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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


26. Mai 2009

Bru­ta­ler Mord an einem Ehe­paar und das Pro­blem der Frei­heit – Tho­mas Fuchs zu Felix D. und Tor­ben B., Tes­sin, Meck­len­burg

Das  Böse“- gibt es das über­haupt? [1] Han­delt es sich nicht um eine Fik­ti­on, die wir wis­sen­schaft­lich erle­di­gen kön­nen, wenn wir wis­sen, wie es zu bestimm­ten Hand­lun­gen kommt, die wir gewöhn­lich als „böse“ bezeich­nen? Natür­lich beob­ach­tet man in den Mas­sen­me­di­en bei Amok­läu­fen wie zuletzt in Win­nen­den ein Ent­set­zen, hier ließ sich kei­ne leich­te Erklä­rung fin­den, sieht man davon ab, dass der Vater des Täters gegen die Waf­fen­ge­set­ze ver­sto­ßen hat. In Foren konn­te man gele­gent­lich sehr schnel­le psy­cho­lo­gi­sche Fern­dia­gno­sen lesen. Mann oder Frau ver­sucht, der­ar­ti­ge Ereig­nis­se induk­tiv unter eine schon bekann­te Regel zu brin­gen, das Ent­set­zen ist dann jeden­falls eini­ger­ma­ßen ordent­lich „wis­sen­schaft­lich“ zu erfas­sen.

Tho­mas Fuchs wen­det sich die­ser Fra­ge anhand eines u. a. auch mas­sen­me­di­al kom­mu­ni­zier­ten Fal­les zu:

An einem Sams­tag­abend im Janu­ar 2007 klin­geln der 17-jäh­ri­ge Felix D. und sein gleich­alt­ri­ger Freund Tor­ben B. an einer Haus­tür in Tes­sin, ihrem klei­nen meck­len­bur­gi­schen Hei­mat­dorf. Der Bewoh­ner öff­net, er kennt die bei­den seit lan­gem aus der Nach­bar­schaft, es sind freund­li­che und höf­li­che Jun­gen aus intak­ten Fami­li­en. Doch da ruft Felix ‚Reno!‘, das ist das Code­wort zum Los­schla­gen. Die bei­den Jun­gen zie­hen ihre mit­ge­brach­ten Mes­ser und hal­ten sie dem Mann an die Keh­le mit den Wor­ten: ‚Auf die Knie!‘ Er wehrt sich und erfasst ein Mes­ser, doch da las­sen die Ein­dring­lin­ge alle Hem­mun­gen fah­ren und ste­chen blind­lings auf ihn ein. Wäh­rend er im Todes­kampf zu Boden geht, stür­men die 17-Jäh­ri­gen die Trep­pe hoch, tref­fen auf die Ehe­frau des Man­nes, die sie mit ins­ge­samt 62 Mes­ser­sti­chen töten. Als sie spä­ter noch röchelt, sticht Felix sie noch ein­mal in den Kopf, um sie end­gül­tig zu töten. Der Sohn des Ehe­paa­res ent­geht nur knapp dem Blut­rausch, weil es ihm gelingt, in Todes­angst in sei­nem Zim­mer ein­ge­sperrt die Poli­zei zu benach­rich­ti­gen, die das Paar schließ­lich stellt und zur Auf­ga­be zwingt. Weder Alko­hol, Dro­gen oder eine psy­chi­sche Krank­heit noch Feind­schaft gegen­über den Opfern erklä­ren die Tat; es hät­te eben­so belie­bi­ge ande­re im Dorf tref­fen kön­nen.“ (172)

  • Nach einer kur­zen Skiz­zie­rung die­ses Gesche­hens stellt Fuchs zunächst all­ge­mein die Fra­ge nach „dem Bösen“, wobei er sich nicht zuletzt an den „mythi­schen“ Erzäh­lun­gen in 1. Mose (Gene­sis) 2 bis 4 (Para­dies­sto­ry, Kain und Abel) ori­en­tiert, hier­bei erör­tert er auch ver­schie­de­ne Ansich­ten, die „das Böse“ natur­wis­sen­schaft­lich (u. a. sozio­bio­lo­gisch, sozi­al­dar­wi­nis­tisch, evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch) erklä­ren wol­len (S. 173-186 [1]).
  • Danach erör­tert Fuchs den kon­kre­ten Fall (S. 186-190 [2]).
  • Abschlie­ßend gibt Fuchs einen „Aus­blick“, in dem das Ver­hält­nis von „dem Bösen“ und der „Frei­heit“ (S. 190-194 [3]) noch­mals prä­zi­siert wird.

Die­ser Auf­satz setzt rela­tiv aktu­ell an und führt die­se Aktua­li­tät auf psych­ia­tri­sche und phi­lo­so­phi­sche Grund­fra­gen zurück, die wir hier auch schon im Kon­text der Posi­ti­on Fuchs‘ bespro­chen haben. Anhand der kri­ti­schen Bespre­chung die­ses Arti­kels sol­len auch Grund­struk­tu­ren von Fuchs‘ Ansatz und häu­fig wie­der­keh­ren­de Argu­men­te deut­lich wer­den. (more…)

22. Mai 2009

Zur Phi­lo­so­phie von Tho­mas Fuchs

In den fol­gen­den Wochen wer­de ich hier im Blog meh­re­re Arbei­ten von Tho­mas Fuchs bespre­chen.

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Heidelberg Fuchs ist Psych­ia­ter an der Uni­ver­si­täts­kli­nik Hei­del­berg und arbei­tet an einer phä­no­me­no­lo­gi­schen Auf­fas­sung von Psy­cho­pa­tho­lo­gie und Psy­cho­the­ra­pie. Er ist als einer der schärfs­ten Kri­ti­ker der neue­ren Gehirn­for­schung her­vor­ge­tre­ten. Fuchs schreibt sen­si­bel, kann sar­kas­tisch-iro­nisch sein und poin­tiert scharf. In den fol­gen­den bei­den Mona­ten wer­den hier sei­ne Bücher „Das Gehirn ein Bezie­hungs­or­gan“ und „Leib und Lebens­welt“ bespro­chen.

Dabei wer­den nicht vor­der­grün­di­ge Pole­mi­ken inter­es­sie­ren. Es steht hier natür­lich der phi­lo­so­phi­sche Ansatz im Fokus, inwie­weit eine phä­no­me­no­lo­gi­sche Fra­ge­stel­lung bei­spiels­wei­se in der Auf­fas­sung von Wahr­neh­mung unse­re lebens­welt­li­che Erfah­rung recht­fer­ti­gen kann, obwohl die­se durch man­che natur­wis­sen­schaft­li­chen Auf­fas­sun­gen infra­ge gestellt erscheint. Fuchs steht einer Rei­he von Ent­wick­lun­gen der Lebens­wis­sen­schaf­ten äußerst skep­tisch, fast schon resi­gna­tiv gegen­über. Wir wer­den fra­gen, ob dies plau­si­bel ist, ob es hier­zu viel­leicht Alter­na­ti­ven gibt.

Fuchs‘ Arbei­ten fin­den inzwi­schen ein brei­te­res auch außer­aka­de­mi­sches Inter­es­se, der Phi­lo­so­phie­kurs Hei­del­berg behan­delt am 29.05. einen Auf­satz („Quer durch jedes Men­schen­herz“) über das Böse aus psych­ia­tri­scher Per­spek­ti­ve, in der VHs Neckar­ge­münd fin­det am 20.06. ein ganz­tä­ti­ger Kurs zu Fuchs‘  Buch über das „Gehirn als Bezie­hungs­or­gan“ statt.

9. Mai 2009

VHs Eber­bach-Neckar­ge­münd, Sams­tag, den 20.06.

fuchswerbung1

Das Gehirn - ein Bezie­hungs­or­gan, Tho­mas Fuchs

6. Mai 2009

All­tags­phi­lo­so­phie sieb­te Sit­zung

18          Erin­ne­rung an den 04.05.

Ich begin­ne mit einer aus­führ­li­chen Ergän­zung, die auf­grund einer län­ge­ren Dis­kus­si­on im Anschluss an die Erin­ne­rung an den 27.04. ent­stan­den ist. Sie kreis­te um das Pro­blem des klas­si­schen Ansat­zes der Phy­sik, sofern er im Kon­text der Gehirn­for­schung ver­wen­det wird, aber auch um das Pro­blem des „Radi­ka­len Kon­struk­ti­vis­mus“, der heu­te − nach­dem der frü­he­re anders­ge­ar­te­te Erlan­ger „Kon­struk­ti­vis­mus“ wohl über­wie­gend schon ver­ges­sen ist – in der Regel allei­ne als „Kon­struk­ti­vis­mus“ gilt. Die­ser wur­de in Fort­füh­rung und Wei­ter­bil­dung der auto­po­ie­ti­schen Sys­tem­theo­rie der Bio­lo­gen Hum­ber­to Matu­rana und Fran­ces­co Vare­la in der femi­nis­ti­schen Theo­rie­bil­dung, in der Sozio­lo­gie, in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und auch in Tei­len der Neu­ro­bio­lo­gie vor allem seit der zwei­ten Hälf­te der 1980er Jah­re ange­wen­det. Sogar in der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie zeig­ten sich Reso­nan­zen. Inzwi­schen sind eher Nach­hut­ge­fech­te zu beob­ach­ten, aber auch die­se sind noch hef­tig.

Über mei­ne Kri­tik an Ger­hard Roth als radi­ka­lem Kon­struk­ti­vis­ten kam es zu einer Kon­tro­ver­se, weil Herr Deth­lef­sen mein­te, die­ser sei ein empi­ri­scher Wis­sen­schaft­ler – und empi­ri­sche Wis­sen­schaft­ler könn­ten so etwas nicht behaup­ten:

Die Fest­stel­lung, dass die von mir erleb­te Welt des Ichs, mei­nes Kör­pers und des Rau­mes um mich her­um ein Kon­strukt des Gehirns ist, führt zu der viel dis­ku­tier­ten Fra­ge: Wie kommt die Welt wie­der nach drau­ßen? Die Ant­wort hier­auf lau­tet: Sie kommt nicht nach drau­ßen, sie ver­lässt das Gehirn gar nicht. Das Arbeits­zim­mer, in dem ich mich gera­de befin­de, der Schreib­tisch und die Kaf­fee­tas­se vor mir wer­den ja von mir als ‚drau­ßen‘ in Bezug auf mei­nen Kör­per und mein Ich erlebt. Die­se bei­den sind aber eben­falls Kon­struk­te, nur ist es so, dass mit der Kon­struk­ti­on mei­nes Kör­pers auch der zwin­gen­de Ein­druck erzeugt wird, die­ser Kör­per sei von der Welt umge­ben und ste­he in deren Mit­tel­punkt. Und schließ­lich wird […] ein Ich erzeugt, das das Gefühl hat, in die­sem Kör­per zu ste­cken, und dadurch wird es erleb­nis­mä­ßig zum Zen­trum der Welt. (Aus der Sicht des Gehirns, Frankfurt/M. 2003, 48)

Mög­li­cher­wei­se ver­steht sich Ger­hard Roth also eher nicht als „empi­ri­schen Wis­sen­schaft­ler“ im Sin­ne von Herrn Deth­lef­sen. Typisch – auch im Sin­ne der bis­he­ri­gen Kurs­er­geb­nis­se – die Pro­duk­ti­on von Schein­pro­ble­men („das Ich“), ohne dass irgend­wie ange­ge­ben wür­de, wie das alles „kon­stru­iert“ wird. Öko­lo­gisch ist die Posi­ti­on von Roth natür­lich sehr hilf­reich, wenn alles im Gehirn ist und da auch nicht her­aus­kommt, kön­nen wir uns an sich viel Umwelt­ver­schmut­zung und -ver­brauch und auch vie­le Debat­ten erspa­ren. Mein sar­kas­ti­scher Kom­men­tar im letz­ten Satz – ich füge das hin­zu, um mög­li­che Miss­ver­ständ­nis­se die­ses Sat­zes zu ver­mei­den – soll dar­auf hin­wei­sen, dass Roth die Wor­te nicht im all­täg­li­chen Sinn gebraucht. Mut­maß­lich fin­det das Arbeits­zim­mer von Ger­hard Roth selbst in sei­nem Super­hirn kei­nen Platz. Und selbst die Kaf­fee­tas­se, die dar­in einen Ort fin­den könn­te, wür­de mut­maß­lich doch Beschä­di­gun­gen bei­spiels­wei­se des lim­bi­schen Sys­tems her­vor­ru­fen. Nicht ein­mal die Wor­te „Kaf­fee­tas­se“ und „Arbeits­zim­mer“ befan­den sich bei nüch­ter­ner Betrach­tung in Roths Gehirn, als er sie schrieb. Danach befan­den sie sich im Buch – und jetzt vor Ihnen am Bild­schirm oder auf dem Aus­druck. Und ich ver­mu­te ganz stark, dass Sie von den 40 Hertz-Schwin­gun­gen der Stoff­wech­sel­pro­zes­se, die beim Schrei­ben der Wor­te in Ger­hard Roths Gehirn statt­fan­den, nichts mehr spü­ren. Wenn doch, tei­len Sie mir dies bit­te aus­führ­lich und auf jeden Fall expe­ri­men­tell wie­der­hol­bar mit! Aus der Kur­s­per­spek­ti­ve kann das Zitat von Ger­hard Roth jeden­falls als wun­der­schö­nes Bei­spiel dafür die­nen, wel­che Beu­len man sich beim Den­ken holen kann, wenn man den all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch nicht hin­rei­chend beach­tet, son­dern frei­schwe­bend theo­re­ti­siert. Ich belas­se es bei die­sen Sar­kas­men und erspa­re mir die Par­al­le­li­sie­rung der­ar­ti­ger Äuße­run­gen mit ent­spre­chen­den Bei­spie­len aus der Psy­cho­pa­tho­lo­gie, die Tho­mas Fuchs (Das Gehirn – ein Bezie­hungs­or­gan, 2008) für die­se Fäl­le nicht sel­ten durch­führt. Zu Fuchs‘ Buch fin­det hier in der VHs Neckar­ge­münd am Sams­tag, dem 20.06. ein ganz­tä­gi­ger Kurs statt.

Zur eben­falls ange­spro­che­nen Fra­ge der Wil­lens­frei­heit hier ein Bei­spiel aus einem Streit­ge­spräch vor der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten:

Natür­lich geht die Mehr­heit der Straf­rechts­theo­re­ti­ker nicht von einer unbe­ding­ten Frei­heit aus, son­dern von einer Art ein­ge­schränk­ter Wil­lens­frei­heit, wie sie zum Bei­spiel der Phi­lo­soph Peter Bie­ri ver­tritt (Bie­ri 2001), das heißt von der Fähig­keit, vor der Tat von sei­ner eige­nen Moti­va­ti­ons­la­ge zurück­zu­tre­ten und die­se zu über­den­ken (Deli­be­ra­ti­ons­fä­hig­keit). Aus hand­lungs­psy­cho­lo­gi­scher und neu­ro­bio­lo­gi­scher Sicht ist die­se Fähig­keit zwar wich­tig für eine „ver­nünf­ti­ge“, weil lang­fris­ti­ge Hand­lungs­pla­nung, aber hier­bei ist nichts an Hand­lungs­frei­heit zu fin­den. Es han­delt sich um einen kom­ple­xen, wenn­gleich voll­stän­dig deter­mi­niert ablau­fen­den Pro­zess des Wider­streits der Moti­ve.

Auf­grund psy­cho­lo­gi­scher und neu­ro­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se müs­sen wir von fol­gen­dem Sach­ver­halt aus­ge­hen: Men­schen kön­nen im Sin­ne eines per­sön­li­chen Ver­schul­dens nichts für das, was sie wol­len und wie sie sich ent­schei­den, und dies gilt unab­hän­gig davon, ob ihnen die ein­wir­ken­den Fak­to­ren bewusst sind oder nicht, ob sie sich schnell ent­schei­den oder lan­ge hin und her über­le­gen. Sie wer­den in dem jeweils einen oder ande­ren Fall even­tu­ell völ­lig unter­schied­li­che Din­ge tun, aber sie tun dies nicht frei. Die Gene, die vor- und nach­ge­burt­li­chen Ent­wick­lun­gen und Fehl­ent­wick­lun­gen, die früh­kind­li­chen Erfah­run­gen und Trau­ma­ti­sie­run­gen, die spä­te­ren Erfah­run­gen und Ein­flüs­se aus Eltern­haus, Freun­des­kreis, Schu­le und Gesell­schaft – all dies formt unser emo­tio­na­les Erfah­rungs­ge­dächt­nis, und des­sen Aus­wir­kun­gen auf unser Han­deln unter­lie­gen nicht dem frei­en Wil­len. Dies gilt selbst­ver­ständ­lich auch für Per­so­nen, die Straf­ta­ten bege­hen.“ (Ger­hard Roth)

Soll­te Roth inzwi­schen die­se bei­den Posi­tio­nen hin­rei­chend klar revi­diert haben, behaup­te ich für die­se Revi­sio­nen natür­lich das Gegen­teil, aber vor allem die ers­te Äuße­rung ist in schwe­rer Wei­se irre­füh­rend, die zwei­te nur ganz schwach gedank­lich kon­trol­liert. Phi­lo­so­phisch geht die Moti­v­i­dee wohl vor allem auf Scho­pen­hau­er zurück, der expli­zit den „frei­en Wil­len“ im gewöhn­li­chen Ver­stand bestrit­ten hat – frei­lich einen tran­szen­den­ta­len frei­en Wil­len unter­stell­te, wohl auch ein Vor­bild für Roths erstaun­li­ches Pos­tu­lat eines „rea­len Gehirns“ im Unter­schied zum „wirk­li­chen Gehirn“, wobei er unter­stellt, das „wirk­li­che Gehirn“ sei Teil der erleb­ba­ren Wirk­lich­keit, die vom „rea­len Gehirn“ kon­stru­iert wer­de[1]. Doch Prä­gun­gen und Moti­ve unter­lie­gen stets der mög­li­chen Refle­xi­on und damit ihrer mög­li­chen selbst­be­stimm­ten Ver­än­de­rung – wie wir hier im Kurs ja fest­ge­stellt haben. Ob die­se Refle­xi­on greift und eine Ver­än­de­rung statt­fin­det, ist damit nicht gesagt, dies genügt aber für das Argu­ment ihrer rea­len Mög­lich­keit. Der Mini­mal­be­griff der Frei­heit setzt vor­aus, dass ich unter iden­ti­schen Umstän­den hät­te anders han­deln kön­nen, es han­delt sich um eine Fra­ge, die sich in der Rück­schau stellt. Wie die frü­he­ren Arbei­ten von Pau­en[2] und jetzt wie­der die gemein­sa­me Arbeit mit Roth zei­gen, akzep­tiert er die­sen Mini­mal­be­griff von Frei­heit gera­de nicht (vgl. Micha­el Pau­en, Ger­hard Roth, Frei­heit, Schuld und Ver­ant­wor­tung. Grund­zü­ge einer natu­ra­lis­ti­schen Theo­rie der Wil­lens­frei­heit, Frankfurt/M. 2008, 166 u. ö.) – m. E. auf­grund einer unzu­tref­fen­den Dar­stel­lung. Inso­fern dürf­te auch Roth sei­ne Äuße­run­gen nicht ernst­haft kor­ri­giert, bes­ten­falls gemä­ßigt haben. Von Frei­heit in einem ernst zu neh­men­den Sinn ist nicht die Rede, wenn ich mich refle­xiv damit ein­ver­stan­den erklä­re, was ohne­hin geschieht, also davon über­zeugt bin, was ich tue. Das ist sicher eine not­wen­di­ge, aber in kei­ner Wei­se eine hin­rei­chen­de Bedin­gung einer frei­en Hand­lung. Das unter iden­ti­schen Umstän­den auch anders Han­deln­kön­nen lässt sich nicht eli­mi­nie­ren. Maß­stab sind hier die Bestim­mun­gen der Men­schen­rech­te in der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te der UNO (1948) und im Grund­ge­setz (1949), dazu die höchst­rich­ter­li­chen Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes.

Unklar schien mir auf­grund der Dis­kus­si­on im bis­he­ri­gen Kurs­ver­lauf geblie­ben zu sein, dass es bei aus­schließ­li­cher Gel­tung der Unter­stel­lun­gen des Wis­sen­schafts­ty­pus 1 (vgl. Abbil­dung 1) für alle Sach­ver­hal­te tat­säch­lich kei­ne Frei­heit im Sin­ne des von mir skiz­zier­ten Mini­mal­be­griffs der Frei­heit geben kann. Solan­ge man also wie Roth und Sin­ger das Grund­mo­dell der klas­si­schen Phy­sik als das wis­sen­schaft­lich aus­schlag­ge­ben­de ansieht, mit denen auch die Fra­gen von Frei­heit, Selbst­be­stim­mung usf. behan­delt wer­den, müs­sen die­se von uns all­täg­lich unter­stell­ten Phä­no­me­ne als Täu­schung gedeu­tet wer­den, was u. a. der Sinn des Kon­struk­ti­vis­mus bei Roth ist. Auch Sin­ger hat sich nach anfäng­li­cher Zurück­hal­tung in einem ähn­li­chen Kon­text als Kon­struk­ti­vist geou­tet, wie der Abschnitt „Das Sub­jekt als kul­tu­rel­les Kon­strukt“ in sei­nem Büch­lein „Vom Gehirn zum Bewusst­sein“, Frankfurt/M. 2006, 47-57, beweist. Ob er sei­ne eige­ne neu­ro­bio­lo­gi­sche For­schung auch als „Kon­strukt“ bewer­tet, geht dar­aus bis­lang aber nach mei­ner Wahr­neh­mung nicht her­vor, kon­se­quent aber wäre das, denn auch die Neu­ro­bio­lo­gie „ist nichts ande­res“ als ein Phä­no­men der „kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on“.

Mir scheint …, dass die Ich-Erfah­rung bzw. die sub­jek­ti­ven Kon­no­ta­tio­nen von Bewusst­sein kul­tu­rel­le Kon­struk­te sind, sozia­le Zuschrei­bun­gen, die dem Dia­log zwi­schen Gehir­nen erwuch­sen und des­halb aus der Betrach­tung ein­zel­ner Gehir­ne nicht erklär­bar sind. Die Hypo­the­se, die ich dis­ku­tie­ren möch­te, ist, dass die Erfah­rung ein auto­no­mes, sub­jek­ti­ves Ich zu sein, auf Kon­struk­ten beruht, die im Lau­fe unse­rer kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on ent­wi­ckelt wur­den. Selbst­kon­zep­te hät­ten dann den onto­lo­gi­schen Sta­tus einer sozia­len Rea­li­tät … Wir Men­schen … sind in … der Lage, in Dia­lo­ge ein­zu­tre­ten der Art ‚ich weiß, dass du weißt, wie ich füh­le‘ oder ‚ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß, wie du fühlst“ usw. Inter­ak­tio­nen die­ser Art füh­ren also zu einer ite­ra­ti­ven wech­sel­sei­ti­gen Bespie­ge­lung im je ande­ren. …

Der Dia­log, der den Indi­vi­dua­ti­ons­pro­zess erst mög­lich macht, voll­zieht sich bereits in der frü­hen Kind­heit und erlaubt ers­te Ich-Iden­ti­fi­ka­tio­nen schon nach den ers­ten Lebens­jah­ren. Die­ser frü­he Dia­log zwi­schen Bezugs­per­so­nen und Kind ver­mit­telt die­sem in sehr prä­gnan­ter und asym­me­tri­scher Wei­se die Erfah­rung, offen­bar ein auto­no­mes, frei agie­ren­des, ver­ant­wort­li­ches Selbst zu sein, hört es doch ohne Unter­lass: ‚tu nicht dies, son­dern tu das, lass dass, sonst –‘, oder ‚mach das, andern­falls –!‘ …

Wich­tig für mein Argu­ment ist …, dass die­ser frü­he Lern­pro­zess in einer Pha­se sich ereig­net, in der die Kin­der noch kein epi­so­di­sches Gedächt­nis auf­bau­en kön­nen. Wir erin­nern uns nicht an die ers­ten zwei bis drei Lebens­jah­re, weil in die­ser frü­hen Ent­wick­lungs­pha­se die Hirn­struk­tu­ren noch nicht aus­ge­bil­det sind, die zum Auf­bau eines epi­so­di­schen Gedächt­nis­ses erfor­der­lich sind. Es geht dabei um das Ver­mö­gen, Erleb­tes in raum­zeit­li­che Bezü­ge ein­zu­bet­ten und den gesam­ten Kon­text des Lern­vor­gan­ges und nicht nur das Erlern­te selbst zu erin­nern …

Die­se früh­kind­li­che Amne­sie scheint mir dafür ver­ant­wort­lich, dass die sub­jek­ti­ven Kon­no­ta­tio­nen von Bewusst­sein für uns eine ganz ande­re Qua­li­tät haben als die Erfah­run­gen mit ande­ren sozia­len Kon­struk­ten. Viel­leicht erle­ben wir die­se Aspek­te unse­res Selbst des­halb auf so eigen­tüm­li­che Wei­se als von ganz ande­rer Qua­li­tät, als aus Bekann­tem nicht her­leit­bar, weil die Erfah­rung, so zu sein, in einer Ent­wick­lungs­pha­se instal­liert wor­den ist, an die wir uns nicht erin­nern kön­nen. Wir haben an den Ver­ur­sa­chungs­pro­zess kei­ne Erin­ne­rung …

Inner­halb neu­ro­bio­lo­gi­scher Beschrei­bungs­sys­te­me wäre das, was wir als freie Ent­schei­dung erfah­ren, nichts ande­res als eine nach­träg­li­che Begrün­dung von Zustands­än­de­run­gen, die ohne­hin erfolgt wären, deren tat­säch­li­che Ver­ur­sa­chun­gen für uns aber in der Regel nicht in ihrer Gesamt­heit fass­bar sind.“

Auch hier die glei­chen Schein­pro­ble­me wie bei Roth, „das Ich“ usf. Da Sin­ger kei­ne ande­ren als die Argu­men­ta­tio­nen auf dem Niveau der klas­si­schen Phy­sik zulas­sen will, kann er auch zu kei­nen ande­ren Ergeb­nis­sen kom­men. Wer also „natu­ra­lis­tisch“ in die­sem Sinn ver­steht, kann kei­ne Frei­heit im Sin­ne des mini­ma­len Frei­heits­be­griffs zulas­sen, dies habe ich jetzt noch ein­mal sehr aus­führ­lich belegt, weil mir dies ange­sichts der Dis­kus­si­on noch nicht aus­rei­chend ver­stan­den zu sein erschien. Der per­for­ma­ti­ve Selbst­wi­der­spruch in Äuße­run­gen wie den­je­ni­gen von Sin­ger oder Roth besteht dar­in, dass sie den Art. 5 des Grund­ge­set­zes, wel­cher die Frei­heit von Wis­sen­schaft und Kunst garan­tiert, dazu benut­zen, genau die­sen Vor­gang als nicht frei­en dar­zu­stel­len. Frei­heit ist eine auf­grund der früh­kind­li­chen Amne­sie man­gels des epi­so­di­schen Gedächt­nis­ses als Kon­struk­ti­on ver­ges­se­ne Kon­struk­ti­on. Man sieht dar­an, dass die Bun­des­re­pu­blik immer noch ein libe­ra­ler Staat ist. Sie erlaubt es beam­te­ten Pro­fes­so­ren, die Frei­heits­grund­la­ge des Grund­ge­set­zes im Sin­ne der Men­schen­rech­te öffent­lich wis­sen­schaft­lich infra­ge zu stel­len, weil eine libe­ra­le Ord­nung dar­auf setzt, dass auch gro­tes­ke Irr­tü­mer im offe­nen Dis­kurs kor­ri­giert wer­den kön­nen.

Wie bei dem Aus­druck „Kon­struk­ti­vis­mus“ ist beim Aus­druck „natu­ra­lis­tisch“ im Kon­text des Frei­heits­pro­blems sehr genau zu beach­ten, was die jewei­li­gen Auto­ren dar­un­ter ver­ste­hen. Ver­ste­hen sie den Aus­druck im Sin­ne von Wis­sen­schafts­typ 1, kann es kei­ne Frei­heit im Sin­ne des Mini­mal­be­griffs, den ich hier skiz­ziert habe, geben. Auto­ren, die die­sen Frei­heits­be­griff ver­tre­ten, wie Ernst Tugend­hat, und zugleich den Begriff „natu­ra­lis­tisch“ ver­wen­den, ver­su­chen daher Klä­run­gen her­bei­zu­füh­ren, hier ein nicht unpo­le­mi­sches Bei­spiel:

Bei der Hirn­for­schung fin­de ich ziem­lich ver­rückt, was da heu­te läuft. […] Man kann ledig­lich fest­stel­len, in wel­chen Berei­chen des Gehirns wel­che Typen von Pro­zes­sen ablau­fen. Aber dann kom­men die­se Pro­fes­so­ren der Gehirn­phy­sio­lo­gie und stel­len Theo­ri­en über die Nicht­exis­tenz mensch­li­cher Frei­heit auf, die sich nur dar­auf stüt­zen, dass sie sagen, wir sind Wis­sen­schaft­ler und glau­ben an den Deter­mi­nis­mus. Sie neh­men die phi­lo­so­phi­sche Lite­ra­tur der gan­zen letz­ten Jahr­zehn­te über­haupt nicht wahr, in der ver­sucht wird, Deter­mi­nis­mus und Wil­lens­frei­heit nicht als Gegen­satz zu sehen. Das hal­te ich für eine völ­lig halt­lo­se Spe­ku­la­ti­on. […] In hun­dert Jah­ren kann die Hirn­phy­sio­lo­gie viel­leicht inter­es­sant wer­den für die Phi­lo­so­phie, aber bis­her ist sie es nicht. Ich bin frei­lich ein Natu­ra­list, ich sehe den Men­schen als einen Teil der bio­lo­gi­schen Ent­wick­lung. Aber was in den bio­lo­gi­schen Wis­sen­schaf­ten mit Bezug auf den Men­schen gemacht wird, da ist sehr wenig Sinn­vol­les.“ (taz-Inter­view vom 28.07.2007)

Damit ist nur ange­deu­tet, dass die Wis­sen­schaf­ten vom Typ 1 noch eine Ent­wick­lung durch­lau­fen müs­sen, bis sie phä­no­me­n­ad­äquat wer­den. Der wich­tigs­te aktu­el­le Ver­such – im Kern wohl der ein­zi­ge – ist der­je­ni­ge von Thomas/Brigitte Gör­nitz, Der krea­ti­ve Kos­mos, Heidelberg/Berlin 2002. Er zeigt zumin­dest an, dass im quan­ten­phy­si­schen Bereich ver­stan­den wor­den ist, dass es so nicht mehr wei­ter­ge­hen kann, weil die Rea­li­tät kom­ple­xer ist, als sie in der klas­si­schen Phy­sik beschrie­ben wird. Mit Peirce dür­fen von daher zumin­dest kei­ne fal­schen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen kom­men.

Das Haupt­the­ma der Sit­zung waren die Argu­men­ta­ti­ons­ty­pen von Abduk­ti­on, Induk­ti­on und Deduk­ti­on im All­tag. Damit sind wir nicht fer­tig gewor­den, sodass wir dies in der Sit­zung am 11.05. ver­voll­stän­di­gen, erwei­tern und ganz gründ­lich aus­dis­ku­tie­ren müs­sen. Stel­len die­se Argu­men­ta­ti­ons­ty­pen im All­tag, die zwar gewohnt, aber häu­fig nicht bewusst sind, doch eine der wesent­li­chen Bedin­gun­gen der Mög­lich­keit dar, dass All­tags­phi­lo­so­phie eine Rea­li­tät sein kann und auch fak­tisch statt­fin­det. Dies ist seit der klas­si­schen Pha­se der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie bekannt – und wur­de dort im Kon­text der Rhe­to­rik refle­xiv erar­bei­tet. Inso­fern ver­lang­sa­men wir mit guten Grün­den das The­ma des Kur­ses – und fas­sen die Übun­gen zu Gewohn­hei­ten und Krea­ti­vi­tät zu einer Sit­zung zusam­men. Nicht erwar­ten darf man, dass im All­tag irgend­wie argu­men­tiert wird wie an der Uni­ver­si­tät, sofern dort auf Sorg­falt Wert gelegt wird, oder in einem wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut. Das wäre in den All­tags­er­for­der­nis­sen schon aus Zeit­grün­den eher kon­tra­pro­duk­tiv – und wie Aris­to­te­les mein­te, auch eher lang­wei­lig, es fehlt dazu der die Rezi­pie­ren­den ein­schlie­ßen­de und her­aus­for­dern­de Esprit. Denn die Rezi­pie­ren­den stel­len die Voll­stän­dig­keit der Argu­men­ta­ti­on selbst­tä­tig her, es han­delt sich ja um Kom­mu­ni­ka­tio­nen. Von „Bewei­sen“ ist übri­gens umge­kehrt auch im Wis­sen­schafts­be­reich so häu­fig nicht die Rede.

Zum bes­se­ren Über­blick zitie­re ich die Auf­ga­ben­bei­spie­le noch ein­mal und füge dar­an die schon erar­bei­te­ten Lösun­gen an. Ich habe mit 16.1.7, 16.1.8 und 16.1.9 drei wei­te­re Tex­te hin­zu­ge­fügt, die von Wolf Sin­ger und Ger­hard Roth stam­men, deren argu­men­ta­ti­ve Struk­tur unter­sucht und mit den All­tags­ar­gu­men­ta­tio­nen hier ver­gli­chen wer­den soll. 16.1.4 (Frank-Wal­ter Stein­mei­er in Afgha­ni­stan) und 16.2 (Zu jeder Argu­men­ta­ti­on Gegen­ar­gu­men­te bil­den) waren noch nicht bear­bei­tet und wer­den uns dann in der Sit­zung am Mon­tag, dem 11.05. beschäf­ti­gen.

16.1.1  Thors­ten Hild (Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler), taz-online 29.04.2009

Löh­ne haben für das Über­le­ben der Wirt­schaft eine gar nicht zu über­schät­zen­de Bedeu­tung. Geht die Lohn­sum­me plötz­lich und unkon­trol­liert zurück, droht nichts weni­ger, als dass der Wirt­schafts­kreis­lauf zum Erlie­gen kommt.“

Der Wirt­schafts­kreis­lauf darf nicht zum Erlie­gen kom­men!

Der Wirt­schafts­kreis­lauf kann zum Erlie­gen kom­men, wenn die Lohn­sum­me plötz­lich und unkon­trol­liert zurück­geht.

→           Die Lohn­sum­me soll­te mög­lichst kon­stant blei­ben!

Die Schluss­form bzw. Argu­men­ta­ti­ons­form ist deduk­tiv, es han­delt sich um einen prak­ti­schen Syl­lo­gis­mus, wie ihn Aris­to­te­les sowohl in der „Niko­ma­chi­schen Ethik“ als auch in der „Rhe­to­rik“ ana­ly­siert hat. Hier müs­sen aus dem Kon­text und der eige­nen Beschäf­ti­gung mit sol­chen Sach­ver­hal­ten die Ergän­zun­gen der Argu­men­ta­ti­on erbracht wer­den. Dies wird von Ihnen als akti­ven und selbst­stän­di­gen Bürger/innen erwar­tet. Ob der Zusam­men­hang, den Hild unter­stellt, besteht, kön­nen Sie bei­spiels­wei­se unter Euro­stat, den Publi­ka­tio­nen der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on zu sta­tis­ti­schen Fra­gen nach­se­hen – oder sich um ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chun­gen in Buch­form bemü­hen.

16.1.2   Wolf­gang Wag­ner, Angst ist ein guter Rat­ge­ber, FR-Online, 30.04.2009

Wenn einem heu­te in der S-Bahn jemand in den Nacken niest, hat der Schau­er, der einen über­fällt, sicher auch psy­chi­sche Grün­de. Man­cher wird es bereu­en, die schweiß­feuch­te Hand, die ihm gereicht wur­de, gedrückt zu haben. Schul- und Kin­der­gar­ten­lei­ter wer­den auf­merk­sa­mer auf ihre Zög­lin­ge ach­ten.

Dok­to­ren wer­den noch mehr ein­ge­bil­de­te Kran­ke beru­hi­gen und die Kran­ken­häu­ser mehr ver­meint­li­che Not­fäl­le behan­deln. Die Schwei­ne­grip­pe hat Deutsch­land erreicht.“

Ver­schie­de­ne Fäl­le, die auch anders betrach­tet wer­den kön­nen, bil­den sich zu einer Regel aus: Die „Schwei­ne­grip­pe“ hat Deutsch­land erreicht.

Mein Nie­sen oder das Nie­sen ande­rer in mei­ner direk­ten Umge­bung könn­te ein Sym­ptom der „Schwei­ne­grip­pe“ sein.

→ Zur Vor­sicht suche ich doch einen Dok­tor auf.

Hier berei­te­te die mög­li­cher­wei­se iro­ni­sche For­mu­lie­rung des Tex­tes von Wag­ner Schwie­rig­kei­ten, den argu­men­ta­ti­ven Weg zu erken­nen. Schließ­lich wur­de die Schluss­form aber auf­grund der Infor­ma­ti­on aus der Über­schrift ein­hel­lig als Induk­ti­on erkannt. Die Induk­ti­on ist in der Rhe­to­rik die häu­figs­te Schluss­form in der poli­ti­schen Bera­tungs­re­de und wird von Wag­ner hier auch so ver­wen­det. Dis­ku­tiert wur­de hier auch der Weg von einer aller­ers­ten Abduk­ti­on zur schließ­li­chen Regel­bil­dung, was gera­de durch den mehr­deu­ti­gen Text ange­regt wur­de.

16.1.3   Barack Oba­ma, Pres­se­kon­fe­renz zum 100. Tag sei­ner Prä­si­dent­schaft, SZ-Online, 30.04.2009

Barack Oba­ma hat kei­nen Grund für Selbst­zwei­fel: Auf der lan­des­weit über­tra­ge­nen Pres­se­kon­fe­renz zum 100. Tag sei­ner Prä­si­dent­schaft gibt es nicht eine ein­zi­ge böse, schmerz­haf­te Fra­ge. ‚Wir sind gut gestar­tet‘, lau­tet der Tenor Oba­mas bei sei­nem wie stets sou­ve­rä­nen Auf­tritt. Nie­mand im tra­di­ti­ons­rei­chen, präch­tig möblier­ten East Room des Wei­ßen Hau­ses wider­spricht.

Oba­mas Start war der ein­drucks­volls­te seit Fran­k­lin D. Roo­se­velt‘, hat­te schon der Time-Kolum­nist Joe Klein jubi­lie­rend geschrie­ben. Aber auch Oba­ma weiß, dass er trotz sei­ner unge­bro­che­nen Beliebt­heit bei Öffent­lich­keit und Medi­en nur Schon­zeit hat.

Eine dra­ma­ti­sche Wirt­schafts­kri­se, rie­si­ge Staats­schul­den und zwei Krie­ge las­ten auf der neu­en Regie­rung. Dazu will Oba­ma auch das maro­de Gesund­heits­we­sen und die Schu­len refor­mie­ren, den Kli­ma­wan­del bekämp­fen und vie­les mehr. ‚Wir wer­den das schaf­fen‘, sag­te Oba­ma selbst­be­wusst. Sei­ne ers­ten 100 Tage wer­te­te er posi­tiv: ‚Ich bin stolz auf das, was wir erzielt haben, … erfreut über den Fort­schritt, aber nicht zufrie­den.'“

Wir wer­den es schaf­fen, es zei­gen sich schon ers­te Indi­zi­en! Eine Neu­auf­la­ge von „Yes, we can!“

Schluss­form: Abduk­ti­on, gro­ße Tei­le des Tex­tes in der SZ die­nen nur zur Empha­se der Abduk­ti­on. Ob die­se zutrifft, wird und kann sich auch erst an fol­gen­den Ereig­nis­sen zei­gen, kann also frü­hes­tens in zwei oder drei Jah­ren eini­ger­ma­ßen beur­teilt wer­den. Vie­le poli­ti­sche Pro­gram­me und Ver­laut­ba­run­gen sind Abduk­tio­nen, weil sie auf die Zukunft aus­ge­rich­tet sind, über die mut­maß­lich nie­mand so genau Bescheid weiß.

16.1.4  Außen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter Stein­mei­er bei sei­nem Afgha­nistan­be­such, SZ-Online 30.04.2009

Die Anschlä­ge über­schat­te­ten den unan­ge­kün­dig­ten Besuch von Außen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter Stein­mei­er in Kabul. Stein­mei­er ver­ur­teil­te den töd­li­chen Anschlag als ‚fei­ges und heim­tü­cki­sches Ver­bre­chen‘. Deutsch­land las­se sich durch sol­che Taten nicht davon abbrin­gen, ‚die­sem geschun­de­nen Volk bei­sei­te zu ste­hen'“.

Noch nicht ana­ly­siert!

16.1.5   Uli Hoe­neß, FC Bay­ern FanTV vom 27.04.2009, zur Ent­las­sung von Jür­gen Klins­mann

Ich möch­te viel­leicht noch hin­zu­fü­gen, dass wir nicht den Feh­ler machen soll­ten, den sicher wahn­sin­ni­gen Aus­rut­scher in Bar­ce­lo­na zum ent­schei­den­den Maß­stab zu machen. Gegen Bar­ce­lo­na wer­den auch noch ande­re Mann­schaf­ten ver­lie­ren. Es kommt auf den Trend an, seit Weih­nach­ten haben wir in allen Spie­len, wo es drauf ankam, Tabel­len­füh­rer zu wer­den, in Ham­burg, in Ber­lin, jetzt gegen Schal­ke ver­lo­ren. Das muss uns zu den­ken geben.“

Es ergibt sich seit Weih­nach­ten ein Trend, Ham­burg, Ber­lin usf.: Wir ver­lie­ren jedes Spiel, in dem es dar­um geht, Tabel­len­füh­rer zu wer­den!

Dies gefähr­det unse­re sport­li­chen und wirt­schaft­li­chen Zie­le, dar­an muss der Trai­ner Schuld sein!

→ Klins­mann wird ent­las­sen!

Schluss­form: Induk­ti­on, der abduk­ti­ve Pro­zess, wie es zu die­ser Induk­ti­on gekom­men ist, ist in die­sem Zitat beson­ders gut zu erken­nen, mög­li­cher­wei­se hat es bei Hoe­neß nach dem Ham­burg­spiel zum ers­ten Mal in die­se Rich­tung wickie­mä­ßig geblitzt. Wickie ist der Star einer gleich­na­mi­gen Kin­der­buch­se­rie, die auch zei­chen­trick­film­ar­tig ver­filmt wur­de, z. B. regel­mä­ßig in Kika zu sehen. Wickie ist das hel­le, jun­ge Köpf­chen in einer Wikin­ger­grup­pe, in der das krea­ti­ve Den­ken in der Regel durch Kraft­aus­übung ersetzt wird. Dadurch gerät die Grup­pe auf ihren Raub­zü­gen nicht sel­ten in aus­sichts­lo­se Situa­tio­nen, aus denen dann der krea­ti­ve klei­ne Wickie abduk­tiv einen Aus­weg fin­det. Den Moment, in dem die Abduk­ti­on auf­tritt, mar­kie­ren die klei­nen Ster­ne, die hier auf dem Bild zu sehen sind. Sie tre­ten stets blitz­ar­tig auf. Das ist noch bes­ser in fol­gen­dem Video zu sehen: Wickie­vor­spann. Wickies Abduk­tio­nen funk­tio­nie­ren immer, mal sehen, ob die zu einer Induk­ti­on aus­ge­ar­bei­te­te Abduk­ti­on von Uli Hoe­neß genau­so gut funk­tio­niert.

16.1.6   Chris­to­pher Flowers zum Über­nah­me­an­ge­bot, Faz.net vom 30.04.2009

Der Groß­ak­tio­när der Immo­bi­li­en­bank Hypo Real Esta­te (HRE), der ame­ri­ka­ni­sche Inves­tor J. C. Flowers, hat das Über­nah­me­an­ge­bot der Bun­des­re­gie­rung abge­lehnt. Die Offer­te der Bun­des­re­gie­rung für die Akti­en der HRE bezeich­ne­te Flowers in einer am Don­ners­tag ver­öf­fent­lich­ten Erklä­rung als zu nied­rig.“

Die ange­bo­te­ne Ent­schä­di­gung ist zu nied­rig!

→ Das Ange­bot der Bun­des­re­gie­rung wird abge­lehnt!

Schluss­form: Deduk­ti­on.

Neue Bei­spie­le:

Ver­su­chen Sie hier­bei Unter­schie­de und Gemein­sam­kei­ten zwi­schen den All­tags­ar­gu­men­ta­tio­nen in 16.1.1-6 und den wis­sen­schaft­li­chen Argu­men­ta­tio­nen von Sin­ger und Roth in 16.1.7-9 zu beschrei­ben!

16.1.7 Ger­hard Roth, Aus der Sicht des Gehirns

Die Fest­stel­lung, dass die von mir erleb­te Welt des Ichs, mei­nes Kör­pers und des Rau­mes um mich her­um ein Kon­strukt des Gehirns ist, führt zu der viel dis­ku­tier­ten Fra­ge: Wie kommt die Welt wie­der nach drau­ßen? Die Ant­wort hier­auf lau­tet: Sie kommt nicht nach drau­ßen, sie ver­lässt das Gehirn gar nicht. Das Arbeits­zim­mer, in dem ich mich gera­de befin­de, der Schreib­tisch und die Kaf­fee­tas­se vor mir wer­den ja von mir als ‚drau­ßen‘ in Bezug auf mei­nen Kör­per und mein Ich erlebt. Die­se bei­den sind aber eben­falls Kon­struk­te, nur ist es so, dass mit der Kon­struk­ti­on mei­nes Kör­pers auch der zwin­gen­de Ein­druck erzeugt wird, die­ser Kör­per sei von der Welt umge­ben und ste­he in deren Mit­tel­punkt. Und schließ­lich wird […] ein Ich erzeugt, das das Gefühl hat, in die­sem Kör­per zu ste­cken, und dadurch wird es erleb­nis­mä­ßig zum Zen­trum der Welt.“

16.1.8. Ger­hard Roth, Bran­den­bur­ger Debat­te

Auf­grund psy­cho­lo­gi­scher und neu­ro­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se müs­sen wir von fol­gen­dem Sach­ver­halt aus­ge­hen: Men­schen kön­nen im Sin­ne eines per­sön­li­chen Ver­schul­dens nichts für das, was sie wol­len und wie sie sich ent­schei­den, und dies gilt unab­hän­gig davon, ob ihnen die ein­wir­ken­den Fak­to­ren bewusst sind oder nicht, ob sie sich schnell ent­schei­den oder lan­ge hin und her über­le­gen. Sie wer­den in dem jeweils einen oder ande­ren Fall even­tu­ell völ­lig unter­schied­li­che Din­ge tun, aber sie tun dies nicht frei. Die Gene, die vor- und nach­ge­burt­li­chen Ent­wick­lun­gen und Fehl­ent­wick­lun­gen, die früh-kind­li­chen Erfah­run­gen und Trau­ma­ti­sie­run­gen, die spä­te­ren Erfah­run­gen und Ein­flüs­se aus Eltern­haus, Freun­des­kreis, Schu­le und Gesell­schaft – all dies formt unser emo­tio­na­les Erfah­rungs­ge­dächt­nis, und des­sen Aus­wir­kun­gen auf unser Han­deln unter­lie­gen nicht dem frei­en Wil­len. Dies gilt selbst­ver­ständ­lich auch für Per­so­nen, die Straf­ta­ten bege­hen.“

16.1.9 Wolf Sin­ger, Vom Gehirn zum Bewusst­sein

Die­se früh­kind­li­che Amne­sie scheint mir dafür ver­ant­wort­lich, dass die sub­jek­ti­ven Kon­no­ta­tio­nen von Bewusst­sein für uns eine ganz ande­re Qua­li­tät haben als die Erfah­run­gen mit ande­ren sozia­len Kon­struk­ten. Viel­leicht erle­ben wir die­se Aspek­te unse­res Selbst des­halb auf so eigen­tüm­li­che Wei­se als von ganz ande­rer Qua­li­tät, als aus Bekann­tem nicht her­leit­bar, weil die Erfah­rung, so zu sein, in einer Ent­wick­lungs­pha­se instal­liert wor­den ist, an die wir uns nicht erin­nern kön­nen. Wir haben an den Ver­ur­sa­chungs­pro­zess kei­ne Erin­ne­rung …“

16.2     Übung 2

Noch durch­zu­füh­ren!

Bil­den Sie zu jedem der vor­ste­hen­den Argu­men­te Gegen­ar­gu­men­te, selbst wenn Ihnen die Argu­men­ta­ti­on bzw. Begrün­dung ein­leuch­ten soll­te!


[1] Ger­hard Roth, Das Gehirn und sei­ne Wirk­lich­keit. Kogni­ti­ve Neu­ro­bio­lo­gie und ihre phi­lo­so­phi­schen Kon­se­quen­zen. Suhr­kamp, Frank­furt 82000, 314ff.328ff (Taschen­buch­aus­ga­be).

[2] Vgl. vor allem den groß ange­leg­ten Ver­such von Micha­el Pau­en, Was ist der Mensch? Die Ent­de­ckung der Natur des Geis­tes, Mün­chen 2007, 164ff.

3. April 2009

All­tags­phi­lo­so­phie 4

6 Erinnerung an den 30.03.2009

Als Thema für den nächsten Kurs wurde das Problem der Gene und die gegenwärtige Auseinandersetzung darum in der Biologie gewählt, wobei es um eine philosophische Betrachtung dieser Fragestellungen geht.

Inhaltlich standen die Positionen von Thomas Fuchs und Charles Peirce im Vordergrund. Die Teilnehmer/innen konzentrierten die Diskussion dabei überwiegend auf die Fragen der Folgen der Wissenschaften, Thema war nicht zuletzt die Kernspaltung und ihre waffentechnische, aber auch energiewirtschaftliche Umsetzung.

Während Fuchs aufgrund des insbesondere durch die Betrachtung des Menschen als Maschine erzeugten Eingriffswissens einiger „Lebenswissenschaften“ höchst besorgt um die Selbstverständlichkeit der Selbsterfahrung und des Lebensvollzuges ist, geht Peirce optimistischer mit diesen Fragen um. Dabei wurde deutlich, dass Peirce eine funktionierende kritische Demokratie als gesellschaftlichen Hintergrund des Wissenschaftssystems unterstellt, die im öffentlichen Diskurs darüber bestimmt, welche verändernden Eingriffe aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse durchgeführt werden und welche unterlassen werden sollen. In der Tendenz plädiert Peirce davor, nur prinzipiell umkehrbare Eingriffe zuzulassen, weil sowohl die Wissenschaftler/innen als auch die Bürger/innen sich irren können – bestimmte Schäden etwa nicht vorausgesehen wurden usf.

Fuchs und Peirce stimmen darin überein, dass die Reflexion innerhalb der verschiedenen Selbstvollzüge sozusagen verspätet auftritt. Beide vertreten kein Ideal einer vollständigen Transparenz des Menschen oder einer Gesellschaft für sich selbst, zumal es immer auch um zukünftige Entwicklungen von Selbst und Gesellschaft geht. Dann aber ist es notwendig, so Peirce, entsprechend anspruchsvolle Konzeptionen von Wissenschaft und Ethik zu entwickeln, um mit demjenigen Wirklichkeitszug umzugehen, dass Theorien die beschriebene Wirklichkeit selbst ändern können, wenn sie formuliert und angewendet werden. Er plädiert deshalb um sorgsamen Umgang mit theoretischen Modellen, die von einem Bereich in den anderen übertragen werden. Daher seine Kritik an Darwin, der ausweislich seiner Selbstaussage ein ökonomisches Modell als Hintergrund für die Konzeption seiner Evolutionstheorie verwendet hat. Diese Kritik hat eine Parallele in Fuchs‘ Kritik am Maschinenparadigma. Andererseits betont Peirce aber auch bei seinen drei Grundzügen, dass es einen wesentlichen Aspekt von Zwang, Widerstand und Anstrengung in unserer alltäglichen Selbsterfahrung gibt, der sich auch in der Weltwirklichkeit insgesamt zeige. Demgegenüber betont Fuchs vorwiegend emphatisch-positive lebensweltliche Züge, die dann kontradiktorisch gegen das Eingriffswissen der Lebenswissenschaften aufgebaut werden, weil diese die Selbstverständlichkeiten von Selbsterfahrung und Lebensvollzug zerstörten.

Das Element des Zwangs spielte auch in der Kerndebatte eine wichtige Rolle, weil es u. a. darum ging, warum die USA Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen haben. Hier stehen aus Peirce‘ Sicht möglicherweise die Elemente Empfindung und Regelmäßigkeit (Gewohnheit bzw. Gewohnheitsänderung) gegen das Element des Zwangs. In den Debatten wurde sicher das Element des Zwangs betont, das Kriegsende sollte möglichst schnell herbeigeführt werden. Übersehen wurde hierbei zumindest das Element der Regelmäßigkeit im Sinne der zukünftigen Folgen. M. E. aber spielt ebenso das Element der Empfindung eine wesentliche Rolle, weil es darum geht, auch die bösen Japaner als Menschen wahrzunehmen, die Menschenrechte besitzen.

Die Beispiele von Kernspaltung und Lebenswissenschaften zeigen, dass gerade bei einer funktionierenden Demokratie solche Entscheidungen davon abhängen, was die Menschen für ihr Leben selbst als wichtig erachten. Schwerlich geht es darum, wissenschaftliche Forschung einzuschränken. Mit Recht wurde betont, dass wohl damals die Mehrheit der Amerikanerinnen für die Bombardierung eingetreten sind. Folglich tragen sie auch die Verantwortung – wie heute für die anscheinend etwa eine Million Toten im Irak. Es gibt hier keine wirklich relevanten Entschuldigungsgründe, weil man eben unvorsichtig war, mithin auch für die – so sicher nicht gewollten – Entwicklungen dennoch verantwortlich ist.

7 Die Alltagssprache beachten! (Ludwig Wittgenstein) – Die Gewohnheiten achtsam bemerken und gegebenenfalls kreativ verändern (Karl-Heinz Brodbeck)

7.1 Ludwig Wittgenstein (1889-1951)

Wittgenstein stammt aus Österreich, hatte aber gute Kontakte nach England und war dort auch seit 1939 Professor für Philosophie in Cambridge.

Ludwig Wittgenstein, googlebildEr gehört zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts und ist der Begründer der sprachanalytischen Philosophie. Diese analysiert primär die Sprache und versucht alle Probleme zu eliminieren, die durch „sinnlosen“ Sprachgebrauch entstehen, so jedenfalls zu Beginn auch bei Wittgenstein selbst. Bei Wittgenstein gibt es zwei wesentliche Phasen:

In seiner frühen Phase glaubt er die traditionellen Probleme der Philosophie durch logische Analyse als irreführend erweisen zu können. Was sich nicht in einer logischen Form ausdrücken lässt, steht unter Sinnlosigkeitsverdacht (Tractatus-logico-philosophicus [1921]). Diese Position unterzieht Wittgenstein einer radikalen Selbstkritik. Denn die logische Analyse geht am gewöhnlichen Sprachgebrauch vorbei. Die philosophischen Probleme können nur angegangen werden, wenn der konkrete alltägliche Sprachgebrauch analysiert wird (Philosophische Untersuchungen [1936/1953]). Mit den Phänomenologen und Peirce teilt Wittgenstein schon von Beginn an die Auffassung, dass die Philosophie sich methodisch nicht auf Introspektion, also sozusagen auf einen Blick nach „innen“ verlegen dürfe, wie dies in den psychologisch inspirierten Philosophien der Fall gewesen war.

Um es mit einer ironischen Bemerkung von Wittgenstein zu William James zu sagen:

„413. Hier haben wir einen Fall von Introspektion; nicht unähnlich derjenigen, durch welche William James herausbrachte, das „Selbst“ bestehe hauptsächlich aus „peculiar motions in the head and between the head and throat“ [eigentümliche Bewegungen im Kopf und zwischen Kopf und Kehle]. Und was die Introspektion James‘ zeigte, war nicht die Bedeutung des Wortes „Selbst“ (sofern dies etwas ähnliches bedeutet, wie „Person“, „Mensch“, „er selbst“, „ich selbst“) noch eine Analyse eines solchen Wesens, sondern der Aufmerksamkeitszustand eines Philosophen, der sich das Wort „Selbst“ vorspricht und seine Bedeutung analysieren will. (Und daraus ließe sich vieles lernen.) (Philosophische Untersuchungen)“

Ob die Kritik Wittgensteins an James berechtigt ist, lassen wir hier offen. Aber seine eigene philosophische Methode unterstellt, dass man die Verwendungsregeln des Ausdrucks „Selbst“ und verwandter Ausdrücke untersuchen müsse, um theoretisch merkwürdige Unterstellungen wie diejenigen von James zu vermeiden, die auf den Aufmerksamkeitszustand von James zurückgingen, der sich das Wort „Selbst“ vorgesprochen und dann einen Blick nach innen zu den Bewegungen in Kopf und Kehle gewählt habe. Die philosophische Arbeit im Sinne Wittgensteins untersucht stattdessen, mit welchen Sprachgewohnheiten philosophische Probleme bearbeitet worden sind. Dabei ergibt sich:

„119. Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.“

Man rennt in der philosophischen Arbeit also gegen die Grenzen der Sprache an. Das ist schon noch das Problembewusstsein des Tractatus. Nur erlaubte die dort vertretene Sprachkonzeption überhaupt keinen sprachlichen Weg zu den wesentlichen Problemen der Philosophie. Es gibt Wittgenstein zufolge nur Schweigen und das mystische Sich-Zeigen. Nun gibt Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen einen Weg an, wie man zumindest den Irrwegen des Verstandes auf die Spur kommen kann, dem Grund der „Beulen“:

„116. Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen – ‚Wissen‘, ‚Sein‘, ‚Gegenstand‘, ‚Ich‘, ‚Satz‘, ‚Name‘ – und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muss man sich immer fragen: Wird denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? – Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück.“

Wittgenstein verwendet hier den positivistischen Metaphysikbegriff und bezeichnet damit etwas Überweltliches, jedenfalls jenseits der alltäglichen Erfahrung Liegendes, welche in den alltäglichen sprachlichen Verwendungen solcher Ausdrücke wie „ich“ gar nicht vorkomme. Dass es auch bei Wittgenstein tatsächlich um „Phänomenologie“ geht, sagt er selbst:

„654. Unser Fehler ist, dort nach einer Erklärung zu suchen, wo wir die Tatsachen als ‚Urphänomene‘ sehen sollten. D. h., wo wir sagen sollten: dieses Sprachspiel wird gespielt.“

Wittgenstein verwendet einen Ausdruck von Johann Wolfgang von Goethe, den dieser im Kontext seiner Untersuchungen zur Farbenlehre gebraucht hatte. Wir haben keinen direkten Zugang zu den Tatsachen, sondern wir „sehen“ sie als „Urphänomene“ bzw. wie Goethe sagt, „ursprüngliche Phänomene“, indem wir uns um das Sprachspiel kümmern, es beschreiben, anstatt es zu erklären. Also ein „Urphänomen“ wie die menschliche Person oder das Selbst wird man dann beleuchten können, wenn man die Verwendungen von „ich“ im Unterschied zu „wir“, „du“, „es“ untersucht. Es genügt also die Verwendungsregel von „ich“ anzugeben, um festzustellen, dass wir dieses Zeichen in der Regel als die eigene Bezugnahme auf uns als gerade Sprechenden verstehen und Sätze wie „Das Ich ist das Zentrum der Philosophie“ zwar nachvollziehen können, aber im Alltag eigentlich so nicht wiederfinden. In diesem Sinn stößt Wittgenstein zufolge die Beschreibung eines Sprachspiels auf die „Urphänomene“. Wir nehmen mit dem Ausdruck „ich“ in Kommunikationssituationen auf uns selbst im Unterschied zu anderen als Kommunizierende Bezug. Von einem „Ich“ ist in gewöhnlichen, alltäglichen Kommunikationssituationen eher nicht die Rede, es handelt sich um eine „Beule“, welche die Philosophie sich geholt hat, als sie Introspektion und angestrengte psychologische Innenschau betrieben hat.

Die Äußerung: „Ich gehe nach draußen“ ist entsprechend folgendermaßen zu analysieren:

Der Satz beziehungsweise die Äußerung wird vom Prädikat bestimmt, das hier „Gehen“ lautet. Das Prädikat „Gehen“ bezeichnet in diesem Verwendungstyp in dem Satz eine zweistellige Relation, die allgemein grammatisch formuliert so aussieht:

„Jemand (1) geht irgendwohin (2)“.

In diese allgemeine grammatische Struktur, die durch das Prädikat erzeugt wird, werden zwei indexikalische Zeichen eingesetzt: „ich“ (1) und „nach draußen“ (2), um den konkreten Satz zu bilden. Dieser Satz kann nicht formuliert werden: „Mein Ich geht nach draußen“, sondern ich gehe als der Mensch, der ich bin, nach draußen. An sich handelt es sich um eine ganz unproblematische Äußerung, sie beschreibt schlicht das, was wir nicht selten tun.

Die „Beulen“ von Konzeptionen wie „dem Ich“ oder merkwürdigen Vergegenständlichungen wie bei James werden Wittgenstein zufolge durch die Analyse der Alltagssprache vermieden.

Diese Analyse ermöglicht es tatsächlich jeder und jedem Alltagsphilosophie zu betreiben. Denn unsere Alltagssprache haben wir sozusagen immer dabei – und die Reflexion richtet sich kritisch auf die Verwendungen der Sprache. Beispielsweise kommen wir bei der Beachtung der Verwendungsregeln von „ich“ niemals auf die Idee, wir existierten völlig unabhängig von anderen Menschen, weil der Ausdruck „ich“ immer auf seine sprachlichen Nachbarn im Sprachsystem wie „du“, „er, sie, es“, „wir“, „ihr“ „sie“ verweist – und durch diese mitbestimmt ist, wie er selbst diese seinerseits mitbestimmt.

Hierzu kommen dann Sprechakte wie Bitten, Befehle, Wünsche usf., weitere grammatisch bestimmte Regeln der Sprache, die zeigen, dass wir schon in unserem „Innenleben“, wenn wir selbst innerlich sprechen und denken, keineswegs von den gewöhnlichen Regeln des Sprechens abgekoppelt sind. Natürlich können wir für uns eigentümliche Regeln entwerfen, die wir nur für uns selbst „innerlich“ verwenden – aber schon der Versuch, mit einem Lebenspartner mittels unserer eigenen Sprachregeln zu kommunizieren, wirft beachtliche Schwierigkeiten auf.

Unser Sprechen ist sehr häufig an typische und wiederkehrende Situationen gekoppelt, die Wittgenstein Lebensformen nennt, die Regeln, welche sozial und sprachlich in diesen gelten, versucht er mit der Spielmetapher zu beschreiben. Ein Schachspiel und „Mensch-ärgere-Dich nicht!“ sind sehr verschieden, doch werden sie beide durch Regeln bestimmt, was sie auf einer allgemeinen Ebene verbindet, man darf einen Springer nicht wie einen Läufer verwenden – und muss beim Würfeln einer Sechs, sofern man noch nicht alle Figuren im Spiel hat, eine Figur auf die eigene Startposition setzen usf.

Schaut man also alltagsphilosophisch die Regeln unserer Sprachspiele an, dann sieht man nach einiger Überlegung:

  • Unsere sprachlich ausgedrückte Wirklichkeitsauffassung scheint durch Beziehungen bestimmt zu sein, wie das Prädikat die Satzstruktur bestimmt.
  • Wir sind also Individuen von anderen unterschieden, aber auch in unserem Selbstbezug mittels „ich“ durch die Anderen („du“, „ihr“) mitbestimmt.
  • In unseren Sprachverwendungen sind wir immer schon auf andere bezogen, z.B. über die Sprechakte. Auch eigene Sprachbedeutungen und -regeln bewähren sich in der Kommunikation mit anderen eher nicht, außer diese lassen sich erläutern, was wir ausdrücken wollen, was aber schon wieder ein soziales Phänomen ist.

7.2 Karl-Heinz Brodbeck (*1948)

Karl-Heinz Brodbeck ist Professor für Karl-Heinz Brodbeck, googlebildWirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule Würzburg. Neben kritischen Arbeiten zur Wirtschaftswissenschaft[1] ist er durch Studien zur buddhistischen Philosophie[2] hervorgetreten. Jüngst hat er ein Opus magnum zum Thema des Geldes veröffentlicht.[3] Im Blog „Alltag und Philosophie“ sind zwei Beiträge zu seiner Buddhistischen Wirtschaftsethik erschienen (vgl. z. B. hier). Brodbeck gehört zu der recht kleinen Minderheit in den Wirtschaftswissenschaften, welche die Finanzmärkte zutreffend eingeschätzt haben und heute an sich bestätigt dastehen.

„Wenn in der Gegenwart viele Formen wirtschaftlichen Handelns im Sturm der Globalisierung massive Kritik hervorgerufen haben, die auch die Wirtschaftswissenschaften als Legitimationshilfe dieser Handlungen betrifft, dann zeigt sich unmittelbar, dass die These von der ‚Wertneutralität‘ der Ökonomie als Wissenschaft nicht haltbar ist. Hinzu kommt, dass die Ökonomie als empirische Wissenschaft, die tragfähige Prognosen liefern sollte, gescheitert ist.“[4]

Für eine alltagsphilosophische Betrachtung sind vor allem Brodbecks Rezeptionen der buddhistischen Philosophie ausschlaggebend. Zudem macht er mit Recht darauf aufmerksam, dass zum Alltag nicht nur die Alltagssprache gehöre, sondern auch die „Geldrechnung“[5]. Damit ist gemeint, dass wir im Alltag in unserer Gesellschaft sehr viele Sachverhalte durch Geldquantitäten ausdrücken. Eine Stunde VHs-Kurs „Alltagsphilosophie“ kostet Sie bis zu 4,50 €. Das ist hoffentlich nicht der einzige Aspekt des Kurses, der Sie bewegt – aber es wäre höchst unaufmerksam, diesen Aspekt nicht wahrzunehmen.

Aus der buddhistischen Perspektive führt Brodbeck sehr scharf einen Punkt ein, der in den bisher besprochenen Positionen von Fuchs, Peirce und Wittgenstein vielleicht am ehesten von Peirce berücksichtigt wird, allerdings nicht in der Färbung und Schärfe von Brodbeck.

Brodbecks Zugang zum Buddhismus ist philosophisch, wobei er mit Recht hervorhebt, dass im Buddhismus recht viele Konzepte ausgearbeitet worden sind, die man auch vor dem Hintergrund des Entstehens der Philosophie in Griechenland als „philosophisch“ bezeichnen kann. Entsprechend betont er bestimmte Punkte besonders:

  • die Rolle des Bewusstseins;
  • die Organisation des Erlebens und Handelns in Gewohnheiten;
  • den möglicherweise täuschenden und selbsttäuschenden Charakter solcher Gewohnheiten;
  • den möglichen erfolgreichen Versuch, bei Bewusstwerden solcher Gewohnheiten diese kreativ zu verändern.

In den bisher beschriebenen Positionen kommen je nach Gewichtung alle diese Punkte vor, wobei Brodbeck stärker den möglichen Selbsttäuschungscharakter von Gewohnheiten hervorhebt. Dabei kreist Brodbecks Denken um das Freiheitsproblem und in eins damit um das Kreativitätsproblem, welches auch für wirtschaftliches Handeln ausschlaggebend ist, aber für jedes menschliche Erleben und Handeln im Alltag von Belang ist.

Brodbeck versteht den buddhistischen Ansatz als praktische Philosophie. Dabei steht im Vordergrund, dass Brodbeck wohl mit Recht formuliert, der Buddhismus sei schon bei Buddha selbst praktizierte Erkenntnis. Der Buddha hatte formuliert, dass alles Leiden sei. Dadurch, dass man erkennt, in der Wirklichkeit sei alles Leiden bzw. Erleiden, wird also das Element der Rezeptivität oder Passivität betont. In dieser Betonung des Wirklichkeitsaspektes der Rezeptivität liegt sicher eine Eigentümlichkeit des Buddhismus begründet. Warum gibt sich Buddha nicht damit zufrieden, dass es stets auch Spontaneität gibt oder geben kann, wenn es Rezeptivität gibt – also ein Ausgleich oder ein Überwiegen eines der beiden Wirklichkeitselemente vorliegt?

„Der Grund ist eine Täuschung. Sie beruht auf einem Mangel an Wissen und führt zu einer falschen Wahrnehmung der Welt. Die Menschen existieren nicht zuerst als Menschen und unterliegen dann, wie nebenbei, auch noch so etwas wie einer Täuschung. Vielmehr ist dies, ein Lebewesen zu sein, selbst ein Prozess der Täuschung. Das klingt dunkel, und es ist auch sehr schwer, die volle Tragweite dieser Täuschung zu sehen – und deshalb gibt es nicht besonders viele Buddhas unter den Menschen. Dennoch ist der Grundgedanke relativ einfach verstehbar. Ein Mensch zu sein heißt, in einem grundlegenden Nichtwissen … gefangen zu sein. Weil dieses Nichtwissen jedoch beim Menschen den Charakter eines Irrtums besitzt, deshalb kann man ihn auch beseitigen.“ (Buddhistische Wirtschaftsethik, 23)

Die Menschen täuschen sich darüber, dass sie bestimmten Aspekten der Wirklichkeit einen dauernden Bestand zuschreiben, worauf dann beispielsweise beständiges Glück aufbauen könnte. Doch nichts in der Wirklichkeit ist derart unabhängig, sondern alles ist mit allem verbunden und wechselseitig voneinander abhängig. Daraus folgt: Nichts hat einen derartigen unabhängigen Bestand, dass man sich darauf verlassen könnte, alles ist relativ und dem Werden unterworfen, die Wirklichkeit ist ein Prozess. Daher bekämpft der Buddhismus vor allem unhaltbare Selbstfestlegungen wie die Scheinidee, der einzelne Mensch habe ein „Ich“ oder sei ein „Ego“. Das „Ich“ oder „Ego“ jedenfalls dient dann in bestimmten Auffassungen der Wirtschaft als entscheidende Instanz, um bestimmte weitergehende Auffassungen, wie Wirtschaft verlaufen muss, zu rechtfertigen. Dabei bestimmt Brodbeck folgende Aspekte, um die Verhärtungen im Alltag festzulegen:

  • Die Menschen sind an der Bestätigung ihrer Illusionen,
  • Gewohnheiten in der sinnlichen Wahrnehmung,
  • ihren Emotionen und Stimmungen, aktiven Festlegungen, wie eine Situation in ihren verschiedenen Aspekten wahrzunehmen bzw. zu interpretieren ist,
  • durch gewohnte Bewegungsmuster und
  • durch angewöhnte Denkprozesse orientiert, weshalb die „Weiterentwicklung“ angesichts der sich verändernden Umwelt in der Gesellschaft und bei den Individuen eher selten vorkommt – es gibt ja wenige Buddhas.

Aus dem Ensemble der etwa in der Rhetorik des Aristoteles im zweiten Buch breit analysierten Palette von Leidenschaften wählt die buddhistische Auffassung nun zwei als Sicherung der illusionären Ich-Zentrierung aus. Bin ich ein „Ich“, das vielleicht auch sich nicht ganz seiner selbst sicher sein kann, dann bilden sich bei mir vorwiegend zwei Leidenschaften aus:

  • die Begierde, in der ich meinerseits vieles an mich ziehen kann, mein Geld, meine Tasse, mein Bauch, my castle is my home – vice versa usf.;
  • die Aggression, in der ich Einschränkungen meines als bedroht anzusehenden „Ich“-Bereiches heftig verteidige.

Demgegenüber steht nun als buddhistische Erkenntnis, dass diese grundlegende Zentrierung leer ist, auch unsere Selbstwahrnehmung und Selbstfestlegung sind ein dynamischer Prozess, der sich ständig verändert bzw. verändert wird – also nichts, was sich unverändert erhält und insofern Bestand hätte. Hat man dies einmal eingesehen – was nach Brodbeck selten ist, es gibt ja nur wenige Buddhas – dann ist man offen für die ethische Neuorientierung aus buddhistischer Perspektive, dem universal ausgelegten Mitgefühl mit allem Seienden, also nicht nur mit den Menschen. Hierbei handelt es sich nicht einfach um eine kognitive Einsicht, sondern diese muss durch meditative Verfahren eingeübt werden. Buddhistisch geht man den „Edlen Achtgliedrigen Pfad“, um die entsprechenden Gewohnheiten achtsam zu entdecken und in der Meditation allmählich auch kreativ zu entdecken. Aber wer nicht unbedingt meditieren möchte, kann doch von Brodbeck lernen, dass es hilfreich ist, die eigenen Gewohnheiten im alltäglichen Erleben und Handeln zu beobachten, sie achtsam wahrzunehmen. Nimmt man sie entsprechend wahr, werden sie also bewusst, dann besteht bei entsprechender Übung auch die Möglichkeit diese Gewohnheiten zu verändern. Brodbeck teilt hier mit Peirce genau den wichtigen Aspekt in der Gewohnheit, dass es zu Entwicklungen nur dann kommen kann, wenn sich Gewohnheiten verändern.

Brodbecks buddhistische Variante der Alltagsphilosophie ist auf das Individuum konzentriert. Nur wenn sich die Gewohnheiten des Individuums ändern, besteht eine Chance, dass sich auch die Gewohnheiten in den gesellschaftlichen Prozessen verändern. Dabei ist wie bei Peirce deutlich gesehen, dass entsprechend alle Menschen philosophieren, eben in dieser besonderen Form. Nur von der Änderung vieler täuschender Lebensgewohnheiten profitiert die Gesellschaft insgesamt. Ob das gelingt? – hier scheint Brodbeck in gewisser Weise ähnlich skeptisch wie Fuchs.

Brodbecks Begrifflichkeit ist sicher auch ein Opfer der alltagsfremden Rede vom „Ich“ bzw. „Ego“ geworden, welche sich als philosophisches Scheinproblem erweist, wenn wir Wittgenstein folgen. Gleichwohl ist der Sachverhalt, auf den diese falsche philosophische Begrifflichkeit bei Brodbeck zu verweisen sucht, in unseren Gesellschaften verbreitet – und sie prägt gewohnheitsmäßig durchaus unser alltägliches Erleben und Handeln, sofern wir nicht achtsam darauf aufmerksam werden und kreative Veränderungen einleiten. Wir neigen wohl gewohnheitsmäßig eher dazu, unsere Interessen und Perspektiven auf den verschiedenen Ebenen, von der sinnlichen Wahrnehmung über die Emotionen bis zu unserem Denken und Handeln in den Vordergrund zu stellen – und den Zusammenhang mit den Interessen und Perspektiven aller anderen Menschen oder gar Lebewesen hintanzustellen.

8 Zusammenfassung

Zur Erinnerung an den 30.03. vgl. Sie bitte Abschnitt 6.

Wittgenstein durchläuft beide Aspekte von Abbildung 1. Zunächst gehört er eher zu den positivistischen Philosophen, die nur dasjenige als sprachlich sinnvoll gelten lassen, was sich in der logischen Analyse bewährt. Es handelt sich also in gewisser Weise im „Tractatus-logico-philosophicus“ um Wissenschaftsphilosophie. Mit den „Philosophischen Untersuchungen“ wendet sich Wittgenstein der philosophischen Analyse der Alltagssprache zu, ein alltagsphilosophischer Ansatz. Diese Analyse der Alltagssprache ermöglicht es, viele philosophische oder auch wissenschaftliche Scheinprobleme zu erfassen, etwa diejenige des angeblichen „Ichs“, wo wir doch im Alltag ganz anders den Ausdruck „ich“ verwenden.

Sprachen bestimmen sozial Lebensformen. Ihre Regeln beschreibt Wittgenstein mit der Spielmetapher. Bei der Analyse der Alltagssprache in diesem Sinne stoßen wir Wittgenstein zufolge auf „Urphänomene“.

Analysiert man alltagsphilosophisch die Regeln unserer Sprachspiele, dann ergibt sich:

  • Unsere sprachlich ausgedrückte Wirklichkeitsauffassung scheint durch Beziehungen bestimmt zu sein, wie das Prädikat die Satzstruktur bestimmt.
  • Wir sind als Individuen von anderen unterschieden, aber auch in unserem Selbstbezug mittels „ich“ durch die Anderen („du“, „ihr“) mitbestimmt.
  • In unseren Sprachverwendungen sind wir immer schon auf andere bezogen, z. B. über die Sprechakte. Sprache zeigt sich als soziales Phänomen – und wir sind darin einbezogen.

Brodbeck rechnet zum alltagsphilosophischen Bereich nicht nur die Analyse sprachlicher Gewohnheiten, sondern auch die inzwischen ganz unvermeidbare „Geldrechnung„. Buddhistisch führt er ein, dass unsere Gewohnheiten der sinnlichen Wahrnehmung, unserer Emotionen, unseres Denkens und Handelns Täuschungen sein können. Insbesondere täuschen wir uns über den vom Buddha unterstellten Sachverhalt, dass alles Leiden sei. Wir unterstellen daher häufig, dass eigentlich prozesshafte Sachverhalte fest und beständig seien. In unseren Gesellschaftsformen steht Brodbeck zufolge die „Ich“-Illusion im Vordergrund, die sich nicht zuletzt im Wirtschaftssystem besonders in den Vordergrund schiebt.

Aus diesen täuschenden Gewohnheiten kommt man heraus, sofern man sie achtsam wahrnimmt. Gewohnheiten können nur durch Übung überwunden werden, auf die Wahrnehmung folgt der meditative Versuch, diese Gewohnheiten zu überwinden. Dies ist ein kreativer Akt. Wie Peirce ist Brodbeck also an Gewohnheitsänderungen interessiert.

Für die Gesellschaft hält Brodbeck fest, dass sich die Gewohnheiten von gesellschaftlichen Prozessen nur ändern, wenn hinreichend viele handelnde Individuen ihre Lebensgewohnheiten ändern. Brodbecks alltagsphilosophischer Versuch ist daher stark am Individuum orientiert.


[1] Karl-Heinz Brodbeck, Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie, Darmstadt 2000.[2] Karl-Heinz Brodbeck, Buddhismus interkulturell gelesen, Nordhausen 2005 (Interkulturelle Bibliothek 2).[3] Karl-Heinz Brodbeck, Die Herrschaft des Geldes, Darmstadt 2009.[4] Karl-Heinz Brodbeck, Buddhistische Wirtschaftsethik, Aachen 2002, 1f.

[5] Vgl. Brodbeck (s. Anm. 3), 123ff zu Jürgen Habermas.

29. März 2009

All­tags­phi­lo­so­phie 3

4 Erinnerung an den 23.03.

Im Anschluss an die Erinnerung an den 09.03. wurde erneut die Frage erörtert, was der Ausdruck Alltagsphilosophie besagen solle, etwa

  • eine philosophische Betrachtung des alltäglichen Erlebens und Handelns – oder
  • eine Philosophie, die aus dem alltäglichen Erleben und Handeln erwächst.

Der zweite Sinn ist der von mir gemeinte – mit der Pointe, dass in der Tendenz alle Menschen Alltagsphilosophie betreiben. Er ist angefochten, aber auch herausgefordert durch die Entwicklungen der Wissenschaften seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Daher scheint es mir erforderlich zu sein, sowohl zu verstehen, worin deren Grundlinien bestehen, als auch kritisch zu bedenken, ob deren Hauptargument, dass die alltägliche Erfahrung oft täusche und daher prinzipiell unzuverlässig sei, stichhaltig ist.

Diese Fragestellung strukturiert nach meinem Urteil einen beachtlichen Teil der Philosophiegeschichte seit 1865.

alltag-wissenschaft.png

Ich habe aus der Abbildung 1 die mittlere Trennung herausgenommen, die irreführend ist. Diese Entwicklung ist auch gesellschaftlich nicht neutral gewesen und ist es auch heute nicht. Man kann hier berechtigt die Nachfrage stellen, wie Herr Maier, ob dies nicht ein unhistorisches Vorgehen sei. Ich hoffe persönlich, dass sich die möglichen Parallelen nicht einstellen. Das aber setzt unsere eigene Initiative voraus, die ich nicht für aussichtslos halte.

Die Abbildung geht auf ein diskursanalytisches bzw. dialektisches Modell zurück, das wahrscheinlich von Platon im Sophistes entwickelt worden ist. Zur Reife ist es von Schleiermacher in seiner Dialektik gebracht werden. Gibt es einen Gegensatz wie Alltag vs. Wissenschaft, dann ist es im Kontext einer Debatte sehr wahrscheinlich, dass kontradiktorische Positionen auftreten: Wenn Alltag, dann Nicht-Wissenschaft – und auch: Wenn Wissenschaft, dann Nicht-Alltag. Zwischen diesen kontradiktorischen Extrempositionen ergibt sich ein unendlich differenziertes Feld von möglichen Vermittlungspositionen, in denen etwa der Alltag stärker, die Wissenschaft schwächer – oder umgekehrt betont wird. Wenn man das mehrmals beobachtet hat – und diese Methode etwas beherrscht, wird man insgesamt gelassener, weil man weiß, dass sehr wahrscheinlich diese verschiedenen Ansichten oder Positionen auftreten werden – und überlegt sich dann, welche als die eigene am begründesten erscheint, ohne dass man die anderen zwingend ausschließen kann.

Die Wissenschaften lassen sich nach meinem Eindruck nach den entsprechenden wahrscheinlichkeitsorientierten drei Regeltypen differenzieren. Auch dies erscheint mir wichtig, um zu überprüfen, ob Gegenargumente gegen die Möglichkeit von Alltagsphilosophie stichhaltig sind. Regeln bestimmen über eine bestimmte Zeit Ereignisse und vereinheitlichen sie: Der Apfel fällt stets vom Baum, so unterstellt man wenigstens. Einzelne Menschen treten in einer wiedererkennbaren körperlichen Gestalt auf und äußern sich nach einiger Beobachtung auch nach regelmäßigen Mustern, die sich von denjenigen anderer Individuen unterscheiden. Insofern scheint es plausibel, auch bei Individuen eine Regel oder einen Regelkomplex zu unterstellen, der die Ereignisse ihres Erlebens und Handelns in der Tendenz vereinheitlicht. Dabei ist immer zu erwarten, dass sich diese Regel bzw. dieser Regelkomplex zeitlich dynamisch entwickeln und verändern kann. So sind etwa die Texte des frühen Pöttner bis etwa 1998 von denjenigen des späteren Pöttner einigermaßen deutlich zu unterscheiden, ohne dass die Hypothese aufgestellt werden müsste, es handele sich um die Texte von zwei verschiedenen Autoren. Eine biografisch orientierte Interpretation könnte feststellen, dass es etwa 1999 eine lebensgeschichtliche Zäsur gab, die auch Einfluss auf das öffentlich geäußerte Zeichensystem des Autors gehabt haben könnte. M. E. sind derartige Annahmen hinreichend gut bestätigt – sie werden aber insbesondere durch Vertreter/innen des Wissenschaftstypus (1), der auf den Wahrscheinlichkeitscharakter der Regeln von näherungsweise 1 setzt, in den letzten zwanzig Jahren wieder offensiv infrage gestellt – eine sehr deutliche Parallele zu der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, während sich diese Diskurse nach dem Zweiten Weltkrieg erschöpft zu haben schienen. Davon kann eine Konzeption der Alltagsphilosophie nach meinem Eindruck nicht gänzlich unbeeindruckt bleiben.

In der Sitzung dominierte bei den Teilnehmer/innen freilich nach meiner Wahrnehmung der gesunde Menschenverstand und brachte entsprechende Argumente aus der Lebenspraxis vor, Alltag und Wissenschaft vermischten sich ja bei uns alltäglich und selbst bei den alltagskritischen Wissenschaftler/innen sei dies der Fall. Die Irrationalität bestimmter einseitiger und widersprüchlicher Wissenschaftsentwicklungen wurde am Beispiel der psychosomatischen Medizin diskutiert. Die Ausdifferenzierung der Einzelwissenschaften nach 1860 hat rein fachspezifische Argumentationstypen und auch Karrieretypen hervorgebracht, wobei in der Tendenz gelegentlich übersehen wird, dass man nur einen Aspekt im Universum behandelt – aber auch das ist umstritten. Die Philosophie sollte dies eher gelassen sehen und sich an den Grundfragen orientieren. Sicher ist dazu das Verständnis der Einzelwissenschaften nötig. Nicht nötig ist freilich die Akzeptanz ihrer Abschottungsbemühungen und imperialistischen Übergriffe – sofern man gute Gründe für eine auf die Lebenspraxis bezogene differenzierte Betrachtung der gesamten Wirklichkeit aufbringen kann – was der Ansatz der Philosophie sowohl in Griechenland als auch in Indien und China war.

5 Leben und Erleben als Phänomen (Thomas Fuchs) – Kontinuität und Differenziertheit (Charles Peirce)

Gibt man dem Alltag, dem alltäglichen Erleben und Handeln, trotz der wissenschaftlichen Infragestellungen philosophisch Kredit, dann hat man u. a. zwei Möglichkeiten:

  • Nur der Alltag bzw. die Lebenswelt bilden die Grundlage philosophischen Nachdenkens und philosophischer Weisheit, die kontradiktorische Extremposition.
  • Alltag und Wissenschaft müssen sich wechselseitig infrage stellen – die Philosophie bezieht sich auf beides, strebt aber die Begründung der Wissenschaften an, vgl. Abbildung 1 und Abbildung 2 – eine der möglichen Vermittlungspositionen.

5.1 Thomas Fuchs

Thomas Fuchs ist Oberarzt in der Psychiatrie der Universitätsklinik Heidelberg Thomas Fuchsund Leiter eines Instituts, das phänomenologische Philosophie und Psychiatrie verbinden soll, wie dies schon bei Karl Jaspers der Fall war. Ich wähle seine Position aus, weil sie besonders deutlich das phänomenologische Programm profiliert.

Fuchs wählt als Grundlage die „Selbsterfahrung des Lebens und Lebensvollzugs“[1]. Diese ist jeder und jedem möglich – und an dieser muss auch die philosophische Reflexion ansetzen. Der Ausdruck „Selbsterfahrung des Lebens und Lebensvollzugs“ ist streng zu nehmen, die Reflexion kommt stets verspätet, das Leben, welches wir sind, vollzieht sich oft ohne unsere Beobachtung und Reflexion:

„Unser Lebensvollzug entzieht sich der unmittelbaren Selbstbeobachtung und geht der reflektierenden Feststellung immer voraus. … Denn um dessen gewahr zu werden, dass wir hungrig, durstig, müde sind, müssen wir es schon geworden sein, und was der Hunger, der Durst, die Müdigkeit vor dem Bewusstwerden war, lässt sich nicht sagen – ebenso wie wir ein latentes Geräusch manchmal erst bemerken, wenn es aufhört und plötzlich Stille eintritt.“ (287)

Das Bewusstsein ist also Fuchs zufolge nachgeordnet, denn erst ab einem bestimmten „Intensitätsgrad“ werde „Erleben bewusst“:

„Das bewusste Selbst ist sich nur in der Weise des Selbstentzugs gegeben. Leben ist somit, was uns widerfährt und uns affiziert, bevor wir darauf antworten können. Zumal im leiblichen Spüren, in der leiblichen Selbstaffektion erfahren wir, dass wir unserer selbst nie völlig mächtig sind, dass etwas unser Selbst ausmacht, was wir doch nicht tun oder bewirken können. Diese Vorgängigkeit des Widerfahrnisses und der Selbstaffektion lässt sich reflexiv nicht wieder einholen; denn auch die Reflexion entstammt dem gleichen Grund.“ (287)

Wir werden bei entsprechender Achtsamkeit darauf aufmerksam, dass es sehr viele Lebensvollzüge gibt, die von selbst, spontan geschehen – wie „Atmen, Einschlafen, Gehen, Weinen oder auch Gefühle wie Freude oder Wut“ (ebd.). In diesem Sinn gehört zu unserer leiblichen Selbsterfahrung eine Erfahrung der Passivität, eines Geschehens, das wir nicht machen oder herstellen können. Darüber hinaus stellen wir fest, dass wir in den Trieben, in „Hunger, Durst oder Wollust“ Tendenzen des Leibes vorfinden, die Fuchs als „Aussein-auf-etwas“ bezeichnet. Selbst wenn wir dieser Tendenz nicht nachgeben, ist doch klar, dass bestimmte Sachverhalte leiblich ermöglicht sind, es liegt vor unseren bewussten Absichten oder Wünschen ein leibliches Können bzw. eine leibliche Potenzialität vor.

Ein weiterer Zug des alltäglichen Erlebens und Handelns, das leiblich bestimmt ist, besteht Fuchs zufolge in der „Selbstverständlichkeit und Selbstvergessenheit des Lebensvollzugs“ (288):

„Denn alle Vertrautheit und Gewohnheit, alles Kennen und Können beruht auf dem leiblichen, impliziten Gedächtnis, das unsere Erfahrungen ständig integriert, in Dispositionen und Gewohnheiten umwandelt und so gerade durch das Vergessen des je Einzelnen die Einheit des gelebten Lebens erzeugt.“ (288f)

Diese vier Züge –

  • der Vorgängigkeit,
  • der Spontaneität („von selbst“, auf-etwas-aus-sein),
  • der Potenzialität (Können) und
  • der Selbstverständlichkeit bzw. Selbstvergessenheit –

bestimmen weite Teile unserer Selbsterfahrung und unseres Selbstvollzugs. Alltagsphilosophisch ist hier der Hinweis auf „Dispositionen und Gewohnheiten“ ausschlaggebend, in denen sich unser alltägliches Erleben und Handeln vollzieht. Das hat etwa bestimmte Konsequenzen für unsere Lebensgeschichte, unser Selbstsein, unsere Selbstbestimmung:

„Ebenso beginnt die Lebensgeschichte mit einer unbewussten Vorgeschichte des Selbst, die nirgends einen Punkt aufweist, an dem eine zuvor rein biologische Entwicklung auf einmal in Bewusstsein umschlagen würde. Aber gerade in diesem Dunkel des eigenen Werdens liegt die Offenheit und Freiheit unseres Lebens begründet. Denn Selbstsein ist zuerst Von-Selbst-Sein, so wie das selbstvergessene Spielen eines Kindes. Und auch die Frage ‚Wer bin ich?‘, die sich ihm später stellt, kann ihre Antwort nur von der Zukunft her erhalten, weil seine Herkunft in das Dunkel der Vorgeschichte gehüllt bleibt. Als Personen können wir uns zu unserem Selbstsein verhalten. Doch niemals vermögen wir es ganz vor uns zu bringen; das ist Voraussetzung für unsere Freiheit, zu werden, was wir sein könnten.“ (289)

Das Leben, wie wir es alltäglich erleben, besitzt also eine dunkle Vorgeschichte und geht in unseren Selbstbestimmungsversuchen in eine Zukunft, die wir nicht sicher festlegen können. Betrachten wir achtsam unser alltägliches Erleben und Handeln, dann leben wir also von etwas her, das vorgängig ist, sich auch oft spontan zeigt. Unsere Freiheit besteht darin, uns vor diesem „dunklen Hintergrund“ selbst zu bestimmen und in die Zukunft zu entwerfen, ohne dass es sicher ist, dass sich unser Entwurf bewährt. Wir verhalten uns zu unserem keineswegs ganz deutlich erfassbaren Selbstsein – darin kann phänomenologisch der Ansatz zur Ausbildung von Alltagsphilosophie liegen, sofern in diesem Selbstverhältnis besonnene Erwägungen zur Ausbildung eines selbstbestimmten Lebens unternommen werden.

Das ist bei Fuchs z. T. philosophisch recht weit entwickelt[2] – doch das muss hier auf sich beruhen. Uns interessiert hier vor allem, dass er mit dieser Position als einer der mit Abstand schärfsten Kritiker der neueren Lebenswissenschaften, insbesondere bestimmter evolutionsbiologischer Positionen wie derjenigen von Richard Dawkins, der Gentechnologie, der Reproduktionsmedizin, aber auch der Extreme der Neurowissenschaften auftritt. Dabei beobachtet er sehr subtil, wie diese Theorien formuliert sind und welche Praxis aufgrund dieser Formulierungen auftritt bzw. zu erwarten ist.

Bei Dawkins wählt er das berüchtigte Zitat von den „Überlebensmaschinen“ aus, die „blind … zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle (programmiert)“ seien, „die Gene genannt werden“[3]. Fuchs betrachtet hier insbesondere die medizinische Anwendung des „Maschinenparadigmas“ und bringt als Beispiel für die Wirkung des Maschinenparadigmas die Figur des Hypochonders ins Spiel:

„In dem Maße nämlich, wie der Leib zur manipulierbaren Körpermaschine verdinglicht wird, verliert er seinen medialen, latent-selbstverständlichen Charakter und tritt als störungsanfälliger Apparat ins Bewusstsein. Der Hypochonder vertritt den naturwissenschaftlichen Anspruch auf absolute Kontrolle über den Körper und kann doch das Faktum von Krankheit und Tod nicht leugnen.“ (291f)

Das Verständnis des Körpers als Maschine, das auf Descartes zurückgeht, hat natürlich ein Eingriffswissen hervorgebracht, das teilweise hilfreich und durchaus auch lebensrettend wirken kann, schlägt aber u. a. beim Hypochonder in das Gegenteil um, weil die „pathologische Selbstbeobachtung … immer mehr die Selbsttätigkeit des Organismus (stört)“ (292). Gesteigert ist dieser Eingriff der Lebenswissenschaften in der Gentechnologie, wobei es Fuchs zufolge bei ihnen um „die Instrumentalisierung der natürlichen Voraussetzungen der Existenz“ in ihrer schärfsten Zuspitzung gehe. Schon in der Reproduktionsmedizin werde menschliches Leben „gezielt“ herzustellen versucht, es entstehe eine „schwer anzuhaltende Spirale aus Eingriffswissen, Ängstlichkeit und zunehmendem Kontroll- und Optimierungsstreben“ (293). Demgegenüber gehe die Gentechnologie noch einen entscheidenden Schritt weiter und verwandele

„unsere innere Natur in manipulierbare Kontingenz. … Das instrumentelle Verhältnis zum Körper, dem das Leibsein in der frühen Kindheit bisher immer vorausging, rückt nun an den Beginn des Lebens. Damit verändert sich die Beziehung der Eltern zum Ungeborenen grundlegend. Denn sie kann nun nicht mehr die einer Frage sein: Wer bist du? – einer Frage, die Raum für eine Antwort, für Unerwartetes und Eigenes lässt. Aus einem dialogischen wird ein determinierendes Verhältnis.“ (293; u. a. mit Bezug auf Jürgen Habermas).

Aus dieser Sicht der phänomenologischen Philosophie wird also die vorgegebene Struktur unseres alltäglichen Erlebens und Handelns durch das Eingriffswissen der Wissenschaften nachhaltig zerstört. Nicht nur der Hypochonder entwickelt ein technisches Selbstverhältnis, diese Pathologie wird zur „Normalität“ und zerstört Lebenswelt und Alltag im herkömmlichen Sinn. In diesem Sinn wird das „alles kann immer auch anders sein“ nun technologisch auf die Menschen selbst angewendet, sie stellen sich anders her – so jedenfalls die erklärte Absicht vieler Wissenschaftler/innen. Und dafür gibt es zweifellos auch eine teilweise Akzeptanz in der Bevölkerung.

Fuchs stellt also das Verhältnis von Lebenswelt und alltäglichem Erleben und Handeln auf der einen Seite und wissenschaftlicher Praxis auf der anderen Seite als einander ausschließend dar. Das Hauptargument besteht darin, dass mittels des praktisch angewendeten Eingriffswissens der Wissenschaften die auf Vorgängigkeit, Spontaneität, Potenzialität (Können) und Selbstverständlichkeit bzw. Selbstvergessenheit beruhende Struktur unserer Selbsterfahrung und unseres Selbstvollzugs zerstört werde. Tragisch erscheint, dass hier ethische Reflexion zu spät komme. Fuchs ist mithin für die weitere Entwicklung des Menschseins sehr skeptisch.

5.2 Charles Peirce

Peirce entstammte einer Ostküstenfamilie. Sein Vater war seinerzeit der führende nordamerikanische Mathematiker. Seine Mutter führte einen romantischen Salon. Peirce war immer von beiden Tendenzen beeinflusst: der Klarheit mathematisch-naturwissenschaftlichen Denkens und der Welt der Literatur. Auch in den USA gab es eine Romantik: den so genannten „Amerikanischen Transzendentalismus“. Ralph Waldo EmersonEine bedeutende Figur stellte Ralph Waldo Emerson (1803-1882) dar. Wie auch in der Vorgeschichte bei dem in den USA stark rezipierten britischen Evolutionsphilosophen Herbert Spencer werden bestimmte Fragen, die insbesondere in Deutschland eher Fronten bildeten (Natur- und Geisteswissenschaften o. Ä.), in diesem Milieu nicht als einander ausschließend, sondern als verschiedene Evolutionsstufen umfassend betrachtet. Eine umfassende Weltsicht muss an der Alltagserfahrung ansetzen, den gesamten Bereich der Natur umfassen und die gesellschaftlichen Prozesse verstehen und auch beeinflussen können, wir hatten in der ersten Sitzung Peirce‘ Auffassung rezipiert, dass alle Menschen philosophieren und auf unterschiedlichen Abstraktions- und Genauigkeitsebenen eine entsprechend allgemeine Lebenskonzeption ausbilden. Peirce war stets stolz darauf, vor seiner Tätigkeit als philosophischer Dozent in einem chemischen Labor in Cambridge/Massachussets ausgebildet worden zu sein. Das verleitete ihn aber nicht dazu, die dortige wissenschaftliche Praxis für die einzig mögliche zu halten:

„Um das Beispiel der Physik zu nehmen, einer Wissenschaft, mit der ich mich intensiv beschäftigt und vor der ich gewiss die höchste Hochachtung habe, die Physik scheint mir nezessitaristische Grundsätze [sc. alles in der Wirklichkeit als notwendig bestimmt im Sinne von determiniert zu verstehen] zu fördern, die ich für eine falsche und verderbliche Verallgemeinerung halte. Ganz entsprechend – und daran kann nach meiner Auffassung kein Zweifel sein – zeigt die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Nationalökonomie die Tendenz, die Menschen zu einer Verallgemeinerung zu verleiten, die äußerst zweifelhaft und gewiss völlig unvereinbar ist mit unseren höheren Instinkten: als sei die Habgier und alles, was ihr dient, die größte Kraft der Zivilisation.“[4]

In diesem Kontext weist Peirce auch daraufhin, dass Darwin vom Ökonomen Malthus beeinflusst war – und unter diesem Eindruck bestimmte Aspekte seiner Evolutionslehre wie die Auffassung vom auf Vernichtung ausgehenden Existenzkampf in der natürlichen Selektion entworfen habe, was auch Darwin selbst sagt. D. h., in den Wissenschaften werden auch allgemeine Muster ausgebildet, von deren Verallgemeinerung auf alle Bereiche der Wirklichkeit er aber deutlich abrät. Da Peirce selbst einer der bedeutendsten (mathematischen) Logiker der Moderne war, glaubte er zeigen zu können, dass logisch erheblich mehr möglich war, als z. B. in der Deduktion angenommen wurde, auch diese selbst musste komplexer interpretiert werden. Relationenlogisch und wahrscheinlichkeitsmathematisch aber zeigte sich, dass viele Sachverhalte nicht auf das Muster des „notwendig Bestimmtseins“ reduziert werden müssen, weil schon in der mathematischen Logik beispielsweise Wahrscheinlichkeitsverhältnisse aufgezeigt werden können. Peirce interpretierte die Mathematik als diejenige Beschreibung dessen, was strukturell überhaupt gedacht werden kann, also welche Beziehungen zwischen Behauptungen, Prinzipien usf. auftreten können. Damit ist aber noch lange nicht gesagt, dass dies in der Wirklichkeit auch so auftreten muss. Dies ist empirisch genauer zu überprüfen, aber auch alltagsphilosophisch zu untersuchen. Alltagsphilosophisch heißt in diesem Zusammenhang, dass wir genau zu beobachten versuchen, was wir erleben und erfahren – ein phänomenologischer Ansatz bei Peirce, der demjenigen bei Fuchs zumindest nicht ganz unähnlich sieht, aber dennoch deutlich hiervon unterschieden ist.

„In der Gesamtheit alles dessen, was sich in unserem Geist befindet …, können wir eine Vielfalt von Bestandteilen erkennen, und wir stellen auch fest, dass sie von ganz unterschiedlicher Natur sind.“[5]

Die Beobachtung dessen, was wir alltäglich erleben, ist also nicht einheitlich im Sinne von undifferenziert, sondern weist verschiedene Aspekte auf. Peirce beschreibt in der Folge sein Erleben beim Schreiben des vorliegenden Textes „Phänomen und Logik der Zeichen“:

„Da [der Verfasser] ein wenig seiner üblichen Gesundheit entbehrte, war er sich bestimmter Empfindungen im Rumpf seines Körpers bewusst. Doch die köstlich kühle Wärme des Junivormittags, der taumelnde Sonnenschein, der mit den Schatten des grünen Buschwerks vor seinem Fenster spielte, die absolute Stille seines Arbeitszimmers, riefen in ihm die Gefühle der Dankbarkeit und Freude hervor. Dann kam ihm die Idee, dass all dies zu eigennützig und müßig sei. Zweifellos machte er eine intensive Anstrengung, diese Sätze zu bilden – keine so leichte Aufgabe, wie man vielleicht annimmt. Er konnte nicht sagen, dass er sich unmittelbar dieser Anstrengung bewusst war, so wie er sich jener Gefühle bewusst war. Ein Gefühl zu haben und sich seiner nicht bewusst zu sein, würde heißen, gleichzeitig zu fühlen und nicht zu fühlen … Aber es ist in jeder Hinsicht möglich, eine intensive Anstrengung aufzubringen, ohne sich ihrer überhaupt bewusst zu sein … Was ist nun die besondere Qualität des Bewusstseins von Anstrengung? Es entsteht eine Art von Überlagerung der Vorstellung des Zustands, den man herbeiführen will, über die Wahrnehmung des Zustands, den man beseitigen möchte.“ (Phänomen, 51)

Peirce hält zunächst zwei Aspekte bei seiner Beobachtung des Erlebens des Textverfassens im Kontext seines Arbeitszimmers fest:

  • Empfindungen bzw. Gefühle (Regungen des Leibes, taktile Empfindungen wie „kühle Wärme“, visuelle Empfindungen wie taumelnder Sonnenschein, auditive wie die Stille des Arbeitszimmers, Emotionen wie Freude und Dankbarkeit);
  • Anstrengungen, wie beim Schreiben von Sätzen, wo offenbar ein Widerstand auftritt, der überwunden werden muss.

Die Bewusstseinsformen sind nicht gleich, der Empfindungen und Gefühle ist man sich unmittelbar bewusst, während es bei den Anstrengungen zu einer Überlagerung verschiedener Vorstellungen kommt.

Peirce stellt nun ein weiteres drittes Element an jenem Junivormittag fest:

„Doch die Gedanken des Verfassers wanderten weiter, zu einem der folgenden Teile dieses Buches, der, so schien es ihm, nicht im richtigen Zusammenhang und ohne harmonische Verbindung mit dem Rest stand. Er versuchte darüber nachzudenken, was er dagegen unternehmen könnte. Doch nachdem er die Angelegenheit einige wenige Momente bedacht hatte, wurde ihm klar, dass gerade die besondere Eigenheit des Teils, von dem er gedacht hatte, dass er den Zusammenhang stören würde, ganz im Gegenteil, dem Ganzen eine weitaus stärkere Konsistenz verleihen würde, wenn man sie nur auf bestimmte Weise entwickelte. Daraufhin fasst er den Entschluss, diese Eigenheit so zu entwickeln, und er bemühte sich, dieses Ziel in seinen Plan einzubauen. Worin bestand aber nun diese … geistige Handlung des Einbauens? Seine Seele lehrte sich selbst einen Trick, fast so, wie er einen Hund oder einen Papagei unterrichten würde. Das war sicherlich nicht nur bloße Empfindung; und es war in seiner Beschaffenheit der Unruhe der Anstrengung ganz entgegengesetzt. Denn dies war, im Gegensatz zu jener Anstrengung, ein angenehmer und zufriedenstellender Vorgang.“ (Phänomen, 52)

Der dritte Aspekt wird vom ersten der Empfindung und dem zweiten der Anstrengung unterschieden, es geht um die „geistige Handlung des Einbauens„, wobei es um die Veränderung eines bestehenden Textes oder einer Textkonzeption, eines geplanten Textaufbaus geht, um einen Textabschnitt zu einem harmonischeren Teil des Ganzen zu machen. Von der Anstrengung, der dieser Vorgang auf den ersten Blick sehr verwandt erscheinen könnte, ist das Einbauen aber durch die begleitende angenehme und zufriedenstellende Empfindung unterschieden, während erstere von Unruhe begleitet ist. Es geht beim Textaufbau und dem Vorgang des Einbauens also um die überlegte Schaffung eines harmonischen Zusammenhangs. Einen solchen Zusammenhang nennt Peirce

  • Gewohnheit (habit).

Damit ist der regelmäßige Zusammenhang von Ereignissen, im Beispiel Textteile, Textsequenzen, Textabschnitte gemeint. Diese wiesen Peirce zufolge in seinem Erleben ihrer bisherigen Ordnung und Regelmäßigkeit nach einen störenden Eindruck auf. Er kommt darauf, dass er diese Störung beseitigen kann, wenn er etwas einbaut. Dann stellt er etwas um oder ergänzt etwas – und ändert die bisher vorhandene Regelmäßigkeit, sodass diese vollkommener wird, was bei Peirce eine angenehme und zufriedenstellende Empfindung hervorruft. Dabei wird eine bestimmte Regelmäßigkeit oder Gewohnheit verändert – im Sinne von vollkommener gemacht.

Peirce zufolge handelt es sich bei den drei in seinem alltäglichen Erleben und Handeln an jenem Junivormittag beim Verfassen des Textes von „Phänomen und Logik der Zeichen“ festgestellten Aspekte um Fälle derjenigen strukturellen Aspekte, die nicht nur bei jeder und jedem von uns auftreten, sondern die für alle Sachverhalte in der Wirklichkeit gelten, also in der seit Aristoteles gültigen philosophischen Fachsprache um die Kategorien. Diese sehen Peirce zufolge so aus:

„Wenn wir alles im Geist Enthaltene, ob nun Gefühle, Zwänge oder Anstrengungen, Gewohnheiten oder Gewohnheitsänderungen … [als] Bestandteile des Phaneron bezeichnen, dann können wir ganz offensichtlich feststellen, dass sich beliebige andere Dinge nicht mehr voneinander unterscheiden können als sich Bestandteile des Phaneron voneinander unterscheiden; da wir, was immer wir überhaupt wissen, durch die Bestandteile des Phaneron wissen und da wir nicht irgendwelche Dinge unterscheiden können, wenn wir uns nicht irgendwelche Vorstellungen von ihnen machen.“ (Phänomen, 52)

Der Ausdruck Phaneron bezeichnet dasjenige, was überhaupt im „Geist“ auftreten kann. Die alltagsphilosophische Analyse versucht herauszufinden, welche Arten von Phänomenen im Geist offensichtlich werden oder offen zutage liegen bzw. erscheinen, worauf der aus dem Griechischen stammende Ausdruck Phaneron anspielt. Sind es siebenundzwanzig, zwei oder drei, wie Peirce meint? Sind es vier, wie Fuchs glaubt? Der nächste Schritt besteht darin, einzusehen, dass diese Arten oder Aspekte auch diejenigen sein müssen, die für die gesamte Wirklichkeit gelten, jedenfalls müssen wir das faktisch unterstellen, ansonsten könnten wir nicht zuverlässig unseren Alltag leben, sondern müssten in jedem Moment erwarten, dass unsere Empfindungen, Wahrnehmungen, unsere Gedanken und Regelunterstellungen uns täuschen und in ein schwarzes Loch fallen lassen.

Nach Peirce treten also drei Typen von Bestandteilen im Phaneron auf:

  • Sachverhalte, die uns unmittelbar bewusst sind, die so sind, wie sie sind, z.B. Leibesregungen, Empfindungen der „kühlen Wärme“, die Wahrnehmung einer Farbe wie Rot;
  • Sachverhalte, in denen Zwang ausgeübt wird, für die Zwänge ausschlaggebend sind, wie bei Anstrengungen oder finanzieller Knappheit, welche auch ein Alltagsphänomen sein kann;
  • Sachverhalte, die regelmäßig sind, wie ein harmonischer Textaufbau, ein Naturgesetz, das Arrangement einer Feier, eine angemessene Lebenskonzeption eines Individuums bzw. allgemeiner Lebensgewohnheiten.

Es muss also ein Doppeltes überprüft werden:

(1) Sind dies alle Aspekte unseres alltäglichen Erlebens und Handelns, sind es weniger oder mehr?

(2) Gibt es in der Gesellschaft oder der Natur noch andere Aspekte?

Müsste man einen Fall von (2) zugeben, wäre sicherlich die bisherige Auffassung von (1) zu korrigieren. Peirce unterstellt daher keineswegs ein ausschließendes Gegeneinander von Wissenschaften und Alltag. Sie stehen einander kritisch gegenüber. Wenn eine Wissenschaft auf Notwendigkeit und damit Zwang setzt wie die Physik oder die Ökonomie (Sachzwang wegen Knappheit usf.), so entspricht dies durchaus einem Zug unserer Selbsterfahrung. Wir erfahren in unserem alltäglichen Erleben und Handeln unzweifelhaft Zwänge. Die falsche Verallgemeinerung, die Peirce gegenüber Wissenschaftsimperialismen anführt, besteht dann darin, dass Ökonomie und Physik den ersten und dritten Aspekt unseres Erlebens und Handelns nicht oder nicht hinreichend berücksichtigen, wozu u. a. Gewohnheitsänderungen bzw. die Veränderungen von Regelmäßigkeiten und das Auftreten von spontanen Empfindungen gehören, die so sind, wie sie sind. Wohlgemerkt: Dies spricht keineswegs schlicht gegen Physik oder Ökonomie, sondern nur gegen die Tendenz zur falschen Verallgemeinerung ihres Wirklichkeitsaspektes der Determiniertheit und des Zwanges.

Die Probleme, die alltägliches Handeln und wissenschaftlich geleitetes Anwendungshandeln aufwerfen, bearbeitet Peirce in der berühmten pragmatischen Maxime:

„Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!“

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Conception kann hier als „Begriff“ übersetzt werden, m. E. legt sich aber die allgemeinere Übersetzung „Konzeption“ nahe, weil beispielsweise Lebenskonzeptionen nicht unbedingt begrifflich oder theoretisch festgelegt sind, sondern durchaus auch bildlich ausgedrückt werden können. Für alltägliche und wissenschaftsgeleitete Praxis gilt also in jedem Fall, dass Besonnenheit erforderlich ist. Wenn man eine Lebenskonzeption ausbildet – und sei diese rein emotional bestimmt – oder eine wissenschaftliche Theorie entwirft, muss man sich darüber klar werden, welche mögliche praktische Relevanz diese haben. Und hier sind alle möglichen Wirkungen zu bedenken. Es gibt also kein irgendwie geartetes unschuldiges Vorsichhinleben. Darin liegt dann u. a. das Ethikproblem beschlossen, was getan werden darf oder vielleicht doch besser unterlassen werden sollte. In diesem Kontext hat daher der Evolutionsbiologe Alfred Russell Wallace (Die Stellung des Menschen im Weltall, Berlin 1903, englisch 1902) die Klimafolgen der ökonomischen Anwendung bestimmter physikalischer Gesetze ziemlich genau vorausgesagt. Wir selbst erleben diese heute.

5.3 Resümee

Fuchs stellt vier Grundzüge fest, Peirce drei. In der Beurteilung der Wissenschaften sind beide ganz gegensätzlicher Meinung. Peirce versucht, die Wissenschaften einzuordnen und ihr jeweiliges Muster auf einen bestimmten Bereich zu relativieren und damit möglicherweise irreführende Übergriffe zu vermeiden. Fuchs glaubt nicht an eine derartige Möglichkeit, sondern ist zutiefst pessimistisch. Peirce ist optimistischer, weil er innerhalb des alltäglichen Erlebens und Handelns alle Züge der Wirklichkeit entdeckt, während das im Viererschema bei Fuchs offenbar nicht der Fall ist. In seiner phänomenologischen Betrachtung gibt es sozusagen nur positive und emphatisch zu betonende lebensweltliche Aspekte. Folgerichtig muss der zwangsorientierte Aspekt der Wissenschaften, ihre Ökonomisierung, Technisierung usf. vor allem als Bedrohung der Selbstverständlichkeiten und Selbstvergessenheiten des alltäglichen Erlebens und Handelns erscheinen.

Für Peirce – dies scheint mir ein nicht unerheblicher Unterschied zu sein – ist überdies die Erfassung des je eigenen alltäglichen Erlebens und Handelns durch die Mitteilungen anderer und auch der Wissenschaften irritierbar, eine Irritierbarkeit, die er umgekehrt auch von den Wissenschaften erwartet. Bei Fuchs, so scheint es mir, ist die phänomenologische Analyse offenbar unirritierbar. Insofern ergeben sich bei beiden zwei verschiedene Typen von Alltagsphilosophie.


[1] Thomas Fuchs, Leib und Lebenswelt. Neue philosophisch-psychiatrische Essays, 2008, 286.[2] Thomas Fuchs, Leib, Raum, Person. Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie, Stuttgart 2000.[3] Richard Dawkins, Das egoistische Gen, Berlin 1978, 145.

[4] Charles Peirce, [Evolution, Liebe, Synechismus (wohl 1892)], in: ders., Religionsphilosophische Schriften, 1995 (PhB 478), 194-202, 195.

[5] Charles Peirce, Phänomen und Logik der Zeichen (1903), 1993 (stw 425), 51.

24. März 2009

All­tags­phi­lo­so­phie 2

2 Erin­ne­rung an den 09.03.2009

Die Sit­zung befass­te sich vor allem mit dem Ver­ständ­nis des The­mas All­tags­phi­lo­so­phie. Die Duden­hin­wei­se auf bestimm­te Ver­wen­dungs­wei­sen des Aus­drucks „All­tag“ und „all­täg­lich“ führ­ten bei einer Mehr­heit der Teilnehmer/innen eher nicht zur Zustim­mung. Wich­tig war sicher­lich der Hin­weis von Herrn Deth­lef­sen, dass das Gemein­te mög­li­cher­wei­se bes­ser durch „Lebens­welt“ aus­ge­drückt wer­den kön­ne. Der Aus­druck „All­tag“, sofern er nicht mit „Werk­tag“ ineins gesetzt und dann von „Sonn­tag“ oder „Wochen­en­de“ unter­schie­den wird, umfasst alles das­je­ni­ge, was uns jeden Tag begeg­net, wor­in wir leben, was uns stört, was wir tun und las­sen. Und das sind kei­nes­wegs nur lebens­welt­li­che Bezü­ge in einem empha­ti­schen Sinn, auch die täg­li­che oder häu­fi­ge Benut­zung des Inter­nets, die unver­meid­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on über Geld usf. gehö­ren zu unse­rem All­tag. Über die­se ganz ver­schie­de­nen und z. T. durch­aus wider­sprüch­li­chen Aspek­te des All­tags kann im All­tag selbst eine kri­ti­sche oder nach­denk­li­che Refle­xi­on ent­ste­hen, das ist der Anfang der All­tags­phi­lo­so­phie, die jede/m/r prin­zi­pi­ell mög­lich ist. Dabei geht es dar­um, wie man den All­tag bewäl­ti­gen kann, wie das alles zu ver­ste­hen ist, auch anspruchs­vol­ler, wie gutes Leben im All­tag mög­lich ist.

Dass man die­se Fra­gen phi­lo­so­phisch nen­nen kann, weil es ja um Lie­be zur Weis­heit geht, ist viel­leicht weit­ge­hend unbe­strit­ten. Schwie­rig wird die Ver­wen­dung des Aus­drucks „All­tags­phi­lo­so­phie“ aber im Blick auf öffent­li­che Debat­ten, die etwa in den Medi­en aus­ge­tra­gen wer­den. Auch in ent­spre­chen­den Sen­dun­gen zur Phi­lo­so­phie­the­ma­tik steht das eher nicht im Vor­der­grund, falls ich nichts über­se­hen oder über­hört habe. Dies ist nach mei­nem Ein­druck vor allem ein Pro­blem der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie, die oft den Über­sprung zu ihrer grie­chi­schen Her­kunft vom Athe­ner Markt­platz nicht mehr recht zu leis­ten ver­mag. Sokra­tes hat ja dort durch sei­ne Fra­ge­kunst nur die Auf­ga­be der Heb­am­me, der die Gefrag­ten dabei unter­stützt, die für sie rich­ti­gen Ant­wor­ten her­aus­zu­fin­den bzw. zu gebä­ren. Das zeigt vor allem, dass es je nach indi­vi­du­el­ler Per­spek­ti­ve mög­li­cher­wei­se meh­re­re Ant­wor­ten auf eine Fra­ge gibt. Und auch Sokra­tes, der etwas para­dox vor­gibt, nur das­je­ni­ge zu wis­sen, dass er nichts wis­se, gibt nicht die „rich­ti­gen“ Ant­wor­ten. Schon damals war jeden­falls man­chen klar, dass es für vie­le Fra­gen offen­bar kei­ne letz­ten Ant­wor­ten gibt.

An die­sem Ergeb­nis setzt auch Peirce an. Er beob­ach­tet frei­lich, dass vie­le Men­schen, er unter­stellt offen­bar sogar alle Men­schen, all­ge­mei­ne Lebens­über­zeu­gun­gen hegen, die eine Inter­pre­ta­ti­on aller Sach­ver­hal­te ein­schlie­ßen, wie unscharf oder „unge­schlacht“ der­ar­ti­ge Inter­pre­ta­tio­nen auch sein mögen. Ver­hiel­te es sich so, dann phi­lo­so­phier­ten alle Men­schen, denn eine beson­ne­ne Lebens­kon­zep­ti­on zu haben, ist ein phi­lo­so­phi­sches Ide­al. Der Aus­druck „meta­phy­sisch“ bezieht sich auf all­ge­mei­ne Über­zeu­gun­gen, also dar­über, wie die Sach­ver­hal­te immer sind o. Ä. Peirce zufol­ge han­delt es sich hier­bei nicht nur um Kopf­ge­bur­ten, auch der Bauch und die Mus­keln spie­len eine gewis­se Rol­le.

Wäh­rend Peirce jeden­falls eine Vari­an­te von All­tags­phi­lo­so­phie ver­trat, ist genau dies bei Sin­ger eher aus­ge­schlos­sen. Er steht beson­ders deut­lich für eine Welt­sicht, die von den Wis­sen­schaf­ten beein­druckt ist und deren Wirk­lich­keits­auf­fas­sung für ange­mes­se­ner als unse­re All­tags­wahr­neh­mun­gen und -erfah­run­gen hält. Wenn unser Gehirn mit uns äqui­va­lent wäre und man das Gehirn so inter­pre­tie­ren müss­te, wie es Wolf Sin­ger vor­schrifts­mä­ßig frei­lich nur hypo­the­tisch tut – weil bis­lang kei­ner­lei belast­ba­re empi­ri­schen Erkennt­nis­se vor­lie­gen -, dann wäre unser all­täg­li­ches Selbst­ver­ständ­nis als abwä­gen­de Men­schen, die sich zu man­chen Tätig­kei­ten ent­schei­den, frei­lich vom Illu­si­ons­ver­dacht bedroht. Sin­ger deu­tet im Text indi­rekt an, dass kei­nes­wegs alle Naturwissenschaftler/innen mit sei­ner Sicht­wei­se über­ein­stim­men und ver­sucht daher, ins­be­son­de­re quan­ten­phy­si­ka­li­sche Bei­trä­ge aus der Debat­te her­aus­zu­hal­ten, wie sie etwa Carl-Fried­rich von Weiz­sä­cker oder Tho­mas Gör­nitz geäu­ßert haben.

Inso­fern soll­te ein Kurs über All­tags­phi­lo­so­phie auch die Gegen­ar­gu­men­te abwä­gen und die posi­ti­ven Argu­men­te ken­nen­ler­nen, die es für oder gegen die sinn­vol­le Mög­lich­keit von All­tags­phi­lo­so­phie gibt.

3 Die Situa­ti­on an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de

Es mag viel­leicht über­ra­schen, aber die Zeit der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de bie­tet für den­je­ni­gen oder die­je­ni­ge, die oder der sich damit beschäf­tigt, weit­hin ähn­li­che Struk­tu­ren – und man kann nur hof­fen, dass die teil­wei­se unbe­son­ne­ne Auf­re­gung und Ver­drän­gung damals nicht zu ähn­lich ver­hee­ren­den Ergeb­nis­sen wie 1914 und in der Fol­ge auch 1939 führt. Der gesell­schaft­li­che Grad der Ver­un­si­che­rung ist in unse­rer Zeit min­des­tens genau­so hoch wie damals, etwa die Exzes­se in Win­nen­den sind ein grel­les Schlag­licht – und es gibt eine gan­ze Rei­he von Stra­te­gi­en, wie man die­se Ver­un­si­che­rung zu ver­drän­gen ver­sucht. Davon ist eine die­je­ni­ge des angeb­lich sta­bi­len öko­no­mi­schen Erfolgs, eine ande­re die­je­ni­ge der angeb­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Sicher­heit. In unse­rer Zeit ist die Öko­no­mie erst kürz­lich sowohl wirt­schaft­lich kon­kret als auch als Wis­sen­schaft von ihrem Thron gestürzt, kein bedeu­ten­der aka­de­mi­scher Öko­nom hat ernst­haft die Finanz­kri­se und die dar­aus ent­ste­hen­de Welt­wirt­schafts­kri­se vor­aus­ge­sagt, obgleich die Wirt­schafts­wis­sen­schaft vor­gibt, in bestimm­ten Gren­zen Pro­gno­sen abge­ben zu kön­nen. Wenn Sie den letz­ten Bericht des Sach­ver­stän­di­gen­rats lesen, wer­den Sie fest­stel­len, dass die gut 500 Sei­ten ver­druckt sind, aber Sie kön­nen ihn kos­ten­frei im Inter­net zur Not am Bild­schirm lesen. Vor­aus­ge­sagt wur­de das frei­lich eher von poli­tisch-öko­no­mi­schen Außen­sei­tern, die auf­grund ihrer Vor­aus­sa­gen ent­spre­chend ver­spot­tet und ver­höhnt wur­den. Auch die­se Struk­tur fin­det sich an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de: Men­schen, denen es oft nicht gelang, dau­er­haft eine aka­de­mi­sche Stel­le zu errei­chen, gehö­ren zu den lang­fris­tig inter­es­san­tes­ten Den­kern der Epo­che wie etwa Charles Peirce oder der deut­sche Kul­tur­phi­lo­soph Georg Sim­mel. Selbst­ver­ständ­lich gab es damals ent­ge­gen der offi­zi­el­len wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritts­rhe­to­rik inner­halb und außer­halb der Wis­sen­schaf­ten Kri­tik an den domi­nie­ren­den Ten­den­zen, bei­spiels­wei­se in der Medi­zin. Hier waren etwa Deutsch­land und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten in den alter­na­ti­ven Ten­den­zen füh­rend, in Deutsch­land vor allem im Blick auf die Homöo­pa­thie, in den USA sowohl auf die­se als auch auf die Osteo­pa­thie. Aus­schlag­ge­bend bei­spiels­wei­se für die staat­li­che Akzep­tanz der Osteo­pa­thie in vie­len Staa­ten der USA war die posi­ti­ve Reso­nanz bei den Patient/inn/en, trotz aller­schärfs­ter Gegen­wehr der Medi­cal Asso­cia­ti­on. Heu­te ist die Situa­ti­on kei­nes­wegs anders. Trotz aller­hef­tigs­ten Beschus­ses durch die evi­dence based medi­ci­ne wün­schen sich 79 % der gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­ten die Erstat­tung von homöo­pa­thi­schen Heil­mit­teln. Die­ses Bei­spiel soll zei­gen, dass es all­täg­li­che Über­zeu­gun­gen gibt, die für die ein­zel­nen Men­schen auf All­tags­er­fah­run­gen, die sie selbst betref­fen, beru­hen. Die­se blei­ben von der wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritts­rhe­to­rik weit­ge­hend unbe­rührt und unbe­ein­druckt, weil sie eine eige­ne, für sie selbst wich­ti­ge Erfah­rung gemacht haben.

Die Zeit seit den 1860er Jah­ren ist im Wis­sen­schafts­sys­tem die Zeit der Auf­lö­sung der gro­ßen phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät, zu der alle Wis­sen­schaf­ten als Unter­ab­tei­lun­gen mit Aus­nah­me der Medi­zin, der Theo­lo­gie und der Rechts­wis­sen­schaft gehör­ten. Zuerst lösen sich die Natur­wis­sen­schaf­ten wie die Phy­sik und Che­mie, dann die Bio­lo­gie ab. Psy­cho­lo­gie, Öko­no­mie und Sozio­lo­gie fol­gen. In der Psy­cho­lo­gie ist bis heu­te umstrit­ten, ob sie nun eher zu den Natur­wis­sen­schaf­ten, den Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten oder gar zu den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten gehö­re. Die wis­sen­schaft­li­che Fort­schritts­rhe­to­rik hat­te sug­ge­riert, dass mit der Zeit – etwa durch das Expe­ri­ment – die wis­sen­schaft­li­chen Fra­gen ent­schie­den wür­den. Das ist nicht ein­ge­tre­ten, wer heu­te Tex­te vom Ende des 19. Jahr­hun­derts zur Gehirn­for­schung liest, wie ich es selbst aus Inter­es­se, aber auch beruf­lich als Über­set­zer getan habe, wird fest­stel­len, dass die glei­chen Pro­ble­me schon damals dis­ku­tiert wor­den, etwa das Ver­hält­nis von neu­ro­na­len Pro­zes­sen und Bewusst­sein. Kei­nes von ihnen ist einer all­seits akzep­tier­ten Lösung näher gebracht wor­den. Zum einen stellt sich hier ein leicht erkenn­ba­res Sach­pro­blem: Die Leit­un­ter­schei­dung von Frau Ler­che, die ich in der vor­letz­ten Woche an die Tafel geschrie­ben habe, lau­tet: „Ratio­nal“ vs. „emo­tio­nal“. Dies ist sprach­lich aus­ge­drückt und folgt bestimm­ten sprach­li­chen Regeln, die man münd­lich oder schrift­lich aus­drü­cken kann. Kei­ne die­ser Regeln lässt sich fin­den, wenn nun Frau Ler­ches Gehirn unter­sucht wird, denn dort gel­ten rhyth­mi­sche che­misch-elek­tri­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­geln. Das Pro­blem einer man­geln­den Lösung hängt aber auch mit einer inne­ren wis­sen­schaft­li­chen Struk­tur zusam­men, wel­che durch­aus die Wis­sen­schaf­ten rela­ti­viert. Eine wis­sen­schaft­li­che For­schung beginnt mit einer mög­li­cher­wei­se erstaun­li­chen Beob­ach­tung, die viel­leicht eine Hypo­the­se ent­ste­hen lässt, wie Ereig­nis­se, Zusam­men­hän­ge usf. erklärt wer­den könn­ten. Die­se Regel oder das Gesetz sind erfun­den oder jeden­falls frei ent­wor­fen, um das Ereig­nis oder den Zusam­men­hang zu erklä­ren. Man stellt hypo­the­tisch-abduk­tiv eine Regel oder ein Gesetz auf, die das Beob­ach­te­te erklä­ren könn­ten – und ver­sucht die­se Regel oder das Gesetz dann durch Expe­ri­men­te usf. zu bestä­ti­gen. Wenn man gut geforscht hat, hält die Regel oder das Gesetz eini­ge Jah­re oder Jahr­zehn­te, wes­halb Nobel­prei­se oft sehr lan­ge nach den Ent­de­ckun­gen ver­lie­hen wer­den, weil in der Zwi­schen­zeit mit Recht ver­sucht wird, die auf­ge­stell­te Regel oder das Gesetz wis­sen­schaft­lich zu über­prü­fen oder zu wider­le­gen. Erst wenn das über län­ge­re Zeit nicht gelun­gen ist, kann ein Nobel­preis ver­lie­hen wer­den.

Dabei sind in den Wis­sen­schaf­ten unter­schied­li­che Ansprü­che an Genau­ig­keit uner­läss­lich, was sich eben­falls schon seit den 1860er Jah­ren abge­zeich­net hat­te, sofern die Wis­sen­schaf­ten die gesam­te Wirk­lich­keit umfas­sen wol­len:

Es gibt in der Wirk­lich­keit all­ge­mein meh­re­re Typen, m. E. drei Typen von Regeln, denen auch drei Wis­sen­schafts­ty­pen ent­spre­chen:

(1) Regeln, die gegen die Wahr­schein­lich­keit 1 ten­die­ren (es ist nahe­zu immer so – wie etwa, dass der Apfel immer nach unten vom Baum fällt, wenn wir das gewöhn­li­che Bezugs­sys­tem hier auf der Erde akzep­tie­ren), das sind die soge­nann­ten Natur­ge­set­ze, die frei­lich sehr wahr­schein­lich auch nur Nähe­run­gen sind. Hier­mit beschäf­ti­gen sich die Natur­wis­sen­schaf­ten, wobei die Bio­lo­gie schwä­che­re Wahr­schein­lich­eits­er­war­tun­gen hat als die Phy­sik, wie etwa die Akzep­tanz des Zufalls als ent­schei­den­des Ele­ment der Evo­lu­ti­on durch Dar­win gezeigt hat. Metho­de: Induk­ti­ves Schlie­ßen auf der Grund­la­ge von Expe­ri­men­ten, d. h.: Es gibt ver­schie­de­ne Fäl­le, die ein­an­der ähn­lich zu sein schei­nen, sodass man für sie eine gemein­sa­me Regel oder ein Gesetz unter­stellt. Die­ses muss aber in der Zukunft immer wei­ter unter­sucht wer­den. Dabei las­sen sich Hypo­the­sen nie­mals aus­schlie­ßen, wie jetzt in der aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Kri­tik der Dar­win­schen Posi­ti­on auf­grund neue­rer Ein­sich­ten in die Genom­struk­tur deut­lich wird.

(2) Regeln, die eher um die Wahr­schein­lich­keit 0,5 oder etwas höher schwan­ken (alles kann immer auch anders sein), das sind die sozia­len Regeln, z. B.: Ob Bay­ern Mün­chen Meis­ter wird, hat auf die letz­ten 40 Jah­re berech­net die Wahr­schein­lich­keit 0,5, dass Ange­la Mer­kels CDU zukünf­tig stärks­te Par­tei wird, viel­leicht 0,7. Für die­se Regeln, die sozia­len Regeln, ist es kon­sti­tu­tiv, dass sie Aus­nah­men ken­nen. Mit die­sen Regeln befas­sen sich die Sozi­al- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten. Metho­den: Induk­ti­ves und abduk­ti­ves bzw. hypo­the­ti­sches Schlie­ßen, z. B. für qua­li­ta­ti­ve Stu­di­en in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten uner­läss­lich, weil ein­zel­ne Äuße­run­gen eines Indi­vi­du­ums bei genau­er Betrach­tung schwer­lich unter eine all­ge­mei­ne Regel fal­len. Dann kann man die ein­zel­ne Äuße­rung auch nicht aus einer sol­chen Regel ablei­ten. Ein Pro­blem, das als Wis­sen­schaf­ten übri­gens nach mei­ner Wahr­neh­mung sowohl Psy­cho­lo­gie als auch Medi­zin haben …

(3) Regeln, die deut­lich zwi­schen 0,00000001 und viel­leicht 0,1 schwan­ken, das sind die Regeln, in denen Indi­vi­du­en dann viel­leicht doch über­ein­stim­men. Sol­che Regeln wer­den von den Wis­sen­schaf­ten erforscht, die man tra­di­tio­nell „Geis­tes­wis­sen­schaf­ten“ nennt. Da man hier in der Regel die Selbst­be­stim­mung und Frei­heit, das Sich-zu-sich-Selbst-Ver­hal­ten als Ver­hal­ten zu mei­ner Zukunft, d. h. den Ent­wurf mei­ner selbst unter­stellt, kann das auch nicht anders sein. Ich bin durch­aus jeden­falls auch selbst­be­stimmt anders als mei­ne Frau und sehr vie­le ande­re Men­schen – und will dies auch sein. Sowohl in der bil­den­den Kunst als auch in der Lite­ra­tur kom­men der­ar­ti­ge Ent­wür­fe zum Aus­druck, wes­halb sich die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten u. a. hier­mit befas­sen. Metho­de: Schwa­ches induk­ti­ves Schlie­ßen, star­ke qua­li­ta­ti­ve Beschäf­ti­gung mit dem Ein­zel­fall, Vor­herr­schen der Abduk­ti­on bzw. der Hypo­the­se.

Induk­ti­on und Abduk­ti­on bzw. Hypo­the­se sind die wich­tigs­ten wis­sen­schaft­li­chen Schluss­ver­fah­ren, deduk­ti­ve Schluss­ver­fah­ren sind sowohl im All­tag als auch in der Wis­sen­schaft nicht sehr pro­mi­nent. Dabei wird ange­nom­men, dass man aus einer oder meh­re­ren Prä­mis­sen zwin­gend auf etwas schlie­ßen kann.

Alle Men­schen sind sterb­lich.

Mar­tin Pött­ner ist ein Mensch.

Also ist Mar­tin Pött­ner sterb­lich (= wird ster­ben).

 

Nie­mand bestrei­tet das wohl hier im Raum, gleich­wohl bleibt eine letz­te Unsi­cher­heit, wenn Sie genau nach­den­ken. Erleich­tert wur­de die Klas­si­fi­zie­rung der Regeln in den Wis­sen­schaf­ten durch bestimm­te Ent­wick­lun­gen in der Mathe­ma­tik, wozu unter ande­rem die Wahr­schein­lich­keits­ma­the­ma­tik und vor allem die Rela­tio­nen­lo­gik gehö­ren, aber das ist jetzt nur ein Hin­weis … Die Schluss­for­men der Deduk­ti­on, Induk­ti­on und Abduk­ti­on sind seit der Anti­ke bekannt und wur­den im letz­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts logisch per­fek­tio­niert.

Die fol­gen­de Abbil­dung 1 fasst die­se Über­le­gun­gen zusam­men und weist der Phi­lo­so­phie einen Ort zu, an dem sie sich sowohl auf den All­tag als auch auf die ein­zel­nen Wis­sen­schafts­ty­pen bezieht. Damit sind alle Mög­lich­kei­ten ver­bun­den, wie Phi­lo­so­phie betrie­ben wer­den kann, eher all­tags­phi­lo­so­phisch, eher natur­wis­sen­schaft­lich inspi­riert, eher an Fra­gen der Gesell­schafts­ent­wick­lung ori­en­tiert oder eher auf Fra­gen der Kunst usf. bezo­gen.

Mögliche Beziehungen von Philosophie

Abbil­dung 1: Bezie­hung der Phi­lo­so­phie auf die ver­schie­de­nen Wis­sen­schafts­ty­pen und auf den All­tag

Die Phi­lo­so­phie bezieht sich auf alle drei Wis­sens­be­rei­che, dar­über aber auch noch auf Sitt­lich­keit und vor allem den All­tag. Letz­te­rer könn­te nur dann ernst­haft aus­ge­klam­mert wer­den, so mei­ne Posi­ti­on, wenn aus­schließ­lich wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­gen vom Wis­sen­schafts­ty­pus (1) ernst­haft sach­hal­tig wären. Man liest – auf­grund die­ses Glau­bens von Wissenschaftler/inne/n dann häu­fig, dass ein Autor wie Dar­win (so bei Joa­chim Bau­er) etwas „vor­weg­ge­nom­men“ habe, was erst heu­te wis­sen­schaft­lich und damit „rich­tig“ begrif­fen wer­den kön­ne. Es geht hier­bei um fol­gen­de Aus­sa­ge Dar­wins:

Sobald der Lei­den­de [nach Ver­lust einer gelieb­ten Per­son] sich voll­stän­dig bewusst wird, dass nichts mehr getan wer­den kann, nimmt Ver­zweif­lung oder tie­fer Kum­mer die Stel­le des wahn­sin­ni­gen Schmer­zes ein. Der Lei­den­de sitzt bewe­gungs­los da oder schwankt lang­sam hin und her. Die Zir­ku­la­ti­on [wohl vor allem der Blut­kreis­lauf; M. P.] wird trä­ge … Ist der Schmerz sehr hef­tig, so führt er bald äußers­te Nie­der­ge­schla­gen­heit oder Erschöp­fung her­bei.“ (Der Aus­druck der Gemüts­be­we­gun­gen bei dem Men­schen und den Tie­ren, [1872] Frank­furt a. M. 2000, 92)

Die­se Aus­sa­ge Dar­wins ist offen­sicht­lich auch dann rich­tig, wenn man nicht weiß, wel­che neu­ro­lo­gi­schen Sach­ver­hal­te mit den ent­spre­chen­den Selbst­be­ob­ach­tun­gen und Fremd­be­ob­ach­tun­gen nach den gegen­wär­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Hypo­the­sen kor­re­lie­ren. Es gibt über die Jahr­hun­der­te und Jahr­tau­sen­de ver­streut sehr vie­le Tex­te, die sehr genaue Beob­ach­tun­gen des­sen dar­le­gen, was wir heu­te über­wie­gend als „psy­cho­so­ma­tisch“ bezeich­nen. „Über­ra­schend“ ist das nur für den­je­ni­gen, der sich selbst gegen die wis­sen­schaft­li­che Igno­ranz die­ser All­tags­be­ob­ach­tun­gen auf­leh­nen muss­te und als ein­zi­ge Gegen­stra­te­gie den wis­sen­schaft­li­chen „Beweis“ kennt, der aber – wie schon im 19. Jahr­hun­dert gezeigt – äußerst ver­gäng­lich sein kann, weil irgend­ein jun­ger Mann oder eine jun­ge Frau, viel­leicht eine geschlecht­lich pari­tä­tisch besetz­te Arbeits­grup­pe, das dann doch wie­der modi­fi­ziert, auf einen bestimm­ten Bereich ein­schränkt oder gar wider­legt. Aber für vie­le alltags„psychologischen“ Hal­tun­gen ist das, was Dar­win sagt, alles ande­re als über­ra­schend. Ich selbst habe das an mir und ande­ren auch schon so oder jeden­falls ver­gleich­bar beob­ach­tet.

Wie das Bei­spiel Dar­wins zeigt, war man im 19. Jahr­hun­dert nur teil­wei­se der Ansicht, dass aus­schließ­lich eine wis­sen­schaft­lich-natur­wis­sen­schaft­li­che Erklä­rung vom Wis­sen­schafts­typ (1) bestimm­ter erleb­ter und wahr­ge­nom­me­ner Phä­no­me­ne deren Rea­li­tät ver­bür­ge. Dar­win war offen­sicht­lich nicht die­ser Ansicht – und dies soll­te stark zu den­ken geben.

Dies ist noch viel stär­ker bei den­je­ni­gen Sach­ver­hal­ten der Fall, die sich mit unse­rer Selbst­be­stim­mung, unse­rem Lebens­ent­wurf und der Sitt­lich­keit oder Ethik befas­sen. Wenn man alles im Modell des Wis­sen­schafts­ty­pus (1) zu erklä­ren ver­sucht, gibt es kei­nen eige­nen Lebens­ent­wurf oder kei­ne Sitt­lich­keit, denn die­se All­tags­vor­stel­lun­gen unter­stel­len so etwas wie abwä­gen­de Über­le­gung, Selbst­be­stim­mung und eine Unter­schei­dung des Bes­se­ren oder Schlech­te­ren nach Grün­den, was vor­zu­zie­hen wäre, viel­leicht auch die Unter­schei­dung des Guten vom Bösen – tat­säch­lich aber hat man bis­lang nur das Natur­ge­setz ver­kannt, nach dem sich sol­che Abwä­gun­gen, Ent­schei­dun­gen usf. voll­zie­hen. Ist alles nach Wis­sen­schafts­typ (1) zu erklä­ren, dann sind sol­che Erwä­gun­gen bes­ten­falls Illu­sio­nen. Nur ist Wis­sen­schafts­typ (1) nicht allei­ne, es gibt ja auch Wis­sen­schafts­typ (2) und (3), wel­che kei­ner­lei prin­zi­pi­el­le Pro­ble­me mit den Phä­no­me­nen des Lebens­ent­wur­fes, der Selbst­be­stim­mung oder der Sitt­lich­keit haben. Schon am Ende des 19. Jahr­hun­derts gab es daher Ver­su­che, das Bewusst­sein des Men­schen, sei­ne Spra­che, die Kul­tur fak­tisch auf bio­ti­sche bzw. genau­er phy­sio­lo­gi­sche Pro­zes­se zu redu­zie­ren, die von den gewöhn­li­chen Men­schen frei­lich als phy­sio­lo­gi­sche Pro­zes­se undurch­schaut sind.

Zusam­men­fas­send kann gesagt wer­den, dass sich an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de das Struk­tur­mus­ter des Ver­hält­nis­ses von Phi­lo­so­phie, Wis­sen­schaf­ten und All­tag her­aus­ge­bil­det hat­te, das auch heu­te noch gül­tig ist.

Beziehung zwischen Alltag und Wissenschaft im Kontext philosophischer Positionen

Abbil­dung 2: Stru­kur­mus­ter des Ver­hält­nis­ses von Phi­lo­so­phie und All­tag, das sich an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de aus­ge­bil­det hat.

Die Abbil­dung 2 soll dar­le­gen, wie das Ver­hält­nis von All­tag und Wis­sen­schaft im Blick auf die Phi­lo­so­phie struk­tu­riert ist. An den jewei­li­gen Extre­men ste­hen Phä­no­me­no­lo­gie und Posi­ti­vis­mus. Letz­te­rer ist fak­tisch eine 100%ige Wis­sen­schafts­phi­lo­so­phie, Fra­gen sind nur phi­lo­so­phisch rele­vant, wenn sie wis­sen­schaft­lich oder auf die Wis­sen­schaf­ten bezo­gen geklärt wer­den kön­nen. Dem­ge­gen­über ist die Phä­no­me­no­lo­gie wis­sen­schafts­skep­tisch bis wis­sen­schafts­kri­tisch, ihr gilt das eige­ne, beson­nen reflek­tier­te Erle­ben und Han­deln als der wah­re Wirk­lich­keits­be­zug, auf deren Grund­la­ge dann auch die Wis­sen­schaf­ten ope­rie­ren könn­ten, aber dies oft nicht tun, son­dern das erschlie­ßen­de Erle­ben und Han­deln oft durch abs­trak­te Theo­ri­en ver­stel­len. Die Phä­no­me­no­lo­gie ist daher im Kern rei­ne All­tags­phi­lo­so­phie. Prag­ma­tis­mus und Neu­kan­tia­nis­mus sind Phi­lo­so­phi­en, die bei­de Ele­men­te in sich ent­hal­ten, der Prag­ma­tis­mus geht wie die Phä­no­me­no­lo­gie von der All­tags­er­fah­rung aus, nimmt aber die Wis­sen­schaf­ten sehr genau wahr, weil die All­tags­er­fah­rung durch die Wis­sen­schaf­ten ja infra­ge gestellt wer­den kann. Der Neu­kan­tia­nis­mus akzep­tiert fak­tisch die ent­stan­de­nen Wis­sen­schaf­ten als Grund­la­ge der Phi­lo­so­phie und ist dar­in dem Posi­ti­vis­mus recht ver­wandt. Aber er glaubt, das Indi­vi­du­um kön­ne trotz aller wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se den­noch Wer­te bestim­men oder set­zen. Und dies ist für Fra­gen der Ethik oder Sitt­lich­keit aus­schlag­ge­bend. Nur ist das in der Wis­sen­schaft selbst nicht mög­lich, denn die­se kennt aus­schließ­lich Tat­sa­chen und Geset­ze, wel­che die Tat­sa­chen bestim­men, die jeweils wer­tungs­frei sein müs­sen.

Am Ende des 19. Jahr­hun­derts und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts zeig­te sich also, dass auf­grund der ver­schie­de­nen phi­lo­so­phi­schen Posi­tio­nen ein Pan­ora­ma von Mög­lich­kei­ten ent­stan­den war, wel­ches das Feld der mög­li­chen Bezie­hun­gen von All­tag und Wis­sen­schaft im Blick auf die Phi­lo­so­phie abge­steckt hat. All­tag und Wis­sen­schaft kön­nen in Bezug zur Phi­lo­so­phie unter­schied­lich kom­bi­niert wer­den. Oder man setzt aus­schließ­lich auf All­tag, dann beson­ders in Form der Lebens­welt. Es ist aber auch mög­lich, allein auf die Wis­sen­schaf­ten zu set­zen – und kein Ver­trau­en in die all­täg­li­chen Erfah­run­gen zu haben.

12. Februar 2009

1 Erin­ne­rung an die letz­te Sit­zung

Stö­run­gen gehen vor. M. E. ist es offen, ob hier eher Ver­ste­hens- oder Ein­ver­ständ­nis­pro­ble­me bestehen, nie­mand muss mit Haber­mas‘ Posi­ti­on ein­ver­stan­den sein. Ich neh­me daher zur Klä­rung noch ein­mal die Fra­ge des Sprach­sys­tems und der Sprach­struk­tur im Kon­text all­tags­phi­lo­so­phi­scher Erwä­gun­gen kon­kret bei Haber­mas auf. Wenn wir für uns „inner­lich“ selbst spre­chen oder mit ande­ren Men­schen spre­chen, neh­men wir Tei­le des im Sprach­sys­tem kodier­ten, mit Regeln ver­se­he­nen Zei­chen­vor­rats auf – in sel­te­nen Fäl­len schaf­fen wir neue Zei­chen oder neue Regeln, die dann von ande­ren akzep­tiert wer­den müs­sen, um im Sprach­sys­tem selbst kodiert zu wer­den und somit auch ande­ren Sprecher/inne/n zur Ver­fü­gung ste­hen. Es war stets eine beacht­li­che Nai­vi­tät der Sub­jekt- und Bewusstseins­phi­lo­so­phie, dass das „inne­re“ Spre­chen oder die „inne­ren“ Emp­fin­dun­gen, die inne­ren Bil­der nicht ernst­haft semio­tisch auf­ge­klärt wur­den. Unse­re Emp­fin­dun­gen, Bewusst­seins­bil­der und das inne­re Spre­chen stel­len m. E. die haupt­säch­li­chen Bewusstseins­phä­no­me­ne dar. Und es ist offen­sicht­lich, dass sie selbst im wei­te­ren Sinn Sin­nes­phä­no­me­ne sind, als Zei­chen han­delt es sich um neu­ro­na­le Pro­zes­se vor­wie­gend des Tast­sinns (Emp­fin­dun­gen), des Seh­sinns (Bewusst­seins­bil­der) und des Hör­sinns (inne­res Spre­chen). Die sinn­li­chen Zei­chen des Bewusst­seins sind also haupt­säch­lich taktil/haptisch, visu­ell und audi­tiv, ohne dass bei­spiels­wei­se olfak­to­ri­sche (rie­chen­de) und gusta­to­ri­sche (schme­cken­de) Phä­no­me­ne hier aus­ge­schlos­sen wer­den, sie erwei­tern, berei­chern und dif­fe­ren­zie­ren den Emp­fin­dungs­as­pekt des Bewusst­seins. Unse­re Emp­fin­dun­gen, Bewusst­seins­bil­der und das inne­re Spre­chen in ihrem sinn­li­chen Aspekt bezeich­nen die Ereig­nis­se unse­res Erle­bens und Han­delns, also wie wir unse­re Emp­fin­dun­gen, Bewusst­seins­bil­der und unser inne­res Spre­chen erle­ben, eben­so unse­re Hand­lun­gen, die ja in der Regel sen­so­ri­sche und/oder moto­ri­sche Aspek­te ein­schlie­ßen. Und die rezi­pie­ren­de Dar­stel­lung die­ses Ver­hält­nis­ses des sinn­li­chen Aspek­tes unse­rer Bewusstseins­phä­no­me­ne und der Ereig­nis­se unse­res Erle­bens und Han­delns stellt eine pro­zes­sua­le Selbst­re­fe­renz im Kon­text einer dyna­mi­schen, ver­än­der­li­chen Selbst­kon­zep­ti­on dar.

In der Inter­ak­ti­on mit ande­ren Men­schen ler­nen wir mit der Zeit zwei Per­spek­ti­ven zu unter­schei­den. Wir betrach­ten uns für uns selbst und unter­schei­den davon die Erwar­tun­gen der Ande­ren an uns, die die­se deut­lich oder undeut­lich gegen­über uns äußern. Im Anschluss an Erwä­gun­gen von Wil­liam James u. a. ist dies nicht sehr glück­lich als Dif­fe­renz von „I“ und „Me“ bezeich­net wor­den, was schon gefähr­li­che (und all­tags­sprach­lich fehl­ori­en­tier­te) Sub­stan­zia­li­sie­run­gen nahe legen kann. Tat­säch­lich sind aber hier Pro­zess­rei­hen von Ereig­nis­sen und Inter­pre­ta­tio­nen gemeint. Es bil­den sich also Selbst­kon­zep­tio­nen aus, die immer in Inter­ak­ti­on mit den wahr­ge­nom­me­nen Erwar­tun­gen der ande­ren an uns ste­hen. So kann man sich genau ent­spre­chend die­ser Erwar­tun­gen zu ver­hal­ten ver­su­chen, man kann aber dem­ge­gen­über auch eine eige­ne Per­spek­ti­ve deut­lich distan­ziert und frei ent­wer­fen. Die mit „I“ bezeich­ne­te Pro­zess­rei­he von Inter­pre­ta­tio­nen der qua­li­ta­ti­ven Iden­ti­tät der eige­nen Per­son, also die Ant­wort auf die Fra­ge: Wer bin ich? kann bestimm­te Ten­den­zen zur Kohä­renz auf­wei­sen, auch bis hin zur Ver­här­tung. Eben­so kann sie aber ange­sichts der dau­ern­den Wahr­neh­mung der durch „Me“ bezeich­ne­ten Pro­zess­rei­he ste­ti­gen Irri­ta­tio­nen und Her­aus­for­de­run­gen unter­lie­gen. Wor­auf es aber hier ankommt ist, dass sol­che Auf­fas­sun­gen von der qua­li­ta­ti­ven Iden­ti­tät einer Per­son einen holis­ti­schen, ganz­heit­li­chen Cha­rak­ter auf­wei­sen, sie ver­su­chen, die gesam­te Per­son zu inte­grie­ren.

An die­se im Prag­ma­tis­mus, dann z. T. auch in der Phä­no­me­no­lo­gie ent­wi­ckel­te Auf­fas­sung eines auf ande­re und ande­res inter­ak­tiv bezo­ge­nen Selbsts, die auf hier schon erwähn­te Ein­sich­ten von acht­sa­men Vätern und Müt­tern sowie auch der neue­ren For­schung zur Bil­dung des Selbst­be­wusst­seins bei Kin­dern bis zum ach­ten Monat auf­ruht, kann die Phi­lo­so­phie Haber­mas‘ anknüp­fen. Denn sofern die inne­ren Pro­zes­se selbst Zei­chen­pro­zes­se sind, han­delt es sich bei der öffent­li­chen Sprach­ver­wen­dung und
-rezep­ti­on aus der Innen­per­spek­ti­ve betrach­tet um nichts ande­res als um Über­set­zungs­pro­zes­se aus einem Zei­chen­sys­tem in ein ande­res, wobei dies beim inne­ren Spre­chen leich­ter als bei den inne­ren Bil­dern und Emp­fin­dun­gen ist. Es kommt dann aber genau dar­auf an, dass man sich das Sprach­sys­tem, das man all­täg­lich ver­wen­det, auch genau­er ansieht, also acht­sa­mer gegen­über den eige­nen auto­ma­ti­sier­ten, oft unbe­wuss­ten Gewohn­hei­ten wird.

Dies alles wird durch sprach­lich kodier­te, in der Sprach­struk­tur fest­ge­leg­te Regeln, die wir kei­nes­wegs alle selbst erfun­den haben, aus­ge­drückt, durch inde­xi­ka­li­sche Zei­chen wie „ich“, „du“, „er“, „sie“, „es“ … durch Prä­di­ka­te, wel­che die Satz­struk­tur mit­hil­fe von Prä­po­si­tio­nen und Beu­gun­gen bestim­men wie „Jemand ist Erwach­se­nen­bil­dungs­do­zent“, in deren „offe­ne Stel­len“ (hier durch „Jemand“ dar­ge­stellt) dann die inde­xi­ka­li­schen Zei­chen ein­ge­setzt wer­den kön­nen, sodass ganz ein­fa­che pro­po­si­tio­na­le Gehal­te ent­ste­hen kön­nen, wie „Ich bin Erwach­sen­bil­dungs­do­zent“. Dazu müs­sen jetzt Sie sich ver­hal­ten, Sie kön­nen den Kopf schüt­teln und sagen: „So what?“ – oder „Das ist uns nicht ganz unbe­kannt!“, viel­leicht auch: „Was wol­len Sie uns damit nun sagen?“ Und ich ant­wor­te: „Ich habe Ihnen einen Bei­spiel­satz gege­ben, an dem Sie die inter­ne Struk­tur eines öffent­lich geäu­ßer­ten Sat­zes in sei­nem kom­mu­ni­ka­ti­ven Voll­zug sehen.“

Die Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on die­ser Struk­tur durch Aris­to­te­les in περὶ ἑρμενείας (peri her­me­nei­as [Über den Aus­druck]) hat dazu geführt, dass die inde­xi­ka­li­schen Zei­chen als Ver­wei­se auf Sub­stan­zen gedeu­tet wur­den, im Mit­tel­al­ter wur­de die Sub­stanz dann zur zen­tra­len Kate­go­rie auf­ge­wer­tet, was sich auch in den Sub­jekt­kon­zep­tio­nen und den Unter­stel­lun­gen von „dem Ich“ nie­der­schlägt, hier­bei han­delt es sich um Sub­stanziali­sie­run­gen, die nicht durch die All­tags­spra­che gedeckt sind. Rückt dem­ge­gen­über das Prä­di­kat in den Vor­der­grund der Betrach­tung wird die Kate­go­rie der Rela­ti­on, der Bezie­hung wesent­lich, denn Prä­di­ka­te drü­cken Rela­tio­nen aus. Dies wird nicht nur durch unse­re Sprach­struk­tur unter­stützt, son­dern auch durch eine ent­spre­chen­de Rela­tio­nen­lo­gik, wie sie Peirce vor­ge­legt hat­te. Par­al­lel dazu hat sich in der Quan­ten­phy­sik gezeigt, dass auch hier die Phä­no­me­ne bes­ser ver­stan­den wer­den kön­nen, wenn die Rela­ti­on als Grund­la­ge der Wis­sen­schaft betrach­tet wird, Par­al­le­len erge­ben sich bei­spiels­wei­se auch zur Osteo­pa­thie, wenn sie wis­sen­schaft­lich und phi­lo­so­phisch reflek­tiert ist[1], dies gilt auch ins­be­son­de­re für die Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin[2].

Der pro­po­si­tio­na­le Gehalt von „Ich bin Erwach­se­nen­bil­dungs­do­zent“ ist klar, der instruk­ti­ve Modus oder Sprechakt­mo­dus kann eine Behaup­tung sein, ist aber hier von mir als Erklä­rung oder Ver­an­schau­li­chung gemeint. Sie sind ange­re­det – und reagie­ren auf der Ver­ständ­nis­ebe­ne meta­kom­mu­ni­ka­tiv auf mei­ne etwas rät­sel­haf­te Äuße­rung, indem Sie nach dem gemein­ten instruk­ti­ven Modus oder Sprechakt­mo­dus fra­gen.

Als ich den Bei­spiel­satz äußer­te, habe ich ver­sucht, die vier Prin­zi­pi­en:

  • Inklu­si­vi­tät,
  • Gleich­ver­tei­lung kom­mu­ni­ka­ti­ver Frei­hei­ten,
  • Auf­rich­tig­keits­be­din­gung,
  • Abwe­sen­heit von kon­tin­gen­ten äuße­ren oder der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tur inne­woh­nen­den Zwän­gen ein­zu­hal­ten.

Die mög­li­chen Äuße­run­gen, die ich Ihnen zuge­schrie­ben habe, neh­men die meta­kom­mu­ni­ka­ti­ven Mög­lich­kei­ten der Sprach­struk­tur bzw. des Sprach­sys­tems in Anspruch. Die­se Struk­tur löst nach Haber­mas die alten tran­szen­den­ta­len Unter­stel­lun­gen ab, sie ist viel­leicht „banal“, was aber gera­de nicht gegen sie spricht. Denn es geht um All­tags­phi­lo­so­phie in einem bestimm­ten Sinn, Phi­lo­so­phie drückt nicht abs­trak­te und nur weni­gen zugäng­li­che Gehal­te aus, die sie dann dem armen Volk mit­teilt – jeden­falls tun Alltagsphilosph/inn/en so etwas nicht. Es geht dar­um, dazu anzu­lei­ten, acht­sam mit der eige­nen Pra­xis umzu­ge­hen – und dar­in die Mög­lich­kei­ten, Ansät­ze zu einer gelin­gen­den Gesell­schaft zu fin­den und sie mög­lichst aus­zu­bau­en.

Eben dies wird all­ge­mei­ner durch die Erwar­tungs­si­cher­heit des Rechts gestützt, weil selbst meta­kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­su­che oft kei­ne Ein­ver­ständ­nis­se her­vor­brin­gen, vor allem aber, weil lei­der auch in der Zeit von DSL und Inter­net nicht stän­dig alle mit allen alles genau aus­han­deln kön­nen, selbst in der Schweiz will das nicht gelin­gen, wes­halb es Volks­ab­stim­mun­gen und kei­ne zwin­gend vor­ge­schrie­be­nen Volks­kon­sen­se gibt. Wie Haber­mas‘ rekur­si­ve Grund­rechts­in­ter­pre­ta­ti­on zeigt, beru­hen auch die Rechts­set­zun­gen letzt­lich auf der Betei­li­gung vie­ler Men­schen an ele­men­ta­ren Dis­kur­sen, die sogar not­wen­dig sind, um die ver­schie­de­nen Ebe­nen des Poli­tik­sys­tems nahe am eigent­li­chen Sou­ve­rän, dem Volk zu hal­ten. Ange­sichts der ver­schie­de­nen Dia­lek­te in den gesell­schaft­li­chen Sub­sys­te­men wird also mit dem Recht doch ein Inte­gra­ti­ons­ver­such gemacht, der oft nur sank­ti­ons­be­wehrt ver­neint wer­den kann. Das Recht fun­giert also oft wider Wil­len als all­ge­mei­ne Spra­che oder als all­ge­mei­nes Zei­chen­sys­tem, das eine gewis­se Erwar­tungs­si­cher­heit in der Gesell­schaft schafft. Daher die Ver­su­che, jetzt gehalt­vol­le Rechts­set­zun­gen in der Fol­ge der Finanz­kri­se zu fin­den.

[1] Gör­nitz, T., Quan­ten sind anders. Die ver­bor­ge­ne Ein­heit der Welt, Heidelberg/Berlin 1999; Litt­le­john, J. M., Psy­cho­phy­sio­lo­gie, Pähl 2008.[2] Uex­küll, Th. von u. a. (Hg.), Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin, Mün­chen u. a. 1997.

10. Februar 2009

III: Jür­gen Haber­mas">Sozi­al­phi­lo­so­phie III: Jür­gen Haber­mas

1. Erinnerung an den 02.02.

Die Sitzung befasste sich mit den Diskursdifferenzierungen, auch dem Ansatz zur Diskursethik – und den entsprechenden wesentlichen vier Kriterien:

  • Inklusivität,
  • Gleichverteilung kommunikativer Freiheiten,
  • Aufrichtigkeitsbedingung,
  • Abwesenheit von kontingenten äußeren oder der Kommunikationsstruktur innewohnenden Zwängen.

Deutlicher als zuvor wurde im Kurs, dass es Habermas um die Interpretation der kommunikativen Sprachstruktur geht, welche u. a. diese vier Punkte voraussetzt. Und wer in Diskursen diese Sprachstruktur verwendet, muss faktisch diese vier Punkte unterstellen.

Wie ist es dann zu erklären, was im Kurs nicht selten betont wurde, dass wir dann so viele gegenteilige Erfahrungen machen? Selbst die friedlichste Frau kann nichts dagegen tun, dass der befremdliche Nachbar selbst auf metakommunikative Klärungsversuche nicht eingehen möchte. Habermas‘ Argument zielt darauf, dass jede/r auf diese Diskursvoraussetzungen angesprochen werden kann – danach richten muss sich niemand, denn man kann sprachlich Vorgegebenes verneinen. Diese kommunikative Sprachstruktur tritt bei Habermas an die Stelle der alten transzendentalen Voraussetzungen, jede/r kann sich bei einigem Nachdenken über diese Voraussetzungen ihrer/seiner alltäglichen Sprachpraxis klar werden. Damit vollzieht Habermas auch eine deutliche philosophische Wende mit, er tendiert jedenfalls teilweise zur Alltagsphilosophie. Theorien stehen nicht mehr einfach als wissenschaftliche Theorien der Alltagserfahrung gegenüber, aber wichtiger ist noch, dass Theoretiker selbst an der Alltagspraxis teilnehmen müssen, jedenfalls für philosophische theoretische Annahmen gilt, dass die Philosophin oder der Philosoph diesen nicht einfach distanziert gegenübersteht, sondern sie aus ihrer/seiner eigenen Alltagspraxis und derjenigen anderer Menschen entwickelt. Prinzipiell gilt also die Grundidee von Peirce, dass „alle Menschen philosophieren…“

2. Die ergänzende Rolle des Rechts

Wie das Alltagsbeispiel des Nachbarschaftsstreits zeigt, gibt es auch bei Verständigungsversuchen einer Seite oft keine Lösung, weil die andere Seite den Diskurs schlicht verweigert. Noch allgemeiner aber ist, dass es in einer großen komplexen Gesellschaft selbstverständlich viele Auffassungen dessen gibt, was gut, richtig, angemessen, nützlich usf. ist. Es gibt unterschiedliche Interessen von Individuen, Gruppen, Unternehmen, zivilgesellschaftlichen Akteuren wie Religionsgemeinschaften, Nichtregierungsorganisationen, Verbänden usf. Habermas teilt die Annahme vieler Historiker/innen, Sozialgeschichtler usf., dass nach der Aufklärung die europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften zu nachtraditionellen Gesellschaften geworden sind, mit unterschiedlichen Gewichtungen und Geschwindigkeiten, aber mit einer einheitlichen Tendenz. Wie schon in der klassischen Antike wird insgesamt deutlicher, dass nicht nur in anderen Ländern andere Sitten gelten, sondern dass auch in derselben Gesellschaft deutlich verschiedene sittliche Überzeugungen und Lebensformen auftreten. Noch stärker als in der Antike tritt das einzelne Individuum aus seinen gewohnten Sozialbezügen wie Familie, Kirche, Nachbarschaft, kleineren oder größeren politischen Gemeinschaften usf. heraus – und führt potenziell ein selbstbestimmtes, selbstentworfenes Leben, wie Habermas u. a. mit Bezug auf Sartre sagt. Insofern tritt die traditionelle Verflochtenheit in Milieus, Lebenswelten, Gemeinschaften stärker zurück. Zunehmend ergeben sich ganz verschiedene Lebensperspektiven, die teilweise auch über massenmediale Kommunikation präsentiert werden. „Normal“ wird am ehesten das Bestreben, über einen Beruf in die Gesellschaft einbezogen zu werden (Berufsbiografie).

Wie schon in der klassischen Antike reagiert die Philosophie auf derartige gesellschaftliche Tendenzen mit dem Versuch, über traditionelle Moralen bzw. Sittlichkeiten hinaus, ethisch sittliches Leben zu begründen. Darin zeigt sich, dass nichts einfach selbstverständlich oder „naturwüchsig“ ist. Da es keine wirklich tragfähigen Letztbegründungsmuster gibt, bleibt der Diskurs der verschiedenen Perspektiven, der an sich mit seinen metakommunikativen Möglichkeiten eine Idealform der Vergesellschaftung bietet. Alles wird von allen besprochen und ausgehandelt. Die verschiedenen Perspektiven werden anerkannt – und man findet für alle tragbare Kompromisse. Das mag noch für die antike Polis (Stadt) eine realistische Perspektive gewesen sein, so auch Hannah Arendts politische Vorstellungen, die denen von Habermas teilweise sehr verwandt sind. Schon aus Zeitgründen, Entfernungsgründen, Gründen der Beschäftigung usf. ist ein Dauerdiskurs aller mit allen nur schwer möglich, prinzipiell sind DSL und das Internet hier zwar Verbesserungen, aber eigentlich nur in der Entfernungsfrage. Insofern braucht man für komplexe Gesellschaften, in denen ganz verschiedene Lebensentwürfe und Interessen auftreten, ein abstraktes Niklas LuhmannKommunikationsmedium, das Erwartungssicherheit schafft. Den Begriff der Erwartungssicherheit übernimmt Habermas aus der systemtheoretischen Soziologie insbesondere Niklas Luhmanns. Dieser hat theoretisch beobachtend die gesellschaftlichen Prozesse seit der frühen Neuzeit als fortschreitende Differenzierung von gesellschaftlichen Subsystemen beschrieben, die ihre Kommunikationen an bestimmten Leitdifferenzen ausrichten, Wahrheit vs. Falschheit ist die Leitdifferenz des Subsystems Wissenschaft, „Zahlen“ vs. „Nicht-Zahlen“ diejenige des Wirtschaftsystems, „Transzendenz“ vs. „Immanenz“ orientiert die Kommunikationen des Religionssystems, „Regierung vs. Opposition“ ist Luhmann zufolge die Leitdifferenz der Kommunikationen des Politiksystems. Da die verschiedenen Leitdifferenzen die jeweiligen Kommunikationen stark prägen, entstehen in einer Gesellschaft subsystemspezifische Dialekte, die füreinander nahezu unverständlich sind, wie längere Zeit zwischen Politiksystem und Wirtschaftssystem bei uns ganz klar erkennbar war. Nun ist die Differenz von „Zahlen“ und „Nicht-Zahlen“ relativ leicht auch in andere Systeme übertragbar, weil sich jede/r irgendwie ernähren muss, politische Projekte Geld kosten usf., sodass dem Wirtschaftssystem und seiner Leitdifferenz in der Gesellschaft eine dominierende Rolle zugewachsen ist.

Viele Punkte der Analyse Luhmanns sind so gut, dass sie unbestreitbar erscheinen. Auch Habermas ist hiervon nicht unbeeindruckt, daher übernimmt er auch die soziologische Rechtsdefinition als Sicherstellung von Erwartungssicherheit. Damit ist gemeint, dass die vielen Streitsituationen, Interessenskonflikte usf., die nicht im vernünftigen Diskurs einvernehmlich geklärt werden können, einer Entscheidung bedürfen. Allerdings kommen die entsprechenden erwartungssicherheitssichernden Rechtsregelungen durch parlamentarischen Beschluss oder administrative Rechtsverordnung zustande, sodass sie stets bestenfalls einen Kompromiss zwischen Interessen darstellen können, etwa zwischen Hausbesitzern und Mietern, Arbeitnehmern und Arbeitgebern, Selbstständigen und Nicht-Selbstständigen, Religiösen und Areligiösen, Migranten und Einheimischen, Frauen und Männern. Die Erwartungssicherheit wird dadurch gesichert, dass bei Nichtbefolgung dieser Regeln staatlich oder privat geklagt werden kann – und es entsprechend Sanktionen geben kann.

Nüchtern betrachtet, gibt es das Recht, weil sich die verschiedenen Individuen, Gruppen, Organisationen usf. nicht in Diskursen auf eine einheitliche Moral einigen können. Es gibt auch nicht so viele gut erzogene Individuen, die sich vorbildlich verhalten, sondern über rechtliche Regelungen wird die Entscheidung auf das Parlament geschoben, woraus dann neue rechtliche Regeln als Kompromiss entstehen, die entsprechende Empörung mancher Gruppen hervorrufen, wie man sich an der Abtreibungsregelung leicht klar machen kann. Hier ist das Rechtssystem und seine Problemlage sogar im Bundesverfassungsgericht reflexiv geworden, weil dieses entschieden hat, dass Abtreibung in den ersten drei Monaten zwar rechtswidrig sei, aber straffrei bleibe – in diesem Paradox zeigt sich die Gespaltenheit in den Meinungen innerhalb der Bevölkerung, der Widerstreit zwischen Lebensrecht des Embryos und Selbstbestimmungsrecht der Mutter.

Demgegenüber gibt es neuerdings wieder Versuche, die sittliche Realität als eigentlich sehr viel einfacher darzustellen. Wissenschaftlich wird evolutionsbiologisch und darauf aufbauend „moralpsychologisch“ versucht festzuhalten, es gebe evolutionär vorseligiert bestimmte Standardeinstellungen, die bei aller Varianz von allen Menschen im Kern – sozusagen angeboren – geteilt würden:

„[W]e evolved a moral instinct, a capacity that naturally grows within each child, designed to generate rapid judgments about what is morally right or wrong based on an unconscious grammar of action. Part of this machinery was designed by the blind hand of Darwinian selection millions of years before our species evolved; other parts were added or upgraded over the evolutionary history of our species, and are unique both to humans and to our moral psychology.“[1]

„Wir haben einen moralischen Instinkt ausgebildet, eine Fähigkeit, die natürlich in jedem einzelnen Kind wächst und dazu entworfen ist, schnelle Urteile darüber zu fällen, was moralisch richtig oder falsch ist. Dies geschieht auf der Grundlage einer unbewussten Grammatik der Handlung. Ein Teil dieses Mechanismus wurde durch die blinde Hand der darwinschen Selektion Millionen Jahre vorher entworfen, bevor sich unsere Art entwickelte. Weitere Teile wurden während der Evolutionsgeschichte unserer Art hinzugefügt oder erweitert. Und sie stehen einzigartig sowohl den Menschen und unserer moralischen Psychologie zur Verfügung.“

Dieser Mechanismus führt dann folgende „richtige“ moralische Urteile aus, die sozusagen blitzschnell ausgespuckt werden:

„1. ‚Don’t kill‘, 2. ‚Don’t cause pain or suffering to others‘, 3. ‚Prevent evil or harm from occuring‘, 4. ‚Rescue persons in danger‘, 5. ‚Tell the truth‘, 6. ‚Nurture the young and dependent‘, 7. ‚Keep your promises‘, 8. ‚Don’t steal‘, 9. ‚Don’t punish the innocent‘, 10. ‚Treat all persons with equal moral consideration.‘[2]

1. Du sollst nicht töten; 2. Verursache bei anderen keinen Schmerz oder kein Leiden; 3. Vermeide das Auftreten von Übel oder Schaden; 5. Sage die Wahrheit; 6. Fördere die jungen und abhängigen Menschen; 7. Halte Deine Versprechen; 8. Du sollst nicht stehlen; 9. Bestrafe nicht den Unschuldigen; 10. Behandele alle Menschen mit gleicher moralischer Achtung.

Dass es sich hierbei gerade um zehn Regeln oder spontane Urteile handelt, ist natürlich vor dem Hintergrund der Bibel suggestiv. Aber schon in der Bibel ist der erste Punkt: „Du sollst nicht töten!“ in seiner Bedeutung kontrovers. In den Zehn Geboten bedeutet der Ausdruck genau den Mord an einem rechtstreuen Mitglied der nordisraelitischen, judäischen oder später jüdischen Gruppe. Erst im alexandrinischen Frühjudentum und in der Bergpredigt wandelt sich der Sinn dieser Formulierung durch dynamische, erfahrungsgesteuerte Schriftauslegung zu einem universalen Tötungsverbot. Schon dieses eine Beispiel zeigt, dass es die angeborene Sittlichkeit nicht gibt, sondern dass sie sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen z. T. ganz gegensätzlich wandelt – und in der klassischen Antike sowie in der Folge der Aufklärung wird dies explizit, weshalb Habermas den vernünftigen Diskurs empfiehlt – und als Entlastung dann das Recht, welches auch schwierige Streitfragen um das Tötungsverbot wie bei der Abtreibung einigermaßen kompromissfähig entscheidet und damit eine relative Erwartungssicherheit verleiht.

Eines der Hauptprobleme dieser Funktion des Rechts besteht darin, dass das Volk als Souverän durch seine Vertreter das Recht beschließen lässt, dem es sich dann selbst unterwirft – und auch den Sanktionen, die folgen, wenn das Recht von seinen eigentlichen Autoren nicht befolgt wird.

Dies geht nur dann, wenn es eben auch entsprechende Grundrechte gibt, welche die souveräne Stellung des Volkes oder der Bevölkerung sicherstellen:

(1) „Grundrechte, die sich aus der politisch autonomen Ausgestaltung des Rechts auf das größtmögliche Maß gleicher subjektiver Handlungsfreiheiten ergeben.“ (Faktizität und Recht, 1999, 155)

Damit ist gemeint, dass wir genau dasjenige tun und lassen dürfen, was die Freiheitsrechte anderer Menschen nicht verletzt. Dazu gehören auch das Recht auf Leben und körperliche und psychische Unversehrtheit. Diese Grundrechte eröffnen uns einen beachtlichen Freiheits- und Handlungsspielraum.

(2) „Grundrechte, die sich aus der politisch autonomen Ausgestaltung des Status eines Mitgliedes in einer freiwilligen Assoziation von Rechtsgenossen ergeben.“ (ebd.)

Dies nimmt darauf Bezug, dass wir Vereine, Parteien, Unternehmen, Organisationen jeder Art gründen können, die auf der freien Zustimmung anderer beruhen.

(3) „Grundrechte, die sich unmittelbar aus der Einklagbarkeit von Rechten und der politisch autonomen Ausgestaltung des individuellen Rechtsschutzes ergeben.“ (156)

So etwa das informationelle Selbstbestimmungsrecht, dasjenige der Unverletztlichkeit der Wohnung, das Recht auf Eigentum u. a. m.

Dass wir auch Autor/inn/en unserer Rechtsordnung sind, wird durch die folgenden Grundrechte sichergestellt:

(4) „Grundrechte auf die chancengleiche Teilnahme an Prozessen der Meinungs- und Willensbildung, worin Bürger ihre politische Autonomie ausüben und wodurch sie legitimes Recht setzen.“ (156)

Diese vierte Perspektive der Grundrechte ist reflexiv, weil es natürlich auch die Grundrechte der Art (1) bis (3) nicht gäbe, wenn sie nicht durch die Ausübung von Rechten der Art (4) gesetzt oder „gesatzt“ worden wären. Ein gutes Beispiel ist das jetzt geschlossene Gefangenenlager Guantanamo, in denen Menschen die Rechte der Art (3), also die Einklagbarkeit verweigert wurde, weil nicht zuletzt u. a. massiv durch Folter gegen das Recht auf körperliche und psychische Unversehrtheit (1) verstoßen wurde. Diese Menschen wurden ganz bewusst sogar außerhalb des Rechtsraumes des Völkerrechts bzw. des Kriegsgefangenenrechts gehalten, sie galten als outlaws im wörtlichen Sinn, also in keiner Weise auch als Autor/inn/en des Rechts, gegen das sie angeblich verstoßen hatten.

Es gibt weitere Grundrechte, die Habermas entsprechend modern formuliert:

(5) „Grundrechte auf die Gewährung von Lebensbedingungen, die in dem Maße sozial, technisch und ökologisch gesichert sind, wie dies für die chancengleiche Nutzung der (1) bis (4) genannten bürgerlichen Rechte unter gegebenen Verhältnissen jeweils notwendig ist.“ (156f)

Um (1) bis (4) ausüben zu können, bedarf der einzelne Mensch also:

(a) eines Sozialstaates, der durchaus auch subsidiär organisiert werden kann, also etwa durch Nichtregierungsorganisationen wie die Caritas;

(b) einer wissenschaftlich-technischen Sphäre, die sich ökononisch und lebensweltlich in der Produktion und dem Konsum entsprechender Güter zeigt;

(c) einer Lebenswelt und Ökonomie, die im Einklang mit den ökologischen Verhältnissen besteht.

Dies alles wird politisch-administrativ und gesetzgeberisch wieder in Rechtsverordnungen oder Gesetze gegossen.

D. h., die ursprüngliche Idee des vernünftigen Diskurses aller mit allen lässt sich angesichts der komplexen modernen Gesellschaften, der in ihnen widerstreitenden Interessen, der Verschiedenheit der Lebensentwürfe der Individuen nur in der Kombination mit politisch-administrativen und gesetzgeberischen Verfahren und Rechtssetzungen einlösen. Diese friedliche Lösung Habermas‘ darf nicht missverstanden werden, die politisch-administrativen und gesetzgeberischen Prozesse bleiben nur dann akzeptabel, wenn die Bevölkerung selbst an der basalen Diskursebene stets aktiv beteiligt bleibt. Damit ist gemeint, dass die Rechte der Art (4) wirklich aktiv von sehr vielen Bürger/inne/n genutzt werden müssen, um eine Verselbstständigung der politisch-administrativen und gesetzgeberischen Ebene als eher unwahrscheinlich erscheinen zu lassen. Der Wahlkampf von Obama, der ja eine zweijährige Vorgeschichte hat, zeigt, dass es geht. Und die ersten Äußerungen der Administration belegen u. a. bei der Münchner Sicherheitskonferenz, dass die administrative Politik der Vereinigten Staaten eine gewaltige Umkehr erfahren hat.


[1] Hauser, Marc D (2006) Moral minds. How nature designed our universal sense of right and wrong. New York: Harper Collins. S. xvii.[2] Beauchamp, Tom (2003) A Defense of the Common Morality. S. 260.

3. Februar 2009

2. Erin­ne­rung an die letz­te Sit­zung (Phi­lo­so­phie für Jeder­mann, Neckar­ge­münd)

Die letz­te Sit­zung ver­such­te sich dem grund­le­gen­den Modell von Jür­gen Haber­mas zu nähern, die ein­zel­nen Momen­te wie pro­po­si­tio­na­ler Gehalt einer Äuße­rung, instruk­ti­ver Modus, kom­mu­ni­ka­ti­ver Aspekt jeder Äuße­rung, Pro­ble­me des Ver-ste­hens und die Schwie­rig­kei­ten des Ein­ver­ständ­nis­ses mit einer Äuße­rung wur­den bespro­chen. Sind Äuße­run­gen prin­zi­pi­ell kom­mu­ni­ka­tiv, ist auch die Ent­ste­hung des Selbst­be­wusst­seins nur vor einem kom­mu­ni­ka­ti­ven Hin­ter­grund denk­bar, wofür auch jüngs­te empi­ri­sche For­schun­gen spre­chen, dann gilt prin­zi­pi­ell, dass Haupt­ge­gen­stand einer Phi­lo­so­phie durch­aus die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­se sein kön­nen. Das Indi­vi­du­um und sein Bewusst­sein wer­den mit­hin – wie Haber­mas gele­gent­lich sagt – „dezen­triert“.
Die Schwie­rig­kei­ten, die ein sol­cher Ent­wurf bie­tet, lässt sich nur über Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on kon­trol­lie­ren: Wie ist eine Äuße­rung zu ver­ste­hen? Wie kön­nen wir mit­ein­an­der über eine Äuße­rung ein­ver­stan­den sein? Bei­de Fra­gen müs­sen meta­kom­mu­ni­ka­tiv erör­tert wer­den. In kei­nem Fall wird dadurch eine Eini­gung zwin­gend, den­noch ist sie mög­lich.
Wer auf Meta­kom­mu­ni­ka­ti­on setzt, muss mit dem Eis­berg­phä­no­men rech­nen: Unter Wasser ist noch mehr...Man­ches, viel­leicht das Meis­te, ist an der Ober­flä­che nicht zu sehen, es bestimmt gleich­wohl jede kom­mu­ni­ka­ti­ve Äuße­rung mit, die natür­lich stets in die gesam­te Wirk­lich­keit eines Indi­vi­du­ums ein­ge­bet­tet ist. Gleich­wohl bie­ten die for­ma­len Struk­tu­ren der Spra­che, die sich als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­ter ana­ly­sie­ren las­sen, unzwei­fel­haft eine sta­bi­le Struk­tur, wor­in alle Indi­vi­du­en ein­be­zo­gen wer­den. Auch der Aus­tausch von Grün­den ermög­licht eine Klä­rung von Kon­flik­ten. Dass die­se geklärt wer­den kön­nen, ist mög­lich, aber nicht zwin­gend. Haber­mas setzt aber auf die sprach­lich struk­tu­rell vor­ge­ge­be­ne Mög­lich­keit, auf die man immer wie­der auf­merk­sam machen kann und auch muss. Dis­kurs­ver­wei­ge­rer haben es daher nicht leicht, weil sie gegen die sprach­lich vor­ge­se­he­nen Regeln ver­sto­ßen, was man ihnen dann auch vor­hal­ten kann.

3. Dis­kurs­un­ter­stel­lun­gen, Dis­kurs­un­ter­schei­dun­gen

Haber­mas’ Ziel besteht in einer Rekon­struk­ti­on des poli­ti­schen Dis­kur­ses. Die­ser wird oft stell­ver­tre­tend für die ein­zel­nen Men­schen von Orga­ni­sa­tio­nen geführt, die dann auch in den Medi­en reprä­sen­tiert sind. Die­se ver­su­chen oft ihren Ein­fluss zu maxi­mie­ren, sodass ungüns­ti­ge Dis­kurs­sti­le ent­ste­hen, wie man sie etwa in Talk­shows beob­ach­ten kann – es scheint eher nicht um Kon­flikt­klä­rung, son­dern um Durch-set­zung der eige­nen Posi­ti­on zu gehen. Dies wider­spricht im Kern dem Grund­ge­setz, wel­ches vor­sieht, dass alle Gewalt vom Volk aus­geht. Das kann nur funk­tio­nie­ren, wenn „das Volk“ sei­ne bestim­men­de poli­ti­sche Macht nicht an die Stell­ver­tre­ter ein­fach abgibt. Die anspruchs­vol­le Idee, dass das Poli­tik­sys­tem in der Gesell­schaft zur Selbst­steue­rung der Gesell­schaft stark bei­tra­gen soll, ist sonst gar nicht zu leis­ten. Es liegt also nicht nur an den Berufs­po­li­ti­kern, wenn es zu einer star­ken Ent­frem­dung von poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten und Volk kommt, son­dern auch am man­geln­den poli­ti­schen Enga­ge­ment der Men­schen. Wie die letz­ten Jah­re in Deutsch­land gezeigt haben, ist eine zu gro­ße Arbeits­tei­lung hier eher nicht ziel­füh­rend. Umge­kehrt konn­te Barack Oba­ma nur die Wahlkampagne ObamasPrä­si­dent­schafts­wahl gewin­nen, weil er eine basis­ori­en­tier­te Mobi­li­sie­rung von Men­schen erreicht hat, die bis­her nicht gewählt haben. Dabei müs­sen die Erwar­tun­gen der Men­schen mit dem poli­ti­schen Sys­tem von Par­la­ment und Exe­ku­ti­ve ver­mit­telt wer­den. Die Kam­pa­gne von Oba­ma ist aller­dings ein gutes Bei-spiel dafür, dass der Ver­such gelin­gen kann, die ver­schie­de­nen Ebe­nen des Poli­tik­sys­tems, die ele­men­ta­re poli­ti­sche Ver­stän­di­gung in der Bevöl­ke­rung und die admi­nis­tra­tiv-par­la­men­ta­ri­sche Ebe­ne mit­ein­an­der zu ver­schrän­ken.
Haber­mas’ Idee besteht nun dar­in, dass sein Dis­kurs­mo­dell für die­se bei­den ent­schei­den­den Ebe­nen gel­ten soll. Nur so ist der Ein­fluss von Lob­by­is­ten ratio­nal bear­beit­bar. Die­se tra­gen offen legi­tim ihre Vor­stel­lun­gen vor – und set­zen sich öffent­lich der Kri­tik oder auch Zustim­mung aus. Das Grund­prin­zip ist also das­je­ni­ge einer unbe­schränk­ten Öffent­lich­keit. Gegen die Vor­fil­te­run­gen bei­spiels­wei­se der Main­stream-Medi­en gibt es heu­te nicht nur die alten Metho­den der Kom­mu­ni­ka­ti­on vor Ort z. B. durch Demons­tra­tio­nen, Ver­an­stal­tun­gen usf., son­dern – wie man auch an der Kam­pa­gne Oba­mas sehr schön sehen kann – das Inter­net. Oba­ma hat sei­nen Inter­net­wahl­kampf stets mit ent­spre­chen­den Com­mu­nities ver­bun­den, die dann auch vor Ort aktiv wur­den. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie von Isra­el im Gaza­kon­flikt ist nicht zuletzt an der Blog­sphä­re geschei­tert, weil dort als­bald ent­spre­chen­de fata­le Bil­der zu sehen waren, die nicht zur offi­zi­el­len Auf­fas­sung der israe­li­schen Regie­rung pass­ten. Dies hat­te Rück­wir­kun­gen auch auf die Leit­me­di­en, die das nicht mehr unter­drü­cken konn­ten. Ohne Enga­ge­ment geht das natür­lich nicht, das poli­ti­sche Inter­es­se an der Selbst­be­stim­mung muss vor­han­den sein, dar­auf beru­hen die Habermas’schen Über­le­gun­gen. Das ist aber mit den Men­schen­rech­ten gege­ben – und die bemüh­ten Ver­su­che von Grup­pie­run­gen wie der „Initia­ti­ve für Neue Sozia­le Markt­wirt­schaft“ im poli­ti­schen Bereich und der Gior­da­no-Bru­no-Gesell­schaft im wis­sen­schafts­po­li­ti­schen Bereich zur Medi­en­be­ein­flus­sung zei­gen im Kern nur, dass die ein­zel­nen Men­schen letzt­lich die Ent­schei­dungs­ho­heit besit­zen, was sich im Bun­des­tags­wahl­er­geb­nis 2005 deut­lich gezeigt hat, wo die Posi­tio­nen der „Initia­ti­ve für Neue Sozia­le Markt­wirt­schaft“ in der Bevöl­ke­rung kei­ne Mehr­heit fan­den. Dadurch hat sich auch die par­la­men­ta­risch-admi­nis­tra­ti­ve Poli­tik stark ver­än­dert. Man muss es viel­leicht noch beto­nen, aber nach der Finanz­markt­kri­se ist der Neo­li­be­ra­lis­mus nicht nur intel­lek­tu­ell als geschei­tert zu betrach­ten, vor allem waren Debat­ten über die Ver­staat­li­chung der Pri­vat­ban­ken frü­her kaum denk­bar.
Wie immer man das inhalt­lich selbst bewer­tet, es ist jeden­falls klar, dass die par­la­men­ta­risch-admi­nis­tra­ti­ve Ebe­ne stark auf die Mei­nun­gen in der Bevöl­ke­rung reagiert, wel­che ja nicht unbe­kannt sind, weil sie stets erfragt wer­den. Und dies kann man opti­mie­ren, wie Haber­mas glaubt.
Ihm zufol­ge leben wir in einer „nach­me­ta­phy­si­schen“ Epo­che. Das heißt vor allem, dass wir nicht ein­fach sagen kön­nen, so ist die all­ge­mei­ne Struk­tur der Sach­ver­hal­te im Gan­zen oder in einem bestimm­ten Bereich wie der Wirt­schaft oder der Poli­tik. Selbst wenn man die meta­phy­si­sche Fra­ge nicht völ­lig ver­neint, kann man sie bes­ten­falls hypo­the­tisch behan­deln – und steht sofort vor ande­ren Hypo­the­sen dar­über, was die Welt im Inners­ten zusam­men­hält. Auch hier kann es eine Nei­gung zum Autis­mus geben, das lässt sich stark beob­ach­ten, sodass jede/r sei­ner eige­nen Welt­an­schau­ung anhängt und sie den ande­ren tap­fer mit­teilt, mit net­ten Mar­ke­ting­in­stru­men­ten. Aber natür­lich ist bei einer Mehr­heit von all­ge­mei­nen Anschau­un­gen der offe­ne Streit dar­über erfor­der­lich, wel­che Posi­ti­on am ehes­ten halt­bar ist. In der nicht ganz unwich­ti­gen Fra­ge, wel­che Rol­le den Märk­ten in der Gesell­schaft zukommt, scheint sich auf­grund der jüngs­ten Ereig­nis­se eine stark abschwä­chen­de Ten­denz zu erge­ben, die sich aber schon seit gut zehn Jah­ren auch beob­ach­ten lässt.
Die Erfah­rungs­viel­falt und die Mehr­heit von Posi­tio­nen, die auf sol­chen Erfah­run­gen auf­zu­bau­en vor­ge­ben, ist nach Haber­mas nicht auf­lös­bar. Gleich­wohl sol­len frucht­ba­re Dis­kur­se ent­ste­hen, in denen Pro­ble­me nicht nur bespro­chen, son­dern ten­den­zi­ell auch gelöst wer­den. Der Erfah­rungs­viel­falt steht die meta­phy­si­sche Posi­ti­on gegen­über, die letzt­lich eine Abschluss­theo­rie der Wirk­lich­keit oder auch nur eines Teil­be­rei­ches wie den­je­ni­gen der Gesell­schaft zu leis­ten kön­nen glaubt. Dabei wird oft eine schwer nach-voll­zieh­ba­re Wahr­heits­em­pha­se ver­tre­ten, auch wenn es offen­sicht­lich ist, dass es sehr ver­schie­de­ne Ansich­ten gibt, wird ver­tre­ten, die eige­ne Posi­ti­on sei so son­nen­klar und daher wahr, dass sich die ande­ren, die das nicht so sehen, offen­bar in schwer­wie­gen­den Täu­schungs­pro­zes­sen befin­den müss­ten. Davon ist Haber­mas ganz weit ent­fernt, er ver­sucht sogar die Wahr­heits­mo­men­te ande­rer Theo­ri­en nicht nur zu rekon­stru­ie­ren, son­dern auch auf­zu­neh­men, wie dies bei der Sys­tem­theo­rie Niklas Luh­manns der Fall ist.

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Gra­fik 1: Mög­li­che Posi­tio­nen zwi­schen Meta­phy­sik und Erfah­rungs­viel­falt
Die meta­phy­si­sche Posi­ti­on steht der posi­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on gegen­über, wel­che die Rea­li­tät im Kern für eine Art Sand­meer hält, in dem es eben vie­le ein­zel­ne Sand­kör­ner gibt. Über die all­ge­mei­nen Züge der Sand­kör­ner kön­nen wir nichts wirk­lich zuver-läs­si­ges sagen. Dage­gen ist die meta­phy­si­sche Posi­ti­on davon über­zeugt, dass es auch all­ge­mei­ne Sach­ver­hal­te gibt, vor allem hält sie an der Rea­li­tät von Rela­tio­nen, Be-zie­hun­gen fest. Die kon­struk­ti­vis­ti­sche Posi­ti­on steht der posi­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on sehr nahe, sie hält alles Indi­vi­du­el­le und All­ge­mei­ne für kon­stru­iert – immer­hin wird damit All­ge­mei­nes eher nicht geleug­net, son­dern „nur“ als kon­stru­iert betrach­tet. Haber­mas’ Posi­ti­on pro­ble­ma­ti­siert die kon­kre­ten Auf­fas­sun­gen des All­ge­mei­nen, aber er hält auch All­ge­mei­nes für real, also sozia­le Struk­tu­ren sind real – und kei­nes­wegs nur kon­stru­iert, auch wenn es meh­re­re Ansich­ten dazu gibt, wie die­se sozia­len Struk­tu­ren aus­se­hen. Dies unter­liegt der dis­kur­si­ven Prü­fung, in der es kei­ne Beschrän­kun­gen in der Öffent­lich­keit geben darf.
Haber­mas nennt für ent­spre­chen­de Dis­kur­se vier wesent­li­che „prag­ma­ti­sche Vor­aus-set­zun­gen“, die ihm zufol­ge alle die­je­ni­gen machen, die sich auf die „Kom­mu­ni­ka­ti­ons-form ratio­na­ler Dis­kur­se ein­las­sen.“
(1) Inklu­si­vi­tät: Damit ist gemeint, dass „nie­mand, der einen rele­van­ten Bei­trag machen könn­te, … von der Teil­nah­me aus­ge­schlos­sen wer­den darf.“
(2) Gleich­ver­tei­lung kom­mu­ni­ka­ti­ver Frei­hei­ten: Damit ist gemeint, dass „alle … die glei­che Chan­ce haben, Bei­trä­ge zu leis­ten.“
(3) Auf­rich­tig­keits­be­din­gung: „Die Teil­neh­mer müs­sen mei­nen, was sie sagen“. Vor-spie­ge­lun­gen und Täu­schun­gen sind also nicht erlaubt.
(4) Abwe­sen­heit von kon­tin­gen­ten äuße­ren oder der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tur inne­woh­nen­den Zwän­gen: „Die Ja-/Nein-Stel­lung­nah­men der Teil­neh­mer zu kri­ti­sier­ba­ren Gel­tungs-ansprü­chen dür­fen nur durch die Über­zeu­gungs­kraft ein­leuch­ten­der Grün­de moti­viert sein.“ Also bei­spiels­wei­se nicht durch eige­ne Macht­wün­sche o. Ä., Dif­fa­mie­rungs­wün­sche gegen­über ande­ren usf. (Vgl. Jür­gen Haber­mas, Zur Archi-tek­to­nik der Dis­kurs­dif­fe­ren­zie­rung, in: Ders., Zwi­schen Natu­ra­lis­mus und Reli­gi­on, 2005, 84ff, hier 89).
Punkt (1) ist durch die Men­schen­rech­te gege­ben. Die­se gel­ten, sofern wir davon über­zeugt sind, dass die Inter­es­sen aller Men­schen berück­sich­tigt wer­den müs­sen. Rele­van­te Bei-trä­ge sind sol­che, die zum The­ma gehö­ren. Punkt (2) ergibt sich auch aus Punkt (1) und ist eine all­ge­mei­ne Fair­ness­re­gel.
Die Punk­te (3) und (4) befas­sen sich mit übli­chen Dis­kurs­ver­zer­run­gen. Zuwi­der-hand­lun­gen kön­nen inner­halb des Habermas’schen Modells nur über Meta-kom­mu­ni­ka­ti­on ange­gan­gen wer­den. Die Schwie­rig­keit sieht man etwa an Inter­net­fo­ren, wo bei­spiels­wei­se eine Neti­quet­te gilt, die ent­spre­chen­de Ver­stö­ße als Ein­tritts-bedin­gung ver­hin­dern möch­te. Foren, die mit Mode­ra­ti­on arbei­ten, sehen dann Sank­tio­nen vor, was aber die Foren­mit­glie­der oft nicht gut fin­den, dann kommt es teil­wei­se zu Situa­tio­nen, die denen von Selbst­er­fah­rungs­grup­pen nicht völ­lig unähn­lich sind.
Hier liegt dann tat­säch­lich nicht der Wil­le vor, an einem ratio­na­len Dis­kurs teil­zu-neh­men. Ohne die­sen geht es nicht – das ist Schwä­che und Stär­ke von Haber­mas’ Modell, denn es soll ja um Aus­ein­an­der­set­zun­gen der Frei­en und Glei­chen gehen, was aber stets die Aner­ken­nung der ande­ren Dis­kurs­teil­neh­mer als sol­che vor­aus­setzt. Und vor dem Hin­ter­grund die­ser Aner­ken­nungs­pro­zes­se zählt dann nur der Zwang des zwang­lo­sen Argu­ments bzw. erhal­ten die guten Grün­de ihre berech­tig­te Zen­tral­stel­lung. Wei­gert man sich, die­se Aner­ken­nungs­pro­zes­se zu voll­zie­hen, wird der „ratio­na­le Dis­kurs“ tor­pe­diert.