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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


31. Mai 2009

Tho­mas Fuchs‘ Kri­tik an bestimm­ten Ver­tre­tern der Gehirn­for­schung – und sein eige­ner Ent­wurf

Fuchs hat in den letz­ten Jah­ren eine Rei­he von Bei­trä­gen zur Kri­tik an der Gehirn­for­schung bzw. beson­ders an sol­chen Ver­tre­tern die­ser Dis­zi­plin ver­öf­fent­licht, die wohl nicht zuletzt in den Mas­sen­me­di­en u. a. durch die „Gior­da­no-Bru­no-Stif­tung“, die ähn­lich wie die „Initia­ti­ve für Neue Sozia­le Markt­wirt­schaft“ medi­en­be­glei­tend zu agie­ren scheint, in einer brei­te­ren Öffent­lich­keit pro­mi­nent sind. Damit soll kei­ne vor­schnel­le Iden­ti­fi­zie­rung bei­der Strö­mun­gen vor­ge­nom­men wer­den. Es ist aber klar, dass der neo­li­be­ra­le Homo oeco­no­mi­c­us durch­aus mit dem Sin­ger­schen Men­schen ver­wandt ist, des­sen neu­ro­na­le Ver­schal­tun­gen ihn fest­le­gen – und der des­we­gen „nicht anders kann“[1]. Denn bei­de ken­nen kei­ne rea­le Frei­heit. Und bei­de haben Pro­ble­me, ein rea­lis­ti­sches Ver­hält­nis zum Ande­ren ein­zu­neh­men, bei­spiels­wei­se die Art. 5, 14 und 15 des Grund­ge­set­zes der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hin­rei­chend und ange­mes­sen zu wür­di­gen. (more…)

26. Mai 2009

Bru­ta­ler Mord an einem Ehe­paar und das Pro­blem der Frei­heit – Tho­mas Fuchs zu Felix D. und Tor­ben B., Tes­sin, Meck­len­burg

Das  Böse“- gibt es das über­haupt? [1] Han­delt es sich nicht um eine Fik­ti­on, die wir wis­sen­schaft­lich erle­di­gen kön­nen, wenn wir wis­sen, wie es zu bestimm­ten Hand­lun­gen kommt, die wir gewöhn­lich als „böse“ bezeich­nen? Natür­lich beob­ach­tet man in den Mas­sen­me­di­en bei Amok­läu­fen wie zuletzt in Win­nen­den ein Ent­set­zen, hier ließ sich kei­ne leich­te Erklä­rung fin­den, sieht man davon ab, dass der Vater des Täters gegen die Waf­fen­ge­set­ze ver­sto­ßen hat. In Foren konn­te man gele­gent­lich sehr schnel­le psy­cho­lo­gi­sche Fern­dia­gno­sen lesen. Mann oder Frau ver­sucht, der­ar­ti­ge Ereig­nis­se induk­tiv unter eine schon bekann­te Regel zu brin­gen, das Ent­set­zen ist dann jeden­falls eini­ger­ma­ßen ordent­lich „wis­sen­schaft­lich“ zu erfas­sen.

Tho­mas Fuchs wen­det sich die­ser Fra­ge anhand eines u. a. auch mas­sen­me­di­al kom­mu­ni­zier­ten Fal­les zu:

An einem Sams­tag­abend im Janu­ar 2007 klin­geln der 17-jäh­ri­ge Felix D. und sein gleich­alt­ri­ger Freund Tor­ben B. an einer Haus­tür in Tes­sin, ihrem klei­nen meck­len­bur­gi­schen Hei­mat­dorf. Der Bewoh­ner öff­net, er kennt die bei­den seit lan­gem aus der Nach­bar­schaft, es sind freund­li­che und höf­li­che Jun­gen aus intak­ten Fami­li­en. Doch da ruft Felix ‚Reno!‘, das ist das Code­wort zum Los­schla­gen. Die bei­den Jun­gen zie­hen ihre mit­ge­brach­ten Mes­ser und hal­ten sie dem Mann an die Keh­le mit den Wor­ten: ‚Auf die Knie!‘ Er wehrt sich und erfasst ein Mes­ser, doch da las­sen die Ein­dring­lin­ge alle Hem­mun­gen fah­ren und ste­chen blind­lings auf ihn ein. Wäh­rend er im Todes­kampf zu Boden geht, stür­men die 17-Jäh­ri­gen die Trep­pe hoch, tref­fen auf die Ehe­frau des Man­nes, die sie mit ins­ge­samt 62 Mes­ser­sti­chen töten. Als sie spä­ter noch röchelt, sticht Felix sie noch ein­mal in den Kopf, um sie end­gül­tig zu töten. Der Sohn des Ehe­paa­res ent­geht nur knapp dem Blut­rausch, weil es ihm gelingt, in Todes­angst in sei­nem Zim­mer ein­ge­sperrt die Poli­zei zu benach­rich­ti­gen, die das Paar schließ­lich stellt und zur Auf­ga­be zwingt. Weder Alko­hol, Dro­gen oder eine psy­chi­sche Krank­heit noch Feind­schaft gegen­über den Opfern erklä­ren die Tat; es hät­te eben­so belie­bi­ge ande­re im Dorf tref­fen kön­nen.“ (172)

  • Nach einer kur­zen Skiz­zie­rung die­ses Gesche­hens stellt Fuchs zunächst all­ge­mein die Fra­ge nach „dem Bösen“, wobei er sich nicht zuletzt an den „mythi­schen“ Erzäh­lun­gen in 1. Mose (Gene­sis) 2 bis 4 (Para­dies­sto­ry, Kain und Abel) ori­en­tiert, hier­bei erör­tert er auch ver­schie­de­ne Ansich­ten, die „das Böse“ natur­wis­sen­schaft­lich (u. a. sozio­bio­lo­gisch, sozi­al­dar­wi­nis­tisch, evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch) erklä­ren wol­len (S. 173-186 [1]).
  • Danach erör­tert Fuchs den kon­kre­ten Fall (S. 186-190 [2]).
  • Abschlie­ßend gibt Fuchs einen „Aus­blick“, in dem das Ver­hält­nis von „dem Bösen“ und der „Frei­heit“ (S. 190-194 [3]) noch­mals prä­zi­siert wird.

Die­ser Auf­satz setzt rela­tiv aktu­ell an und führt die­se Aktua­li­tät auf psych­ia­tri­sche und phi­lo­so­phi­sche Grund­fra­gen zurück, die wir hier auch schon im Kon­text der Posi­ti­on Fuchs‘ bespro­chen haben. Anhand der kri­ti­schen Bespre­chung die­ses Arti­kels sol­len auch Grund­struk­tu­ren von Fuchs‘ Ansatz und häu­fig wie­der­keh­ren­de Argu­men­te deut­lich wer­den. (more…)

22. Mai 2009

Zur Phi­lo­so­phie von Tho­mas Fuchs

In den fol­gen­den Wochen wer­de ich hier im Blog meh­re­re Arbei­ten von Tho­mas Fuchs bespre­chen.

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Heidelberg Fuchs ist Psych­ia­ter an der Uni­ver­si­täts­kli­nik Hei­del­berg und arbei­tet an einer phä­no­me­no­lo­gi­schen Auf­fas­sung von Psy­cho­pa­tho­lo­gie und Psy­cho­the­ra­pie. Er ist als einer der schärfs­ten Kri­ti­ker der neue­ren Gehirn­for­schung her­vor­ge­tre­ten. Fuchs schreibt sen­si­bel, kann sar­kas­tisch-iro­nisch sein und poin­tiert scharf. In den fol­gen­den bei­den Mona­ten wer­den hier sei­ne Bücher „Das Gehirn ein Bezie­hungs­or­gan“ und „Leib und Lebens­welt“ bespro­chen.

Dabei wer­den nicht vor­der­grün­di­ge Pole­mi­ken inter­es­sie­ren. Es steht hier natür­lich der phi­lo­so­phi­sche Ansatz im Fokus, inwie­weit eine phä­no­me­no­lo­gi­sche Fra­ge­stel­lung bei­spiels­wei­se in der Auf­fas­sung von Wahr­neh­mung unse­re lebens­welt­li­che Erfah­rung recht­fer­ti­gen kann, obwohl die­se durch man­che natur­wis­sen­schaft­li­chen Auf­fas­sun­gen infra­ge gestellt erscheint. Fuchs steht einer Rei­he von Ent­wick­lun­gen der Lebens­wis­sen­schaf­ten äußerst skep­tisch, fast schon resi­gna­tiv gegen­über. Wir wer­den fra­gen, ob dies plau­si­bel ist, ob es hier­zu viel­leicht Alter­na­ti­ven gibt.

Fuchs‘ Arbei­ten fin­den inzwi­schen ein brei­te­res auch außer­aka­de­mi­sches Inter­es­se, der Phi­lo­so­phie­kurs Hei­del­berg behan­delt am 29.05. einen Auf­satz („Quer durch jedes Men­schen­herz“) über das Böse aus psych­ia­tri­scher Per­spek­ti­ve, in der VHs Neckar­ge­münd fin­det am 20.06. ein ganz­tä­ti­ger Kurs zu Fuchs‘  Buch über das „Gehirn als Bezie­hungs­or­gan“ statt.

9. Mai 2009

VHs Eber­bach-Neckar­ge­münd, Sams­tag, den 20.06.

fuchswerbung1

Das Gehirn - ein Bezie­hungs­or­gan, Tho­mas Fuchs

6. Mai 2009

All­tags­phi­lo­so­phie sieb­te Sit­zung

18          Erin­ne­rung an den 04.05.

Ich begin­ne mit einer aus­führ­li­chen Ergän­zung, die auf­grund einer län­ge­ren Dis­kus­si­on im Anschluss an die Erin­ne­rung an den 27.04. ent­stan­den ist. Sie kreis­te um das Pro­blem des klas­si­schen Ansat­zes der Phy­sik, sofern er im Kon­text der Gehirn­for­schung ver­wen­det wird, aber auch um das Pro­blem des „Radi­ka­len Kon­struk­ti­vis­mus“, der heu­te − nach­dem der frü­he­re anders­ge­ar­te­te Erlan­ger „Kon­struk­ti­vis­mus“ wohl über­wie­gend schon ver­ges­sen ist – in der Regel allei­ne als „Kon­struk­ti­vis­mus“ gilt. Die­ser wur­de in Fort­füh­rung und Wei­ter­bil­dung der auto­po­ie­ti­schen Sys­tem­theo­rie der Bio­lo­gen Hum­ber­to Matu­rana und Fran­ces­co Vare­la in der femi­nis­ti­schen Theo­rie­bil­dung, in der Sozio­lo­gie, in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und auch in Tei­len der Neu­ro­bio­lo­gie vor allem seit der zwei­ten Hälf­te der 1980er Jah­re ange­wen­det. Sogar in der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie zeig­ten sich Reso­nan­zen. Inzwi­schen sind eher Nach­hut­ge­fech­te zu beob­ach­ten, aber auch die­se sind noch hef­tig.

Über mei­ne Kri­tik an Ger­hard Roth als radi­ka­lem Kon­struk­ti­vis­ten kam es zu einer Kon­tro­ver­se, weil Herr Deth­lef­sen mein­te, die­ser sei ein empi­ri­scher Wis­sen­schaft­ler – und empi­ri­sche Wis­sen­schaft­ler könn­ten so etwas nicht behaup­ten:

Die Fest­stel­lung, dass die von mir erleb­te Welt des Ichs, mei­nes Kör­pers und des Rau­mes um mich her­um ein Kon­strukt des Gehirns ist, führt zu der viel dis­ku­tier­ten Fra­ge: Wie kommt die Welt wie­der nach drau­ßen? Die Ant­wort hier­auf lau­tet: Sie kommt nicht nach drau­ßen, sie ver­lässt das Gehirn gar nicht. Das Arbeits­zim­mer, in dem ich mich gera­de befin­de, der Schreib­tisch und die Kaf­fee­tas­se vor mir wer­den ja von mir als ‚drau­ßen‘ in Bezug auf mei­nen Kör­per und mein Ich erlebt. Die­se bei­den sind aber eben­falls Kon­struk­te, nur ist es so, dass mit der Kon­struk­ti­on mei­nes Kör­pers auch der zwin­gen­de Ein­druck erzeugt wird, die­ser Kör­per sei von der Welt umge­ben und ste­he in deren Mit­tel­punkt. Und schließ­lich wird […] ein Ich erzeugt, das das Gefühl hat, in die­sem Kör­per zu ste­cken, und dadurch wird es erleb­nis­mä­ßig zum Zen­trum der Welt. (Aus der Sicht des Gehirns, Frankfurt/M. 2003, 48)

Mög­li­cher­wei­se ver­steht sich Ger­hard Roth also eher nicht als „empi­ri­schen Wis­sen­schaft­ler“ im Sin­ne von Herrn Deth­lef­sen. Typisch – auch im Sin­ne der bis­he­ri­gen Kurs­er­geb­nis­se – die Pro­duk­ti­on von Schein­pro­ble­men („das Ich“), ohne dass irgend­wie ange­ge­ben wür­de, wie das alles „kon­stru­iert“ wird. Öko­lo­gisch ist die Posi­ti­on von Roth natür­lich sehr hilf­reich, wenn alles im Gehirn ist und da auch nicht her­aus­kommt, kön­nen wir uns an sich viel Umwelt­ver­schmut­zung und -ver­brauch und auch vie­le Debat­ten erspa­ren. Mein sar­kas­ti­scher Kom­men­tar im letz­ten Satz – ich füge das hin­zu, um mög­li­che Miss­ver­ständ­nis­se die­ses Sat­zes zu ver­mei­den – soll dar­auf hin­wei­sen, dass Roth die Wor­te nicht im all­täg­li­chen Sinn gebraucht. Mut­maß­lich fin­det das Arbeits­zim­mer von Ger­hard Roth selbst in sei­nem Super­hirn kei­nen Platz. Und selbst die Kaf­fee­tas­se, die dar­in einen Ort fin­den könn­te, wür­de mut­maß­lich doch Beschä­di­gun­gen bei­spiels­wei­se des lim­bi­schen Sys­tems her­vor­ru­fen. Nicht ein­mal die Wor­te „Kaf­fee­tas­se“ und „Arbeits­zim­mer“ befan­den sich bei nüch­ter­ner Betrach­tung in Roths Gehirn, als er sie schrieb. Danach befan­den sie sich im Buch – und jetzt vor Ihnen am Bild­schirm oder auf dem Aus­druck. Und ich ver­mu­te ganz stark, dass Sie von den 40 Hertz-Schwin­gun­gen der Stoff­wech­sel­pro­zes­se, die beim Schrei­ben der Wor­te in Ger­hard Roths Gehirn statt­fan­den, nichts mehr spü­ren. Wenn doch, tei­len Sie mir dies bit­te aus­führ­lich und auf jeden Fall expe­ri­men­tell wie­der­hol­bar mit! Aus der Kur­s­per­spek­ti­ve kann das Zitat von Ger­hard Roth jeden­falls als wun­der­schö­nes Bei­spiel dafür die­nen, wel­che Beu­len man sich beim Den­ken holen kann, wenn man den all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch nicht hin­rei­chend beach­tet, son­dern frei­schwe­bend theo­re­ti­siert. Ich belas­se es bei die­sen Sar­kas­men und erspa­re mir die Par­al­le­li­sie­rung der­ar­ti­ger Äuße­run­gen mit ent­spre­chen­den Bei­spie­len aus der Psy­cho­pa­tho­lo­gie, die Tho­mas Fuchs (Das Gehirn – ein Bezie­hungs­or­gan, 2008) für die­se Fäl­le nicht sel­ten durch­führt. Zu Fuchs‘ Buch fin­det hier in der VHs Neckar­ge­münd am Sams­tag, dem 20.06. ein ganz­tä­gi­ger Kurs statt.

Zur eben­falls ange­spro­che­nen Fra­ge der Wil­lens­frei­heit hier ein Bei­spiel aus einem Streit­ge­spräch vor der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten:

Natür­lich geht die Mehr­heit der Straf­rechts­theo­re­ti­ker nicht von einer unbe­ding­ten Frei­heit aus, son­dern von einer Art ein­ge­schränk­ter Wil­lens­frei­heit, wie sie zum Bei­spiel der Phi­lo­soph Peter Bie­ri ver­tritt (Bie­ri 2001), das heißt von der Fähig­keit, vor der Tat von sei­ner eige­nen Moti­va­ti­ons­la­ge zurück­zu­tre­ten und die­se zu über­den­ken (Deli­be­ra­ti­ons­fä­hig­keit). Aus hand­lungs­psy­cho­lo­gi­scher und neu­ro­bio­lo­gi­scher Sicht ist die­se Fähig­keit zwar wich­tig für eine „ver­nünf­ti­ge“, weil lang­fris­ti­ge Hand­lungs­pla­nung, aber hier­bei ist nichts an Hand­lungs­frei­heit zu fin­den. Es han­delt sich um einen kom­ple­xen, wenn­gleich voll­stän­dig deter­mi­niert ablau­fen­den Pro­zess des Wider­streits der Moti­ve.

Auf­grund psy­cho­lo­gi­scher und neu­ro­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se müs­sen wir von fol­gen­dem Sach­ver­halt aus­ge­hen: Men­schen kön­nen im Sin­ne eines per­sön­li­chen Ver­schul­dens nichts für das, was sie wol­len und wie sie sich ent­schei­den, und dies gilt unab­hän­gig davon, ob ihnen die ein­wir­ken­den Fak­to­ren bewusst sind oder nicht, ob sie sich schnell ent­schei­den oder lan­ge hin und her über­le­gen. Sie wer­den in dem jeweils einen oder ande­ren Fall even­tu­ell völ­lig unter­schied­li­che Din­ge tun, aber sie tun dies nicht frei. Die Gene, die vor- und nach­ge­burt­li­chen Ent­wick­lun­gen und Fehl­ent­wick­lun­gen, die früh­kind­li­chen Erfah­run­gen und Trau­ma­ti­sie­run­gen, die spä­te­ren Erfah­run­gen und Ein­flüs­se aus Eltern­haus, Freun­des­kreis, Schu­le und Gesell­schaft – all dies formt unser emo­tio­na­les Erfah­rungs­ge­dächt­nis, und des­sen Aus­wir­kun­gen auf unser Han­deln unter­lie­gen nicht dem frei­en Wil­len. Dies gilt selbst­ver­ständ­lich auch für Per­so­nen, die Straf­ta­ten bege­hen.“ (Ger­hard Roth)

Soll­te Roth inzwi­schen die­se bei­den Posi­tio­nen hin­rei­chend klar revi­diert haben, behaup­te ich für die­se Revi­sio­nen natür­lich das Gegen­teil, aber vor allem die ers­te Äuße­rung ist in schwe­rer Wei­se irre­füh­rend, die zwei­te nur ganz schwach gedank­lich kon­trol­liert. Phi­lo­so­phisch geht die Moti­v­i­dee wohl vor allem auf Scho­pen­hau­er zurück, der expli­zit den „frei­en Wil­len“ im gewöhn­li­chen Ver­stand bestrit­ten hat – frei­lich einen tran­szen­den­ta­len frei­en Wil­len unter­stell­te, wohl auch ein Vor­bild für Roths erstaun­li­ches Pos­tu­lat eines „rea­len Gehirns“ im Unter­schied zum „wirk­li­chen Gehirn“, wobei er unter­stellt, das „wirk­li­che Gehirn“ sei Teil der erleb­ba­ren Wirk­lich­keit, die vom „rea­len Gehirn“ kon­stru­iert wer­de[1]. Doch Prä­gun­gen und Moti­ve unter­lie­gen stets der mög­li­chen Refle­xi­on und damit ihrer mög­li­chen selbst­be­stimm­ten Ver­än­de­rung – wie wir hier im Kurs ja fest­ge­stellt haben. Ob die­se Refle­xi­on greift und eine Ver­än­de­rung statt­fin­det, ist damit nicht gesagt, dies genügt aber für das Argu­ment ihrer rea­len Mög­lich­keit. Der Mini­mal­be­griff der Frei­heit setzt vor­aus, dass ich unter iden­ti­schen Umstän­den hät­te anders han­deln kön­nen, es han­delt sich um eine Fra­ge, die sich in der Rück­schau stellt. Wie die frü­he­ren Arbei­ten von Pau­en[2] und jetzt wie­der die gemein­sa­me Arbeit mit Roth zei­gen, akzep­tiert er die­sen Mini­mal­be­griff von Frei­heit gera­de nicht (vgl. Micha­el Pau­en, Ger­hard Roth, Frei­heit, Schuld und Ver­ant­wor­tung. Grund­zü­ge einer natu­ra­lis­ti­schen Theo­rie der Wil­lens­frei­heit, Frankfurt/M. 2008, 166 u. ö.) – m. E. auf­grund einer unzu­tref­fen­den Dar­stel­lung. Inso­fern dürf­te auch Roth sei­ne Äuße­run­gen nicht ernst­haft kor­ri­giert, bes­ten­falls gemä­ßigt haben. Von Frei­heit in einem ernst zu neh­men­den Sinn ist nicht die Rede, wenn ich mich refle­xiv damit ein­ver­stan­den erklä­re, was ohne­hin geschieht, also davon über­zeugt bin, was ich tue. Das ist sicher eine not­wen­di­ge, aber in kei­ner Wei­se eine hin­rei­chen­de Bedin­gung einer frei­en Hand­lung. Das unter iden­ti­schen Umstän­den auch anders Han­deln­kön­nen lässt sich nicht eli­mi­nie­ren. Maß­stab sind hier die Bestim­mun­gen der Men­schen­rech­te in der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te der UNO (1948) und im Grund­ge­setz (1949), dazu die höchst­rich­ter­li­chen Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes.

Unklar schien mir auf­grund der Dis­kus­si­on im bis­he­ri­gen Kurs­ver­lauf geblie­ben zu sein, dass es bei aus­schließ­li­cher Gel­tung der Unter­stel­lun­gen des Wis­sen­schafts­ty­pus 1 (vgl. Abbil­dung 1) für alle Sach­ver­hal­te tat­säch­lich kei­ne Frei­heit im Sin­ne des von mir skiz­zier­ten Mini­mal­be­griffs der Frei­heit geben kann. Solan­ge man also wie Roth und Sin­ger das Grund­mo­dell der klas­si­schen Phy­sik als das wis­sen­schaft­lich aus­schlag­ge­ben­de ansieht, mit denen auch die Fra­gen von Frei­heit, Selbst­be­stim­mung usf. behan­delt wer­den, müs­sen die­se von uns all­täg­lich unter­stell­ten Phä­no­me­ne als Täu­schung gedeu­tet wer­den, was u. a. der Sinn des Kon­struk­ti­vis­mus bei Roth ist. Auch Sin­ger hat sich nach anfäng­li­cher Zurück­hal­tung in einem ähn­li­chen Kon­text als Kon­struk­ti­vist geou­tet, wie der Abschnitt „Das Sub­jekt als kul­tu­rel­les Kon­strukt“ in sei­nem Büch­lein „Vom Gehirn zum Bewusst­sein“, Frankfurt/M. 2006, 47-57, beweist. Ob er sei­ne eige­ne neu­ro­bio­lo­gi­sche For­schung auch als „Kon­strukt“ bewer­tet, geht dar­aus bis­lang aber nach mei­ner Wahr­neh­mung nicht her­vor, kon­se­quent aber wäre das, denn auch die Neu­ro­bio­lo­gie „ist nichts ande­res“ als ein Phä­no­men der „kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on“.

Mir scheint …, dass die Ich-Erfah­rung bzw. die sub­jek­ti­ven Kon­no­ta­tio­nen von Bewusst­sein kul­tu­rel­le Kon­struk­te sind, sozia­le Zuschrei­bun­gen, die dem Dia­log zwi­schen Gehir­nen erwuch­sen und des­halb aus der Betrach­tung ein­zel­ner Gehir­ne nicht erklär­bar sind. Die Hypo­the­se, die ich dis­ku­tie­ren möch­te, ist, dass die Erfah­rung ein auto­no­mes, sub­jek­ti­ves Ich zu sein, auf Kon­struk­ten beruht, die im Lau­fe unse­rer kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on ent­wi­ckelt wur­den. Selbst­kon­zep­te hät­ten dann den onto­lo­gi­schen Sta­tus einer sozia­len Rea­li­tät … Wir Men­schen … sind in … der Lage, in Dia­lo­ge ein­zu­tre­ten der Art ‚ich weiß, dass du weißt, wie ich füh­le‘ oder ‚ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß, wie du fühlst“ usw. Inter­ak­tio­nen die­ser Art füh­ren also zu einer ite­ra­ti­ven wech­sel­sei­ti­gen Bespie­ge­lung im je ande­ren. …

Der Dia­log, der den Indi­vi­dua­ti­ons­pro­zess erst mög­lich macht, voll­zieht sich bereits in der frü­hen Kind­heit und erlaubt ers­te Ich-Iden­ti­fi­ka­tio­nen schon nach den ers­ten Lebens­jah­ren. Die­ser frü­he Dia­log zwi­schen Bezugs­per­so­nen und Kind ver­mit­telt die­sem in sehr prä­gnan­ter und asym­me­tri­scher Wei­se die Erfah­rung, offen­bar ein auto­no­mes, frei agie­ren­des, ver­ant­wort­li­ches Selbst zu sein, hört es doch ohne Unter­lass: ‚tu nicht dies, son­dern tu das, lass dass, sonst –‘, oder ‚mach das, andern­falls –!‘ …

Wich­tig für mein Argu­ment ist …, dass die­ser frü­he Lern­pro­zess in einer Pha­se sich ereig­net, in der die Kin­der noch kein epi­so­di­sches Gedächt­nis auf­bau­en kön­nen. Wir erin­nern uns nicht an die ers­ten zwei bis drei Lebens­jah­re, weil in die­ser frü­hen Ent­wick­lungs­pha­se die Hirn­struk­tu­ren noch nicht aus­ge­bil­det sind, die zum Auf­bau eines epi­so­di­schen Gedächt­nis­ses erfor­der­lich sind. Es geht dabei um das Ver­mö­gen, Erleb­tes in raum­zeit­li­che Bezü­ge ein­zu­bet­ten und den gesam­ten Kon­text des Lern­vor­gan­ges und nicht nur das Erlern­te selbst zu erin­nern …

Die­se früh­kind­li­che Amne­sie scheint mir dafür ver­ant­wort­lich, dass die sub­jek­ti­ven Kon­no­ta­tio­nen von Bewusst­sein für uns eine ganz ande­re Qua­li­tät haben als die Erfah­run­gen mit ande­ren sozia­len Kon­struk­ten. Viel­leicht erle­ben wir die­se Aspek­te unse­res Selbst des­halb auf so eigen­tüm­li­che Wei­se als von ganz ande­rer Qua­li­tät, als aus Bekann­tem nicht her­leit­bar, weil die Erfah­rung, so zu sein, in einer Ent­wick­lungs­pha­se instal­liert wor­den ist, an die wir uns nicht erin­nern kön­nen. Wir haben an den Ver­ur­sa­chungs­pro­zess kei­ne Erin­ne­rung …

Inner­halb neu­ro­bio­lo­gi­scher Beschrei­bungs­sys­te­me wäre das, was wir als freie Ent­schei­dung erfah­ren, nichts ande­res als eine nach­träg­li­che Begrün­dung von Zustands­än­de­run­gen, die ohne­hin erfolgt wären, deren tat­säch­li­che Ver­ur­sa­chun­gen für uns aber in der Regel nicht in ihrer Gesamt­heit fass­bar sind.“

Auch hier die glei­chen Schein­pro­ble­me wie bei Roth, „das Ich“ usf. Da Sin­ger kei­ne ande­ren als die Argu­men­ta­tio­nen auf dem Niveau der klas­si­schen Phy­sik zulas­sen will, kann er auch zu kei­nen ande­ren Ergeb­nis­sen kom­men. Wer also „natu­ra­lis­tisch“ in die­sem Sinn ver­steht, kann kei­ne Frei­heit im Sin­ne des mini­ma­len Frei­heits­be­griffs zulas­sen, dies habe ich jetzt noch ein­mal sehr aus­führ­lich belegt, weil mir dies ange­sichts der Dis­kus­si­on noch nicht aus­rei­chend ver­stan­den zu sein erschien. Der per­for­ma­ti­ve Selbst­wi­der­spruch in Äuße­run­gen wie den­je­ni­gen von Sin­ger oder Roth besteht dar­in, dass sie den Art. 5 des Grund­ge­set­zes, wel­cher die Frei­heit von Wis­sen­schaft und Kunst garan­tiert, dazu benut­zen, genau die­sen Vor­gang als nicht frei­en dar­zu­stel­len. Frei­heit ist eine auf­grund der früh­kind­li­chen Amne­sie man­gels des epi­so­di­schen Gedächt­nis­ses als Kon­struk­ti­on ver­ges­se­ne Kon­struk­ti­on. Man sieht dar­an, dass die Bun­des­re­pu­blik immer noch ein libe­ra­ler Staat ist. Sie erlaubt es beam­te­ten Pro­fes­so­ren, die Frei­heits­grund­la­ge des Grund­ge­set­zes im Sin­ne der Men­schen­rech­te öffent­lich wis­sen­schaft­lich infra­ge zu stel­len, weil eine libe­ra­le Ord­nung dar­auf setzt, dass auch gro­tes­ke Irr­tü­mer im offe­nen Dis­kurs kor­ri­giert wer­den kön­nen.

Wie bei dem Aus­druck „Kon­struk­ti­vis­mus“ ist beim Aus­druck „natu­ra­lis­tisch“ im Kon­text des Frei­heits­pro­blems sehr genau zu beach­ten, was die jewei­li­gen Auto­ren dar­un­ter ver­ste­hen. Ver­ste­hen sie den Aus­druck im Sin­ne von Wis­sen­schafts­typ 1, kann es kei­ne Frei­heit im Sin­ne des Mini­mal­be­griffs, den ich hier skiz­ziert habe, geben. Auto­ren, die die­sen Frei­heits­be­griff ver­tre­ten, wie Ernst Tugend­hat, und zugleich den Begriff „natu­ra­lis­tisch“ ver­wen­den, ver­su­chen daher Klä­run­gen her­bei­zu­füh­ren, hier ein nicht unpo­le­mi­sches Bei­spiel:

Bei der Hirn­for­schung fin­de ich ziem­lich ver­rückt, was da heu­te läuft. […] Man kann ledig­lich fest­stel­len, in wel­chen Berei­chen des Gehirns wel­che Typen von Pro­zes­sen ablau­fen. Aber dann kom­men die­se Pro­fes­so­ren der Gehirn­phy­sio­lo­gie und stel­len Theo­ri­en über die Nicht­exis­tenz mensch­li­cher Frei­heit auf, die sich nur dar­auf stüt­zen, dass sie sagen, wir sind Wis­sen­schaft­ler und glau­ben an den Deter­mi­nis­mus. Sie neh­men die phi­lo­so­phi­sche Lite­ra­tur der gan­zen letz­ten Jahr­zehn­te über­haupt nicht wahr, in der ver­sucht wird, Deter­mi­nis­mus und Wil­lens­frei­heit nicht als Gegen­satz zu sehen. Das hal­te ich für eine völ­lig halt­lo­se Spe­ku­la­ti­on. […] In hun­dert Jah­ren kann die Hirn­phy­sio­lo­gie viel­leicht inter­es­sant wer­den für die Phi­lo­so­phie, aber bis­her ist sie es nicht. Ich bin frei­lich ein Natu­ra­list, ich sehe den Men­schen als einen Teil der bio­lo­gi­schen Ent­wick­lung. Aber was in den bio­lo­gi­schen Wis­sen­schaf­ten mit Bezug auf den Men­schen gemacht wird, da ist sehr wenig Sinn­vol­les.“ (taz-Inter­view vom 28.07.2007)

Damit ist nur ange­deu­tet, dass die Wis­sen­schaf­ten vom Typ 1 noch eine Ent­wick­lung durch­lau­fen müs­sen, bis sie phä­no­me­n­ad­äquat wer­den. Der wich­tigs­te aktu­el­le Ver­such – im Kern wohl der ein­zi­ge – ist der­je­ni­ge von Thomas/Brigitte Gör­nitz, Der krea­ti­ve Kos­mos, Heidelberg/Berlin 2002. Er zeigt zumin­dest an, dass im quan­ten­phy­si­schen Bereich ver­stan­den wor­den ist, dass es so nicht mehr wei­ter­ge­hen kann, weil die Rea­li­tät kom­ple­xer ist, als sie in der klas­si­schen Phy­sik beschrie­ben wird. Mit Peirce dür­fen von daher zumin­dest kei­ne fal­schen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen kom­men.

Das Haupt­the­ma der Sit­zung waren die Argu­men­ta­ti­ons­ty­pen von Abduk­ti­on, Induk­ti­on und Deduk­ti­on im All­tag. Damit sind wir nicht fer­tig gewor­den, sodass wir dies in der Sit­zung am 11.05. ver­voll­stän­di­gen, erwei­tern und ganz gründ­lich aus­dis­ku­tie­ren müs­sen. Stel­len die­se Argu­men­ta­ti­ons­ty­pen im All­tag, die zwar gewohnt, aber häu­fig nicht bewusst sind, doch eine der wesent­li­chen Bedin­gun­gen der Mög­lich­keit dar, dass All­tags­phi­lo­so­phie eine Rea­li­tät sein kann und auch fak­tisch statt­fin­det. Dies ist seit der klas­si­schen Pha­se der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie bekannt – und wur­de dort im Kon­text der Rhe­to­rik refle­xiv erar­bei­tet. Inso­fern ver­lang­sa­men wir mit guten Grün­den das The­ma des Kur­ses – und fas­sen die Übun­gen zu Gewohn­hei­ten und Krea­ti­vi­tät zu einer Sit­zung zusam­men. Nicht erwar­ten darf man, dass im All­tag irgend­wie argu­men­tiert wird wie an der Uni­ver­si­tät, sofern dort auf Sorg­falt Wert gelegt wird, oder in einem wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut. Das wäre in den All­tags­er­for­der­nis­sen schon aus Zeit­grün­den eher kon­tra­pro­duk­tiv – und wie Aris­to­te­les mein­te, auch eher lang­wei­lig, es fehlt dazu der die Rezi­pie­ren­den ein­schlie­ßen­de und her­aus­for­dern­de Esprit. Denn die Rezi­pie­ren­den stel­len die Voll­stän­dig­keit der Argu­men­ta­ti­on selbst­tä­tig her, es han­delt sich ja um Kom­mu­ni­ka­tio­nen. Von „Bewei­sen“ ist übri­gens umge­kehrt auch im Wis­sen­schafts­be­reich so häu­fig nicht die Rede.

Zum bes­se­ren Über­blick zitie­re ich die Auf­ga­ben­bei­spie­le noch ein­mal und füge dar­an die schon erar­bei­te­ten Lösun­gen an. Ich habe mit 16.1.7, 16.1.8 und 16.1.9 drei wei­te­re Tex­te hin­zu­ge­fügt, die von Wolf Sin­ger und Ger­hard Roth stam­men, deren argu­men­ta­ti­ve Struk­tur unter­sucht und mit den All­tags­ar­gu­men­ta­tio­nen hier ver­gli­chen wer­den soll. 16.1.4 (Frank-Wal­ter Stein­mei­er in Afgha­ni­stan) und 16.2 (Zu jeder Argu­men­ta­ti­on Gegen­ar­gu­men­te bil­den) waren noch nicht bear­bei­tet und wer­den uns dann in der Sit­zung am Mon­tag, dem 11.05. beschäf­ti­gen.

16.1.1  Thors­ten Hild (Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler), taz-online 29.04.2009

Löh­ne haben für das Über­le­ben der Wirt­schaft eine gar nicht zu über­schät­zen­de Bedeu­tung. Geht die Lohn­sum­me plötz­lich und unkon­trol­liert zurück, droht nichts weni­ger, als dass der Wirt­schafts­kreis­lauf zum Erlie­gen kommt.“

Der Wirt­schafts­kreis­lauf darf nicht zum Erlie­gen kom­men!

Der Wirt­schafts­kreis­lauf kann zum Erlie­gen kom­men, wenn die Lohn­sum­me plötz­lich und unkon­trol­liert zurück­geht.

→           Die Lohn­sum­me soll­te mög­lichst kon­stant blei­ben!

Die Schluss­form bzw. Argu­men­ta­ti­ons­form ist deduk­tiv, es han­delt sich um einen prak­ti­schen Syl­lo­gis­mus, wie ihn Aris­to­te­les sowohl in der „Niko­ma­chi­schen Ethik“ als auch in der „Rhe­to­rik“ ana­ly­siert hat. Hier müs­sen aus dem Kon­text und der eige­nen Beschäf­ti­gung mit sol­chen Sach­ver­hal­ten die Ergän­zun­gen der Argu­men­ta­ti­on erbracht wer­den. Dies wird von Ihnen als akti­ven und selbst­stän­di­gen Bürger/innen erwar­tet. Ob der Zusam­men­hang, den Hild unter­stellt, besteht, kön­nen Sie bei­spiels­wei­se unter Euro­stat, den Publi­ka­tio­nen der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on zu sta­tis­ti­schen Fra­gen nach­se­hen – oder sich um ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chun­gen in Buch­form bemü­hen.

16.1.2   Wolf­gang Wag­ner, Angst ist ein guter Rat­ge­ber, FR-Online, 30.04.2009

Wenn einem heu­te in der S-Bahn jemand in den Nacken niest, hat der Schau­er, der einen über­fällt, sicher auch psy­chi­sche Grün­de. Man­cher wird es bereu­en, die schweiß­feuch­te Hand, die ihm gereicht wur­de, gedrückt zu haben. Schul- und Kin­der­gar­ten­lei­ter wer­den auf­merk­sa­mer auf ihre Zög­lin­ge ach­ten.

Dok­to­ren wer­den noch mehr ein­ge­bil­de­te Kran­ke beru­hi­gen und die Kran­ken­häu­ser mehr ver­meint­li­che Not­fäl­le behan­deln. Die Schwei­ne­grip­pe hat Deutsch­land erreicht.“

Ver­schie­de­ne Fäl­le, die auch anders betrach­tet wer­den kön­nen, bil­den sich zu einer Regel aus: Die „Schwei­ne­grip­pe“ hat Deutsch­land erreicht.

Mein Nie­sen oder das Nie­sen ande­rer in mei­ner direk­ten Umge­bung könn­te ein Sym­ptom der „Schwei­ne­grip­pe“ sein.

→ Zur Vor­sicht suche ich doch einen Dok­tor auf.

Hier berei­te­te die mög­li­cher­wei­se iro­ni­sche For­mu­lie­rung des Tex­tes von Wag­ner Schwie­rig­kei­ten, den argu­men­ta­ti­ven Weg zu erken­nen. Schließ­lich wur­de die Schluss­form aber auf­grund der Infor­ma­ti­on aus der Über­schrift ein­hel­lig als Induk­ti­on erkannt. Die Induk­ti­on ist in der Rhe­to­rik die häu­figs­te Schluss­form in der poli­ti­schen Bera­tungs­re­de und wird von Wag­ner hier auch so ver­wen­det. Dis­ku­tiert wur­de hier auch der Weg von einer aller­ers­ten Abduk­ti­on zur schließ­li­chen Regel­bil­dung, was gera­de durch den mehr­deu­ti­gen Text ange­regt wur­de.

16.1.3   Barack Oba­ma, Pres­se­kon­fe­renz zum 100. Tag sei­ner Prä­si­dent­schaft, SZ-Online, 30.04.2009

Barack Oba­ma hat kei­nen Grund für Selbst­zwei­fel: Auf der lan­des­weit über­tra­ge­nen Pres­se­kon­fe­renz zum 100. Tag sei­ner Prä­si­dent­schaft gibt es nicht eine ein­zi­ge böse, schmerz­haf­te Fra­ge. ‚Wir sind gut gestar­tet‘, lau­tet der Tenor Oba­mas bei sei­nem wie stets sou­ve­rä­nen Auf­tritt. Nie­mand im tra­di­ti­ons­rei­chen, präch­tig möblier­ten East Room des Wei­ßen Hau­ses wider­spricht.

Oba­mas Start war der ein­drucks­volls­te seit Fran­k­lin D. Roo­se­velt‘, hat­te schon der Time-Kolum­nist Joe Klein jubi­lie­rend geschrie­ben. Aber auch Oba­ma weiß, dass er trotz sei­ner unge­bro­che­nen Beliebt­heit bei Öffent­lich­keit und Medi­en nur Schon­zeit hat.

Eine dra­ma­ti­sche Wirt­schafts­kri­se, rie­si­ge Staats­schul­den und zwei Krie­ge las­ten auf der neu­en Regie­rung. Dazu will Oba­ma auch das maro­de Gesund­heits­we­sen und die Schu­len refor­mie­ren, den Kli­ma­wan­del bekämp­fen und vie­les mehr. ‚Wir wer­den das schaf­fen‘, sag­te Oba­ma selbst­be­wusst. Sei­ne ers­ten 100 Tage wer­te­te er posi­tiv: ‚Ich bin stolz auf das, was wir erzielt haben, … erfreut über den Fort­schritt, aber nicht zufrie­den.'“

Wir wer­den es schaf­fen, es zei­gen sich schon ers­te Indi­zi­en! Eine Neu­auf­la­ge von „Yes, we can!“

Schluss­form: Abduk­ti­on, gro­ße Tei­le des Tex­tes in der SZ die­nen nur zur Empha­se der Abduk­ti­on. Ob die­se zutrifft, wird und kann sich auch erst an fol­gen­den Ereig­nis­sen zei­gen, kann also frü­hes­tens in zwei oder drei Jah­ren eini­ger­ma­ßen beur­teilt wer­den. Vie­le poli­ti­sche Pro­gram­me und Ver­laut­ba­run­gen sind Abduk­tio­nen, weil sie auf die Zukunft aus­ge­rich­tet sind, über die mut­maß­lich nie­mand so genau Bescheid weiß.

16.1.4  Außen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter Stein­mei­er bei sei­nem Afgha­nistan­be­such, SZ-Online 30.04.2009

Die Anschlä­ge über­schat­te­ten den unan­ge­kün­dig­ten Besuch von Außen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter Stein­mei­er in Kabul. Stein­mei­er ver­ur­teil­te den töd­li­chen Anschlag als ‚fei­ges und heim­tü­cki­sches Ver­bre­chen‘. Deutsch­land las­se sich durch sol­che Taten nicht davon abbrin­gen, ‚die­sem geschun­de­nen Volk bei­sei­te zu ste­hen'“.

Noch nicht ana­ly­siert!

16.1.5   Uli Hoe­neß, FC Bay­ern FanTV vom 27.04.2009, zur Ent­las­sung von Jür­gen Klins­mann

Ich möch­te viel­leicht noch hin­zu­fü­gen, dass wir nicht den Feh­ler machen soll­ten, den sicher wahn­sin­ni­gen Aus­rut­scher in Bar­ce­lo­na zum ent­schei­den­den Maß­stab zu machen. Gegen Bar­ce­lo­na wer­den auch noch ande­re Mann­schaf­ten ver­lie­ren. Es kommt auf den Trend an, seit Weih­nach­ten haben wir in allen Spie­len, wo es drauf ankam, Tabel­len­füh­rer zu wer­den, in Ham­burg, in Ber­lin, jetzt gegen Schal­ke ver­lo­ren. Das muss uns zu den­ken geben.“

Es ergibt sich seit Weih­nach­ten ein Trend, Ham­burg, Ber­lin usf.: Wir ver­lie­ren jedes Spiel, in dem es dar­um geht, Tabel­len­füh­rer zu wer­den!

Dies gefähr­det unse­re sport­li­chen und wirt­schaft­li­chen Zie­le, dar­an muss der Trai­ner Schuld sein!

→ Klins­mann wird ent­las­sen!

Schluss­form: Induk­ti­on, der abduk­ti­ve Pro­zess, wie es zu die­ser Induk­ti­on gekom­men ist, ist in die­sem Zitat beson­ders gut zu erken­nen, mög­li­cher­wei­se hat es bei Hoe­neß nach dem Ham­burg­spiel zum ers­ten Mal in die­se Rich­tung wickie­mä­ßig geblitzt. Wickie ist der Star einer gleich­na­mi­gen Kin­der­buch­se­rie, die auch zei­chen­trick­film­ar­tig ver­filmt wur­de, z. B. regel­mä­ßig in Kika zu sehen. Wickie ist das hel­le, jun­ge Köpf­chen in einer Wikin­ger­grup­pe, in der das krea­ti­ve Den­ken in der Regel durch Kraft­aus­übung ersetzt wird. Dadurch gerät die Grup­pe auf ihren Raub­zü­gen nicht sel­ten in aus­sichts­lo­se Situa­tio­nen, aus denen dann der krea­ti­ve klei­ne Wickie abduk­tiv einen Aus­weg fin­det. Den Moment, in dem die Abduk­ti­on auf­tritt, mar­kie­ren die klei­nen Ster­ne, die hier auf dem Bild zu sehen sind. Sie tre­ten stets blitz­ar­tig auf. Das ist noch bes­ser in fol­gen­dem Video zu sehen: Wickie­vor­spann. Wickies Abduk­tio­nen funk­tio­nie­ren immer, mal sehen, ob die zu einer Induk­ti­on aus­ge­ar­bei­te­te Abduk­ti­on von Uli Hoe­neß genau­so gut funk­tio­niert.

16.1.6   Chris­to­pher Flowers zum Über­nah­me­an­ge­bot, Faz.net vom 30.04.2009

Der Groß­ak­tio­när der Immo­bi­li­en­bank Hypo Real Esta­te (HRE), der ame­ri­ka­ni­sche Inves­tor J. C. Flowers, hat das Über­nah­me­an­ge­bot der Bun­des­re­gie­rung abge­lehnt. Die Offer­te der Bun­des­re­gie­rung für die Akti­en der HRE bezeich­ne­te Flowers in einer am Don­ners­tag ver­öf­fent­lich­ten Erklä­rung als zu nied­rig.“

Die ange­bo­te­ne Ent­schä­di­gung ist zu nied­rig!

→ Das Ange­bot der Bun­des­re­gie­rung wird abge­lehnt!

Schluss­form: Deduk­ti­on.

Neue Bei­spie­le:

Ver­su­chen Sie hier­bei Unter­schie­de und Gemein­sam­kei­ten zwi­schen den All­tags­ar­gu­men­ta­tio­nen in 16.1.1-6 und den wis­sen­schaft­li­chen Argu­men­ta­tio­nen von Sin­ger und Roth in 16.1.7-9 zu beschrei­ben!

16.1.7 Ger­hard Roth, Aus der Sicht des Gehirns

Die Fest­stel­lung, dass die von mir erleb­te Welt des Ichs, mei­nes Kör­pers und des Rau­mes um mich her­um ein Kon­strukt des Gehirns ist, führt zu der viel dis­ku­tier­ten Fra­ge: Wie kommt die Welt wie­der nach drau­ßen? Die Ant­wort hier­auf lau­tet: Sie kommt nicht nach drau­ßen, sie ver­lässt das Gehirn gar nicht. Das Arbeits­zim­mer, in dem ich mich gera­de befin­de, der Schreib­tisch und die Kaf­fee­tas­se vor mir wer­den ja von mir als ‚drau­ßen‘ in Bezug auf mei­nen Kör­per und mein Ich erlebt. Die­se bei­den sind aber eben­falls Kon­struk­te, nur ist es so, dass mit der Kon­struk­ti­on mei­nes Kör­pers auch der zwin­gen­de Ein­druck erzeugt wird, die­ser Kör­per sei von der Welt umge­ben und ste­he in deren Mit­tel­punkt. Und schließ­lich wird […] ein Ich erzeugt, das das Gefühl hat, in die­sem Kör­per zu ste­cken, und dadurch wird es erleb­nis­mä­ßig zum Zen­trum der Welt.“

16.1.8. Ger­hard Roth, Bran­den­bur­ger Debat­te

Auf­grund psy­cho­lo­gi­scher und neu­ro­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se müs­sen wir von fol­gen­dem Sach­ver­halt aus­ge­hen: Men­schen kön­nen im Sin­ne eines per­sön­li­chen Ver­schul­dens nichts für das, was sie wol­len und wie sie sich ent­schei­den, und dies gilt unab­hän­gig davon, ob ihnen die ein­wir­ken­den Fak­to­ren bewusst sind oder nicht, ob sie sich schnell ent­schei­den oder lan­ge hin und her über­le­gen. Sie wer­den in dem jeweils einen oder ande­ren Fall even­tu­ell völ­lig unter­schied­li­che Din­ge tun, aber sie tun dies nicht frei. Die Gene, die vor- und nach­ge­burt­li­chen Ent­wick­lun­gen und Fehl­ent­wick­lun­gen, die früh-kind­li­chen Erfah­run­gen und Trau­ma­ti­sie­run­gen, die spä­te­ren Erfah­run­gen und Ein­flüs­se aus Eltern­haus, Freun­des­kreis, Schu­le und Gesell­schaft – all dies formt unser emo­tio­na­les Erfah­rungs­ge­dächt­nis, und des­sen Aus­wir­kun­gen auf unser Han­deln unter­lie­gen nicht dem frei­en Wil­len. Dies gilt selbst­ver­ständ­lich auch für Per­so­nen, die Straf­ta­ten bege­hen.“

16.1.9 Wolf Sin­ger, Vom Gehirn zum Bewusst­sein

Die­se früh­kind­li­che Amne­sie scheint mir dafür ver­ant­wort­lich, dass die sub­jek­ti­ven Kon­no­ta­tio­nen von Bewusst­sein für uns eine ganz ande­re Qua­li­tät haben als die Erfah­run­gen mit ande­ren sozia­len Kon­struk­ten. Viel­leicht erle­ben wir die­se Aspek­te unse­res Selbst des­halb auf so eigen­tüm­li­che Wei­se als von ganz ande­rer Qua­li­tät, als aus Bekann­tem nicht her­leit­bar, weil die Erfah­rung, so zu sein, in einer Ent­wick­lungs­pha­se instal­liert wor­den ist, an die wir uns nicht erin­nern kön­nen. Wir haben an den Ver­ur­sa­chungs­pro­zess kei­ne Erin­ne­rung …“

16.2     Übung 2

Noch durch­zu­füh­ren!

Bil­den Sie zu jedem der vor­ste­hen­den Argu­men­te Gegen­ar­gu­men­te, selbst wenn Ihnen die Argu­men­ta­ti­on bzw. Begrün­dung ein­leuch­ten soll­te!


[1] Ger­hard Roth, Das Gehirn und sei­ne Wirk­lich­keit. Kogni­ti­ve Neu­ro­bio­lo­gie und ihre phi­lo­so­phi­schen Kon­se­quen­zen. Suhr­kamp, Frank­furt 82000, 314ff.328ff (Taschen­buch­aus­ga­be).

[2] Vgl. vor allem den groß ange­leg­ten Ver­such von Micha­el Pau­en, Was ist der Mensch? Die Ent­de­ckung der Natur des Geis­tes, Mün­chen 2007, 164ff.

24. März 2009

All­tags­phi­lo­so­phie 2

2 Erin­ne­rung an den 09.03.2009

Die Sit­zung befass­te sich vor allem mit dem Ver­ständ­nis des The­mas All­tags­phi­lo­so­phie. Die Duden­hin­wei­se auf bestimm­te Ver­wen­dungs­wei­sen des Aus­drucks „All­tag“ und „all­täg­lich“ führ­ten bei einer Mehr­heit der Teilnehmer/innen eher nicht zur Zustim­mung. Wich­tig war sicher­lich der Hin­weis von Herrn Deth­lef­sen, dass das Gemein­te mög­li­cher­wei­se bes­ser durch „Lebens­welt“ aus­ge­drückt wer­den kön­ne. Der Aus­druck „All­tag“, sofern er nicht mit „Werk­tag“ ineins gesetzt und dann von „Sonn­tag“ oder „Wochen­en­de“ unter­schie­den wird, umfasst alles das­je­ni­ge, was uns jeden Tag begeg­net, wor­in wir leben, was uns stört, was wir tun und las­sen. Und das sind kei­nes­wegs nur lebens­welt­li­che Bezü­ge in einem empha­ti­schen Sinn, auch die täg­li­che oder häu­fi­ge Benut­zung des Inter­nets, die unver­meid­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on über Geld usf. gehö­ren zu unse­rem All­tag. Über die­se ganz ver­schie­de­nen und z. T. durch­aus wider­sprüch­li­chen Aspek­te des All­tags kann im All­tag selbst eine kri­ti­sche oder nach­denk­li­che Refle­xi­on ent­ste­hen, das ist der Anfang der All­tags­phi­lo­so­phie, die jede/m/r prin­zi­pi­ell mög­lich ist. Dabei geht es dar­um, wie man den All­tag bewäl­ti­gen kann, wie das alles zu ver­ste­hen ist, auch anspruchs­vol­ler, wie gutes Leben im All­tag mög­lich ist.

Dass man die­se Fra­gen phi­lo­so­phisch nen­nen kann, weil es ja um Lie­be zur Weis­heit geht, ist viel­leicht weit­ge­hend unbe­strit­ten. Schwie­rig wird die Ver­wen­dung des Aus­drucks „All­tags­phi­lo­so­phie“ aber im Blick auf öffent­li­che Debat­ten, die etwa in den Medi­en aus­ge­tra­gen wer­den. Auch in ent­spre­chen­den Sen­dun­gen zur Phi­lo­so­phie­the­ma­tik steht das eher nicht im Vor­der­grund, falls ich nichts über­se­hen oder über­hört habe. Dies ist nach mei­nem Ein­druck vor allem ein Pro­blem der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie, die oft den Über­sprung zu ihrer grie­chi­schen Her­kunft vom Athe­ner Markt­platz nicht mehr recht zu leis­ten ver­mag. Sokra­tes hat ja dort durch sei­ne Fra­ge­kunst nur die Auf­ga­be der Heb­am­me, der die Gefrag­ten dabei unter­stützt, die für sie rich­ti­gen Ant­wor­ten her­aus­zu­fin­den bzw. zu gebä­ren. Das zeigt vor allem, dass es je nach indi­vi­du­el­ler Per­spek­ti­ve mög­li­cher­wei­se meh­re­re Ant­wor­ten auf eine Fra­ge gibt. Und auch Sokra­tes, der etwas para­dox vor­gibt, nur das­je­ni­ge zu wis­sen, dass er nichts wis­se, gibt nicht die „rich­ti­gen“ Ant­wor­ten. Schon damals war jeden­falls man­chen klar, dass es für vie­le Fra­gen offen­bar kei­ne letz­ten Ant­wor­ten gibt.

An die­sem Ergeb­nis setzt auch Peirce an. Er beob­ach­tet frei­lich, dass vie­le Men­schen, er unter­stellt offen­bar sogar alle Men­schen, all­ge­mei­ne Lebens­über­zeu­gun­gen hegen, die eine Inter­pre­ta­ti­on aller Sach­ver­hal­te ein­schlie­ßen, wie unscharf oder „unge­schlacht“ der­ar­ti­ge Inter­pre­ta­tio­nen auch sein mögen. Ver­hiel­te es sich so, dann phi­lo­so­phier­ten alle Men­schen, denn eine beson­ne­ne Lebens­kon­zep­ti­on zu haben, ist ein phi­lo­so­phi­sches Ide­al. Der Aus­druck „meta­phy­sisch“ bezieht sich auf all­ge­mei­ne Über­zeu­gun­gen, also dar­über, wie die Sach­ver­hal­te immer sind o. Ä. Peirce zufol­ge han­delt es sich hier­bei nicht nur um Kopf­ge­bur­ten, auch der Bauch und die Mus­keln spie­len eine gewis­se Rol­le.

Wäh­rend Peirce jeden­falls eine Vari­an­te von All­tags­phi­lo­so­phie ver­trat, ist genau dies bei Sin­ger eher aus­ge­schlos­sen. Er steht beson­ders deut­lich für eine Welt­sicht, die von den Wis­sen­schaf­ten beein­druckt ist und deren Wirk­lich­keits­auf­fas­sung für ange­mes­se­ner als unse­re All­tags­wahr­neh­mun­gen und -erfah­run­gen hält. Wenn unser Gehirn mit uns äqui­va­lent wäre und man das Gehirn so inter­pre­tie­ren müss­te, wie es Wolf Sin­ger vor­schrifts­mä­ßig frei­lich nur hypo­the­tisch tut – weil bis­lang kei­ner­lei belast­ba­re empi­ri­schen Erkennt­nis­se vor­lie­gen -, dann wäre unser all­täg­li­ches Selbst­ver­ständ­nis als abwä­gen­de Men­schen, die sich zu man­chen Tätig­kei­ten ent­schei­den, frei­lich vom Illu­si­ons­ver­dacht bedroht. Sin­ger deu­tet im Text indi­rekt an, dass kei­nes­wegs alle Naturwissenschaftler/innen mit sei­ner Sicht­wei­se über­ein­stim­men und ver­sucht daher, ins­be­son­de­re quan­ten­phy­si­ka­li­sche Bei­trä­ge aus der Debat­te her­aus­zu­hal­ten, wie sie etwa Carl-Fried­rich von Weiz­sä­cker oder Tho­mas Gör­nitz geäu­ßert haben.

Inso­fern soll­te ein Kurs über All­tags­phi­lo­so­phie auch die Gegen­ar­gu­men­te abwä­gen und die posi­ti­ven Argu­men­te ken­nen­ler­nen, die es für oder gegen die sinn­vol­le Mög­lich­keit von All­tags­phi­lo­so­phie gibt.

3 Die Situa­ti­on an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de

Es mag viel­leicht über­ra­schen, aber die Zeit der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de bie­tet für den­je­ni­gen oder die­je­ni­ge, die oder der sich damit beschäf­tigt, weit­hin ähn­li­che Struk­tu­ren – und man kann nur hof­fen, dass die teil­wei­se unbe­son­ne­ne Auf­re­gung und Ver­drän­gung damals nicht zu ähn­lich ver­hee­ren­den Ergeb­nis­sen wie 1914 und in der Fol­ge auch 1939 führt. Der gesell­schaft­li­che Grad der Ver­un­si­che­rung ist in unse­rer Zeit min­des­tens genau­so hoch wie damals, etwa die Exzes­se in Win­nen­den sind ein grel­les Schlag­licht – und es gibt eine gan­ze Rei­he von Stra­te­gi­en, wie man die­se Ver­un­si­che­rung zu ver­drän­gen ver­sucht. Davon ist eine die­je­ni­ge des angeb­lich sta­bi­len öko­no­mi­schen Erfolgs, eine ande­re die­je­ni­ge der angeb­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Sicher­heit. In unse­rer Zeit ist die Öko­no­mie erst kürz­lich sowohl wirt­schaft­lich kon­kret als auch als Wis­sen­schaft von ihrem Thron gestürzt, kein bedeu­ten­der aka­de­mi­scher Öko­nom hat ernst­haft die Finanz­kri­se und die dar­aus ent­ste­hen­de Welt­wirt­schafts­kri­se vor­aus­ge­sagt, obgleich die Wirt­schafts­wis­sen­schaft vor­gibt, in bestimm­ten Gren­zen Pro­gno­sen abge­ben zu kön­nen. Wenn Sie den letz­ten Bericht des Sach­ver­stän­di­gen­rats lesen, wer­den Sie fest­stel­len, dass die gut 500 Sei­ten ver­druckt sind, aber Sie kön­nen ihn kos­ten­frei im Inter­net zur Not am Bild­schirm lesen. Vor­aus­ge­sagt wur­de das frei­lich eher von poli­tisch-öko­no­mi­schen Außen­sei­tern, die auf­grund ihrer Vor­aus­sa­gen ent­spre­chend ver­spot­tet und ver­höhnt wur­den. Auch die­se Struk­tur fin­det sich an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de: Men­schen, denen es oft nicht gelang, dau­er­haft eine aka­de­mi­sche Stel­le zu errei­chen, gehö­ren zu den lang­fris­tig inter­es­san­tes­ten Den­kern der Epo­che wie etwa Charles Peirce oder der deut­sche Kul­tur­phi­lo­soph Georg Sim­mel. Selbst­ver­ständ­lich gab es damals ent­ge­gen der offi­zi­el­len wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritts­rhe­to­rik inner­halb und außer­halb der Wis­sen­schaf­ten Kri­tik an den domi­nie­ren­den Ten­den­zen, bei­spiels­wei­se in der Medi­zin. Hier waren etwa Deutsch­land und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten in den alter­na­ti­ven Ten­den­zen füh­rend, in Deutsch­land vor allem im Blick auf die Homöo­pa­thie, in den USA sowohl auf die­se als auch auf die Osteo­pa­thie. Aus­schlag­ge­bend bei­spiels­wei­se für die staat­li­che Akzep­tanz der Osteo­pa­thie in vie­len Staa­ten der USA war die posi­ti­ve Reso­nanz bei den Patient/inn/en, trotz aller­schärfs­ter Gegen­wehr der Medi­cal Asso­cia­ti­on. Heu­te ist die Situa­ti­on kei­nes­wegs anders. Trotz aller­hef­tigs­ten Beschus­ses durch die evi­dence based medi­ci­ne wün­schen sich 79 % der gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­ten die Erstat­tung von homöo­pa­thi­schen Heil­mit­teln. Die­ses Bei­spiel soll zei­gen, dass es all­täg­li­che Über­zeu­gun­gen gibt, die für die ein­zel­nen Men­schen auf All­tags­er­fah­run­gen, die sie selbst betref­fen, beru­hen. Die­se blei­ben von der wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritts­rhe­to­rik weit­ge­hend unbe­rührt und unbe­ein­druckt, weil sie eine eige­ne, für sie selbst wich­ti­ge Erfah­rung gemacht haben.

Die Zeit seit den 1860er Jah­ren ist im Wis­sen­schafts­sys­tem die Zeit der Auf­lö­sung der gro­ßen phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät, zu der alle Wis­sen­schaf­ten als Unter­ab­tei­lun­gen mit Aus­nah­me der Medi­zin, der Theo­lo­gie und der Rechts­wis­sen­schaft gehör­ten. Zuerst lösen sich die Natur­wis­sen­schaf­ten wie die Phy­sik und Che­mie, dann die Bio­lo­gie ab. Psy­cho­lo­gie, Öko­no­mie und Sozio­lo­gie fol­gen. In der Psy­cho­lo­gie ist bis heu­te umstrit­ten, ob sie nun eher zu den Natur­wis­sen­schaf­ten, den Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten oder gar zu den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten gehö­re. Die wis­sen­schaft­li­che Fort­schritts­rhe­to­rik hat­te sug­ge­riert, dass mit der Zeit – etwa durch das Expe­ri­ment – die wis­sen­schaft­li­chen Fra­gen ent­schie­den wür­den. Das ist nicht ein­ge­tre­ten, wer heu­te Tex­te vom Ende des 19. Jahr­hun­derts zur Gehirn­for­schung liest, wie ich es selbst aus Inter­es­se, aber auch beruf­lich als Über­set­zer getan habe, wird fest­stel­len, dass die glei­chen Pro­ble­me schon damals dis­ku­tiert wor­den, etwa das Ver­hält­nis von neu­ro­na­len Pro­zes­sen und Bewusst­sein. Kei­nes von ihnen ist einer all­seits akzep­tier­ten Lösung näher gebracht wor­den. Zum einen stellt sich hier ein leicht erkenn­ba­res Sach­pro­blem: Die Leit­un­ter­schei­dung von Frau Ler­che, die ich in der vor­letz­ten Woche an die Tafel geschrie­ben habe, lau­tet: „Ratio­nal“ vs. „emo­tio­nal“. Dies ist sprach­lich aus­ge­drückt und folgt bestimm­ten sprach­li­chen Regeln, die man münd­lich oder schrift­lich aus­drü­cken kann. Kei­ne die­ser Regeln lässt sich fin­den, wenn nun Frau Ler­ches Gehirn unter­sucht wird, denn dort gel­ten rhyth­mi­sche che­misch-elek­tri­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­geln. Das Pro­blem einer man­geln­den Lösung hängt aber auch mit einer inne­ren wis­sen­schaft­li­chen Struk­tur zusam­men, wel­che durch­aus die Wis­sen­schaf­ten rela­ti­viert. Eine wis­sen­schaft­li­che For­schung beginnt mit einer mög­li­cher­wei­se erstaun­li­chen Beob­ach­tung, die viel­leicht eine Hypo­the­se ent­ste­hen lässt, wie Ereig­nis­se, Zusam­men­hän­ge usf. erklärt wer­den könn­ten. Die­se Regel oder das Gesetz sind erfun­den oder jeden­falls frei ent­wor­fen, um das Ereig­nis oder den Zusam­men­hang zu erklä­ren. Man stellt hypo­the­tisch-abduk­tiv eine Regel oder ein Gesetz auf, die das Beob­ach­te­te erklä­ren könn­ten – und ver­sucht die­se Regel oder das Gesetz dann durch Expe­ri­men­te usf. zu bestä­ti­gen. Wenn man gut geforscht hat, hält die Regel oder das Gesetz eini­ge Jah­re oder Jahr­zehn­te, wes­halb Nobel­prei­se oft sehr lan­ge nach den Ent­de­ckun­gen ver­lie­hen wer­den, weil in der Zwi­schen­zeit mit Recht ver­sucht wird, die auf­ge­stell­te Regel oder das Gesetz wis­sen­schaft­lich zu über­prü­fen oder zu wider­le­gen. Erst wenn das über län­ge­re Zeit nicht gelun­gen ist, kann ein Nobel­preis ver­lie­hen wer­den.

Dabei sind in den Wis­sen­schaf­ten unter­schied­li­che Ansprü­che an Genau­ig­keit uner­läss­lich, was sich eben­falls schon seit den 1860er Jah­ren abge­zeich­net hat­te, sofern die Wis­sen­schaf­ten die gesam­te Wirk­lich­keit umfas­sen wol­len:

Es gibt in der Wirk­lich­keit all­ge­mein meh­re­re Typen, m. E. drei Typen von Regeln, denen auch drei Wis­sen­schafts­ty­pen ent­spre­chen:

(1) Regeln, die gegen die Wahr­schein­lich­keit 1 ten­die­ren (es ist nahe­zu immer so – wie etwa, dass der Apfel immer nach unten vom Baum fällt, wenn wir das gewöhn­li­che Bezugs­sys­tem hier auf der Erde akzep­tie­ren), das sind die soge­nann­ten Natur­ge­set­ze, die frei­lich sehr wahr­schein­lich auch nur Nähe­run­gen sind. Hier­mit beschäf­ti­gen sich die Natur­wis­sen­schaf­ten, wobei die Bio­lo­gie schwä­che­re Wahr­schein­lich­eits­er­war­tun­gen hat als die Phy­sik, wie etwa die Akzep­tanz des Zufalls als ent­schei­den­des Ele­ment der Evo­lu­ti­on durch Dar­win gezeigt hat. Metho­de: Induk­ti­ves Schlie­ßen auf der Grund­la­ge von Expe­ri­men­ten, d. h.: Es gibt ver­schie­de­ne Fäl­le, die ein­an­der ähn­lich zu sein schei­nen, sodass man für sie eine gemein­sa­me Regel oder ein Gesetz unter­stellt. Die­ses muss aber in der Zukunft immer wei­ter unter­sucht wer­den. Dabei las­sen sich Hypo­the­sen nie­mals aus­schlie­ßen, wie jetzt in der aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Kri­tik der Dar­win­schen Posi­ti­on auf­grund neue­rer Ein­sich­ten in die Genom­struk­tur deut­lich wird.

(2) Regeln, die eher um die Wahr­schein­lich­keit 0,5 oder etwas höher schwan­ken (alles kann immer auch anders sein), das sind die sozia­len Regeln, z. B.: Ob Bay­ern Mün­chen Meis­ter wird, hat auf die letz­ten 40 Jah­re berech­net die Wahr­schein­lich­keit 0,5, dass Ange­la Mer­kels CDU zukünf­tig stärks­te Par­tei wird, viel­leicht 0,7. Für die­se Regeln, die sozia­len Regeln, ist es kon­sti­tu­tiv, dass sie Aus­nah­men ken­nen. Mit die­sen Regeln befas­sen sich die Sozi­al- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten. Metho­den: Induk­ti­ves und abduk­ti­ves bzw. hypo­the­ti­sches Schlie­ßen, z. B. für qua­li­ta­ti­ve Stu­di­en in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten uner­läss­lich, weil ein­zel­ne Äuße­run­gen eines Indi­vi­du­ums bei genau­er Betrach­tung schwer­lich unter eine all­ge­mei­ne Regel fal­len. Dann kann man die ein­zel­ne Äuße­rung auch nicht aus einer sol­chen Regel ablei­ten. Ein Pro­blem, das als Wis­sen­schaf­ten übri­gens nach mei­ner Wahr­neh­mung sowohl Psy­cho­lo­gie als auch Medi­zin haben …

(3) Regeln, die deut­lich zwi­schen 0,00000001 und viel­leicht 0,1 schwan­ken, das sind die Regeln, in denen Indi­vi­du­en dann viel­leicht doch über­ein­stim­men. Sol­che Regeln wer­den von den Wis­sen­schaf­ten erforscht, die man tra­di­tio­nell „Geis­tes­wis­sen­schaf­ten“ nennt. Da man hier in der Regel die Selbst­be­stim­mung und Frei­heit, das Sich-zu-sich-Selbst-Ver­hal­ten als Ver­hal­ten zu mei­ner Zukunft, d. h. den Ent­wurf mei­ner selbst unter­stellt, kann das auch nicht anders sein. Ich bin durch­aus jeden­falls auch selbst­be­stimmt anders als mei­ne Frau und sehr vie­le ande­re Men­schen – und will dies auch sein. Sowohl in der bil­den­den Kunst als auch in der Lite­ra­tur kom­men der­ar­ti­ge Ent­wür­fe zum Aus­druck, wes­halb sich die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten u. a. hier­mit befas­sen. Metho­de: Schwa­ches induk­ti­ves Schlie­ßen, star­ke qua­li­ta­ti­ve Beschäf­ti­gung mit dem Ein­zel­fall, Vor­herr­schen der Abduk­ti­on bzw. der Hypo­the­se.

Induk­ti­on und Abduk­ti­on bzw. Hypo­the­se sind die wich­tigs­ten wis­sen­schaft­li­chen Schluss­ver­fah­ren, deduk­ti­ve Schluss­ver­fah­ren sind sowohl im All­tag als auch in der Wis­sen­schaft nicht sehr pro­mi­nent. Dabei wird ange­nom­men, dass man aus einer oder meh­re­ren Prä­mis­sen zwin­gend auf etwas schlie­ßen kann.

Alle Men­schen sind sterb­lich.

Mar­tin Pött­ner ist ein Mensch.

Also ist Mar­tin Pött­ner sterb­lich (= wird ster­ben).

 

Nie­mand bestrei­tet das wohl hier im Raum, gleich­wohl bleibt eine letz­te Unsi­cher­heit, wenn Sie genau nach­den­ken. Erleich­tert wur­de die Klas­si­fi­zie­rung der Regeln in den Wis­sen­schaf­ten durch bestimm­te Ent­wick­lun­gen in der Mathe­ma­tik, wozu unter ande­rem die Wahr­schein­lich­keits­ma­the­ma­tik und vor allem die Rela­tio­nen­lo­gik gehö­ren, aber das ist jetzt nur ein Hin­weis … Die Schluss­for­men der Deduk­ti­on, Induk­ti­on und Abduk­ti­on sind seit der Anti­ke bekannt und wur­den im letz­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts logisch per­fek­tio­niert.

Die fol­gen­de Abbil­dung 1 fasst die­se Über­le­gun­gen zusam­men und weist der Phi­lo­so­phie einen Ort zu, an dem sie sich sowohl auf den All­tag als auch auf die ein­zel­nen Wis­sen­schafts­ty­pen bezieht. Damit sind alle Mög­lich­kei­ten ver­bun­den, wie Phi­lo­so­phie betrie­ben wer­den kann, eher all­tags­phi­lo­so­phisch, eher natur­wis­sen­schaft­lich inspi­riert, eher an Fra­gen der Gesell­schafts­ent­wick­lung ori­en­tiert oder eher auf Fra­gen der Kunst usf. bezo­gen.

Mögliche Beziehungen von Philosophie

Abbil­dung 1: Bezie­hung der Phi­lo­so­phie auf die ver­schie­de­nen Wis­sen­schafts­ty­pen und auf den All­tag

Die Phi­lo­so­phie bezieht sich auf alle drei Wis­sens­be­rei­che, dar­über aber auch noch auf Sitt­lich­keit und vor allem den All­tag. Letz­te­rer könn­te nur dann ernst­haft aus­ge­klam­mert wer­den, so mei­ne Posi­ti­on, wenn aus­schließ­lich wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­gen vom Wis­sen­schafts­ty­pus (1) ernst­haft sach­hal­tig wären. Man liest – auf­grund die­ses Glau­bens von Wissenschaftler/inne/n dann häu­fig, dass ein Autor wie Dar­win (so bei Joa­chim Bau­er) etwas „vor­weg­ge­nom­men“ habe, was erst heu­te wis­sen­schaft­lich und damit „rich­tig“ begrif­fen wer­den kön­ne. Es geht hier­bei um fol­gen­de Aus­sa­ge Dar­wins:

Sobald der Lei­den­de [nach Ver­lust einer gelieb­ten Per­son] sich voll­stän­dig bewusst wird, dass nichts mehr getan wer­den kann, nimmt Ver­zweif­lung oder tie­fer Kum­mer die Stel­le des wahn­sin­ni­gen Schmer­zes ein. Der Lei­den­de sitzt bewe­gungs­los da oder schwankt lang­sam hin und her. Die Zir­ku­la­ti­on [wohl vor allem der Blut­kreis­lauf; M. P.] wird trä­ge … Ist der Schmerz sehr hef­tig, so führt er bald äußers­te Nie­der­ge­schla­gen­heit oder Erschöp­fung her­bei.“ (Der Aus­druck der Gemüts­be­we­gun­gen bei dem Men­schen und den Tie­ren, [1872] Frank­furt a. M. 2000, 92)

Die­se Aus­sa­ge Dar­wins ist offen­sicht­lich auch dann rich­tig, wenn man nicht weiß, wel­che neu­ro­lo­gi­schen Sach­ver­hal­te mit den ent­spre­chen­den Selbst­be­ob­ach­tun­gen und Fremd­be­ob­ach­tun­gen nach den gegen­wär­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Hypo­the­sen kor­re­lie­ren. Es gibt über die Jahr­hun­der­te und Jahr­tau­sen­de ver­streut sehr vie­le Tex­te, die sehr genaue Beob­ach­tun­gen des­sen dar­le­gen, was wir heu­te über­wie­gend als „psy­cho­so­ma­tisch“ bezeich­nen. „Über­ra­schend“ ist das nur für den­je­ni­gen, der sich selbst gegen die wis­sen­schaft­li­che Igno­ranz die­ser All­tags­be­ob­ach­tun­gen auf­leh­nen muss­te und als ein­zi­ge Gegen­stra­te­gie den wis­sen­schaft­li­chen „Beweis“ kennt, der aber – wie schon im 19. Jahr­hun­dert gezeigt – äußerst ver­gäng­lich sein kann, weil irgend­ein jun­ger Mann oder eine jun­ge Frau, viel­leicht eine geschlecht­lich pari­tä­tisch besetz­te Arbeits­grup­pe, das dann doch wie­der modi­fi­ziert, auf einen bestimm­ten Bereich ein­schränkt oder gar wider­legt. Aber für vie­le alltags„psychologischen“ Hal­tun­gen ist das, was Dar­win sagt, alles ande­re als über­ra­schend. Ich selbst habe das an mir und ande­ren auch schon so oder jeden­falls ver­gleich­bar beob­ach­tet.

Wie das Bei­spiel Dar­wins zeigt, war man im 19. Jahr­hun­dert nur teil­wei­se der Ansicht, dass aus­schließ­lich eine wis­sen­schaft­lich-natur­wis­sen­schaft­li­che Erklä­rung vom Wis­sen­schafts­typ (1) bestimm­ter erleb­ter und wahr­ge­nom­me­ner Phä­no­me­ne deren Rea­li­tät ver­bür­ge. Dar­win war offen­sicht­lich nicht die­ser Ansicht – und dies soll­te stark zu den­ken geben.

Dies ist noch viel stär­ker bei den­je­ni­gen Sach­ver­hal­ten der Fall, die sich mit unse­rer Selbst­be­stim­mung, unse­rem Lebens­ent­wurf und der Sitt­lich­keit oder Ethik befas­sen. Wenn man alles im Modell des Wis­sen­schafts­ty­pus (1) zu erklä­ren ver­sucht, gibt es kei­nen eige­nen Lebens­ent­wurf oder kei­ne Sitt­lich­keit, denn die­se All­tags­vor­stel­lun­gen unter­stel­len so etwas wie abwä­gen­de Über­le­gung, Selbst­be­stim­mung und eine Unter­schei­dung des Bes­se­ren oder Schlech­te­ren nach Grün­den, was vor­zu­zie­hen wäre, viel­leicht auch die Unter­schei­dung des Guten vom Bösen – tat­säch­lich aber hat man bis­lang nur das Natur­ge­setz ver­kannt, nach dem sich sol­che Abwä­gun­gen, Ent­schei­dun­gen usf. voll­zie­hen. Ist alles nach Wis­sen­schafts­typ (1) zu erklä­ren, dann sind sol­che Erwä­gun­gen bes­ten­falls Illu­sio­nen. Nur ist Wis­sen­schafts­typ (1) nicht allei­ne, es gibt ja auch Wis­sen­schafts­typ (2) und (3), wel­che kei­ner­lei prin­zi­pi­el­le Pro­ble­me mit den Phä­no­me­nen des Lebens­ent­wur­fes, der Selbst­be­stim­mung oder der Sitt­lich­keit haben. Schon am Ende des 19. Jahr­hun­derts gab es daher Ver­su­che, das Bewusst­sein des Men­schen, sei­ne Spra­che, die Kul­tur fak­tisch auf bio­ti­sche bzw. genau­er phy­sio­lo­gi­sche Pro­zes­se zu redu­zie­ren, die von den gewöhn­li­chen Men­schen frei­lich als phy­sio­lo­gi­sche Pro­zes­se undurch­schaut sind.

Zusam­men­fas­send kann gesagt wer­den, dass sich an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de das Struk­tur­mus­ter des Ver­hält­nis­ses von Phi­lo­so­phie, Wis­sen­schaf­ten und All­tag her­aus­ge­bil­det hat­te, das auch heu­te noch gül­tig ist.

Beziehung zwischen Alltag und Wissenschaft im Kontext philosophischer Positionen

Abbil­dung 2: Stru­kur­mus­ter des Ver­hält­nis­ses von Phi­lo­so­phie und All­tag, das sich an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de aus­ge­bil­det hat.

Die Abbil­dung 2 soll dar­le­gen, wie das Ver­hält­nis von All­tag und Wis­sen­schaft im Blick auf die Phi­lo­so­phie struk­tu­riert ist. An den jewei­li­gen Extre­men ste­hen Phä­no­me­no­lo­gie und Posi­ti­vis­mus. Letz­te­rer ist fak­tisch eine 100%ige Wis­sen­schafts­phi­lo­so­phie, Fra­gen sind nur phi­lo­so­phisch rele­vant, wenn sie wis­sen­schaft­lich oder auf die Wis­sen­schaf­ten bezo­gen geklärt wer­den kön­nen. Dem­ge­gen­über ist die Phä­no­me­no­lo­gie wis­sen­schafts­skep­tisch bis wis­sen­schafts­kri­tisch, ihr gilt das eige­ne, beson­nen reflek­tier­te Erle­ben und Han­deln als der wah­re Wirk­lich­keits­be­zug, auf deren Grund­la­ge dann auch die Wis­sen­schaf­ten ope­rie­ren könn­ten, aber dies oft nicht tun, son­dern das erschlie­ßen­de Erle­ben und Han­deln oft durch abs­trak­te Theo­ri­en ver­stel­len. Die Phä­no­me­no­lo­gie ist daher im Kern rei­ne All­tags­phi­lo­so­phie. Prag­ma­tis­mus und Neu­kan­tia­nis­mus sind Phi­lo­so­phi­en, die bei­de Ele­men­te in sich ent­hal­ten, der Prag­ma­tis­mus geht wie die Phä­no­me­no­lo­gie von der All­tags­er­fah­rung aus, nimmt aber die Wis­sen­schaf­ten sehr genau wahr, weil die All­tags­er­fah­rung durch die Wis­sen­schaf­ten ja infra­ge gestellt wer­den kann. Der Neu­kan­tia­nis­mus akzep­tiert fak­tisch die ent­stan­de­nen Wis­sen­schaf­ten als Grund­la­ge der Phi­lo­so­phie und ist dar­in dem Posi­ti­vis­mus recht ver­wandt. Aber er glaubt, das Indi­vi­du­um kön­ne trotz aller wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se den­noch Wer­te bestim­men oder set­zen. Und dies ist für Fra­gen der Ethik oder Sitt­lich­keit aus­schlag­ge­bend. Nur ist das in der Wis­sen­schaft selbst nicht mög­lich, denn die­se kennt aus­schließ­lich Tat­sa­chen und Geset­ze, wel­che die Tat­sa­chen bestim­men, die jeweils wer­tungs­frei sein müs­sen.

Am Ende des 19. Jahr­hun­derts und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts zeig­te sich also, dass auf­grund der ver­schie­de­nen phi­lo­so­phi­schen Posi­tio­nen ein Pan­ora­ma von Mög­lich­kei­ten ent­stan­den war, wel­ches das Feld der mög­li­chen Bezie­hun­gen von All­tag und Wis­sen­schaft im Blick auf die Phi­lo­so­phie abge­steckt hat. All­tag und Wis­sen­schaft kön­nen in Bezug zur Phi­lo­so­phie unter­schied­lich kom­bi­niert wer­den. Oder man setzt aus­schließ­lich auf All­tag, dann beson­ders in Form der Lebens­welt. Es ist aber auch mög­lich, allein auf die Wis­sen­schaf­ten zu set­zen – und kein Ver­trau­en in die all­täg­li­chen Erfah­run­gen zu haben.

13. November 2008

Berufs­bil­dung – Georg Ker­schen­stei­ner

Für die Ent­wick­lung der bis heu­te bestehen­den Berufs­schu­le und des soge­nann­ten dua­len Aus­bil­dungs­sys­tems in Deutsch­land zeich­net Georg Ker­schen­stei­ner (1854-1932) als Weg­be­rei­ter ver­ant­wort­lich. Er wen­det bestimm­te Prin­zi­pi­en der klas­si­schen Bil­dungs- und Erzie­hungs­theo­ri­en im Kon­text der Reform­päd­ago­gik an, ein Ein­fluss des US-ame­ri­ka­ni­schen prag­ma­tis­ti­schen Phi­lo­so­phen und Päd­ago­gen John Dew­ey liegt auch vor. John Dewey – googlebild Von 1895 bis 1919 war Ker­schen­stei­ner Schul­rat in Mün­chen und hat­te gro­ßen prak­ti­schen Ein­fluss, auch die Schul­de­bat­te in der Wei­ma­rer Repu­blik wur­de durch ihn geprägt. Georg Kerschensteiner – googlebildIn unse­rem Sche­ma gehört Ker­schen­stei­ner in den Typus der von den Grund­zü­gen der phil­an­thro­pi­schen Päd­ago­gik beein­fluss­ten Päd­ago­gen, Bil­dungs­theo­re­ti­ker und -prak­ti­ker. Wie ande­re Reformpädagog/inn/en auch ver­sucht er kon­kre­te didak­ti­sche und schul­ge­stal­te­ri­sche Wege zu fin­den, um die gro­ßen Bil­dungs­zie­le zu errei­chen, nicht zuletzt eine von den Kin­dern her agie­ren­de Erzie­hung. Dabei tre­ten nicht sel­ten Aspek­te in den Vor­der­grund, die klas­sisch zwar nicht ver­neint oder schlicht über­se­hen, aber kon­kret nicht im Schul­all­tag berück­sich­tigt wer­den. Bei Ker­schen­stei­ner ist es nicht zuletzt das prak­tisch-tech­ni­sche Kön­nen, eine alte Geschich­te erzählt das­je­ni­ge, wor­auf es u. a. ankommt:

„Ein Schul­rat fährt im Auto übers Land, um eine Dorf­schu­le zu visi­tie­ren. Auf offe­ner Land­stra­ße ver­sagt der Motor, und der tech­nisch nicht sehr bewan­der­te Schul­rat hält nach Hil­fe Aus­schau. Da kommt aus ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung ein Zehn­jäh­ri­ger daher, dem er sein Leid klagt. Die­ser öff­net die Motor­hau­be, macht ein paar Grif­fe am Ver­ga­ser, und sie­he da, der Scha­den ist beho­ben. Der geret­te­te Schul­rat bewun­dert die Leis­tung, stutzt dann aber und fragt: ‚War­um bist du denn vor­mit­tags nicht in der Schu­le?‘ ‚Ach, wis­sen Sie, zu uns kommt heu­te der Schul­rat, da hat der Leh­rer die Dum­men nach Hau­se geschickt.‘“
Theo­dor Wil­helm, Georg Ker­schen­stei­ner (1854-1932), in: Klas­si­ker der Päd­ago­gik II, Mün­chen 1991, 103-126, 103.

Die klei­ne Sze­ne ist anschei­nend selbst­er­klä­rend. Der Leh­rer woll­te nur die guten Main­stream-Schüler/innen vor­füh­ren, soge­nann­te „prak­ti­sche Bega­bun­gen“ aber gal­ten ihm nicht als gut – und konn­ten bei der Visi­ta­ti­on des Schul­rats even­tu­ell das Visi­ta­ti­ons­er­geb­nis nega­tiv beein­flus­sen. Der Schul­rat in der Sto­ry aber erfährt sehr genau den prak­ti­schen Nut­zen des Kön­nens jenes zehn­jäh­ri­gen „Dum­men“, weil er sich in die­ser Situa­ti­on selbst nicht hel­fen kann.
Das könn­te natür­lich eine gute Geschich­te über die not­wen­di­ge Arbeits­tei­lung in einer Gesell­schaft sein. Es muss eben Schul­rä­te und Ver­ga­ser­spe­zia­lis­ten geben – und man muss auch die Ver­ga­ser­spe­zia­lis­ten gut aus­bil­den, denn nur auf­grund der Arbeits­tei­lung ist eine Gesell­schaft wirt­schaft­lich ins­ge­samt effi­zi­ent. Damit wäre aber Ker­schen­stei­ners Ansatz miss­ver­stan­den. Ihm ging es mit ande­ren dar­um, reform­päd­ago­gisch in den gewöhn­li­chen Unter­richt Ele­men­te der Arbeits­welt ein­be­zie­hen. Das geht u. a. auf die Ide­en der Phil­an­thro­pen zurück, wird aber nun kind­ge­rech­ter, jugend­psy­cho­lo­gisch genau­er erfasst bzw. begrün­det. Ker­schen­stei­ner hat­te hier­bei Erfolg, die Wei­ma­rer Ver­fas­sung lau­te­te in Arti­kel 148:

„(3) Staats­bür­ger­kun­de und Arbeits­un­ter­richt sind Lehr­fä­cher der Schu­len.“

Die­se soge­nann­te Arbeits­schu­le der Wei­ma­rer Repu­blik geht neben dem Dua­len Sys­tem der Berufs­aus­bil­dung auf Ker­schen­stei­ners Ide­en zurück.
Ker­schen­stei­ner selbst pfleg­te den mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­chen Bereich des Wis­sens und des tech­ni­schen bzw. logisch-for­ma­len Vor­ge­hens – bzw. das­je­ni­ge, was man in Deutsch­land damals über­wie­gend dafür hielt. Auch der Ein­fluss John Dew­eys hat sei­nen Ansatz hier wohl eher nicht erwei­tert, sofern ich nichts über­se­hen habe. Der Schul­un­ter­richt in der Arbeits­schu­le soll­te pro­blem­lö­send sein, zudem wer­de dies die Schüler/innen auch auf ihre staats­bür­ger­li­che Pra­xis vor­be­rei­ten.
Der päd­ago­gi­sche Ansatz geht von Beob­ach­tun­gen der kind­li­chen bzw. jugend­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen aus. Bei den Kin­dern gehe Pro­bie­ren über Stu­die­ren, sie woll­ten mit den Din­gen selbst expe­ri­men­tie­ren – und sie woll­ten „gestal­ten“. Die­sem Akti­vi­täts­be­geh­ren, das sich bei­spiels­wei­se auch im Bewe­gungs­drang äußert, kom­me die soge­nann­te „Lern­schu­le“ nicht ent­ge­gen. Im Gegen­teil: Sie pro­du­zie­re Wider­stand gegen das Ler­nen, weil der den Kin­dern eige­ne Weg zu ler­nen sys­te­ma­tisch schul­or­ga­ni­sa­to­risch ver­baut wer­de. Die m. E. zutref­fen­de Dia­gno­se lau­tet also: Was oft als „Stö­ren“ oder „Lern­un­wil­lig­keit“ der Schüler/innen emp­fun­den wird, geht jeden­falls zu einem bestimm­ten Anteil auf eine unge­eig­ne­te Form der Orga­ni­sa­ti­on des Schul­un­ter­richts zurück, weil die Wis­sens­in­hal­te von den Schüler/innen – alters­ge­mäß – selbst erar­bei­tet, anstatt ein­ge­paukt sein wol­len. Arbeitsschule – googlebild Hier­zu dien­te Ker­schen­stei­ner die Ein­füh­rung von Gele­gen­hei­ten zur Aus­übung von Hand­fer­tig­kei­ten, es wur­den Werk­bän­ke in den Schu­len auf­ge­stellt, Labo­ra­to­ri­en auf­ge­baut, Schul­gär­ten ange­pflanzt, Aqua­ri­en und Ter­ra­ri­en ange­bo­ten, auch Zei­chen­sä­le ein­ge­rich­tet. Es ging didak­tisch also um das­je­ni­ge, was man den Zusam­men­hang von Moti­va­ti­on und Lern­er­folg nennt.
Ein zwei­ter Aspekt ist der­je­ni­ge der Sach­lich­keit der Arbeits­ein­stel­lung, wenn sie in den Schul­un­ter­richt ein­be­zo­gen wird. Denn Arbei­ten müs­sen „voll­endet“ wer­den, man geht schritt­wei­se auf ein Ziel zu. Ker­schen­stei­ner woll­te mit­hin den zweck­ra­tio­nal-instru­men­tel­len Cha­rak­ter der Arbeits­welt ein­füh­ren und didak­tisch nut­zen.

„Wür­de man an den geis­ti­gen Wer­ken den Man­gel der Voll­endung genau­so unmit­tel­bar und schla­gend emp­fin­den wie an den tech­ni­schen Wer­ken, wür­de man für jede ober­fläch­li­che geis­ti­ge Arbeit eben­so prompt sei­ne Stra­fe durch die Arbeit selbst erhal­ten wie für jede ober­fläch­li­che unsach­li­che tech­ni­sche Arbeit, so wür­den unse­re Lehr­lings­an­stal­ten für geis­ti­ge Arbei­ter, also unse­re höhe­ren neun­klas­si­gen Schu­len, längst ein ande­res Gesicht und einen ande­ren Betrieb erhal­ten haben; sie wür­den Anstal­ten sein für geis­ti­ge Qua­li­täts­ar­bei­ter und nicht für viel wis­sen­de Dilet­tan­ten.“
(Wie­ner Rede 1929)

Das ist das Gegen­bild, die Schu­le im her­kömm­li­chen Sinn erzeu­ge bes­ten­falls „viel wis­sen­de Dilet­tan­ten“, von jedem etwas, aber von nichts etwas Genau­es usf. Man kann so etwas wie Ker­schen­stei­ner nur empha­tisch schrei­ben, wenn man davon über­zeugt ist, dass alle Pro­ble­me in sehr über­schau­bar end­li­chen Schrit­ten lös­bar sind – und es mit die­ser Lösung auch getan ist, weil die Lösung durch den uni­ver­sa­len Kon­text wenig infra­ge gestellt wird.
So scheint er auch John Dew­ey (How we think [1910]) ver­stan­den zu haben:

„Vom Stut­zen, Stau­nen und Fra­gen aus ging es unmit­tel­bar zur Ana­ly­se der Schwie­rig­kei­ten, wel­che die Fra­gen lösen konn­ten, von den Ver­mu­tun­gen zur Durch­prü­fung ihrer Fol­ge­run­gen und schließ­lich zur Veri­fi­ka­ti­on der als Lösung gefun­de­nen und bestä­tig­ten Ver­mu­tung.“

Es geht daher logisch-semio­tisch von einer

  1. Irri­ta­ti­on des Gewohn­ten bzw. Bekann­ten zu
  2. einer Hypo­the­se bzw. Abduk­ti­on („Ver­mu­tung“), wie dem zu begeg­nen sei.
  3. Die Ver­mu­tun­gen wer­den deduk­tiv auf ihre Fol­gen über­prüft, wor­aus sich ein Lösungs­vor­schlag ergibt.
  4. Die­ser wird veri­fi­ziert bzw. bestä­tigt.

Ker­schen­stei­ner über­sieht zumin­dest, dass eine „Bestä­ti­gung“ immer nur induk­tiv sein kann, wes­halb Dew­ey ganz zutref­fend die Zukunfts­of­fen­heit von Lösun­gen – und in unse­rer Typo­lo­gie den Unend­lich­keits­as­pekt – betont. Induk­tiv erschlos­se­ne Regeln müs­sen in der Fol­ge immer auf ihre Bestä­ti­gung hin über­prüft wer­den, dies wird natür­lich prag­ma­tisch abge­bro­chen, aber man muss sich die­ses Abbruchs bewusst sein. Den Aus­druck „Veri­fi­ka­ti­on“ soll­te man bes­ser aus dem wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Voka­bu­lar strei­chen. Ker­schen­stei­ner hat hier also nicht zu viel Logik betrie­ben, son­dern zu wenig. Ange­nä­hert scheint er sich hier weni­ger dem Prag­ma­tis­mus als dem Posi­ti­vis­mus zu haben.
Das hat wohl sei­ne Par­al­le­le auch in der mit der sach­li­chen Arbeits­ein­stel­lung ver­bun­de­nen Idee der Arbeits­ge­mein­schaft. Sol­che Arbeits­vor­gän­ge benö­ti­gen Team­ar­beit, wor­aus für Ker­schen­stei­ner eine staats­bür­ger­li­che Ein­sicht der Koope­ra­ti­on, des Mit­ein­an­ders, aber eben auch der „Gemein­schaft“ folg­te. Hier scheint er deut­lich die Dif­fe­ren­zie­rungs­pro­zes­se unter­schätzt zu haben, die in einer erfolg­rei­chen, krea­ti­ven und pro­duk­ti­ven Team­ar­beit zuge­las­sen wer­den müs­sen. So wer­den in Ker­schen­stei­ners Arbeits­schu­le zwar durch­aus demo­kra­tisch wich­ti­ge Aspek­te ein­ge­übt, aber die zen­tra­le Fra­ge der Demo­kra­tie, der fried­li­che und kom­pe­ten­te Umgang mit Kon­flik­ten bleibt – wie­der anders als bei John Dew­ey – unter­be­stimmt. Ker­schen­stei­ner zufol­ge muss es stets auf „Gemein­schaft“ hin­aus­lau­fen.

Ker­schen­stei­ners Berufschul­in­itia­ti­ve geht von Kri­sen­be­ob­ach­tun­gen in Deutsch­land aus, weil die Lehr­lin­ge schlecht betreut wur­den. Das galt für die Hand­werks­meis­ter, die der päd­ago­gi­schen Betreu­ung oft nicht gewach­sen waren. Eben­so galt das für die Indus­trie­be­trie­be. Ker­schen­stei­ner war zudem der Ansicht, dass Schüler/innen nach der Volks­schu­le mit 14 Jah­ren nicht ein­fach in die Arbeits­welt ent­las­sen wer­den soll­ten, son­dern sich wei­ter all­ge­mein bil­den soll­ten. Dazu stellt er den Hum­boldt­schen Ansatz auf den Kopf:

„An der Pfor­te der all­ge­mei­nen Men­schen­bil­dung steht (not­wen­di­ger­wei­se) die Berufs­bil­dung!“
„Nach allen unse­ren Betrach­tun­gen ist jede wirk­li­che Bil­dung eine Art Berufs­bil­dung, sofern wir nur unter Beruf jenen Lebens­kreis ver­ste­hen, zu dem wir gemäß unse­rer psy­chi­schen Ver­fas­sung beru­fen sind.“
(Theo­rie der Bil­dungs­or­ga­ni­sa­ti­on, post­hum, 185)

Wich­tig ist hier zu erken­nen, dass Ker­schen­stei­ner über sein Berufs­schul­kon­zept das All­ge­mein­bil­dungs­kon­zept ein­füh­ren woll­te, eine durch­aus krea­ti­ve Wei­ter­ver­ar­bei­tung der phil­an­thro­pi­schen Idee. Ähn­lich wie dort wird eine psy­chi­sche Grund­struk­tur unter­stellt, wobei wohl stär­ker an bio­ti­sche Anla­gen gedacht ist, die sich psy­chi­sche mani­fes­tie­ren – und den Moti­va­ti­ons­hin­ter­grund des Ler­nen­wol­lens aus­ma­chen. Aber dar­über hin­aus muss eine sol­che Berufs­bil­dung im all­ge­mei­nen Kon­text bestehen, daher soll­te es in sei­nen Berufs­schu­len neben Waren- und Werk­zeug­kun­de nebst Buch­füh­rung auch Deutsch und Staats­bür­ger­kun­de geben. Dar­über ver­such­te Ker­schen­stei­ner auch die ethi­sche Inte­gra­ti­on der durch Kon­kur­renz struk­tu­rier­ten Wirt­schaft und Arbeits­welt zu leis­ten. Die­ses Prin­zip liegt noch heu­te den Berufs­schu­len zugrun­de, wobei auch Reli­gi­ons­un­ter­richt oder Ethik­un­ter­richt hier­zu her­an­ge­zo­gen wer­den.
Wie gegen die Phil­an­thro­pen muss auch gegen Ker­schen­stei­ner ein­ge­wen­det wer­den, dass er die Kom­ple­xi­tät der Gesell­schafts­pro­zes­se, ihre prin­zi­pi­el­le Dyna­mik und Insta­bi­li­tät ver­kannt hat. Wür­de sich die Wirt­schaft und Berufs­welt nach den bio­tisch-psy­chi­schen Bega­bun­gen rich­ten, wäre das Modell per­fekt – und man könn­te Arbeits­lo­sen vor­wer­fen, nicht nach ihrer Bega­bung vor­ge­gan­gen zu sein, die­se ver­leug­net zu haben. Da auch heu­te die­se Argu­men­ta­ti­on nicht ver­brei­tet ist, dürf­te Ker­schen­stei­ners Modell schlicht falsch sein. Wer ein­deu­tig auf die Äqui­va­lenz von Berufs­bil­dung und Bil­dung setzt, muss die Berufs­bil­dung von den stark wech­seln­den Markt­er­for­der­nis­sen abhän­gig machen. Es ehrt Ker­schen­stei­ner, dass er dies nicht woll­te, aber das Ver­sa­gen sei­ner Theo­rie an die­sem Punkt zeigt klar, dass Bil­dung und Berufs­bil­dung nicht äqui­va­lent sind.
Ker­schen­stei­ners Ver­dienst liegt daher vor allem dar­in, dass er gezeigt hat, es müs­se eine vier­te Form der Bil­dungs­or­ga­ni­sa­ti­on geben, das soge­nann­te „Dua­le Sys­tem der Berufs­aus­bil­dung“ – und dass die­ses auch Ele­men­te der All­ge­mein­bil­dung ent­hal­ten müs­se. Wich­ti­ger ist aber noch sein reform­päd­ago­gi­scher Impuls, obgleich er dies zu schwach phi­lo­so­phisch reflek­tiert hat. Sein Pro­test gegen die „Lern­schu­le“ ist ohne­hin klar und rich­tig. Aber er mein­te dar­über hin­aus die „Buch­schu­le“, d. h. die Ver­mitt­lung und den Erwerb von Wis­sen aus­schließ­lich über Tex­te und Spra­che. Nun ist es aber gar nicht so, dass das mensch­li­che Zei­chen­ver­hal­ten auf Spra­che ein­ge­schränkt ist, eben­so sind die Moto­rik und Sen­so­rik des Men­schen semio­tisch rele­vant – und kön­nen ent­spre­chend auch kom­plex ver­stan­den wer­den. Kom­ple­xe Sach­ver­hal­te wer­den nicht nur sprach­lich aus­ge­drückt, son­dern auch bild­lich, wie Peirce in sei­ner Gra­fi­schen Logik (Semio­ti­sche Schrif­ten 3, Frankfurt/M. 1993) gezeigt hat­te – und was Schlei­er­ma­cher mit der Rede von der Fan­ta­sie andeu­ten woll­te. Eben­so ver­hält es sich mit den hap­ti­schen Zei­chen, also Berüh­run­gen, Han­tie­run­gen usf. Auch die­se sind ent­spre­chend semio­tisch bil­dungs­re­le­vant, denn Intel­li­genz oder auch „Geist“ wohnt nicht nur im sprach­li­chen Zei­chen­sys­tem, son­dern in allen Zei­chen­sys­te­men, die Men­schen unbe­wusst und bewusst ver­wen­den. Die Reform­päd­ago­gik stieß hier oft prak­tisch-zufäl­lig-abduk­tiv – das gilt auch für Maria Montesso­ri – in Berei­che vor, Maria Montessori – googlebilddie in der dama­li­gen Zeit z. T. nur schwach gedank­lich erfasst waren, wie etwa von Peirce. Die Selbst­stän­dig­keit, Mün­dig­keit der Schüler/innen kann also auch durch prak­ti­sche, hap­ti­sche Ver­fah­ren unter­stützt wer­den, ihre Demo­kra­tiefä­hig­keit bei­spiels­wei­se auch durch Model­le der Schü­ler­selbst­ver­wal­tung, wie sie ansatz­wei­se auch Ker­schen­stei­ner schon erprob­te. Auch die Pro­jekt- und Ver­suchs­ori­en­tie­rung för­dert ent­spre­chen­de Kom­pe­ten­zen der Team­fä­hig­keit, die für eine kom­plex wahr­ge­nom­me­ne Wirt­schaft und Poli­tik wich­ti­ge soft skills dar­stel­len.