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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


9. November 2012

Die Erkenntnis von Naturgesetzen

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Die Sit­zung über all­täg­li­che Erfah­rung, deren Abschluss eine „Erkennt­nis“ ist, ver­lief kon­struk­tiv. Bestimm­te Aspek­te der Phä­no­me­no­lo­gie wur­den kurz ange­spro­chen, wie dass es in ihr wie im Prag­ma­tis­mus kei­ne Sub­jekt-Objekt-Spal­tung gibt. Daher sind wir im All­tag mit den Gegen­stän­den unse­res Erken­nens ver­bun­den bzw. gehen mit ihnen in inter­sub­jek­tiv offe­nen Situa­tio­nen um. Die­se Ein­sicht geht u. a. auf das Mit­spie­ler-Sein im Sin­ne Kants zurück. Wir ste­hen der Rea­li­tät gar nicht getrennt von ihr gegen­über – und dies lässt sich im All­tag erfah­ren.

2               Die Erkenntnis von Naturgesetzen

Das Wort Erkennt­nis ist eben­falls ein pas­sen­der Ter­mi­nus, um Ziel und Abschluss der For­schung zu bezeich­nen. Aber es lei­det eben­falls unter einer Zwei­deu­tig­keit. Wenn man sagt, die Gewin­nung von Erkennt­nis oder Wahr­heit sei das Ziel der For­schung ist die­se Aus­sa­ge, nach der hier ein­ge­nom­me­nen Posi­ti­on eine Tau­to­lo­gie. Das, was die For­schung auf befrie­di­gen­de Wei­se abschließt, ist per defi­ni­tio­nem Erkennt­nis; es ist Erkennt­nis, weil es der ange­mes­se­ne Abschluss der For­schung ist. Aber man kann ver­mu­ten, und es ist ver­mu­tet wor­den, die­se Aus­sa­ge drü­cke etwas Bedeut­sa­mes und nicht eine Tau­to­lo­gie aus. Als Tau­to­lo­gie defi­niert sie Erkennt­nis als das Ergeb­nis kom­pe­ten­ter und kon­trol­lier­ter For­schung. (John Dew­ey, Logik. Die Theo­rie der For­schung (stw 1902), 2002, 20f [in der Fol­ge: Dew­ey 2002)

In Auf­nah­me und Prä­zi­sie­rung wesent­li­cher Posi­tio­nen sei­nes Leh­rers Peirce for­mu­liert Dew­ey sei­ne Auf­fas­sung sehr klar. Nicht zuletzt wis­sen­schaft­li­ches Vor­ge­hen ist ein Fall von Pro­blem­lö­sen. Der For­schungs­pro­zess ist der metho­do­lo­gisch kon­trol­lier­te Ver­such aus der Zusam­men­hang­lo­sig­keit von Wahr­neh­mun­gen und Gedan­ken zu einer kohä­ren­ten und mög­lichst umfas­sen­den Bestimmt­heit zu kom­men. Die­ser Abschluss wird als (fal­li­ble) Erkennt­nis bezeich­net. Die­se muss immer wei­ter über­prüft wer­den.

Unter­schei­den sich die Ver­fah­ren in den Wis­sen­schaf­ten Phy­sik, Bio­lo­gie und Che­mie von­ein­an­der, wie ein sol­cher Abschluss erreicht wer­den soll, kann es zu unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen davon kom­men, was ein bio­lo­gi­sches oder phy­si­ka­li­sches Natur­ge­setz ist (Ham­pe 2007, 150ff).

All­ge­mein gilt, dass Natur­ge­set­ze wis­sen­schaft­li­che Geset­ze sind. Dabei han­delt es sich um gene­rel­le Aus­sa­gen, die sich auf expe­ri­men­tel­le Situa­tio­nen bezie­hen.

Da es sich um uni­ver­sa­le Aus­sa­gen han­delt, sind sie als Hand­lungs­vor­schrif­ten zu ver­ste­hen: Immer wenn Du X tust, musst Du Y tun. Wohl etwas genau­er als Peirce – wenn ich recht sehe – inter­pre­tiert er daher Geset­zes­aus­sa­gen in den Natur­wis­sen­schaf­ten als „Vor­schrif­ten für eine spe­zi­fi­sche Form des Han­delns in der mate­ri­el­len oder natür­li­chen Welt, näm­lich für das expe­ri­men­tel­le Han­deln.“ (Ham­pe 2007, 143)

Dew­ey zufol­ge sind immer „Tun und Machen im Spiel. Die Art des Tuns und Machens ist die, die – mate­ri­el­le und pro­ze­du­ra­le – Mit­tel bestimmt, um ein pro­spek­ti­ves Ziel, eine ver­ein­heit­lich­te Situa­ti­on zu bewir­ken. Die­se ver­ein­heit­lich­te Situa­ti­on ist das letz­te (wenn­gleich nicht nächs­te) Ziel jeder For­schung.“ (Dew­ey 2002, 530)

Um das Apfel­baum­bei­spiel zu ver­wen­den, das uns im Kurs beglei­tet:

Die Geset­zes­aus­sa­ge: „Alle Äpfel fal­len mit 9,81 m/s2 nach unten“ wird – sofern sie so zutref­fen soll­te, in prin­zi­pi­ell wie­der­hol­ba­ren Situa­tio­nen erho­ben, die hier z. B. Vor­schrif­ten für ein Zeit­mess­ge­rät ein­schlie­ßen muss – und sie wird wei­ter­hin über­prüft bzw. mög­li­cher­wei­se kor­ri­giert. Man darf sich durch die mathe­ma­ti­sche For­mu­lie­rung dabei  nicht täu­schen las­sen – die­ses Natur­ge­setz, sofern es tat­säch­lich bestehen soll­te, lässt sich nur auf­grund sol­cher ver­ein­heit­lich­ten Situa­tio­nen erfas­sen und über­prü­fen. „Das Natur­ge­setz ist eine Hand­lungs­vor­schrift für die Erzeu­gung einer sol­chen Situa­ti­on und Erfah­rung.“ (Ham­pe 2007, 143)

Das ist kei­ne Über­trei­bung. Ham­pe ver­weist mit Recht dar­auf, dass dies tat­säch­lich auf die frü­he Neu­zeit bei Gali­lei und New­ton zurück­geht (expe­ri­men­tel­le Phi­lo­so­phie [2007, 145]).

Jeden­falls Peirce und Dew­ey erkann­ten, dass Natur­ge­set­ze Abschluss eines For­schungs­pro­zes­ses sind, der prin­zi­pi­ell wie­der­hol­bar und über­prüf­bar ist. Logisch ist die The­se Dew­eys bei Peirce in des­sen Quan­to­ren­lo­gik (ins­be­son­de­re der spiel­theo­re­ti­schen Auf­fas­sung von All-Aus­sa­gen) vor­be­rei­tet. Dew­ey zieht frei­lich wohl als ers­ter genau die­se Kon­se­quenz. Zu den Hand­lungs­vor­schrif­ten gehö­ren auch Anwei­sun­gen, wel­ches mathe­ma­ti­sche Regel­sys­tem Anwen­dung fin­det – was eben­falls immer wei­ter über­prüft wird.

Dew­eys The­se beruht auf sei­nem Erfah­rungs­be­griff und ist eine kon­se­quen­te Expli­ka­ti­on des­sel­ben.

12. Oktober 2012

Erkenntniseinstellungen (Vhs Neckargemünd)

1                Erin­ne­rung an die ers­te Sit­zung

Der Kurs­plan wur­de so ange­nom­men:

  1.      08.10.12: Bespre­chen des Kurs­plans, Ände­rungs­wün­sche der Teil­neh­men­den, ein ers­ter hin­füh­ren­der Text.
  2.      15.10.:      Mög­li­che Erkennt­nis­ein­stel­lun­gen der Erken­nen­den – das Feld der Erkennt­nis mit mög­li­chen Vor­ge­hens­wei­sen und all­ge­mei­nen Unter­stel­lun­gen
  3.      22.10.:      Erfah­rung und Erkennt­nis I
  4.      29.10.:      Erfah­rung und Erkennt­nis II
  5.      05.11.       All­tags­er­fah­rung und Erkennt­nis
  6.      12.11:       Die Erkennt­nis von Natur­ge­set­zen
  7.      19.11:       Die Erkennt­nis von sozia­len Regeln
  8.      26.11:       Die Erkennt­nis von Regeln, wel­che Indi­vi­du­en bestim­men.
  9.      03.12:       Die Erkennt­nis der Frei­heit
  10.   10.12:       Abschluss­erör­te­run­gen

Die Teilnehmer/innen wur­den gebe­ten, sich bis zum Mon­tag­abend The­men zu über­le­gen, die Gegen­stand des Som­mer­kur­ses sein könn­ten, sodass wir am 22.10. dar­über abstim­men kön­nen!

Wei­ter­hin haben wir ver­sucht, uns mit einem ers­ten Text an das The­ma her­an­zu­tas­ten:

Witt­gen­steins, Hei­deg­gers und Dew­eys gemein­sa­me Dia­gno­se lau­tet, dass die Vor­stel­lung, das Erken­nen sei ein akku­ra­tes Dar­stel­len – ermög­licht durch beson­de­re men­ta­le Vor­gän­ge und ver­steh­bar durch eine all­ge­mei­ne Theo­rie der Dar­stel­lung –, auf­ge­ge­ben wer­den muss. Die Rede von ‚Fun­da­men­ten der Erkennt­nis’ und der Gedan­ke, die Phi­lo­so­phie habe das car­te­sia­ni­sche Unter­neh­men der Wider­le­gung des erkennt­nis­theo­re­ti­schen Skep­ti­kers zu ihrer zen­tra­len Auf­ga­be, wer­den von die­sen glei­cher­ma­ßen für nich­tig erklärt. Wei­ter­hin abge­schafft wird die Des­car­tes, Locke und Kant gemein­sa­me Idee ‚des Bewusst­seins’ als eines beson­de­ren, in einem inne­ren Raum ange­sie­del­ten For­schungs­be­reichs, in dem sich die Bestand­tei­le und Pro­zes­se fin­den, die unser Erken­nen ermög­li­chen. Dies bedeu­tet nicht, dass sie über alter­na­ti­ve ‚Theo­ri­en der Erkennt­nis’ oder ‚Phi­lo­so­phi­en des Men­ta­len’ ver­fü­gen. Sie ver­ab­schie­den Erkennt­nis­theo­rie und Meta­phy­sik als mög­li­che Dis­zi­pli­nen. (Richard Ror­ty, Der Spie­gel der Natur, 1987, 16)

Es wur­de im Kurs wahr­ge­nom­men, dass die frü­her domi­nie­ren­den neu­kan­tia­ni­schen und posi­ti­vis­ti­schen Theo­ri­en aus der Sicht des Zitats 1987 nicht mehr so wohl­ge­lit­ten waren. D. h. u. a., dass man nicht eine fer­ti­ge Erkennt­nis­theo­rie haben kann, die man dann beim Erken­nen nur noch anwen­det … Wir wer­den im Kurs­ver­lauf vor allem an Dew­ey sehen, was das bedeu­tet. Auch das ästhe­ti­sche Pro­blem und die Emo­tio­nen wur­den ergän­zend als für das Phä­no­men des Erken­nens als wesent­lich ange­spro­chen.

2               Erkenntniseinstellungen

Spä­tes­tens bei Kant wird das Pro­blem auf­ge­wor­fen, dass es kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­lich ist, wel­che Ein­stel­lung man zum Erken­nen ein­nimmt. Dies stellt er auf den ers­ten Sei­ten der „Anthro­po­lo­gie in prag­ma­ti­scher Absicht“ dar (Kant Wer­ke, Bd. 10, Darm­stadt 1975, in der Fol­ge immer: Kant 1975). Aus der phi­lo­so­phi­schen Lite­ra­tur ist dazu hilf­reich: Micha­el Ham­pe, Eine klei­ne Geschich­te des Natur­ge­setz­be­griffs, 2007 (stw 1864), 131-134 (in der Fol­ge immer: Ham­pe 2007).

Die­ser Text Kants ist des­halb wich­tig, weil er 1902 von Charles San­ders Peirce in einem Arti­kel in Bald­wins Dic­tiona­ry of Pycho­lo­gy and Phi­lo­so­phy, 321f, auf­ge­grif­fen wur­de. Danach gibt es drei Ein­stel­lun­gen:

(1)  Die­je­ni­ge, nach wel­cher der Mensch als Natur­we­sen vor­kommt (Kant spricht davon, was die Natur aus dem Men­schen macht).

(2)  Die­je­ni­ge, nach wel­cher der Mensch als frei han­deln­des Wesen auf­tritt. Man könn­te sagen: was der Mensch aus sich macht. Kant drückt hier alter­na­ti­ve Mög­lich­kei­ten aus, er kön­ne an einem Spiel als Zuschau­er sozu­sa­gen pas­siv teil­neh­men – oder mit­spie­len.

(3)  Die von Peirce und Ham­pe the­ma­ti­sier­te drit­te Mög­lich­keit fin­det sich im kur­zen Text von Kant nicht, aber in einem bedeu­ten­den Teil von Kants Schrif­ten. Es han­delt sich um die tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­sche Ein­stel­lung, der­zu­fol­ge der Mensch auf­grund sei­ner Anschau­ungs­for­men und kate­go­ria­len Ver­stan­des­leis­tun­gen die zu erken­nen­de Welt kon­sti­tu­iert.

Für Peirce und wohl noch stär­ker für sei­nen Schü­ler John Dew­ey wird die Per­spek­ti­ve des akti­ven Mit­spie­len­den dann aus­schlag­ge­bend, ich zitie­re einen wich­ti­gen Text aus Dew­eys berühm­ten Auf­satz „Besitzt die Rea­li­tät einen prak­ti­schen Cha­rak­ter?“ (in der Fol­ge Dew­ey 1908):

Sofern sich jemand schon auf die Über­zeu­gung ver­pflich­tet hat, dass die Rea­li­tät sau­ber und abschlie­ßend in einem Paket mit einem Band ver­packt ist, das nicht mehr auf­ge­schnürt wer­den kann, es mit­hin kei­ne unvoll­ende­ten The­men oder neue Aben­teu­er gibt, wird er der Auf­fas­sung wider­spre­chen, dass Wis­sen eine Dif­fe­renz erzeugt, wie man auch sonst jedem unver­schäm­ten auf­dring­li­chen Men­schen wider­spricht. Doch sofern man davon über­zeugt ist, dass sich die Welt selbst im Über­gangs­pro­zess befin­det, war­um soll­te dann die Über­zeu­gung, dass das Wis­sen der bedeu­tends­te Modus ihrer Modi­fi­ka­ti­on und das ein­zi­ge Organ ihrer Lei­tung sei, a prio­ri schäd­lich sein?“ (Does Rea­li­ty Pos­sess a Prac­tical Cha­rac­ter?, The Essen­ti­al Dew­ey I, 124ff, 125).

Dew­ey führt aus, dass die Dar­win­sche Evo­lu­ti­ons­theo­rie u. a. Ver­su­che gezeigt hät­ten, dass das Uni­ver­sum nicht sta­tisch sei, zudem zei­ge die Varia­ti­on der Erkennt­nis­se in den Ein­zel­wis­sen­schaf­ten, dass sich alles im Pro­zess befin­de.

Das bespre­chen wir am Mon­tag­abend anhand des Kant­tex­tes genau­er.

22. März 2012

Die Prozess-Ethik Schleiermachers

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Unse­re Begeg­nung mit der Pflich­ten­leh­re Imma­nu­el Kants blieb strit­tig. Es gab Ver­su­che, Kants Ethik näher zu ver­ste­hen, auch zu ver­tei­di­gen – ein Kurs­teil­neh­mer schlug vor, die Auf­fas­sung der Ethik nach dem Auf­tre­ten des Manns aus Königs­berg fol­gen­der­ma­ßen zu unter­tei­len: Ethik bis Kant – auf Kants Niveau oder hin­ter Kant zurück­ge­fal­len. Ande­re schie­nen nicht die­ser Über­zeu­gung zu sein, ins­be­son­de­re nicht von Kants Argu­ment für die Ableh­nung der Güter­leh­re, weil die­se nicht vor dem Hang zum Bösen gefeit sei, man hier­mit den Nei­gun­gen ver­fal­len sei, wenn man ein Gut anstre­be. Das tran­szen­den­ta­le Kon­zept der Sub­jek­ti­vi­tät, wel­ches offen­bar hin­ter Kants Opti­on für die Pflich­ten­leh­re und die ent­spre­chen­den kate­go­ri­schen Impe­ra­ti­ve steht, leuch­te­te man­chen Teilnehmer/innen nicht recht ein. Aller­dings akzep­tier­ten alle, soweit sie sich äußer­ten,

  • das Prin­zip der Uni­ver­sa­li­sier­bar­keit von ethi­schen Maxi­men, aber auch Kants
  • Akzep­tanz der Men­schen­rech­te als Grund­la­ge der Ethik. (more…)
14. Dezember 2011

Die Religionsphilosophie Peirce‘

 

Wir haben uns in der letz­ten Sit­zung mit den Pro­ble­men der Wahr­neh­mung aus phä­no­me­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve, aber auch ent­spre­chen­den Leis­tun­gen des Zei­chen­be­griffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meiss­ner dan­kens­wer­ter­wei­se auf Kants merk­wür­di­ge Annah­me hin­wies, man wer­de vom „Ding an sich“ affi­ziert.

In der Aus­ein­an­der­set­zung mit Mer­leau-Pon­ty und Fuchs wur­de erör­tert, inwie­fern Wahr­neh­mung auch Kom­mu­ni­ka­ti­on oder Aus­tausch sei, was von Peirce und die­ser grenz­wer­ti­gen Auf­fas­sung Kants tat­säch­lich unter­stellt wird. In der Spra­che von Peirce ist also zu sagen, das (dyna­mi­sche) Objekt bil­de mit dem Zei­chen eine der­ar­ti­ge Bezie­hung, dass es den Inter­pre­t­an­ten bestim­me, in der­sel­ben tria­di­schen Rela­ti­on zu ste­hen, in der es selbst ste­he. M. E. ist hier nur frag­lich, ob man the same wie Pape mit „der­sel­ben“ oder „der glei­chen“ über­set­zen soll­te, wohl das Letz­te­re … Wor­auf es ankommt, ist der Sach­ver­halt, dass Peirce die­se Affi­zie­rung des Inter­pre­ten über die tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on ein­deu­tig gedacht hat.

Wir haben ver­sucht, uns aus­führ­li­cher mit dem Gedan­ken der „Zwi­schen­leib­lich­keit“ aus­ein­an­der­zu­set­zen, was z. T. humo­rig ablief. Hier ist m. E. noch ein beacht­li­ches Poten­zi­al, das vor allem von der Phä­no­me­no­lo­gie ent­wi­ckelt wird.

Der Kurs schließt mit einer Besin­nung zur Reli­gi­ons­phi­lo­s­phie Peirce’. Vie­le Tex­te fin­den sich in der Über­set­zung Her­mann Deu­sers „Reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­schen Schrif­ten“ ([RPh] 1995). Hin­zu­tre­ten muss noch der Auf­satz „Evo­lu­tio­nä­re Lie­be“ aus „Natur­ord­nung und Zei­chen­pro­zess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu den­je­ni­gen ori­gi­nel­len Den­kern, die sich nicht vom Posi­ti­vis­mus abschre­cken lie­ßen, obgleich er die wis­sen­schaft­li­che Leis­tung der Posi­ti­vis­ten aus­drück­lich aner­kann­te. Aber er for­mu­lier­te eine wit­zi­ge Pole­mik über deren Lebens­auf­fas­sung:

Das Leben auf dem Glo­bus ist eine gänz­lich zufäl­li­ge Enwick­lungs­pha­se, die, soweit wir wis­sen, kei­nem dau­er­haf­ten Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nut­zen, außer dass sie hin und wie­der ein ange­neh­mes Ner­ven­kit­zeln bei die­sem oder jenem Wan­de­rer auf die­ser ermü­den­den und zweck­lo­sen Rei­se her­vor­ruft – einer Rei­se, die in einer Tret­müh­le nir­gend­wo beginnt und nir­gend­wo endet und deren Maschi­ne­rie ganz und gar nichts her­vor­bringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gele­gent­li­chen Freu­den, und die sind trü­ge­risch und wer­den bald voll­stän­dig ver­schwin­den.“ (RPh 61f [1867/68]) (more…)

8. Dezember 2011

Pragmatismus und Phänomenologie

Wir haben noch ein­mal in einer sehr inten­si­ven Dis­kus­si­on das Rela­tio­nen­pro­blem und die damit ver­bun­de­nen Kri­ti­ken und teil­wei­se gro­ßen Hoff­nun­gen the­ma­ti­siert, durch­aus anre­gend kon­tro­vers. Von die­ser Stim­mung war auch die Debat­te zu „Wahr­neh­mung“ und „Erfah­rung“ geprägt. Herr Deth­lef­sen ver­miss­te an mei­nen Vor­schlä­gen das Moment der Krea­ti­vi­tät bei der Erfah­rung, ich stel­le in den Vor­der­grund, dass etwas auch als Neu­es für eine bestimm­te Men­schen­grup­pe nur erfah­ren wer­den kann, wenn es mit eige­nen Erfah­run­gen oder Erfah­run­gen ande­rer vor dem Hin­ter­grund geteil­ter Zei­chen­sys­te­me ver­gli­chen wer­den kann. Daher exis­tiert das Pro­blem des Neo­lo­gis­mus, also der Bezeich­nung von etwas, das bis­her im Sprach­sys­tem oder in bild­li­chen Dar­stel­lungs­wei­sen noch kei­ne Reprä­sen­ta­ti­on gefun­den hat. Die­ses Pro­blem wur­de sehr sach­ge­recht erör­tert, wobei deut­lich wur­de, dass die Induk­ti­on, die stets in der Zukunft neu bewährt wer­den muss, der domi­nan­te Schluss­cha­rak­ter der Erfah­rung ist.

Peirce rech­net sys­te­ma­tisch damit, dass auch Wahr­neh­mung ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess ist. Mit­hin ist er kein infal­li­bler Aus­gangs­punkt, was beson­ders Bert­rand Rus­sell irri­tier­te. Wahr­neh­mung impli­ziert mit­hin also Inter­pre­ta­ti­on – sie ist kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt, weil jedes Zei­chen schon Inter­pre­tant sein soll usf.

Das Ende des 19. Jahr­hun­derts sah den anschei­nen­den Erfolg der Wis­sen­schaf­ten, aber eine Min­der­heit sah, dass die­ser Erfolg, der indus­tri­el­le Kon­se­quen­zen hat­te, offen­sicht­lich fata­le Rück­kopp­lungs­pro­zes­se haben könn­te, so u. a. der Bio­lo­ge Rus­sell Wal­lace. Wir haben in die­sem Kurs die Reak­ti­on Peirce’ auf die­se Kri­sen­ein­sich­ten in der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ aus­führ­lich bespro­chen. Die Mehr­heit hoff­te ent­we­der auf eine Huma­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus oder wand­te sich sozia­lis­ti­schen Theo­ri­en zu, um den Kapi­ta­lis­mus abs­zu­schaf­fen. In bei­den Bewe­gun­gen war aber der Glau­be an die Kom­pe­tenz der Wis­sen­schaf­ten, die sich in wirt­schaft­li­chem Fort­schritt nie­der­schla­ge. Das ist der Hin­ter­grund dafür, dass es eher wis­sen­schafts­zen­trier­te und stär­ker all­tags- oder lebens­welt­ori­en­tier­te Phi­lo­so­phi­en gab. Zu Grund­in­for­ma­tio­nen zur Phä­no­me­no­lo­gie in der Fol­ge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls.  Der Lebens­welt-Begriff ist übri­gens erst in der Spät­phi­lo­so­phie Husserls in die­ser Zuspit­zung ent­wi­ckelt wor­den. Dort wird eine Art unmit­tel­ba­rer Zugang zur Wirk­lich­keit pos­tu­liert, der durch die Wis­sen­schaf­ten ver­stellt wer­de. Zu den „Sachen selbst“ kom­me man im lebens­welt­li­chen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten, indem man sie „sein las­se“, wie Hei­deg­ger for­mu­lier­te, des­sen pra­xis­phi­lo­so­phi­schen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in sei­ner Schrift über „Die Kri­sis der euro­päi­schen Wis­sen­schaf­ten“ stär­ker intel­lek­tua­lis­tisch refor­mu­lier­te. Die Lebens­welt und deren prak­ti­scher Umgang mit den Sach­ver­hal­ten wer­de „mathe­ma­ti­siert“ und damit ver­stellt bzw. ent­stellt. Hei­deg­ger sieht seit Mit­te der 1930er Jah­re vor allem den tech­ni­schen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten hin­ter dem „Begrei­fen“ durch die Wis­sen­schaf­ten. Es ist schon lan­ge gese­hen wor­den, dass der pra­xis­phi­lo­so­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers in „Sein und Zeit“ zumin­dest Par­al­le­len zum klas­si­schen Prag­ma­tis­mus auf­weist. Das gilt im All­ge­mei­nen für die Phä­no­me­no­lo­gie ins­ge­samt, da die­se wie Peirce u. a. das angeb­li­che Sub­jekt-Objekt-Pro­blem als irrig ansieht, der pra­xis­phi­lo­s­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers zeigt dies, wie dies auch bewusstseins­phi­lo­so­phisch bei Husserl und Sart­re zu zei­gen ver­sucht wur­de. Der und das Ande­re sind im Bewusst­sein schon „inten­tio­nal“ mit­ge­setzt, man muss also hier kei­nen Sprung voll­zie­hen.

Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Sub­jek­ti­vi­tät und Per­so­na­li­tät wohl am ehes­ten gelun­gen, weil Per­so­nen als die­je­ni­ge Enti­tät ver­stan­den wird, die sich zu sich selbst und zu ande­rem ver­hält, wobei sie stets Stel­lung zu sich nimmt – und dar­über ent­schei­det, ob sie wei­ter­le­ben will. Hier wird kei­ne sub­stan­zon­to­lo­gi­sche Phi­lo­so­phie des Sub­jekts ver­tre­ten, was in den tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­schen Ver­su­chen Husserls wohl eher der Fall sein dürf­te, also die Bewusstseins­pro­zes­se fin­den am oder im tran­szen­den­ta­len Sub­jekt statt – dies kann mit den prag­ma­tis­ti­schen Über­le­gun­gen nicht mit­hal­ten, die den Pro­zess der Sub­jek­ti­vi­tät zu erfas­sen suchen. Wobei Hei­deg­gers Ansatz ganz gewiss so nicht zu ver­ste­hen ist …

Das ist dann exis­ten­zia­lis­tisch wei­ter­ent­wi­ckelt wor­den. Eine inter­es­san­te Ent­wick­lung inner­halb der Phä­no­me­no­lo­gie stellt die Wahr­neh­mungs­phi­lo­so­phie Mau­rice Mer­leau-Pon­tys dar. Sie wird stark von Tho­mas Fuchs auf­ge­nom­men – und hat nicht zuletzt im the­ra­peu­ti­schen, auch medi­zi­ni­schen Bereich star­ke Reso­nanz gefun­den, wobei er betont, dass Wesent­li­ches an der Wahr­neh­mung mit­tels des Sub­jekt-Objekt-Sche­mas nicht erklärt wer­den kön­ne. D. h., er unter­stellt ähn­lich wie Peirce, dass Wahr­neh­mung kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt ist, son­dern ein Bezie­hungs­ge­sche­hen, was Peirce detail­liert und nicht ganz ein­fach nach­zu­wei­sen sucht. The­ra­peu­tisch ist vor allem Mer­leau-Pon­tys Kon­zept der Zwi­schen­leib­lich­keit wich­tig, als ein inter­per­so­na­les Medi­um, das Per­so­nen ver­bin­det. Hier liegt eine Par­al­le­le zu den Inter­ak­ti­ons­theo­ri­en der Prag­ma­tis­ten vor, aber Mer­leau-Pon­ty ist hier ori­gi­nell dar­in, dass eine Sphä­re der sinn­lich ver­mit­tel­ten Leib­lich­keit besteht, die einen Aus­tausch zulässt. Fuchs hat vor die­sem Hin­ter­grund das Ent­ste­hen von Selbst­be­wusst­sein bei etwa acht Mona­te alten Kin­dern erklärt. Die­ser Gedan­ke ist Peirce nicht fremd, schon die frü­he Phi­lo­so­phie for­mu­liert durch­aus Ver­gleich­ba­res – aber er kommt nach mei­nem Urteil zu nichts Kon­kre­tem. M. E. bie­ten sich in der Leib­lich­keits­auf­fas­sung und der Wahr­neh­mungs­phi­lo­s­phie noch Chan­cen wech­sel­seit­ge­en Ler­nens.

26. November 2011

Wahrnehmung und Erfahrung (Vhs Neckargemünd)

Die Teilnehmer/innen waren uneins dar­über, ob den Erwä­gun­gen Peirce’ zu den kate­go­ria­len Umbe­set­zun­gen hin zur fun­da­men­ta­len Funk­ti­on der Rela­ti­on eine Bedeu­tung zukä­me. Peirce folgt Aris­to­te­les, Hum­boldt und Schlei­er­ma­cher in der Ein­schät­zung, dass die Phi­lo­so­phie sprach­ab­hän­gig ist. Mit Schlei­er­ma­cher und stär­ker als die­ser betont er aber die Bedeu­tung aller Zei­chen­for­men, um Kate­go­ri­en aus­bil­den zu kön­nen. Dies ist eine Kon­se­quenz aus der Annah­me, alle Men­schen phi­lo­so­phier­ten. Peirce ist ent­spre­chend der Nach­weis gelun­gen, dass die ele­men­ta­ren Zei­chen­sys­te­me die Bezeich­nung der Rela­ti­on der­art unter­stel­len, dass alle ande­ren kate­go­ria­len Bestim­mun­gen von ihr abhän­gen. Etwa Hei­deg­ger und Brod­beck, Die Herr­schaft des Gel­des, hier im Blog z. B. http://alltagundphilosophie.com/2010/12/09/zinsen/ u. ö. ahnen, dass das moder­ne Dilem­ma sich durch eine der­ar­ti­ge Umbe­set­zung, die pra­xis­lei­tend wird, ändern könn­te, bei Brod­beck mit expli­zi­ter Nen­nung des Rela­ti­ons­pro­blems. Wie Görnitz/Görnitz, Die Evo­lu­ti­on des Geis­ti­gen, 2007, zei­gen, ist auch die Quan­ten­phy­sik als wesent­li­che Theo­rie des­sen, was die Bestand­tei­le und Pro­zes­se der Rea­li­tät sein könn­ten, hier­zu auf dem Wege. Für den Beob­ach­ter inter­es­sant näher­te sich der Kurs den­noch in sei­nen Erör­te­run­gen fast unmerk­lich der im All­tag und in der oft unzu­rei­chend ver­stan­de­nen bzw. reflek­tier­ten Umgangs­spra­che impli­zie­ren Unend­lich­keits­pro­ble­ma­tik, der Selbst­re­fe­renz­pro­ble­ma­tik vor allem des Inter­pre­t­an­ten, ent­spre­chen­der Auf­ga­be fal­scher Sicher­hei­ten und dem­je­ni­gen, was Schlei­er­ma­cher freund­lich als „Über­ei­lung“, Peirce als nicht „selbst­kon­trol­lier­tes Den­ken“ bezeich­ne­te, heu­te vor allem durch finan­zi­ell erzeug­te Zeit­not angeb­lich unver­meid­bar … Ob das nicht zu ändern ist, blieb nach Wahr­neh­mung des Dozen­ten eher unent­schie­den. Es ist auch nach mei­ner Über­zeu­gung so, dass die Kri­sen zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts jeden­falls auch auf einen ent­spre­chen­den Man­gel an „selbst­kon­trol­lier­tem Den­ken“ zurück­ge­hen, der zur all­täg­li­chen Gewohn­heit gewor­den ist, vgl. http://alltagundphilosophie.com/2011/11/03/die-semiotik-charles-peirce%E2%80%99-vhs-neckargemund/.

Das heu­ti­ge The­ma der (sinn­li­chen) Wahr­neh­mung und ihrer Ver­ar­bei­tung in der Erfah­rung ist seit gut 100 Jah­ren erforscht und umstrit­ten, natür­lich auch unter Betei­li­gung der semio­ti­schen Phi­lo­so­phie von Peirce, der bei­des als auf­ein­an­der auf­bau­en­de Zei­chen­pro­zes­se ana­ly­siert hat, wobei er Wert dar­auf legt, dass es sich um „geis­ti­ge“, „selbst­kon­trol­lier­te“ und „selbst­kri­ti­sche“ Leis­tun­gen des ein­zel­nen Men­schen han­delt, die per­spek­ti­visch ist – und daher auf Aus­tausch mit ande­ren Men­schen ange­wie­sen ist. Auch Tie­re haben bei Peirce – ähn­lich wie bei von Uex­küll – zumin­dest ele­men­tar Teil an sol­chen selbst­kri­ti­schen Fähig­kei­ten.

 

Wahr­neh­mung:    Ich/Wir neh­men etwas als etwas wahr.

Erfah­rung:           Ich/Wir erfahre/n etwas Wahr­ge­nom­me­nes als etwas Bekann­tes.

 

Krea­ti­ve Pro­zes­se sind dann nötig, wenn etwas zum ers­ten Mal wahr­ge­nom­men wird, aber auch erfah­ren wird. Hier sind For­men der sozia­len Gemein­schaft hilf­reich, kön­nen aber auch stö­rend sein, wenn rela­tiv zu einer sozia­len Gemein­schaft ein ein­zel­ner Mensch etwas neu sieht, hört, riecht, tas­tet, schmeckt oder emp­fin­det. Peirce zufol­ge wird dabei stets ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess gestar­tet, der sicher­stellt, dass immer auch ein sinn­lich erfass­tes Etwas als etwas inter­pre­tiert wird. Sol­che sinn­li­che Wahr­neh­mung kann ten­den­zi­ell das wahr­ge­nom­me­ne Etwas ver­ein­zeln. Der Erfah­rungs­pro­zess bezieht es auf die Erfah­rungs­tra­di­ti­on und bestimmt es in sei­nem Bezie­hungs­as­pekt zu allem Ande­ren. Die Pro­zes­se der sinn­li­chen Wahr­neh­mung wer­den teil­wei­se von den empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten wie Neu­ro­lo­gie und Psy­cho­lo­gie erforscht, gehalt­voll und inte­gra­tiv wird das aber erst dann, wenn man den gesam­ten Zusam­men­hang beschrei­ben kann. Nach Peirce ist das dann der Fall, sofern man die ein­zel­nen Aspek­te des Pro­zes­ses als Zei­chen­pro­zess ana­ly­sie­ren kann.

Die all­ge­mei­nen Pro­ble­me, die auch nicht sel­ten in unse­rem Kurs the­ma­ti­siert wer­den, fas­se ich fol­gen­der­ma­ßen zusam­men:

Seit die empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten im Abend­land und dann auch in Nord­ame­ri­ka star­ke Erkennt­nis­fort­schrit­te gemacht haben, tritt ein Pro­blem auf, das sich ins­be­son­de­re seit der Ver­wen­dung des Tele­skops in der Astro­no­mie gel­tend gemacht hat: Unse­re sinn­li­che Wahr­neh­mung scheint uns über die Rea­li­tät zu täu­schen, die Son­ne geht am Mor­gen nicht auf, weder die Erde noch die Son­ne sind auch nur im Ent­fern­tes­ten im Zen­trum des Welt­alls. Und eben­so schei­nen uns unse­re Selbst­be­ob­ach­tun­gen, unse­re All­tags­wahr­neh­mung und All­tags­er­fah­rung im Blick auf unse­re Selbst­ein­schät­zung zu täu­schen. Wir erle­ben uns selbst zumin­dest gele­gent­lich als selbst­be­stimmt han­deln­de Per­so­nen, doch das ist eine Illu­si­on – wie seit der Auf­klä­rung man­che Wissenschaftler/innen behaup­ten. Das ist nur eine Sei­te der Auf­klä­rung, aber sie ist nicht ganz uner­heb­lich. Die Wis­sen­schafts­sei­te ist hier­bei im Übri­gen kei­nes­wegs ein­deu­tig. In der Zeit von etwa 1700 bis 1900 herrsch­te durch die Domi­nanz der klas­si­schen Phy­sik auch im natur­wis­sen­schaft­li­chen Den­ken ein stren­ger Deter­mi­nis­mus vor. Die­ser wur­de aber von­sei­ten der Bio­lo­gie durch Charles Dar­win durch­bro­chen, weil ihm zufol­ge das Zufalls­mo­ment bei der Ent­ste­hung der Arten mit­wirk­te. Ent­schei­dend wur­den die Natur­wis­sen­schaf­ten dann durch die Quan­ten­phy­sik ver­än­dert, die kei­ne ein­deu­tig deter­mi­nis­ti­schen Beschrei­bun­gen mehr zulässt.[1] Die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten haben in der Regel kei­nen Anlass gehabt, stren­ge deter­mi­nis­ti­sche Unter­stel­lun­gen in den Vor­der­grund zu stel­len. Häu­fig ist hier die Unter­stel­lung der Frei­heit zu Hau­se.[2]

Ich wer­de zunächst aus einer phi­lo­so­phi­schen Per­spek­ti­ve kurz die Grund­ty­pen der mög­li­chen Erfas­sung des Ver­hält­nis­ses von All­tags­er­fah­rung und Selbst­er­fah­rung auf der einen Sei­te, von wis­sen­schaft­li­chen Theo­ri­en auf der ande­ren Sei­te beleuch­ten.

Die Phi­lo­so­phie in unse­rer Welt­ge­gend und in Nord­ame­ri­ka hat ange­sichts die­ses immer wie­der­keh­ren­den Pro­blems im Wesent­li­chen vier Typen des Umgangs damit ent­wi­ckelt, die in sehr vie­len Spiel­ar­ten auf­tre­ten (vgl. Gra­fik 4 des Kur­ses):

 

Grafik 4 des Kurses

Gra­fik 4 des Kur­ses

An den Extre­men ste­hen die Posi­tio­nen, die eines der bei­den Ele­men­te des Pro­blems „All­tags­er­fah­rung“ und „Wis­sen­schaft“ zuun­guns­ten des ande­ren eli­mi­nie­ren wol­len. Man kann ver­tre­ten, nur die All­tags­er­fah­rung im Unter­schied zur Wis­sen­schaft gibt uns einen siche­ren Ein­blick in die Rea­li­tät – und umge­kehrt. Ent­spre­chend gibt es Phi­lo­so­phi­en, die sich fak­tisch mit den Fra­ge­stel­lun­gen der Wis­sen­schaf­ten, ins­be­son­de­re der Natur­wis­sen­schaf­ten iden­ti­fi­zie­ren – und die­se logisch-theo­re­tisch reflek­tie­ren. Dies ist der Wis­sen­schafts­ty­pus der Phi­lo­so­phie, wie er in eini­gen Posi­tio­nen der Ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie, in der posi­ti­vis­ti­schen und neo­po­si­ti­vis­ti­schen Phi­lo­so­phie auf­tritt.[3] Auch die frü­he Phi­lo­so­phie Lud­wig Witt­gen­steins gehört ten­den­zi­ell dazu. Scharf gegen­über ste­hen die­ser Posi­ti­on die ver­schie­de­nen Spiel­ar­ten der phä­no­me­no­lo­gi­schen bzw. her­me­neu­ti­schen Phi­lo­so­phie, die der All­tags­er­fah­rung eine eige­ne Wür­de zuge­ste­hen. Das ist der All­tags­ty­pus der Phi­lo­so­phie. Auch die Spät­phi­lo­so­phie Lud­wig Witt­gen­steins ten­diert in die­se Rich­tung – mit einer durch­aus beacht­li­chen Kri­tik an For­men des Wis­sen­schafts­im­pe­ria­lis­mus. Das kann soweit füh­ren, dass die Wis­sen­schaf­ten aus die­ser Per­spek­ti­ve in ihrer Pra­xis scharf kri­ti­siert wer­den, weil ihre Ergeb­nis­se die All­tags­er­fah­rung, über­haupt die Phä­no­me­ne ver­feh­len. Im Hin­ter­grund ste­hen hier nicht sel­ten wis­sen­schaft­li­che und phi­lo­so­phi­sche Rezep­tio­nen von Refle­xio­nen künst­le­risch-phi­lo­so­phi­scher Art – etwa von Johann Wolf­gang von Goe­the[4] und/oder von Ralph Wal­do Emer­son[5].

Am Ende des 19. Jahr­hun­derts gab es eine Rei­he von Phi­lo­so­phen, die bei­de Posi­tio­nen für zu extrem hiel­ten. Sie such­ten also Ver­mitt­lungs­po­si­tio­nen, in denen bei­de Aspek­te vor­kom­men. Dies ist zum einen die neu­kan­tia­ni­sche Phi­lo­so­phie, wel­che die Sitt­lich­keit und das Bewusst­sein aus dem Zugriff der empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten her­aus­hal­ten woll­te. Das Haupt­ar­gu­ment besteht dar­in, dass die Bewusst­seins­ebe­ne ele­men­ta­rer ange­sie­delt ist als die wis­sen­schaft­li­che Ebe­ne. Das Bewusst­sein und sei­ne tran­szen­den­ta­len Struk­tu­ren begrün­den die Wis­sen­schaf­ten über­haupt erst, weil ja Bewusst­sein zur Durch­füh­rung wis­sen­schaft­li­cher Tätig­kei­ten erfor­der­lich ist. Man kann also ein sitt­li­cher Mensch sein und trotz­dem ein rich­tig empi­risch vor­ge­hen­der Wis­sen­schaft­ler. Zum ande­ren ist dies aber vor allem die semio­ti­sche Phi­lo­so­phie von Charles Peirce, die mit den Phä­no­me­no­lo­gen über­zeugt ist, dass der All­tags­er­fah­rung eine gro­ße Wür­de zuzu­schrei­ben ist. In ihr sind alle all­ge­mei­nen Struk­tu­ren unse­rer Wirk­lich­keits­er­fah­rung ent­hal­ten. Gleich­wohl ist es nicht unmög­lich, dass wir uns in unse­rer All­tags­er­fah­rung täu­schen, auch in der Erfas­sung ihrer all­ge­mei­nen Struk­tu­ren. Denn alle all­ge­mei­nen Annah­men müs­sen sich immer wei­ter in der Erfah­rung – auch der Erfah­rung ande­rer – bewäh­ren. Und dazu gehö­ren auch die wis­sen­schaft­lich auf­be­rei­te­ten Erfah­run­gen. Dabei ist fest­zu­hal­ten, dass die bei­den Haupt­schluss­for­men in der All­tags­er­fah­rung und den Wis­sen­schaf­ten die Abduk­ti­on bzw. Hypo­the­se und die Induk­ti­on sind. Auch rela­tiv sta­bi­le Induk­tio­nen müs­sen in der Zukunft stets wei­ter in der Erfah­rung über­prüft wer­den. Peirce’ Phi­lo­so­phie wehrt daher sowohl dem Fun­da­men­ta­lis­mus der All­tags­er­fah­rung als auch dem­je­ni­gen der Wis­sen­schaf­ten, es kommt auf die kri­ti­sche Über­prü­fung in der Erfah­rung an. Gegen die Neu­kan­tia­ner kann ein­ge­wen­det wer­den, dass sich auch das Bewusst­sein aller Wahr­schein­lich­keit nach erst in der Evo­lu­ti­on der bio­ti­schen Arten ent­wi­ckelt hat, daher als Letzt­be­grün­dungs­mus­ter schwer­lich taug­lich ist.

 

 


[1] Vgl. die Ein­füh­rung durch T. Gör­nitz, Quan­ten sind anders. Die ver­bor­ge­ne Ein­heit der Welt, Heidelberg/Berlin 1999.

[2] Zu ent­ge­gen­ge­setz­ten Ten­den­zen in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, die mit ent­spre­chen­den Ver­lus­ten wis­sen­schaft­li­cher Genau­ig­keit und Pro­gno­se­fä­hig­keit ein­her­ge­hen, vgl. K.-H. Brod­beck, Die frag­wür­di­gen Grund­la­gen der Öko­no­mie. Eine phi­lo­so­phi­sche Kri­tik der moder­nen Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, Darm­stadt 22000. Ähn­li­ches tritt auch in man­chen Kon­zep­tio­nen der Sozio­lo­gie auf.

[3] Vgl. als Bei­spiel im Blick auf die aktu­el­le Dis­kus­si­on T. Met­zin­ger, Vor­wort, in: ders. (Hg.), Bewusst­sein. Bei­trä­ge aus der Gegen­warts­phi­lo­so­phie, Pader­born 52005: „In West­deutsch­land […] haben nach dem Zwei­ten Welt­krieg vie­le ver­schie­de­ne For­men des Phi­lo­so­phie­rens, bei denen die Stan­dards der begriff­li­chen Klar­heit und der ratio­na­len Argu­men­ta­ti­on nicht mehr im Mit­tel­punkt ste­hen, einen unge­ahn­ten Auf­schwung erlebt. Nach wie vor herrscht in wei­ten Tei­len der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie ein Ress­in­te­ment gegen­über den empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten, das nicht sel­ten von einem gene­rel­len Des­in­ter­es­se an inter­dis­zi­pli­nä­ren Dia­lo­gen beglei­tet wird.“

[4] Vgl. Natur­wis­sen­schaft­li­che Schrif­ten, in: Goe­the Wer­ke (Jubi­lä­ums­aus­ga­be), Bd. 6, Darm­stadt 1998, 631ff.

[5] Vgl. ins­be­son­de­re Die Natur. Aus­ge­wähl­te Essays, Stutt­gart 2000.

20. Oktober 2011

Die „Pragmatische Maxime“ – eine kulturphilosophische Regel

Wir haben uns in der Sit­zung vom 17.10. um ein aus­rei­chen­des Ver­ständ­nis des all­ge­mei­nen und umfas­sen­den Phi­lo­so­phie­an­sat­zes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der meta­phy­si­schen Pro­ble­me bespro­chen, das Peirce tat­säch­lich behan­delt: die Got­tes­fra­ge, wobei Peirce vie­le all­ge­mei­ne Äuße­run­gen hin­zu­zieht, wel­che ihn anre­gen. Neben Tra­di­tio­nen von Juden­tum, Chris­ten­tum und Islam spie­len bei Peirce auch Neo­hin­du­ide­en eine nicht unbe­acht­li­che Rol­le. Dies war alles am Ende des 19. Jahr­hun­derts und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in den USA bekennt und wur­de kon­tro­vers dis­ku­tiert.[1] Phi­lo­so­phie ver­ar­bei­tet sol­che Tra­di­tio­nen und reflek­tiert sie kri­tisch dar­auf, ob sie Erfah­rungs­ge­hal­te sym­bo­li­sie­ren – oder ob man auf­grund sol­cher Bil­der Erfah­run­gen machen kann. Wel­ches The­ma man meta­phy­sisch durch all­ge­mei­ne Unter­stel­lun­gen angeht: Peirce hält nichts von geschmäck­le­ri­schen, viel­leicht schön­geis­ti­gen Theo­rie­de­bat­ten, weil Theo­ri­en selbst durch Pra­xis gewon­nen wur­den, prak­tisch über­prüft und ggf. dann ver­än­dert oder auch ver­wor­fen wer­den. Die prag­ma­tis­ti­sche Phi­lo­so­phie kon­zen­triert sich mit­hin auf den kul­tu­rel­len Kon­text der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, in dem klar wur­de, dass die sozia­le Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Wis­sen­schaf­ten soge­nann­tes „Wis­sen“ bereit­stellt, das es ermög­licht, prak­ti­sche Regeln zu ent­wer­fen, die sich the­ra­peu­tisch, päd­ago­gisch und öko­no­misch sehr gut bewähr­ten. Das sind ent­we­der Tech­ni­ken oder Kunst­leh­ren.

  • Um Tech­ni­ken han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, die das ange­streb­te Ziel stets errei­chen, also z. B. Glüh­bir­nen pro­du­zie­ren, die immer dann leuch­ten, sofern man auf einen Schal­ter drückt (Th. A. Edi­son).
  • Um Kunst­leh­ren han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, bei denen der Erfolg im Ein­zel­fall nicht sicher ist, die mit­hin stets vom Ein­zel­fall her ange­passt wer­den müs­sen (etwa Päd­ago­gik, Medi­zin).

Das ist kei­ne typisch „ame­ri­ka­ni­sche“ Ent­de­ckung. Aber im ame­ri­ka­ni­schen Prag­ma­tis­mus bra­chen sich – ver­mit­telt durch den „Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus (Emer­son, Tho­reau, Ful­ler u. a.) die Ide­en, die von den Frühromantiker/innen, Goe­the, Schlei­er­ma­cher und Hum­boldt stam­men, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kon­text der Demo­kra­tie ver­wie­sen, der für das Ver­ständ­nis der Wer­ke von Peirce, James und Dew­ey sehr aus­schlag­ge­bemd ist, der natür­lich in Deutsch­land in einem ernst­haf­ten Sinn erst nach 1968 exis­tier­te, im Kern erst in den 1970er Jah­ren bestim­mend wur­de. Denn die Mög­lich­kei­ten poli­ti­scher Frei­heit setz­ten die Ener­gi­en frei, wel­che ein Leben in Selbst­be­stim­mung schön machen kön­nen. Das for­mu­liert in der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung die Rede vom „pur­su­it of hap­pi­ness). Aber – so reflek­tiert die soge­nann­te „prag­ma­ti­sche Maxi­me“, wel­che prak­ti­sche Fol­gen bzw. Wir­kun­gen eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie haben kann, soll­te abge­schätzt wer­den.

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands!

(Charles Peirce, How to make our ide­as clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jah­ren (z. B. Ein­lei­tung zu „Phä­no­me­no­lo­gie und Logik der Zei­chen“) dar­auf ver­wie­sen, dass Grund­fra­gen des „Prin­zips Ver­ant­wor­tung“ (Hans Jonas, ein Hei­deg­ger­schü­ler) hier völ­lig klar for­mu­liert wer­den. Wenn also zu den abge­schätz­ten mög­li­chen Wir­kun­gen sol­che gehö­ren, die sitt­lich miss­bil­ligt wer­den müs­sen, erge­ben sich kon­flikt­rei­che ethi­sche Auf­ga­ben. Wie ist z. B. eine demo­kra­ti­sche Kon­trol­le der Wis­sen­schaf­ten mög­lich? Peirce setzt also dar­auf, dass neben der phi­lo­so­phi­schen Tätig­keit der Wissenschaftler/innen ein uni­ver­sa­ler Hori­zont in der Gesell­schaft ent­steht, der eben ver­ant­wort­lich dar­über ent­schei­det, wel­che tech­ni­schen und kunst­mä­ßi­gen Pro­jek­te durch­ge­führt wer­den – und wel­che bes­ser unter­las­sen wer­den soll­ten, weil ihre Wir­kun­gen die Mög­lich­keit der Frei­heit negie­ren.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof (EGH) hat in die­ser Woche in die­sem Sin­ne eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung zur Stamm­zel­len­for­schung getrof­fen, die den Wün­schen und gedank­li­chen Ambi­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft in Tei­len Euro­pas ent­spricht – ein Bei­spiel für die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung sol­cher demo­kra­ti­scher Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­se, die auch Peirce für not­wen­dig hielt. Natür­lich lässt sich öko­no­misch bes­ser mit (finan­zi­el­ler und tech­ni­scher) Indus­trie­un­ter­stüt­zung for­schen. Aber die hier­zu erfor­der­li­che Paten­tie­rung von bestimm­ten prak­tisch her­vor­ge­ru­fe­nen Zell­ver­än­de­run­gen wider­spricht ele­men­ta­ren Prin­zi­pi­en der Men­schen­rech­te. Um dies zu ver­ste­hen, muss man nur all­ge­mein gebil­det sein, wel­ches eine Vor­aus­set­zung von Demo­kra­tie im Sin­ne von Peirce und sei­nem Schü­ler Dew­ey ist.

  • Die in den Wis­sen­schaf­ten ent­wor­fe­nen Abduk­tio­nen (Hypo­the­sen)
  • wer­den mit­hin deduk­tiv auf Über­prü­fungs­kon­tex­te in der kunst­mä­ßig oder tech­nisch model­lier­ten Erfah­rung (etwa des Labors) bezo­gen,
  • wo sie auf ihre induk­ti­ve Taug­lich­keit in immer neu­en Erfah­run­gen über­prüft wer­den.

Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“ for­mu­liert die­sen durch und durch prak­ti­schen Zusam­men­hang. Und Hand­lun­gen gehö­ren ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den nega­ti­ven – und wie wir heu­te u. a. an der Kli­ma­ka­ta­stro­phe und Fuku­shi­ma sehen – fata­len Fol­gen des Erfolgs von Posi­ti­vis­mus und Neo­po­si­ti­vis­mus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ide­en klar gemacht wer­den, aus dem Bereich der Ethik in einen angeb­lich „neu­tra­len“ wis­sen­schaft­li­chen Bereich trans­for­miert haben, wo (was nicht so ger­ne zuge­ge­ben wird) letzt­lich kurz­fris­ti­ge öko­no­mi­sche Inter­es­sen den Aus­schlag geben, sie­he den sich immer noch brüs­ten­den Oli­ver Brüst­le (Uni­ver­si­tät Bonn).

Logisch-semio­tisch ver­hält es sich so: Das Ziel wäre eine The­ra­pie für Par­kin­son. Die Abduk­ti­on lau­tet: Die­ses Ziel kann durch gen­tech­no­lo­gi­sche Mani­pu­la­ti­on von Zel­len „über­zäh­li­ger Embryo­nen“ erreicht wer­den, weil sich hier­aus geeig­ne­te Prä­pa­ra­te gegen Par­kin­son gewin­nen las­sen. Deduk­tiv fin­det die­se Mani­pu­la­ti­on seit drei Jah­ren oder mehr statt. Eine Über­prü­fung, die induk­tiv den Erfolg eini­ger­ma­ßen sicher­stel­len könn­te, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Men­schen­rech­te die Kon­se­quen­zen gezo­gen. Embryo­nen dür­fen nicht als Mit­tel behan­delt wer­den. Sie tra­gen die rea­le Mög­lich­keit des Mensch­seins in sich. Im posi­ti­vis­ti­schen und neo­po­si­ti­vis­ti­schen Kon­text wer­den ent­spre­chen­de ele­men­ta­re ethi­sche Fra­gen bewusst aus­ge­klam­mert. Mit­hin sind die Ide­en sol­cher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufol­ge unklar.

  • War­um?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hät­te der Papst argu­men­tiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jah­ren dar­auf ver­wie­sen, dass die Phi­lo­so­phie durch eine der­ar­ti­ge logisch-semio­ti­sche Sub­ti­li­tät gesell­schaft­li­che Streit­fra­gen klä­ren hel­fen kann – und dadurch dazu bei­trägt, die geis­ti­ge „Umwelt­ver­schmut­zung“ zu mil­dern. Das ist eine schö­ne Auf­ga­be der Phi­lo­so­phie.


[1] Es ist unbe­strit­ten, dass es auch Cow­boys und Cow­girls gab. Sie waren kul­tu­rell aber weni­ger bedeu­tend, als das Gen­re „Wes­tern“ nahe­le­gen könn­te. Auch im Mitt­le­ren Wes­ten und an der Fron­tier wur­den phi­lo­so­phi­sche Fra­gen dis­ku­tiert, wie man sich an dem Begrün­der der Osteo­pa­thie Andrew Tay­lor Stil exem­pla­risch klar machen kann.

10. September 2011

Die Philosophie von Charles Peirce

Die Phi­lo­so­phie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktu­ell. Nach kon­ser­va­ti­ver Mei­nung hat sich die Bun­des­kanz­le­rin als „Prag­ma­tis­tin“ erwie­sen, weil sie ange­sichts der „tages­po­li­ti­schen Ereig­nis­se“ (FAZ) von Fuku­shi­ma ihre Hal­tung zur Kern­ener­gie geän­dert hat – was ent­spre­chen­de Kon­se­quen­zen hat­te. Dabei ist ein Begriff von „Prag­ma­tis­mus“ impli­ziert, der unter­stellt, man set­ze poli­tisch nur das­je­ni­ge durch, was sich ange­sichts von Wider­stän­den gegen­über der Bevöl­ke­rung ver­tre­ten las­se. Aber auch im Sin­ne von Peirce war das eine „prag­ma­tis­ti­sche“ Ent­schei­dung. Denn ange­sichts unab­weis­ba­rer Erfah­run­gen ließ sich fest­stel­len, dass die Betrei­bung der Kern­er­gie offen­sicht­lich töd­li­che Fol­gen haben kann, mit­hin mit den Men­schen­rech­ten unver­ein­bar ist. Folg­lich ist das Betrei­ben der Kern­er­gie in einem Land, das die Men­schen­rech­te ach­tet, nicht wei­ter mög­lich.

Nicht nur die­se Aktua­li­tät besteht, son­dern Peirce bie­tet eine brei­te The­men­pa­let­te, von der wir im Kurs an der VHS Neckar­ge­münd eini­ge The­men bespre­chen wol­len:

 

10.10. Wech­sel­sei­ti­ge Vor­stel­lung und Kurs­plan

17.10. Leben und Werk

24.10. Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“

31.10. Der Pri­mat der Ethik

07.11. Semio­tik I

14.11. Semio­tik II

21.11. Wahr­neh­mung und Erfah­rung

28.11. Prag­ma­tis­mus und Phä­no­me­no­lo­gie

05.12. Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie

12.12. Abschluss­dis­kus­si­on

 

Aus der Per­spek­ti­ve der Teilnehmer/innen kön­nen die­se The­men ver­än­dert wer­den. Bit­te schrei­ben Sie mir hier­zu eine E-Mail mit ihren Vor­schlä­gen.

11. April 2011

NT (TUD)">Was ist der Mensch? Grenzen des Menschseins aus der Sicht des NT (TUD)

S1 02/330, 11.40 Uhr – 13.20 Uhr

 

18.10. Ken­nen­ler­nen, Semi­nar­plan, Sozi­al­form, Vor­ge­hens­wei­se: „Der Mensch ist eine schwä­bi­sche Haus­frau“

25.10. Psalm 8

01.11. Röm 3,28

08.11. Röm 8,18-49

22.11. 1Kor 15 I

29.11. 1Kor 15 II

06.12. Gal 3,26-29

13.12. Mt 6,19-34

20.12. Mk 10,13-16

1o.01. Kol 1,15-23

17.01. Mk 5,35-43

24.01. Tex­te von Richard Dawkins/Humberto Matu­rana

28.01. Offe­ne Fra­gen (frei­will­lig)

31.01. Offe­ne Fra­gen

07.02. Abschluss­dis­kus­si­on

 

 

16. März 2011

Philosophie in der Demokratie – der „freie“ Wille ist im Pragmatismus eher unproblematisch

Erinnerung an den 14.03.2011

Die kan­ti­sche Posi­ti­on rech­net mir der empi­ri­schen Gül­tig­keit des Mecha­nis­mus, wel­cher zugleich ein Deter­mi­nis­mus ist – nach Kants Kate­go­ri­en­leh­re ist dies auch gar nicht anders mög­lich, weil kei­ne Kate­go­rie wirk­lich über­zeu­gend auf Spon­ta­nei­tät o. Ä. hin­weist. Der Wider­stand im empi­ri­schen Bereich geht also gegen 100 %, mit­hin gibt es kei­ne Frei­heit. Aller­dings müs­sen wir uns „zum Behu­fe“ der prak­ti­schen Ver­nunft als frei den­ken – und in die­sem Sinn gibt es auf der tran­szen­den­ta­len Ebe­ne Frei­heit, frei­er Wil­le, Selbst­be­stim­mung, Selbst­ge­setz­ge­bung. Wir ent­wer­fen das Sit­ten­ge­setz und den kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv selbst, sofern wir uns als tran­szen­den­tal freie Wesen rich­tig ver­ste­hen. Weil wir das nicht empi­risch-mecha­nis­tisch bestä­ti­gen kön­nen, wird gera­de das rich­ti­ge auto­no­me Selbst­ver­ständ­nis und Selbst­ver­hält­nis ent­wor­fen. Ansons­ten wären wir nicht auto­nom, son­dern als Maschi­ne aktiv. (more…)