentriert, weil an diesem Phänomen ganz verschiedene Bereiche erfasst werden können, Kunst, Alltag, Experiment, Textverstehen, das Verstehen sozialer Regeln usf.



[1] Im Kursverlauf wird auf die Herbstferien keine Rücksicht genommen. Sie können das ändern, wenn Sie es wünschen!