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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


10. April 2016

Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments I (Uni Hd)

Her­mes der Bote der Göt­tin­nen und Göt­ter beglei­tet auch die­se her­me­neu­ti­sche Vor­le­sung

  • § 1: Hin­füh­rung zum Pro­blem

Ver­ehr­te Damen und Her­ren,

 

ich begrü­ße Sie in die­ser Vor­le­sung zu einer Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments!

Inhalt

1       Pro­ömi­um

2       Über­blick

3       Das Pro­blem, das hin­ter der Her­me­neu­tik steht: die Fremd­heit der Zei­chen­ver­wen­dung ande­rer Men­schen

4       All­ge­mei­ne und spe­zi­el­le Her­me­neu­tik?

5.     Hin­wei­se und Fra­gen der Teilnehmer/innen

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26. November 2014

Ver­an­stal­tun­gen am 24. und 25.11.

Ver­an­stal­tun­gen am 24. und 25.11.

1               Die struk­tu­ra­le Mythos-Gram­ma­tik (NT und Mythos [Uni Hd])

Das Modell wur­de anhand Pött­ner, Rea­li­tät als Kom­mu­ni­ka­ti­on, 1995 wahr­ge­nom­men. Dort fin­den sich zusätz­lich alle Lite­ra­tur­an­ga­ben bis zur dama­li­gen Zeit und auch eine Beschrei­bung der Weis­heits­tra­di­ti­on, die vor allem auf Sprü­che 8 und Weis­heit Salo­mos 6-9 rekur­riert. Das ist der mut­maß­li­che reli­gi­ons­ge­schicht­li­che Hin­ter­grund von 1Kor 1-4, der beson­ders durch Apol­los in Korinth breit the­ma­ti­siert wur­de.

Ich bemü­he mich, beson­ders 1Kor 1,21 als wesent­li­ches Ele­ment einer Erzäh­lung zu ver­ste­hen, die sich dann mit­tels der Mythos­gram­ma­tik ana­ly­sie­ren lässt:

1,21a   ἐπειδὴ  γὰρ    ἐν τῇ σοφίᾳ τοῦ θεοῦ οὐκ ἔγνω ὁ κόσμος

διὰ τῆς σοφίας τὸν θεόν,

1,21b   εὐδόκησεν ὁ θεὸς διὰ τῆς μωρίας τοῦ κηρύγματος σῶσαι τοὺς πιστεύοντας.[1]

Danach gelang es dem Kos­mos (der Welt) nicht, Gott zu erken­nen. Der Kern­satz oder die wesent­li­che Pro­po­si­ti­on lau­tet also:

οὐκ ἔγνω ὁ κόσμος … τὸν θεόν

Das wird näher bestimmt:

  • ἐν τῇ σοφίᾳ τοῦ θεοῦ
  • διὰ τῆς σοφίας (sc. αὐτοῦ); vgl. Pött­ner, 205-212.

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29. Juni 2014

Art. Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung (Dis­kus­si­ons­ent­wurf)

1             Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung

– gele­gent­lich auch: Ent­my­thi­sie­rung; amer: demy­tho­lo­gi­za­ti­on, demy­tho­lo­gi­ze; engl: demy­tho­lo­gi­sa­ti­on, demy­tho­lo­gi­se

 

Mar­tin Pött­ner

 

 

 

 

Rudolf Bult­mann

1Begriff und Ver­fah­ren.

1.1. Die expe­ri­men­tel­le Metho­de als „Objek­ti­vie­rung“ der Rea­li­tät

1.2. Die her­me­neu­ti­sche Reak­ti­on auf die expe­ri­men­tel­le Methode.3

1.2.1. Das kos­mo­lo­gi­sche, objek­ti­ve Welt­bild des Mythos

1.2.2. Die anthro­po­lo­gi­sche Poin­te des Mythos

1.2.3. Das im Mythos dar­ge­stell­te und exis­ten­zi­al inter­pre­tier­te Exis­tenz­ver­ständ­nis

Die Ver­kün­di­gung Jesu als Vor­aus­set­zung der Theo­lo­gie des NT.

1.3. Kri­ti­ken und Fort­schrei­bun­gen.

1.3.1. Kri­tik inner­halb der Bult­mann­schu­le.

1.3.2. Kri­ti­ken am „Mythos“-Begriff Bult­manns

1.3.3. Die Kri­tik am Supra­na­tu­ra­lis­mus­as­pekt in Bult­manns Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­pro­gramm..

1.3.4. Die pro­zessphi­lo­so­phi­sche Fort­schrei­bung von Bult­manns Pro­gramm..

1.3.5. Die semio­ti­sche Fort­schrei­bung von Bult­manns Programm..8

2Literaturverzeichnis

1. Lexi­kon­ar­ti­kel

2. Wei­te­re Lite­ra­tur.

[Lei­der funk­tio­nie­ren die inter­nen Links nicht, eben­so ist die Zäh­lung noch etwas ver­wir­rend. Ich bit­te um Ent­schul­di­gung!]

 

 

Für Otto Mar­bur­ger

 

2             1               Begriff und Ver­fah­ren

Das Zei­chen „Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung“ (in der Fol­ge „E.“) bezeich­net einen Begriff (einen Inter­pre­t­an­ten), der ein bestimm­tes her­me­neu­ti­sches Ver­fah­ren zum Aus­druck bringt, das von dem Mar­bur­ger Neu­tes­ta­ment­ler Rudolf Bult­mann (1884-1976) 1941 in dem Auf­satz „Neu­es Tes­ta­ment und Mytho­lo­gie“ vor­ge­schla­gen wur­de (Bult­mann 1951; vgl. 1952). Dabei geht es um die Inter­pre­ta­ti­on supra­na­tu­ra­ler (über­na­tür­li­cher) Auf­fas­sun­gen bei Schöp­fung und Erlö­sung.  Dar­ge­legt hat er die­ses Ver­fah­ren umfas­send 1949 in sei­ner „Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments“ (Bult­mann 1984). (more…)

12. Juni 2013

TUD">Ver­an­stal­tun­gen 11.06. Uni Hd und TUD

 

1               Uni Hd: Oster­ge­schich­ten

Der Plan für die letz­ten Sit­zun­gen bis zum 23.07. (Dop­pel­sit­zung) lau­tet:

18.06. Luk 24,1-35 auf Grie­chisch

25.06. Joh 19-21 auf Deutsch

02.07. Joh 20,1-31 auf Grie­chisch

09.07. Joh 21,1-25 auf Grie­chisch

16.07. Schrei­ben, Lie­be und Auf­ste­hen bei Johan­nes

23.07. 1Kor 15,1-11 auf Grie­chisch; 12-28 auf Deutsch

– das Rea­li­täts­ver­ständ­nis des Auf­ste­hens
nach Pau­lus

23.07. Im Anschluss Abschluss­dis­kus­si­on

Die Sit­zung hat­te Luk 24 zum The­ma. Dabei fiel auf, dass Luk nach der Erzäh­lung vom lee­ren Grab zuerst die Erschei­nung Jesu wäh­rend des Dis­kur­ses mit den Emma­us­jün­gern erzählt, dann die Erschei­nung vor Simon Petrus erwähnt. Wei­ter erscheint Jesus den Elf plus den Emma­us­jün­gern, die eben nach Jeru­sa­lem zurück­ge­kehrt waren.

Die­se Erschei­nung ist eine Erwei­te­rung und Ver­stär­kung der Emma­us­jün­gererzäh­lung. Deut­lich wird betont, dass Jesus als Auf­ge­stan­de­ner kein blo­ßer Geist sei, son­dern Fleisch und Kno­chen besit­ze. Zudem isst er, was ja nur nötig ist, wenn Fleisch und Kno­chen Nah­rung brau­chen. Die­se Ele­men­te fin­den sich alle in der Emma­us­jün­gererzäh­lung. Und dort fin­det sich auch das drit­te wesent­li­che Ele­ment von Luk 24: Alles das­je­ni­ge, was im Leben, Ster­ben, Auf­ste­hen Jesu geschah (und wei­ter in der Geschich­te der Kir­che geschieht), hat sich nach einem nar­ra­ti­ven Pro­gramm ereig­net, dass in der LXX als dem Alten Tes­ta­ment der frü­hen Christ/inn/en auf­ge­schrie­ben wur­de. Luk inter­pre­tiert die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden als pro­phe­ti­sche Tex­te, wel­che die gram­ma­ti­schen Regeln krea­tiv vor­ge­ben, nach denen das luka­ni­sche Dop­pel­werk geschrie­ben ist.

Zum Brot­bre­chen vgl. Act 2,46.

Luk 24 ist auch als Über­gang zu Act kon­zi­piert, Him­mel­fahrt und Geist­wun­der wer­den erzählt bzw. ange­deu­tet.

Die Dis­kus­si­on dreh­te sich u. a. um das Ver­hält­nis von Juden­tum und Chris­ten­tum, Act 28 als Pro­blem­an­zei­ge wur­de dis­ku­tiert. Dort dis­ku­tiert Pau­lus mit der jüdi­schen Gemein­de in Rom, sei­ne Bot­schaft wird dort abge­lehnt. Es ist m. E. wich­tig, dass Luk so offen­legt, sei­ne Aus­le­gung der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden fin­de im Kon­text der ([proto]rabbinischen) Theo­lo­gie kei­ne Zustim­mung. Die Kon­zep­ti­on des Luk ist eine der ver­söhn­ten und strei­ten­den Ver­schie­den­heit. So wer­den im Escha­ton Pes­sach und Abend­mahl gefei­ert. Viel­leicht nicht so enthu­si­as­tisch wie Pau­lus (Röm 11,25-32), aber doch ähn­lich, unter­stellt er, dass die Juden geret­tet wer­den. Die Umkehr steht im Zen­trum der Ver­kün­di­gung der Schü­ler – und die­ses The­ma hat die Jesus­tra­di­ti­on mit der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung im Juden­tum gemein­sam. Es wird nach Luk auch zum Haupt­the­ma der Kir­chen­ge­schich­te, wel­che von Jeru­sa­lem aus­geht.

In der Emma­u­s­er­zäh­lung wird auf jüdi­sche Mes­si­as­hoff­nun­gen Bezug genom­men, die im Schü­ler­kreis prä­sent waren. Sie fin­den sich in PsSal 17f, dar­aus ein Aus­schnitt:

Dar­in ist also eine Aus­ein­an­der­set­zung mit fol­gen­der im Juden­tum vor­han­de­nen Mes­si­as- (grie­chisch: chris­tos, latei­nisch: Chris­tus-) Vor­stel­lung zu fin­den:

Sieh zu, Herr, und lass ihnen ihren König erste­hen, den Sohn Davids,

…, dass er über dei­nen Skla­ven Isra­el regie­re.

Und gür­te ihn mit Kraft, dass er unge­rech­te Hei­den zer­schmet­te­re,

Jeru­sa­lem rei­ni­ge von den Hei­den, die es erbar­mungs­wür­dig zer­tre­ten …

Dann wird er sein hei­li­ges Volk zusam­men­füh­ren, das er mit Gerech­tig­keit regiert …

Er lässt nicht zu, dass wei­ter Unrecht in ihrer Mit­te statt­fin­det …,

Und er ver­teilt sie nach ihren Stäm­men über das Land,

und weder Bei­sas­se noch Frem­der darf künf­tig unter ihnen woh­nen.

Er rich­tet [alle] Völ­ker nach sei­ner gerech­ten Weis­heit.

(Psal­men Salo­mos 17,21-29)

Da Jesus aber ein gekreu­zig­ter Mes­si­as war, ist das kei­ne 1:1-Übernahme – und die Schrift­aus­le­gung muss u. a. aus Jes 53 Ergän­zun­gen lie­fern.

2               TUD: Ver­ständ­nis­vol­les Lesen der Bibel (1. Mose 9)

Die Debat­te über 1. Mose 9 schloss den Abschnitt des Semi­nars ab, der sich mit dem Pro­blem der Glie­de­rung und Bestim­mung der The­men eines Tex­tes (Seman­tik) befasst. Ab dem nächs­ten, vor allem ab dem über­nächs­ten Mal ist dann die Prag­ma­tik der Tex­te The­ma. Was wol­len die­se Tex­te kom­mu­ni­ka­tiv errei­chen? Ver­mu­tun­gen dar­über haben wir immer schon ange­stellt, aber min­des­tens ab dem über­nächs­ten Mal wer­den wir das expli­zit in den Vor­der­grund stel­len, wenn auch die Exkursionsteilnehmer/innen wie­der dabei sind.

In 1. Mose 9 wird das The­ma des Noah­bun­des in den Vor­der­grund gestellt, wir mach­ten uns auch Signa­le wie den Regen­bo­gen klar. Die The­men des Vor­tex­tes waren stark prä­sent. Gott lässt kei­ne Sint­flut mehr kom­men, obgleich „das Trach­ten der Men­schen böse von Jugend auf“ ist.

Der „Bund“ ist eine Ver­trags­kon­zep­ti­on. Gott schließt mit die­sen Men­schen einen Ver­trag und ver­pflich­tet sich, kei­ne Sint­flut mehr kom­men zu las­sen. Man kann mit Kant sagen: Gott erkennt die Men­schen­rech­te an, zu die­sen gehört auch das Recht zu sün­di­gen. Kant sprach davon, dass der Mensch aus „krum­mem Holz“ geschnitzt sei.

Dazu gehört auch die Erzäh­lung von Noah, dem ers­ten Wein­bau­ern, bei der Ham das Nackt­heits­ta­bu ver­letzt.

3               TUD: 1. Kor 15,20-28

Mit die­sem Text wur­de der ers­te pan­the­is­ti­sche Text prä­sen­tiert. Dabei ist Gott im Begriff, alles in allem zu wer­den. Dies ist ein Pro­zess­ge­dan­ke. Gott ist am Anfang des Pro­zes­ses noch nicht alles, son­dern am Ende des Pro­zes­ses wird er dazu.

Das ist mit der Sün­de Adams ver­bun­den, bei wel­cher der Glanz in der Welt ver­lo­ren geht – und der Tod in die Welt kommt. Mit der Auf­er­we­ckung des gekreu­zig­ten Chris­tus beginnt die Gegen­be­we­gung, in der alle Gegen­mäch­te und zuletzt der Tod unter­wor­fen wer­den. Der Glanz kehrt dann zurück, Gott wird alles in allem sein.

Die Posi­ti­on ist ein pro­zessphi­lo­so­phi­scher Pan­the­is­mus, der unter Auf­nah­me von Gedan­ken Spi­no­zas seit der Roman­tik sowohl bei Schel­ling als auch bei Schlei­er­ma­cher ver­tre­ten wur­de. Beson­ders deut­lich ist dies bei Charles Peirce am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts (Reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­sche Schrif­ten, 1995) der Fall. Die­se Posi­ti­on liegt auch bei Alfred North Whitehead vor. Unter den evan­ge­li­schen Theo­lo­gen wird die­se Posi­ti­on am ehes­ten von Eber­hard Jün­gel ver­tre­ten. Dabei ist gedacht, dass im ewi­gen Leben, in dem Gott alles in allem ist, unse­re Indi­vi­dua­li­tät durch nicht geleb­te Mög­lich­kei­ten ergänzt wird. Aber es ist auch klar, dass die schar­fen Gren­zen zu Ande­ren, die wir oft zie­hen, kei­nen Bestand haben.

Nach mei­nem Urteil war Pau­lus der bedeu­tends­te Theo­lo­ge des Chris­ten­tums. Denn er hat nicht die Über­le­gen­heit des christ­li­chen Lebens, über ande­re Wei­sen zu leben, gelehrt. Das wäre Selbst­ruhm. Nüch­tern ist die Welt, wie wir sie erle­ben, durch den Tod und die Ver­gäng­lich­keit bestimmt. Die Lebens­zei­chen, die auf den kom­men­den Glanz ver­wei­sen, sind Glau­be, Hoff­nung und Lie­be. Wenn alle Men­schen so leb­ten, wäre alles gut. Aber so ist es nicht. Der Tod muss unter­wor­fen wer­den, er fin­det sich auch in gesell­schaft­li­chen For­men wie dem Kapi­ta­lis­mus, um ein Bei­spiel aus der Semi­nar­grup­pe zu neh­men. Nach Pau­lus leben wir rich­tig, wenn wir glau­ben, hof­fen und lie­ben. Und so ver­zwei­feln wir s. E. nicht, wenn wir dar­auf har­ren, dass Gott alles in allem wird – und Glanz und Zau­ber uni­ver­sal sind.

Es wur­de kon­tro­vers dis­ku­tiert, ob die­ser Got­tes­ge­dan­ke nicht dem Vater­un­ser wider­spre­che. Eher nicht. Man darf das Gebet Jesu nicht mit den eige­nen Wün­schen ver­wech­seln, so Schlei­er­ma­cher. Gera­de die Gebets­fröm­mig­keit, die bei Mk und Mt durch­scheint, setzt vor­aus, dass das Ver­trau­en an der Schöp­fer­macht Got­tes par­ti­zi­piert. Und man wird fest­hal­ten müs­sen, dass die­se sich ent­wi­ckelt und im Wer­den begrif­fen ist. In die­se Lebens­hal­tung üben, auf unter­schied­li­che Wei­se, Mar­kus und Mat­thä­us ein.

9. November 2012

Die Erkennt­nis von Natur­ge­set­zen

1               Erin­ne­rung an die letz­te Sit­zung

Die Sit­zung über all­täg­li­che Erfah­rung, deren Abschluss eine „Erkennt­nis“ ist, ver­lief kon­struk­tiv. Bestimm­te Aspek­te der Phä­no­me­no­lo­gie wur­den kurz ange­spro­chen, wie dass es in ihr wie im Prag­ma­tis­mus kei­ne Sub­jekt-Objekt-Spal­tung gibt. Daher sind wir im All­tag mit den Gegen­stän­den unse­res Erken­nens ver­bun­den bzw. gehen mit ihnen in inter­sub­jek­tiv offe­nen Situa­tio­nen um. Die­se Ein­sicht geht u. a. auf das Mit­spie­ler-Sein im Sin­ne Kants zurück. Wir ste­hen der Rea­li­tät gar nicht getrennt von ihr gegen­über – und dies lässt sich im All­tag erfah­ren.

2               Die Erkennt­nis von Natur­ge­set­zen

Das Wort Erkennt­nis ist eben­falls ein pas­sen­der Ter­mi­nus, um Ziel und Abschluss der For­schung zu bezeich­nen. Aber es lei­det eben­falls unter einer Zwei­deu­tig­keit. Wenn man sagt, die Gewin­nung von Erkennt­nis oder Wahr­heit sei das Ziel der For­schung ist die­se Aus­sa­ge, nach der hier ein­ge­nom­me­nen Posi­ti­on eine Tau­to­lo­gie. Das, was die For­schung auf befrie­di­gen­de Wei­se abschließt, ist per defi­ni­tio­nem Erkennt­nis; es ist Erkennt­nis, weil es der ange­mes­se­ne Abschluss der For­schung ist. Aber man kann ver­mu­ten, und es ist ver­mu­tet wor­den, die­se Aus­sa­ge drü­cke etwas Bedeut­sa­mes und nicht eine Tau­to­lo­gie aus. Als Tau­to­lo­gie defi­niert sie Erkennt­nis als das Ergeb­nis kom­pe­ten­ter und kon­trol­lier­ter For­schung. (John Dew­ey, Logik. Die Theo­rie der For­schung (stw 1902), 2002, 20f [in der Fol­ge: Dew­ey 2002)

In Auf­nah­me und Prä­zi­sie­rung wesent­li­cher Posi­tio­nen sei­nes Leh­rers Peirce for­mu­liert Dew­ey sei­ne Auf­fas­sung sehr klar. Nicht zuletzt wis­sen­schaft­li­ches Vor­ge­hen ist ein Fall von Pro­blem­lö­sen. Der For­schungs­pro­zess ist der metho­do­lo­gisch kon­trol­lier­te Ver­such aus der Zusam­men­hang­lo­sig­keit von Wahr­neh­mun­gen und Gedan­ken zu einer kohä­ren­ten und mög­lichst umfas­sen­den Bestimmt­heit zu kom­men. Die­ser Abschluss wird als (fal­li­ble) Erkennt­nis bezeich­net. Die­se muss immer wei­ter über­prüft wer­den.

Unter­schei­den sich die Ver­fah­ren in den Wis­sen­schaf­ten Phy­sik, Bio­lo­gie und Che­mie von­ein­an­der, wie ein sol­cher Abschluss erreicht wer­den soll, kann es zu unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen davon kom­men, was ein bio­lo­gi­sches oder phy­si­ka­li­sches Natur­ge­setz ist (Ham­pe 2007, 150ff).

All­ge­mein gilt, dass Natur­ge­set­ze wis­sen­schaft­li­che Geset­ze sind. Dabei han­delt es sich um gene­rel­le Aus­sa­gen, die sich auf expe­ri­men­tel­le Situa­tio­nen bezie­hen.

Da es sich um uni­ver­sa­le Aus­sa­gen han­delt, sind sie als Hand­lungs­vor­schrif­ten zu ver­ste­hen: Immer wenn Du X tust, musst Du Y tun. Wohl etwas genau­er als Peirce – wenn ich recht sehe – inter­pre­tiert er daher Geset­zes­aus­sa­gen in den Natur­wis­sen­schaf­ten als „Vor­schrif­ten für eine spe­zi­fi­sche Form des Han­delns in der mate­ri­el­len oder natür­li­chen Welt, näm­lich für das expe­ri­men­tel­le Han­deln.“ (Ham­pe 2007, 143)

Dew­ey zufol­ge sind immer „Tun und Machen im Spiel. Die Art des Tuns und Machens ist die, die – mate­ri­el­le und pro­ze­du­ra­le – Mit­tel bestimmt, um ein pro­spek­ti­ves Ziel, eine ver­ein­heit­lich­te Situa­ti­on zu bewir­ken. Die­se ver­ein­heit­lich­te Situa­ti­on ist das letz­te (wenn­gleich nicht nächs­te) Ziel jeder For­schung.“ (Dew­ey 2002, 530)

Um das Apfel­baum­bei­spiel zu ver­wen­den, das uns im Kurs beglei­tet:

Die Geset­zes­aus­sa­ge: „Alle Äpfel fal­len mit 9,81 m/s2 nach unten“ wird – sofern sie so zutref­fen soll­te, in prin­zi­pi­ell wie­der­hol­ba­ren Situa­tio­nen erho­ben, die hier z. B. Vor­schrif­ten für ein Zeit­mess­ge­rät ein­schlie­ßen muss – und sie wird wei­ter­hin über­prüft bzw. mög­li­cher­wei­se kor­ri­giert. Man darf sich durch die mathe­ma­ti­sche For­mu­lie­rung dabei  nicht täu­schen las­sen – die­ses Natur­ge­setz, sofern es tat­säch­lich bestehen soll­te, lässt sich nur auf­grund sol­cher ver­ein­heit­lich­ten Situa­tio­nen erfas­sen und über­prü­fen. „Das Natur­ge­setz ist eine Hand­lungs­vor­schrift für die Erzeu­gung einer sol­chen Situa­ti­on und Erfah­rung.“ (Ham­pe 2007, 143)

Das ist kei­ne Über­trei­bung. Ham­pe ver­weist mit Recht dar­auf, dass dies tat­säch­lich auf die frü­he Neu­zeit bei Gali­lei und New­ton zurück­geht (expe­ri­men­tel­le Phi­lo­so­phie [2007, 145]).

Jeden­falls Peirce und Dew­ey erkann­ten, dass Natur­ge­set­ze Abschluss eines For­schungs­pro­zes­ses sind, der prin­zi­pi­ell wie­der­hol­bar und über­prüf­bar ist. Logisch ist die The­se Dew­eys bei Peirce in des­sen Quan­to­ren­lo­gik (ins­be­son­de­re der spiel­theo­re­ti­schen Auf­fas­sung von All-Aus­sa­gen) vor­be­rei­tet. Dew­ey zieht frei­lich wohl als ers­ter genau die­se Kon­se­quenz. Zu den Hand­lungs­vor­schrif­ten gehö­ren auch Anwei­sun­gen, wel­ches mathe­ma­ti­sche Regel­sys­tem Anwen­dung fin­det – was eben­falls immer wei­ter über­prüft wird.

Dew­eys The­se beruht auf sei­nem Erfah­rungs­be­griff und ist eine kon­se­quen­te Expli­ka­ti­on des­sel­ben.

20. Juni 2012

Nicht nur die Füße, son­dern auch den Kopf! (Joh 13 [Uni Hei­del­berg])

Joh 13 ist einer der wich­tigs­ten Tex­te im Johan­nes­evan­ge­li­um, über die Figur des Schü­lers, den Jesus lieb­te, ist der Text – auf die reli­giö­sen Bil­der der Lie­be bezo­gen – mit Joh 1,18 ver­bun­den.

Die Rol­le, die das „Abend­mahl“ bzw. „Her­ren­mahl“ für das Johan­nes­evan­ge­li­um spielt, erör­tern wir abschlie­ßend anhand der Pas­sa­ge von 6,51-58 im Kon­text der Brot­re­de in Joh 6. Klar ist, dass die Fuß­wa­schung an der­je­ni­gen Stel­le in der nar­ra­ti­ven Syn­tax der Jesus­er­zäh­lung steht, wo bei den Syn­op­ti­kern und bei Pau­lus das „Her­ren­mahl“ oder „Abend­mahl“ folgt. Den Ritual­cha­rak­ter mach­ten wir uns an der Wie­der­ho­lungs­auf­for­de­rung an die Schü­ler (V. 15) deut­lich. Es geht um einen Vor­gang, der sich als Waschung der Füße voll­zieht, wel­cher in der Abwe­sen­heit Jesu, wenn er zum Vater gegan­gen ist, wie­der­holt wer­den soll.

Damit ist ein Erlö­sungs­vor­gang ver­bun­den, der hier über­wie­gend über die „Herr“-„Sklave“-Semantik geleis­tet wird. Die Schü­ler bezeich­nen Jesus als „Herrn“ und „Leh­rer“ – und das sei gut so, wie Jesus bemerkt. Er über­nimmt aber als „Herr“ die Skla­ven­rol­le bei der Fuß­wa­schung – und dies ist nach der Mythos-Gram­ma­tik von Levi-Strauss und mei­nem Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell (vgl. aus­führ­lich § 3 mei­ner Vor­le­sung und notie­ren Sie sich dazu even­tu­el­le Fra­gen!) eine ein­schlä­gi­ge Erlö­sungs­kon­zep­ti­on. (more…)

11. Mai 2012

Alles Leben lebt von ande­rem Leben (EfG Gries­heim)

1 Ich bin der wah­re Wein­stock und mein Vater ist der Wein­gärt­ner.

2 Eine jede Rebe an mir, die kei­ne Frucht bringt, wird er weg­neh­men; und eine jede, die Frucht bringt, wird er rei­ni­gen, dass sie mehr Frucht brin­ge. (more…)

17. Januar 2012

Grenz­erfah­run­gen in der Reli­gi­on bezeich­nen

Mk 5,35-43 ist im Mkev einer der­je­ni­gen Tex­te, der dar­über kom­mu­ni­ziert, wie über die Grenz­erfah­run­gen der Reli­gi­on zu kom­mu­ni­zie­ren ist. Natür­lich aus christ­li­cher Per­spek­ti­ve, aber es gilt all­ge­mein:

Und was ist Reli­gi­on? Sie ist eine Art Gefühls­re­gung in jedem ein­zel­nen Men­schen, oder auch: eine ver­bor­ge­ne Wahr­neh­mung – eine tie­fe Erkennt­nis von etwas im uns umge­ben­den All; und wenn wir ver­su­chen, die­sem Gefühl Aus­druck zu geben, so wird es sich in mehr oder weni­ger extra­va­gan­te For­men klei­den, und als mehr oder wenig zufäl­lig erschei­nen, immer aber wird es sich zu einem Ers­ten und Letz­ten, dem A und Ω, beken­nen und in der­sel­ben Wei­se auf jenes Abso­lu­te bezo­gen sein, dem das indi­vi­du­el­le Selbst eines Men­schen als rela­ti­ves Sein gegen­über­steht. Doch Reli­gi­on ist in ihrer Tota­li­tät nicht auf das ein­zel­ne Indi­vi­du­um beschränkt. Wie jede Gestalt von Rea­li­tät ist sie wesent­lich eine sozia­le und öffent­li­che Ange­le­gen­heit. Sie besteht in der Idee einer umfas­sen­den Kir­che, in der sich alle ihre Glie­der zu einer orga­ni­schen, sys­te­ma­ti­schen Wahr­neh­mung der Ehre des Höchs­ten ver­bin­den – einer Idee, die von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on wächst und einen Vor­rang in den Ent­schei­dun­gen über unser Ver­hal­ten, das pri­va­te wie das öffent­li­che, bean­sprucht“. (RPh, 208f)

Ent­schei­dend ist hier­bei der Dop­pel­sinn für „schla­fen“, der offen­siv offen gelegt und irri­tie­rend mit „schein­tot“ kon­fron­tiert wird. Dies ist im anti­ken Kon­text seit Dan 12,1f bekannt. Seit dem AT wird über die Über­win­dung des Todes bild­lich, meta­pho­risch bzw. sym­bo­lisch gespro­chen.
Wir haben uns ent­schlos­sen, die­sen Punkt an 1. Mose 1,26f exem­pla­risch zu dis­ku­tie­ren. Als wei­te­res offe­nes Pro­blem kam die Pan­the­is­mus­fra­ge hin­zu.

14. Dezember 2011

Die Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie Peirce‘

 

Wir haben uns in der letz­ten Sit­zung mit den Pro­ble­men der Wahr­neh­mung aus phä­no­me­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve, aber auch ent­spre­chen­den Leis­tun­gen des Zei­chen­be­griffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meiss­ner dan­kens­wer­ter­wei­se auf Kants merk­wür­di­ge Annah­me hin­wies, man wer­de vom „Ding an sich“ affi­ziert.

In der Aus­ein­an­der­set­zung mit Mer­leau-Pon­ty und Fuchs wur­de erör­tert, inwie­fern Wahr­neh­mung auch Kom­mu­ni­ka­ti­on oder Aus­tausch sei, was von Peirce und die­ser grenz­wer­ti­gen Auf­fas­sung Kants tat­säch­lich unter­stellt wird. In der Spra­che von Peirce ist also zu sagen, das (dyna­mi­sche) Objekt bil­de mit dem Zei­chen eine der­ar­ti­ge Bezie­hung, dass es den Inter­pre­t­an­ten bestim­me, in der­sel­ben tria­di­schen Rela­ti­on zu ste­hen, in der es selbst ste­he. M. E. ist hier nur frag­lich, ob man the same wie Pape mit „der­sel­ben“ oder „der glei­chen“ über­set­zen soll­te, wohl das Letz­te­re … Wor­auf es ankommt, ist der Sach­ver­halt, dass Peirce die­se Affi­zie­rung des Inter­pre­ten über die tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on ein­deu­tig gedacht hat.

Wir haben ver­sucht, uns aus­führ­li­cher mit dem Gedan­ken der „Zwi­schen­leib­lich­keit“ aus­ein­an­der­zu­set­zen, was z. T. humo­rig ablief. Hier ist m. E. noch ein beacht­li­ches Poten­zi­al, das vor allem von der Phä­no­me­no­lo­gie ent­wi­ckelt wird.

Der Kurs schließt mit einer Besin­nung zur Reli­gi­ons­phi­lo­s­phie Peirce’. Vie­le Tex­te fin­den sich in der Über­set­zung Her­mann Deu­sers „Reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­schen Schrif­ten“ ([RPh] 1995). Hin­zu­tre­ten muss noch der Auf­satz „Evo­lu­tio­nä­re Lie­be“ aus „Natur­ord­nung und Zei­chen­pro­zess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu den­je­ni­gen ori­gi­nel­len Den­kern, die sich nicht vom Posi­ti­vis­mus abschre­cken lie­ßen, obgleich er die wis­sen­schaft­li­che Leis­tung der Posi­ti­vis­ten aus­drück­lich aner­kann­te. Aber er for­mu­lier­te eine wit­zi­ge Pole­mik über deren Lebens­auf­fas­sung:

Das Leben auf dem Glo­bus ist eine gänz­lich zufäl­li­ge Enwick­lungs­pha­se, die, soweit wir wis­sen, kei­nem dau­er­haf­ten Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nut­zen, außer dass sie hin und wie­der ein ange­neh­mes Ner­ven­kit­zeln bei die­sem oder jenem Wan­de­rer auf die­ser ermü­den­den und zweck­lo­sen Rei­se her­vor­ruft – einer Rei­se, die in einer Tret­müh­le nir­gend­wo beginnt und nir­gend­wo endet und deren Maschi­ne­rie ganz und gar nichts her­vor­bringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gele­gent­li­chen Freu­den, und die sind trü­ge­risch und wer­den bald voll­stän­dig ver­schwin­den.“ (RPh 61f [1867/68]) (more…)

8. Dezember 2011

Prag­ma­tis­mus und Phä­no­me­no­lo­gie

Wir haben noch ein­mal in einer sehr inten­si­ven Dis­kus­si­on das Rela­tio­nen­pro­blem und die damit ver­bun­de­nen Kri­ti­ken und teil­wei­se gro­ßen Hoff­nun­gen the­ma­ti­siert, durch­aus anre­gend kon­tro­vers. Von die­ser Stim­mung war auch die Debat­te zu „Wahr­neh­mung“ und „Erfah­rung“ geprägt. Herr Deth­lef­sen ver­miss­te an mei­nen Vor­schlä­gen das Moment der Krea­ti­vi­tät bei der Erfah­rung, ich stel­le in den Vor­der­grund, dass etwas auch als Neu­es für eine bestimm­te Men­schen­grup­pe nur erfah­ren wer­den kann, wenn es mit eige­nen Erfah­run­gen oder Erfah­run­gen ande­rer vor dem Hin­ter­grund geteil­ter Zei­chen­sys­te­me ver­gli­chen wer­den kann. Daher exis­tiert das Pro­blem des Neo­lo­gis­mus, also der Bezeich­nung von etwas, das bis­her im Sprach­sys­tem oder in bild­li­chen Dar­stel­lungs­wei­sen noch kei­ne Reprä­sen­ta­ti­on gefun­den hat. Die­ses Pro­blem wur­de sehr sach­ge­recht erör­tert, wobei deut­lich wur­de, dass die Induk­ti­on, die stets in der Zukunft neu bewährt wer­den muss, der domi­nan­te Schluss­cha­rak­ter der Erfah­rung ist.

Peirce rech­net sys­te­ma­tisch damit, dass auch Wahr­neh­mung ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess ist. Mit­hin ist er kein infal­li­bler Aus­gangs­punkt, was beson­ders Bert­rand Rus­sell irri­tier­te. Wahr­neh­mung impli­ziert mit­hin also Inter­pre­ta­ti­on – sie ist kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt, weil jedes Zei­chen schon Inter­pre­tant sein soll usf.

Das Ende des 19. Jahr­hun­derts sah den anschei­nen­den Erfolg der Wis­sen­schaf­ten, aber eine Min­der­heit sah, dass die­ser Erfolg, der indus­tri­el­le Kon­se­quen­zen hat­te, offen­sicht­lich fata­le Rück­kopp­lungs­pro­zes­se haben könn­te, so u. a. der Bio­lo­ge Rus­sell Wal­lace. Wir haben in die­sem Kurs die Reak­ti­on Peirce’ auf die­se Kri­sen­ein­sich­ten in der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ aus­führ­lich bespro­chen. Die Mehr­heit hoff­te ent­we­der auf eine Huma­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus oder wand­te sich sozia­lis­ti­schen Theo­ri­en zu, um den Kapi­ta­lis­mus abs­zu­schaf­fen. In bei­den Bewe­gun­gen war aber der Glau­be an die Kom­pe­tenz der Wis­sen­schaf­ten, die sich in wirt­schaft­li­chem Fort­schritt nie­der­schla­ge. Das ist der Hin­ter­grund dafür, dass es eher wis­sen­schafts­zen­trier­te und stär­ker all­tags- oder lebens­welt­ori­en­tier­te Phi­lo­so­phi­en gab. Zu Grund­in­for­ma­tio­nen zur Phä­no­me­no­lo­gie in der Fol­ge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls.  Der Lebens­welt-Begriff ist übri­gens erst in der Spät­phi­lo­so­phie Husserls in die­ser Zuspit­zung ent­wi­ckelt wor­den. Dort wird eine Art unmit­tel­ba­rer Zugang zur Wirk­lich­keit pos­tu­liert, der durch die Wis­sen­schaf­ten ver­stellt wer­de. Zu den „Sachen selbst“ kom­me man im lebens­welt­li­chen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten, indem man sie „sein las­se“, wie Hei­deg­ger for­mu­lier­te, des­sen pra­xis­phi­lo­so­phi­schen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in sei­ner Schrift über „Die Kri­sis der euro­päi­schen Wis­sen­schaf­ten“ stär­ker intel­lek­tua­lis­tisch refor­mu­lier­te. Die Lebens­welt und deren prak­ti­scher Umgang mit den Sach­ver­hal­ten wer­de „mathe­ma­ti­siert“ und damit ver­stellt bzw. ent­stellt. Hei­deg­ger sieht seit Mit­te der 1930er Jah­re vor allem den tech­ni­schen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten hin­ter dem „Begrei­fen“ durch die Wis­sen­schaf­ten. Es ist schon lan­ge gese­hen wor­den, dass der pra­xis­phi­lo­so­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers in „Sein und Zeit“ zumin­dest Par­al­le­len zum klas­si­schen Prag­ma­tis­mus auf­weist. Das gilt im All­ge­mei­nen für die Phä­no­me­no­lo­gie ins­ge­samt, da die­se wie Peirce u. a. das angeb­li­che Sub­jekt-Objekt-Pro­blem als irrig ansieht, der pra­xis­phi­lo­s­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers zeigt dies, wie dies auch bewusstseins­phi­lo­so­phisch bei Husserl und Sart­re zu zei­gen ver­sucht wur­de. Der und das Ande­re sind im Bewusst­sein schon „inten­tio­nal“ mit­ge­setzt, man muss also hier kei­nen Sprung voll­zie­hen.

Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Sub­jek­ti­vi­tät und Per­so­na­li­tät wohl am ehes­ten gelun­gen, weil Per­so­nen als die­je­ni­ge Enti­tät ver­stan­den wird, die sich zu sich selbst und zu ande­rem ver­hält, wobei sie stets Stel­lung zu sich nimmt – und dar­über ent­schei­det, ob sie wei­ter­le­ben will. Hier wird kei­ne sub­stan­zon­to­lo­gi­sche Phi­lo­so­phie des Sub­jekts ver­tre­ten, was in den tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­schen Ver­su­chen Husserls wohl eher der Fall sein dürf­te, also die Bewusstseins­pro­zes­se fin­den am oder im tran­szen­den­ta­len Sub­jekt statt – dies kann mit den prag­ma­tis­ti­schen Über­le­gun­gen nicht mit­hal­ten, die den Pro­zess der Sub­jek­ti­vi­tät zu erfas­sen suchen. Wobei Hei­deg­gers Ansatz ganz gewiss so nicht zu ver­ste­hen ist …

Das ist dann exis­ten­zia­lis­tisch wei­ter­ent­wi­ckelt wor­den. Eine inter­es­san­te Ent­wick­lung inner­halb der Phä­no­me­no­lo­gie stellt die Wahr­neh­mungs­phi­lo­so­phie Mau­rice Mer­leau-Pon­tys dar. Sie wird stark von Tho­mas Fuchs auf­ge­nom­men – und hat nicht zuletzt im the­ra­peu­ti­schen, auch medi­zi­ni­schen Bereich star­ke Reso­nanz gefun­den, wobei er betont, dass Wesent­li­ches an der Wahr­neh­mung mit­tels des Sub­jekt-Objekt-Sche­mas nicht erklärt wer­den kön­ne. D. h., er unter­stellt ähn­lich wie Peirce, dass Wahr­neh­mung kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt ist, son­dern ein Bezie­hungs­ge­sche­hen, was Peirce detail­liert und nicht ganz ein­fach nach­zu­wei­sen sucht. The­ra­peu­tisch ist vor allem Mer­leau-Pon­tys Kon­zept der Zwi­schen­leib­lich­keit wich­tig, als ein inter­per­so­na­les Medi­um, das Per­so­nen ver­bin­det. Hier liegt eine Par­al­le­le zu den Inter­ak­ti­ons­theo­ri­en der Prag­ma­tis­ten vor, aber Mer­leau-Pon­ty ist hier ori­gi­nell dar­in, dass eine Sphä­re der sinn­lich ver­mit­tel­ten Leib­lich­keit besteht, die einen Aus­tausch zulässt. Fuchs hat vor die­sem Hin­ter­grund das Ent­ste­hen von Selbst­be­wusst­sein bei etwa acht Mona­te alten Kin­dern erklärt. Die­ser Gedan­ke ist Peirce nicht fremd, schon die frü­he Phi­lo­so­phie for­mu­liert durch­aus Ver­gleich­ba­res – aber er kommt nach mei­nem Urteil zu nichts Kon­kre­tem. M. E. bie­ten sich in der Leib­lich­keits­auf­fas­sung und der Wahr­neh­mungs­phi­lo­s­phie noch Chan­cen wech­sel­seit­ge­en Ler­nens.