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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


16. September 2013

FAZ (S), 15.09., 2f.14">Bündnis 90/Die Grünen als pädokriminelle Gruppe – FAZ (S), 15.09., 2f.14

Die Par­tei Bünd­nis 90/Die Grü­nen ist  von einer Debat­te erfasst wor­den, die auf die 1970er Jah­re zurück­geht und nicht zuletzt durch Dani­el Cohn-Ben­dit auch lite­ra­ri­schen Aus­druck fand.

Im kon­ser­va­ti­ven Spek­trum, nicht zuletzt bei der CSU, herrscht Auf­re­gung. Kann man doch so eine kla­re Abgren­zung kom­mu­ni­zie­ren und eine schwarz­grü­ne Koali­ti­on zunächst ein­mal völ­lig aus­schlie­ßen. Zudem ist es mög­lich, die katho­li­sche Kir­che etwas weni­ger unge­wöhn­lich dar­zu­stel­len. Bei die­ser gibt es unter Pries­tern nicht nur Homo­se­xu­el­le, was seit dem gnos­ti­schen Judas-Evan­ge­li­um (wohl drit­tes oder vier­tes Jahr­hun­dert d. Z.) behaup­tet wird, son­dern eben Pädo­phi­le, bei denen inzwi­schen unbe­strit­ten ist, dass es zu Kin­des­miss­brauch gekom­men ist, der unter die hier­zu­lan­de gül­ti­gen §§ 174/6 des Straf­ge­setz­bu­ches fällt.

Bünd­nis 90/Die Grü­nen hat den Poli­to­lo­gen Franz Wal­ter damit beauf­tragt, eine Auf­klä­rung des Sach­ver­halts zu leis­ten, die erst 2014 abge­schlos­sen wer­den soll. (more…)

8. Dezember 2011

Pragmatismus und Phänomenologie

Wir haben noch ein­mal in einer sehr inten­si­ven Dis­kus­si­on das Rela­tio­nen­pro­blem und die damit ver­bun­de­nen Kri­ti­ken und teil­wei­se gro­ßen Hoff­nun­gen the­ma­ti­siert, durch­aus anre­gend kon­tro­vers. Von die­ser Stim­mung war auch die Debat­te zu „Wahr­neh­mung“ und „Erfah­rung“ geprägt. Herr Deth­lef­sen ver­miss­te an mei­nen Vor­schlä­gen das Moment der Krea­ti­vi­tät bei der Erfah­rung, ich stel­le in den Vor­der­grund, dass etwas auch als Neu­es für eine bestimm­te Men­schen­grup­pe nur erfah­ren wer­den kann, wenn es mit eige­nen Erfah­run­gen oder Erfah­run­gen ande­rer vor dem Hin­ter­grund geteil­ter Zei­chen­sys­te­me ver­gli­chen wer­den kann. Daher exis­tiert das Pro­blem des Neo­lo­gis­mus, also der Bezeich­nung von etwas, das bis­her im Sprach­sys­tem oder in bild­li­chen Dar­stel­lungs­wei­sen noch kei­ne Reprä­sen­ta­ti­on gefun­den hat. Die­ses Pro­blem wur­de sehr sach­ge­recht erör­tert, wobei deut­lich wur­de, dass die Induk­ti­on, die stets in der Zukunft neu bewährt wer­den muss, der domi­nan­te Schluss­cha­rak­ter der Erfah­rung ist.

Peirce rech­net sys­te­ma­tisch damit, dass auch Wahr­neh­mung ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess ist. Mit­hin ist er kein infal­li­bler Aus­gangs­punkt, was beson­ders Bert­rand Rus­sell irri­tier­te. Wahr­neh­mung impli­ziert mit­hin also Inter­pre­ta­ti­on – sie ist kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt, weil jedes Zei­chen schon Inter­pre­tant sein soll usf.

Das Ende des 19. Jahr­hun­derts sah den anschei­nen­den Erfolg der Wis­sen­schaf­ten, aber eine Min­der­heit sah, dass die­ser Erfolg, der indus­tri­el­le Kon­se­quen­zen hat­te, offen­sicht­lich fata­le Rück­kopp­lungs­pro­zes­se haben könn­te, so u. a. der Bio­lo­ge Rus­sell Wal­lace. Wir haben in die­sem Kurs die Reak­ti­on Peirce’ auf die­se Kri­sen­ein­sich­ten in der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ aus­führ­lich bespro­chen. Die Mehr­heit hoff­te ent­we­der auf eine Huma­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus oder wand­te sich sozia­lis­ti­schen Theo­ri­en zu, um den Kapi­ta­lis­mus abs­zu­schaf­fen. In bei­den Bewe­gun­gen war aber der Glau­be an die Kom­pe­tenz der Wis­sen­schaf­ten, die sich in wirt­schaft­li­chem Fort­schritt nie­der­schla­ge. Das ist der Hin­ter­grund dafür, dass es eher wis­sen­schafts­zen­trier­te und stär­ker all­tags- oder lebens­welt­ori­en­tier­te Phi­lo­so­phi­en gab. Zu Grund­in­for­ma­tio­nen zur Phä­no­me­no­lo­gie in der Fol­ge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls.  Der Lebens­welt-Begriff ist übri­gens erst in der Spät­phi­lo­so­phie Husserls in die­ser Zuspit­zung ent­wi­ckelt wor­den. Dort wird eine Art unmit­tel­ba­rer Zugang zur Wirk­lich­keit pos­tu­liert, der durch die Wis­sen­schaf­ten ver­stellt wer­de. Zu den „Sachen selbst“ kom­me man im lebens­welt­li­chen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten, indem man sie „sein las­se“, wie Hei­deg­ger for­mu­lier­te, des­sen pra­xis­phi­lo­so­phi­schen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in sei­ner Schrift über „Die Kri­sis der euro­päi­schen Wis­sen­schaf­ten“ stär­ker intel­lek­tua­lis­tisch refor­mu­lier­te. Die Lebens­welt und deren prak­ti­scher Umgang mit den Sach­ver­hal­ten wer­de „mathe­ma­ti­siert“ und damit ver­stellt bzw. ent­stellt. Hei­deg­ger sieht seit Mit­te der 1930er Jah­re vor allem den tech­ni­schen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten hin­ter dem „Begrei­fen“ durch die Wis­sen­schaf­ten. Es ist schon lan­ge gese­hen wor­den, dass der pra­xis­phi­lo­so­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers in „Sein und Zeit“ zumin­dest Par­al­le­len zum klas­si­schen Prag­ma­tis­mus auf­weist. Das gilt im All­ge­mei­nen für die Phä­no­me­no­lo­gie ins­ge­samt, da die­se wie Peirce u. a. das angeb­li­che Sub­jekt-Objekt-Pro­blem als irrig ansieht, der pra­xis­phi­lo­s­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers zeigt dies, wie dies auch bewusstseins­phi­lo­so­phisch bei Husserl und Sart­re zu zei­gen ver­sucht wur­de. Der und das Ande­re sind im Bewusst­sein schon „inten­tio­nal“ mit­ge­setzt, man muss also hier kei­nen Sprung voll­zie­hen.

Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Sub­jek­ti­vi­tät und Per­so­na­li­tät wohl am ehes­ten gelun­gen, weil Per­so­nen als die­je­ni­ge Enti­tät ver­stan­den wird, die sich zu sich selbst und zu ande­rem ver­hält, wobei sie stets Stel­lung zu sich nimmt – und dar­über ent­schei­det, ob sie wei­ter­le­ben will. Hier wird kei­ne sub­stan­zon­to­lo­gi­sche Phi­lo­so­phie des Sub­jekts ver­tre­ten, was in den tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­schen Ver­su­chen Husserls wohl eher der Fall sein dürf­te, also die Bewusstseins­pro­zes­se fin­den am oder im tran­szen­den­ta­len Sub­jekt statt – dies kann mit den prag­ma­tis­ti­schen Über­le­gun­gen nicht mit­hal­ten, die den Pro­zess der Sub­jek­ti­vi­tät zu erfas­sen suchen. Wobei Hei­deg­gers Ansatz ganz gewiss so nicht zu ver­ste­hen ist …

Das ist dann exis­ten­zia­lis­tisch wei­ter­ent­wi­ckelt wor­den. Eine inter­es­san­te Ent­wick­lung inner­halb der Phä­no­me­no­lo­gie stellt die Wahr­neh­mungs­phi­lo­so­phie Mau­rice Mer­leau-Pon­tys dar. Sie wird stark von Tho­mas Fuchs auf­ge­nom­men – und hat nicht zuletzt im the­ra­peu­ti­schen, auch medi­zi­ni­schen Bereich star­ke Reso­nanz gefun­den, wobei er betont, dass Wesent­li­ches an der Wahr­neh­mung mit­tels des Sub­jekt-Objekt-Sche­mas nicht erklärt wer­den kön­ne. D. h., er unter­stellt ähn­lich wie Peirce, dass Wahr­neh­mung kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt ist, son­dern ein Bezie­hungs­ge­sche­hen, was Peirce detail­liert und nicht ganz ein­fach nach­zu­wei­sen sucht. The­ra­peu­tisch ist vor allem Mer­leau-Pon­tys Kon­zept der Zwi­schen­leib­lich­keit wich­tig, als ein inter­per­so­na­les Medi­um, das Per­so­nen ver­bin­det. Hier liegt eine Par­al­le­le zu den Inter­ak­ti­ons­theo­ri­en der Prag­ma­tis­ten vor, aber Mer­leau-Pon­ty ist hier ori­gi­nell dar­in, dass eine Sphä­re der sinn­lich ver­mit­tel­ten Leib­lich­keit besteht, die einen Aus­tausch zulässt. Fuchs hat vor die­sem Hin­ter­grund das Ent­ste­hen von Selbst­be­wusst­sein bei etwa acht Mona­te alten Kin­dern erklärt. Die­ser Gedan­ke ist Peirce nicht fremd, schon die frü­he Phi­lo­so­phie for­mu­liert durch­aus Ver­gleich­ba­res – aber er kommt nach mei­nem Urteil zu nichts Kon­kre­tem. M. E. bie­ten sich in der Leib­lich­keits­auf­fas­sung und der Wahr­neh­mungs­phi­lo­s­phie noch Chan­cen wech­sel­seit­ge­en Ler­nens.

11. April 2011

NT (TUD)">Was ist der Mensch? Grenzen des Menschseins aus der Sicht des NT (TUD)

S1 02/330, 11.40 Uhr – 13.20 Uhr

 

18.10. Ken­nen­ler­nen, Semi­nar­plan, Sozi­al­form, Vor­ge­hens­wei­se: „Der Mensch ist eine schwä­bi­sche Haus­frau“

25.10. Psalm 8

01.11. Röm 3,28

08.11. Röm 8,18-49

22.11. 1Kor 15 I

29.11. 1Kor 15 II

06.12. Gal 3,26-29

13.12. Mt 6,19-34

20.12. Mk 10,13-16

1o.01. Kol 1,15-23

17.01. Mk 5,35-43

24.01. Tex­te von Richard Dawkins/Humberto Matu­rana

28.01. Offe­ne Fra­gen (frei­will­lig)

31.01. Offe­ne Fra­gen

07.02. Abschluss­dis­kus­si­on

 

 

7. April 2011

HD, Seminarraum im Dekanat, Di 18-20 Uhr, ab 17.04.2012)">Das „Abendmahl“ als Ritual (Uni HD, Seminarraum im Dekanat, Di 18-20 Uhr, ab 17.04.2012)

  1. 17.04. Ken­nen­ler­nen usf.
  2. 24.04. „Ritu­al“ und „Abend­mahl“ – Art. Ritus, TRE 29, Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lich (259ff)

1               Texte und Sequenzen

  1. 08.05. 1Kor 11,17-34
  2. 15.05. 1Kor 10,1-22
  3. 22.05. Mk 14,12-25
  4. 05.06. Mt 26,17-30
  5. 12.06. Lk 22,7-23
  6. 19.06. Joh 13
  7. 26.06. Joh 6
  8. 03.07. Dida­che 9f
  9. 10.07. Sequen­zen des Mahls??

2               Rezeptionen

  1. 17.07. Cypri­an von Kar­tha­go, 63. Brief – Opfer­theo­lo­gie
  2. 24.07. All­ge­mei­ne Abschluss­dis­kus­si­on

 

Bit­te beschäf­ti­gen Sie sich mit Gerd Thei­ßen, Die Reli­gi­on der ers­ten Chris­ten, 2003, §§ 7-8. Ansons­ten kön­nen Sie ger­ne zu jedem Text einen oder meh­re­re Kom­men­ta­re hin­zu­zie­hen (z. B. Con­zel­mann [1Kor]; Lühr­mann [Mk]; Luz [Mt]; Wol­ter [Lk]; Thy­en [Joh]; Wengst [Dida­che]). Inter­es­sant ist: Hal Taus­sig, In the begin­ning was the meal. Soci­al Expe­ri­men­ta­ti­on and ear­ly Chris­tia­ni­ty, 2009.

 

30. März 2011

Das freie Spiel des dialogischen Selbstverhältnisses der Person. Der Ansatz von Thomas Fuchs

 

1               Erinnerung an den 28.03. (Vhs Neckargemünd)

Haupt­the­ma war der Text von Wolf Sin­ger: „Ver­schal­tun­gen legen uns fest: Wir soll­ten auf­hö­ren, von Frei­heit zu spre­chen“. Ist die­ser Text nicht mecha­nis­tisch zu inter­pre­tie­ren, spricht Sin­ger doch von „Frei­heit“? Wur­de sei­tens des Dozen­ten Sin­gers Text eine unfai­re Inter­pre­ta­ti­on zuge­mu­tet? Ist es mög­li­cher­wei­se ein Hin­weis auf eine der­ar­ti­ge Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on, dass Sin­ger viel­leicht gar nicht den Titel selbst gewählt hat? (more…)

16. März 2011

Philosophie in der Demokratie – der „freie“ Wille ist im Pragmatismus eher unproblematisch

Erinnerung an den 14.03.2011

Die kan­ti­sche Posi­ti­on rech­net mir der empi­ri­schen Gül­tig­keit des Mecha­nis­mus, wel­cher zugleich ein Deter­mi­nis­mus ist – nach Kants Kate­go­ri­en­leh­re ist dies auch gar nicht anders mög­lich, weil kei­ne Kate­go­rie wirk­lich über­zeu­gend auf Spon­ta­nei­tät o. Ä. hin­weist. Der Wider­stand im empi­ri­schen Bereich geht also gegen 100 %, mit­hin gibt es kei­ne Frei­heit. Aller­dings müs­sen wir uns „zum Behu­fe“ der prak­ti­schen Ver­nunft als frei den­ken – und in die­sem Sinn gibt es auf der tran­szen­den­ta­len Ebe­ne Frei­heit, frei­er Wil­le, Selbst­be­stim­mung, Selbst­ge­setz­ge­bung. Wir ent­wer­fen das Sit­ten­ge­setz und den kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv selbst, sofern wir uns als tran­szen­den­tal freie Wesen rich­tig ver­ste­hen. Weil wir das nicht empi­risch-mecha­nis­tisch bestä­ti­gen kön­nen, wird gera­de das rich­ti­ge auto­no­me Selbst­ver­ständ­nis und Selbst­ver­hält­nis ent­wor­fen. Ansons­ten wären wir nicht auto­nom, son­dern als Maschi­ne aktiv. (more…)

11. März 2011

Der „Alleszermalmer“ Kant hatte eine konstruktive Idee

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Nach mei­ner Über­zeu­gung hat die aris­to­te­li­sche Auf­fas­sung des Wil­lens, die in ein umfas­sen­des Ethik­kon­zept, das auch gesell­schafts­theo­re­tisch argu­men­tiert, ein­ge­bet­tet ist, einen der wesent­li­chen Bei­trä­ge auch zum „frei­en“ Wil­len erbracht. Die Ein­schrän­kun­gen des frei­en Wil­lens lie­gen vor allem in emo­tio­na­len, sozia­len und bio­ti­schen Zwän­gen, die mehr oder weni­ger unüber­wind­ba­re Wider­stän­de zu sein schei­nen. Die Ethik des Aris­to­te­les ist eine Güter­ethik, Tugen­den und Pflich­ten sind die­ser zuge­ord­net, sie erläu­tern, wie ein Gut erbracht wird.

Inso­fern lässt sich die Auf­fas­sung des Aris­to­te­les so fas­sen:

 

Ich will, dass in Zukunft mein Ziel der Fall ist.“ (more…)

3. Oktober 2009

Gene und Evolution – philosophisch betrachtet

Am 05.10. beginnt in Neckar­ge­münd im Prinz-Karl-Gebäu­de um 19.30 Uhr der neue phi­lo­so­phi­sche Kurs in der VHs.

Den Text zur ers­ten Sit­zung fin­den Sie hier.

3. September 2009

„Theologisches Seminar“ in der EFG Griesheim">Theologisches Seminar“ in der EFG Griesheim

Am Sams­tag und Sonn­tag lei­te ich ein „Theo­lo­gi­sches Semi­nar“ in der „Evan­ge­lisch-Frei­kirch­li­chen Gemein­de [Darmstadt-]Griesheim“.  Sie befin­det sich hier [im Unter­punkt „Kon­takt“ fin­det sich ein ent­spre­chen­der Stadt­plan]. Das Semi­nar beginnt am Sams­tag , dem 13. Novem­ber um 15.30 Uhr und endet mit dem Sonn­tags­got­tes­dienst um 17 Uhr, wozu die Teilnehmer/innen ein­ge­la­den sind.

Das Semi­nar han­delt von „Evan­ge­li­en und Rhe­to­rik in der Evan­ge­li­en­samm­lung der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on“ und führt in Grund­fra­gen der neue­ren Evan­ge­li­en­for­schung im Kon­text der gesam­ten christ­li­chen Bibel ein. Anhand eines Tex­tes, der „Hei­lung der Blut­flüs­si­gen“, wird unter­sucht, wie Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­de sol­cher Minia­tur­tex­te in den ers­ten drei Evan­ge­li­en zustan­de kom­men. Hier bie­tet die anti­ke Rhe­to­rik eine sehr hilf­rei­che Erklä­rung.

Blutflüssige

Bild: Insel Rei­chen­au im Boden­see, Stifts­kir­che St. Georg in Ober­zell (9./10. Jahr­hun­dert). „Auf­er­we­ckung der Toch­ter des Jai­rus und Hei­lung der blut­flüs­si­gen Frau“.  — Wand­ma­le­rei, 10. Jahr­hun­dert.

Das Semi­nar möch­te die Teilnehmer/innen dazu anre­gen, selbst­stän­dig nach reflek­tier­ten Glau­bens­mög­lich­kei­ten zu suchen. Daher wird eine Geschich­te als Bei­spiel gewählt, die nach den Regeln der anti­ken Rhe­to­rik einen „Mythos“ (μῦθος) dar­stellt – und schwer­lich bloß his­to­risch-real ver­stan­den wer­den kann. Zum Abschluss wird anhand der luka­ni­schen Vari­an­te, die den Kon­takt zur anti­ken medi­zi­ni­schen Tra­di­ti­on sucht, die psy­cho­so­ma­ti­sche Grund­fra­ge ange­deu­tet, wel­che sich in sol­chen reflek­tier­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen erge­ben könn­te.

30. August 2009

Der Ansatz von Thomas Fuchs

Auf­grund von Erfah­run­gen in Ver­an­stal­tun­gen über den phi­lo­so­phi­schen Ver­such von Tho­mas Fuchs, zu denen Reak­tio­nen von Leser/innen der bis­he­ri­gen Bei­trä­ge hier im Blog kom­men, möch­te ich eini­ge grund­sätz­li­che Bemer­kun­gen machen. Für mich selbst sind Fuchs’ leib­phä­no­me­no­lo­gi­sche Erwä­gun­gen anre­gend. Ich selbst bin kein phä­no­me­no­lo­gi­scher Phi­lo­soph, aber die Zei­ten von Schul­p­hi­lo­so­phi­en dürf­ten längst vor­bei sein. Was Phänomenolog/inn/en und Pragmatist/inn/en ver­bin­det, ist die Ein­sicht, dass eine phi­lo­so­phi­sche Anschau­ung nur dann für uns rele­vant sein kann, wenn sie unser all­täg­li­ches Erle­ben und Han­deln auf­zu­neh­men ver­mag. Die Phänomenolog/inn/en nei­gen gele­gent­lich zu sehr weit gespann­ten Anschau­un­gen, wie der auch von Tho­mas Fuchs posi­tiv rezi­pier­te Her­mann Schmitz:

Mir genügt nicht die iso­lie­ren­de Durch­mus­te­rung des eigen­leib­lich spür­ba­ren Gegen­stands­ge­biets; ich bin viel­mehr bestrebt, des­sen zen­tra­le Bedeu­tung im Mensch­sein und in der Lebens­er­fah­rung nach allen Sei­ten aus­zu­leuch­ten …

Was ich zu sagen habe, kann nur zur Gel­tung kom­men, wenn zähe, jahr­tau­sen­de­al­te Dog­men der klas­si­schen Erkennt­nis­theo­rie und Anthro­po­lo­gie mit den zuge­hö­ri­gen Schein­pro­ble­men aus­ge­rot­tet wer­den.“[1]

Schmitz zufol­ge wur­de die Bedeu­tung jenes „eigen­leib­li­chen Spü­rens“ und des­sen Gegen­stands­ge­biet seit gut 2.400 Jah­ren durch eine „Intel­lek­tual­kul­tur“ ver­deckt[2], die sich u. a. in Natur­wis­sen­schaft, Psy­cho­lo­gie, phy­si­scher Tech­nik und Sozi­al­tech­no­lo­gie nie­der­ge­schla­gen habe. Wer das etwas anders sieht – und dies ist bei mir der Fall – kann den­noch sehr inter­es­siert die leib­phä­no­me­no­lo­gi­schen Meta­phern zur Kennt­nis neh­men und sich von ihnen anre­gen las­sen. Vie­le Phänomenolog/inn/en sind der Über­zeu­gung, dass ihre phi­lo­so­phi­schen Über­zeu­gun­gen in mehr oder weni­ger schar­fen „Begrif­fen“ aus­ge­drückt wer­den. Das ist für Außenbeobachter/innen nicht sehr über­zeu­gend, aber auch für durch­aus von der phä­no­me­no­lo­gi­schen Phi­lo­so­phie stark beein­druck­te „Insi­der“ nicht[3]. Auch Fuchs’ stark durch Raum­me­ta­phern gepräg­te Spra­che erregt in Phi­lo­so­phie­kur­sen gele­gent­lich Erstau­nen und durch­aus auch Unver­ständ­nis.

Leib­lich­keit ist die grund­le­gen­de Wei­se des mensch­li­chen Erle­bens – inso­fern der Leib nicht als Kör­per­ding, son­dern als Zen­trum räum­li­chen Exis­tie­rens auf­ge­fasst wird, von dem gerich­te­te Fel­der von Wahr­neh­mung, Bewe­gung, Ver­hal­ten und Bezie­hung zur Mit­welt aus­ge­hen. Leib­lich­keit in die­sem umfas­sen­den Sinn tran­szen­diert den Leib und bezeich­net dann das in ihm ver­an­ker­te Ver­hält­nis von Per­son und Welt, bis hin zu ihren sozia­len und öko­lo­gi­schen Bezie­hun­gen.“[4]

Wer als Physiker/in das Wort „Fel­der“ jetzt in einem phy­si­ka­li­schen Kode rekon­stru­iert, bekommt mög­li­cher­wei­se beacht­li­che Rezep­ti­ons­pro­ble­me. Den­noch wird man selbst erle­ben kön­nen, dass Schmitz und Fuchs mit sol­chen Meta­phern auf etwas Rea­les Bezug neh­men, wel­ches wir „leib­lich“ spü­ren kön­nen. Für Fuchs sind jeden­falls räum­li­che Meta­phern, um unse­re Exis­tenz in der Welt zu beschrei­ben, grund­le­gend.

Josef Forster, ohne Titel, wohl nach 1916
Abb. 1 Josef Fors­ter, ohne Titel, wohl nach 1916

Wer­fen wir zum Schluss noch ein­mal einen Blick auf das Bild von Josef Fors­ter. Der Mann steht nicht auf sei­nen Füßen, sein Gesicht ist mas­kiert; er hat den Kon­takt zur Erde und zu ande­ren ver­lo­ren. Er geht auf Stel­zen, mit denen er ‚Gewicht‘ zu gewin­nen ver­sucht, was wir als eine kon­kre­tis­ti­sche Rede­wei­se anse­hen und so über­set­zen kön­nen: Er sucht den emp­fun­de­nen Ver­lust von Selbst­sein und Selbst­wert aus­zu­glei­chen. Wir kön­nen anneh­men, dass das Bild einem Kampf ums see­li­sche Über­le­ben in der Ver­lo­ren­heit einer Anstalt, in der Ein­sam­keit des psy­chi­schen Anders­seins abge­run­gen ist. Und doch schwingt auch ein Moment von Freu­de und Stolz in die­sem Bild mit, wenn es heißt, mit Hil­fe sei­ner Stel­zen kön­ne die­ser Mann ‚mit gro­ßer Geschwin­dig­keit durch die Luft gehen‘. So mag der schi­zo­phre­ne Künst­ler bei allem Lei­den in sei­nen eigen­welt­li­chen Bild­schöp­fun­gen auch eine Art von Freu­de gefun­den haben, die wir nur von fer­ne zu erah­nen ver­mö­gen.“ [5]

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