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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


3. September 2013

FA(Z)S 01.09., 5: Kei­ne Homo­se­xua­li­tät bei Protestant/inn/en!">Marie Katha­ri­na Wag­ner, FA(Z)S 01.09., 5: Kei­ne Homo­se­xua­li­tät bei Protestant/inn/en!

Die Ori­en­tie­rungs­hil­fe des Rats der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land Zwi­schen Auto­no­mie und Ange­wie­sen­heit. Fami­lie als ver­läss­li­che Gemein­schaft stär­ken hat etwa so viel Auf­merk­sam­keit erregt wie die erstaun­li­che Behaup­tung der Bun­des­kanz­le­rin, das Inter­net sei für uns alle Neu­land.

Einen gewis­sen Höhe­punkt der Debat­te stellt ein Arti­kel der FAZ-Autorin Marie Katha­ri­na Wag­ner auf Sei­te 5 der FAZS vom 01.09. unter der Über­schrift Ehe­kri­se dar. Einen Bericht fin­det man hier. Vor­aus­ge­gan­gen war dem schon ein kri­ti­sches Inter­view mit dem Prä­si­den­ten der Evan­ge­li­schen Kir­che von Hes­sen und Nas­sau Jung, der zu den Autoren der Stu­die zählt.

Die jun­ge Autorin (*1981) beginnt ihren Arti­kel mit einem Faux pas. In Bezug auf den frü­he­ren Rats­vor­sit­zen­den Wolf­gang Huber teilt sie mit, dass die­ser das Ober­haupt der Pro­tes­tan­ten (!) gewe­sen sei – und jene Auf­ga­be for­mu­liert habe, dass es Ziel der Stu­die sein sol­le „Ehe und Fami­lie“ im Kon­text der gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rungs­pro­zes­se zu stär­ken. Ich kann mich ange­sichts die­ses Faux pas schwer­lich im Kon­text der Vor­na­men der Autorin der Hypo­the­se erweh­ren, die Autorin sei katho­lisch. Jeden­falls ist ihre Betrach­tung der evan­ge­li­schen Kir­chen sehr tra­di­tio­nell, an Bischö­fen, der Unter­schei­dung von Theo­lo­gen und Lai­en usf. ori­en­tiert. Man kann viel­leicht auch unter­stel­len, dass sie eine kon­ser­va­ti­ve Pro­tes­tan­tin ist, sagen wir mal der Art der Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Kris­ti­na Schrö­der. Jeden­falls exis­tiert unter Protestant/inn/en kein Ober­haupt. Und es gibt Bischöf/inn/e/n und Kir­chen­prä­si­den­ten, ein rela­tiv bun­tes Bild. Seit Schlei­er­ma­chers „Kur­zer Dar­stel­lung des theo­lo­gi­schen Stu­di­ums“ (1811) gilt für vie­le Protestant/inn/en, dass Theo­lo­ge bzw. spä­ter Theo­lo­gin alle die­je­ni­gen sind, die an der „Kir­chen­lei­tung“ teil­ha­ben – und das beginnt in heu­ti­ger Spra­che beim Ehren­amt.

Die Autorin teilt mit einer Rei­he von inner­pro­tes­tan­ti­schen Kritiker/inne/n der Ori­en­tie­rungs­hil­fe die Über­zeu­gung, dass (more…)

29. August 2013

Franck Ribé­ry

Franck Ribé­ry ist vor allem in den bei­den letz­ten Jah­ren unter sei­nem Trai­ner Jupp Heynckes gereift. Natür­lich haben die drei Titel in der letz­ten Sai­son ent­schei­dend dazu bei­getra­gen, dass er zu Euro­pas Fuß­bal­ler des Jah­res gewählt wur­de.

Die unge­heu­re Genia­li­tät sei­nes Spiels bestand schon län­ger. Es ist ein sinn­li­cher Genuss, ihn spie­len zu sehen. Er ist unbe­re­chen­bar, was sei­ne Gegen­spie­ler erlei­den müs­sen. Fuß­ball kann sehr schön sein, es liegt bei Ribé­ry dann ein schö­ner Schein über dem Geschäft.

Ribé­ry ist geni­al!

6. März 2012

Begrif­fe der Ethik, „Güter-, Tugend- und Pflich­ten­leh­re“, „gut“ und „schlecht“, „Ethik vs. Moral“

In der letz­ten Sit­zung wur­den drei The­men fest­ge­legt, die im Kurs nächs­tes Semes­ter ver­han­delt wer­den könn­ten – und in der kom­men­den Sit­zung abge­stimmt wer­den sol­len:

  • Erkennt­nis­theo­rie: Gren­zen, Bedin­gun­gen, Medi­en und Mög­lich­kei­ten mensch­li­cher Erkennt­nis;
  • Mas­se und Macht. Sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche und phi­lo­so­phi­sche Erwä­gun­gen;
  • Kunst(-lehre) und Tech­nik. Phi­lo­so­phi­sche Refle­xi­on wesent­li­cher Hand­lungs­ty­pen.

In die­ser Sit­zung wur­den auch zwei typi­sche Tex­te des Aris­to­te­les bespro­chen, wel­cher eine Güter­leh­re vor­trägt und die hier­für nöti­gen Ver­nunft­po­ten­zia­le als Tugen­den (z. B. „Tap­fer­keit“, „Beson­nen­heit“) bestimmt – bzw. die Ver­tei­lung sol­cher Tugen­den bei den indi­vi­du­ell Han­deln­den durch sei­ne „Mit­te-Leh­re“ zu erfas­sen sucht, wel­che jeweils indi­vi­du­el­le Lebens­ge­schich­ten berück­sich­tigt. (more…)

18. Januar 2012

In eige­ner Sache

 

Ich habe seit Juli gele­gent­lich an die­ser Stel­le über mich selbst geschrie­ben und mei­ne Leser/innen und Kund/innen über mei­nen Wer­de­gang nach mei­nem Schlag­an­fall am 11.04.2011 infor­miert. Dies war ein deut­li­cher Ein­schnitt in mei­nem Leben, ich habe wie ein Klein­kind erst Krab­beln und dann ganz lang­sam Lau­fen gelernt. Neben der Beglei­tung in der Kopf­kli­nik und den Schmie­der-Kli­ni­ken (Hei­del­berg) habe ich schon bald ver­sucht, Kon­takt zu Osteopath/inn/en zu suchen. Zum Einen, weil ich in der Fer­tig­stel­lung der Über­set­zung von Mar­ga­ret Sor­rels Buch über Char­lot­te Wea­ver durch den Schlag­an­fall unter­bro­chen wur­de. Hier traf ich auf gro­ßes Ent­ge­gen­kom­men. Da mei­ne Gene­sung noch fort­dau­ert, wird die Fer­tig­stel­lung bis Ende Febru­ar andau­ern – aber das Ende ist in Sicht. Zum Ande­ren, weil ich auf­grund mei­ner Beschäf­ti­gung vor allem mit Still und Litt­le­john durch­aus zu den Ken­nern der „klas­si­schen Osteo­pa­thie“ zäh­le, erhoff­te ich mir von Osteo­pa­then­sei­te wesent­li­che Unter­stüt­zung beim Reha­bi­li­ta­ti­ons- und Gene­sungs­pro­zess. Denn die recht ver­stan­de­ne Osteo­pa­thie ist eine (auch prag­ma­tis­tisch inspi­rier­te) Theo­rie der Ner­ven­sys­te­me, wel­che die­se zu beein­flus­sen unter­nimmt. Die­se Hoff­nung hat nicht getro­gen, drei Behand­lun­gen führ­ten zu Anstö­ßen für teils dra­ma­ti­sche Ver­bes­se­run­gen. Sodass ich jetzt begrün­det hof­fen kann, dass ich im Früh­som­mer 2012 wie­der zu einem Men­schen wer­de, der jenem stark ähnelt, wel­cher glaub­te, im März 2011 am bis­he­ri­gen Höhe­punkt sei­nes Lebens ange­kom­men zu sein. Dies wur­de am 11.04.2011 als wahr­schein­li­che Illu­si­on ent­larvt, zumal mir am Abend die­ses Tages in der Kopf­kli­nik deut­lich wur­de, dass mei­ne Frau sich mit hoher Wahr­schein­lich­keit schei­den las­sen wer­de. Die­se Abduk­ti­on traf zu, obgleich ich die Hoff­nung noch nicht ganz auf­ge­ge­ben habe.
Das führ­te im Novem­ber 2011 zu einer star­ken Iden­ti­täts­kri­se, die bis Mit­te Janu­ar anhielt. Seit eini­gen Tagen hat sich aber mei­ne Wahr­neh­mung auf­ge­hellt. Teil­wei­se habe ich wie­der ein nor­ma­les Kör­per­ge­fühl. Die Zei­ten als dis­em­bo­di­ed spi­rit schei­nen der Ver­gan­gen­heit anzu­ge­hö­ren. Mein Tages­lauf ist mir wie­der zugäng­lich, ich keh­re zu selbst­be­stimm­ten For­men des Lebens zurück. Aber es hat erheb­lich län­ger gedau­ert, als ich im Mai/Juni 2011 selbst erwar­tet hat­te.
Am 11. März 2011 wur­de auch für weni­ger ambi­tio­niert den­ken­de Men­schen deut­lich, dass die­je­ni­gen seit Peirce und Rus­sel Wal­lace, wel­che auf die mög­li­cher­wei­se desas­trö­sen Rück­kopp­lungs­pro­zes­se des tech­nisch-wirt­schaft­lich-wis­sen­schaft­li­chen Kom­ple­xes ver­wie­sen hat­ten, im Recht waren. Wie Peirce wohl spä­tes­tens 1904 gezeigt hat, ist die Ethik der Logik wis­sen­schafts­sys­te­ma­tisch vor­zu­ord­nen. Die­ser Gedan­ke beruht u. a. auf Ide­en des  „Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus“, wel­cher die ame­ri­ka­ni­sche Roman­tik dar­stellt. Und ohne die­se ist auch die Osteo­pa­thie Stills nicht mög­lich gewe­sen. Ich wer­de die­sen Zusam­men­hang hier Mit­te Febru­ar aus­führ­lich dar­stel­len. Mit­hin wird sich zei­gen, war­um Phi­lo­so­phie der Osteo­pa­thie so wich­tig ist – und heu­te wie­der Zukunft hat.

17. Januar 2012

Grenz­erfah­run­gen in der Reli­gi­on bezeich­nen

Mk 5,35-43 ist im Mkev einer der­je­ni­gen Tex­te, der dar­über kom­mu­ni­ziert, wie über die Grenz­erfah­run­gen der Reli­gi­on zu kom­mu­ni­zie­ren ist. Natür­lich aus christ­li­cher Per­spek­ti­ve, aber es gilt all­ge­mein:

Und was ist Reli­gi­on? Sie ist eine Art Gefühls­re­gung in jedem ein­zel­nen Men­schen, oder auch: eine ver­bor­ge­ne Wahr­neh­mung – eine tie­fe Erkennt­nis von etwas im uns umge­ben­den All; und wenn wir ver­su­chen, die­sem Gefühl Aus­druck zu geben, so wird es sich in mehr oder weni­ger extra­va­gan­te For­men klei­den, und als mehr oder wenig zufäl­lig erschei­nen, immer aber wird es sich zu einem Ers­ten und Letz­ten, dem A und Ω, beken­nen und in der­sel­ben Wei­se auf jenes Abso­lu­te bezo­gen sein, dem das indi­vi­du­el­le Selbst eines Men­schen als rela­ti­ves Sein gegen­über­steht. Doch Reli­gi­on ist in ihrer Tota­li­tät nicht auf das ein­zel­ne Indi­vi­du­um beschränkt. Wie jede Gestalt von Rea­li­tät ist sie wesent­lich eine sozia­le und öffent­li­che Ange­le­gen­heit. Sie besteht in der Idee einer umfas­sen­den Kir­che, in der sich alle ihre Glie­der zu einer orga­ni­schen, sys­te­ma­ti­schen Wahr­neh­mung der Ehre des Höchs­ten ver­bin­den – einer Idee, die von Genera­ti­on zu Genera­ti­on wächst und einen Vor­rang in den Ent­schei­dun­gen über unser Ver­hal­ten, das pri­va­te wie das öffent­li­che, bean­sprucht“. (RPh, 208f)

Ent­schei­dend ist hier­bei der Dop­pel­sinn für „schla­fen“, der offen­siv offen gelegt und irri­tie­rend mit „schein­tot“ kon­fron­tiert wird. Dies ist im anti­ken Kon­text seit Dan 12,1f bekannt. Seit dem AT wird über die Über­win­dung des Todes bild­lich, meta­pho­risch bzw. sym­bo­lisch gespro­chen.
Wir haben uns ent­schlos­sen, die­sen Punkt an 1. Mose 1,26f exem­pla­risch zu dis­ku­tie­ren. Als wei­te­res offe­nes Pro­blem kam die Pan­the­is­mus­fra­ge hin­zu.

14. Dezember 2011

Die Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie Peirce‘

 

Wir haben uns in der letz­ten Sit­zung mit den Pro­ble­men der Wahr­neh­mung aus phä­no­me­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve, aber auch ent­spre­chen­den Leis­tun­gen des Zei­chen­be­griffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meiss­ner dan­kens­wer­ter­wei­se auf Kants merk­wür­di­ge Annah­me hin­wies, man wer­de vom „Ding an sich“ affi­ziert.

In der Aus­ein­an­der­set­zung mit Mer­leau-Pon­ty und Fuchs wur­de erör­tert, inwie­fern Wahr­neh­mung auch Kom­mu­ni­ka­ti­on oder Aus­tausch sei, was von Peirce und die­ser grenz­wer­ti­gen Auf­fas­sung Kants tat­säch­lich unter­stellt wird. In der Spra­che von Peirce ist also zu sagen, das (dyna­mi­sche) Objekt bil­de mit dem Zei­chen eine der­ar­ti­ge Bezie­hung, dass es den Inter­pre­tan­ten bestim­me, in der­sel­ben tria­di­schen Rela­ti­on zu ste­hen, in der es selbst ste­he. M. E. ist hier nur frag­lich, ob man the same wie Pape mit „der­sel­ben“ oder „der glei­chen“ über­set­zen soll­te, wohl das Letz­te­re … Wor­auf es ankommt, ist der Sach­ver­halt, dass Peirce die­se Affi­zie­rung des Inter­pre­ten über die tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on ein­deu­tig gedacht hat.

Wir haben ver­sucht, uns aus­führ­li­cher mit dem Gedan­ken der „Zwi­schen­leib­lich­keit“ aus­ein­an­der­zu­set­zen, was z. T. humo­rig ablief. Hier ist m. E. noch ein beacht­li­ches Poten­zi­al, das vor allem von der Phä­no­me­no­lo­gie ent­wi­ckelt wird.

Der Kurs schließt mit einer Besin­nung zur Reli­gi­ons­phi­lo­s­phie Peirce’. Vie­le Tex­te fin­den sich in der Über­set­zung Her­mann Deu­sers „Reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­schen Schrif­ten“ ([RPh] 1995). Hin­zu­tre­ten muss noch der Auf­satz „Evo­lu­tio­nä­re Lie­be“ aus „Natur­ord­nung und Zei­chen­pro­zess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu den­je­ni­gen ori­gi­nel­len Den­kern, die sich nicht vom Posi­ti­vis­mus abschre­cken lie­ßen, obgleich er die wis­sen­schaft­li­che Leis­tung der Posi­ti­vis­ten aus­drück­lich aner­kann­te. Aber er for­mu­lier­te eine wit­zi­ge Pole­mik über deren Lebens­auf­fas­sung:

Das Leben auf dem Glo­bus ist eine gänz­lich zufäl­li­ge Enwick­lungs­pha­se, die, soweit wir wis­sen, kei­nem dau­er­haf­ten Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nut­zen, außer dass sie hin und wie­der ein ange­neh­mes Ner­ven­kit­zeln bei die­sem oder jenem Wan­de­rer auf die­ser ermü­den­den und zweck­lo­sen Rei­se her­vor­ruft – einer Rei­se, die in einer Tret­müh­le nir­gend­wo beginnt und nir­gend­wo endet und deren Maschi­ne­rie ganz und gar nichts her­vor­bringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gele­gent­li­chen Freu­den, und die sind trü­ge­risch und wer­den bald voll­stän­dig ver­schwin­den.“ (RPh 61f [1867/68]) (more…)

8. Dezember 2011

Prag­ma­tis­mus und Phä­no­me­no­lo­gie

Wir haben noch ein­mal in einer sehr inten­si­ven Dis­kus­si­on das Rela­tio­nen­pro­blem und die damit ver­bun­de­nen Kri­ti­ken und teil­wei­se gro­ßen Hoff­nun­gen the­ma­ti­siert, durch­aus anre­gend kon­tro­vers. Von die­ser Stim­mung war auch die Debat­te zu „Wahr­neh­mung“ und „Erfah­rung“ geprägt. Herr Deth­lef­sen ver­miss­te an mei­nen Vor­schlä­gen das Moment der Krea­ti­vi­tät bei der Erfah­rung, ich stel­le in den Vor­der­grund, dass etwas auch als Neu­es für eine bestimm­te Men­schen­grup­pe nur erfah­ren wer­den kann, wenn es mit eige­nen Erfah­run­gen oder Erfah­run­gen ande­rer vor dem Hin­ter­grund geteil­ter Zei­chen­sys­te­me ver­gli­chen wer­den kann. Daher exis­tiert das Pro­blem des Neo­lo­gis­mus, also der Bezeich­nung von etwas, das bis­her im Sprach­sys­tem oder in bild­li­chen Dar­stel­lungs­wei­sen noch kei­ne Reprä­sen­ta­ti­on gefun­den hat. Die­ses Pro­blem wur­de sehr sach­ge­recht erör­tert, wobei deut­lich wur­de, dass die Induk­ti­on, die stets in der Zukunft neu bewährt wer­den muss, der domi­nan­te Schluss­cha­rak­ter der Erfah­rung ist.

Peirce rech­net sys­te­ma­tisch damit, dass auch Wahr­neh­mung ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess ist. Mit­hin ist er kein infal­li­bler Aus­gangs­punkt, was beson­ders Bert­rand Rus­sell irri­tier­te. Wahr­neh­mung impli­ziert mit­hin also Inter­pre­ta­ti­on – sie ist kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt, weil jedes Zei­chen schon Inter­pre­tant sein soll usf.

Das Ende des 19. Jahr­hun­derts sah den anschei­nen­den Erfolg der Wis­sen­schaf­ten, aber eine Min­der­heit sah, dass die­ser Erfolg, der indus­tri­el­le Kon­se­quen­zen hat­te, offen­sicht­lich fata­le Rück­kopp­lungs­pro­zes­se haben könn­te, so u. a. der Bio­lo­ge Rus­sell Wal­lace. Wir haben in die­sem Kurs die Reak­ti­on Peirce’ auf die­se Kri­sen­ein­sich­ten in der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ aus­führ­lich bespro­chen. Die Mehr­heit hoff­te ent­we­der auf eine Huma­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus oder wand­te sich sozia­lis­ti­schen Theo­ri­en zu, um den Kapi­ta­lis­mus abs­zu­schaf­fen. In bei­den Bewe­gun­gen war aber der Glau­be an die Kom­pe­tenz der Wis­sen­schaf­ten, die sich in wirt­schaft­li­chem Fort­schritt nie­der­schla­ge. Das ist der Hin­ter­grund dafür, dass es eher wis­sen­schafts­zen­trier­te und stär­ker all­tags- oder lebens­welt­ori­en­tier­te Phi­lo­so­phi­en gab. Zu Grund­in­for­ma­tio­nen zur Phä­no­me­no­lo­gie in der Fol­ge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls.  Der Lebens­welt-Begriff ist übri­gens erst in der Spät­phi­lo­so­phie Husserls in die­ser Zuspit­zung ent­wi­ckelt wor­den. Dort wird eine Art unmit­tel­ba­rer Zugang zur Wirk­lich­keit pos­tu­liert, der durch die Wis­sen­schaf­ten ver­stellt wer­de. Zu den „Sachen selbst“ kom­me man im lebens­welt­li­chen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten, indem man sie „sein las­se“, wie Hei­deg­ger for­mu­lier­te, des­sen pra­xis­phi­lo­so­phi­schen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in sei­ner Schrift über „Die Kri­sis der euro­päi­schen Wis­sen­schaf­ten“ stär­ker intel­lek­tua­lis­tisch refor­mu­lier­te. Die Lebens­welt und deren prak­ti­scher Umgang mit den Sach­ver­hal­ten wer­de „mathe­ma­ti­siert“ und damit ver­stellt bzw. ent­stellt. Hei­deg­ger sieht seit Mit­te der 1930er Jah­re vor allem den tech­ni­schen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten hin­ter dem „Begrei­fen“ durch die Wis­sen­schaf­ten. Es ist schon lan­ge gese­hen wor­den, dass der pra­xis­phi­lo­so­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers in „Sein und Zeit“ zumin­dest Par­al­le­len zum klas­si­schen Prag­ma­tis­mus auf­weist. Das gilt im All­ge­mei­nen für die Phä­no­me­no­lo­gie ins­ge­samt, da die­se wie Peirce u. a. das angeb­li­che Sub­jekt-Objekt-Pro­blem als irrig ansieht, der pra­xis­phi­lo­s­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers zeigt dies, wie dies auch bewusstseins­phi­lo­so­phisch bei Husserl und Sart­re zu zei­gen ver­sucht wur­de. Der und das Ande­re sind im Bewusst­sein schon „inten­tio­nal“ mit­ge­setzt, man muss also hier kei­nen Sprung voll­zie­hen.

Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Sub­jek­ti­vi­tät und Per­so­na­li­tät wohl am ehes­ten gelun­gen, weil Per­so­nen als die­je­ni­ge Enti­tät ver­stan­den wird, die sich zu sich selbst und zu ande­rem ver­hält, wobei sie stets Stel­lung zu sich nimmt – und dar­über ent­schei­det, ob sie wei­ter­le­ben will. Hier wird kei­ne sub­stan­zon­to­lo­gi­sche Phi­lo­so­phie des Sub­jekts ver­tre­ten, was in den tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­schen Ver­su­chen Husserls wohl eher der Fall sein dürf­te, also die Bewusstseins­pro­zes­se fin­den am oder im tran­szen­den­ta­len Sub­jekt statt – dies kann mit den prag­ma­tis­ti­schen Über­le­gun­gen nicht mit­hal­ten, die den Pro­zess der Sub­jek­ti­vi­tät zu erfas­sen suchen. Wobei Hei­deg­gers Ansatz ganz gewiss so nicht zu ver­ste­hen ist …

Das ist dann exis­ten­zia­lis­tisch wei­ter­ent­wi­ckelt wor­den. Eine inter­es­san­te Ent­wick­lung inner­halb der Phä­no­me­no­lo­gie stellt die Wahr­neh­mungs­phi­lo­so­phie Mau­rice Mer­leau-Pon­tys dar. Sie wird stark von Tho­mas Fuchs auf­ge­nom­men – und hat nicht zuletzt im the­ra­peu­ti­schen, auch medi­zi­ni­schen Bereich star­ke Reso­nanz gefun­den, wobei er betont, dass Wesent­li­ches an der Wahr­neh­mung mit­tels des Sub­jekt-Objekt-Sche­mas nicht erklärt wer­den kön­ne. D. h., er unter­stellt ähn­lich wie Peirce, dass Wahr­neh­mung kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt ist, son­dern ein Bezie­hungs­ge­sche­hen, was Peirce detail­liert und nicht ganz ein­fach nach­zu­wei­sen sucht. The­ra­peu­tisch ist vor allem Mer­leau-Pon­tys Kon­zept der Zwi­schen­leib­lich­keit wich­tig, als ein inter­per­so­na­les Medi­um, das Per­so­nen ver­bin­det. Hier liegt eine Par­al­le­le zu den Inter­ak­ti­ons­theo­ri­en der Prag­ma­tis­ten vor, aber Mer­leau-Pon­ty ist hier ori­gi­nell dar­in, dass eine Sphä­re der sinn­lich ver­mit­tel­ten Leib­lich­keit besteht, die einen Aus­tausch zulässt. Fuchs hat vor die­sem Hin­ter­grund das Ent­ste­hen von Selbst­be­wusst­sein bei etwa acht Mona­te alten Kin­dern erklärt. Die­ser Gedan­ke ist Peirce nicht fremd, schon die frü­he Phi­lo­so­phie for­mu­liert durch­aus Ver­gleich­ba­res – aber er kommt nach mei­nem Urteil zu nichts Kon­kre­tem. M. E. bie­ten sich in der Leib­lich­keits­auf­fas­sung und der Wahr­neh­mungs­phi­lo­s­phie noch Chan­cen wech­sel­seit­ge­en Ler­nens.

6. Dezember 2011

Gal 3,26-29

Die Teilnehmer/innen hat­ten noch etli­che Nach­fra­gen zu 1Kor 15. Dabei stand der Ver­wand­lungs- und Pro­zess­ge­dan­ke im Vor­der­grund, von dem man­che kirch­lich noch nichts gehört haben. Mög­lich ist, dass auch Pau­lus durch­aus „nega­tiv“ von Gott und der Auf­er­we­ckung spricht. Gleich­wohl ist posi­tiv zu erken­nen, dass der „Leib“ für ihn ein Bezie­hungs­be­griff ist, der ein Selbst­ver­hält­nis, Welt­ver­hält­nis­se und das durch Chris­tus ver­mit­tel­te Got­tes­ver­hält­nis bezeich­net. Als „Leib Chris­ti“ kann das Wort meta­pho­risch sogar die Gemein­de bezeich­nen. Zwar erfährt man wenig dar­über, wie die­ser „geist­li­che“ Leib nun genau aus­sieht, aber klar ist, dass auch der Leib im „Glanz“ auf ande­re, ande­res, sich selbst und Gott bezo­gen ist.

Mit der aus­führ­li­chen Erör­te­rung von Gal 3,26-29 schlos­sen wir den Pau­lus­teil zur Anthro­po­lo­gie ab, bevor wir zu Mt 6,19ff über­ge­hen. Man­chen erschien der Text vor dem Hin­ter­grund ihrer kirch­li­chen Erfah­rung eher revo­lu­tio­när. Natür­lich gibt es bei Pau­lus auch gegen­tei­li­ge Tex­te, es ist unsi­cher, ob die­se nach­pau­li­nisch sind – oder Pau­lus einen schwa­chen Tag hat­te. Jeden­falls ist Gal 3,26-29 wohl ein altes Tauf­be­kennt­nis o. Ä., das Pau­lus hier zustim­mend zitiert. Danach wird der „Chris­tus“ bzw. Mes­si­as „ange­zo­gen“, die Beklei­dungs­me­ta­pho­rik ist in der Anti­ke ver­brei­tet. Die Fol­ge ist, dass weder „Männ­li­ches noch Weib­li­ches, weder Jude noch Grie­che bzw. Skla­ve noch Frei­er“ in Chris­tus etwas gel­ten. Domi­nanz­be­stre­bun­gen usf. sol­len daher nicht sein. Für unser Grenz­the­ma ist das wich­tig: Anthro­po­lo­gisch wer­den gesell­schaft­li­che und bio­ti­sche Gren­zen über­schrit­ten – ähn­lich wie beim „natür­li­chen“ und „geist­li­chen“ Leib. Alle erfah­ren sich „in Chris­tus“, sind also auf ihn bezo­gen. Das Chris­ten­tum hat über­wie­gend in sei­ner Geschich­te das Poten­zi­al die­ses Tex­tes nicht hin­rei­chend genutzt.

Inter­es­sant ist auch der Bezug auf „Abra­ham“, den „Vater des Glau­bens“ usf. (vgl. Röm 4). In ihm sind nach 1. Mose 12 alle Völ­ker geseg­net – eine durch­aus aan­ge­mes­se­ne schrift­ge­lehr­te Inter­pre­ta­ti­on, die die­sem Text gegen­über ande­ren Tex­ten den Vor­zug gibt.

Pau­li­nisch ist wie­der klar: Der Mensch kommt aus dem „Glanz“. Die­ser ist ver­lus­tig gegan­gen („Adam“) – und wird durch Kreuz und Auf­er­we­ckung Jesu wie­der für die Men­schen ver­mit­telt. Hier wer­den für die Gegen­wart dann die domi­nan­ten gesell­schaft­li­chen Gegen­sät­ze als vor­über­ge­hend ver­stan­den.

Die Getauf­ten ste­hen exem­pla­risch für alle Men­schen, die die­ser Pro­zess betrifft.

 

30. Oktober 2011

EFG-Gries­heim

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Der Text der heu­ti­gen Pre­digt steht in Mk 2, in den VV. 1-12:

 

1 Und nach eini­gen Tagen ging er wie­der nach Kapharnaum; und es wur­de bekannt, dass er im Haus war.

2 Und es ver­sam­mel­ten sich vie­le, sodass sie nicht genü­gend Raum hat­ten, auch nicht drau­ßen vor der Tür; und er sag­te ihnen das Wort.

3 Und es kamen eini­ge zu ihm, die brach­ten einen Gelähm­ten – die­ser wur­de von vier Men­schen getra­gen.

4 Und da die Trä­ger ihn wegen der Men­ge nicht zu ihm brin­gen konn­ten, deck­ten sie das Dach auf, wo Jesus war, mach­ten ein Loch und lie­ßen das Bett her­un­ter, auf dem der Gelähm­te lag.

5 Als nun Jesus ihr Ver­trau­en sah, sprach er zu dem Gelähm­ten:

Mein Sohn, dei­ne Sün­den sind dir ver­ge­ben!“

6 Es saßen da aber eini­ge Schrift­ge­lehr­te und dach­ten in ihren Her­zen:

7 „Was redet der da so?

Er läs­tert Gott!

Wer kann außer Gott allein Sün­den ver­ge­ben?“

8 Und Jesus erkann­te sogleich in sei­nem Geist, dass sie so bei sich selbst dach­ten, und sprach zu ihnen:

Was denkt Ihr so etwas in Euren Her­zen?

9 Was ist leich­ter, zu dem Gelähm­ten zu sagen:

Dir sind dei­ne Sün­den ver­ge­ben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm Dein Bett und geh umher?

10 Damit Ihr aber wisst, dass der Men­schen­sohn Voll­macht hat, Sün­den zu ver­ge­ben auf Erden“ – Dabei wand­te er sich zu dem Gelähm­ten –:

11 „Ich sage Dir, steh auf, nimm Dein Bett und geh heim!“

12 Und die­ser stand auf, nahm sein Bett und ging sofort hin­aus vor aller Augen, sodass sie sich alle ent­setz­ten und Gott prie­sen und spra­chen: Wir haben so etwas noch nie gese­hen.

 

Lie­be Gemein­de,

 

nach heu­ti­ger medi­zi­ni­scher Ein­sicht beru­hen Läh­mun­gen mit ganz über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit auf z. T. schwe­ren Stö­run­gen des Zen­tra­len Ner­vem­sys­tems, auch der peri­phe­ren Ner­ven, die medi­zi­ni­scher The­ra­pie zugäng­lich sind, wie das bei mei­nem Schlag­an­fall war, dann geht man nach eini­ger Zeit wie­der umher. Oder die­se Stö­run­gen des Ner­ven­sys­tems sind der medi­zi­ni­schen The­ra­pie bis­lang nicht zugäng­lich, dann bleibt man sit­zen – zumin­dest im Roll­stuhl. Es ist ein schwe­res Schick­sal.

Die Schwe­re der Krank­heit wird in unse­rer Erzäh­lung aus Kapharnaum betont. Jesus ist wie immer unter­wegs und ver­kün­digt sei­ne Bot­schaft vom Evan­ge­li­um, das nahe­ge­kom­men ist, eben das Wort – und dem man Ver­trau­en schen­ken und ent­spre­chend von sei­nem bis­he­ri­gen Lebens­wan­del umkeh­ren soll.

Das Inter­es­se der Men­schen ist groß. Das Haus, in dem Jesus sich befin­det, ist über­füllt. Auch vor dem Haus ist alles über­füllt. Den­noch brin­gen vier Men­schen einen Gelähm­ten zu Jesus, durchs Dach, es wird von den Vie­ren auf­ge­gra­ben. Jesus sieht das Ver­trau­en der vier Men­schen, die sich gegen Wider­stän­de durch­set­zen. Damit ist nach der Logik des Mar­ku­sevan­ge­li­ums eigent­lich das Pro­blem gelöst. Wer auf das Evan­ge­li­um ver­traut, nimmt an der Schöp­fer­macht Got­tes Teil – und ver­mag ganz Außer­ge­wöhn­li­ches zu leis­ten, wie es die vier Trä­ger des Gelähm­ten auch tun. Sie gra­ben das Dach über Jesus auf, umge­hen so die Men­ge und brin­gen den Gelähm­ten zu Jesus, damit er ihn hei­le.

Jesus sieht das Ver­trau­en der vier Trä­ger. Sei­ne Reak­ti­on ist aber etwas auf­fäl­lig:

Mein Sohn, Dei­ne Sün­den sind Dir ver­ge­ben!“ – sagt er zu dem Gelähm­ten.

Das ist eine merk­wür­di­ge Pro­vo­ka­ti­on. Sie reagiert dar­auf, dass in eini­gen jüdi­schen und bibli­schen Tex­ten sol­che Krank­hei­ten wie die­je­ni­ge des Gelähm­ten als Fol­ge sei­ner Ver­stö­ße gegen das Gesetz Got­tes ver­stan­den wur­den. Ich selbst bin reli­gi­ös mit die­ser Tra­di­ti­on erzo­gen wor­den.

Jesus dis­ku­tiert das nicht wei­ter, son­dern ver­gibt dem Gelähm­ten sei­ne Sün­den. Das emp­fin­den nun die „Schrift­ge­lehr­ten“ als unge­heu­er­li­che Pro­vo­ka­ti­on. Sie sit­zen im Haus:

Was redet der da so?

Er läs­tert Gott!

Wer kann außer Gott allein Sün­den ver­ge­ben?“ – so den­ken sie. Jesus kann Gedan­ken lesen:

Was denkt ihr sol­ches in euren Her­zen?

9 Was ist leich­ter, zu dem Gelähm­ten zu sagen:

Dir sind dei­ne Sün­den ver­ge­ben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?

10 Damit ihr aber wisst, dass der Men­schen­sohn Voll­macht hat, Sün­den zu ver­ge­ben auf Erden – so sprach er zu dem Gelähm­ten:

11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“

Das macht der bis­her Gelähm­te und alle sind erstaunt und guter Din­ge.

Der Text erweckt den Ein­druck, als ob sogar die Schrift­ge­lehr­ten in den all­ge­mei­nen Lob­preis Got­tes ein­stim­men, mit­hin ihre reli­giö­se Empö­rung ver­ges­sen oder über den Hau­fen gewor­fen haben. Aus dem wei­te­ren Ver­lauf des Mar­ku­sevan­ge­li­ums wis­sen wir aber, dass die Mehr­heit der Schrift­ge­lehr­ten auf jeden Fall am Vor­wurf der Got­tes­läs­te­rung fest­hält. Jesus wird zudem als mes­sia­ni­scher Auf­rüh­rer ver­däch­tigt und so den Römern prä­sen­tiert, damit die­se ihn am Kreuz hin­rich­ten.

Jesus ver­mei­det den­noch nicht die Pro­vo­ka­ti­on der Schrift­ge­lehr­ten. Denn ihm geht es um dem gelähm­ten Men­schen, der von den vier Trä­gern mit Ver­trau­en auf das Evan­ge­li­um gebracht wird. So ist er im Hori­zont des Evan­ge­li­ums, des Ver­trau­ens und der Umkehr. Er par­ti­zi­piert über die ver­trau­en­de Akti­on der Trä­ger an der Schöp­fer­macht Got­tes. Dass er gesün­digt hat, wird schon so sein, Jesus ver­gibt ihm sei­ne Sün­den. Aber das eigent­li­che Hemm­nis sind die Schrift­ge­lehr­ten, die reli­gi­ös empört im Haus sit­zen.

Jesus stellt ihnen eine argu­men­ta­ti­ve Fra­ge. Es ist ein Schluss vom Klei­ne­ren auf das Grö­ße­re – oder umge­kehrt, je nach Posi­ti­on:

 Was ist leich­ter, zu dem Gelähm­ten zu sagen:

Dir sind dei­ne Sün­den ver­ge­ben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?“

Ja, was ist leich­ter?

Wir wis­sen medi­zi­nisch, dass gegen­wär­tig kei­nes­wegs alle Läh­mun­gen geheilt wer­den kön­nen, ganz im Gegen­teil. Bei mei­ner war es wahr­schein­lich, wenn auch kei­nes­wegs sicher. Ich habe vie­le Patient/inn/en erlebt, bei denen eine Hei­lung nicht ein­trat – die Ärzt/inn/e/n waren rat- und hilf­los. Weil ich Theo­lo­gie­pro­fes­sor bin, sag­te der Chef­arzt der Schmie­der-Kli­ni­ken zu mir: „Wir machen kei­ne Heils­ver­spre­chen!“ Gemeint war: „Das könnt ihr schon machen! Aber hier geht es um stets unsi­che­re Hei­lungs­wahr­schein­lich­kei­ten …“

Daher dürf­ten wir aus unse­rer Erfah­rungs­per­spek­ti­ve wahr­schein­lich ant­wor­ten: „Es ist leich­ter zu sagen: Dei­ne Sün­den sind Dir ver­ge­ben!“ So was kön­nen Theolog/inn/en immer behaup­ten, über­prü­fen kann man es ohne­hin nicht …

Natür­lich lässt Jesus die Debat­te nicht ganz offen, er heilt den Gelähm­ten.

Er hat natür­lich die Voll­macht Sün­den zu ver­ge­ben und er heilt den Gelähm­ten. Wäre die Leh­re rich­tig, dass Sün­den die Ursa­che von Krank­hei­ten sind, ist damit aus Jesu Per­spek­ti­ve den­noch klar: Es geht um den Gelähm­ten im Hori­zont des Ver­trau­ens sei­ner Trä­ger auf das Evan­ge­li­um.

 

Lie­be Gemein­de,

 

das ist nach mei­ner Über­zeu­gung der Kern die­ser Erzäh­lung, die auch in unser z. T. durch schwe­res Lei­den gezeich­ne­tes Leben ein­grei­fen, uns den­noch akti­vie­ren und trös­ten kann. Wer auf einer Leh­re beharrt, dass Krank­hei­ten durch Sün­den ver­ur­sacht sind, hat die Logik des Evan­ge­li­ums und des Ver­trau­ens auf es nicht ver­stan­den – und ver­sucht sich selbst in den Vor­der­grund zu spie­len.

Ich bin ganz gesund, also habe ich nicht gesün­digt. Also bin ich gut und gerecht.“

Nach Jesu Mei­nung ist dies nicht der Fall. Er sei zu den Kran­ken gekom­men, die Gesun­den bedürf­ten ja kei­nes Arz­tes, wie er in der Fol­ge­er­zäh­lung iro­nisch sagen wird, die wir in der Schrift­le­sung gehört haben. Die­se Über­heb­lich­keit der reli­gi­ös Tol­len und sich als Gerech­te ver­ste­hen­den Men­schen geht Jesus hier pro­vo­ka­tiv an.

Zugleich hält die Erzäh­lung aber auch einen Hoff­nungs­über­schuss für die­je­ni­gen bereit, wel­che die Gren­ze ärzt­li­cher Kunst erfah­ren muss­ten und ein schwe­res Schick­sal meis­tern müs­sen: Selbst wenn mir direkt nicht gehol­fen wird, so gibt es doch ande­re Trä­ger, die für mich ver­trau­en. Das tun viel­leicht nicht vie­le, aber doch eini­ge – die­se Erfah­rung habe ich im letz­ten hal­ben Jahr machen dür­fen. Ohne sol­che Trä­ger geht es nicht. In einer sol­chen Situa­ti­on trennt sich die Spreu vom Wei­zen. Und es bleibt wahr, dass es gut ist, dass Ver­trau­en und die Hoff­nung nie ganz auf­zu­ge­ben. Inso­fern stim­me ich nach dem letz­ten hal­ben Jahr in den Lob­preis Got­tes ein.

26. Oktober 2011

TUD)">Psalm 8 (TUD)

Psalm 8 (TUD)

 

Vielleicht entstammt der Text dem vierten oder dritten Jahrhundert v. d. Z. Es handelt sich um ein poetisch entworfenes Lied (Refrainstruktur). Im Refrain wird das Herr-Sein Gottes im Blick auf die Erde betont. Der Mensch wird vor dem Hintergrund der Schöpfungswerke wahrgenommen, die nicht zuletzt aus der Abendhimmel-Perspektive dargestellt werden. Der Text steht sicher in Parallele zu großen Texten der abendländischen Geschichte wie der Antigone des Sophokles, wie Herr Hettler betonte.

Sein Profil erhält der Text durch den Hinweis im Lied, dass der Lobpreis Gottes als Machtmittel von Kindern und gesellschaftlich nicht sehr angesehenen Menschen gesungen werde. Dies wird als Machterweis gegen Gottes Widersacher gedeutet. Nach längerer Diskussion erschien es uns möglich, diesen irritierenden Textbestandteil so zu deuten, dass es Menschen geben könnte, die selbst als Herr der Welt auftreten möchten, der Mensch wäre dann nicht nur als Bild Gottes verstanden, sondern selbst als Gott.

Der Mensch wäre mithin als aktiver Bewahrer in der Schöpfung verstanden, der freilich für die Schöpfung gefährlich werden kann. Insofern näherten wir uns einem Teilthema des Seminars, der Grenzen zu den Tieren, wobei uns wichtig erschien, dass es Wildtiere gibt, mit denen der Mensch lebt und auch Gott interagiert.

So verstanden könnte der Text durchaus der ökologischen Krise standhalten – uns auch noch nach ihrem Eintreten ansprechen.

Innerhalb des Seminars verweist der Text auf paulinische Text, offenkundig natürlich auf Röm 8.

 

Psalm 8 (TUD)

 

Vielleicht entstammt der Text dem vierten oder dritten Jahrhundert v. d. Z. Es handelt sich um ein poetisch entworfenes Lied (Refrainstruktur). Im Refrain wird das Herr-Sein Gottes im Blick auf die Erde betont. Der Mensch wird vor dem Hintergrund der Schöpfungswerke wahrgenommen, die nicht zuletzt aus der Abendhimmel-Perspektive dargestellt werden. Der Text steht sicher in Parallele zu großen Texten der abendländischen Geschichte wie der Antigone des Sophokles, wie Herr Hettler betonte.

Sein Profil erhält der Text durch den Hinweis im Lied, dass der Lobpreis Gottes als Machtmittel von Kindern und gesellschaftlich nicht sehr angesehenen Menschen gesungen werde. Dies wird als Machterweis gegen Gottes Widersacher gedeutet. Nach längerer Diskussion erschien es uns möglich, diesen irritierenden Textbestandteil so zu deuten, dass es Menschen geben könnte, die selbst als Herr der Welt auftreten möchten, der Mensch wäre dann nicht nur als Bild Gottes verstanden, sondern selbst als Gott.

Der Mensch wäre mithin als aktiver Bewahrer in der Schöpfung verstanden, der freilich für die Schöpfung gefährlich werden kann. Insofern näherten wir uns einem Teilthema des Seminars, der Grenzen zu den Tieren, wobei uns wichtig erschien, dass es Wildtiere gibt, mit denen der Mensch lebt und auch Gott interagiert.

So verstanden könnte der Text durchaus der ökologischen Krise standhalten – uns auch noch nach ihrem Eintreten ansprechen.

Innerhalb des Seminars verweist der Text auf paulinische Text, offenkundig natürlich auf Röm 8.