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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


14. Dezember 2011

Die Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie Peirce‘

 

Wir haben uns in der letz­ten Sit­zung mit den Pro­ble­men der Wahr­neh­mung aus phä­no­me­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve, aber auch ent­spre­chen­den Leis­tun­gen des Zei­chen­be­griffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meiss­ner dan­kens­wer­ter­wei­se auf Kants merk­wür­di­ge Annah­me hin­wies, man wer­de vom „Ding an sich“ affi­ziert.

In der Aus­ein­an­der­set­zung mit Mer­leau-Pon­ty und Fuchs wur­de erör­tert, inwie­fern Wahr­neh­mung auch Kom­mu­ni­ka­ti­on oder Aus­tausch sei, was von Peirce und die­ser grenz­wer­ti­gen Auf­fas­sung Kants tat­säch­lich unter­stellt wird. In der Spra­che von Peirce ist also zu sagen, das (dyna­mi­sche) Objekt bil­de mit dem Zei­chen eine der­ar­ti­ge Bezie­hung, dass es den Inter­pre­tan­ten bestim­me, in der­sel­ben tria­di­schen Rela­ti­on zu ste­hen, in der es selbst ste­he. M. E. ist hier nur frag­lich, ob man the same wie Pape mit „der­sel­ben“ oder „der glei­chen“ über­set­zen soll­te, wohl das Letz­te­re … Wor­auf es ankommt, ist der Sach­ver­halt, dass Peirce die­se Affi­zie­rung des Inter­pre­ten über die tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on ein­deu­tig gedacht hat.

Wir haben ver­sucht, uns aus­führ­li­cher mit dem Gedan­ken der „Zwi­schen­leib­lich­keit“ aus­ein­an­der­zu­set­zen, was z. T. humo­rig ablief. Hier ist m. E. noch ein beacht­li­ches Poten­zi­al, das vor allem von der Phä­no­me­no­lo­gie ent­wi­ckelt wird.

Der Kurs schließt mit einer Besin­nung zur Reli­gi­ons­phi­lo­s­phie Peirce’. Vie­le Tex­te fin­den sich in der Über­set­zung Her­mann Deu­sers „Reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­schen Schrif­ten“ ([RPh] 1995). Hin­zu­tre­ten muss noch der Auf­satz „Evo­lu­tio­nä­re Lie­be“ aus „Natur­ord­nung und Zei­chen­pro­zess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu den­je­ni­gen ori­gi­nel­len Den­kern, die sich nicht vom Posi­ti­vis­mus abschre­cken lie­ßen, obgleich er die wis­sen­schaft­li­che Leis­tung der Posi­ti­vis­ten aus­drück­lich aner­kann­te. Aber er for­mu­lier­te eine wit­zi­ge Pole­mik über deren Lebens­auf­fas­sung:

Das Leben auf dem Glo­bus ist eine gänz­lich zufäl­li­ge Enwick­lungs­pha­se, die, soweit wir wis­sen, kei­nem dau­er­haf­ten Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nut­zen, außer dass sie hin und wie­der ein ange­neh­mes Ner­ven­kit­zeln bei die­sem oder jenem Wan­de­rer auf die­ser ermü­den­den und zweck­lo­sen Rei­se her­vor­ruft – einer Rei­se, die in einer Tret­müh­le nir­gend­wo beginnt und nir­gend­wo endet und deren Maschi­ne­rie ganz und gar nichts her­vor­bringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gele­gent­li­chen Freu­den, und die sind trü­ge­risch und wer­den bald voll­stän­dig ver­schwin­den.“ (RPh 61f [1867/68]) (more…)

8. Dezember 2011

Prag­ma­tis­mus und Phä­no­me­no­lo­gie

Wir haben noch ein­mal in einer sehr inten­si­ven Dis­kus­si­on das Rela­tio­nen­pro­blem und die damit ver­bun­de­nen Kri­ti­ken und teil­wei­se gro­ßen Hoff­nun­gen the­ma­ti­siert, durch­aus anre­gend kon­tro­vers. Von die­ser Stim­mung war auch die Debat­te zu „Wahr­neh­mung“ und „Erfah­rung“ geprägt. Herr Deth­lef­sen ver­miss­te an mei­nen Vor­schlä­gen das Moment der Krea­ti­vi­tät bei der Erfah­rung, ich stel­le in den Vor­der­grund, dass etwas auch als Neu­es für eine bestimm­te Men­schen­grup­pe nur erfah­ren wer­den kann, wenn es mit eige­nen Erfah­run­gen oder Erfah­run­gen ande­rer vor dem Hin­ter­grund geteil­ter Zei­chen­sys­te­me ver­gli­chen wer­den kann. Daher exis­tiert das Pro­blem des Neo­lo­gis­mus, also der Bezeich­nung von etwas, das bis­her im Sprach­sys­tem oder in bild­li­chen Dar­stel­lungs­wei­sen noch kei­ne Reprä­sen­ta­ti­on gefun­den hat. Die­ses Pro­blem wur­de sehr sach­ge­recht erör­tert, wobei deut­lich wur­de, dass die Induk­ti­on, die stets in der Zukunft neu bewährt wer­den muss, der domi­nan­te Schluss­cha­rak­ter der Erfah­rung ist.

Peirce rech­net sys­te­ma­tisch damit, dass auch Wahr­neh­mung ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess ist. Mit­hin ist er kein infal­li­bler Aus­gangs­punkt, was beson­ders Bert­rand Rus­sell irri­tier­te. Wahr­neh­mung impli­ziert mit­hin also Inter­pre­ta­ti­on – sie ist kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt, weil jedes Zei­chen schon Inter­pre­tant sein soll usf.

Das Ende des 19. Jahr­hun­derts sah den anschei­nen­den Erfolg der Wis­sen­schaf­ten, aber eine Min­der­heit sah, dass die­ser Erfolg, der indus­tri­el­le Kon­se­quen­zen hat­te, offen­sicht­lich fata­le Rück­kopp­lungs­pro­zes­se haben könn­te, so u. a. der Bio­lo­ge Rus­sell Wal­lace. Wir haben in die­sem Kurs die Reak­ti­on Peirce’ auf die­se Kri­sen­ein­sich­ten in der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ aus­führ­lich bespro­chen. Die Mehr­heit hoff­te ent­we­der auf eine Huma­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus oder wand­te sich sozia­lis­ti­schen Theo­ri­en zu, um den Kapi­ta­lis­mus abs­zu­schaf­fen. In bei­den Bewe­gun­gen war aber der Glau­be an die Kom­pe­tenz der Wis­sen­schaf­ten, die sich in wirt­schaft­li­chem Fort­schritt nie­der­schla­ge. Das ist der Hin­ter­grund dafür, dass es eher wis­sen­schafts­zen­trier­te und stär­ker all­tags- oder lebens­welt­ori­en­tier­te Phi­lo­so­phi­en gab. Zu Grund­in­for­ma­tio­nen zur Phä­no­me­no­lo­gie in der Fol­ge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls.  Der Lebens­welt-Begriff ist übri­gens erst in der Spät­phi­lo­so­phie Husserls in die­ser Zuspit­zung ent­wi­ckelt wor­den. Dort wird eine Art unmit­tel­ba­rer Zugang zur Wirk­lich­keit pos­tu­liert, der durch die Wis­sen­schaf­ten ver­stellt wer­de. Zu den „Sachen selbst“ kom­me man im lebens­welt­li­chen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten, indem man sie „sein las­se“, wie Hei­deg­ger for­mu­lier­te, des­sen pra­xis­phi­lo­so­phi­schen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in sei­ner Schrift über „Die Kri­sis der euro­päi­schen Wis­sen­schaf­ten“ stär­ker intel­lek­tua­lis­tisch refor­mu­lier­te. Die Lebens­welt und deren prak­ti­scher Umgang mit den Sach­ver­hal­ten wer­de „mathe­ma­ti­siert“ und damit ver­stellt bzw. ent­stellt. Hei­deg­ger sieht seit Mit­te der 1930er Jah­re vor allem den tech­ni­schen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten hin­ter dem „Begrei­fen“ durch die Wis­sen­schaf­ten. Es ist schon lan­ge gese­hen wor­den, dass der pra­xis­phi­lo­so­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers in „Sein und Zeit“ zumin­dest Par­al­le­len zum klas­si­schen Prag­ma­tis­mus auf­weist. Das gilt im All­ge­mei­nen für die Phä­no­me­no­lo­gie ins­ge­samt, da die­se wie Peirce u. a. das angeb­li­che Sub­jekt-Objekt-Pro­blem als irrig ansieht, der pra­xis­phi­lo­s­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers zeigt dies, wie dies auch bewusstseins­phi­lo­so­phisch bei Husserl und Sart­re zu zei­gen ver­sucht wur­de. Der und das Ande­re sind im Bewusst­sein schon „inten­tio­nal“ mit­ge­setzt, man muss also hier kei­nen Sprung voll­zie­hen.

Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Sub­jek­ti­vi­tät und Per­so­na­li­tät wohl am ehes­ten gelun­gen, weil Per­so­nen als die­je­ni­ge Enti­tät ver­stan­den wird, die sich zu sich selbst und zu ande­rem ver­hält, wobei sie stets Stel­lung zu sich nimmt – und dar­über ent­schei­det, ob sie wei­ter­le­ben will. Hier wird kei­ne sub­stan­zon­to­lo­gi­sche Phi­lo­so­phie des Sub­jekts ver­tre­ten, was in den tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­schen Ver­su­chen Husserls wohl eher der Fall sein dürf­te, also die Bewusstseins­pro­zes­se fin­den am oder im tran­szen­den­ta­len Sub­jekt statt – dies kann mit den prag­ma­tis­ti­schen Über­le­gun­gen nicht mit­hal­ten, die den Pro­zess der Sub­jek­ti­vi­tät zu erfas­sen suchen. Wobei Hei­deg­gers Ansatz ganz gewiss so nicht zu ver­ste­hen ist …

Das ist dann exis­ten­zia­lis­tisch wei­ter­ent­wi­ckelt wor­den. Eine inter­es­san­te Ent­wick­lung inner­halb der Phä­no­me­no­lo­gie stellt die Wahr­neh­mungs­phi­lo­so­phie Mau­rice Mer­leau-Pon­tys dar. Sie wird stark von Tho­mas Fuchs auf­ge­nom­men – und hat nicht zuletzt im the­ra­peu­ti­schen, auch medi­zi­ni­schen Bereich star­ke Reso­nanz gefun­den, wobei er betont, dass Wesent­li­ches an der Wahr­neh­mung mit­tels des Sub­jekt-Objekt-Sche­mas nicht erklärt wer­den kön­ne. D. h., er unter­stellt ähn­lich wie Peirce, dass Wahr­neh­mung kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt ist, son­dern ein Bezie­hungs­ge­sche­hen, was Peirce detail­liert und nicht ganz ein­fach nach­zu­wei­sen sucht. The­ra­peu­tisch ist vor allem Mer­leau-Pon­tys Kon­zept der Zwi­schen­leib­lich­keit wich­tig, als ein inter­per­so­na­les Medi­um, das Per­so­nen ver­bin­det. Hier liegt eine Par­al­le­le zu den Inter­ak­ti­ons­theo­ri­en der Prag­ma­tis­ten vor, aber Mer­leau-Pon­ty ist hier ori­gi­nell dar­in, dass eine Sphä­re der sinn­lich ver­mit­tel­ten Leib­lich­keit besteht, die einen Aus­tausch zulässt. Fuchs hat vor die­sem Hin­ter­grund das Ent­ste­hen von Selbst­be­wusst­sein bei etwa acht Mona­te alten Kin­dern erklärt. Die­ser Gedan­ke ist Peirce nicht fremd, schon die frü­he Phi­lo­so­phie for­mu­liert durch­aus Ver­gleich­ba­res – aber er kommt nach mei­nem Urteil zu nichts Kon­kre­tem. M. E. bie­ten sich in der Leib­lich­keits­auf­fas­sung und der Wahr­neh­mungs­phi­lo­s­phie noch Chan­cen wech­sel­seit­ge­en Ler­nens.

26. November 2011

Wahr­neh­mung und Erfah­rung (Vhs Neckar­ge­münd)

Die Teilnehmer/innen waren uneins dar­über, ob den Erwä­gun­gen Peirce’ zu den kate­go­ria­len Umbe­set­zun­gen hin zur fun­da­men­ta­len Funk­ti­on der Rela­ti­on eine Bedeu­tung zukä­me. Peirce folgt Aris­to­te­les, Hum­boldt und Schlei­er­ma­cher in der Ein­schät­zung, dass die Phi­lo­so­phie sprach­ab­hän­gig ist. Mit Schlei­er­ma­cher und stär­ker als die­ser betont er aber die Bedeu­tung aller Zei­chen­for­men, um Kate­go­ri­en aus­bil­den zu kön­nen. Dies ist eine Kon­se­quenz aus der Annah­me, alle Men­schen phi­lo­so­phier­ten. Peirce ist ent­spre­chend der Nach­weis gelun­gen, dass die ele­men­ta­ren Zei­chen­sys­te­me die Bezeich­nung der Rela­ti­on der­art unter­stel­len, dass alle ande­ren kate­go­ria­len Bestim­mun­gen von ihr abhän­gen. Etwa Hei­deg­ger und Brod­beck, Die Herr­schaft des Gel­des, hier im Blog z. B. http://alltagundphilosophie.com/2010/12/09/zinsen/ u. ö. ahnen, dass das moder­ne Dilem­ma sich durch eine der­ar­ti­ge Umbe­set­zung, die pra­xis­lei­tend wird, ändern könn­te, bei Brod­beck mit expli­zi­ter Nen­nung des Rela­ti­ons­pro­blems. Wie Görnitz/Görnitz, Die Evo­lu­ti­on des Geis­ti­gen, 2007, zei­gen, ist auch die Quan­ten­phy­sik als wesent­li­che Theo­rie des­sen, was die Bestand­tei­le und Pro­zes­se der Rea­li­tät sein könn­ten, hier­zu auf dem Wege. Für den Beob­ach­ter inter­es­sant näher­te sich der Kurs den­noch in sei­nen Erör­te­run­gen fast unmerk­lich der im All­tag und in der oft unzu­rei­chend ver­stan­de­nen bzw. reflek­tier­ten Umgangs­spra­che impli­zie­ren Unend­lich­keits­pro­ble­ma­tik, der Selbst­re­fe­renz­pro­ble­ma­tik vor allem des Inter­pre­tan­ten, ent­spre­chen­der Auf­ga­be fal­scher Sicher­hei­ten und dem­je­ni­gen, was Schlei­er­ma­cher freund­lich als „Über­ei­lung“, Peirce als nicht „selbst­kon­trol­lier­tes Den­ken“ bezeich­ne­te, heu­te vor allem durch finan­zi­ell erzeug­te Zeit­not angeb­lich unver­meid­bar … Ob das nicht zu ändern ist, blieb nach Wahr­neh­mung des Dozen­ten eher unent­schie­den. Es ist auch nach mei­ner Über­zeu­gung so, dass die Kri­sen zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts jeden­falls auch auf einen ent­spre­chen­den Man­gel an „selbst­kon­trol­lier­tem Den­ken“ zurück­ge­hen, der zur all­täg­li­chen Gewohn­heit gewor­den ist, vgl. http://alltagundphilosophie.com/2011/11/03/die-semiotik-charles-peirce%E2%80%99-vhs-neckargemund/.

Das heu­ti­ge The­ma der (sinn­li­chen) Wahr­neh­mung und ihrer Ver­ar­bei­tung in der Erfah­rung ist seit gut 100 Jah­ren erforscht und umstrit­ten, natür­lich auch unter Betei­li­gung der semio­ti­schen Phi­lo­so­phie von Peirce, der bei­des als auf­ein­an­der auf­bau­en­de Zei­chen­pro­zes­se ana­ly­siert hat, wobei er Wert dar­auf legt, dass es sich um „geis­ti­ge“, „selbst­kon­trol­lier­te“ und „selbst­kri­ti­sche“ Leis­tun­gen des ein­zel­nen Men­schen han­delt, die per­spek­ti­visch ist – und daher auf Aus­tausch mit ande­ren Men­schen ange­wie­sen ist. Auch Tie­re haben bei Peirce – ähn­lich wie bei von Uex­küll – zumin­dest ele­men­tar Teil an sol­chen selbst­kri­ti­schen Fähig­kei­ten.

 

Wahr­neh­mung:    Ich/Wir neh­men etwas als etwas wahr.

Erfah­rung:           Ich/Wir erfahre/n etwas Wahr­ge­nom­me­nes als etwas Bekann­tes.

 

Krea­ti­ve Pro­zes­se sind dann nötig, wenn etwas zum ers­ten Mal wahr­ge­nom­men wird, aber auch erfah­ren wird. Hier sind For­men der sozia­len Gemein­schaft hilf­reich, kön­nen aber auch stö­rend sein, wenn rela­tiv zu einer sozia­len Gemein­schaft ein ein­zel­ner Mensch etwas neu sieht, hört, riecht, tas­tet, schmeckt oder emp­fin­det. Peirce zufol­ge wird dabei stets ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess gestar­tet, der sicher­stellt, dass immer auch ein sinn­lich erfass­tes Etwas als etwas inter­pre­tiert wird. Sol­che sinn­li­che Wahr­neh­mung kann ten­den­zi­ell das wahr­ge­nom­me­ne Etwas ver­ein­zeln. Der Erfah­rungs­pro­zess bezieht es auf die Erfah­rungs­tra­di­ti­on und bestimmt es in sei­nem Bezie­hungs­as­pekt zu allem Ande­ren. Die Pro­zes­se der sinn­li­chen Wahr­neh­mung wer­den teil­wei­se von den empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten wie Neu­ro­lo­gie und Psy­cho­lo­gie erforscht, gehalt­voll und inte­gra­tiv wird das aber erst dann, wenn man den gesam­ten Zusam­men­hang beschrei­ben kann. Nach Peirce ist das dann der Fall, sofern man die ein­zel­nen Aspek­te des Pro­zes­ses als Zei­chen­pro­zess ana­ly­sie­ren kann.

Die all­ge­mei­nen Pro­ble­me, die auch nicht sel­ten in unse­rem Kurs the­ma­ti­siert wer­den, fas­se ich fol­gen­der­ma­ßen zusam­men:

Seit die empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten im Abend­land und dann auch in Nord­ame­ri­ka star­ke Erkennt­nis­fort­schrit­te gemacht haben, tritt ein Pro­blem auf, das sich ins­be­son­de­re seit der Ver­wen­dung des Tele­skops in der Astro­no­mie gel­tend gemacht hat: Unse­re sinn­li­che Wahr­neh­mung scheint uns über die Rea­li­tät zu täu­schen, die Son­ne geht am Mor­gen nicht auf, weder die Erde noch die Son­ne sind auch nur im Ent­fern­tes­ten im Zen­trum des Welt­alls. Und eben­so schei­nen uns unse­re Selbst­be­ob­ach­tun­gen, unse­re All­tags­wahr­neh­mung und All­tags­er­fah­rung im Blick auf unse­re Selbst­ein­schät­zung zu täu­schen. Wir erle­ben uns selbst zumin­dest gele­gent­lich als selbst­be­stimmt han­deln­de Per­so­nen, doch das ist eine Illu­si­on – wie seit der Auf­klä­rung man­che Wissenschaftler/innen behaup­ten. Das ist nur eine Sei­te der Auf­klä­rung, aber sie ist nicht ganz uner­heb­lich. Die Wis­sen­schafts­sei­te ist hier­bei im Übri­gen kei­nes­wegs ein­deu­tig. In der Zeit von etwa 1700 bis 1900 herrsch­te durch die Domi­nanz der klas­si­schen Phy­sik auch im natur­wis­sen­schaft­li­chen Den­ken ein stren­ger Deter­mi­nis­mus vor. Die­ser wur­de aber von­sei­ten der Bio­lo­gie durch Charles Dar­win durch­bro­chen, weil ihm zufol­ge das Zufalls­mo­ment bei der Ent­ste­hung der Arten mit­wirk­te. Ent­schei­dend wur­den die Natur­wis­sen­schaf­ten dann durch die Quan­ten­phy­sik ver­än­dert, die kei­ne ein­deu­tig deter­mi­nis­ti­schen Beschrei­bun­gen mehr zulässt.[1] Die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten haben in der Regel kei­nen Anlass gehabt, stren­ge deter­mi­nis­ti­sche Unter­stel­lun­gen in den Vor­der­grund zu stel­len. Häu­fig ist hier die Unter­stel­lung der Frei­heit zu Hau­se.[2]

Ich wer­de zunächst aus einer phi­lo­so­phi­schen Per­spek­ti­ve kurz die Grund­ty­pen der mög­li­chen Erfas­sung des Ver­hält­nis­ses von All­tags­er­fah­rung und Selbst­er­fah­rung auf der einen Sei­te, von wis­sen­schaft­li­chen Theo­ri­en auf der ande­ren Sei­te beleuch­ten.

Die Phi­lo­so­phie in unse­rer Welt­ge­gend und in Nord­ame­ri­ka hat ange­sichts die­ses immer wie­der­keh­ren­den Pro­blems im Wesent­li­chen vier Typen des Umgangs damit ent­wi­ckelt, die in sehr vie­len Spiel­ar­ten auf­tre­ten (vgl. Gra­fik 4 des Kur­ses):

 

Grafik 4 des Kurses

Gra­fik 4 des Kur­ses

An den Extre­men ste­hen die Posi­tio­nen, die eines der bei­den Ele­men­te des Pro­blems „All­tags­er­fah­rung“ und „Wis­sen­schaft“ zuun­guns­ten des ande­ren eli­mi­nie­ren wol­len. Man kann ver­tre­ten, nur die All­tags­er­fah­rung im Unter­schied zur Wis­sen­schaft gibt uns einen siche­ren Ein­blick in die Rea­li­tät – und umge­kehrt. Ent­spre­chend gibt es Phi­lo­so­phi­en, die sich fak­tisch mit den Fra­ge­stel­lun­gen der Wis­sen­schaf­ten, ins­be­son­de­re der Natur­wis­sen­schaf­ten iden­ti­fi­zie­ren – und die­se logisch-theo­re­tisch reflek­tie­ren. Dies ist der Wis­sen­schafts­ty­pus der Phi­lo­so­phie, wie er in eini­gen Posi­tio­nen der Ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie, in der posi­ti­vis­ti­schen und neo­po­si­ti­vis­ti­schen Phi­lo­so­phie auf­tritt.[3] Auch die frü­he Phi­lo­so­phie Lud­wig Witt­gen­steins gehört ten­den­zi­ell dazu. Scharf gegen­über ste­hen die­ser Posi­ti­on die ver­schie­de­nen Spiel­ar­ten der phä­no­me­no­lo­gi­schen bzw. her­me­neu­ti­schen Phi­lo­so­phie, die der All­tags­er­fah­rung eine eige­ne Wür­de zuge­ste­hen. Das ist der All­tags­ty­pus der Phi­lo­so­phie. Auch die Spät­phi­lo­so­phie Lud­wig Witt­gen­steins ten­diert in die­se Rich­tung – mit einer durch­aus beacht­li­chen Kri­tik an For­men des Wis­sen­schafts­im­pe­ria­lis­mus. Das kann soweit füh­ren, dass die Wis­sen­schaf­ten aus die­ser Per­spek­ti­ve in ihrer Pra­xis scharf kri­ti­siert wer­den, weil ihre Ergeb­nis­se die All­tags­er­fah­rung, über­haupt die Phä­no­me­ne ver­feh­len. Im Hin­ter­grund ste­hen hier nicht sel­ten wis­sen­schaft­li­che und phi­lo­so­phi­sche Rezep­tio­nen von Refle­xio­nen künst­le­risch-phi­lo­so­phi­scher Art – etwa von Johann Wolf­gang von Goe­the[4] und/oder von Ralph Wal­do Emer­son[5].

Am Ende des 19. Jahr­hun­derts gab es eine Rei­he von Phi­lo­so­phen, die bei­de Posi­tio­nen für zu extrem hiel­ten. Sie such­ten also Ver­mitt­lungs­po­si­tio­nen, in denen bei­de Aspek­te vor­kom­men. Dies ist zum einen die neu­kan­tia­ni­sche Phi­lo­so­phie, wel­che die Sitt­lich­keit und das Bewusst­sein aus dem Zugriff der empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten her­aus­hal­ten woll­te. Das Haupt­ar­gu­ment besteht dar­in, dass die Bewusst­seins­ebe­ne ele­men­ta­rer ange­sie­delt ist als die wis­sen­schaft­li­che Ebe­ne. Das Bewusst­sein und sei­ne tran­szen­den­ta­len Struk­tu­ren begrün­den die Wis­sen­schaf­ten über­haupt erst, weil ja Bewusst­sein zur Durch­füh­rung wis­sen­schaft­li­cher Tätig­kei­ten erfor­der­lich ist. Man kann also ein sitt­li­cher Mensch sein und trotz­dem ein rich­tig empi­risch vor­ge­hen­der Wis­sen­schaft­ler. Zum ande­ren ist dies aber vor allem die semio­ti­sche Phi­lo­so­phie von Charles Peirce, die mit den Phä­no­me­no­lo­gen über­zeugt ist, dass der All­tags­er­fah­rung eine gro­ße Wür­de zuzu­schrei­ben ist. In ihr sind alle all­ge­mei­nen Struk­tu­ren unse­rer Wirk­lich­keits­er­fah­rung ent­hal­ten. Gleich­wohl ist es nicht unmög­lich, dass wir uns in unse­rer All­tags­er­fah­rung täu­schen, auch in der Erfas­sung ihrer all­ge­mei­nen Struk­tu­ren. Denn alle all­ge­mei­nen Annah­men müs­sen sich immer wei­ter in der Erfah­rung – auch der Erfah­rung ande­rer – bewäh­ren. Und dazu gehö­ren auch die wis­sen­schaft­lich auf­be­rei­te­ten Erfah­run­gen. Dabei ist fest­zu­hal­ten, dass die bei­den Haupt­schluss­for­men in der All­tags­er­fah­rung und den Wis­sen­schaf­ten die Abduk­ti­on bzw. Hypo­the­se und die Induk­ti­on sind. Auch rela­tiv sta­bi­le Induk­tio­nen müs­sen in der Zukunft stets wei­ter in der Erfah­rung über­prüft wer­den. Peirce’ Phi­lo­so­phie wehrt daher sowohl dem Fun­da­men­ta­lis­mus der All­tags­er­fah­rung als auch dem­je­ni­gen der Wis­sen­schaf­ten, es kommt auf die kri­ti­sche Über­prü­fung in der Erfah­rung an. Gegen die Neu­kan­tia­ner kann ein­ge­wen­det wer­den, dass sich auch das Bewusst­sein aller Wahr­schein­lich­keit nach erst in der Evo­lu­ti­on der bio­ti­schen Arten ent­wi­ckelt hat, daher als Letzt­be­grün­dungs­mus­ter schwer­lich taug­lich ist.

 

 


[1] Vgl. die Ein­füh­rung durch T. Gör­nitz, Quan­ten sind anders. Die ver­bor­ge­ne Ein­heit der Welt, Heidelberg/Berlin 1999.

[2] Zu ent­ge­gen­ge­setz­ten Ten­den­zen in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, die mit ent­spre­chen­den Ver­lus­ten wis­sen­schaft­li­cher Genau­ig­keit und Pro­gno­se­fä­hig­keit ein­her­ge­hen, vgl. K.-H. Brod­beck, Die frag­wür­di­gen Grund­la­gen der Öko­no­mie. Eine phi­lo­so­phi­sche Kri­tik der moder­nen Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, Darm­stadt 22000. Ähn­li­ches tritt auch in man­chen Kon­zep­tio­nen der Sozio­lo­gie auf.

[3] Vgl. als Bei­spiel im Blick auf die aktu­el­le Dis­kus­si­on T. Met­zin­ger, Vor­wort, in: ders. (Hg.), Bewusst­sein. Bei­trä­ge aus der Gegen­warts­phi­lo­so­phie, Pader­born 52005: „In West­deutsch­land […] haben nach dem Zwei­ten Welt­krieg vie­le ver­schie­de­ne For­men des Phi­lo­so­phie­rens, bei denen die Stan­dards der begriff­li­chen Klar­heit und der ratio­na­len Argu­men­ta­ti­on nicht mehr im Mit­tel­punkt ste­hen, einen unge­ahn­ten Auf­schwung erlebt. Nach wie vor herrscht in wei­ten Tei­len der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie ein Ress­in­te­ment gegen­über den empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten, das nicht sel­ten von einem gene­rel­len Des­in­ter­es­se an inter­dis­zi­pli­nä­ren Dia­lo­gen beglei­tet wird.“

[4] Vgl. Natur­wis­sen­schaft­li­che Schrif­ten, in: Goe­the Wer­ke (Jubi­lä­ums­aus­ga­be), Bd. 6, Darm­stadt 1998, 631ff.

[5] Vgl. ins­be­son­de­re Die Natur. Aus­ge­wähl­te Essays, Stutt­gart 2000.

19. November 2011

Peirce‘ rela­tio­na­le Begriffs­theo­rie

Wir haben uns in der Sit­zung am 07.11. dem erkennnt­nis- und wis­sen­schafts­be­zo­ge­nen Aspekt der Semio­tik Peirce’ zuge­wandt. Dabei bespra­chen wir Peirce’ genu­in tria­di­sche Ber­zeich­nungs­re­la­ti­on (vgl. den vor­he­ri­gen Link!). Die­se ist schon bald von Mor­ris in drei zwei­stel­li­ge Rela­tio­nen auf­ge­löst wor­den, was nach Peirce aber nicht sein darf, weil dann Unend­lich­keits- und Selbst­be­züg­lich­keits­fra­gen leicht über­se­hen wer­den. Wich­tig ist:

Die genu­in tria­di­sche Rela­ti­on schließt aus, dass es ein ernst­zu­neh­men­des Sub­jekt-Objekt-Pro­blem gibt, weil Erkennt­nis­ge­gen­stand, Erken­nen und Erkenntnnis­sub­jekt ver­bun­den sind – ein Punkt, den Peirce mit Whitehead, aber auch mit den Phä­no­mo­lo­gen teilt. Ein sehr wich­ti­ger Aspekt ist der­je­ni­ge der Uni­ver­sa­li­tät der Semio­tik, die er mit Jakob von Uex­küll teilt – und dies hat u. a. zu bestimm­ten For­men der Psy­cho­so­ma­tik und der Dis­zi­plin der Bio­se­mio­tik geführt. Wir haben uns der Inten­ti­on Peirce’ fol­gend, anhand der Resis­tenz gegen­über Anti­bio­ti­ka den soge­nann­ten „geis­ti­gen“ Aspekt im Uni­ver­sum jen­seits des Men­schen deut­lich gemacht. „Geist“ hängt Peirce zufol­ge von „Zei­chen“, aber nicht not­wen­dig von „Bewusst­sein“ ab:

Ich ver­wen­de Geist als ein Syn­onym für Dar­stel­lung; und man beach­te, dass die­ser Geist nicht der Geist ist, mit dem sich die Psy­cho­lo­gen beschäf­ti­gen, wenn sie sich über­haupt mit irgend­et­was Geis­ti­gem beschäf­ti­gen. Ich glau­be, dass sie haupt­säch­lich vom Bewusst­sein, im Sin­ne der ers­ten Kate­go­rie, und über hypo­the­ti­sche For­ma­tio­nen im Gehirn reden.“ (Charles San­ders Peirce, Phä­no­men und Logik der Zei­chen, 170)

Mit­hin ist die Semio­tik eine Par­al­le­le zur soge­nann­ten „Psy­cho­lo­gis­mus­kri­tik“ Witt­gen­steins und Husserls, über­schrei­tet aber deut­lich den anthro­po­lo­gi­schen Hori­zont bei­der:

Von den uns allen ver­trau­ten drei Uni­ver­sen der Erfah­rung umfasst das ers­te alle blo­ßen Ide­en, die­se luf­ti­gen Nicht­se, die in der geis­ti­gen Welt von Dich­tern, rei­nen Mathe­ma­ti­kern oder ande­ren ihren Namen fin­den kön­nen.

Gera­de ihre luf­ti­ge Nich­tig­keit, die Tat­sa­che, dass ihr Sein in ihrer Bereit­schaft besteht, gedacht zu wer­den, und nicht dar­in, dass irgend­ei­ner sie wirk­lich denkt, sichert ihre Rea­li­tät.

Das zwei­te Uni­ver­sum ist das­je­ni­ge der rohen Wirk­lich­keit von Din­gen und Tat­sa­chen. Ich bin über­zeugt, dass ihr Sein aus Reak­tio­nen auf rohe Kräf­te besteht, und das unge­ach­tet der Ein­wän­de, die nur solan­ge schre­cken, bis sie wirk­lich genau über­prüft wur­den.

Das drit­te Uni­ver­sum umfasst alles, des­sen Sein dar­in besteht, zwi­schen ver­schie­de­nen Objek­ten durch akti­ve Kräf­te Ver­bin­dun­gen her­zu­stel­len, und das beson­ders zwi­schen objek­ten in ver­schie­de­nen Uni­ver­sen. Dies trifft auf alles zu, was wesent­lich ein Zei­chen ist – und nicht auf den blo­ßen Kör­per eines Zei­chens, für den dies eigent­lich nicht gilt, son­dern, wenn man so sagen darf, auf die See­le des Zei­chens, des­sen Sein in sei­ner Kraft liegt, zwi­schen sei­nem Objekt und einer geis­ti­gen Instanz zu ver­mit­teln. In glei­cher Wei­se ver­hal­ten sich ein leben­di­ges Bewusst­sein, das Leben und die Wachs­tums­kraft einer Pflan­ze; und eben­so eine leben­di­ge Insti­tu­ti­on – eine Tages­zei­tung, ein gro­ßes Glück, eine sozia­le ‚Bewe­gung‘.“ (Reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­sche Schrif­ten 1995, 330f)

Ein­zel­bei­spie­le fin­den sich vie­le in „Natur­ord­nung und Zei­chen­pro­zess“, Anwen­dun­gen, Ergän­zun­gen und Wei­ter­füh­run­gen bei Jesper Hoff­mey­er, Bio­se­mio­tics, 2005. Wie von Uex­küll stand Peirce mit­hin in der Wir­kungs­ge­schich­te der Roman­tik, wobei offen­kun­dig ein direk­ter Ein­fluss von Emer­son auf sei­ne Semio­tik vor­liegt. Man darf Peirce nicht miss­ver­ste­hen. Er leug­net die Welt des Mecha­nis­mus nicht, aber es han­delt sich um ein Uni­ver­sum der rohen Kräf­te. Einer der Feh­ler der „moder­nen Welt“ sei es, alles auf die­ses Uni­ver­sum zu redu­zie­ren, wofür ihm Her­bert Spen­cer als Beleg gilt. Ähn­lich ist sei­ne Kri­tik an Dar­win gela­gert. Wir sahen schon bei Bau­er u. a., dass sei­ne Kri­tik heut­zu­ta­ge auch empi­risch-wis­sen­schaft­lich star­ken Wider­hall fin­det.

Wir ver­su­chen sowohl die­se Zusam­men­hangs­auf­fas­sung zu ver­tie­fen und zu ver­ste­hen, wes­halb genu­in tria­di­sche Rela­tio­nen so wich­tig sind:

Zunächst ist dar­auf zu bestehen, dass Aus­drü­cke wie „Bezeich­nung“ konse­quent als Bezeich­nung von Rela­tio­nen zu begrei­fen sind, die Aspek­te ihrer Rela­ta und/oder die­se als sie selbst kon­sti­tu­ie­ren. Rela­tio­nen wer­den in vie­len natür­li­chen Spra­chen durch prä­di­ka­tiv ver­wen­de­te n-adi­ge („ein“- bzw. „mehr­stel­li­ge“) Sub­stan­ti­ve und Ver­ben im syn­tak­ti­schen Zusam­men­spiel mit Prä­po­si­tio­nen und Kasus darge­stellt[1]. Sol­che prä­di­ka­ti­ven Dar­stel­lun­gen von Rela­tio­nen kön­nen als Rela­ti­ve bez­eichnet wer­den. So ist der Aus­druck „Toch­ter“ syn­tak­tisch in der deut­schen Spra­che als dya­di­sches Sub­stan­tiv bzw. Rela­tiv zu betrach­ten: „Jemand“ ist Toch­ter von „jeman­dem“.

Das deut­sche Verb „geben“ hat die syn­tak­ti­sche Struk­tur: „Jemand“ gibt „etwas“ an „jeman­den“. „Geben“ ist syn­tak­tisch folg­lich ein tria­disch struk­tu­rier­tes Verb oder Rela­tiv. Die­ses Verb erzeugt syn­tak­tisch „offe­ne Stel­len“, die hier durch die Platz­hal­ter „jemand“, „etwas“ und „jeman­den“ bezeich­net wur­den. Die­se Platz­halter las­sen sich wei­ter sprach­lich prä­zi­sie­ren. So impli­ziert „geben“ immer die Bezeich­nung einer Instanz, die gibt: „Gebende/s/r“ [1]. Die­se Instanz gibt etwas: „Gabe“ [2]. Von „geben“ ist schließ­lich nur dann voll­stän­dig die Rede, wenn die Adres­se die­ses Gesche­hens genannt ist: „Empfangende/s/r“ [3]. Eine semio­tisch gehalt­vol­le, an der Syn­tax von Pro­po­si­tio­nen ori­en­tier­te lexi­ka­li­sche Ein­tra­gung des Verbs „geben“ müss­te dies berück­sich­ti­gen (cf. Gra­fik 3).

Gra­fik 3: Iko­ni­sche Reprä­sen­ta­ti­on der Struk­tur von Pro­po­si­tio­nen
durch das Prä­di­kat

Genu­in tria­disch Gebens­re­la­ti­on (Gra­fik 3 des Kur­ses)

Das Rela­tiv „geben“ ist betont durch Fär­bung dar­ge­stellt, um sei­ne Prio­ri­tät vor den durch es erzeug­ten Rela­ti­ven zu bezeich­nen.

Dann zeigt sich, dass das Prä­di­kat in der deut­schen Spra­che durch Erzeu­gung von „offe­nen“ Stel­len bzw. „Platz­hal­tern“ iko­nisch, d. h. in die­sem Fall durch gemein­sa­me struk­tu­rel­le Eigen­schaf­ten, die Struk­tur von Pro­po­si­tio­nen reprä­sen­tiert. Glei­ches gilt auch für die alt­grie­chi­sche Spra­che. In Peirce’ rela­tio­nen­lo­gi­scher Ter­mi­no­lo­gie las­sen sich auch die „Platz­hal­ter“ oder „offe­nen Stel­len“ wie­der als Rela­ti­ve begrei­fen. So kann die offe­ne Stel­le „Gebende/s/r“ beschrie­ben wer­den: „Gebende/s/r sein von ‘etwas’ an ‘jeman­den’“. „Gabe“ bezeich­net: „Gabe sein von ‘jeman­dem’ an ‘jeman­den’“, wäh­rend „Empfangende/s/r“ eine Kurz­for­mel ist für: „Empfangende/s/r sein von ‘etwas’ durch ‘jeman­den’“.

Auf die­ser Basis ist auch Peirce’ Behaup­tung zu ver­ste­hen, das Prä­di­kat eines Sat­zes sei sein Inter­pre­tant[2]. Die iko­ni­sche Dar­stel­lung der Struk­tur von Pro­po­si­tio­nen durch die Struk­tur des Prä­di­ka­tes ist als Selbst­re­fe­renz von Pro­po­si­tio­nen zu begrei­fen. Peirce’ The­se trifft z. B. für die alt­grie­chi­sche und deut­sche Spra­che zu.

Die durch Indi­ces wie Arti­kel, Namen, Ver­bal­mor­phe­me und Pro­no­men sowie mit­tels Kon­junk­ti­on durch wei­te­re Prä­di­ka­te bezeich­ne­ten Rela­ta sind aus se­miotischer Per­spek­ti­ve also sekun­där, weil die gram­ma­ti­sche Struk­tur der durch n-adi­ge Sub­stan­ti­ve und Ver­ben reprä­sen­tier­ten Prä­di­ka­te „offe­ne Stel­len“ erzeugt, in die Indi­ces (Sub­jek­te, Objek­te) und Prä­di­ka­te (als Bezeich­nun­gen von Rela­tio­nen, die als Rela­ta fun­gie­ren) ein­ge­setzt wer­den kön­nen.

Eine an der Syn­tax von Pro­po­si­tio­nen ori­en­tier­te Ana­ly­se erkennt als deren rela­tiv pri­mä­res Zen­trum also die Prä­di­ka­te, nicht die „Sub­jek­te“ oder „Objek­te“. M. E. legt es sich sehr nahe, die­se gramma­tische Struk­tur von Pro­po­si­tio­nen mit Peirce’ Rela­tio­nen­lo­gik rea­lis­tisch zu deu­ten. – Die­se The­se bricht mit dem aris­to­te­li­schen Kon­zept der Satz­lo­gik, das Aris­to­te­les zudem meta­phy­sisch inter­pre­tier­te. Noch ent­schei­den­der dürf­te frei­lich sein, dass damit auch die The­se wider­legt ist, die Sub­stanz­me­ta­phy­sik beru­he auf der „Sub­jekt-Prä­di­kat-Struk­tur“ abend­län­di­scher Spra­chen (vgl. dazu Maria-Sibyl­la Lot­ter, Die meta­phy­si­sche Kri­tik des Sub­jekts. Eine Unter­su­chung von Whiteheads univer­salisierter Sozi­al­on­to­lo­gie, 1996 [Stu­di­en und Mate­ria­li­en zur Geschich­te der Phi­lo­so­phie 43x), 108ff). Statt­des­sen hat sie sich auf­grund einer fal­schen Auf­fas­sung die­ser Spra­chen aus­ge­bil­det.


[1] Ich schlie­ße mich der rela­tio­nen­lo­gi­schen Posi­ti­on von Peirce Semio­ti­sche Schrif­ten I, 269ff, an.

[2] Cf. Peirce (Apel-Aus­ga­be), 511.

 

3. November 2011

Die Semio­tik Charles Peirce’ (Vhs Neckar­ge­münd)

Die letz­te Sit­zung befass­te sich mit dem Ethik­ent­wurf Peirce’, was schon durch die For­mu­lie­rung der Prag­ma­ti­schen Maxi­me vor­be­rei­tet war – wobei ich auf die ent­spre­chen­den Tech­ni­ken und Kunst­leh­ren hin­ge­wie­sen hat­te, die kei­nes­wegs nur zur Anwen­dung der Wis­sen­schaf­ten gehö­ren, son­dern durch­aus zur Pro­duk­ti­on von „Wis­sen“ die­nen. Die „Ethik“ Peirce’ beruht auf grund­le­gen­den Erwä­gun­gen des Aris­to­te­les, was sich auch in dem Begriff der „Über­le­gung“ nie­der­schlägt, der eine Neu­fas­sung des Begriffs der sofro­sy­ne (Beson­nen­heit) ist.

Mit­hin sind Wis­sen­schaf­ten – anders als bei den Positivist/inn/en und den Neukantianer/innen nicht wert­neu­tral. Es ließ sich auch an Weber ganz leicht auf­zei­gen, dass selbst die­se For­de­rung nur durch bewer­ten­des Spre­chen mög­lich ist, mit­hin selbst ein Fall der „Ethik“ wäre. Peirce’ Ver­or­tung der „Ethik“ als nor­ma­ti­ve Wis­sen­schaft vor der Logik, stellt sicher, dass sol­che doch recht schlich­ten logi­schen Feh­ler ver­mie­den wer­den.

Positivist/inn/en und Neukantianer/innen sind daher den nicht selbst­kon­trol­lier­ten und wenig beson­ne­nen öko­no­mi­schen oder poli­ti­schen Inter­es­sen ganz hilf­los aus­ge­lie­fert gewe­sen, was den Bei­trag der Wis­sen­schaf­ten zu min­des­tens drei gro­ßen Kri­sen zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts sicht­bar macht:

  • Nut­zung der Kern­ener­gie
  • Kli­ma­ka­ta­stro­phe
  • Nahe­zu eine Mil­li­ar­de, mit­hin ein Sieb­tel der Men­schen, ste­hen vor dem Hun­ger­tod (Felix zu Löwen­stein, Food Crash [2011])

In allen die­sen drei Phä­no­me­nen wird erst ein schein­bar nahe­lie­gen­des Modell ver­tre­ten, wel­ches Gefah­ren ban­nen und öko­no­mi­sche Pro­duk­ti­vi­tät oder poli­ti­sche Sicher­heit erzeu­gen könn­te, tat­säch­lich aber wer­den unbe­son­ne­ne Metho­den ver­wen­det, wel­che sich letzt­lich nicht bewäh­ren und fata­le Fol­gen zei­ti­gen. Daher ist die „Ethik“ so wich­tig, die Peirce’ zufol­ge unter Ein­be­zie­hung aller Men­schen gesche­hen muss. Wir sehen das neu­er­dings in der rich­ti­gen Inten­ti­on von Papan­dre­ou, das grie­chi­sche Volk über sei­nen Weg selbst abstim­men zu las­sen. Natür­lich gibt es dage­gen Wider­stand der poli­ti­schen Klas­se hier­zu­lan­de und in Grie­chen­land, aber es ist eine Fol­ge der Athe­ner Demo­kra­tie so zu optie­ren.

Damit wird das vier­te Pro­blem sicht­bar, das auch im Werk Peirce’ sicht­bar ist:

  • Der Pri­mat der „Ethik“ for­dert den Pri­mat demo­kra­ti­scher Poli­tik über die öko­no­mi­schen Inter­es­sen.

Der Bei­trag Peirce’ besteht vor allem dar­in, dass er die semio­tisch-logi­sche Sub­ti­li­tät erhöht hat, um auch im All­tag leich­ter all­zu schlich­te Alter­na­ti­ven und Lösungs­we­ge durch­schau­en zu kön­nen. Semio­ti­sche Kom­pe­tenz erhöht mit­hin die All­tags­kom­pe­tenz und stärkt all­tags­phi­lo­so­phi­sche Bemü­hun­gen – ganz leicht ist sie den­noch nicht … Wir wen­den uns heu­te aber vor allem der wis­sen­schaft­li­chen Bedeu­tung zu. In der nächs­ten Sit­zung schen­ken wir der rela­tio­na­len Begriffs­theo­rie Peirce’ Beach­tung, die unse­re Betrach­tungs­wei­sen ändern könn­te, wir haben dies in unse­rem Kurs schon bei Brod­beck gese­hen, der die Miss­ach­tung der Rela­ti­on als zen­tra­ler Kate­go­rie für vie­le Miss­stän­de in unse­ren Gesell­schaf­ten ver­ant­wort­lich macht: Es sind hier nicht nur wis­sen­schaft­li­che, son­dern brei­te All­tags­über­zeu­gun­gen, die nega­ti­ve Fol­gen haben.

Der Prag­ma­tis­mus ist mit eini­gen Auf­sät­zen auch in die wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Dis­kus­si­on ein­ge­tre­ten, die Charles San­ders Peirce seit 1868 in der Zeit­schrift The Jour­nal of Spe­cu­la­ti­ve Phi­lo­so­phy ver­öf­fent­licht hat, dar­un­ter auch der berühm­te Auf­satz How to Make Our Ide­as Clear (1878), am leich­tes­ten erreich­bar in: The Essen­ti­al Peirce I, 1992, 142ff; eine eini­ger­ma­ßen pas­sa­ble Über­set­zung fin­det sich in Apel, Peirce. Schrif­ten zum Prag­ma­tis­mus usf. (1991; stw 945), 182ff. Der phi­lo­so­phi­sche Ansatz der ursprüng­li­chen Prag­ma­tis­ten Peirce, James, Dew­ey schätzt die Bedeu­tung der Wis­sen­schaf­ten hoch ein, daher gebührt ihnen auch phi­lo­so­phi­sche Auf­merk­sam­keit. Peirce ist als Ein­zel­wis­sen­schaft­ler Logi­ker gewe­sen, er hat die moder­ne Rela­tio­nen­lo­gik mit ent­wi­ckelt, außer­dem war er einer der Begrün­der der Semio­tik. Wil­liam James gilt mit Recht als einer der Begrün­der der empi­ri­schen Psy­cho­lo­gie. John Dew­ey ist nach mei­nem Urteil der bedeu­tends­te nach­klas­si­sche Päd­ago­ge. Die Prag­ma­tis­ten ver­tre­ten z. T. sehr unter­schied­li­che Posi­tio­nen, aber sie eint den­noch eine Grund­über­zeu­gung, die Dew­ey so zusam­men­fasst, wel­che wir uns noch ein­mal ver­deut­li­chen soll­ten:

Sofern sich jemand schon auf die Über­zeu­gung ver­pflich­tet hat, dass die Rea­li­tät sau­ber und abschlie­ßend in einem Paket mit einem Band ver­packt ist, das nicht mehr auf­ge­schnürt wer­den kann, es mit­hin kei­ne unvoll­ende­ten The­men oder neue Aben­teu­er gibt, wird er der Auf­fas­sung wider­spre­chen, dass Wis­sen eine Dif­fe­renz erzeugt, wie man auch sonst jedem unver­schäm­ten auf­dring­li­chen Men­schen wider­spricht. Doch sofern man davon über­zeugt ist, dass sich die Welt selbst im Über­gangs­pro­zess befin­det, war­um soll­te dann die Über­zeu­gung, dass das Wis­sen der bedeu­tends­te Modus ihrer Modi­fi­ka­ti­on und das ein­zi­ge Organ ihrer Lei­tung sei, a prio­ri schäd­lich sein? (Does Rea­li­ty Pos­sess a Prac­ti­cal Cha­rac­ter?, The Essen­ti­al Dew­ey I, 124ff, 125).

Dies besagt im Kon­text die­ses grund­le­gen­den Auf­sat­zes min­des­tens drei­er­lei:

(1)  Die Rea­li­tät sei nicht nur prak­tisch erschließ­bar, das scheint auf­grund der expe­ri­men­tel­len Pra­xis der Natur­wis­sen­schaf­ten seit dem 17. Jahr­hun­dert unab­weis­bar. Das wäre ein blo­ßer tru­ism, eine blo­ße Bin­sen­wahr­heit. Die Prag­ma­tis­ten ver­tre­ten aber dar­über hin­aus:

(2)  Die Rea­li­tät steht den han­deln­den Men­schen, auch den expe­ri­men­tie­ren­den Wissenschaftler/innen nicht sta­tisch gegen­über, son­dern sie wird sowohl durch das Expe­ri­ment als auch durch die dar­auf fol­gen­de Pra­xis ver­än­dert. Inso­fern befin­det sich die Rea­li­tät in einem durch mensch­li­ches wis­sen­schaft­li­ches Erken­nen mit­be­stimm­ten Ver­än­de­rungs­pro­zess. Auch dies war im letz­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts auf­grund der öko­no­misch-tech­ni­schen Umset­zung phy­si­ka­li­scher und che­mi­scher Erkennt­nis­se unab­weis­bar.

(3)  Dar­über hin­aus war allen klas­si­schen Prag­ma­tis­ten klar, dass auch die Fol­gen der Hand­lun­gen in der Wis­sen­schaft in die Erfas­sung wis­sen­schaft­li­cher Hand­lun­gen ein­ge­hen müs­sen. Auch bei heu­ti­gen Prag­ma­tis­ten wie Put­nam, Haber­mas, Ham­pe und Pape wird genau dies betont – und das ist ange­sichts des kata­stro­pha­len Schei­terns des wis­sen­schaft­lich-öko­no­misch-tech­ni­schen Pro­jek­tes vor allem an der Kli­ma­ver­än­de­rung, aber auch der Nut­zung der Kern­ener­gie und der Erzeu­gung von  Hun­ger über­aus aktu­ell.

1                               Semio­tik und Erkennt­nis

Es war das von allen ande­ren auch aner­kann­te Ver­dienst Peirce’ bestimm­te Grund­la­gen logisch-semio­ti­scher Art gelegt zu haben, die manch­mal nicht direkt zitiert wer­den, aber noch bis zu Dew­eys Theo­ry of Inqui­ry (1938 [vgl. wich­ti­ge Aus­zü­ge in: The Essen­ti­al Dew­ey II]), die akzep­tier­te Grund­la­ge bil­de­ten. Dew­ey hat­te bei Peirce Logik gehört – und das macht sich auf jeden Fall bemerk­bar.

Gra­fik 1: Genu­in Tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on, kei­nes der drei Rela­ta der Bezeich­nungs­re­la­ti­on Zei­chen, Objekt und Inter­pre­tant darf feh­len, alle sind stets durch die genu­in tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on ver­bun­den, der Inter­pre­tant ist stets eine refle­xi­ve Inter­pre­ta­ti­on eines schon vor­han­den Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zes­ses.

Ein Zei­chen oder Reprä­sen­ta­men ist alles, was in einer sol­chen Bezie­hung zu einem Zwei­ten steht, dass sein Objekt genannt wird, dass es fähig ist ein Drit­tes, das sein Inter­pre­tant genannt wird, dahin­ge­hend zu bestim­men, in der­sel­ben tria­di­schen Rela­ti­on zu ste­hen, in der es selbst steht. Das bedeu­tet, dass der Inter­pre­tant selbst ein Zei­chen ist, das ein Zei­chen des­sel­ben Objekts bestimmt – und so fort ohn Ende. (Phä­no­men und Logik der Zei­chen, 64)

Dass Erken­nen und wis­sen­schaft­li­ches Erken­nen Zei­chen­pro­zes­se sind, ist eigent­lich auch ein tru­ism, aber lei­der wird die­ser häu­fig nicht beach­tet. Noch heu­te meint man, eine wis­sen­schaft­li­che Behaup­tung sei eine Vor­stel­lung, ein men­ta­les Urteil, mög­li­cher­wei­se han­delt es sich sogar um – bis­lang unbe­ob­acht­ba­re – Gehirn­pro­zes­se. Davon kann kaum eine Rede sein, wis­sen­schaft­li­che Behaup­tun­gen wer­den öffent­lich gemacht, öffent­lich dis­ku­tiert usf. Mit­hin sind sie Zei­chen­pro­zes­se. Die Poin­te Peirce’ besteht in zwei wesent­li­chen Punk­ten:

(1)  Der wis­sen­schaft­li­che Pro­zess ist als Erken­nen mit dem Objekt in einer genu­in tria­di­schen Rela­ti­on rela­tio­nal ver­bun­den, die sinn­li­che Wahr­neh­mung des „Objekts“ im „Zei­chen“ wird im „Inter­pre­tan­ten“ dar­ge­stellt. Da der Inter­pre­tant selbst­re­fle­xiv dar­stellt, ist auch unter­stellt, dass schon die sinn­li­che Wahr­neh­mung im Zei­chen auf einen sol­chen tria­di­schen Pro­zess zurück­geht, mit­hin: Sofern sinn­li­che Wahr­neh­mung selbst ein Zei­chen­pro­zess ist, sind die angeb­li­chen Sin­nes­da­ten als abso­lu­ter Aus­gangs­punkt wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis, wie dies die Posi­ti­vis­ten unter­stell­ten, Tei­le eines unend­li­chen Zei­chen­pro­zes­ses, ein Punkt, den beson­ders Bert­rand Rus­sell als über­aus bedroh­lich emp­fand; vgl. die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Rus­sell und Dew­ey in: The Essen­ti­al Dew­ey II, 201ff; 408ff; mit aus­führ­li­chen und fai­ren Rus­sell­zi­ta­ten, in denen Rus­sell auf der Mach­schen Posi­ti­on beharrt.) Dew­ey hat spä­ter mit Recht betont, dass die Ide­en von Peirce mit denen von Whitehead beson­ders ver­wandt sei­en, weil bei­de auf unter­schied­li­che Wei­se, den fal­schen Gemein­platz infra­ge­ge­stellt hät­ten, es gäbe so etwas wie eine Sub­jekt-Objekt-Spal­tung usf. bzw. eine fak­tisch siche­re Aus­gangs­ba­sis in Sin­nes­da­ten. Auch Sin­nes­da­ten beru­hen auf einem Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zess, so Peirce, mit­hin müs­sen vie­le sol­che Inter­pre­ta­tio­nen mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den. Folg­lich ist anders als Pop­per mein­te, nicht nur die Induk­ti­on pro­ble­ma­tisch, wie also die Sin­nes­da­ten zu einer Theo­rie zusam­men­ge­fügt wer­den, schon die sinn­li­che Erfah­rung stellt eine prin­zi­pi­ell fal­li­ble Inter­pre­ta­ti­on dar.

(2)  Für alle Prag­ma­tis­ten bis hin zu Haber­mas heißt das dann, dass der Wis­sen­schafts­pro­zess zukunfts­of­fen ist, er hat als Ziel mit­hin die Zustim­mung aller der­je­ni­gen, die sich wis­sen­schaft­lich kom­pe­tent enga­gie­ren. Bzw. man kann zurück­hal­ten­der sagen, dass er die­ses Ziel  haben kön­nen muss, wenn man gründ­lich nach­denkt. Dies heißt dann aber auch, dass man im Sin­ne der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ Peirce’ stets die Kon­se­quen­zen des eige­nen wis­sen­schaft­li­chen Han­delns mit­be­den­ken muss, Ethik­ko­mis­sio­nen wer­den heu­te addi­tiv sozu­sa­gen stan­dard­mä­ßig auf­ge­baut. Für Dew­ey bedeu­te­te dies, dass die Zahl der­je­ni­gen, die wis­sen­schaft­lich kom­pe­tent sind, durch geeig­ne­te demo­kra­ti­sche Erzie­hung mög­lichst weit gefasst wer­den muss; vgl. dazu mei­ne Dar­stel­lung. Anders als in der spät­po­si­ti­vis­ti­schen oder neo­po­si­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on Pop­pers liegt also kein prin­zi­pi­el­ler Erkennt­nis­zwei­fel vor. Statt­des­sen besteht die Erwar­tung, dass die Wis­sen­schaf­ten vor dem Hin­ter­grund einer brei­ten Kom­pe­tenz in der Bevöl­ke­rung ihre hoch­kom­ple­xen und uni­ver­sal ange­setz­ten Auf­ga­ben eini­ger­ma­ßen lösen und dabei die Rea­li­tät zuguns­ten sitt­li­cher Zie­le ver­än­dern könn­ten. Es sind hier also kei­nes­wegs die wis­sen­schaft­li­chen Expert/inn/en gefragt, son­dern die ursprüng­li­che prag­ma­tis­ti­sche Idee besteht dar­in, dass es zu einer Demo­kra­tie gehört, dass das Wis­sen­schafts­sys­tem mög­lichst vie­le Men­schen durch All­ge­mein­bil­dung und in die Tie­fe gehen­de unend­li­che Bil­dungs­be­mü­hun­gen betei­ligt. Dies ist beson­ders ein­drück­lich von Dew­ey bedacht wor­den, der auch die ent­spre­chen­den sozia­len Vor­aus­set­zun­gen immer deut­li­cher erkann­te, z. B. einen Sozi­al­staat, der deut­lich über gewöhn­li­che „ame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se“ hin­aus­geht; vgl. „Demo­cra­cy is Radi­cal“, in: The Essen­ti­al Dew­ey I, 337ff, aber Dew­ey zufol­ge sehr wohl in den klas­si­schen Doku­men­ten der ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on und Demo­kra­tie ange­legt sei.

Inter­es­sant ist, dass der schon in unse­ren Kurs­zu­sam­men­hän­gen erwähn­te Johann Jakob von Uex­küll prin­zi­pi­ell den Ansatz von Peirce und Dew­ey, dass also „Rea­li­tät“ im dar­ge­stell­ten Sin­ne unter Zei­chen­ver­wen­dung „prak­tisch“ sei, auch bei den leben­den Wesen ab dem Ein­zeller unter­stellt:

Gra­fik 2: Quel­le: Thu­re von Uex­küll u. a., Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin, 2008, 9.

Das „Mer­ken“ führt zum „Wir­ken“, wodurch die Rea­li­tät, die wahr­ge­nom­men wur­de, ver­än­dert wird. Dies geht Uex­küll zufol­ge nur durch eine ent­spre­chen­de Inter­pre­ta­ti­on, die u. a. am eige­nen Bedürf­nis ori­en­tiert ist.

Zwi­schen den Prag­ma­tis­ten und von Uex­küll scheint kei­ne wech­sel­sei­ti­ge oder auch nur ein­sei­ti­ge Wahr­neh­mung zustan­de­ge­kom­men zu sein. Hier liegt aber eine wesent­li­che wis­sen­schaft­li­che Chan­ce, um Ein­sei­tig­kei­ten in der Bio­lo­gie infra­ge zu stel­len.

2                             Fal­li­bi­lis­mus

Wer die Rea­li­tät als in einem stän­di­gen Über­gangs­pro­zess begrif­fen sieht, kann die Rol­le der Wis­sen­schaf­ten ganz gelas­sen als sozia­le Sys­te­me mit Fal­li­bi­lis­mus als wesent­li­chem metho­di­schem Aspekt und dau­ern­der selbst­kri­ti­scher Besin­nung bestim­men. Der ent­spre­chen­de Wiki­pe­diaar­ti­kel hat das unbe­streit­ba­re Ver­dienst, die Sache nicht ganz auf Pop­pers Niveau her­un­ter­zu­bea­men. M. E. ist Pop­pers Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus kein Fal­li­bi­lis­mus im Sin­ne von Peirce und Dew­ey, dass dies den­noch oft als Fal­li­bi­lis­mus bezeich­net wird, ist ein bedau­er­li­cher Man­gel, aber so etwas kommt in der Wis­sen­schafts- und Phi­lo­so­phie­ge­schich­te nicht sehr sel­ten vor. Der Fal­li­bi­lis­mus ist auf­grund der Grund­idee der Prag­ma­tis­ten wis­sen­schaft­lich zwin­gend, weil schon die Sin­nes­da­ten Tei­le der dyna­mi­schen genu­in tria­di­schen Bezeich­nungs­re­la­ti­on sind, ganz zu schwei­gen von allen wei­te­ren abduk­ti­ven, induk­ti­ven oder gele­gent­lich auch deduk­ti­ven Inter­pre­ta­tio­nen grö­ße­ren Aus­ma­ßes. Wei­ter ist den Prag­ma­tis­ten zufol­ge die Bedeu­tung einer wis­sen­schaft­li­chen Behaup­tung oder Theo­rie auf die Zukunft aus­ge­legt, mit­hin kön­nen im Ver­lauf ihrer Wei­ter­in­ter­pre­ta­ti­on stän­dig Ver­än­de­run­gen auf­tre­ten – und wie die Wis­sen­schafts­ge­schich­te zeigt, ist dies auch der Fall. Jede Induk­ti­on muss sich in der Zukunft bewäh­ren – und das gilt auch und gera­de für die Natur­ge­set­ze, die man­che für recht gut erkannt hal­ten. Aller­dings zeigt die Geschich­te der Wis­sen­schaf­ten auch, dass bestimm­te Ein­sich­ten wis­sen­schaft­li­cher Art sich bewährt haben. Das ist des­halb der Fall, weil wir unse­re Behaup­tun­gen und Theo­ri­en in ent­spre­chen­den Pra­xis­si­tua­tio­nen stets über­prü­fen und ver­bes­sern kön­nen, das setzt mit Dew­ey eben eine sehr ver­brei­te­te wis­sen­schaft­li­che Kom­pe­tenz in einer mög­lichst brei­ten Öffent­lich­keit vor­aus. Pop­per ist gegen die­se Auf­fas­sung rela­tiv mas­siv vor­ge­gan­gen und hat ent­spre­chen­de Poli­tik­be­ra­tung bei Hel­mut Schmidt u. a. betrie­ben. Das war vor allem in der Fra­ge der Kli­ma­ka­ta­stro­phe fatal – auch das an sich ganz intel­li­gen­te Men­schen wie Hel­mut Schmidt sich von Pop­pers Aura täu­schen lie­ßen, anstatt des­sen Behaup­tun­gen kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Daher lässt sich inzwi­schen an die­sem Bei­spiel eigent­lich ganz leicht sehen, dass der Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus Pop­pers mit dem Fal­li­bi­lis­mus von Peirce und Dew­ey schwer­lich mit­hal­ten kann. Pop­per hat die öko­lo­gi­schen Behaup­tun­gen und Theo­ri­en nur als zu fal­si­fi­zie­ren­de Theo­ri­en betrach­tet, dabei waren die Ansich­ten von Alfred Rus­sel Wal­lace im Kern rich­tig. Sie müs­sen wie jede Theo­rie natür­lich ange­passt wer­den. Aber die Idee des Erkennt­nis­zwei­fels, die hin­ter Pop­pers Theo­rie liegt, scheint eher zwei­fel­haft, wie die Ent­wick­lung zeigt.

 

 

20. Oktober 2011

Die „Prag­ma­ti­sche Maxi­me“ – eine kul­tur­phi­lo­so­phi­sche Regel

Wir haben uns in der Sit­zung vom 17.10. um ein aus­rei­chen­des Ver­ständ­nis des all­ge­mei­nen und umfas­sen­den Phi­lo­so­phie­an­sat­zes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der meta­phy­si­schen Pro­ble­me bespro­chen, das Peirce tat­säch­lich behan­delt: die Got­tes­fra­ge, wobei Peirce vie­le all­ge­mei­ne Äuße­run­gen hin­zu­zieht, wel­che ihn anre­gen. Neben Tra­di­tio­nen von Juden­tum, Chris­ten­tum und Islam spie­len bei Peirce auch Neo­hin­du­ide­en eine nicht unbe­acht­li­che Rol­le. Dies war alles am Ende des 19. Jahr­hun­derts und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in den USA bekennt und wur­de kon­tro­vers dis­ku­tiert.[1] Phi­lo­so­phie ver­ar­bei­tet sol­che Tra­di­tio­nen und reflek­tiert sie kri­tisch dar­auf, ob sie Erfah­rungs­ge­hal­te sym­bo­li­sie­ren – oder ob man auf­grund sol­cher Bil­der Erfah­run­gen machen kann. Wel­ches The­ma man meta­phy­sisch durch all­ge­mei­ne Unter­stel­lun­gen angeht: Peirce hält nichts von geschmäck­le­ri­schen, viel­leicht schön­geis­ti­gen Theo­rie­de­bat­ten, weil Theo­ri­en selbst durch Pra­xis gewon­nen wur­den, prak­tisch über­prüft und ggf. dann ver­än­dert oder auch ver­wor­fen wer­den. Die prag­ma­tis­ti­sche Phi­lo­so­phie kon­zen­triert sich mit­hin auf den kul­tu­rel­len Kon­text der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, in dem klar wur­de, dass die sozia­le Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Wis­sen­schaf­ten soge­nann­tes „Wis­sen“ bereit­stellt, das es ermög­licht, prak­ti­sche Regeln zu ent­wer­fen, die sich the­ra­peu­tisch, päd­ago­gisch und öko­no­misch sehr gut bewähr­ten. Das sind ent­we­der Tech­ni­ken oder Kunst­leh­ren.

  • Um Tech­ni­ken han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, die das ange­streb­te Ziel stets errei­chen, also z. B. Glüh­bir­nen pro­du­zie­ren, die immer dann leuch­ten, sofern man auf einen Schal­ter drückt (Th. A. Edi­son).
  • Um Kunst­leh­ren han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, bei denen der Erfolg im Ein­zel­fall nicht sicher ist, die mit­hin stets vom Ein­zel­fall her ange­passt wer­den müs­sen (etwa Päd­ago­gik, Medi­zin).

Das ist kei­ne typisch „ame­ri­ka­ni­sche“ Ent­de­ckung. Aber im ame­ri­ka­ni­schen Prag­ma­tis­mus bra­chen sich – ver­mit­telt durch den „Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus (Emer­son, Tho­reau, Ful­ler u. a.) die Ide­en, die von den Frühromantiker/innen, Goe­the, Schlei­er­ma­cher und Hum­boldt stam­men, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kon­text der Demo­kra­tie ver­wie­sen, der für das Ver­ständ­nis der Wer­ke von Peirce, James und Dew­ey sehr aus­schlag­ge­bemd ist, der natür­lich in Deutsch­land in einem ernst­haf­ten Sinn erst nach 1968 exis­tier­te, im Kern erst in den 1970er Jah­ren bestim­mend wur­de. Denn die Mög­lich­kei­ten poli­ti­scher Frei­heit setz­ten die Ener­gi­en frei, wel­che ein Leben in Selbst­be­stim­mung schön machen kön­nen. Das for­mu­liert in der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung die Rede vom „pur­su­it of hap­pi­ness). Aber – so reflek­tiert die soge­nann­te „prag­ma­ti­sche Maxi­me“, wel­che prak­ti­sche Fol­gen bzw. Wir­kun­gen eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie haben kann, soll­te abge­schätzt wer­den.

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands!

(Charles Peirce, How to make our ide­as clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jah­ren (z. B. Ein­lei­tung zu „Phä­no­me­no­lo­gie und Logik der Zei­chen“) dar­auf ver­wie­sen, dass Grund­fra­gen des „Prin­zips Ver­ant­wor­tung“ (Hans Jonas, ein Hei­deg­ger­schü­ler) hier völ­lig klar for­mu­liert wer­den. Wenn also zu den abge­schätz­ten mög­li­chen Wir­kun­gen sol­che gehö­ren, die sitt­lich miss­bil­ligt wer­den müs­sen, erge­ben sich kon­flikt­rei­che ethi­sche Auf­ga­ben. Wie ist z. B. eine demo­kra­ti­sche Kon­trol­le der Wis­sen­schaf­ten mög­lich? Peirce setzt also dar­auf, dass neben der phi­lo­so­phi­schen Tätig­keit der Wissenschaftler/innen ein uni­ver­sa­ler Hori­zont in der Gesell­schaft ent­steht, der eben ver­ant­wort­lich dar­über ent­schei­det, wel­che tech­ni­schen und kunst­mä­ßi­gen Pro­jek­te durch­ge­führt wer­den – und wel­che bes­ser unter­las­sen wer­den soll­ten, weil ihre Wir­kun­gen die Mög­lich­keit der Frei­heit negie­ren.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof (EGH) hat in die­ser Woche in die­sem Sin­ne eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung zur Stamm­zel­len­for­schung getrof­fen, die den Wün­schen und gedank­li­chen Ambi­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft in Tei­len Euro­pas ent­spricht – ein Bei­spiel für die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung sol­cher demo­kra­ti­scher Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­se, die auch Peirce für not­wen­dig hielt. Natür­lich lässt sich öko­no­misch bes­ser mit (finan­zi­el­ler und tech­ni­scher) Indus­trie­un­ter­stüt­zung for­schen. Aber die hier­zu erfor­der­li­che Paten­tie­rung von bestimm­ten prak­tisch her­vor­ge­ru­fe­nen Zell­ver­än­de­run­gen wider­spricht ele­men­ta­ren Prin­zi­pi­en der Men­schen­rech­te. Um dies zu ver­ste­hen, muss man nur all­ge­mein gebil­det sein, wel­ches eine Vor­aus­set­zung von Demo­kra­tie im Sin­ne von Peirce und sei­nem Schü­ler Dew­ey ist.

  • Die in den Wis­sen­schaf­ten ent­wor­fe­nen Abduk­tio­nen (Hypo­the­sen)
  • wer­den mit­hin deduk­tiv auf Über­prü­fungs­kon­tex­te in der kunst­mä­ßig oder tech­nisch model­lier­ten Erfah­rung (etwa des Labors) bezo­gen,
  • wo sie auf ihre induk­ti­ve Taug­lich­keit in immer neu­en Erfah­run­gen über­prüft wer­den.

Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“ for­mu­liert die­sen durch und durch prak­ti­schen Zusam­men­hang. Und Hand­lun­gen gehö­ren ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den nega­ti­ven – und wie wir heu­te u. a. an der Kli­ma­ka­ta­stro­phe und Fuku­shi­ma sehen – fata­len Fol­gen des Erfolgs von Posi­ti­vis­mus und Neo­po­si­ti­vis­mus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ide­en klar gemacht wer­den, aus dem Bereich der Ethik in einen angeb­lich „neu­tra­len“ wis­sen­schaft­li­chen Bereich trans­for­miert haben, wo (was nicht so ger­ne zuge­ge­ben wird) letzt­lich kurz­fris­ti­ge öko­no­mi­sche Inter­es­sen den Aus­schlag geben, sie­he den sich immer noch brüs­ten­den Oli­ver Brüst­le (Uni­ver­si­tät Bonn).

Logisch-semio­tisch ver­hält es sich so: Das Ziel wäre eine The­ra­pie für Par­kin­son. Die Abduk­ti­on lau­tet: Die­ses Ziel kann durch gen­tech­no­lo­gi­sche Mani­pu­la­ti­on von Zel­len „über­zäh­li­ger Embryo­nen“ erreicht wer­den, weil sich hier­aus geeig­ne­te Prä­pa­ra­te gegen Par­kin­son gewin­nen las­sen. Deduk­tiv fin­det die­se Mani­pu­la­ti­on seit drei Jah­ren oder mehr statt. Eine Über­prü­fung, die induk­tiv den Erfolg eini­ger­ma­ßen sicher­stel­len könn­te, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Men­schen­rech­te die Kon­se­quen­zen gezo­gen. Embryo­nen dür­fen nicht als Mit­tel behan­delt wer­den. Sie tra­gen die rea­le Mög­lich­keit des Mensch­seins in sich. Im posi­ti­vis­ti­schen und neo­po­si­ti­vis­ti­schen Kon­text wer­den ent­spre­chen­de ele­men­ta­re ethi­sche Fra­gen bewusst aus­ge­klam­mert. Mit­hin sind die Ide­en sol­cher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufol­ge unklar.

  • War­um?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hät­te der Papst argu­men­tiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jah­ren dar­auf ver­wie­sen, dass die Phi­lo­so­phie durch eine der­ar­ti­ge logisch-semio­ti­sche Sub­ti­li­tät gesell­schaft­li­che Streit­fra­gen klä­ren hel­fen kann – und dadurch dazu bei­trägt, die geis­ti­ge „Umwelt­ver­schmut­zung“ zu mil­dern. Das ist eine schö­ne Auf­ga­be der Phi­lo­so­phie.


[1] Es ist unbe­strit­ten, dass es auch Cow­boys und Cow­girls gab. Sie waren kul­tu­rell aber weni­ger bedeu­tend, als das Gen­re „Wes­tern“ nahe­le­gen könn­te. Auch im Mitt­le­ren Wes­ten und an der Fron­tier wur­den phi­lo­so­phi­sche Fra­gen dis­ku­tiert, wie man sich an dem Begrün­der der Osteo­pa­thie Andrew Tay­lor Stil exem­pla­risch klar machen kann.

10. September 2011

Die Phi­lo­so­phie von Charles Peirce

Die Phi­lo­so­phie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktu­ell. Nach kon­ser­va­ti­ver Mei­nung hat sich die Bun­des­kanz­le­rin als „Prag­ma­tis­tin“ erwie­sen, weil sie ange­sichts der „tages­po­li­ti­schen Ereig­nis­se“ (FAZ) von Fuku­shi­ma ihre Hal­tung zur Kern­ener­gie geän­dert hat – was ent­spre­chen­de Kon­se­quen­zen hat­te. Dabei ist ein Begriff von „Prag­ma­tis­mus“ impli­ziert, der unter­stellt, man set­ze poli­tisch nur das­je­ni­ge durch, was sich ange­sichts von Wider­stän­den gegen­über der Bevöl­ke­rung ver­tre­ten las­se. Aber auch im Sin­ne von Peirce war das eine „prag­ma­tis­ti­sche“ Ent­schei­dung. Denn ange­sichts unab­weis­ba­rer Erfah­run­gen ließ sich fest­stel­len, dass die Betrei­bung der Kern­er­gie offen­sicht­lich töd­li­che Fol­gen haben kann, mit­hin mit den Men­schen­rech­ten unver­ein­bar ist. Folg­lich ist das Betrei­ben der Kern­er­gie in einem Land, das die Men­schen­rech­te ach­tet, nicht wei­ter mög­lich.

Nicht nur die­se Aktua­li­tät besteht, son­dern Peirce bie­tet eine brei­te The­men­pa­let­te, von der wir im Kurs an der VHS Neckar­ge­münd eini­ge The­men bespre­chen wol­len:

 

10.10. Wech­sel­sei­ti­ge Vor­stel­lung und Kurs­plan

17.10. Leben und Werk

24.10. Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“

31.10. Der Pri­mat der Ethik

07.11. Semio­tik I

14.11. Semio­tik II

21.11. Wahr­neh­mung und Erfah­rung

28.11. Prag­ma­tis­mus und Phä­no­me­no­lo­gie

05.12. Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie

12.12. Abschluss­dis­kus­si­on

 

Aus der Per­spek­ti­ve der Teilnehmer/innen kön­nen die­se The­men ver­än­dert wer­den. Bit­te schrei­ben Sie mir hier­zu eine E-Mail mit ihren Vor­schlä­gen.

7. April 2011

HD, Semi­nar­raum im Deka­nat, Di 18-20 Uhr, ab 17.04.2012)">Das „Abend­mahl“ als Ritu­al (Uni HD, Semi­nar­raum im Deka­nat, Di 18-20 Uhr, ab 17.04.2012)

  1. 17.04. Ken­nen­ler­nen usf.
  2. 24.04. „Ritu­al“ und „Abend­mahl“ – Art. Ritus, TRE 29, Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lich (259ff)

1               Tex­te und Sequen­zen

  1. 08.05. 1Kor 11,17-34
  2. 15.05. 1Kor 10,1-22
  3. 22.05. Mk 14,12-25
  4. 05.06. Mt 26,17-30
  5. 12.06. Lk 22,7-23
  6. 19.06. Joh 13
  7. 26.06. Joh 6
  8. 03.07. Dida­che 9f
  9. 10.07. Sequen­zen des Mahls??

2               Rezep­tio­nen

  1. 17.07. Cypri­an von Kar­tha­go, 63. Brief – Opfer­theo­lo­gie
  2. 24.07. All­ge­mei­ne Abschluss­dis­kus­si­on

 

Bit­te beschäf­ti­gen Sie sich mit Gerd Thei­ßen, Die Reli­gi­on der ers­ten Chris­ten, 2003, §§ 7-8. Ansons­ten kön­nen Sie ger­ne zu jedem Text einen oder meh­re­re Kom­men­ta­re hin­zu­zie­hen (z. B. Con­zel­mann [1Kor]; Lühr­mann [Mk]; Luz [Mt]; Wol­ter [Lk]; Thy­en [Joh]; Wengst [Dida­che]). Inter­es­sant ist: Hal Taus­sig, In the begin­ning was the meal. Soci­al Expe­ri­men­ta­ti­on and ear­ly Chris­tia­ni­ty, 2009.

 

30. März 2011

Das freie Spiel des dia­lo­gi­schen Selbst­ver­hält­nis­ses der Per­son. Der Ansatz von Tho­mas Fuchs

 

1               Erin­ne­rung an den 28.03. (Vhs Neckar­ge­münd)

Haupt­the­ma war der Text von Wolf Sin­ger: „Ver­schal­tun­gen legen uns fest: Wir soll­ten auf­hö­ren, von Frei­heit zu spre­chen“. Ist die­ser Text nicht mecha­nis­tisch zu inter­pre­tie­ren, spricht Sin­ger doch von „Frei­heit“? Wur­de sei­tens des Dozen­ten Sin­gers Text eine unfai­re Inter­pre­ta­ti­on zuge­mu­tet? Ist es mög­li­cher­wei­se ein Hin­weis auf eine der­ar­ti­ge Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on, dass Sin­ger viel­leicht gar nicht den Titel selbst gewählt hat? (more…)

9. Februar 2011

VHS Neckar­ge­münd, ab 21.02.2011, 19.30 Uhr)">Die Fra­ge des frei­en Wil­lens (VHS Neckar­ge­münd, ab 21.02.2011, 19.30 Uhr)

Das The­ma soll in der VHS Neckar­ge­münd gründ­lich aus­dis­ku­tiert wer­den (noch vier Plät­ze frei!).

In der jün­ge­ren, ins­be­son­de­re durch Gehirn­for­scher wie Wolf Sin­ger u. a. ist die­ses The­ma, das meh­re­re Tau­send Jah­re kon­tro­vers disk­tu­tiert wird, neu auf­ge­nom­men – und nega­tiv beant­wor­tet wor­den. Nun sei­en es die neu­ro­na­len Netz­wer­ke im Gehirn, wel­che die Rede vom „frei­en Wil­len“ als absurd erschei­nen lie­ßen. Wir schau­en uns die Debat­te seit Aris­to­te­les an. Da in der letz­ten Sit­zung des letz­ten Kur­ses eine wohl von den Ver­kehrs­be­trie­ben in Hei­del­berg und Umge­bung unbe­wäl­tig­ba­re Situa­ti­on ent­stan­den war, wid­men wir uns am 21.04. noch ein­mal dem letz­ten Kapi­tel von Karl-Heinz Brod­becks „Die Herr­schaft des Gel­des“. (more…)