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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


19. Februar 2011

Frei­heits­tex­te (Vhs Neckar­ge­münd 28.02.2011)

Aris­to­te­les: „Indes gehö­ren zum Glück doch auch die äuße­ren Güter, wie wir gesagt haben. Denn es ist unmög­lich, zum min­des­ten nicht leicht, durch edle Taten zu glän­zen, wenn man über kei­ne Hilfs­mit­tel ver­fügt. Lässt sich doch vie­les nur mit­hil­fe von Freun­den, von Geld und poli­ti­schem Ein­fluss, also gleich­sam durch Werk­zeu­ge, errei­chen.“ (Niko­ma­chi­sche Ethik) (more…)

9. Februar 2011

VHS Neckar­ge­münd, ab 21.02.2011, 19.30 Uhr)">Die Fra­ge des frei­en Wil­lens (VHS Neckar­ge­münd, ab 21.02.2011, 19.30 Uhr)

Das The­ma soll in der VHS Neckar­ge­münd gründ­lich aus­dis­ku­tiert wer­den (noch vier Plät­ze frei!).

In der jün­ge­ren, ins­be­son­de­re durch Gehirn­for­scher wie Wolf Sin­ger u. a. ist die­ses The­ma, das meh­re­re Tau­send Jah­re kon­tro­vers disk­tu­tiert wird, neu auf­ge­nom­men – und nega­tiv beant­wor­tet wor­den. Nun sei­en es die neu­ro­na­len Netz­wer­ke im Gehirn, wel­che die Rede vom „frei­en Wil­len“ als absurd erschei­nen lie­ßen. Wir schau­en uns die Debat­te seit Aris­to­te­les an. Da in der letz­ten Sit­zung des letz­ten Kur­ses eine wohl von den Ver­kehrs­be­trie­ben in Hei­del­berg und Umge­bung unbe­wäl­tig­ba­re Situa­ti­on ent­stan­den war, wid­men wir uns am 21.04. noch ein­mal dem letz­ten Kapi­tel von Karl-Heinz Brod­becks „Die Herr­schaft des Gel­des“. (more…)

12. November 2010

Geld­gier 1 – die Haupt­lei­den­schaft bei Karl-Heinz Brod­beck

Uni Zürich, Prof. Dr. Ernst Fehr, Geld­gier

Kapi­tel 5.1, aber auch das gesam­te Kapi­tel 5 unter­stel­len, dass die Men­schen glo­bal im Wesent­li­chen, wenn auch mit Inten­si­täts­un­ter­schie­den, durch die­sel­be Lei­den­schaft bestimmt sind, es han­delt sich um die Geld­gier. Die­se wird durch den sozia­len Kon­takt mit der „Geld­rech­nung“, mit­hin mit­tels einer kon­kre­ten Lebens­pra­xis bestimmt. Es han­delt sich also nicht ein­fach um eine anthro­po­lo­gi­sche Grund­kon­stan­te, son­dern die­se Lei­den­schaft und ihre hohe Stel­lung unter allen Lei­den­schaf­ten wird durch gesell­schaft­li­che Gewöh­nung erzeugt. Sie prägt immer stär­ker unse­re Ver­hält­nis­se, die Brod­beck als „Ich-Du-Es-Bezie­hun­gen“ cha­rak­te­ri­siert. (more…)

1. November 2010

NT">Witt­gen­stein I – Reli­gio­si­tät und Bild­lich­keit im NT

Die Sit­zung dien­te der kur­so­ri­schen Kennt­nis­nah­me der Haupt­the­sen Witt­gen­steins zu reli­giö­ser Kom­mu­ni­ka­ti­on. Der Text wur­de als etwas dis­pa­rat wahr­ge­nom­men. Das scheint auch mir zutref­fend, frei­lich ist dies der sehr wohl über­leg­te Stil der Spät­phi­lo­so­phie Witt­gen­steins. Die Vor­le­sun­gen, wel­che das Buch ent­hält, schei­nen 1938ff gehal­ten wor­den zu sein, es han­delt sich z. T. um Manu­skrip­te von Nach­schrif­ten.

Die Spät­phi­lo­so­phie Witt­gen­steins unter­stellt, dass wis­sen­schaft­li­che oder auch im enge­ren Sinn natur­wis­sen­schaft­li­che Ratio­na­li­tät nicht nur nicht die ein­zi­ge Form von Ratio­na­li­tät inner­halb der moder­nen Gesell­schaft dar­stellt. Es kann auch ande­re For­men der Ratio­na­li­tät geben. (more…)

31. Oktober 2010

II">Phi­lo­so­phie und Quan­ten­me­cha­nik II

Am 06.11. fin­det die nächs­te Sit­zung in Sand­hau­sen, Sand­gas­se 13 statt. Es wird gewünscht, dass nur ein Text mit zwei Zeit­stun­den bespro­chen wird.

Dann ist der Text „Quan­ten­me­cha­nik und Kant­sche Phi­lo­so­phie“, 62ff, The­ma der Sit­zung. Ich wer­de die­sen zu Beginn der Sit­zung kurz zusam­men­fas­sen und am Ende die­ses Tex­tes schon eini­ge Hin­wei­se geben.

Die ers­te Sit­zung befass­te sich mit der „Geschich­te der Quan­ten­theo­rie“ und der „Kopen­ha­ge­ner Deu­tung der Quan­ten­theo­rie“ (3ff; 42ff). Vgl. Sie auch die Links hier. Wie an der Begriff­lich­keit sicht­bar wird, geht es Hei­sen­berg zufol­ge stets um eine Erwei­te­rung des bis­he­ri­gen mecha­ni­schen Wis­sens der Phy­sik. Die „Quan­ten­theo­rie“ beschreibt bis­her uner­kann­te mecha­ni­sche Vor­gän­ge in der Natur. (more…)

4. Dezember 2009

Erin­ne­rung an den 30.11. — Vhs Neckar­ge­münd

Die Sit­zung befass­te sich zum gro­ßen Teil mit Pro­ble­men der letz­ten Sit­zung, weil jetzt kla­rer gewor­den war, dass es meh­re­re mög­li­che Betrach­tungs­wei­sen bio­ti­scher Pro­zes­se gibt. Schon Bau­er, stär­ker aber Hoff­mey­er unter­stel­len, dass der ein­zel­ne Pro­zess nur im Kon­text der gesam­ten Pro­zes­se im Orga­nis­mus ver­stan­den wer­den kann, wes­halb Hoff­mey­er eine semio­ti­sche Ver­net­zung der ein­zel­nen Pro­zes­se unter­stellt.

Dabei stößt man auf Unend­lich­keits­pro­ble­me und Unschär­fen, es wird deut­li­cher, dass auch wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis stets nur vor­läu­fi­gen Wert hat – mit­hin also in Zukunft ver­bes­sert, wider­legt und gege­be­nen­falls nur leicht modi­fi­ziert bestä­tigt wird. Dem­ge­gen­über sug­ge­rie­ren Ver­tre­ter wie Daw­kins, dass wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis einen wesent­li­chen Schlüs­sel fin­den müs­se, mit dem man das gesam­te Schloss auf­schlie­ßen kön­ne, ihm zu Fol­ge geht dies mit der Meta­pher des „ego­is­ti­schen Gens“. Soll­ten die neue­ren For­schun­gen im Recht sein, ist die­se meta­pho­ri­sche Dra­pie­rung des Orga­nis­mus hin­fäl­lig. Wenn das Genom den Pro­zess der Onto­ge­ne­se nicht deter­mi­nie­ren kann, hängt die gan­ze Kon­struk­ti­on des „ego­is­ti­schen Gens“ in der Luft.

Aber falls es unver­meid­lich Unend­lich­keits­pro­ble­me und Unschär­fen gibt, war­um soll man dann über­haupt das Phä­no­men des Gan­zen the­ma­ti­sie­ren – und sich nicht auf die Erkennt­nis von Ein­zel­sach­ver­hal­ten beschrän­ken? Weil das Ein­zel­ne nur im Gesamt­zu­sam­men­hang ange­mes­sen erkannt wer­den kann. Jede Erkennt­nis ist dann aber zumin­dest mit einem hypo­the­tisch-abduk­ti­ven Rest ver­bun­den, sodass gera­de die Hand­lun­gen, die auf einer sol­chen Erkennt­nis beru­hen, stets revi­dier­bar sein müs­sen. Das gilt nicht nur für den Bereich der Medi­zin, son­dern auch für die Berei­che der Poli­tik und der Wirt­schaft. U. a. aus die­sem Grund ist die Demo­kra­tie prin­zi­pi­ell ande­ren Staats­for­men über­le­gen, wird aber stets zu unter­mi­nie­ren ver­sucht.

Dadurch wird nicht auf ein­mal alles bes­ser, wohl aber ist seit dem 16. Jahr­hun­dert doch eini­ges bes­ser gewor­den. Die Demo­kra­tie erzwingt nicht sitt­li­ches oder ver­nünf­ti­ges Han­deln, wohl aber ist sie in der Lage durch Rechts­set­zung sank­ti­ons­be­wehr­te Erwar­tungs­si­cher­heit in bestimm­ten Berei­chen her­zu­stel­len. Daher wur­de seit eini­gen Jah­ren an bestimm­ten Aspek­ten des Grund­ge­set­zes gear­bei­tet, um die­se zu ver­än­dern – zumeist hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der­ar­ti­ge Geset­ze als zumin­dest teil­wei­se ver­fas­sungs­wid­rig erklärt. Die moder­ne Demo­kra­tie funk­tio­niert also nicht ohne das­je­ni­ge Recht, wel­ches seit der euro­päi­schen und nord­ame­ri­ka­ni­schen Auf­klä­rung Gestalt annimmt. Gera­de die Finanz­kri­se hat mus­ter­haft gezeigt, dass das Grund­ge­setz mit den Arti­keln 14 und 15 auch schwie­ri­gen Situa­tio­nen gewach­sen ist.

Wer also hohe sitt­li­che Ansprü­che hat, muss sich in der Demo­kra­tie selbst dafür ein­set­zen, dass die­se auch wirk­sam wer­den.

Das Pro­blem der prä­dik­ti­ven Medi­zin besteht bei mul­ti­fak­to­ri­el­len Krank­hei­ten wie Dia­be­tes mel­li­tus in der Wahr­schein­lich­keits­rech­nung. Soll­te ein Mensch zwei Eltern mit die­ser Krank­heit besit­zen, beträgt die sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit 50 %, dass er die­se auch bekommt. Und sie beträgt 50 %, dass er sie nicht bekommt. Was tun? Hier ver­bin­det sich das kon­kre­te Pro­blem mit dem zuvor erör­ter­ten Pro­blem. Wie geht man eigent­lich mit höchst unschar­fen Ein­sich­ten um? Da Wahr­schein­lich­kei­ten nichts über den tat­säch­li­chen Ver­lauf beim ein­zel­nen Men­schen aus­sa­gen, ist hier höchs­te Zurück­hal­tung gebo­ten – so wie es auch der Bun­des­tag beschlos­sen hat.

22. November 2009

John Dew­ey — Mein päd­ago­gi­sches Glau­bens­be­kennt­nis I

John Dew­ey (1859-1953) ist einer der bedeu­tends­ten Päd­ago­gi­ker der Moder­ne. In Deutsch­land bzw. im deut­schen Sprach­raum wür­de man sei­ne päd­ago­gi­sche Posi­ti­on als Reform­päd­ago­gik bezeich­nen. Dar­un­ter kann man die­je­ni­gen Posi­tio­nen

John Dewey

John Dew­ey

ver­ste­hen, wel­che Ein­sich­ten der klas­si­schen Päd­ago­gik wie der­je­ni­gen Fried­rich Schlei­er­ma­chers (2000a; b) in leb­ba­re For­men umsetz­te. Dew­ey ist m. E. des­halb von beson­de­rer Bedeu­tung, weil er eine sozi­al ver­ant­wort­li­che und ent­schie­den demo­kra­ti­sche Posi­ti­on ver­trat. Es kann nur zur Demo­kra­tie kom­men und die­se kann  auch nur bestehen, wenn die Schu­le selbst für Kin­der Demo­kra­tie erleb­bar und gestalt­bar macht. Dew­ey ist mit­hin nicht der Über­zeu­gung, dass man in der Schu­le für das Leben ler­ne, wie ein ver­brei­te­ter Sinn­spruch in unse­rer Welt­ge­gend lau­tet. Es ver­hält sich anders: Die Schu­le ist ein Teil des Lebens und mit­hin auch des demo­kra­ti­schen und sozi­al ver­ant­wort­li­chen Lebens.

Ich wer­de über Weih­nach­ten bzw. den Jah­res­ab­schluss  hin­aus hier Dew­eys Text My Pedago­gic Creed (1897) über­set­zen und mit eini­gen kom­men­tie­ren­den Bemer­kun­gen ver­se­hen. Der Regie­rungs­er­klä­rung von Ange­la Mer­kel zufol­ge soll ja Deutsch­land zur „Bil­dungs­re­pu­blik“ wer­den.  Hier­zu hat Dew­ey Wesent­li­ches bei­zu­tra­gen. Denn sei­ne Auf­fas­sung ist wesent­lich grund­le­gen­der als die­je­ni­gen Über­zeu­gun­gen, die bes­ten­falls von der OECD beein­flusst sind, aber schlimms­ten­falls Sar­ra­zin­sche For­men anneh­men kön­nen. Von der­ar­ti­gen Auf­fas­sun­gen ist der jeden­falls mas­sen­me­di­al zumeist notier­te Bil­dungs­dis­kurs bestimmt. So fin­det sich in frü­her renom­mier­ten Zei­tun­gen wie der „Zeit“ bemer­kens­wert oft eine abfäl­li­ge Bemer­kung über „bil­dungs­fer­ne Schich­ten“ – ein Aus­druck, der zeigt, wie lebens­fremd  und refle­xi­ons­arm nicht sel­ten der Dis­kurs in Deutsch­land geführt wird. Hier besteht mit­hin noch ein beacht­li­ches Poten­zi­al an Nach­denk­lich­keit, Infor­ma­ti­on, an eige­ner Übung und Selbst­er­fah­rung, um in der Sache gedank­lich und prak­tisch wei­ter zu kom­men.

Dew­ey hat sei­nen Text der fin­gier­ten Gat­tung „Glau­bens­be­kennt­nis“ fol­gend in Arti­kel geglie­dert, es sind fünf. Und jede drit­te Woche wird hier ein „Glau­bens­ar­ti­kel“ über­setzt und in der fol­gen­den Woche mit  Hin­wei­sen ver­se­hen.

27. Oktober 2009

Erin­ne­rung an den 26.10. – Vhs Neckar­ge­münd

Im Vor­der­grund der Sit­zung stan­den Ver­ständ­nis­pro­ble­me und das Kon­zept von Charles Dar­win. Wie­so haben wir Matu­rana und Daw­kins bespro­chen? Ging es nicht um das Ver­hält­nis von „sys­te­misch“ vs. „nicht-sys­te­misch“? Der Sys­tem­be­griff wird seit der Anti­ke ver­wen­det. In der neue­ren Zeit prägt der Sys­tem­be­griff weit­hin phi­lo­so­phi­sche und wis­sen­schaft­li­che Begriff­lich­kei­ten. Sys­te­me bil­den stets Ele­men­te und Rela­tio­nen (Bezie­hun­gen) aus. Die durch die Rela­tio­nen bestimm­te Gestalt des Sys­tems wird als Struk­tur bezeich­net. Eine sol­che Struk­tur kann als mecha­nis­tisch begrif­fen wer­den, dann sind die Sys­te­me Maschi­nen – wie bei Daw­kins im Gefol­ge einer bedeu­ten­den Tra­di­ti­on seit Des­car­tes. Hier gel­ten sehr star­ke induk­ti­ve oder deduk­ti­ve Regeln, wel­che die Sta­bi­li­tät des Sys­tems erzeu­gen – bei Daw­kins erschaf­fen bei­spiels­wei­se die Gene sol­che „Maschi­nen“. Seit der deut­schen Früh­ro­man­tik und dem Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus wird die­ser Mecha­nis­mus deut­lich kri­ti­siert. Hier ten­die­ren die Sys­te­me dazu, auto­po­ie­tisch zu wer­den, d. h., sie sind so ange­legt, dass sie sich in jedem Voll­zug von Ele­men­ten und Rela­tio­nen im Kon­text ihrer Umwelt auf sich selbst bezie­hen und sich selbst erzeu­gen. Das gilt für bio­ti­sche, psy­chi­sche und sozia­le Sys­te­me. So auch Matu­rana. Dadurch wer­den die Betrach­tungs­wei­sen ungleich kom­ple­xer. Die Sys­tem-Umwelt-Dif­fe­renz ist dann nicht nach der einen oder ande­ren Sei­te ganz ein­deu­tig und leicht fest­zu­le­gen. Sol­che auto­po­ie­ti­schen Sys­te­me gel­ten als selbst­re­fe­ren­zi­ell-geschlos­sen. D. h., ihr Selbst­be­zug bestimmt, wie Ener­gie und Infor­ma­ti­on im Sys­tem selbst inter­pre­tiert bzw. bewer­tet sowie gestal­tet wer­den. Als bekann­tes Bei­spiel geht Tho­mas Fuchs 2008, 111, auf das Eisen ein:

Lebe­we­sen las­sen sich zunächst als kom­ple­xe Kör­per oder Sys­te­me auf­fas­sen, die sich bei fort­wäh­ren­dem Wech­sel ihres Stof­fes in ihrer Form und Struk­tur durch die Zeit hin­durch erhal­ten. Dabei ist die­se Erhal­tung als akti­ve Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on oder Auto­po­ie­se (Matu­rana u. Vare­la 1987) zu begrei­fen, denn die Form des Orga­nis­mus lässt den Stoff nicht ein­fach durch sich hin­durch­strö­men wie die Form eines Stru­dels das Fluss­was­ser, son­dern sie unter­wirft ihn ihrem eige­nen Prin­zip und Zweck, bin­det ihn ein und ver­wan­delt ihn. Dabei gewinnt der Stoff neue, ‚emer­gen­te‘ Eigen­schaf­ten, die ihm nur im sys­te­mi­schen Zusam­men­hang des Orga­nis­mus zukom­men. So ver­hält sich das im Hämo­glo­bin gebun­de­ne Eisen grund­le­gend anders als mine­ra­lisch vor­kom­men­des Eisen: Es oxi­diert nicht irrever­si­bel, son­dern es ist in der Lage, Sauer­stoff rever­si­bel zu bin­den, was eine ent­schei­den­de Vor­aus­set­zung des tie­ri­schen Ener­gie­haus­halts dar­stellt.“

Die Poin­te liegt hier dar­auf, dass die „inne­ren“ che­mi­schen Eigen­schaf­ten des Eisens im Hämo­glo­bin ande­re sind als die­je­ni­gen des mine­ra­li­schen Eisens in der Umwelt. Wie schon frü­her dis­ku­tiert, gilt das dann auch für soge­nann­te Ursa­che-Wir­kungs­be­zie­hun­gen, die nicht ein­fach von „außen“ nach „innen“ unun­ter­bro­chen ver­lau­fen, son­dern durch den selbst­re­fe­ren­zi­el­len Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zess des Sys­tems ent­spre­chend modi­fi­ziert wer­den. Bei einer schlich­ten und ganz ein­för­mi­gen Gestalt der Wirk­lich­keit soll­te so etwas nicht auf­tre­ten. Hier soll­te man erwar­ten dür­fen, dass Eisen über­all die glei­chen che­mi­schen Eigen­schaf­ten hat. Aber die Wirk­lich­keit ist kom­plex und viel­ge­stal­tig. Dar­auf reagie­ren u. a. auto­poe­ti­sche Sys­tem­theo­ri­en.

Nach mei­ner Wahr­neh­mung zeig­te sich noch­mals deut­lich, dass vie­le Teilnehmer/innen es schwer akzep­tie­ren kön­nen, dass Wissenschaftler/innen kei­nes­wegs ohne Bil­der oder Model­le arbei­ten, die nicht schlicht den beob­ach­te­ten Sach­ver­hal­ten ent­nom­men sind – son­dern die­se Sach­ver­hal­te auf die eine oder ande­re Wei­se inter­pre­tie­ren, Daw­kins mit dem mäch­ti­gen Bild der Maschi­ne. In die­sem Sinn gibt es kei­ne „vor­ur­teils­freie Wis­sen­schaft“. Wie u. a. im Gefol­ge des Prag­ma­tis­mus gezeigt wur­de, ist nicht nur die Erläu­te­rung wis­sen­schaft­li­cher Ergeb­nis­se für soge­nann­te „Lai­en“ an All­tags­spra­che und deren Bil­der gebun­den. Dies gilt selbst­ver­ständ­lich auch für die Aus­bil­dung wis­sen­schaft­li­cher Hypo­the­sen und Theo­ri­en.

Dar­wins Evo­lu­ti­ons­theo­rie unter­stellt einen Drei­schritt:

  1. Die grund­le­gen­de Ver­än­de­rung wird durch eine Zufalls­va­ria­ti­on bei der Ver­er­bung erklärt.
  2. Über eine lan­ge Zeit­dau­er muss sich eine der­ar­ti­ge Ver­än­de­rung bewäh­ren.
  3. Über den schließ­li­chen evo­lu­tio­nä­ren Erfolg ent­schei­det die natür­li­che Selek­ti­on im Exis­tenz­kampf (strugg­le for exis­tence) unter Umwelt­be­din­gun­gen.

Wie schon im 19. Jahr­hun­dert sehr kri­tisch dis­ku­tiert wur­de, ent­stammt die Idee und das Leit-Bild für den drit­ten Aspekt aus der Öko­no­mie. Also auch hier nicht ein­fach eine vor­ur­teils­freie Betrach­tung der vor­han­de­nen Abwei­chun­gen, son­dern die Kon­struk­ti­on gro­ßer natur­ge­schicht­li­cher Zusam­men­hän­ge vor dem Hin­ter­grund eines aus der Öko­no­mie ent­nom­me­nen Bil­des. Wie Mal­thus’ Über­be­völ­ke­rungs­theo­rie ist Dar­wins Punkt 3 daher auf jeden Fall eine mecha­nis­ti­sche Theo­rie. Punkt 1 ist aller­dings sehr viel kom­ple­xer zu sehen, hier wird der Mecha­nis­mus viel­leicht durch­bro­chen. Pech für Dar­win: Mal­thus’ Theo­rie ist zwei­fel­los falsch, was schon zu Leb­zei­ten Dar­wins immer­hin behaup­tet wur­de (etwa: Ricar­do).

30. August 2009

Der Ansatz von Tho­mas Fuchs

Auf­grund von Erfah­run­gen in Ver­an­stal­tun­gen über den phi­lo­so­phi­schen Ver­such von Tho­mas Fuchs, zu denen Reak­tio­nen von Leser/innen der bis­he­ri­gen Bei­trä­ge hier im Blog kom­men, möch­te ich eini­ge grund­sätz­li­che Bemer­kun­gen machen. Für mich selbst sind Fuchs’ leib­phä­no­me­no­lo­gi­sche Erwä­gun­gen anre­gend. Ich selbst bin kein phä­no­me­no­lo­gi­scher Phi­lo­soph, aber die Zei­ten von Schul­p­hi­lo­so­phi­en dürf­ten längst vor­bei sein. Was Phänomenolog/inn/en und Pragmatist/inn/en ver­bin­det, ist die Ein­sicht, dass eine phi­lo­so­phi­sche Anschau­ung nur dann für uns rele­vant sein kann, wenn sie unser all­täg­li­ches Erle­ben und Han­deln auf­zu­neh­men ver­mag. Die Phänomenolog/inn/en nei­gen gele­gent­lich zu sehr weit gespann­ten Anschau­un­gen, wie der auch von Tho­mas Fuchs posi­tiv rezi­pier­te Her­mann Schmitz:

Mir genügt nicht die iso­lie­ren­de Durch­mus­te­rung des eigen­leib­lich spür­ba­ren Gegen­stands­ge­biets; ich bin viel­mehr bestrebt, des­sen zen­tra­le Bedeu­tung im Mensch­sein und in der Lebens­er­fah­rung nach allen Sei­ten aus­zu­leuch­ten …

Was ich zu sagen habe, kann nur zur Gel­tung kom­men, wenn zähe, jahr­tau­sen­de­al­te Dog­men der klas­si­schen Erkennt­nis­theo­rie und Anthro­po­lo­gie mit den zuge­hö­ri­gen Schein­pro­ble­men aus­ge­rot­tet wer­den.“[1]

Schmitz zufol­ge wur­de die Bedeu­tung jenes „eigen­leib­li­chen Spü­rens“ und des­sen Gegen­stands­ge­biet seit gut 2.400 Jah­ren durch eine „Intel­lek­tual­kul­tur“ ver­deckt[2], die sich u. a. in Natur­wis­sen­schaft, Psy­cho­lo­gie, phy­si­scher Tech­nik und Sozi­al­tech­no­lo­gie nie­der­ge­schla­gen habe. Wer das etwas anders sieht – und dies ist bei mir der Fall – kann den­noch sehr inter­es­siert die leib­phä­no­me­no­lo­gi­schen Meta­phern zur Kennt­nis neh­men und sich von ihnen anre­gen las­sen. Vie­le Phänomenolog/inn/en sind der Über­zeu­gung, dass ihre phi­lo­so­phi­schen Über­zeu­gun­gen in mehr oder weni­ger schar­fen „Begrif­fen“ aus­ge­drückt wer­den. Das ist für Außenbeobachter/innen nicht sehr über­zeu­gend, aber auch für durch­aus von der phä­no­me­no­lo­gi­schen Phi­lo­so­phie stark beein­druck­te „Insi­der“ nicht[3]. Auch Fuchs’ stark durch Raum­me­ta­phern gepräg­te Spra­che erregt in Phi­lo­so­phie­kur­sen gele­gent­lich Erstau­nen und durch­aus auch Unver­ständ­nis.

Leib­lich­keit ist die grund­le­gen­de Wei­se des mensch­li­chen Erle­bens – inso­fern der Leib nicht als Kör­per­ding, son­dern als Zen­trum räum­li­chen Exis­tie­rens auf­ge­fasst wird, von dem gerich­te­te Fel­der von Wahr­neh­mung, Bewe­gung, Ver­hal­ten und Bezie­hung zur Mit­welt aus­ge­hen. Leib­lich­keit in die­sem umfas­sen­den Sinn tran­szen­diert den Leib und bezeich­net dann das in ihm ver­an­ker­te Ver­hält­nis von Per­son und Welt, bis hin zu ihren sozia­len und öko­lo­gi­schen Bezie­hun­gen.“[4]

Wer als Physiker/in das Wort „Fel­der“ jetzt in einem phy­si­ka­li­schen Kode rekon­stru­iert, bekommt mög­li­cher­wei­se beacht­li­che Rezep­ti­ons­pro­ble­me. Den­noch wird man selbst erle­ben kön­nen, dass Schmitz und Fuchs mit sol­chen Meta­phern auf etwas Rea­les Bezug neh­men, wel­ches wir „leib­lich“ spü­ren kön­nen. Für Fuchs sind jeden­falls räum­li­che Meta­phern, um unse­re Exis­tenz in der Welt zu beschrei­ben, grund­le­gend.

Josef Forster, ohne Titel, wohl nach 1916
Abb. 1 Josef Fors­ter, ohne Titel, wohl nach 1916

Wer­fen wir zum Schluss noch ein­mal einen Blick auf das Bild von Josef Fors­ter. Der Mann steht nicht auf sei­nen Füßen, sein Gesicht ist mas­kiert; er hat den Kon­takt zur Erde und zu ande­ren ver­lo­ren. Er geht auf Stel­zen, mit denen er ‚Gewicht‘ zu gewin­nen ver­sucht, was wir als eine kon­kre­tis­ti­sche Rede­wei­se anse­hen und so über­set­zen kön­nen: Er sucht den emp­fun­de­nen Ver­lust von Selbst­sein und Selbst­wert aus­zu­glei­chen. Wir kön­nen anneh­men, dass das Bild einem Kampf ums see­li­sche Über­le­ben in der Ver­lo­ren­heit einer Anstalt, in der Ein­sam­keit des psy­chi­schen Anders­seins abge­run­gen ist. Und doch schwingt auch ein Moment von Freu­de und Stolz in die­sem Bild mit, wenn es heißt, mit Hil­fe sei­ner Stel­zen kön­ne die­ser Mann ‚mit gro­ßer Geschwin­dig­keit durch die Luft gehen‘. So mag der schi­zo­phre­ne Künst­ler bei allem Lei­den in sei­nen eigen­welt­li­chen Bild­schöp­fun­gen auch eine Art von Freu­de gefun­den haben, die wir nur von fer­ne zu erah­nen ver­mö­gen.“ [5]

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27. Juni 2009

Liegt im All­tag die Weis­heit ver­bor­gen?

Semes­ter­en­de, Prü­fun­gen, eine inten­si­ve Über­set­zung, dazu neue Lek­tü­ren, abwei­chen­de, über­ra­schen­de  eige­ne Lebens­er­fah­run­gen haben bei mir eine gewis­se Nach­denk­lich­keits­pha­se ein­ge­lei­tet. Vor Ende Juli erwar­ten Sie bit­te kei­ne län­ge­ren Bei­trä­ge von mir – dann wer­de ich die ange­kün­dig­ten Bei­trä­ge zu Fuchs, Brod­beck und Binswan­ger hier ein­stel­len.

Da der Kurs zur „All­tags­phi­lo­so­phie“ (vgl. die ent­spre­chen­den Bil­dungs­ma­te­ria­li­en) eine Rei­he von Gegen­ein­wän­den gegen die von mir ange­dach­te Phi­lo­so­phie­kon­zep­ti­on vor­ge­tra­gen hat, muss ich noch ein­mal ruhig und gelas­sen nach­den­ken. Viel­leicht liest auch der eine Leser oder die ande­re Lese­rin sich ein – und äußert sich hier dazu oder schreibt mir eine E-Mail: kontakt@alltagundphilosophie.com. Über Kri­ti­ken und kri­ti­sche Anre­gun­gen freue ich mich sehr.

In den ange­kün­dig­ten Bei­trä­gen gehe ich expli­zit oder impli­zit auf mei­ne Erwä­gun­gen und die mög­li­chen bzw. tat­säch­li­chen Gegen­ein­wän­de ein.

Im Mot­to des Blogs ist mei­ne The­se ent­hal­ten: Bei einer beson­ne­nen Betrach­tung unse­res all­täg­li­chen Erle­bens und Han­delns, unse­rer beruf­li­chen Tätig­keit, unse­rer Glücks­er­fah­run­gen, unse­res Schei­terns, auch der Erfolg­lo­sig­keit bei der Ver­fol­gung von Zie­len und Wün­schen sto­ßen wir auf die all­ge­mei­nen Struk­tu­ren unse­rer Erfah­rung und der Wirk­lich­keit als gan­zer, sofern sie von uns erfah­ren wer­den kann. Dabei sto­ßen wir nicht auf etwas, das unver­än­der­lich das Wesen/die Essenz o. Ä. der Wirk­lich­keit aus­macht, son­dern auf Ereig­nis­se, Pro­zes­se, Gescheh­nis­se, zu denen wir mit unse­ren Ereig­nis­sen, Bezie­hun­gen, Pro­zes­sen, dem kon­ti­nu­ier­li­chen Strom unse­res Bewusst­seins usf. gehö­ren. Die Weis­heit (σοφία, sofia) schlägt kei­ne abschlie­ßen­den Lösun­gen für kom­ple­xe Pro­ble­me vor – aber sie unter­stellt, dass in unse­ren all­täg­li­chen kri­ti­schen Gesprä­chen ein Poten­zi­al für ihre Lösung liegt, die wir gemein­sam im Han­deln zu errei­chen ver­su­chen soll­ten.