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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


9. November 2012

Die Erkenntnis von Naturgesetzen

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Die Sit­zung über all­täg­li­che Erfah­rung, deren Abschluss eine „Erkennt­nis“ ist, ver­lief kon­struk­tiv. Bestimm­te Aspek­te der Phä­no­me­no­lo­gie wur­den kurz ange­spro­chen, wie dass es in ihr wie im Prag­ma­tis­mus kei­ne Sub­jekt-Objekt-Spal­tung gibt. Daher sind wir im All­tag mit den Gegen­stän­den unse­res Erken­nens ver­bun­den bzw. gehen mit ihnen in inter­sub­jek­tiv offe­nen Situa­tio­nen um. Die­se Ein­sicht geht u. a. auf das Mit­spie­ler-Sein im Sin­ne Kants zurück. Wir ste­hen der Rea­li­tät gar nicht getrennt von ihr gegen­über – und dies lässt sich im All­tag erfah­ren.

2               Die Erkenntnis von Naturgesetzen

Das Wort Erkennt­nis ist eben­falls ein pas­sen­der Ter­mi­nus, um Ziel und Abschluss der For­schung zu bezeich­nen. Aber es lei­det eben­falls unter einer Zwei­deu­tig­keit. Wenn man sagt, die Gewin­nung von Erkennt­nis oder Wahr­heit sei das Ziel der For­schung ist die­se Aus­sa­ge, nach der hier ein­ge­nom­me­nen Posi­ti­on eine Tau­to­lo­gie. Das, was die For­schung auf befrie­di­gen­de Wei­se abschließt, ist per defi­ni­tio­nem Erkennt­nis; es ist Erkennt­nis, weil es der ange­mes­se­ne Abschluss der For­schung ist. Aber man kann ver­mu­ten, und es ist ver­mu­tet wor­den, die­se Aus­sa­ge drü­cke etwas Bedeut­sa­mes und nicht eine Tau­to­lo­gie aus. Als Tau­to­lo­gie defi­niert sie Erkennt­nis als das Ergeb­nis kom­pe­ten­ter und kon­trol­lier­ter For­schung. (John Dew­ey, Logik. Die Theo­rie der For­schung (stw 1902), 2002, 20f [in der Fol­ge: Dew­ey 2002)

In Auf­nah­me und Prä­zi­sie­rung wesent­li­cher Posi­tio­nen sei­nes Leh­rers Peirce for­mu­liert Dew­ey sei­ne Auf­fas­sung sehr klar. Nicht zuletzt wis­sen­schaft­li­ches Vor­ge­hen ist ein Fall von Pro­blem­lö­sen. Der For­schungs­pro­zess ist der metho­do­lo­gisch kon­trol­lier­te Ver­such aus der Zusam­men­hang­lo­sig­keit von Wahr­neh­mun­gen und Gedan­ken zu einer kohä­ren­ten und mög­lichst umfas­sen­den Bestimmt­heit zu kom­men. Die­ser Abschluss wird als (fal­li­ble) Erkennt­nis bezeich­net. Die­se muss immer wei­ter über­prüft wer­den.

Unter­schei­den sich die Ver­fah­ren in den Wis­sen­schaf­ten Phy­sik, Bio­lo­gie und Che­mie von­ein­an­der, wie ein sol­cher Abschluss erreicht wer­den soll, kann es zu unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen davon kom­men, was ein bio­lo­gi­sches oder phy­si­ka­li­sches Natur­ge­setz ist (Ham­pe 2007, 150ff).

All­ge­mein gilt, dass Natur­ge­set­ze wis­sen­schaft­li­che Geset­ze sind. Dabei han­delt es sich um gene­rel­le Aus­sa­gen, die sich auf expe­ri­men­tel­le Situa­tio­nen bezie­hen.

Da es sich um uni­ver­sa­le Aus­sa­gen han­delt, sind sie als Hand­lungs­vor­schrif­ten zu ver­ste­hen: Immer wenn Du X tust, musst Du Y tun. Wohl etwas genau­er als Peirce – wenn ich recht sehe – inter­pre­tiert er daher Geset­zes­aus­sa­gen in den Natur­wis­sen­schaf­ten als „Vor­schrif­ten für eine spe­zi­fi­sche Form des Han­delns in der mate­ri­el­len oder natür­li­chen Welt, näm­lich für das expe­ri­men­tel­le Han­deln.“ (Ham­pe 2007, 143)

Dew­ey zufol­ge sind immer „Tun und Machen im Spiel. Die Art des Tuns und Machens ist die, die – mate­ri­el­le und pro­ze­du­ra­le – Mit­tel bestimmt, um ein pro­spek­ti­ves Ziel, eine ver­ein­heit­lich­te Situa­ti­on zu bewir­ken. Die­se ver­ein­heit­lich­te Situa­ti­on ist das letz­te (wenn­gleich nicht nächs­te) Ziel jeder For­schung.“ (Dew­ey 2002, 530)

Um das Apfel­baum­bei­spiel zu ver­wen­den, das uns im Kurs beglei­tet:

Die Geset­zes­aus­sa­ge: „Alle Äpfel fal­len mit 9,81 m/s2 nach unten“ wird – sofern sie so zutref­fen soll­te, in prin­zi­pi­ell wie­der­hol­ba­ren Situa­tio­nen erho­ben, die hier z. B. Vor­schrif­ten für ein Zeit­mess­ge­rät ein­schlie­ßen muss – und sie wird wei­ter­hin über­prüft bzw. mög­li­cher­wei­se kor­ri­giert. Man darf sich durch die mathe­ma­ti­sche For­mu­lie­rung dabei  nicht täu­schen las­sen – die­ses Natur­ge­setz, sofern es tat­säch­lich bestehen soll­te, lässt sich nur auf­grund sol­cher ver­ein­heit­lich­ten Situa­tio­nen erfas­sen und über­prü­fen. „Das Natur­ge­setz ist eine Hand­lungs­vor­schrift für die Erzeu­gung einer sol­chen Situa­ti­on und Erfah­rung.“ (Ham­pe 2007, 143)

Das ist kei­ne Über­trei­bung. Ham­pe ver­weist mit Recht dar­auf, dass dies tat­säch­lich auf die frü­he Neu­zeit bei Gali­lei und New­ton zurück­geht (expe­ri­men­tel­le Phi­lo­so­phie [2007, 145]).

Jeden­falls Peirce und Dew­ey erkann­ten, dass Natur­ge­set­ze Abschluss eines For­schungs­pro­zes­ses sind, der prin­zi­pi­ell wie­der­hol­bar und über­prüf­bar ist. Logisch ist die The­se Dew­eys bei Peirce in des­sen Quan­to­ren­lo­gik (ins­be­son­de­re der spiel­theo­re­ti­schen Auf­fas­sung von All-Aus­sa­gen) vor­be­rei­tet. Dew­ey zieht frei­lich wohl als ers­ter genau die­se Kon­se­quenz. Zu den Hand­lungs­vor­schrif­ten gehö­ren auch Anwei­sun­gen, wel­ches mathe­ma­ti­sche Regel­sys­tem Anwen­dung fin­det – was eben­falls immer wei­ter über­prüft wird.

Dew­eys The­se beruht auf sei­nem Erfah­rungs­be­griff und ist eine kon­se­quen­te Expli­ka­ti­on des­sel­ben.

1. November 2012

Alltagserfahrung

1               Erinnerung an die letzte Sitzung (Vhs Neckargemünd)

Der Kurs benutz­te den Text von A. N. Whitehead, aus Adven­tures of Ide­as zu den vier ver­schie­ne­nen Theo­ri­en bzw. Leh­ren dar­über, was Natur­ge­set­ze dar­stel­len, um eine Erfah­rung mit den eige­nen Ver­mu­tun­gen, Ide­en, Gefüh­len und Vor­stel­lun­gen, Unsi­cher­hei­ten zu machen. Es dau­er­te bis etwa 20.57 Uhr bei der in die z. T. in die kon­tra­dik­to­ri­schen Extre­me getrie­be­ne Grup­pen­er­fah­rung, bis schließ­lich unter posi­ti­ver Mit­hil­fe des Mit­ar­bei­ters am Bil­dungs­pro­zess doch wohl eini­ge sagen konn­ten: Das war eine Erfah­rung. Tat­säch­lich mach­ten die Teilnehmer/innen die Erfah­rung mit ihrer Denk­ge­wohn­heit, kon­tra­dik­to­ri­sche Aus­gangs­si­tua­tio­nen zu defi­nie­ren – und dar­in zu ver­har­ren. Die­se brö­ckel­te schließ­lich, als erkannt wur­de, dass man der­ar­ti­ge Pro­zes­se bes­ser als Über­gangs­er­fah­rung ver­steht, in denen man die kon­tra­dik­to­ri­schen Extrem­po­si­tio­nen als die Grenz­be­grif­fe nimmt, zwi­schen denen sich die Rea­li­tät in unter­schied­li­chen Abschat­tie­run­gen und ver­schie­de­nen Ver­hält­nis­sen der Extrem­be­grif­fe abspielt (con­scious intent), der Mit­ar­bei­ter schlug vor, „Beein­flus­sung der Natur­ge­set­ze“ und „über­haupt kei­ne Ver­än­de­rung am Mond durch Beob­ach­tung“ als sol­che Extrem­be­grif­fe zu wäh­len – und beim über­nächs­ten Mal zu sehen, wie es tat­säch­lich geht, ein Natur­ge­setz zu erken­nen.

Zu Whitehead ein­füh­rend: Micha­el Ham­pe, Alfred North Whitehead, 1998 (BsR 547), in der Fol­ge: Ham­pe 1998.

2               Alltagserfahrung

In der All­tags­er­fah­rung ist die kan­ti­sche Auf­fas­sung des Mit­spie­lerseins an sich wohl selbst­ver­ständ­lich. Wenn ein Apfel vom Baum fällt, ist eigent­lich nur die Fra­ge, ob man ihn gleich essen darf – oder er erst gerei­nigt wer­den muss. Wir unter­stel­len auf­grund häu­fi­ger ähn­li­cher Erfah­run­gen, dass auch der nächs­te Apfel vom Baum fal­len wird, die jet­zi­ge Jah­res­zeit ist schon eine bekann­te Gren­ze die­ser Erfah­rung, aber man erwar­tet, dass es im nächs­ten Jahr wie­der so sein wird. Dann kann man die­se Erfah­rung im Dew­ey­schen Sinn wie­der machen, wir war­ten vor einem Baum – oder schüt­teln die­sen, um Äpfel fal­len zu sehen. Phänomenolog/inn/en und Pragmatist/inn/en stim­men dar­in über­ein, dass die All­tags­er­fah­rung wesent­lich für uns ist, wenn sie inter­sub­jek­tiv kom­mu­ni­ziert wird. Wenn ich also zu einer Ärz­tin gehe und mich dar­über bekla­ge, dass seit zwei Tagen mein rech­ter Fuß schmerzt, dann ist es nicht unwahr­schein­lich, dass die Ärz­tin eini­ge Unter­su­chun­gen am Fuß bis zum Knie durch­führt. Irri­ta­tio­nen kann aber der Vor­schlag der Ärz­tin aus­lö­sen, dass man erst ein­mal eine Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie durch­füh­ren müs­se, um abzu­klä­ren, ob die­ses nicht eine Stö­rung im sen­so­mo­to­ri­schen Kor­tex im Gehirn sei (zum Bei­spiel: Tho­mas Fuchs, Das Gehirn – ein Bezie­hungs­or­gan. Eine phä­no­me­no­lo­gisch-öko­lo­gi­sche Kon­zep­ti­on, 2008, 34f, in der Fol­ge: Fuchs 2008). Ärz­tin und Pati­ent unter­stel­len aber gewöhn­lich, dass die Ursa­che des Schmer­zes im rech­ten Fuß durch eine Ursa­che in die­ser Gegend zustan­de kommt, bei­spiels­wei­se eine Ver­stau­chung oder einen Gicht­an­fall.

Fuchs hält die­se geteil­te Situa­ti­ons­er­fah­rung für hin­rei­chend, um vie­le Phä­no­me­ne des All­tags zu erklä­ren – und steht einer Prio­ri­tät der Wis­sen­schaf­ten vor der All­tags­er­fah­rung sehr kri­tisch gegen­über. Dass man z. B. in den Medi­en publi­zier­te Mess­ergeb­nis­se aus der Gehirn­for­schung etwa zum Bil­dungs­pro­zess als Argu­ment nimmt, um zu sagen: Nur Unter­richt, der Spaß macht, ist guter Unter­richt! – greift aus die­ser Per­spek­ti­ve also zu kurz. Man muss über län­ge­re Zeit sol­che Unter­richts­ty­pen beob­ach­ten und qua­li­ta­ti­ve Erfah­run­gen der Schüler/innen sowie ihre Leis­tun­gen auf­zeich­nen, um der­ar­ti­ge Schlüs­se zie­hen zu kön­nen. Für die Phä­no­me­no­lo­gie hat also die All­tags­er­fah­rung Prio­ri­tät, die Wis­sen­schaf­ten hin­ken eher nach. Natür­lich wer­den bei sol­chen Nach­rich­ten in den Medi­en die Pro­ble­me der Genau­ig­keit der Kern­spin­to­mo­gra­fen usf. gar nicht erwähnt.

Die Pragmatist/inn/en ste­hen der wis­sen­schaft­li­chen Eva­lu­ie­rung von All­tags­er­fah­run­gen offe­ner gegen­über. Die All­tags­er­fah­rung ist wesent­lich, weil wir haupt­säch­lich durch sie Erfah­run­gen mit natür­li­chen und sozia­len Sach­ver­hal­ten haben. Aber nicht nur in den Wis­sen­schaf­ten ist der Irr­tum zu Hau­se, auch im All­tag kann man sich irren. Pragmatist/inn/en wür­den im Erzie­hungs­bei­spiel für eine expe­ri­men­tel­le Schul­si­tua­ti­on plä­die­ren, in der alle Rah­men­be­din­gun­gen und mög­li­che Stör­fak­to­ren auf­ge­zeich­net wer­den. Qua­li­ta­ti­ve Auf­zeich­nun­gen von Schüler/innen/äußerungen sind gut, den­noch müs­sen mehr Aspek­te genau nach­kon­trol­liert wer­den.

Hier liegt einer der Unter­schie­de von Phä­no­me­no­lo­gen und Prag­ma­tis­ten, die Prag­ma­tis­ten set­zen auf bestän­di­ge Über­prü­fung, wäh­rend die Phä­no­me­no­lo­gen ein rela­tiv unge­bro­che­nes Ver­trau­en in die All­tags­er­fah­rung haben.

17. Oktober 2012

Erfahrung I (Vhs Neckargemünd)

 

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Für die Abstim­mung zur The­men­wahl ste­hen fest:

  1. Sprach­phi­lo­so­phie
  2.  Kunst­leh­re und Theo­rie der Kunst
  3. Was ist der Mensch? Kul­tu­rel­le und natür­li­che Anthro­po­lo­gie
  4. Reli­gio­si­tät und Reli­gi­ons­lo­sig­keit – Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie

Kants Mit­spie­ler­me­tapho­rik hat im Prag­ma­tis­mus eine Wen­de in der Erkennt­nis­theo­rie aus­ge­löst. Dew­ey zufol­ge ist der Mensch kon­ti­nu­ier­li­cher Teil der Wirk­lich­keit (Rea­li­tät), die als stän­di­ger Über­gangs­pro­zess ver­stan­den wird. An die­sem nimmt auch der erken­nen­de Mensch ver­än­dernd Teil.

Die Dis­kus­si­on ver­such­te im Anschluss stän­dig auf das Wahr­heits­mo­ment der alten Auf­fas­sung zu rekur­rie­ren: Ist die Rea­li­tät nicht mehr als das­je­ni­ge, was der Mensch erken­nen kann? Kön­nen auch Wal­fi­sche erken­nen? Das unbe­streit­ba­re Recht der prag­ma­tis­ti­schen Auf­fas­sung zeigt sich z. B. an der vom Men­schen auf­grund sei­ner unbe­son­nen umge­setz­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se mit­in­du­zier­ten Kli­ma­ka­ta­stro­phe.

Das Erfahrungsverständnis sollte auf der Kunsterfahrung beruhen (John Dewey)

John Dew­ey hat gegen Ende sei­ner aka­de­mi­schen Lehr­tä­tig­keit 1934 „Kunst als Erfah­rung“ geschrie­ben (stw 703) geschrie­ben (in der Fol­ge: Dew­ey 1988). Dar­in unter­stellt er, dass die Rezi­pi­en­tin der Kunst mit den Kunst­wer­ken eine Erfah­rung macht, die zu den Kunst­wer­ken der rea­len Mög­lich­keit nach gehört – ihnen also kei­nes­wegs äußer­lich ist. Vor allem aber rekon­stru­iert er den Ent­ste­hungs­pro­zess des Kunst­werks als voll­stän­di­gen bzw. voll­ende­ten Erfah­rungs­pro­zess, in dem das­je­ni­ge auf­taucht, was in der klas­si­schen Ästhe­tik immer unter­stellt wur­de. Irgend­wann ver­dich­tet sich der Erfah­rungs­pro­zess zu einem bewuss­ten Plan (con­scious intent), der dann die Erfah­rung zu einem Voll­zug und Abschluss bringt (Dew­ey 1988: 47-72). Auch Ham­pe 2007: 142 akzep­tiert die­sen Gedan­ken und ver­sucht ihn dann in der Fol­ge für die Logik der Expe­ri­men­te wei­ter zu nut­zen. Wir wer­den das am 29.10. näher dis­ku­tie­ren.

Dew­ey 1988 : 47 schreibt – und das soll­te unse­rer Dis­kus­si­on in der Sit­zung zugrun­de lie­gen (Über­set­zung etwas ange­passt):

Erfah­run­gen wer­den stän­dig gemacht, denn die Inter­ak­ti­on von leben­di­gem Geschöpf und Umwelt ist Teil des eigent­li­chen Lebens­pro­zes­ses. Unter den Bedin­gun­gen von Wider­stand und Kon­flikt stat­ten die in die­ser Inter­ak­ti­on ent­hal­te­nen Aspek­te von Selbst und Erfah­rung die Erfah­rung mit Emp­fin­dun­gen und Vor­stel­lun­gen aus, sodass ein bewuss­ter Plan in Erschei­nung tritt. Oft­mals jedoch bleibt die gemach­te Erfah­rung unvoll­stän­dig. Man erfährt die Sach­ver­hal­te, fügt sie aber nicht zu einer Erfah­rung zusam­men: Es herr­schen Tren­nung und Auf­lö­sung. Was wir beob­ach­ten und was wir den­ken, was wir erseh­nen und was wir erlan­gen, steht nicht mit­ein­an­der im Ein­klang. Wir machen uns an die Arbeit und hal­ten inne; wir begin­nen und bre­chen ab – nicht etwa weil das Ziel der Erfah­rung, um des­sent­wil­len sie begon­nen wur­de, erreicht wäre, son­dern wegen äuße­rer Unter­bre­chung oder wegen Lethar­gie.

Im Gegen­satz zu sol­cher Erfah­rung machen wir eine Erfah­rung, wenn das Mate­ri­al das erfah­ren wor­den ist, eine Ent­wick­lung bis hin zur Voll­endung durch­läuft. Dann und nur dann ist es in den Gesamt­strom der Erfah­rung ein­ge­glie­dert und dar­in gleich­zei­tig von ande­ren Erfah­run­gen abge­grenzt. Eine Arbeit wird zufrie­den­stel­lend abge­schlos­sen ein Pro­blem fin­det sei­ne Lösung; ein Spiel wird bis zum Ende durch­ge­spielt; eine Situa­ti­on ist der­art abge­run­det, dass ihr Abschluss Voll­endung und nicht Abbruch bedeu­tet – sei es nun, dass es sich um das Ein­neh­men einer Mahl­zeit han­delt oder um eine Par­tie Schach, um ein Gespräch oder dar­um, dass ma nein Buch ver­fasst oder an einer poli­ti­schen Akti­on teil­nimmt. Eine sol­che Erfah­rung bedeu­tet ein Gan­zes, sie besitzt ihre beson­de­ren kenn­zeich­nen­den Eigen­schaf­ten und eine inne­re Eigen­stän­dig­keit. Sie ist eine Erfah­rung.

Wich­tig an Dew­eys Erfah­rungs­ver­ständ­nis ist die Unter­stel­lung, dass jener bewuss­te Plan irgend­wann ent­steht – und dann zur Voll­endung drängt. Nach Dew­ey gilt das nicht nur für Kunst­wer­ke, son­dern auch für Lie­bes­be­zie­hun­gen und wis­sen­schaft­li­che For­schun­gen. Der Pas­si­vi­täts­cha­rak­ter der Erfah­rung wird hier also mit einem kla­ren Akti­vi­täts­ak­zent ver­bun­den. Die Ein­zel­as­pek­te der Erfah­rung sind dann ent­spre­chend orga­nisch mit dem Gan­zen ver­bun­den, ohne dass sie als Ein­zel­as­pek­te ver­schwun­den wären.

 

12. Oktober 2012

Erkenntniseinstellungen (Vhs Neckargemünd)

1                Erin­ne­rung an die ers­te Sit­zung

Der Kurs­plan wur­de so ange­nom­men:

  1.      08.10.12: Bespre­chen des Kurs­plans, Ände­rungs­wün­sche der Teil­neh­men­den, ein ers­ter hin­füh­ren­der Text.
  2.      15.10.:      Mög­li­che Erkennt­nis­ein­stel­lun­gen der Erken­nen­den – das Feld der Erkennt­nis mit mög­li­chen Vor­ge­hens­wei­sen und all­ge­mei­nen Unter­stel­lun­gen
  3.      22.10.:      Erfah­rung und Erkennt­nis I
  4.      29.10.:      Erfah­rung und Erkennt­nis II
  5.      05.11.       All­tags­er­fah­rung und Erkennt­nis
  6.      12.11:       Die Erkennt­nis von Natur­ge­set­zen
  7.      19.11:       Die Erkennt­nis von sozia­len Regeln
  8.      26.11:       Die Erkennt­nis von Regeln, wel­che Indi­vi­du­en bestim­men.
  9.      03.12:       Die Erkennt­nis der Frei­heit
  10.   10.12:       Abschluss­erör­te­run­gen

Die Teilnehmer/innen wur­den gebe­ten, sich bis zum Mon­tag­abend The­men zu über­le­gen, die Gegen­stand des Som­mer­kur­ses sein könn­ten, sodass wir am 22.10. dar­über abstim­men kön­nen!

Wei­ter­hin haben wir ver­sucht, uns mit einem ers­ten Text an das The­ma her­an­zu­tas­ten:

Witt­gen­steins, Hei­deg­gers und Dew­eys gemein­sa­me Dia­gno­se lau­tet, dass die Vor­stel­lung, das Erken­nen sei ein akku­ra­tes Dar­stel­len – ermög­licht durch beson­de­re men­ta­le Vor­gän­ge und ver­steh­bar durch eine all­ge­mei­ne Theo­rie der Dar­stel­lung –, auf­ge­ge­ben wer­den muss. Die Rede von ‚Fun­da­men­ten der Erkennt­nis’ und der Gedan­ke, die Phi­lo­so­phie habe das car­te­sia­ni­sche Unter­neh­men der Wider­le­gung des erkennt­nis­theo­re­ti­schen Skep­ti­kers zu ihrer zen­tra­len Auf­ga­be, wer­den von die­sen glei­cher­ma­ßen für nich­tig erklärt. Wei­ter­hin abge­schafft wird die Des­car­tes, Locke und Kant gemein­sa­me Idee ‚des Bewusst­seins’ als eines beson­de­ren, in einem inne­ren Raum ange­sie­del­ten For­schungs­be­reichs, in dem sich die Bestand­tei­le und Pro­zes­se fin­den, die unser Erken­nen ermög­li­chen. Dies bedeu­tet nicht, dass sie über alter­na­ti­ve ‚Theo­ri­en der Erkennt­nis’ oder ‚Phi­lo­so­phi­en des Men­ta­len’ ver­fü­gen. Sie ver­ab­schie­den Erkennt­nis­theo­rie und Meta­phy­sik als mög­li­che Dis­zi­pli­nen. (Richard Ror­ty, Der Spie­gel der Natur, 1987, 16)

Es wur­de im Kurs wahr­ge­nom­men, dass die frü­her domi­nie­ren­den neu­kan­tia­ni­schen und posi­ti­vis­ti­schen Theo­ri­en aus der Sicht des Zitats 1987 nicht mehr so wohl­ge­lit­ten waren. D. h. u. a., dass man nicht eine fer­ti­ge Erkennt­nis­theo­rie haben kann, die man dann beim Erken­nen nur noch anwen­det … Wir wer­den im Kurs­ver­lauf vor allem an Dew­ey sehen, was das bedeu­tet. Auch das ästhe­ti­sche Pro­blem und die Emo­tio­nen wur­den ergän­zend als für das Phä­no­men des Erken­nens als wesent­lich ange­spro­chen.

2               Erkenntniseinstellungen

Spä­tes­tens bei Kant wird das Pro­blem auf­ge­wor­fen, dass es kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­lich ist, wel­che Ein­stel­lung man zum Erken­nen ein­nimmt. Dies stellt er auf den ers­ten Sei­ten der „Anthro­po­lo­gie in prag­ma­ti­scher Absicht“ dar (Kant Wer­ke, Bd. 10, Darm­stadt 1975, in der Fol­ge immer: Kant 1975). Aus der phi­lo­so­phi­schen Lite­ra­tur ist dazu hilf­reich: Micha­el Ham­pe, Eine klei­ne Geschich­te des Natur­ge­setz­be­griffs, 2007 (stw 1864), 131-134 (in der Fol­ge immer: Ham­pe 2007).

Die­ser Text Kants ist des­halb wich­tig, weil er 1902 von Charles San­ders Peirce in einem Arti­kel in Bald­wins Dic­tiona­ry of Pycho­lo­gy and Phi­lo­so­phy, 321f, auf­ge­grif­fen wur­de. Danach gibt es drei Ein­stel­lun­gen:

(1)  Die­je­ni­ge, nach wel­cher der Mensch als Natur­we­sen vor­kommt (Kant spricht davon, was die Natur aus dem Men­schen macht).

(2)  Die­je­ni­ge, nach wel­cher der Mensch als frei han­deln­des Wesen auf­tritt. Man könn­te sagen: was der Mensch aus sich macht. Kant drückt hier alter­na­ti­ve Mög­lich­kei­ten aus, er kön­ne an einem Spiel als Zuschau­er sozu­sa­gen pas­siv teil­neh­men – oder mit­spie­len.

(3)  Die von Peirce und Ham­pe the­ma­ti­sier­te drit­te Mög­lich­keit fin­det sich im kur­zen Text von Kant nicht, aber in einem bedeu­ten­den Teil von Kants Schrif­ten. Es han­delt sich um die tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­sche Ein­stel­lung, der­zu­fol­ge der Mensch auf­grund sei­ner Anschau­ungs­for­men und kate­go­ria­len Ver­stan­des­leis­tun­gen die zu erken­nen­de Welt kon­sti­tu­iert.

Für Peirce und wohl noch stär­ker für sei­nen Schü­ler John Dew­ey wird die Per­spek­ti­ve des akti­ven Mit­spie­len­den dann aus­schlag­ge­bend, ich zitie­re einen wich­ti­gen Text aus Dew­eys berühm­ten Auf­satz „Besitzt die Rea­li­tät einen prak­ti­schen Cha­rak­ter?“ (in der Fol­ge Dew­ey 1908):

Sofern sich jemand schon auf die Über­zeu­gung ver­pflich­tet hat, dass die Rea­li­tät sau­ber und abschlie­ßend in einem Paket mit einem Band ver­packt ist, das nicht mehr auf­ge­schnürt wer­den kann, es mit­hin kei­ne unvoll­ende­ten The­men oder neue Aben­teu­er gibt, wird er der Auf­fas­sung wider­spre­chen, dass Wis­sen eine Dif­fe­renz erzeugt, wie man auch sonst jedem unver­schäm­ten auf­dring­li­chen Men­schen wider­spricht. Doch sofern man davon über­zeugt ist, dass sich die Welt selbst im Über­gangs­pro­zess befin­det, war­um soll­te dann die Über­zeu­gung, dass das Wis­sen der bedeu­tends­te Modus ihrer Modi­fi­ka­ti­on und das ein­zi­ge Organ ihrer Lei­tung sei, a prio­ri schäd­lich sein?“ (Does Rea­li­ty Pos­sess a Prac­tical Cha­rac­ter?, The Essen­ti­al Dew­ey I, 124ff, 125).

Dew­ey führt aus, dass die Dar­win­sche Evo­lu­ti­ons­theo­rie u. a. Ver­su­che gezeigt hät­ten, dass das Uni­ver­sum nicht sta­tisch sei, zudem zei­ge die Varia­ti­on der Erkennt­nis­se in den Ein­zel­wis­sen­schaf­ten, dass sich alles im Pro­zess befin­de.

Das bespre­chen wir am Mon­tag­abend anhand des Kant­tex­tes genau­er.

9. September 2012

Erkenntnistheorie

 

Derjenige, der das Thema eigentlich besonders bevorzugte, kann an diesem Kurs leider nicht teilnehmen, weil er umgezogen ist – er nimmt jetzt an meinem Heidelberger Philosophiekurs teil. Aber die große Mehrheit hatte das Thema gewählt und daher soll dieses Thema auch so wie geplant durchgeführt werden.

1               Vorläufiger Kursplan

  1. 1.     08.10.12:[1] Besprechen des Kursplans, Änderungswünsche der Teilnehmenden, ein erster hinführender Text.
  2. 2.     15.10.:      Mögliche Erkenntniseinstellungen der Erkennenden – das Feld der Erkenntnis mit möglichen Vorgehensweisen und allgemeinen Unterstellungen
  3. 3.     22.10.:      Erfahrung und Erkenntnis I
  4. 4.     29.10.:      Erfahrung und Erkenntnis II
  5. 5.     05.11.       Alltagserfahrung und Erkenntnis
  6. 6.     12.11:       Die Erkenntnis von Naturgesetzen
  7. 7.     19.11:       Die Erkenntnis von sozialen Regeln
  8. 8.     26.11:       Die Erkenntnis von Regeln, welche Individuen bestimmen.
  9. 9.     03.12:       Die Erkenntnis der Freiheit
  10. 10.  10.12:       Abschlusserörterungen

Der Kurs ist auf das Erfahrungsproblem konzentriert, weil an diesem Phänomen ganz verschiedene Bereiche erfasst werden können, Kunst, Alltag, Experiment, Textverstehen, das Verstehen sozialer Regeln usf.



[1] Im Kursverlauf wird auf die Herbstferien keine Rücksicht genommen. Sie können das ändern, wenn Sie es wünschen!