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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


20. Oktober 2011

Die „Pragmatische Maxime“ – eine kulturphilosophische Regel

Wir haben uns in der Sit­zung vom 17.10. um ein aus­rei­chen­des Ver­ständ­nis des all­ge­mei­nen und umfas­sen­den Phi­lo­so­phie­an­sat­zes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der meta­phy­si­schen Pro­ble­me bespro­chen, das Peirce tat­säch­lich behan­delt: die Got­tes­fra­ge, wobei Peirce vie­le all­ge­mei­ne Äuße­run­gen hin­zu­zieht, wel­che ihn anre­gen. Neben Tra­di­tio­nen von Juden­tum, Chris­ten­tum und Islam spie­len bei Peirce auch Neo­hin­du­ide­en eine nicht unbe­acht­li­che Rol­le. Dies war alles am Ende des 19. Jahr­hun­derts und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in den USA bekennt und wur­de kon­tro­vers dis­ku­tiert.[1] Phi­lo­so­phie ver­ar­bei­tet sol­che Tra­di­tio­nen und reflek­tiert sie kri­tisch dar­auf, ob sie Erfah­rungs­ge­hal­te sym­bo­li­sie­ren – oder ob man auf­grund sol­cher Bil­der Erfah­run­gen machen kann. Wel­ches The­ma man meta­phy­sisch durch all­ge­mei­ne Unter­stel­lun­gen angeht: Peirce hält nichts von geschmäck­le­ri­schen, viel­leicht schön­geis­ti­gen Theo­rie­de­bat­ten, weil Theo­ri­en selbst durch Pra­xis gewon­nen wur­den, prak­tisch über­prüft und ggf. dann ver­än­dert oder auch ver­wor­fen wer­den. Die prag­ma­tis­ti­sche Phi­lo­so­phie kon­zen­triert sich mit­hin auf den kul­tu­rel­len Kon­text der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, in dem klar wur­de, dass die sozia­le Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Wis­sen­schaf­ten soge­nann­tes „Wis­sen“ bereit­stellt, das es ermög­licht, prak­ti­sche Regeln zu ent­wer­fen, die sich the­ra­peu­tisch, päd­ago­gisch und öko­no­misch sehr gut bewähr­ten. Das sind ent­we­der Tech­ni­ken oder Kunst­leh­ren.

  • Um Tech­ni­ken han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, die das ange­streb­te Ziel stets errei­chen, also z. B. Glüh­bir­nen pro­du­zie­ren, die immer dann leuch­ten, sofern man auf einen Schal­ter drückt (Th. A. Edi­son).
  • Um Kunst­leh­ren han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, bei denen der Erfolg im Ein­zel­fall nicht sicher ist, die mit­hin stets vom Ein­zel­fall her ange­passt wer­den müs­sen (etwa Päd­ago­gik, Medi­zin).

Das ist kei­ne typisch „ame­ri­ka­ni­sche“ Ent­de­ckung. Aber im ame­ri­ka­ni­schen Prag­ma­tis­mus bra­chen sich – ver­mit­telt durch den „Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus (Emer­son, Tho­reau, Ful­ler u. a.) die Ide­en, die von den Frühromantiker/innen, Goe­the, Schlei­er­ma­cher und Hum­boldt stam­men, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kon­text der Demo­kra­tie ver­wie­sen, der für das Ver­ständ­nis der Wer­ke von Peirce, James und Dew­ey sehr aus­schlag­ge­bemd ist, der natür­lich in Deutsch­land in einem ernst­haf­ten Sinn erst nach 1968 exis­tier­te, im Kern erst in den 1970er Jah­ren bestim­mend wur­de. Denn die Mög­lich­kei­ten poli­ti­scher Frei­heit setz­ten die Ener­gi­en frei, wel­che ein Leben in Selbst­be­stim­mung schön machen kön­nen. Das for­mu­liert in der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung die Rede vom „pur­su­it of hap­pi­ness). Aber – so reflek­tiert die soge­nann­te „prag­ma­ti­sche Maxi­me“, wel­che prak­ti­sche Fol­gen bzw. Wir­kun­gen eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie haben kann, soll­te abge­schätzt wer­den.

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands!

(Charles Peirce, How to make our ide­as clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jah­ren (z. B. Ein­lei­tung zu „Phä­no­me­no­lo­gie und Logik der Zei­chen“) dar­auf ver­wie­sen, dass Grund­fra­gen des „Prin­zips Ver­ant­wor­tung“ (Hans Jonas, ein Hei­deg­ger­schü­ler) hier völ­lig klar for­mu­liert wer­den. Wenn also zu den abge­schätz­ten mög­li­chen Wir­kun­gen sol­che gehö­ren, die sitt­lich miss­bil­ligt wer­den müs­sen, erge­ben sich kon­flikt­rei­che ethi­sche Auf­ga­ben. Wie ist z. B. eine demo­kra­ti­sche Kon­trol­le der Wis­sen­schaf­ten mög­lich? Peirce setzt also dar­auf, dass neben der phi­lo­so­phi­schen Tätig­keit der Wissenschaftler/innen ein uni­ver­sa­ler Hori­zont in der Gesell­schaft ent­steht, der eben ver­ant­wort­lich dar­über ent­schei­det, wel­che tech­ni­schen und kunst­mä­ßi­gen Pro­jek­te durch­ge­führt wer­den – und wel­che bes­ser unter­las­sen wer­den soll­ten, weil ihre Wir­kun­gen die Mög­lich­keit der Frei­heit negie­ren.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof (EGH) hat in die­ser Woche in die­sem Sin­ne eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung zur Stamm­zel­len­for­schung getrof­fen, die den Wün­schen und gedank­li­chen Ambi­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft in Tei­len Euro­pas ent­spricht – ein Bei­spiel für die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung sol­cher demo­kra­ti­scher Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­se, die auch Peirce für not­wen­dig hielt. Natür­lich lässt sich öko­no­misch bes­ser mit (finan­zi­el­ler und tech­ni­scher) Indus­trie­un­ter­stüt­zung for­schen. Aber die hier­zu erfor­der­li­che Paten­tie­rung von bestimm­ten prak­tisch her­vor­ge­ru­fe­nen Zell­ver­än­de­run­gen wider­spricht ele­men­ta­ren Prin­zi­pi­en der Men­schen­rech­te. Um dies zu ver­ste­hen, muss man nur all­ge­mein gebil­det sein, wel­ches eine Vor­aus­set­zung von Demo­kra­tie im Sin­ne von Peirce und sei­nem Schü­ler Dew­ey ist.

  • Die in den Wis­sen­schaf­ten ent­wor­fe­nen Abduk­tio­nen (Hypo­the­sen)
  • wer­den mit­hin deduk­tiv auf Über­prü­fungs­kon­tex­te in der kunst­mä­ßig oder tech­nisch model­lier­ten Erfah­rung (etwa des Labors) bezo­gen,
  • wo sie auf ihre induk­ti­ve Taug­lich­keit in immer neu­en Erfah­run­gen über­prüft wer­den.

Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“ for­mu­liert die­sen durch und durch prak­ti­schen Zusam­men­hang. Und Hand­lun­gen gehö­ren ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den nega­ti­ven – und wie wir heu­te u. a. an der Kli­ma­ka­ta­stro­phe und Fuku­shi­ma sehen – fata­len Fol­gen des Erfolgs von Posi­ti­vis­mus und Neo­po­si­ti­vis­mus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ide­en klar gemacht wer­den, aus dem Bereich der Ethik in einen angeb­lich „neu­tra­len“ wis­sen­schaft­li­chen Bereich trans­for­miert haben, wo (was nicht so ger­ne zuge­ge­ben wird) letzt­lich kurz­fris­ti­ge öko­no­mi­sche Inter­es­sen den Aus­schlag geben, sie­he den sich immer noch brüs­ten­den Oli­ver Brüst­le (Uni­ver­si­tät Bonn).

Logisch-semio­tisch ver­hält es sich so: Das Ziel wäre eine The­ra­pie für Par­kin­son. Die Abduk­ti­on lau­tet: Die­ses Ziel kann durch gen­tech­no­lo­gi­sche Mani­pu­la­ti­on von Zel­len „über­zäh­li­ger Embryo­nen“ erreicht wer­den, weil sich hier­aus geeig­ne­te Prä­pa­ra­te gegen Par­kin­son gewin­nen las­sen. Deduk­tiv fin­det die­se Mani­pu­la­ti­on seit drei Jah­ren oder mehr statt. Eine Über­prü­fung, die induk­tiv den Erfolg eini­ger­ma­ßen sicher­stel­len könn­te, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Men­schen­rech­te die Kon­se­quen­zen gezo­gen. Embryo­nen dür­fen nicht als Mit­tel behan­delt wer­den. Sie tra­gen die rea­le Mög­lich­keit des Mensch­seins in sich. Im posi­ti­vis­ti­schen und neo­po­si­ti­vis­ti­schen Kon­text wer­den ent­spre­chen­de ele­men­ta­re ethi­sche Fra­gen bewusst aus­ge­klam­mert. Mit­hin sind die Ide­en sol­cher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufol­ge unklar.

  • War­um?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hät­te der Papst argu­men­tiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jah­ren dar­auf ver­wie­sen, dass die Phi­lo­so­phie durch eine der­ar­ti­ge logisch-semio­ti­sche Sub­ti­li­tät gesell­schaft­li­che Streit­fra­gen klä­ren hel­fen kann – und dadurch dazu bei­trägt, die geis­ti­ge „Umwelt­ver­schmut­zung“ zu mil­dern. Das ist eine schö­ne Auf­ga­be der Phi­lo­so­phie.


[1] Es ist unbe­strit­ten, dass es auch Cow­boys und Cow­girls gab. Sie waren kul­tu­rell aber weni­ger bedeu­tend, als das Gen­re „Wes­tern“ nahe­le­gen könn­te. Auch im Mitt­le­ren Wes­ten und an der Fron­tier wur­den phi­lo­so­phi­sche Fra­gen dis­ku­tiert, wie man sich an dem Begrün­der der Osteo­pa­thie Andrew Tay­lor Stil exem­pla­risch klar machen kann.

10. September 2011

Die Philosophie von Charles Peirce

Die Phi­lo­so­phie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktu­ell. Nach kon­ser­va­ti­ver Mei­nung hat sich die Bun­des­kanz­le­rin als „Prag­ma­tis­tin“ erwie­sen, weil sie ange­sichts der „tages­po­li­ti­schen Ereig­nis­se“ (FAZ) von Fuku­shi­ma ihre Hal­tung zur Kern­ener­gie geän­dert hat – was ent­spre­chen­de Kon­se­quen­zen hat­te. Dabei ist ein Begriff von „Prag­ma­tis­mus“ impli­ziert, der unter­stellt, man set­ze poli­tisch nur das­je­ni­ge durch, was sich ange­sichts von Wider­stän­den gegen­über der Bevöl­ke­rung ver­tre­ten las­se. Aber auch im Sin­ne von Peirce war das eine „prag­ma­tis­ti­sche“ Ent­schei­dung. Denn ange­sichts unab­weis­ba­rer Erfah­run­gen ließ sich fest­stel­len, dass die Betrei­bung der Kern­er­gie offen­sicht­lich töd­li­che Fol­gen haben kann, mit­hin mit den Men­schen­rech­ten unver­ein­bar ist. Folg­lich ist das Betrei­ben der Kern­er­gie in einem Land, das die Men­schen­rech­te ach­tet, nicht wei­ter mög­lich.

Nicht nur die­se Aktua­li­tät besteht, son­dern Peirce bie­tet eine brei­te The­men­pa­let­te, von der wir im Kurs an der VHS Neckar­ge­münd eini­ge The­men bespre­chen wol­len:

 

10.10. Wech­sel­sei­ti­ge Vor­stel­lung und Kurs­plan

17.10. Leben und Werk

24.10. Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“

31.10. Der Pri­mat der Ethik

07.11. Semio­tik I

14.11. Semio­tik II

21.11. Wahr­neh­mung und Erfah­rung

28.11. Prag­ma­tis­mus und Phä­no­me­no­lo­gie

05.12. Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie

12.12. Abschluss­dis­kus­si­on

 

Aus der Per­spek­ti­ve der Teilnehmer/innen kön­nen die­se The­men ver­än­dert wer­den. Bit­te schrei­ben Sie mir hier­zu eine E-Mail mit ihren Vor­schlä­gen.

22. März 2011

Zurück zur gesellschaftlichen Dominanz des Mechanismus (VHs Neckargemünd)!

1               Erinnerung an den 21.03.2011

Der freie Wil­le wird bei den Prag­ma­tis­ten im Rah­men der Demo­kra­tie und der Men­schen­rech­te betrach­tet, Mecha­nis­men wer­den als Teil der Rea­li­tät nicht geleug­net, aber weder das Uni­ver­sum noch die Gesell­schaft sind Maschi­nen. Tat­säch­lich sind alle mög­li­chen Bezie­hun­gen zu den bei­den Ner­ven­sys­te­men, zu „I“ und „Me“ und zu den zukünf­ti­gen Fol­gen mei­ner Wil­lens­hand­lun­gen zu betrach­ten. Sind die Wider­stän­de auf den jewei­li­gen Ebe­nen zu groß, besteht eben kein frei­er Wil­le. Die­ser zeigt sich stets öffent­lich und kör­per­lich, wo für das Indi­vi­du­um auch ent­spre­chen­de Wider­stands­phä­no­me­ne auf­tre­ten. (more…)

16. März 2011

Alles anders als angenommen

Atombusen der Bundeskanzlerin

Atombusen der Bundeskanzlerin

Die Bundeskanzlerin hat am Montag im Bundeskanzleramt in der Gegenwart des Vizekanzlers zwar eine in der Sache weitgehend abwegige Erklärung abgegeben, für den aufmerksamen Beobachter gab es aber kleinere Nebenbemerkungen und Gesichtsbewegungen, die aufhorchen bzw. aufmerken ließen. (more…)

19. Februar 2011

Freiheitstexte (Vhs Neckargemünd 28.02.2011)

Aris­to­te­les: „Indes gehö­ren zum Glück doch auch die äuße­ren Güter, wie wir gesagt haben. Denn es ist unmög­lich, zum min­des­ten nicht leicht, durch edle Taten zu glän­zen, wenn man über kei­ne Hilfs­mit­tel ver­fügt. Lässt sich doch vie­les nur mit­hil­fe von Freun­den, von Geld und poli­ti­schem Ein­fluss, also gleich­sam durch Werk­zeu­ge, errei­chen.“ (Niko­ma­chi­sche Ethik) (more…)

31. Oktober 2010

II">Philosophie und Quantenmechanik II

Am 06.11. fin­det die nächs­te Sit­zung in Sand­hau­sen, Sand­gas­se 13 statt. Es wird gewünscht, dass nur ein Text mit zwei Zeit­stun­den bespro­chen wird.

Dann ist der Text „Quan­ten­me­cha­nik und Kant­sche Phi­lo­so­phie“, 62ff, The­ma der Sit­zung. Ich wer­de die­sen zu Beginn der Sit­zung kurz zusam­men­fas­sen und am Ende die­ses Tex­tes schon eini­ge Hin­wei­se geben.

Die ers­te Sit­zung befass­te sich mit der „Geschich­te der Quan­ten­theo­rie“ und der „Kopen­ha­ge­ner Deu­tung der Quan­ten­theo­rie“ (3ff; 42ff). Vgl. Sie auch die Links hier. Wie an der Begriff­lich­keit sicht­bar wird, geht es Hei­sen­berg zufol­ge stets um eine Erwei­te­rung des bis­he­ri­gen mecha­ni­schen Wis­sens der Phy­sik. Die „Quan­ten­theo­rie“ beschreibt bis­her uner­kann­te mecha­ni­sche Vor­gän­ge in der Natur. (more…)

22. November 2009

John Dewey — Mein pädagogisches Glaubensbekenntnis I

John Dew­ey (1859-1953) ist einer der bedeu­tends­ten Päd­ago­gi­ker der Moder­ne. In Deutsch­land bzw. im deut­schen Sprach­raum wür­de man sei­ne päd­ago­gi­sche Posi­ti­on als Reform­päd­ago­gik bezeich­nen. Dar­un­ter kann man die­je­ni­gen Posi­tio­nen

John Dewey

John Dew­ey

ver­ste­hen, wel­che Ein­sich­ten der klas­si­schen Päd­ago­gik wie der­je­ni­gen Fried­rich Schlei­er­ma­chers (2000a; b) in leb­ba­re For­men umsetz­te. Dew­ey ist m. E. des­halb von beson­de­rer Bedeu­tung, weil er eine sozi­al ver­ant­wort­li­che und ent­schie­den demo­kra­ti­sche Posi­ti­on ver­trat. Es kann nur zur Demo­kra­tie kom­men und die­se kann  auch nur bestehen, wenn die Schu­le selbst für Kin­der Demo­kra­tie erleb­bar und gestalt­bar macht. Dew­ey ist mit­hin nicht der Über­zeu­gung, dass man in der Schu­le für das Leben ler­ne, wie ein ver­brei­te­ter Sinn­spruch in unse­rer Welt­ge­gend lau­tet. Es ver­hält sich anders: Die Schu­le ist ein Teil des Lebens und mit­hin auch des demo­kra­ti­schen und sozi­al ver­ant­wort­li­chen Lebens.

Ich wer­de über Weih­nach­ten bzw. den Jah­res­ab­schluss  hin­aus hier Dew­eys Text My Pedago­gic Creed (1897) über­set­zen und mit eini­gen kom­men­tie­ren­den Bemer­kun­gen ver­se­hen. Der Regie­rungs­er­klä­rung von Ange­la Mer­kel zufol­ge soll ja Deutsch­land zur „Bil­dungs­re­pu­blik“ wer­den.  Hier­zu hat Dew­ey Wesent­li­ches bei­zu­tra­gen. Denn sei­ne Auf­fas­sung ist wesent­lich grund­le­gen­der als die­je­ni­gen Über­zeu­gun­gen, die bes­ten­falls von der OECD beein­flusst sind, aber schlimms­ten­falls Sar­ra­zin­sche For­men anneh­men kön­nen. Von der­ar­ti­gen Auf­fas­sun­gen ist der jeden­falls mas­sen­me­di­al zumeist notier­te Bil­dungs­dis­kurs bestimmt. So fin­det sich in frü­her renom­mier­ten Zei­tun­gen wie der „Zeit“ bemer­kens­wert oft eine abfäl­li­ge Bemer­kung über „bil­dungs­fer­ne Schich­ten“ – ein Aus­druck, der zeigt, wie lebens­fremd  und refle­xi­ons­arm nicht sel­ten der Dis­kurs in Deutsch­land geführt wird. Hier besteht mit­hin noch ein beacht­li­ches Poten­zi­al an Nach­denk­lich­keit, Infor­ma­ti­on, an eige­ner Übung und Selbst­er­fah­rung, um in der Sache gedank­lich und prak­tisch wei­ter zu kom­men.

Dew­ey hat sei­nen Text der fin­gier­ten Gat­tung „Glau­bens­be­kennt­nis“ fol­gend in Arti­kel geglie­dert, es sind fünf. Und jede drit­te Woche wird hier ein „Glau­bens­ar­ti­kel“ über­setzt und in der fol­gen­den Woche mit  Hin­wei­sen ver­se­hen.

27. Oktober 2009

Erinnerung an den 26.10. – Vhs Neckargemünd

Im Vor­der­grund der Sit­zung stan­den Ver­ständ­nis­pro­ble­me und das Kon­zept von Charles Dar­win. Wie­so haben wir Matu­rana und Daw­kins bespro­chen? Ging es nicht um das Ver­hält­nis von „sys­te­misch“ vs. „nicht-sys­te­misch“? Der Sys­tem­be­griff wird seit der Anti­ke ver­wen­det. In der neue­ren Zeit prägt der Sys­tem­be­griff weit­hin phi­lo­so­phi­sche und wis­sen­schaft­li­che Begriff­lich­kei­ten. Sys­te­me bil­den stets Ele­men­te und Rela­tio­nen (Bezie­hun­gen) aus. Die durch die Rela­tio­nen bestimm­te Gestalt des Sys­tems wird als Struk­tur bezeich­net. Eine sol­che Struk­tur kann als mecha­nis­tisch begrif­fen wer­den, dann sind die Sys­te­me Maschi­nen – wie bei Daw­kins im Gefol­ge einer bedeu­ten­den Tra­di­ti­on seit Des­car­tes. Hier gel­ten sehr star­ke induk­ti­ve oder deduk­ti­ve Regeln, wel­che die Sta­bi­li­tät des Sys­tems erzeu­gen – bei Daw­kins erschaf­fen bei­spiels­wei­se die Gene sol­che „Maschi­nen“. Seit der deut­schen Früh­ro­man­tik und dem Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus wird die­ser Mecha­nis­mus deut­lich kri­ti­siert. Hier ten­die­ren die Sys­te­me dazu, auto­po­ie­tisch zu wer­den, d. h., sie sind so ange­legt, dass sie sich in jedem Voll­zug von Ele­men­ten und Rela­tio­nen im Kon­text ihrer Umwelt auf sich selbst bezie­hen und sich selbst erzeu­gen. Das gilt für bio­ti­sche, psy­chi­sche und sozia­le Sys­te­me. So auch Matu­rana. Dadurch wer­den die Betrach­tungs­wei­sen ungleich kom­ple­xer. Die Sys­tem-Umwelt-Dif­fe­renz ist dann nicht nach der einen oder ande­ren Sei­te ganz ein­deu­tig und leicht fest­zu­le­gen. Sol­che auto­po­ie­ti­schen Sys­te­me gel­ten als selbst­re­fe­ren­zi­ell-geschlos­sen. D. h., ihr Selbst­be­zug bestimmt, wie Ener­gie und Infor­ma­ti­on im Sys­tem selbst inter­pre­tiert bzw. bewer­tet sowie gestal­tet wer­den. Als bekann­tes Bei­spiel geht Tho­mas Fuchs 2008, 111, auf das Eisen ein:

Lebe­we­sen las­sen sich zunächst als kom­ple­xe Kör­per oder Sys­te­me auf­fas­sen, die sich bei fort­wäh­ren­dem Wech­sel ihres Stof­fes in ihrer Form und Struk­tur durch die Zeit hin­durch erhal­ten. Dabei ist die­se Erhal­tung als akti­ve Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on oder Auto­po­ie­se (Matu­rana u. Vare­la 1987) zu begrei­fen, denn die Form des Orga­nis­mus lässt den Stoff nicht ein­fach durch sich hin­durch­strö­men wie die Form eines Stru­dels das Fluss­was­ser, son­dern sie unter­wirft ihn ihrem eige­nen Prin­zip und Zweck, bin­det ihn ein und ver­wan­delt ihn. Dabei gewinnt der Stoff neue, ‚emer­gen­te‘ Eigen­schaf­ten, die ihm nur im sys­te­mi­schen Zusam­men­hang des Orga­nis­mus zukom­men. So ver­hält sich das im Hämo­glo­bin gebun­de­ne Eisen grund­le­gend anders als mine­ra­lisch vor­kom­men­des Eisen: Es oxi­diert nicht irrever­si­bel, son­dern es ist in der Lage, Sauer­stoff rever­si­bel zu bin­den, was eine ent­schei­den­de Vor­aus­set­zung des tie­ri­schen Ener­gie­haus­halts dar­stellt.“

Die Poin­te liegt hier dar­auf, dass die „inne­ren“ che­mi­schen Eigen­schaf­ten des Eisens im Hämo­glo­bin ande­re sind als die­je­ni­gen des mine­ra­li­schen Eisens in der Umwelt. Wie schon frü­her dis­ku­tiert, gilt das dann auch für soge­nann­te Ursa­che-Wir­kungs­be­zie­hun­gen, die nicht ein­fach von „außen“ nach „innen“ unun­ter­bro­chen ver­lau­fen, son­dern durch den selbst­re­fe­ren­zi­el­len Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zess des Sys­tems ent­spre­chend modi­fi­ziert wer­den. Bei einer schlich­ten und ganz ein­för­mi­gen Gestalt der Wirk­lich­keit soll­te so etwas nicht auf­tre­ten. Hier soll­te man erwar­ten dür­fen, dass Eisen über­all die glei­chen che­mi­schen Eigen­schaf­ten hat. Aber die Wirk­lich­keit ist kom­plex und viel­ge­stal­tig. Dar­auf reagie­ren u. a. auto­poe­ti­sche Sys­tem­theo­ri­en.

Nach mei­ner Wahr­neh­mung zeig­te sich noch­mals deut­lich, dass vie­le Teilnehmer/innen es schwer akzep­tie­ren kön­nen, dass Wissenschaftler/innen kei­nes­wegs ohne Bil­der oder Model­le arbei­ten, die nicht schlicht den beob­ach­te­ten Sach­ver­hal­ten ent­nom­men sind – son­dern die­se Sach­ver­hal­te auf die eine oder ande­re Wei­se inter­pre­tie­ren, Daw­kins mit dem mäch­ti­gen Bild der Maschi­ne. In die­sem Sinn gibt es kei­ne „vor­ur­teils­freie Wis­sen­schaft“. Wie u. a. im Gefol­ge des Prag­ma­tis­mus gezeigt wur­de, ist nicht nur die Erläu­te­rung wis­sen­schaft­li­cher Ergeb­nis­se für soge­nann­te „Lai­en“ an All­tags­spra­che und deren Bil­der gebun­den. Dies gilt selbst­ver­ständ­lich auch für die Aus­bil­dung wis­sen­schaft­li­cher Hypo­the­sen und Theo­ri­en.

Dar­wins Evo­lu­ti­ons­theo­rie unter­stellt einen Drei­schritt:

  1. Die grund­le­gen­de Ver­än­de­rung wird durch eine Zufalls­va­ria­ti­on bei der Ver­er­bung erklärt.
  2. Über eine lan­ge Zeit­dau­er muss sich eine der­ar­ti­ge Ver­än­de­rung bewäh­ren.
  3. Über den schließ­li­chen evo­lu­tio­nä­ren Erfolg ent­schei­det die natür­li­che Selek­ti­on im Exis­tenz­kampf (strugg­le for exis­tence) unter Umwelt­be­din­gun­gen.

Wie schon im 19. Jahr­hun­dert sehr kri­tisch dis­ku­tiert wur­de, ent­stammt die Idee und das Leit-Bild für den drit­ten Aspekt aus der Öko­no­mie. Also auch hier nicht ein­fach eine vor­ur­teils­freie Betrach­tung der vor­han­de­nen Abwei­chun­gen, son­dern die Kon­struk­ti­on gro­ßer natur­ge­schicht­li­cher Zusam­men­hän­ge vor dem Hin­ter­grund eines aus der Öko­no­mie ent­nom­me­nen Bil­des. Wie Mal­thus’ Über­be­völ­ke­rungs­theo­rie ist Dar­wins Punkt 3 daher auf jeden Fall eine mecha­nis­ti­sche Theo­rie. Punkt 1 ist aller­dings sehr viel kom­ple­xer zu sehen, hier wird der Mecha­nis­mus viel­leicht durch­bro­chen. Pech für Dar­win: Mal­thus’ Theo­rie ist zwei­fel­los falsch, was schon zu Leb­zei­ten Dar­wins immer­hin behaup­tet wur­de (etwa: Ricar­do).

3. Oktober 2009

Sanktionsmoratorium bei Hartz IV-Bezieher/innen

Emp­feh­le fol­gen­den Auf­ruf zu unter­schrei­ben, der von Politiker/inne/n, Gewerkschaftler/inne/n und Wissenschaftler/inne/n unter­stützt wird. Hoff­nungs­voll stimmt, dass hier poli­ti­sche, wis­sen­schaft­li­che und reli­giö­se Initia­ti­ven zusam­men­ar­bei­ten, um eine an den Gren­zen unse­rer Ver­fas­sung ange­sie­del­te Pra­xis der Behör­den zu been­den. Gefor­dert wird zunächst nur die z. T. mora­lisch anstö­ßi­ge Anwen­dung des § 31 des Sozi­al­ge­setz­bu­ches II aus­zu­set­zen.

Gene und Evolution – philosophisch betrachtet

Am 05.10. beginnt in Neckar­ge­münd im Prinz-Karl-Gebäu­de um 19.30 Uhr der neue phi­lo­so­phi­sche Kurs in der VHs.

Den Text zur ers­ten Sit­zung fin­den Sie hier.