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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


9. November 2012

Die Erkenntnis von Naturgesetzen

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Die Sit­zung über all­täg­li­che Erfah­rung, deren Abschluss eine „Erkennt­nis“ ist, ver­lief kon­struk­tiv. Bestimm­te Aspek­te der Phä­no­me­no­lo­gie wur­den kurz ange­spro­chen, wie dass es in ihr wie im Prag­ma­tis­mus kei­ne Sub­jekt-Objekt-Spal­tung gibt. Daher sind wir im All­tag mit den Gegen­stän­den unse­res Erken­nens ver­bun­den bzw. gehen mit ihnen in inter­sub­jek­tiv offe­nen Situa­tio­nen um. Die­se Ein­sicht geht u. a. auf das Mit­spie­ler-Sein im Sin­ne Kants zurück. Wir ste­hen der Rea­li­tät gar nicht getrennt von ihr gegen­über – und dies lässt sich im All­tag erfah­ren.

2               Die Erkenntnis von Naturgesetzen

Das Wort Erkennt­nis ist eben­falls ein pas­sen­der Ter­mi­nus, um Ziel und Abschluss der For­schung zu bezeich­nen. Aber es lei­det eben­falls unter einer Zwei­deu­tig­keit. Wenn man sagt, die Gewin­nung von Erkennt­nis oder Wahr­heit sei das Ziel der For­schung ist die­se Aus­sa­ge, nach der hier ein­ge­nom­me­nen Posi­ti­on eine Tau­to­lo­gie. Das, was die For­schung auf befrie­di­gen­de Wei­se abschließt, ist per defi­ni­tio­nem Erkennt­nis; es ist Erkennt­nis, weil es der ange­mes­se­ne Abschluss der For­schung ist. Aber man kann ver­mu­ten, und es ist ver­mu­tet wor­den, die­se Aus­sa­ge drü­cke etwas Bedeut­sa­mes und nicht eine Tau­to­lo­gie aus. Als Tau­to­lo­gie defi­niert sie Erkennt­nis als das Ergeb­nis kom­pe­ten­ter und kon­trol­lier­ter For­schung. (John Dew­ey, Logik. Die Theo­rie der For­schung (stw 1902), 2002, 20f [in der Fol­ge: Dew­ey 2002)

In Auf­nah­me und Prä­zi­sie­rung wesent­li­cher Posi­tio­nen sei­nes Leh­rers Peirce for­mu­liert Dew­ey sei­ne Auf­fas­sung sehr klar. Nicht zuletzt wis­sen­schaft­li­ches Vor­ge­hen ist ein Fall von Pro­blem­lö­sen. Der For­schungs­pro­zess ist der metho­do­lo­gisch kon­trol­lier­te Ver­such aus der Zusam­men­hang­lo­sig­keit von Wahr­neh­mun­gen und Gedan­ken zu einer kohä­ren­ten und mög­lichst umfas­sen­den Bestimmt­heit zu kom­men. Die­ser Abschluss wird als (fal­li­ble) Erkennt­nis bezeich­net. Die­se muss immer wei­ter über­prüft wer­den.

Unter­schei­den sich die Ver­fah­ren in den Wis­sen­schaf­ten Phy­sik, Bio­lo­gie und Che­mie von­ein­an­der, wie ein sol­cher Abschluss erreicht wer­den soll, kann es zu unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen davon kom­men, was ein bio­lo­gi­sches oder phy­si­ka­li­sches Natur­ge­setz ist (Ham­pe 2007, 150ff).

All­ge­mein gilt, dass Natur­ge­set­ze wis­sen­schaft­li­che Geset­ze sind. Dabei han­delt es sich um gene­rel­le Aus­sa­gen, die sich auf expe­ri­men­tel­le Situa­tio­nen bezie­hen.

Da es sich um uni­ver­sa­le Aus­sa­gen han­delt, sind sie als Hand­lungs­vor­schrif­ten zu ver­ste­hen: Immer wenn Du X tust, musst Du Y tun. Wohl etwas genau­er als Peirce – wenn ich recht sehe – inter­pre­tiert er daher Geset­zes­aus­sa­gen in den Natur­wis­sen­schaf­ten als „Vor­schrif­ten für eine spe­zi­fi­sche Form des Han­delns in der mate­ri­el­len oder natür­li­chen Welt, näm­lich für das expe­ri­men­tel­le Han­deln.“ (Ham­pe 2007, 143)

Dew­ey zufol­ge sind immer „Tun und Machen im Spiel. Die Art des Tuns und Machens ist die, die – mate­ri­el­le und pro­ze­du­ra­le – Mit­tel bestimmt, um ein pro­spek­ti­ves Ziel, eine ver­ein­heit­lich­te Situa­ti­on zu bewir­ken. Die­se ver­ein­heit­lich­te Situa­ti­on ist das letz­te (wenn­gleich nicht nächs­te) Ziel jeder For­schung.“ (Dew­ey 2002, 530)

Um das Apfel­baum­bei­spiel zu ver­wen­den, das uns im Kurs beglei­tet:

Die Geset­zes­aus­sa­ge: „Alle Äpfel fal­len mit 9,81 m/s2 nach unten“ wird – sofern sie so zutref­fen soll­te, in prin­zi­pi­ell wie­der­hol­ba­ren Situa­tio­nen erho­ben, die hier z. B. Vor­schrif­ten für ein Zeit­mess­ge­rät ein­schlie­ßen muss – und sie wird wei­ter­hin über­prüft bzw. mög­li­cher­wei­se kor­ri­giert. Man darf sich durch die mathe­ma­ti­sche For­mu­lie­rung dabei  nicht täu­schen las­sen – die­ses Natur­ge­setz, sofern es tat­säch­lich bestehen soll­te, lässt sich nur auf­grund sol­cher ver­ein­heit­lich­ten Situa­tio­nen erfas­sen und über­prü­fen. „Das Natur­ge­setz ist eine Hand­lungs­vor­schrift für die Erzeu­gung einer sol­chen Situa­ti­on und Erfah­rung.“ (Ham­pe 2007, 143)

Das ist kei­ne Über­trei­bung. Ham­pe ver­weist mit Recht dar­auf, dass dies tat­säch­lich auf die frü­he Neu­zeit bei Gali­lei und New­ton zurück­geht (expe­ri­men­tel­le Phi­lo­so­phie [2007, 145]).

Jeden­falls Peirce und Dew­ey erkann­ten, dass Natur­ge­set­ze Abschluss eines For­schungs­pro­zes­ses sind, der prin­zi­pi­ell wie­der­hol­bar und über­prüf­bar ist. Logisch ist die The­se Dew­eys bei Peirce in des­sen Quan­to­ren­lo­gik (ins­be­son­de­re der spiel­theo­re­ti­schen Auf­fas­sung von All-Aus­sa­gen) vor­be­rei­tet. Dew­ey zieht frei­lich wohl als ers­ter genau die­se Kon­se­quenz. Zu den Hand­lungs­vor­schrif­ten gehö­ren auch Anwei­sun­gen, wel­ches mathe­ma­ti­sche Regel­sys­tem Anwen­dung fin­det – was eben­falls immer wei­ter über­prüft wird.

Dew­eys The­se beruht auf sei­nem Erfah­rungs­be­griff und ist eine kon­se­quen­te Expli­ka­ti­on des­sel­ben.

18. Januar 2012

In eigener Sache

 

Ich habe seit Juli gele­gent­lich an die­ser Stel­le über mich selbst geschrie­ben und mei­ne Leser/innen und Kund/innen über mei­nen Wer­de­gang nach mei­nem Schlag­an­fall am 11.04.2011 infor­miert. Dies war ein deut­li­cher Ein­schnitt in mei­nem Leben, ich habe wie ein Klein­kind erst Krab­beln und dann ganz lang­sam Lau­fen gelernt. Neben der Beglei­tung in der Kopf­kli­nik und den Schmie­der-Kli­ni­ken (Hei­del­berg) habe ich schon bald ver­sucht, Kon­takt zu Osteopath/inn/en zu suchen. Zum Einen, weil ich in der Fer­tig­stel­lung der Über­set­zung von Mar­ga­ret Sor­rels Buch über Char­lot­te Wea­ver durch den Schlag­an­fall unter­bro­chen wur­de. Hier traf ich auf gro­ßes Ent­ge­gen­kom­men. Da mei­ne Gene­sung noch fort­dau­ert, wird die Fer­tig­stel­lung bis Ende Febru­ar andau­ern – aber das Ende ist in Sicht. Zum Ande­ren, weil ich auf­grund mei­ner Beschäf­ti­gung vor allem mit Still und Litt­le­john durch­aus zu den Ken­nern der „klas­si­schen Osteo­pa­thie“ zäh­le, erhoff­te ich mir von Osteo­pa­then­sei­te wesent­li­che Unter­stüt­zung beim Reha­bi­li­ta­ti­ons- und Gene­sungs­pro­zess. Denn die recht ver­stan­de­ne Osteo­pa­thie ist eine (auch prag­ma­tis­tisch inspi­rier­te) Theo­rie der Ner­ven­sys­te­me, wel­che die­se zu beein­flus­sen unter­nimmt. Die­se Hoff­nung hat nicht getro­gen, drei Behand­lun­gen führ­ten zu Anstö­ßen für teils dra­ma­ti­sche Ver­bes­se­run­gen. Sodass ich jetzt begrün­det hof­fen kann, dass ich im Früh­som­mer 2012 wie­der zu einem Men­schen wer­de, der jenem stark ähnelt, wel­cher glaub­te, im März 2011 am bis­he­ri­gen Höhe­punkt sei­nes Lebens ange­kom­men zu sein. Dies wur­de am 11.04.2011 als wahr­schein­li­che Illu­si­on ent­larvt, zumal mir am Abend die­ses Tages in der Kopf­kli­nik deut­lich wur­de, dass mei­ne Frau sich mit hoher Wahr­schein­lich­keit schei­den las­sen wer­de. Die­se Abduk­ti­on traf zu, obgleich ich die Hoff­nung noch nicht ganz auf­ge­ge­ben habe.
Das führ­te im Novem­ber 2011 zu einer star­ken Iden­ti­täts­kri­se, die bis Mit­te Janu­ar anhielt. Seit eini­gen Tagen hat sich aber mei­ne Wahr­neh­mung auf­ge­hellt. Teil­wei­se habe ich wie­der ein nor­ma­les Kör­per­ge­fühl. Die Zei­ten als dis­em­bo­di­ed spi­rit schei­nen der Ver­gan­gen­heit anzu­ge­hö­ren. Mein Tages­lauf ist mir wie­der zugäng­lich, ich keh­re zu selbst­be­stimm­ten For­men des Lebens zurück. Aber es hat erheb­lich län­ger gedau­ert, als ich im Mai/Juni 2011 selbst erwar­tet hat­te.
Am 11. März 2011 wur­de auch für weni­ger ambi­tio­niert den­ken­de Men­schen deut­lich, dass die­je­ni­gen seit Peirce und Rus­sel Wal­lace, wel­che auf die mög­li­cher­wei­se desas­trö­sen Rück­kopp­lungs­pro­zes­se des tech­nisch-wirt­schaft­lich-wis­sen­schaft­li­chen Kom­ple­xes ver­wie­sen hat­ten, im Recht waren. Wie Peirce wohl spä­tes­tens 1904 gezeigt hat, ist die Ethik der Logik wis­sen­schafts­sys­te­ma­tisch vor­zu­ord­nen. Die­ser Gedan­ke beruht u. a. auf Ide­en des  „Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus“, wel­cher die ame­ri­ka­ni­sche Roman­tik dar­stellt. Und ohne die­se ist auch die Osteo­pa­thie Stills nicht mög­lich gewe­sen. Ich wer­de die­sen Zusam­men­hang hier Mit­te Febru­ar aus­führ­lich dar­stel­len. Mit­hin wird sich zei­gen, war­um Phi­lo­so­phie der Osteo­pa­thie so wich­tig ist – und heu­te wie­der Zukunft hat.

8. Dezember 2011

Pragmatismus und Phänomenologie

Wir haben noch ein­mal in einer sehr inten­si­ven Dis­kus­si­on das Rela­tio­nen­pro­blem und die damit ver­bun­de­nen Kri­ti­ken und teil­wei­se gro­ßen Hoff­nun­gen the­ma­ti­siert, durch­aus anre­gend kon­tro­vers. Von die­ser Stim­mung war auch die Debat­te zu „Wahr­neh­mung“ und „Erfah­rung“ geprägt. Herr Deth­lef­sen ver­miss­te an mei­nen Vor­schlä­gen das Moment der Krea­ti­vi­tät bei der Erfah­rung, ich stel­le in den Vor­der­grund, dass etwas auch als Neu­es für eine bestimm­te Men­schen­grup­pe nur erfah­ren wer­den kann, wenn es mit eige­nen Erfah­run­gen oder Erfah­run­gen ande­rer vor dem Hin­ter­grund geteil­ter Zei­chen­sys­te­me ver­gli­chen wer­den kann. Daher exis­tiert das Pro­blem des Neo­lo­gis­mus, also der Bezeich­nung von etwas, das bis­her im Sprach­sys­tem oder in bild­li­chen Dar­stel­lungs­wei­sen noch kei­ne Reprä­sen­ta­ti­on gefun­den hat. Die­ses Pro­blem wur­de sehr sach­ge­recht erör­tert, wobei deut­lich wur­de, dass die Induk­ti­on, die stets in der Zukunft neu bewährt wer­den muss, der domi­nan­te Schluss­cha­rak­ter der Erfah­rung ist.

Peirce rech­net sys­te­ma­tisch damit, dass auch Wahr­neh­mung ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess ist. Mit­hin ist er kein infal­li­bler Aus­gangs­punkt, was beson­ders Bert­rand Rus­sell irri­tier­te. Wahr­neh­mung impli­ziert mit­hin also Inter­pre­ta­ti­on – sie ist kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt, weil jedes Zei­chen schon Inter­pre­tant sein soll usf.

Das Ende des 19. Jahr­hun­derts sah den anschei­nen­den Erfolg der Wis­sen­schaf­ten, aber eine Min­der­heit sah, dass die­ser Erfolg, der indus­tri­el­le Kon­se­quen­zen hat­te, offen­sicht­lich fata­le Rück­kopp­lungs­pro­zes­se haben könn­te, so u. a. der Bio­lo­ge Rus­sell Wal­lace. Wir haben in die­sem Kurs die Reak­ti­on Peirce’ auf die­se Kri­sen­ein­sich­ten in der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ aus­führ­lich bespro­chen. Die Mehr­heit hoff­te ent­we­der auf eine Huma­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus oder wand­te sich sozia­lis­ti­schen Theo­ri­en zu, um den Kapi­ta­lis­mus abs­zu­schaf­fen. In bei­den Bewe­gun­gen war aber der Glau­be an die Kom­pe­tenz der Wis­sen­schaf­ten, die sich in wirt­schaft­li­chem Fort­schritt nie­der­schla­ge. Das ist der Hin­ter­grund dafür, dass es eher wis­sen­schafts­zen­trier­te und stär­ker all­tags- oder lebens­welt­ori­en­tier­te Phi­lo­so­phi­en gab. Zu Grund­in­for­ma­tio­nen zur Phä­no­me­no­lo­gie in der Fol­ge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls.  Der Lebens­welt-Begriff ist übri­gens erst in der Spät­phi­lo­so­phie Husserls in die­ser Zuspit­zung ent­wi­ckelt wor­den. Dort wird eine Art unmit­tel­ba­rer Zugang zur Wirk­lich­keit pos­tu­liert, der durch die Wis­sen­schaf­ten ver­stellt wer­de. Zu den „Sachen selbst“ kom­me man im lebens­welt­li­chen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten, indem man sie „sein las­se“, wie Hei­deg­ger for­mu­lier­te, des­sen pra­xis­phi­lo­so­phi­schen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in sei­ner Schrift über „Die Kri­sis der euro­päi­schen Wis­sen­schaf­ten“ stär­ker intel­lek­tua­lis­tisch refor­mu­lier­te. Die Lebens­welt und deren prak­ti­scher Umgang mit den Sach­ver­hal­ten wer­de „mathe­ma­ti­siert“ und damit ver­stellt bzw. ent­stellt. Hei­deg­ger sieht seit Mit­te der 1930er Jah­re vor allem den tech­ni­schen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten hin­ter dem „Begrei­fen“ durch die Wis­sen­schaf­ten. Es ist schon lan­ge gese­hen wor­den, dass der pra­xis­phi­lo­so­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers in „Sein und Zeit“ zumin­dest Par­al­le­len zum klas­si­schen Prag­ma­tis­mus auf­weist. Das gilt im All­ge­mei­nen für die Phä­no­me­no­lo­gie ins­ge­samt, da die­se wie Peirce u. a. das angeb­li­che Sub­jekt-Objekt-Pro­blem als irrig ansieht, der pra­xis­phi­lo­s­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers zeigt dies, wie dies auch bewusstseins­phi­lo­so­phisch bei Husserl und Sart­re zu zei­gen ver­sucht wur­de. Der und das Ande­re sind im Bewusst­sein schon „inten­tio­nal“ mit­ge­setzt, man muss also hier kei­nen Sprung voll­zie­hen.

Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Sub­jek­ti­vi­tät und Per­so­na­li­tät wohl am ehes­ten gelun­gen, weil Per­so­nen als die­je­ni­ge Enti­tät ver­stan­den wird, die sich zu sich selbst und zu ande­rem ver­hält, wobei sie stets Stel­lung zu sich nimmt – und dar­über ent­schei­det, ob sie wei­ter­le­ben will. Hier wird kei­ne sub­stan­zon­to­lo­gi­sche Phi­lo­so­phie des Sub­jekts ver­tre­ten, was in den tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­schen Ver­su­chen Husserls wohl eher der Fall sein dürf­te, also die Bewusstseins­pro­zes­se fin­den am oder im tran­szen­den­ta­len Sub­jekt statt – dies kann mit den prag­ma­tis­ti­schen Über­le­gun­gen nicht mit­hal­ten, die den Pro­zess der Sub­jek­ti­vi­tät zu erfas­sen suchen. Wobei Hei­deg­gers Ansatz ganz gewiss so nicht zu ver­ste­hen ist …

Das ist dann exis­ten­zia­lis­tisch wei­ter­ent­wi­ckelt wor­den. Eine inter­es­san­te Ent­wick­lung inner­halb der Phä­no­me­no­lo­gie stellt die Wahr­neh­mungs­phi­lo­so­phie Mau­rice Mer­leau-Pon­tys dar. Sie wird stark von Tho­mas Fuchs auf­ge­nom­men – und hat nicht zuletzt im the­ra­peu­ti­schen, auch medi­zi­ni­schen Bereich star­ke Reso­nanz gefun­den, wobei er betont, dass Wesent­li­ches an der Wahr­neh­mung mit­tels des Sub­jekt-Objekt-Sche­mas nicht erklärt wer­den kön­ne. D. h., er unter­stellt ähn­lich wie Peirce, dass Wahr­neh­mung kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt ist, son­dern ein Bezie­hungs­ge­sche­hen, was Peirce detail­liert und nicht ganz ein­fach nach­zu­wei­sen sucht. The­ra­peu­tisch ist vor allem Mer­leau-Pon­tys Kon­zept der Zwi­schen­leib­lich­keit wich­tig, als ein inter­per­so­na­les Medi­um, das Per­so­nen ver­bin­det. Hier liegt eine Par­al­le­le zu den Inter­ak­ti­ons­theo­ri­en der Prag­ma­tis­ten vor, aber Mer­leau-Pon­ty ist hier ori­gi­nell dar­in, dass eine Sphä­re der sinn­lich ver­mit­tel­ten Leib­lich­keit besteht, die einen Aus­tausch zulässt. Fuchs hat vor die­sem Hin­ter­grund das Ent­ste­hen von Selbst­be­wusst­sein bei etwa acht Mona­te alten Kin­dern erklärt. Die­ser Gedan­ke ist Peirce nicht fremd, schon die frü­he Phi­lo­so­phie for­mu­liert durch­aus Ver­gleich­ba­res – aber er kommt nach mei­nem Urteil zu nichts Kon­kre­tem. M. E. bie­ten sich in der Leib­lich­keits­auf­fas­sung und der Wahr­neh­mungs­phi­lo­s­phie noch Chan­cen wech­sel­seit­ge­en Ler­nens.

20. Oktober 2011

Die „Pragmatische Maxime“ – eine kulturphilosophische Regel

Wir haben uns in der Sit­zung vom 17.10. um ein aus­rei­chen­des Ver­ständ­nis des all­ge­mei­nen und umfas­sen­den Phi­lo­so­phie­an­sat­zes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der meta­phy­si­schen Pro­ble­me bespro­chen, das Peirce tat­säch­lich behan­delt: die Got­tes­fra­ge, wobei Peirce vie­le all­ge­mei­ne Äuße­run­gen hin­zu­zieht, wel­che ihn anre­gen. Neben Tra­di­tio­nen von Juden­tum, Chris­ten­tum und Islam spie­len bei Peirce auch Neo­hin­du­ide­en eine nicht unbe­acht­li­che Rol­le. Dies war alles am Ende des 19. Jahr­hun­derts und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in den USA bekennt und wur­de kon­tro­vers dis­ku­tiert.[1] Phi­lo­so­phie ver­ar­bei­tet sol­che Tra­di­tio­nen und reflek­tiert sie kri­tisch dar­auf, ob sie Erfah­rungs­ge­hal­te sym­bo­li­sie­ren – oder ob man auf­grund sol­cher Bil­der Erfah­run­gen machen kann. Wel­ches The­ma man meta­phy­sisch durch all­ge­mei­ne Unter­stel­lun­gen angeht: Peirce hält nichts von geschmäck­le­ri­schen, viel­leicht schön­geis­ti­gen Theo­rie­de­bat­ten, weil Theo­ri­en selbst durch Pra­xis gewon­nen wur­den, prak­tisch über­prüft und ggf. dann ver­än­dert oder auch ver­wor­fen wer­den. Die prag­ma­tis­ti­sche Phi­lo­so­phie kon­zen­triert sich mit­hin auf den kul­tu­rel­len Kon­text der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, in dem klar wur­de, dass die sozia­le Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Wis­sen­schaf­ten soge­nann­tes „Wis­sen“ bereit­stellt, das es ermög­licht, prak­ti­sche Regeln zu ent­wer­fen, die sich the­ra­peu­tisch, päd­ago­gisch und öko­no­misch sehr gut bewähr­ten. Das sind ent­we­der Tech­ni­ken oder Kunst­leh­ren.

  • Um Tech­ni­ken han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, die das ange­streb­te Ziel stets errei­chen, also z. B. Glüh­bir­nen pro­du­zie­ren, die immer dann leuch­ten, sofern man auf einen Schal­ter drückt (Th. A. Edi­son).
  • Um Kunst­leh­ren han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, bei denen der Erfolg im Ein­zel­fall nicht sicher ist, die mit­hin stets vom Ein­zel­fall her ange­passt wer­den müs­sen (etwa Päd­ago­gik, Medi­zin).

Das ist kei­ne typisch „ame­ri­ka­ni­sche“ Ent­de­ckung. Aber im ame­ri­ka­ni­schen Prag­ma­tis­mus bra­chen sich – ver­mit­telt durch den „Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus (Emer­son, Tho­reau, Ful­ler u. a.) die Ide­en, die von den Frühromantiker/innen, Goe­the, Schlei­er­ma­cher und Hum­boldt stam­men, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kon­text der Demo­kra­tie ver­wie­sen, der für das Ver­ständ­nis der Wer­ke von Peirce, James und Dew­ey sehr aus­schlag­ge­bemd ist, der natür­lich in Deutsch­land in einem ernst­haf­ten Sinn erst nach 1968 exis­tier­te, im Kern erst in den 1970er Jah­ren bestim­mend wur­de. Denn die Mög­lich­kei­ten poli­ti­scher Frei­heit setz­ten die Ener­gi­en frei, wel­che ein Leben in Selbst­be­stim­mung schön machen kön­nen. Das for­mu­liert in der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung die Rede vom „pur­su­it of hap­pi­ness). Aber – so reflek­tiert die soge­nann­te „prag­ma­ti­sche Maxi­me“, wel­che prak­ti­sche Fol­gen bzw. Wir­kun­gen eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie haben kann, soll­te abge­schätzt wer­den.

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands!

(Charles Peirce, How to make our ide­as clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jah­ren (z. B. Ein­lei­tung zu „Phä­no­me­no­lo­gie und Logik der Zei­chen“) dar­auf ver­wie­sen, dass Grund­fra­gen des „Prin­zips Ver­ant­wor­tung“ (Hans Jonas, ein Hei­deg­ger­schü­ler) hier völ­lig klar for­mu­liert wer­den. Wenn also zu den abge­schätz­ten mög­li­chen Wir­kun­gen sol­che gehö­ren, die sitt­lich miss­bil­ligt wer­den müs­sen, erge­ben sich kon­flikt­rei­che ethi­sche Auf­ga­ben. Wie ist z. B. eine demo­kra­ti­sche Kon­trol­le der Wis­sen­schaf­ten mög­lich? Peirce setzt also dar­auf, dass neben der phi­lo­so­phi­schen Tätig­keit der Wissenschaftler/innen ein uni­ver­sa­ler Hori­zont in der Gesell­schaft ent­steht, der eben ver­ant­wort­lich dar­über ent­schei­det, wel­che tech­ni­schen und kunst­mä­ßi­gen Pro­jek­te durch­ge­führt wer­den – und wel­che bes­ser unter­las­sen wer­den soll­ten, weil ihre Wir­kun­gen die Mög­lich­keit der Frei­heit negie­ren.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof (EGH) hat in die­ser Woche in die­sem Sin­ne eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung zur Stamm­zel­len­for­schung getrof­fen, die den Wün­schen und gedank­li­chen Ambi­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft in Tei­len Euro­pas ent­spricht – ein Bei­spiel für die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung sol­cher demo­kra­ti­scher Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­se, die auch Peirce für not­wen­dig hielt. Natür­lich lässt sich öko­no­misch bes­ser mit (finan­zi­el­ler und tech­ni­scher) Indus­trie­un­ter­stüt­zung for­schen. Aber die hier­zu erfor­der­li­che Paten­tie­rung von bestimm­ten prak­tisch her­vor­ge­ru­fe­nen Zell­ver­än­de­run­gen wider­spricht ele­men­ta­ren Prin­zi­pi­en der Men­schen­rech­te. Um dies zu ver­ste­hen, muss man nur all­ge­mein gebil­det sein, wel­ches eine Vor­aus­set­zung von Demo­kra­tie im Sin­ne von Peirce und sei­nem Schü­ler Dew­ey ist.

  • Die in den Wis­sen­schaf­ten ent­wor­fe­nen Abduk­tio­nen (Hypo­the­sen)
  • wer­den mit­hin deduk­tiv auf Über­prü­fungs­kon­tex­te in der kunst­mä­ßig oder tech­nisch model­lier­ten Erfah­rung (etwa des Labors) bezo­gen,
  • wo sie auf ihre induk­ti­ve Taug­lich­keit in immer neu­en Erfah­run­gen über­prüft wer­den.

Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“ for­mu­liert die­sen durch und durch prak­ti­schen Zusam­men­hang. Und Hand­lun­gen gehö­ren ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den nega­ti­ven – und wie wir heu­te u. a. an der Kli­ma­ka­ta­stro­phe und Fuku­shi­ma sehen – fata­len Fol­gen des Erfolgs von Posi­ti­vis­mus und Neo­po­si­ti­vis­mus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ide­en klar gemacht wer­den, aus dem Bereich der Ethik in einen angeb­lich „neu­tra­len“ wis­sen­schaft­li­chen Bereich trans­for­miert haben, wo (was nicht so ger­ne zuge­ge­ben wird) letzt­lich kurz­fris­ti­ge öko­no­mi­sche Inter­es­sen den Aus­schlag geben, sie­he den sich immer noch brüs­ten­den Oli­ver Brüst­le (Uni­ver­si­tät Bonn).

Logisch-semio­tisch ver­hält es sich so: Das Ziel wäre eine The­ra­pie für Par­kin­son. Die Abduk­ti­on lau­tet: Die­ses Ziel kann durch gen­tech­no­lo­gi­sche Mani­pu­la­ti­on von Zel­len „über­zäh­li­ger Embryo­nen“ erreicht wer­den, weil sich hier­aus geeig­ne­te Prä­pa­ra­te gegen Par­kin­son gewin­nen las­sen. Deduk­tiv fin­det die­se Mani­pu­la­ti­on seit drei Jah­ren oder mehr statt. Eine Über­prü­fung, die induk­tiv den Erfolg eini­ger­ma­ßen sicher­stel­len könn­te, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Men­schen­rech­te die Kon­se­quen­zen gezo­gen. Embryo­nen dür­fen nicht als Mit­tel behan­delt wer­den. Sie tra­gen die rea­le Mög­lich­keit des Mensch­seins in sich. Im posi­ti­vis­ti­schen und neo­po­si­ti­vis­ti­schen Kon­text wer­den ent­spre­chen­de ele­men­ta­re ethi­sche Fra­gen bewusst aus­ge­klam­mert. Mit­hin sind die Ide­en sol­cher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufol­ge unklar.

  • War­um?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hät­te der Papst argu­men­tiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jah­ren dar­auf ver­wie­sen, dass die Phi­lo­so­phie durch eine der­ar­ti­ge logisch-semio­ti­sche Sub­ti­li­tät gesell­schaft­li­che Streit­fra­gen klä­ren hel­fen kann – und dadurch dazu bei­trägt, die geis­ti­ge „Umwelt­ver­schmut­zung“ zu mil­dern. Das ist eine schö­ne Auf­ga­be der Phi­lo­so­phie.


[1] Es ist unbe­strit­ten, dass es auch Cow­boys und Cow­girls gab. Sie waren kul­tu­rell aber weni­ger bedeu­tend, als das Gen­re „Wes­tern“ nahe­le­gen könn­te. Auch im Mitt­le­ren Wes­ten und an der Fron­tier wur­den phi­lo­so­phi­sche Fra­gen dis­ku­tiert, wie man sich an dem Begrün­der der Osteo­pa­thie Andrew Tay­lor Stil exem­pla­risch klar machen kann.