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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


3. April 2009

All­tags­phi­lo­so­phie 4

6 Erinnerung an den 30.03.2009

Als Thema für den nächsten Kurs wurde das Problem der Gene und die gegenwärtige Auseinandersetzung darum in der Biologie gewählt, wobei es um eine philosophische Betrachtung dieser Fragestellungen geht.

Inhaltlich standen die Positionen von Thomas Fuchs und Charles Peirce im Vordergrund. Die Teilnehmer/innen konzentrierten die Diskussion dabei überwiegend auf die Fragen der Folgen der Wissenschaften, Thema war nicht zuletzt die Kernspaltung und ihre waffentechnische, aber auch energiewirtschaftliche Umsetzung.

Während Fuchs aufgrund des insbesondere durch die Betrachtung des Menschen als Maschine erzeugten Eingriffswissens einiger „Lebenswissenschaften“ höchst besorgt um die Selbstverständlichkeit der Selbsterfahrung und des Lebensvollzuges ist, geht Peirce optimistischer mit diesen Fragen um. Dabei wurde deutlich, dass Peirce eine funktionierende kritische Demokratie als gesellschaftlichen Hintergrund des Wissenschaftssystems unterstellt, die im öffentlichen Diskurs darüber bestimmt, welche verändernden Eingriffe aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse durchgeführt werden und welche unterlassen werden sollen. In der Tendenz plädiert Peirce davor, nur prinzipiell umkehrbare Eingriffe zuzulassen, weil sowohl die Wissenschaftler/innen als auch die Bürger/innen sich irren können – bestimmte Schäden etwa nicht vorausgesehen wurden usf.

Fuchs und Peirce stimmen darin überein, dass die Reflexion innerhalb der verschiedenen Selbstvollzüge sozusagen verspätet auftritt. Beide vertreten kein Ideal einer vollständigen Transparenz des Menschen oder einer Gesellschaft für sich selbst, zumal es immer auch um zukünftige Entwicklungen von Selbst und Gesellschaft geht. Dann aber ist es notwendig, so Peirce, entsprechend anspruchsvolle Konzeptionen von Wissenschaft und Ethik zu entwickeln, um mit demjenigen Wirklichkeitszug umzugehen, dass Theorien die beschriebene Wirklichkeit selbst ändern können, wenn sie formuliert und angewendet werden. Er plädiert deshalb um sorgsamen Umgang mit theoretischen Modellen, die von einem Bereich in den anderen übertragen werden. Daher seine Kritik an Darwin, der ausweislich seiner Selbstaussage ein ökonomisches Modell als Hintergrund für die Konzeption seiner Evolutionstheorie verwendet hat. Diese Kritik hat eine Parallele in Fuchs‘ Kritik am Maschinenparadigma. Andererseits betont Peirce aber auch bei seinen drei Grundzügen, dass es einen wesentlichen Aspekt von Zwang, Widerstand und Anstrengung in unserer alltäglichen Selbsterfahrung gibt, der sich auch in der Weltwirklichkeit insgesamt zeige. Demgegenüber betont Fuchs vorwiegend emphatisch-positive lebensweltliche Züge, die dann kontradiktorisch gegen das Eingriffswissen der Lebenswissenschaften aufgebaut werden, weil diese die Selbstverständlichkeiten von Selbsterfahrung und Lebensvollzug zerstörten.

Das Element des Zwangs spielte auch in der Kerndebatte eine wichtige Rolle, weil es u. a. darum ging, warum die USA Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen haben. Hier stehen aus Peirce‘ Sicht möglicherweise die Elemente Empfindung und Regelmäßigkeit (Gewohnheit bzw. Gewohnheitsänderung) gegen das Element des Zwangs. In den Debatten wurde sicher das Element des Zwangs betont, das Kriegsende sollte möglichst schnell herbeigeführt werden. Übersehen wurde hierbei zumindest das Element der Regelmäßigkeit im Sinne der zukünftigen Folgen. M. E. aber spielt ebenso das Element der Empfindung eine wesentliche Rolle, weil es darum geht, auch die bösen Japaner als Menschen wahrzunehmen, die Menschenrechte besitzen.

Die Beispiele von Kernspaltung und Lebenswissenschaften zeigen, dass gerade bei einer funktionierenden Demokratie solche Entscheidungen davon abhängen, was die Menschen für ihr Leben selbst als wichtig erachten. Schwerlich geht es darum, wissenschaftliche Forschung einzuschränken. Mit Recht wurde betont, dass wohl damals die Mehrheit der Amerikanerinnen für die Bombardierung eingetreten sind. Folglich tragen sie auch die Verantwortung – wie heute für die anscheinend etwa eine Million Toten im Irak. Es gibt hier keine wirklich relevanten Entschuldigungsgründe, weil man eben unvorsichtig war, mithin auch für die – so sicher nicht gewollten – Entwicklungen dennoch verantwortlich ist.

7 Die Alltagssprache beachten! (Ludwig Wittgenstein) – Die Gewohnheiten achtsam bemerken und gegebenenfalls kreativ verändern (Karl-Heinz Brodbeck)

7.1 Ludwig Wittgenstein (1889-1951)

Wittgenstein stammt aus Österreich, hatte aber gute Kontakte nach England und war dort auch seit 1939 Professor für Philosophie in Cambridge.

Ludwig Wittgenstein, googlebildEr gehört zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts und ist der Begründer der sprachanalytischen Philosophie. Diese analysiert primär die Sprache und versucht alle Probleme zu eliminieren, die durch „sinnlosen“ Sprachgebrauch entstehen, so jedenfalls zu Beginn auch bei Wittgenstein selbst. Bei Wittgenstein gibt es zwei wesentliche Phasen:

In seiner frühen Phase glaubt er die traditionellen Probleme der Philosophie durch logische Analyse als irreführend erweisen zu können. Was sich nicht in einer logischen Form ausdrücken lässt, steht unter Sinnlosigkeitsverdacht (Tractatus-logico-philosophicus [1921]). Diese Position unterzieht Wittgenstein einer radikalen Selbstkritik. Denn die logische Analyse geht am gewöhnlichen Sprachgebrauch vorbei. Die philosophischen Probleme können nur angegangen werden, wenn der konkrete alltägliche Sprachgebrauch analysiert wird (Philosophische Untersuchungen [1936/1953]). Mit den Phänomenologen und Peirce teilt Wittgenstein schon von Beginn an die Auffassung, dass die Philosophie sich methodisch nicht auf Introspektion, also sozusagen auf einen Blick nach „innen“ verlegen dürfe, wie dies in den psychologisch inspirierten Philosophien der Fall gewesen war.

Um es mit einer ironischen Bemerkung von Wittgenstein zu William James zu sagen:

„413. Hier haben wir einen Fall von Introspektion; nicht unähnlich derjenigen, durch welche William James herausbrachte, das „Selbst“ bestehe hauptsächlich aus „peculiar motions in the head and between the head and throat“ [eigentümliche Bewegungen im Kopf und zwischen Kopf und Kehle]. Und was die Introspektion James‘ zeigte, war nicht die Bedeutung des Wortes „Selbst“ (sofern dies etwas ähnliches bedeutet, wie „Person“, „Mensch“, „er selbst“, „ich selbst“) noch eine Analyse eines solchen Wesens, sondern der Aufmerksamkeitszustand eines Philosophen, der sich das Wort „Selbst“ vorspricht und seine Bedeutung analysieren will. (Und daraus ließe sich vieles lernen.) (Philosophische Untersuchungen)“

Ob die Kritik Wittgensteins an James berechtigt ist, lassen wir hier offen. Aber seine eigene philosophische Methode unterstellt, dass man die Verwendungsregeln des Ausdrucks „Selbst“ und verwandter Ausdrücke untersuchen müsse, um theoretisch merkwürdige Unterstellungen wie diejenigen von James zu vermeiden, die auf den Aufmerksamkeitszustand von James zurückgingen, der sich das Wort „Selbst“ vorgesprochen und dann einen Blick nach innen zu den Bewegungen in Kopf und Kehle gewählt habe. Die philosophische Arbeit im Sinne Wittgensteins untersucht stattdessen, mit welchen Sprachgewohnheiten philosophische Probleme bearbeitet worden sind. Dabei ergibt sich:

„119. Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.“

Man rennt in der philosophischen Arbeit also gegen die Grenzen der Sprache an. Das ist schon noch das Problembewusstsein des Tractatus. Nur erlaubte die dort vertretene Sprachkonzeption überhaupt keinen sprachlichen Weg zu den wesentlichen Problemen der Philosophie. Es gibt Wittgenstein zufolge nur Schweigen und das mystische Sich-Zeigen. Nun gibt Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen einen Weg an, wie man zumindest den Irrwegen des Verstandes auf die Spur kommen kann, dem Grund der „Beulen“:

„116. Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen – ‚Wissen‘, ‚Sein‘, ‚Gegenstand‘, ‚Ich‘, ‚Satz‘, ‚Name‘ – und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muss man sich immer fragen: Wird denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? – Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück.“

Wittgenstein verwendet hier den positivistischen Metaphysikbegriff und bezeichnet damit etwas Überweltliches, jedenfalls jenseits der alltäglichen Erfahrung Liegendes, welche in den alltäglichen sprachlichen Verwendungen solcher Ausdrücke wie „ich“ gar nicht vorkomme. Dass es auch bei Wittgenstein tatsächlich um „Phänomenologie“ geht, sagt er selbst:

„654. Unser Fehler ist, dort nach einer Erklärung zu suchen, wo wir die Tatsachen als ‚Urphänomene‘ sehen sollten. D. h., wo wir sagen sollten: dieses Sprachspiel wird gespielt.“

Wittgenstein verwendet einen Ausdruck von Johann Wolfgang von Goethe, den dieser im Kontext seiner Untersuchungen zur Farbenlehre gebraucht hatte. Wir haben keinen direkten Zugang zu den Tatsachen, sondern wir „sehen“ sie als „Urphänomene“ bzw. wie Goethe sagt, „ursprüngliche Phänomene“, indem wir uns um das Sprachspiel kümmern, es beschreiben, anstatt es zu erklären. Also ein „Urphänomen“ wie die menschliche Person oder das Selbst wird man dann beleuchten können, wenn man die Verwendungen von „ich“ im Unterschied zu „wir“, „du“, „es“ untersucht. Es genügt also die Verwendungsregel von „ich“ anzugeben, um festzustellen, dass wir dieses Zeichen in der Regel als die eigene Bezugnahme auf uns als gerade Sprechenden verstehen und Sätze wie „Das Ich ist das Zentrum der Philosophie“ zwar nachvollziehen können, aber im Alltag eigentlich so nicht wiederfinden. In diesem Sinn stößt Wittgenstein zufolge die Beschreibung eines Sprachspiels auf die „Urphänomene“. Wir nehmen mit dem Ausdruck „ich“ in Kommunikationssituationen auf uns selbst im Unterschied zu anderen als Kommunizierende Bezug. Von einem „Ich“ ist in gewöhnlichen, alltäglichen Kommunikationssituationen eher nicht die Rede, es handelt sich um eine „Beule“, welche die Philosophie sich geholt hat, als sie Introspektion und angestrengte psychologische Innenschau betrieben hat.

Die Äußerung: „Ich gehe nach draußen“ ist entsprechend folgendermaßen zu analysieren:

Der Satz beziehungsweise die Äußerung wird vom Prädikat bestimmt, das hier „Gehen“ lautet. Das Prädikat „Gehen“ bezeichnet in diesem Verwendungstyp in dem Satz eine zweistellige Relation, die allgemein grammatisch formuliert so aussieht:

„Jemand (1) geht irgendwohin (2)“.

In diese allgemeine grammatische Struktur, die durch das Prädikat erzeugt wird, werden zwei indexikalische Zeichen eingesetzt: „ich“ (1) und „nach draußen“ (2), um den konkreten Satz zu bilden. Dieser Satz kann nicht formuliert werden: „Mein Ich geht nach draußen“, sondern ich gehe als der Mensch, der ich bin, nach draußen. An sich handelt es sich um eine ganz unproblematische Äußerung, sie beschreibt schlicht das, was wir nicht selten tun.

Die „Beulen“ von Konzeptionen wie „dem Ich“ oder merkwürdigen Vergegenständlichungen wie bei James werden Wittgenstein zufolge durch die Analyse der Alltagssprache vermieden.

Diese Analyse ermöglicht es tatsächlich jeder und jedem Alltagsphilosophie zu betreiben. Denn unsere Alltagssprache haben wir sozusagen immer dabei – und die Reflexion richtet sich kritisch auf die Verwendungen der Sprache. Beispielsweise kommen wir bei der Beachtung der Verwendungsregeln von „ich“ niemals auf die Idee, wir existierten völlig unabhängig von anderen Menschen, weil der Ausdruck „ich“ immer auf seine sprachlichen Nachbarn im Sprachsystem wie „du“, „er, sie, es“, „wir“, „ihr“ „sie“ verweist – und durch diese mitbestimmt ist, wie er selbst diese seinerseits mitbestimmt.

Hierzu kommen dann Sprechakte wie Bitten, Befehle, Wünsche usf., weitere grammatisch bestimmte Regeln der Sprache, die zeigen, dass wir schon in unserem „Innenleben“, wenn wir selbst innerlich sprechen und denken, keineswegs von den gewöhnlichen Regeln des Sprechens abgekoppelt sind. Natürlich können wir für uns eigentümliche Regeln entwerfen, die wir nur für uns selbst „innerlich“ verwenden – aber schon der Versuch, mit einem Lebenspartner mittels unserer eigenen Sprachregeln zu kommunizieren, wirft beachtliche Schwierigkeiten auf.

Unser Sprechen ist sehr häufig an typische und wiederkehrende Situationen gekoppelt, die Wittgenstein Lebensformen nennt, die Regeln, welche sozial und sprachlich in diesen gelten, versucht er mit der Spielmetapher zu beschreiben. Ein Schachspiel und „Mensch-ärgere-Dich nicht!“ sind sehr verschieden, doch werden sie beide durch Regeln bestimmt, was sie auf einer allgemeinen Ebene verbindet, man darf einen Springer nicht wie einen Läufer verwenden – und muss beim Würfeln einer Sechs, sofern man noch nicht alle Figuren im Spiel hat, eine Figur auf die eigene Startposition setzen usf.

Schaut man also alltagsphilosophisch die Regeln unserer Sprachspiele an, dann sieht man nach einiger Überlegung:

  • Unsere sprachlich ausgedrückte Wirklichkeitsauffassung scheint durch Beziehungen bestimmt zu sein, wie das Prädikat die Satzstruktur bestimmt.
  • Wir sind also Individuen von anderen unterschieden, aber auch in unserem Selbstbezug mittels „ich“ durch die Anderen („du“, „ihr“) mitbestimmt.
  • In unseren Sprachverwendungen sind wir immer schon auf andere bezogen, z.B. über die Sprechakte. Auch eigene Sprachbedeutungen und -regeln bewähren sich in der Kommunikation mit anderen eher nicht, außer diese lassen sich erläutern, was wir ausdrücken wollen, was aber schon wieder ein soziales Phänomen ist.

7.2 Karl-Heinz Brodbeck (*1948)

Karl-Heinz Brodbeck ist Professor für Karl-Heinz Brodbeck, googlebildWirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule Würzburg. Neben kritischen Arbeiten zur Wirtschaftswissenschaft[1] ist er durch Studien zur buddhistischen Philosophie[2] hervorgetreten. Jüngst hat er ein Opus magnum zum Thema des Geldes veröffentlicht.[3] Im Blog „Alltag und Philosophie“ sind zwei Beiträge zu seiner Buddhistischen Wirtschaftsethik erschienen (vgl. z. B. hier). Brodbeck gehört zu der recht kleinen Minderheit in den Wirtschaftswissenschaften, welche die Finanzmärkte zutreffend eingeschätzt haben und heute an sich bestätigt dastehen.

„Wenn in der Gegenwart viele Formen wirtschaftlichen Handelns im Sturm der Globalisierung massive Kritik hervorgerufen haben, die auch die Wirtschaftswissenschaften als Legitimationshilfe dieser Handlungen betrifft, dann zeigt sich unmittelbar, dass die These von der ‚Wertneutralität‘ der Ökonomie als Wissenschaft nicht haltbar ist. Hinzu kommt, dass die Ökonomie als empirische Wissenschaft, die tragfähige Prognosen liefern sollte, gescheitert ist.“[4]

Für eine alltagsphilosophische Betrachtung sind vor allem Brodbecks Rezeptionen der buddhistischen Philosophie ausschlaggebend. Zudem macht er mit Recht darauf aufmerksam, dass zum Alltag nicht nur die Alltagssprache gehöre, sondern auch die „Geldrechnung“[5]. Damit ist gemeint, dass wir im Alltag in unserer Gesellschaft sehr viele Sachverhalte durch Geldquantitäten ausdrücken. Eine Stunde VHs-Kurs „Alltagsphilosophie“ kostet Sie bis zu 4,50 €. Das ist hoffentlich nicht der einzige Aspekt des Kurses, der Sie bewegt – aber es wäre höchst unaufmerksam, diesen Aspekt nicht wahrzunehmen.

Aus der buddhistischen Perspektive führt Brodbeck sehr scharf einen Punkt ein, der in den bisher besprochenen Positionen von Fuchs, Peirce und Wittgenstein vielleicht am ehesten von Peirce berücksichtigt wird, allerdings nicht in der Färbung und Schärfe von Brodbeck.

Brodbecks Zugang zum Buddhismus ist philosophisch, wobei er mit Recht hervorhebt, dass im Buddhismus recht viele Konzepte ausgearbeitet worden sind, die man auch vor dem Hintergrund des Entstehens der Philosophie in Griechenland als „philosophisch“ bezeichnen kann. Entsprechend betont er bestimmte Punkte besonders:

  • die Rolle des Bewusstseins;
  • die Organisation des Erlebens und Handelns in Gewohnheiten;
  • den möglicherweise täuschenden und selbsttäuschenden Charakter solcher Gewohnheiten;
  • den möglichen erfolgreichen Versuch, bei Bewusstwerden solcher Gewohnheiten diese kreativ zu verändern.

In den bisher beschriebenen Positionen kommen je nach Gewichtung alle diese Punkte vor, wobei Brodbeck stärker den möglichen Selbsttäuschungscharakter von Gewohnheiten hervorhebt. Dabei kreist Brodbecks Denken um das Freiheitsproblem und in eins damit um das Kreativitätsproblem, welches auch für wirtschaftliches Handeln ausschlaggebend ist, aber für jedes menschliche Erleben und Handeln im Alltag von Belang ist.

Brodbeck versteht den buddhistischen Ansatz als praktische Philosophie. Dabei steht im Vordergrund, dass Brodbeck wohl mit Recht formuliert, der Buddhismus sei schon bei Buddha selbst praktizierte Erkenntnis. Der Buddha hatte formuliert, dass alles Leiden sei. Dadurch, dass man erkennt, in der Wirklichkeit sei alles Leiden bzw. Erleiden, wird also das Element der Rezeptivität oder Passivität betont. In dieser Betonung des Wirklichkeitsaspektes der Rezeptivität liegt sicher eine Eigentümlichkeit des Buddhismus begründet. Warum gibt sich Buddha nicht damit zufrieden, dass es stets auch Spontaneität gibt oder geben kann, wenn es Rezeptivität gibt – also ein Ausgleich oder ein Überwiegen eines der beiden Wirklichkeitselemente vorliegt?

„Der Grund ist eine Täuschung. Sie beruht auf einem Mangel an Wissen und führt zu einer falschen Wahrnehmung der Welt. Die Menschen existieren nicht zuerst als Menschen und unterliegen dann, wie nebenbei, auch noch so etwas wie einer Täuschung. Vielmehr ist dies, ein Lebewesen zu sein, selbst ein Prozess der Täuschung. Das klingt dunkel, und es ist auch sehr schwer, die volle Tragweite dieser Täuschung zu sehen – und deshalb gibt es nicht besonders viele Buddhas unter den Menschen. Dennoch ist der Grundgedanke relativ einfach verstehbar. Ein Mensch zu sein heißt, in einem grundlegenden Nichtwissen … gefangen zu sein. Weil dieses Nichtwissen jedoch beim Menschen den Charakter eines Irrtums besitzt, deshalb kann man ihn auch beseitigen.“ (Buddhistische Wirtschaftsethik, 23)

Die Menschen täuschen sich darüber, dass sie bestimmten Aspekten der Wirklichkeit einen dauernden Bestand zuschreiben, worauf dann beispielsweise beständiges Glück aufbauen könnte. Doch nichts in der Wirklichkeit ist derart unabhängig, sondern alles ist mit allem verbunden und wechselseitig voneinander abhängig. Daraus folgt: Nichts hat einen derartigen unabhängigen Bestand, dass man sich darauf verlassen könnte, alles ist relativ und dem Werden unterworfen, die Wirklichkeit ist ein Prozess. Daher bekämpft der Buddhismus vor allem unhaltbare Selbstfestlegungen wie die Scheinidee, der einzelne Mensch habe ein „Ich“ oder sei ein „Ego“. Das „Ich“ oder „Ego“ jedenfalls dient dann in bestimmten Auffassungen der Wirtschaft als entscheidende Instanz, um bestimmte weitergehende Auffassungen, wie Wirtschaft verlaufen muss, zu rechtfertigen. Dabei bestimmt Brodbeck folgende Aspekte, um die Verhärtungen im Alltag festzulegen:

  • Die Menschen sind an der Bestätigung ihrer Illusionen,
  • Gewohnheiten in der sinnlichen Wahrnehmung,
  • ihren Emotionen und Stimmungen, aktiven Festlegungen, wie eine Situation in ihren verschiedenen Aspekten wahrzunehmen bzw. zu interpretieren ist,
  • durch gewohnte Bewegungsmuster und
  • durch angewöhnte Denkprozesse orientiert, weshalb die „Weiterentwicklung“ angesichts der sich verändernden Umwelt in der Gesellschaft und bei den Individuen eher selten vorkommt – es gibt ja wenige Buddhas.

Aus dem Ensemble der etwa in der Rhetorik des Aristoteles im zweiten Buch breit analysierten Palette von Leidenschaften wählt die buddhistische Auffassung nun zwei als Sicherung der illusionären Ich-Zentrierung aus. Bin ich ein „Ich“, das vielleicht auch sich nicht ganz seiner selbst sicher sein kann, dann bilden sich bei mir vorwiegend zwei Leidenschaften aus:

  • die Begierde, in der ich meinerseits vieles an mich ziehen kann, mein Geld, meine Tasse, mein Bauch, my castle is my home – vice versa usf.;
  • die Aggression, in der ich Einschränkungen meines als bedroht anzusehenden „Ich“-Bereiches heftig verteidige.

Demgegenüber steht nun als buddhistische Erkenntnis, dass diese grundlegende Zentrierung leer ist, auch unsere Selbstwahrnehmung und Selbstfestlegung sind ein dynamischer Prozess, der sich ständig verändert bzw. verändert wird – also nichts, was sich unverändert erhält und insofern Bestand hätte. Hat man dies einmal eingesehen – was nach Brodbeck selten ist, es gibt ja nur wenige Buddhas – dann ist man offen für die ethische Neuorientierung aus buddhistischer Perspektive, dem universal ausgelegten Mitgefühl mit allem Seienden, also nicht nur mit den Menschen. Hierbei handelt es sich nicht einfach um eine kognitive Einsicht, sondern diese muss durch meditative Verfahren eingeübt werden. Buddhistisch geht man den „Edlen Achtgliedrigen Pfad“, um die entsprechenden Gewohnheiten achtsam zu entdecken und in der Meditation allmählich auch kreativ zu entdecken. Aber wer nicht unbedingt meditieren möchte, kann doch von Brodbeck lernen, dass es hilfreich ist, die eigenen Gewohnheiten im alltäglichen Erleben und Handeln zu beobachten, sie achtsam wahrzunehmen. Nimmt man sie entsprechend wahr, werden sie also bewusst, dann besteht bei entsprechender Übung auch die Möglichkeit diese Gewohnheiten zu verändern. Brodbeck teilt hier mit Peirce genau den wichtigen Aspekt in der Gewohnheit, dass es zu Entwicklungen nur dann kommen kann, wenn sich Gewohnheiten verändern.

Brodbecks buddhistische Variante der Alltagsphilosophie ist auf das Individuum konzentriert. Nur wenn sich die Gewohnheiten des Individuums ändern, besteht eine Chance, dass sich auch die Gewohnheiten in den gesellschaftlichen Prozessen verändern. Dabei ist wie bei Peirce deutlich gesehen, dass entsprechend alle Menschen philosophieren, eben in dieser besonderen Form. Nur von der Änderung vieler täuschender Lebensgewohnheiten profitiert die Gesellschaft insgesamt. Ob das gelingt? – hier scheint Brodbeck in gewisser Weise ähnlich skeptisch wie Fuchs.

Brodbecks Begrifflichkeit ist sicher auch ein Opfer der alltagsfremden Rede vom „Ich“ bzw. „Ego“ geworden, welche sich als philosophisches Scheinproblem erweist, wenn wir Wittgenstein folgen. Gleichwohl ist der Sachverhalt, auf den diese falsche philosophische Begrifflichkeit bei Brodbeck zu verweisen sucht, in unseren Gesellschaften verbreitet – und sie prägt gewohnheitsmäßig durchaus unser alltägliches Erleben und Handeln, sofern wir nicht achtsam darauf aufmerksam werden und kreative Veränderungen einleiten. Wir neigen wohl gewohnheitsmäßig eher dazu, unsere Interessen und Perspektiven auf den verschiedenen Ebenen, von der sinnlichen Wahrnehmung über die Emotionen bis zu unserem Denken und Handeln in den Vordergrund zu stellen – und den Zusammenhang mit den Interessen und Perspektiven aller anderen Menschen oder gar Lebewesen hintanzustellen.

8 Zusammenfassung

Zur Erinnerung an den 30.03. vgl. Sie bitte Abschnitt 6.

Wittgenstein durchläuft beide Aspekte von Abbildung 1. Zunächst gehört er eher zu den positivistischen Philosophen, die nur dasjenige als sprachlich sinnvoll gelten lassen, was sich in der logischen Analyse bewährt. Es handelt sich also in gewisser Weise im „Tractatus-logico-philosophicus“ um Wissenschaftsphilosophie. Mit den „Philosophischen Untersuchungen“ wendet sich Wittgenstein der philosophischen Analyse der Alltagssprache zu, ein alltagsphilosophischer Ansatz. Diese Analyse der Alltagssprache ermöglicht es, viele philosophische oder auch wissenschaftliche Scheinprobleme zu erfassen, etwa diejenige des angeblichen „Ichs“, wo wir doch im Alltag ganz anders den Ausdruck „ich“ verwenden.

Sprachen bestimmen sozial Lebensformen. Ihre Regeln beschreibt Wittgenstein mit der Spielmetapher. Bei der Analyse der Alltagssprache in diesem Sinne stoßen wir Wittgenstein zufolge auf „Urphänomene“.

Analysiert man alltagsphilosophisch die Regeln unserer Sprachspiele, dann ergibt sich:

  • Unsere sprachlich ausgedrückte Wirklichkeitsauffassung scheint durch Beziehungen bestimmt zu sein, wie das Prädikat die Satzstruktur bestimmt.
  • Wir sind als Individuen von anderen unterschieden, aber auch in unserem Selbstbezug mittels „ich“ durch die Anderen („du“, „ihr“) mitbestimmt.
  • In unseren Sprachverwendungen sind wir immer schon auf andere bezogen, z. B. über die Sprechakte. Sprache zeigt sich als soziales Phänomen – und wir sind darin einbezogen.

Brodbeck rechnet zum alltagsphilosophischen Bereich nicht nur die Analyse sprachlicher Gewohnheiten, sondern auch die inzwischen ganz unvermeidbare „Geldrechnung„. Buddhistisch führt er ein, dass unsere Gewohnheiten der sinnlichen Wahrnehmung, unserer Emotionen, unseres Denkens und Handelns Täuschungen sein können. Insbesondere täuschen wir uns über den vom Buddha unterstellten Sachverhalt, dass alles Leiden sei. Wir unterstellen daher häufig, dass eigentlich prozesshafte Sachverhalte fest und beständig seien. In unseren Gesellschaftsformen steht Brodbeck zufolge die „Ich“-Illusion im Vordergrund, die sich nicht zuletzt im Wirtschaftssystem besonders in den Vordergrund schiebt.

Aus diesen täuschenden Gewohnheiten kommt man heraus, sofern man sie achtsam wahrnimmt. Gewohnheiten können nur durch Übung überwunden werden, auf die Wahrnehmung folgt der meditative Versuch, diese Gewohnheiten zu überwinden. Dies ist ein kreativer Akt. Wie Peirce ist Brodbeck also an Gewohnheitsänderungen interessiert.

Für die Gesellschaft hält Brodbeck fest, dass sich die Gewohnheiten von gesellschaftlichen Prozessen nur ändern, wenn hinreichend viele handelnde Individuen ihre Lebensgewohnheiten ändern. Brodbecks alltagsphilosophischer Versuch ist daher stark am Individuum orientiert.


[1] Karl-Heinz Brodbeck, Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie, Darmstadt 2000.[2] Karl-Heinz Brodbeck, Buddhismus interkulturell gelesen, Nordhausen 2005 (Interkulturelle Bibliothek 2).[3] Karl-Heinz Brodbeck, Die Herrschaft des Geldes, Darmstadt 2009.[4] Karl-Heinz Brodbeck, Buddhistische Wirtschaftsethik, Aachen 2002, 1f.

[5] Vgl. Brodbeck (s. Anm. 3), 123ff zu Jürgen Habermas.

29. März 2009

Kari­ka­tur von @StilleMaus, einspruch.org

4. Januar 2009

II">Bau­stei­ne einer bud­dhis­ti­schen Wirt­schafts­ethik – Karl-Heinz Brod­beck II

Der Ansatz der bud­dhis­ti­schen Wirt­schafts­ethik im Sin­ne Brod­becks ist pri­mär kri­tisch. Das passt auch zur gegen­wär­ti­gen Kri­se des Kapi­ta­lis­mus, die als Kri­se der Finanz­märk­te begann und in eine Welt­wirt­schafts­kri­se mün­det, deren Dau­er im Moment noch schwer ein­zu­schät­zen ist. Jeden­falls passt dies zum The­ma der All­tags­phi­lo­so­phie, denn für die meis­ten Men­schen wird die­se Wirt­schafts­kri­se in der einen oder ande­ren Wei­se erfahr­bar wer­den.
Wie kommt es zu einer der­ar­ti­gen Kri­se? U. a. auf die­se Fra­ge gibt die bud­dhis­ti­sche Wirt­schafts­ethik eine Ant­wort, die mit der

  • Auf­fas­sung des Gel­des als Schein

zusam­men­hängt. Brod­beck unter­sucht aber noch tie­fer gehend das

  • öko­no­mi­sche Men­schen­bild des soge­nann­ten homo oeco­no­mi­cus;
  • Geld­gier und Wett­be­werb;
  • Öko­no­mie und öko­lo­gi­scher Natur­be­griff und
  • die Illu­si­on der Dua­li­tä­ten (gemeint sind kon­tra­dik­to­ri­sche Gegen­sät­ze).

Grund­le­gend für die Fehl­ori­en­tie­rung des gewöhn­li­chen Wirt­schafts­ge­sche­hens mit sei­nem Schein und sei­nen Kri­sen soll nach Brod­beck jener täu­schen­de Ego­pro­zess sein, der schon im ers­ten Bei­trag (25.12.2008) beschrie­ben wur­de. Posi­tiv besteht die bud­dhis­ti­sche Ethik daher ins­be­son­de­re in der metho­di­schen Ent-täu­schung die­ses Pro­zes­ses und der Aus­bil­dung des ent­spre­chen­den Mit­ge­fühls. Was die­ses kon­kret bedeu­tet, wird etwas näher aus­ge­führt.
Wir befas­sen uns etwas stär­ker mit den Ent­täu­schun­gen und skiz­zie­ren dann die kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen des Mit­ge­fühls.
Brod­beck zufol­ge liegt das Modell des homo oeconomicus – googlebild homo oeco­no­mi­cus sowohl den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten als auch wei­ten Tei­len der wirt­schaft­li­chen All­tags­pra­xis bzw. den Lebens­ge­wohn­hei­ten vie­ler Men­schen zugrun­de. Dar­un­ter wird ein Mensch ver­stan­den, der an sei­nen eige­nen Inter­es­sen ori­en­tiert ist, sei­nen eige­nen Nut­zen maxi­mie­ren möch­te, ent­spre­chend instru­men­tell-ratio­nal han­delt und vor allem auf Anrei­ze sowie Ein­schrän­kun­gen reagiert. Nach eini­gen Model­len soll der homo oeco­no­mi­cus sogar über voll­stän­di­ge Infor­ma­tio­nen ver­fü­gen, ein unem­pi­ri­scher, aber auch wis­sen­schafts­phi­lo­so­phisch reflek­tiert ein komi­scher Witz, der das Modell für den­ken­de Men­schen, die kei­ne Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler sind, immer schon stark ver­däch­tig gemacht hat. Denn über voll­stän­di­ge Infor­ma­tio­nen bei eini­ger­ma­ßen gro­ßen „Märk­ten“ kann nie­mand ver­fü­gen, tat­säch­lich wählt man bei­spiels­wei­se Ange­bo­te häu­fig sehr prag­ma­tisch aus – man­che suchen natür­lich tage­lang nach dem bil­ligs­ten Ange­bot, aber bei Wei­tem nicht alle.
Brod­beck inter­es­sie­ren nicht nur die­se auf der Hand lie­gen­den Schwä­chen des Modells. Er sieht hier­in die wis­sen­schaft­li­che Ver­ge­gen­ständ­li­chung des Ego-Pro­zes­ses, so kann er zei­gen, dass vie­len wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Posi­tio­nen tat­säch­lich eine ego­is­ti­sche Anthro­po­lo­gie zugrun­de liegt.

Logisch for­mu­liert:
Wenn etwas ein Mensch ist, dann ist sein Erle­ben und Han­deln ego­is­tisch moti­viert.

Es han­delt sich um eine All­aus­sa­ge, die man nur dadurch empi­risch bestä­ti­gen kann, indem man alle ein­zel­nen Fäl­le des Aus­drucks „Mensch“ dar­auf­hin unter­sucht, ob dies der Fall ist – oder nicht. Mit Recht sieht Brod­beck daher, dass es sich hier gar nicht um eine ernst­haf­te wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­ge han­delt, son­dern um eine meta­phy­si­sche Unter­stel­lung. Meta­phy­si­sche Unter­stel­lun­gen müs­sen nicht not­wen­dig falsch sein, sie ste­hen aber stets unter dem Vor­be­halt ihrer induk­ti­ven Über­prü­fung, mit­hin müs­sen alle Exem­pla­re, auf die der Aus­druck „Mensch“ sich bezieht – etwa seit der Stein­zeit bis in unse­re Gegen­wart in allen Kul­tu­ren unter­sucht wer­den. Wie Brod­beck rich­tig sieht, ist durch bud­dhis­ti­sche Prak­ti­ken, aber bei­spiels­wei­se auch christ­li­che Prak­ti­ken oder nicht­re­li­gi­ös moti­vier­te Prak­ti­ken die Gel­tung der meta­phy­si­schen All­aus­sa­ge längst wider­legt.

Es gibt Men­schen, die offen­bar nicht-ego­is­tisch han­deln.

Eine All­aus­sa­ge ist dann als All­aus­sa­ge fal­si­fi­ziert, wenn es zumin­dest ein Gegen­bei­spiel gibt. Folg­lich kann die Homo oeco­no­mi­cus-The­se nur wis­sen­schaft­lich ange­mes­sen als Exis­tenz­aus­sa­ge for­mu­liert wer­den:

Es gibt Men­schen, deren Erle­ben und Han­deln ego­is­tisch moti­viert ist.

Die­ser lack of plau­si­bi­li­ty ist den Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lern kaum ver­bor­gen geblie­ben, daher ver­su­chen sie ihre The­se durch Ein­sich­ten aus ande­ren Wis­sen­schaf­ten zu stüt­zen, dem Beha­vio­ris­mus, der kogni­ti­ven Psy­cho­lo­gie – und natür­lich der Gene­tik. Der Beha­vio­ris­mus ist im 20. Jahr­hun­dert schon an sich wider­legt wor­den, die kogni­ti­ve Psy­cho­lo­gie scheint mit gewis­sen Über­ver­ein­fa­chun­gen zu arbei­ten, aber natür­lich die Gene, da scheint ein Aus­weg zu sein, sind die­se Gene nicht sel­fish genes (Daw­kins)? Die wis­sen­schaft­li­che und phi­lo­so­phi­sche Kri­tik der Gen­hys­te­rie ist im Übri­gen gut vor­an­ge­schrit­ten, z. B. Eve­lyn Fox Kel­ler, The Cen­tu­ry of the Gene, Har­vard 2000; Uex­küll u. a., Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin, Mün­chen u. a. 1996, 59ff. Auch dabei geht es weni­ger um Wis­sen­schaft, son­dern eher um schnel­le öko­no­mi­sche Erfol­ge.

„Es ist das Ver­hal­ten der Zel­le, wel­ches letzt­lich das Bin­de­glied zwi­schen Genen, Mus­tern und Form bil­det. Der onto­ge­ne­ti­sche Pro­zess hat kei­ne zen­tra­le Füh­rung, viel­mehr eine Anzahl von klei­nen, sich selbst len­ken­den Zell­re­gio­nen. Das Genom des Viel­zel­lers braucht nicht und kann nicht wirk­lich jedes kleins­te Detail der Ent­wick­lung spe­zi­fi­zie­ren.“ (Uex­küll u. a., 60)

Wenn es sich so ver­hal­ten soll­te, sind die Sachen sehr schwie­rig gewor­den, denn dann fin­den auto­po­ie­ti­sche Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­pro­zes­se statt, die eine gewis­se Unvor­her­sag­bar­keit auf­wei­sen. Schon in der Zel­le fin­den wir mit­hin mög­li­cher­wei­se das Frei­heits­pro­blem oder eine Vor­stu­fe dazu. Kurz zusam­men­ge­fasst: Das Homo oeco­no­mi­cus-Modell hat Schwä­chen, die dafür spre­chen, dass wir bestimm­te Kon­zep­tio­nen der Sitt­lich­keit, die jeden­falls auch stär­ker nicht­e­go­is­ti­sche Hand­lungs­wei­sen bevor­zu­gen, nicht als illu­sio­när abtun kön­nen. Brod­beck beschreibt gut die wech­sel­sei­ti­gen Selbst­ver­stär­kun­gen von Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten und wirt­schaft­lich ego­is­ti­schen Ver­hal­tens­wei­sen, aller­dings dürf­te durch die selbst­er­zeug­te Wirt­schafts­kri­se auf­grund der Ein­hal­tung des ego­is­ti­schen Maxi­mie­rungs­prin­zips viel­leicht brei­te­re Besin­nung ein­keh­ren.

Inter­es­sant fin­de ich die Auf­nah­me bestimm­ter heu­te als absei­tig bewer­te­ter The­men wie der Zins­kri­tik, die phi­lo­so­phisch von Aris­to­te­les googlebild Aristoteles vor­ge­tra­gen wur­de, im Juden­tum, Chris­ten­tum und Islam in den ent­spre­chen­den Schrif­ten aus­ge­spro­chen wird und nach der Domi­nanz des Kapi­ta­lis­mus nur von Außen­sei­tern wie Silvio Gesell – googlebild Sil­vio Gesell nach­hal­tig for­mu­liert wur­de, wirt­schafts­wis­sen­schaft­lich im Wesent­li­chen rezi­piert und reflek­tiert bei John May­nard Keynes, All­ge­mei­ne Theo­rie der Beschäf­ti­gung, des Zin­ses und des Gel­des, 1936 u. ö., 298ff. Brod­beck zufol­ge las­sen sich bestimm­te Anord­nun­gen des Bud­dha an die Mön­che, kein Geld anzu­neh­men, so ver­ste­hen.
Aris­to­te­les hat im Grun­de schon die rich­ti­ge Ana­ly­se gelie­fert. Der Zins­me­cha­nis­mus wider­spricht im Kern der Funk­ti­on des Gel­des als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um des Wirt­schafts­sys­tems, es ist eine sozia­le Funk­ti­on, die nicht pri­vat domi­niert wer­den darf. Ob man dem Zins­sys­tem wirk­lich ent­kom­men kann, ist umstrit­ten, Keynes bei­spiels­wei­se war skep­tisch, weil die Vor­lie­be der Men­schen für die eige­ne Liqui­di­tät stets neue Metho­den erfin­den wer­de, um die­se abzu­si­chern, damit aber dem Wirt­schafts­kreis­lauf Liqui­di­tät zu ent­zie­hen. Auch hier dürf­te nach den Ereig­nis­sen des letz­ten Jah­res noch nicht das letz­te Wort gespro­chen sein. Dass der Zins­me­cha­nis­mus Schein­wel­ten auf­baut, kann sozu­sa­gen nicht mehr bezwei­felt wer­den.
Eben­so steht es mit Wett­be­werb und der Öko­lo­gie.
Letz­te­re wur­de öko­no­misch sehr lan­ge über­se­hen, obgleich schon am Ende des 19. Jahr­hun­derts klar war, dass es öko­no­mi­sche Rück­kopp­lun­gen der natür­li­chen Umwelt des Wirt­schafts­sys­tems gebe oder zukünf­tig geben wer­de (zur Geschich­te der Miss­ach­tung des Pro­blems vgl. Tim Flan­ne­ry, Wir Wet­ter­ma­cher, 2006, dort z. B. zum Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gen Wal­lace u. a., 41ff.). Hier liegt ein gewal­ti­ges Ver­sa­gen sowohl der libe­ra­len als auch der mar­xis­ti­schen Öko­no­men vor. Das Sys­tem scheint ange­sichts des Treib­haus­ef­fekts an die Wand zu fah­ren.
Ers­te­rer ist nicht not­wen­dig effi­zi­en­ter als Pla­nung, wie Brod­beck u. a. in der Nach­fol­ge von Schum­pe­ter fest­hält. Aller­dings hält er sowohl die ordo­li­be­ra­le als auch die sozia­lis­ti­sche Idee der Bän­di­gung des Wirt­schafts­ge­sche­hens durch Regel­set­zung oder staat­li­che Auf­sicht für illu­sio­när, ins­be­son­de­re die Glo­ba­li­sie­rung habe die Staa­ten eher zu Die­nern der Wirt­schafts­in­ter­es­sen und Skla­ven der Geld­gier gemacht.

„In der bud­dhis­ti­schen Ana­ly­se ist der Grund für das Schei­tern der Bemü­hun­gen zur ethi­schen Züge­lung des Mark­tes oder sei­ne weit­ge­hen­de Abschaf­fung durch staat­li­che Len­kung eine fal­sche Wahr­neh­mung wirt­schaft­li­chen Han­delns. Hier zeigt sich eine ver­gleich­ba­re Struk­tur, die wir schon bei den Prä­fe­ren­zen und der indi­vi­du­el­len Moti­va­ti­on erken­nen konn­ten: Die Markt­pro­zes­se sind nicht mecha­ni­sche Pro­zes­se wie die Natur­pro­zes­se, die man in der Tech­nik nutz­brin­gend anwen­den kann. Markt­pro­zes­se beru­hen auf Hand­lun­gen, aber wer­den gelenkt durch Moti­ve und sind ein­ge­bet­tet in kogni­ti­ve Pro­zes­se. In der ‚Wirk­lich­keit‘ der Wirt­schaft als Resul­tat die­ser Hand­lun­gen ist also mit die­sen kogni­ti­ven Pro­zes­sen und den zugrun­de lie­gen­den Moti­ven eine Ethik impli­zit , die von kei­ner äuße­ren Regel dau­er­haft begrenzt wer­den kann. Insti­tu­tio­nel­le Rege­lun­gen sind, das ergibt sich aus die­ser Ana­ly­se, erst dann dau­er­haft wirk­sam, wenn die Moti­ve han­deln­der Men­schen in der Erkennt­nis ihrer gegen­sei­ti­gen Abhän­gig­keit grün­den.“ (66f)

M. E. soll­te nicht ein­fach vor­aus­ge­setzt wer­den, dass die mecha­ni­sche Natur­in­ter­pre­ta­ti­on hin­rei­chend zutref­fend ist, ich gehe dar­auf im fünf­ten Bei­trag noch ein­mal kri­tisch ein, das eben erwähn­te Auto­po­ie­sis­kon­zept im Kon­text von Genen und Zel­le spricht eher nicht dafür. Brod­beck hat aber dar­in unzwei­fel­haft recht, dass in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten klas­sisch sowohl libe­ral als auch mar­xis­tisch fak­tisch die New­ton­sche Phy­sik mit Gleich­ge­wichts­un­ter­stel­lun­gen auf wirt­schaft­li­che Pro­zes­se, die sozia­le Pro­zes­se sind, über­tra­gen wor­den ist. Dies ist mit einem stren­gen Frei­heits­ver­ständ­nis nicht ver­ein­bar. Gibt es aber Frei­heit, dann kommt es auf die Selbst­be­stim­mung zur Koope­ra­ti­on an. Adam Smith hat­te dies auf sei­ne Wei­se gese­hen und fak­tisch einen mecha­nis­ti­schen Zusam­men­hang kon­stru­iert, der dies garan­tie­re, was er in der meta­phy­si­schen Meta­pher der invi­si­ble hand ver­dich­tet hat­te. Die Ein­füh­rung des Hand­lungs­kon­zep­tes durch Brod­beck setzt aber vor­aus, dass ich bei iden­ti­schen Umstän­den der Hand­lung auch immer hät­te anders han­deln kön­nen. Wie man leicht sehen kann, reagie­ren Wer­bung u. ä. genau auf die­ses Pro­blem, weil sie mich dazu brin­gen wol­len, so und nicht anders zu han­deln. Trifft dies zu, sind mecha­nis­ti­sche Model­le für die Beschrei­bung gesell­schaft­li­cher und ins­be­son­de­re wirt­schaft­li­cher Pro­zes­se unbrauch­bar, dar­aus folgt nach Brod­beck auch das Vor­aus­sa­ge­ver­sa­gen der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, wel­ches wir im letz­ten Jahr wie­der beson­ders stau­nend zur Kennt­nis neh­men muss­ten.
Lässt sich die Hand­lungs­the­se auf­recht­erhal­ten, dann hat die bud­dhis­ti­sche Wirt­schafts­ethik einen Anknüp­fungs­punkt gefun­den, um sozu­sa­gen im Sys­tem wirk­sam zu sein. Erkennt man die Selbst­täu­schun­gen des Ego-Pro­zes­ses und besei­tigt sie all­mäh­lich im Beschrei­ten des Edlen Acht­glied­ri­gen Pfa­des, dann wird man zum Mit­ge­fühl befreit – man kann aber wohl auch sagen, über­haupt erst zum frei­en Men­schen, die oder der sich aus den selbst­er­zeug­ten mecha­nis­ti­schen Denk- und Ver­hal­tens­ge­wohn­hei­ten lösen kann.
Brod­beck inter­pre­tiert das Mit­ge­fühl als Altru­is­mus – eine Pro­ble­ma­tik, die ich im fünf­ten Bei­trag noch ein­mal kri­tisch reflek­tie­re. Was aber an einer sol­chen Argu­men­ta­ti­on auf jeden Fall posi­tiv ist: Die Men­schen­rech­te oder die Beach­tung der Men­schen­wür­de wer­den in das Wirt­schafts­sys­tem imple­men­tiert – was nach Marx ja gera­de der Man­gel des Kapi­ta­lis­mus ist. Gele­gent­lich erwähnt Brod­beck im Anschluss an klei­ne­re Bemer­kun­gen des Dalai Lama auch den Bezug von bud­dhis­ti­scher und Marx­scher Auf­fas­sung. Vie­le Mar­ke­ting­stra­te­gi­en und der eher zweck­ra­tio­na­le Umgang von Beschäf­tig­ten und Unter­neh­mern mit­ein­an­der sind dann unan­ge­mes­sen. Die Betrach­tung der Natur bzw. der natür­li­chen Umwelt als blo­ßer Res­sour­ce schei­det aus.
Nur über die Ände­rung der eige­nen Moti­va­ti­on also wer­den sys­te­mi­sche Zusam­men­hän­ge anders bzw. kön­nen anders wer­den. Daher plä­diert die bud­dhis­ti­sche Wirt­schafts­ethik nicht für die eine oder ande­re Wirt­schafts­ord­nung, son­dern unter­sucht nüch­tern, was dem Mit­ge­fühl ent­spricht oder ihm wider­spricht. Sie ist daher in her­vor­ra­gen­der Wei­se eine Ethik der indi­vi­du­el­len Frei­heit, die ent­spre­chen­de sozia­le Zusam­men­hän­ge prin­zi­pi­ell erzeu­gen kann, aber nie ohne Mit­tun der ande­ren Men­schen, die den glei­chen Pro­zess des Auf­bre­chens fal­scher Denk- und Ver­hal­tens­ge­wohn­hei­ten durch­lau­fen haben müs­sen. Alter­na­tiv­lo­sig­keit und Sach­zwän­ge kennt die bud­dhis­ti­sche Wirt­schafts­ethik nicht, zumin­dest dies dürf­te allen zu den­ken geben.

25. Dezember 2008

Karl-Heinz Brod­becks “bud­dhis­ti­sche Wirt­schafts­ethik”

Die Buddhistische Wirtschaftsethik von Karl-Heinz Brodbeck (Aachen 2002) wird hier ausführlich in fünf Beiträgen besprochen, um die genaue Argumentation und das inhaltliche Profil dieses interessanten und aufschlussreichen Ansatzes zu erfassen. Brodbeck – buddhistische Wirtschaftsethik, Homepagebild Brodbeck betreibt eine instruktive Homepage, auf der eine Reihe von Texten geladen werden können.
Brodbeck lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule Würzburg. In das hier besprochene Thema führt gut ein Vortrag ein, der im MP3-Format gehört werden kann. Brodbeck hat auch Philosophie studiert und besitzt sehr gute philosophische Kenntnisse. Das macht die Lektüre seiner Texte vielleicht auch für diejenigen spannend, die von Wirtschaftswissenschaftlern nicht sehr viel Erhellendes zu erwarten pflegen. Unter seinen Fachkolleg/inn/en stellt er eine der wirklich interessanten Ausnahmen dar, so gibt er zu, dass die Ökonomie als empirische Wissenschaft, welche ja Prognosen mit einigermaßen verlässlichen Charakter aufstellen können soll, gescheitert sei, wie es im Zitat der letzten Dezemberwoche heißt.
Philosophisch ist auch Brodbecks Zugang zum Buddhismus, wobei er mit Recht hervorhebt, dass im Buddhismus recht viele Konzepte ausgearbeitet worden sind, die man auch vor dem Hintergrund des Entstehens der Philosophie in Griechenland als „philosophisch“ bezeichnen kann. Wer einen gewissen Überblick über philosophische Positionen besitzt, wird bei Brodbeck nicht überrascht sein, dass hier bestimmte Pointen hervorgehoben werden:

  • die Rolle des Bewusstseins;
  • die Organisation des Erlebens und Handelns in Gewohnheiten;
  • den möglicherweise täuschenden und selbsttäuschenden Charakter solcher Gewohnheiten;
  • den möglichen erfolgreichen Versuch, bei Bewusstwerden solcher Gewohnheiten diese kreativ zu verändern.

Insofern kreist Brodbecks Denken um das Freiheitsproblem und in eins damit um das Kreativitätsproblem, welches auch für wirtschaftliches Handeln ausschlaggebend ist. Ob man in Brodbecks Buch einen religiös oder religionswissenschaftlich zutreffenden Eindruck buddhistischer Positionen oder Verhaltensweisen erhält, ist eher fraglich. Das ist aber auch nicht der Punkt des Buches. Es geht um eine philosophisch produktive Rekonstruktion bestimmter buddhistischer Unterstellungen, die auch gesprächsfähig für andere philosophische Positionen sind.
Die „buddhistische Wirtschaftsethik“ umfasst gut 160 Seiten Text, sodass wir in jedem Beitrag jeweils etwa 40 Seiten besprechen, der fünfte Beitrag wird eine kritische Würdigung enthalten, inwiefern eine alltagsphilosophische Position von Brodbeck etwas lernen kann.

Der buddhistische philosophische Ansatz und buddhistische Ethik

Brodbeck versteht den buddhistischen Ansatz als praktische Philosophie. Dabei steht im Vordergrund, dass Brodbeck wohl mit Recht formuliert, der Buddhismus sei schon bei Buddha selbst praktizierte Erkenntnis. Dadurch, dass man erkennt, in der Wirklichkeit sei alles Leiden bzw. Erleiden, wird also das Element der Rezeptivität oder Passivität betont. In dieser Betonung des Wirklichkeitsaspektes der Rezeptivität liegt sicher eine Eigentümlichkeit des Buddhismus begründet.

Warum gibt sich Buddha nicht damit zufrieden, dass es stets auch Spontaneität gibt oder geben kann, wenn es Rezeptivität gibt – also ein Ausgleich oder ein Überwiegen eines der beiden Wirklichkeitselemente vorliegt?

„Der Grund ist eine Täuschung. Sie beruht auf einem Mangel an Wissen und führt zu einer falschen Wahrnehmung der Welt. Die Menschen existieren nicht zuerst als Menschen und unterliegen dann, wie nebenbei, auch noch so etwas wie einer Täuschung. Vielmehr ist dies, ein Lebewesen zu sein, selbst ein Prozess der Täuschung. Das klingt dunkel, und es ist auch sehr schwer, die volle Tragweite dieser Täuschung zu sehen – und deshalb gibt es nicht besonders viele Buddhas unter den Menschen. Dennoch ist der Grundgedanke relativ einfach verstehbar. Ein Mensch zu sein heißt, in einem grundlegenden Nichtwissen… gefangen zu sein. Weil dieses Nichtwissen jedoch beim Menschen den Charakter eines Irrtums besitzt, deshalb kann man ihn auch beseitigen.“ (23)

Die Menschen täuschen sich darüber, dass sie bestimmten Aspekten der Wirklichkeit einen dauernden Bestand zuschreiben, worauf dann beispielsweise beständiges Glück aufbauen könnte. Doch nichts in der Wirklichkeit ist derart unabhängig, sondern alles ist mit allem verbunden und wechselseitig voneinander abhängig. Daraus folgt: Nichts hat einen derartigen unabhängigen Bestand, dass man sich darauf verlassen könnte, alles ist relativ und dem Werden unterworfen, die Wirklichkeit ist ein Prozess.
Man könnte nur nachvollziehbar glücklich sein, wenn diese grundlegende Prozessualität und Relationalität der Wirklichkeit nicht bestünde – aber so verhält es sich nicht. Daher bekämpft der Buddhismus vor allem unhaltbare Selbstfestlegungen wie die Scheinidee, der einzelne Mensch habe ein „Ich“ oder sei ein „Ego“, die sich neuerdings auch empirisch-wissenschaftlich in der philosophisch ganz irreführenden Gehirnforschung erneut manifestiert. Jetzt ist das philosophisch ohnehin unhaltbare „Ich“ ins Gehirn gerutscht… Das „Ich“ oder „Ego“ jedenfalls dient dann in bestimmten Auffassungen der Wirtschaft als entscheidende Instanz, um bestimmte weitergehende Auffassungen, wie Wirtschaft verlaufen muss, zu rechtfertigen. Natürlich wird das auch evolutionsbiologisch durch Thesen wie diejenige von Dawkins über das angebliche selfish gene gestützt, welche die allgemeine Theorie des Selbsterhaltungstriebs weiter fortführt:

„Der Widerspruch zwischen dem Bestreben, sich zu erhalten, und einer sich wandelnden Umwelt ist der Grund für den Prozess der Evolution des Lebendigen.“ (24)

Das ist eine interessante These, der Selbsterhaltungstrieb ist als conatus spätestens seit Spinozas Ethik zugestanden. Spinoza googlebildGekoppelt ist er hier mit der seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts schwer abweisbar gewordenen These, dass sich zumindest Leben nur in Auseinandersetzung mit und Anpassung an seine Umwelt erhält. Brodbecks Fassung des Problems ist natürlich schon systemtheorisch-wirtschaftstheoretisch etwa durch das St. Galler-Management-Modell festgestellt:

„Die hohe Umweltdynamik, an deren Erzeugung menschliche Neugierde und Kreativität im Allgemeinen und innovative Unternehmungen im Besonderen maßgeblich beteiligt sind, bringt für jede Unternehmung das Erfordernis einer kontinuierlichen Weiterentwicklung mit sich.“
Johannes Rüegg-Sturm, Das neue St. Galler Management-Modell, 2003, 23.

Brodbecks buddhistisch inspirierter Analyseperspektive zufolge ist das St. Galler-Modell vielleicht richtig, aber nicht empirisch verbreitet. Denn die Menschen sind an der Bestätigung ihrer Illusionen, Gewohnheiten in der sinnlichen Wahrnehmung, ihren Emotionen und Stimmungen, aktiven Festlegungen, wie eine Situation in ihren verschiedenen Aspekten wahrzunehmen bzw. zu interpretieren ist, durch gewohnte Bewegungsmuster und durch angewöhnte Denkprozesse orientiert, weshalb die „Weiterentwicklung“ angesichts der sich verändernden Umwelt in der Gesellschaft und bei den Individuen eher selten vorkommt, es gibt ja wenige Buddhas.
Aus dem Ensemble der etwa in der Rhetorik des Aristoteles im zweiten Buch breit analysierten Palette von Leidenschaften wählt die buddhistische Auffassungen nun zwei als Sicherung der illusionären Ich-Zentrierung aus. Bin ich ein Ich, das vielleicht auch sich nicht ganz seiner selbst sicher sein kann, dann bilden sich bei mir vorwiegend zwei Leidenschaften aus:

  • die Begierde, in der ich meinerseits vieles an mich ziehen kann, mein Geld, meine Tasse, mein Bauch, my castle is my home – vice versa usf.;
  • die Aggression, in der ich Einschränkungen meines als bedroht anzusehenden Ich-Bereiches heftig verteidige.

Demgegenüber steht nun als buddhistische Erkenntnis, dass diese grundlegende Zentrierung leer ist, auch unsere Selbstwahrnehmung und Selbstfestlegung ist ein dynamischer Prozess, der sich ständig verändert bzw. verändert wird – also nichts, was sich unverändert erhält und insofern Bestand hätte. Hat man dies einmal eingesehen – was nach Brodbeck selten ist, es gibt ja nur wenige Buddhas – dann ist man offen für die ethische Neuorientierung aus buddhistischer Perspektive, dem universal ausgelegten Mitgefühl mit allem Seienden, also nicht nur mit den Menschen.
Buddha googlebild
Diese Einsicht und die Wende zum Mitgefühl ist aber ein längerer Prozess, der geübt werden muss, es ist der Weg der Achtsamkeit auf dem von Buddha stammenden Edlen Achtfachen Pfad. Dieser ist der meditativ-praktische Pfad achtsamer Lebensführung. Er umfasst drei Stufen, die sich in acht Unterabschnitte einteilen und methodisch unterscheiden lassen:

edlerachtgliedrigerpfad.jpg

Grafik 1: Brodbeck, 37
Prajna steht für den Erkenntnisprozess, wird er achtsam (rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung) ausgeübt, ergibt sich Sila als Moral im Sinne rechter Rede, rechten Tuns und rechten Lebensunterhaltes. Dies könnte freilich nur zum Festhalten an einer bestimmten Sittlichkeit, Wohlanständigkeit usf. führen. Daher setzt anschließend das Dhyana ein als Praxis zur „Erlösung vom Irrtum“ (36) in rechter Anstrengung, rechter Achtsamkeit und rechter Sammlung, womit Konzentration gemeint ist. Ursprünglich handelt es sich bei diesem Modell um eine mönchische bzw. nonnenmäßige Praxis, die radikal vom Geschehen der gewöhnlichen Gesellschaft unterschieden ist. Brodbeck bevorzugt freilich diejenigen Weiterentwicklungen im Buddhismus, die sich etwa im tibetischen Buddhismus als einer Variante des Vajrayana-Buddhismus oder im Zen-Buddhismus zeigen, in welchen diese Praxis durchaus auch sozusagen alltäglich von gewöhnlichen Menschen durchgeführt wird, um sich zu befreien. Diesen Zusammenhang hellt Brodbeck wenig auf, er orientiert sich beispielsweise an den auch in Deutschland relativ bekannten Äußerungen des Dalai Lama. Dalai Lama googlebild
Brodbeck rennt mit bestimmten besonders betonten Unterstellungen bei vielen denkenden Menschen offene Türen ein, wenn er gegen immer noch bei Wirtschaftswissenschaftler/innen anzutreffende positivistische Unterscheidungen von Bewertung bzw. Wert und Tatsache nun auch noch buddhistische Denkweisen anführt. Aber es ist schon lange klar, dass es logisch-semiotisch keine „Wertfreiheit“ gibt. Entscheidend ist in Brodbecks Ansatz über diese innerwirtschaftswissenschaftliche Unvernunftdebatte hinaus, dass er damit

  • einen Durchbruch der Ethik in die Wirtschaftswissenschaften erreichen will, wie es ja noch bei Adam Smith prinzipiell der Fall war, der seine Wirtschaftswissenschaft unter Moraltheorie darstellte;
  • für den einzelnen Menschen die Möglichkeit erreichen will, Zwangsfiguren seiner eigenen Selbstfestlegungen zu durchschauen;
  • an sich philosophisch witzige Figuren wie die Vergegenständlichung „des Marktes“ als agierender Entität als falsche Gewohnheit des Denkens durchschauen möchte.

Im Fokus dieser Kritik stehen vor allem neoliberale Positionen, die auch in ihrer stärksten Variante wie derjenigen von Hayeks seitens Brodbeck als illusionär eingeschätzt werden. Dabei teilt er mit von Hayek freilich dessen richtige Einschätzung, dass man nichts, also auch nicht „den Markt“, sozusagen von oben oder von außen überschauen kann. Das würde im Übrigen auch Keynes nicht bestreiten, allerdings Steuerungsmöglichkeit durch Notenbanken und nachfragestimulierende staatliche Programme durchaus betonen, auch wenn dadurch keine sichere Steuerungsmethode für wirtschaftliche Prozesse gefunden werden kann.
Auch Brodbecks buddhistische Position ist mit der Implementierung achtsamen Verhaltens und Mitgefühl in die wirtschaftlichen Prozesse dem pragmatischen muddling through nicht enthoben. Ihm zufolge setzt aber die Befolgung achtsamer Praxis und das Mitgefühl jene Kreativität frei, die sittlich haltbar ist. „Sittlich haltbar“ heißt im buddhistischen Sinn Brodbecks, dass sie nicht wieder zum Aufbau des scheinbaren Egos oder des sogenannten „Ichs“ führt, in dem Sinne, wenn ich mich so verhalte, bin ich ein sittlich guter Mensch. Das ist eigentlich kaum zu vermeiden, weshalb ich den religiös-philosophischen Punkt von Brodbeck als eher paradox-mystisch einschätze. Über die buddistische Position und Praxis wird das Paradox hoher Sittlichkeit bearbeitet. Diese kann zu Überlegenheitsgefühlen über andere, Selbstüberschätzung, falscher Demut usf. führen. Achtsamkeit und Konzentration wirken diesem Prozess entgegen.

Damit rückt eine Persönlichkeitsstruktur in das wirtschaftliche Geschehen ein, die nicht unbedingt mit dem homo oeconomicus der Wirtschaftswissenschaften oder jedenfalls vieler Wirtschaftswissenschaftler/innen äquivalent ist. Vor allem ist eine solche Persönlichkeitsstruktur von Mitgefühl für alle Wesen erfüllt, weshalb hier die ökologische Frage nicht irgendwie eine bloße Frage der Umwelt des Wirtschaftssystems ist, die leider nicht über Preise repräsentiert ist, weil nur diese ja die Sprache des Wirtschaftssystems darstellen. Gegen bloße konstruktivistische Positionen ist Brodbecks Position also realistisch. Werden viele derartige Persönlichkeitsstrukturen im Wirtschaftssystem agieren, muss es sich verändern, nicht revolutionär, sondern mit Geduld und achtsamem langem Atem. Revolutionen – wie Brodbeck mit Recht hervorhebt – sind zwingend hasserfüllt und gewaltsam. Es spricht daher sehr viel für pazifistische, friedliche und evolutionäre Veränderungen.

17. Dezember 2008

Hel­mut Schmidt wird neun­zig Jah­re alt

Dass Hel­mut Schmidt 90 wird, ist natür­lich für einen Rau­cher sei­ner Pas­si­on (Ziga­ret­te, Pfei­fe, Schnupf­ta­bak) ein sehr schö­nes Alter, sta­tis­tisch unwahr­schein­lich, es kommt aber indi­vi­du­ell vor – und auch von mir einen sehr herz­li­chen Glück­wunsch. googlebild Hel­mut Schmidt war nicht nur Kanz­ler, als ich in die SPD ein­trat, er ist auch nach Edu­ard Bern­stein (1852-1932) der wich­tigs­te Ver­tre­ter der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie. Das gilt nicht nur, weil er als prak­ti­scher Poli­ti­ker sehr vie­le Erfol­ge hat­te und Wah­len in Land (Ham­burg) und Bund gewann, son­dern weil er die SPD nicht zuletzt durch das Godes­ber­ger Pro­gramm (1959), auf das er gro­ßen Ein­fluss hat­te, wesent­lich mit­ge­stal­tet und geprägt hat. Er steht für den Typus des auf­stiegs­ori­en­tier­ten Arbei­ters und Ange­stell­ten, des­sen Bil­dungs­schwer­punkt im berufs­ori­en­tier­ten wirt­schaft­lich-tech­ni­schen Bereich liegt. Schmidt selbst hat Abitur und ist stu­dier­ter Volks­wirt. Prä­gend für sei­ne Ent­schei­dung, Sozi­al­de­mo­krat zu wer­den, war die Soli­da­ri­tät der Front­er­leb­nis­se im Zwei­ten Welt­krieg, selbst­ver­ständ­lich auch der Ein­fluss authen­ti­scher Figu­ren wie Kurt Schuh­ma­cher (1895-1952), deren Bio­gra­fie googlebildin der Geg­ner­schaft zum Natio­nal­so­zia­lis­mus ganz gera­de war.
Aus die­ser Mischung ent­stand eine Hal­tung, wel­che die Sozi­al­de­mo­kra­tie als die über­le­ge­ne Opti­on im poli­tisch-plu­ra­len Mei­nungs­kampf begreift. Sie steht zum einen für die Mög­lich­keit indi­vi­du­el­ler Selbst­ver­wirk­li­chung im Beruf, was eine star­ke Wirt­schaft vor­aus­setzt. Zum ande­ren weiß die­se Sozi­al­de­mo­kra­tie, dass es zu sol­cher indi­vi­du­el­ler Selbst­ver­wirk­li­chung vie­le Bei­trä­ge ande­rer Men­schen bedarf, wes­halb indi­vi­du­el­le Selbst­ver­wirk­li­chung mit Soli­da­ri­tät gekop­pelt sein muss. Legen­där ist des­halb Schmidts pole­mi­sche Spit­ze in einer Kabi­netts­sit­zung gegen­über Otto Graf Lambs­dorff: „Sie kön­nen mit den deut­schen Arbei­tern nicht so umsprin­gen wie Ihre Vor­fah­ren mit den Leib­ei­ge­nen!“ Das alles aber lässt sich nur ver­wirk­li­chen, wenn der wirt­schaft­li­che Fort­schritt auf Dau­er gestellt ist – und dies geht nur über ent­spre­chen­de Bil­dungs­an­stren­gun­gen von ein­zel­ner Per­son und Staat, vor allem aber auf­grund fort­wäh­ren­der natur­wis­sen­schaft­lich-tech­ni­scher Inno­va­ti­on, die sich wirt­schaft­lich nach­hal­tig nut­zen lässt.
Schmidt ist wohl bis heu­te Keyne­sia­ner, viel­leicht ein wenig Vul­gär­keyne­sia­ner. Wenn der wis­sen­schaft­lich-tech­ni­sche-wirt­schaft­li­che Pro­zess nicht genü­gend erfolg­reich ist, Kri­sen auf­tre­ten usf., muss der Staat künst­li­che Nach­fra­ge durch­aus über Schul­den­auf­nah­me schaf­fen, um die sozia­le Sta­bi­li­tät der Gesell­schaft zu sichern. Bei den Sozi­al­de­mo­kra­ten Karl Schil­ler und Hel­mut Schmidt ent­stand hier­aus die Idee einer ten­den­zi­el­len Steu­er­bar­keit des wirt­schaft­lich-gesell­schaft­li­chen Pro­zes­ses, die sich im Sta­bi­li­täts- und Wachs­tums­ge­setz der dama­li­gen Gro­ßen Koali­ti­on nie­der­schlug.
Eine sol­che sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Poli­tik stößt an natio­na­le Gren­zen, sobald die wirt­schaft­li­che Akti­vi­tät inter­na­tio­na­ler und die Kon­kur­renz grö­ßer wird. Daher ent­wi­ckel­te Schmidt die Idee der Welt­wirt­schafts­gip­fel mit, wobei die stärks­ten Wirt­schafts­na­tio­nen ein­be­zo­gen wer­den soll­ten, heu­te etwa G 8. Auch die­se Idee ist noch grund­le­gend keyne­sia­nisch geprägt, die staat­li­che Ebe­ne muss inter­na­tio­na­ler wer­den, auch wenn dies nur über Koope­ra­ti­on und Kom­pro­miss mög­lich ist. Die­ser Punkt der Poli­tik Schmidts war nur von begrenz­tem Erfolg gekrönt. Denn im angel­säch­si­schen Bereich tra­ten zunächst Lady That­cher und dann Ronald Rea­gan auf, die bei­de eine Vari­an­te des neo­li­be­ra­len, sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Lais­sez-fai­re-Kapi­ta­lis­mus bevor­zug­ten. Den Zusam­men­bruch der Finanz­märk­te und die neue Welt­wirt­schafts­kri­se in unse­ren Tagen ver­bucht Schmidt frei­lich als Bestä­ti­gung sei­ner eige­nen Posi­ti­on, hat­te er doch ein­dring­lich in der ZEIT immer wie­der vor Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus und auch den jün­ge­ren Finanz­markt­pro­duk­ten gewarnt.
Die eigent­li­che Gren­ze des poli­ti­schen Ansat­zes von Schmidt wur­de aber noch wäh­rend sei­ner Kanz­ler­schaft deut­lich. Die star­ke öko­no­misch zen­trier­te Bil­dung, die durch Max Weber und Karl Pop­per intel­lek­tu­ell gestützt wur­de, ließ bestimm­te Aspek­te ver­drän­gen, die seit dem Ende des 19. Jahr­hun­derts immer wie­der geäu­ßert wur­den, aber nicht wahr­ge­nom­men bzw. rezi­piert wur­den: Die Öko­no­mie der Indus­trie­ge­sell­schaf­ten hat Rück­kopp­lungs­pro­zes­se in der natür­li­chen Umwelt des Wirt­schafts­sys­tems zur Fol­ge, die sich öko­no­misch nega­tiv aus­wir­ken, heu­te im Kli­ma­wan­del deut­lich sicht­bar. Seit Mit­te der 1970er Jah­re setz­te eine stär­ke­re Rezep­ti­on die­ser Ein­sich­ten ein – und dies hat­te auch poli­ti­sche Fol­ge­wir­kun­gen, das Auf­stiegs­mo­dell von Schmidt hat­te nega­ti­ve Fol­ge­wir­kun­gen, die auf es selbst zurück­wir­ken wür­den. Schmidt konn­te wie Pop­per den öko­lo­gi­schen Gedan­ken nie­mals inte­grie­ren – und hat dies spä­ter, was ihn ehrt, auch als Feh­ler ein­ge­se­hen. Damit lei­te­te er mit sei­ner Poli­tik auch das Ende der poli­tisch-intel­lek­tu­el­len Domi­nanz der SPD ein, weil neben ihr die Par­tei die „Grü­nen“ ent­stand, die neben bestimm­ten 1968er-Revi­vals vor allem die­se har­te öko­lo­gi­sche Fra­ge bedien­te – und damit gegen Schmidt Recht behielt, wie sich heu­te zeigt.
Schmidt gehört zu den fein­sin­ni­gen und kunst­sin­ni­gen Sozi­al­de­mo­kra­ten, was in der Auf­stiegs­pha­se vie­le Künstler/innen wie Inge­borg Bach­mann, Gün­ter Grass oder Sieg­fried Lenz u. a. anzog, die sich nicht nur auf Wil­ly Brandt, son­dern durch­aus auch auf ihn bezo­gen. Auch Schmidt pfleg­te hier einen regen Aus­tausch, auch in schwe­ren Ent­schei­dungs­pha­sen wie im Deut­schen Herbst. Und sei­ne intel­lek­tu­el­le Qua­li­tät wird durch eine Äuße­rung zu Ber­tolt Brecht mar­kiert, zwar sei die­ser Kom­mu­nist gewe­sen, aber den­noch der bedeu­tends­te deut­sche Dra­ma­ti­ker im 20. Jahr­hun­dert.

16. November 2008

Spa­e­manns kon­ser­va­ti­ve Kri­tik an der Kern­ener­gie


Der eme­ri­tier­te Münch­ner Phi­lo­soph Robert Spaemann - googlebildRobert Spa­e­mann hat in der FAZ vom 06.10.2008 einen prak­tisch-phi­lo­so­phi­schen Arti­kel zur soge­nann­ten fried­li­chen Nut­zung der Kern­ener­gie geschrie­ben. Hier wird aus einer eher „wert­kon­ser­va­ti­ven“ Per­spek­ti­ve deut­li­che Kri­tik an den Hin­ter­grund­über­zeu­gun­gen der Kern­ener­gie­be­für­wor­ter geäu­ßert. Die­se äußern sich in letz­ter Zeit wie­der stär­ker, weil der Weg über Ener­gie­spa­ren und stär­ke­re Nut­zung erneu­er­ba­rer Ener­gi­en nicht gegan­gen wer­den soll – gele­gent­lich wohl auch, weil man deren Mög­lich­kei­ten gra­vie­rend falsch ein­schätzt. Letz­te­res ist aber tat­säch­lich Hermann Scheer - googlebildfalsch, wie bei­spiels­wei­se Stu­di­en von Her­mann Scheer (Alter­na­ti­ver Nobel­preis) und enga­gier­te Erwä­gun­gen Al Gore - googlebildvon Al Gore (Frie­dens­no­bel­preis) zei­gen  – oder doch zumin­dest stark nahe­le­gen. Wenn es also durch­aus dis­ku­ta­ble Alter­na­ti­ven gibt, war­um die­ses Behar­ren auf der soge­nann­ten fried­li­chen Nut­zung der Kern­ener­gie, zumal es in Deutsch­land einen Kern­ener­gie­kom­pro­miss gibt? Selbst wenn man skep­ti­scher ist als Scheer und Gore – so die Ansicht Spa­e­manns – bleibt das Behar­ren auf bestimm­ten Hin­ter­grund­über­zeu­gun­gen sehr frag­wür­dig.  Denn in Deutsch­land besteht nun ein­mal ein gesetz­lich fest­ge­schrie­be­ner Kon­sens über den geord­ne­ten Aus­stieg aus der soge­nann­ten fried­li­chen Nut­zung der Kern­ener­gie bis zum Jahr 2023. Da müss­ten die Hin­ter­grund­über­zeu­gun­gen der Kon­sens­ver­än­de­rer schon sehr über­zeu­gend sein, wenn die­ser Kon­sens wie­der ins Wan­ken kom­men soll­te. Sie müs­sen aber noch ein­mal ange­hört und über­prüft wer­den. Also: Wel­che Hin­ter­grund­über­zeu­gun­gen sind dies? Spa­e­mann zufol­ge sind es vier:

  1. Es wer­de unter­stellt, dass es einen garan­tier­ten, zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritt für die Dau­er der Strah­lung des Atom­mülls (10.000 Jah­re) gebe.
  2. Wei­ter wer­de frag­los ange­nom­men, dass es kei­ne Wis­sens­ver­lus­te gebe,Stonehenge - Googlebild aber wie man an Stone­henge sehen kön­ne, wüss­ten wir heu­te nicht, wie die Men­schen damals die Stein­blö­cke auf­ein­an­der­ge­türmt hät­ten. Sol­ches kön­ne auch mit dem heu­ti­gen Wis­sen über Boh­run­gen gesche­hen.
  3. unter­stell­ten die Kern­ener­gie­be­für­wor­ter, dass es „immer eine präs­ta­bi­lier­te Har­mo­nie geben wird zwi­schen unse­ren Bedürf­nis­sen und der Bereit­schaft des Uni­ver­sums, die­se zu erfül­len.“
  4. schließ­lich wer­de ins­ge­heim unter­stellt, dass alle „Men­schen gut sind“, wes­halb die Ter­ro­ris­mus­ge­fahr lan­ge nicht berück­sich­tigt wor­den sei, aber auch Carl Fried­rich von Weiz­sä­cker habe sich aus die­sem Grund schließ­lich gegen die fried­li­che Nut­zung der Kern­ener­gie aus­ge­spro­chen.

Carl Friedrich von Weizsäcker

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Aus kon­ser­va­ti­ver Sicht sind dies alles über­heb­li­che Über­zeu­gun­gen, die mit dem mensch­li­chen Dasein wenig zu tun haben, so wie es sich nüch­ter­ner Betrach­tung zeigt. Mit­hin ist bei Spa­e­mann von „Hybris“ die Rede.

Zunächst ist Spa­e­mann dar­in zuzu­stim­men, dass es die­se vier Hin­ter­grund­über­zeu­gun­gen bei Kern­ener­gie­be­für­wor­tern in der Tat gibt, auch wenn die­se nicht oft expli­zit aus­ge­spro­chen wer­den. Logisch-semio­tisch sind die aus­schlag­ge­ben­den Über­zeu­gun­gen 1, 2 und 4 gegen­wär­tig unüber­prüf­ba­re All­aus­sa­gen, weil wir – um zu wis­sen, dass die­se Aus­sa­gen wahr sind – alle Ereig­nis­se im 10.000-Jahreszeitraum und alle Men­schen über­prüft haben müss­ten. Doch dies ist nicht der Fall. Auch eine logisch-semio­ti­sche Ana­ly­se kommt daher zu der nüch­ter­nen Ein­schät­zung, dass die­se Aus­sa­gen nicht gut zur Begrün­dung einer gegen­wär­ti­gen Pra­xis tau­gen, weil sie sich im Lau­fe der 10.000 Jah­re ein­mal als falsch erwei­sen könn­ten. Und was logisch defekt ist, kann nicht gut sein. Die emo­tio­na­le Hal­tung, die den­noch bei der Zustim­mung zu sol­chen Hin­ter­grund­über­zeu­gun­gen vor­herr­schen mag, lässt sich viel­leicht als Hybris, aber durch­aus auch als Ober­fläch­lich­keit, fal­sche Sorg­lo­sig­keit cha­rak­te­ri­sie­ren – hier scheint mir Spa­e­mann viel­leicht zu ein­deu­tig zu optie­ren.

Auch Spa­e­mann betont, dass die Alter­na­ti­ven schon sicht­bar sei­en, es lie­ge an uns, ob wir die­se im Blick auf die Erneu­er­ba­ren Ener­gi­en ver­wirk­lich­ten. Auch hier liegt ein Hauch von kon­ser­va­ti­ver Skep­sis über sei­nem Auf­satz:

Man betrach­tet als unver­zicht­ba­re Bedin­gung für jede Alter­na­ti­ve, dass der bis­he­ri­ge Ener­gie­ver­brauch allen­falls durch bes­se­re Aus­nut­zung der Res­sour­cen gesenkt wird, nie­mals aber durch Ein­schrän­kung unse­res Kon­sums.“
Die Auf­ga­be sieht aber wohl doch anders aus: Um auch unse­re Gesell­schaf­ten erhal­ten zu kön­nen, kann der Kon­sum zumin­dest qua­li­ta­tiv kaum ein­ge­schränkt wer­den, er darf nur nicht öko­lo­gisch wei­ter schäd­lich sein. Spa­e­mann selbst rech­net wohl mehr oder weni­ger mit nega­ti­ven, unver­meid­ba­ren Sze­na­ri­en. Natür­lich könn­te er dar­in Recht haben. Aber m. E. lohnt es sich, es anders zu ver­su­chen…

13. November 2008

Berufs­bil­dung – Georg Ker­schen­stei­ner

Für die Ent­wick­lung der bis heu­te bestehen­den Berufs­schu­le und des soge­nann­ten dua­len Aus­bil­dungs­sys­tems in Deutsch­land zeich­net Georg Ker­schen­stei­ner (1854-1932) als Weg­be­rei­ter ver­ant­wort­lich. Er wen­det bestimm­te Prin­zi­pi­en der klas­si­schen Bil­dungs- und Erzie­hungs­theo­ri­en im Kon­text der Reform­päd­ago­gik an, ein Ein­fluss des US-ame­ri­ka­ni­schen prag­ma­tis­ti­schen Phi­lo­so­phen und Päd­ago­gen John Dew­ey liegt auch vor. John Dewey – googlebild Von 1895 bis 1919 war Ker­schen­stei­ner Schul­rat in Mün­chen und hat­te gro­ßen prak­ti­schen Ein­fluss, auch die Schul­de­bat­te in der Wei­ma­rer Repu­blik wur­de durch ihn geprägt. Georg Kerschensteiner – googlebildIn unse­rem Sche­ma gehört Ker­schen­stei­ner in den Typus der von den Grund­zü­gen der phil­an­thro­pi­schen Päd­ago­gik beein­fluss­ten Päd­ago­gen, Bil­dungs­theo­re­ti­ker und -prak­ti­ker. Wie ande­re Reformpädagog/inn/en auch ver­sucht er kon­kre­te didak­ti­sche und schul­ge­stal­te­ri­sche Wege zu fin­den, um die gro­ßen Bil­dungs­zie­le zu errei­chen, nicht zuletzt eine von den Kin­dern her agie­ren­de Erzie­hung. Dabei tre­ten nicht sel­ten Aspek­te in den Vor­der­grund, die klas­sisch zwar nicht ver­neint oder schlicht über­se­hen, aber kon­kret nicht im Schul­all­tag berück­sich­tigt wer­den. Bei Ker­schen­stei­ner ist es nicht zuletzt das prak­tisch-tech­ni­sche Kön­nen, eine alte Geschich­te erzählt das­je­ni­ge, wor­auf es u. a. ankommt:

„Ein Schul­rat fährt im Auto übers Land, um eine Dorf­schu­le zu visi­tie­ren. Auf offe­ner Land­stra­ße ver­sagt der Motor, und der tech­nisch nicht sehr bewan­der­te Schul­rat hält nach Hil­fe Aus­schau. Da kommt aus ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung ein Zehn­jäh­ri­ger daher, dem er sein Leid klagt. Die­ser öff­net die Motor­hau­be, macht ein paar Grif­fe am Ver­ga­ser, und sie­he da, der Scha­den ist beho­ben. Der geret­te­te Schul­rat bewun­dert die Leis­tung, stutzt dann aber und fragt: ‚War­um bist du denn vor­mit­tags nicht in der Schu­le?‘ ‚Ach, wis­sen Sie, zu uns kommt heu­te der Schul­rat, da hat der Leh­rer die Dum­men nach Hau­se geschickt.‘“
Theo­dor Wil­helm, Georg Ker­schen­stei­ner (1854-1932), in: Klas­si­ker der Päd­ago­gik II, Mün­chen 1991, 103-126, 103.

Die klei­ne Sze­ne ist anschei­nend selbst­er­klä­rend. Der Leh­rer woll­te nur die guten Main­stream-Schüler/innen vor­füh­ren, soge­nann­te „prak­ti­sche Bega­bun­gen“ aber gal­ten ihm nicht als gut – und konn­ten bei der Visi­ta­ti­on des Schul­rats even­tu­ell das Visi­ta­ti­ons­er­geb­nis nega­tiv beein­flus­sen. Der Schul­rat in der Sto­ry aber erfährt sehr genau den prak­ti­schen Nut­zen des Kön­nens jenes zehn­jäh­ri­gen „Dum­men“, weil er sich in die­ser Situa­ti­on selbst nicht hel­fen kann.
Das könn­te natür­lich eine gute Geschich­te über die not­wen­di­ge Arbeits­tei­lung in einer Gesell­schaft sein. Es muss eben Schul­rä­te und Ver­ga­ser­spe­zia­lis­ten geben – und man muss auch die Ver­ga­ser­spe­zia­lis­ten gut aus­bil­den, denn nur auf­grund der Arbeits­tei­lung ist eine Gesell­schaft wirt­schaft­lich ins­ge­samt effi­zi­ent. Damit wäre aber Ker­schen­stei­ners Ansatz miss­ver­stan­den. Ihm ging es mit ande­ren dar­um, reform­päd­ago­gisch in den gewöhn­li­chen Unter­richt Ele­men­te der Arbeits­welt ein­be­zie­hen. Das geht u. a. auf die Ide­en der Phil­an­thro­pen zurück, wird aber nun kind­ge­rech­ter, jugend­psy­cho­lo­gisch genau­er erfasst bzw. begrün­det. Ker­schen­stei­ner hat­te hier­bei Erfolg, die Wei­ma­rer Ver­fas­sung lau­te­te in Arti­kel 148:

„(3) Staats­bür­ger­kun­de und Arbeits­un­ter­richt sind Lehr­fä­cher der Schu­len.“

Die­se soge­nann­te Arbeits­schu­le der Wei­ma­rer Repu­blik geht neben dem Dua­len Sys­tem der Berufs­aus­bil­dung auf Ker­schen­stei­ners Ide­en zurück.
Ker­schen­stei­ner selbst pfleg­te den mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­chen Bereich des Wis­sens und des tech­ni­schen bzw. logisch-for­ma­len Vor­ge­hens – bzw. das­je­ni­ge, was man in Deutsch­land damals über­wie­gend dafür hielt. Auch der Ein­fluss John Dew­eys hat sei­nen Ansatz hier wohl eher nicht erwei­tert, sofern ich nichts über­se­hen habe. Der Schul­un­ter­richt in der Arbeits­schu­le soll­te pro­blem­lö­send sein, zudem wer­de dies die Schüler/innen auch auf ihre staats­bür­ger­li­che Pra­xis vor­be­rei­ten.
Der päd­ago­gi­sche Ansatz geht von Beob­ach­tun­gen der kind­li­chen bzw. jugend­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen aus. Bei den Kin­dern gehe Pro­bie­ren über Stu­die­ren, sie woll­ten mit den Din­gen selbst expe­ri­men­tie­ren – und sie woll­ten „gestal­ten“. Die­sem Akti­vi­täts­be­geh­ren, das sich bei­spiels­wei­se auch im Bewe­gungs­drang äußert, kom­me die soge­nann­te „Lern­schu­le“ nicht ent­ge­gen. Im Gegen­teil: Sie pro­du­zie­re Wider­stand gegen das Ler­nen, weil der den Kin­dern eige­ne Weg zu ler­nen sys­te­ma­tisch schul­or­ga­ni­sa­to­risch ver­baut wer­de. Die m. E. zutref­fen­de Dia­gno­se lau­tet also: Was oft als „Stö­ren“ oder „Ler­n­un­wil­lig­keit“ der Schüler/innen emp­fun­den wird, geht jeden­falls zu einem bestimm­ten Anteil auf eine unge­eig­ne­te Form der Orga­ni­sa­ti­on des Schul­un­ter­richts zurück, weil die Wis­sens­in­hal­te von den Schüler/innen – alters­ge­mäß – selbst erar­bei­tet, anstatt ein­ge­paukt sein wol­len. Arbeitsschule – googlebild Hier­zu dien­te Ker­schen­stei­ner die Ein­füh­rung von Gele­gen­hei­ten zur Aus­übung von Hand­fer­tig­kei­ten, es wur­den Werk­bän­ke in den Schu­len auf­ge­stellt, Labo­ra­to­ri­en auf­ge­baut, Schul­gär­ten ange­pflanzt, Aqua­ri­en und Ter­ra­ri­en ange­bo­ten, auch Zei­chen­sä­le ein­ge­rich­tet. Es ging didak­tisch also um das­je­ni­ge, was man den Zusam­men­hang von Moti­va­ti­on und Lern­er­folg nennt.
Ein zwei­ter Aspekt ist der­je­ni­ge der Sach­lich­keit der Arbeits­ein­stel­lung, wenn sie in den Schul­un­ter­richt ein­be­zo­gen wird. Denn Arbei­ten müs­sen „voll­endet“ wer­den, man geht schritt­wei­se auf ein Ziel zu. Ker­schen­stei­ner woll­te mit­hin den zweck­ra­tio­nal-instru­men­tel­len Cha­rak­ter der Arbeits­welt ein­füh­ren und didak­tisch nut­zen.

„Wür­de man an den geis­ti­gen Wer­ken den Man­gel der Voll­endung genau­so unmit­tel­bar und schla­gend emp­fin­den wie an den tech­ni­schen Wer­ken, wür­de man für jede ober­fläch­li­che geis­ti­ge Arbeit eben­so prompt sei­ne Stra­fe durch die Arbeit selbst erhal­ten wie für jede ober­fläch­li­che unsach­li­che tech­ni­sche Arbeit, so wür­den unse­re Lehr­lings­an­stal­ten für geis­ti­ge Arbei­ter, also unse­re höhe­ren neun­klas­si­gen Schu­len, längst ein ande­res Gesicht und einen ande­ren Betrieb erhal­ten haben; sie wür­den Anstal­ten sein für geis­ti­ge Qua­li­täts­ar­bei­ter und nicht für viel wis­sen­de Dilet­tan­ten.“
(Wie­ner Rede 1929)

Das ist das Gegen­bild, die Schu­le im her­kömm­li­chen Sinn erzeu­ge bes­ten­falls „viel wis­sen­de Dilet­tan­ten“, von jedem etwas, aber von nichts etwas Genau­es usf. Man kann so etwas wie Ker­schen­stei­ner nur empha­tisch schrei­ben, wenn man davon über­zeugt ist, dass alle Pro­ble­me in sehr über­schau­bar end­li­chen Schrit­ten lös­bar sind – und es mit die­ser Lösung auch getan ist, weil die Lösung durch den uni­ver­sa­len Kon­text wenig infra­ge gestellt wird.
So scheint er auch John Dew­ey (How we think [1910]) ver­stan­den zu haben:

„Vom Stut­zen, Stau­nen und Fra­gen aus ging es unmit­tel­bar zur Ana­ly­se der Schwie­rig­kei­ten, wel­che die Fra­gen lösen konn­ten, von den Ver­mu­tun­gen zur Durch­prü­fung ihrer Fol­ge­run­gen und schließ­lich zur Veri­fi­ka­ti­on der als Lösung gefun­de­nen und bestä­tig­ten Ver­mu­tung.“

Es geht daher logisch-semio­tisch von einer

  1. Irri­ta­ti­on des Gewohn­ten bzw. Bekann­ten zu
  2. einer Hypo­the­se bzw. Abduk­ti­on („Ver­mu­tung“), wie dem zu begeg­nen sei.
  3. Die Ver­mu­tun­gen wer­den deduk­tiv auf ihre Fol­gen über­prüft, wor­aus sich ein Lösungs­vor­schlag ergibt.
  4. Die­ser wird veri­fi­ziert bzw. bestä­tigt.

Ker­schen­stei­ner über­sieht zumin­dest, dass eine „Bestä­ti­gung“ immer nur induk­tiv sein kann, wes­halb Dew­ey ganz zutref­fend die Zukunfts­of­fen­heit von Lösun­gen – und in unse­rer Typo­lo­gie den Unend­lich­keits­as­pekt – betont. Induk­tiv erschlos­se­ne Regeln müs­sen in der Fol­ge immer auf ihre Bestä­ti­gung hin über­prüft wer­den, dies wird natür­lich prag­ma­tisch abge­bro­chen, aber man muss sich die­ses Abbruchs bewusst sein. Den Aus­druck „Veri­fi­ka­ti­on“ soll­te man bes­ser aus dem wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Voka­bu­lar strei­chen. Ker­schen­stei­ner hat hier also nicht zu viel Logik betrie­ben, son­dern zu wenig. Ange­nä­hert scheint er sich hier weni­ger dem Prag­ma­tis­mus als dem Posi­ti­vis­mus zu haben.
Das hat wohl sei­ne Par­al­le­le auch in der mit der sach­li­chen Arbeits­ein­stel­lung ver­bun­de­nen Idee der Arbeits­ge­mein­schaft. Sol­che Arbeits­vor­gän­ge benö­ti­gen Team­ar­beit, wor­aus für Ker­schen­stei­ner eine staats­bür­ger­li­che Ein­sicht der Koope­ra­ti­on, des Mit­ein­an­ders, aber eben auch der „Gemein­schaft“ folg­te. Hier scheint er deut­lich die Dif­fe­ren­zie­rungs­pro­zes­se unter­schätzt zu haben, die in einer erfolg­rei­chen, krea­ti­ven und pro­duk­ti­ven Team­ar­beit zuge­las­sen wer­den müs­sen. So wer­den in Ker­schen­stei­ners Arbeits­schu­le zwar durch­aus demo­kra­tisch wich­ti­ge Aspek­te ein­ge­übt, aber die zen­tra­le Fra­ge der Demo­kra­tie, der fried­li­che und kom­pe­ten­te Umgang mit Kon­flik­ten bleibt – wie­der anders als bei John Dew­ey – unter­be­stimmt. Ker­schen­stei­ner zufol­ge muss es stets auf „Gemein­schaft“ hin­aus­lau­fen.

Ker­schen­stei­ners Berufschul­in­itia­ti­ve geht von Kri­sen­be­ob­ach­tun­gen in Deutsch­land aus, weil die Lehr­lin­ge schlecht betreut wur­den. Das galt für die Hand­werks­meis­ter, die der päd­ago­gi­schen Betreu­ung oft nicht gewach­sen waren. Eben­so galt das für die Indus­trie­be­trie­be. Ker­schen­stei­ner war zudem der Ansicht, dass Schüler/innen nach der Volks­schu­le mit 14 Jah­ren nicht ein­fach in die Arbeits­welt ent­las­sen wer­den soll­ten, son­dern sich wei­ter all­ge­mein bil­den soll­ten. Dazu stellt er den Hum­boldt­schen Ansatz auf den Kopf:

„An der Pfor­te der all­ge­mei­nen Men­schen­bil­dung steht (not­wen­di­ger­wei­se) die Berufs­bil­dung!“
„Nach allen unse­ren Betrach­tun­gen ist jede wirk­li­che Bil­dung eine Art Berufs­bil­dung, sofern wir nur unter Beruf jenen Lebens­kreis ver­ste­hen, zu dem wir gemäß unse­rer psy­chi­schen Ver­fas­sung beru­fen sind.“
(Theo­rie der Bil­dungs­or­ga­ni­sa­ti­on, post­hum, 185)

Wich­tig ist hier zu erken­nen, dass Ker­schen­stei­ner über sein Berufs­schul­kon­zept das All­ge­mein­bil­dungs­kon­zept ein­füh­ren woll­te, eine durch­aus krea­ti­ve Wei­ter­ver­ar­bei­tung der phil­an­thro­pi­schen Idee. Ähn­lich wie dort wird eine psy­chi­sche Grund­struk­tur unter­stellt, wobei wohl stär­ker an bio­ti­sche Anla­gen gedacht ist, die sich psy­chi­sche mani­fes­tie­ren – und den Moti­va­ti­ons­hin­ter­grund des Ler­nen­wol­lens aus­ma­chen. Aber dar­über hin­aus muss eine sol­che Berufs­bil­dung im all­ge­mei­nen Kon­text bestehen, daher soll­te es in sei­nen Berufs­schu­len neben Waren- und Werk­zeug­kun­de nebst Buch­füh­rung auch Deutsch und Staats­bür­ger­kun­de geben. Dar­über ver­such­te Ker­schen­stei­ner auch die ethi­sche Inte­gra­ti­on der durch Kon­kur­renz struk­tu­rier­ten Wirt­schaft und Arbeits­welt zu leis­ten. Die­ses Prin­zip liegt noch heu­te den Berufs­schu­len zugrun­de, wobei auch Reli­gi­ons­un­ter­richt oder Ethik­un­ter­richt hier­zu her­an­ge­zo­gen wer­den.
Wie gegen die Phil­an­thro­pen muss auch gegen Ker­schen­stei­ner ein­ge­wen­det wer­den, dass er die Kom­ple­xi­tät der Gesell­schafts­pro­zes­se, ihre prin­zi­pi­el­le Dyna­mik und Insta­bi­li­tät ver­kannt hat. Wür­de sich die Wirt­schaft und Berufs­welt nach den bio­tisch-psy­chi­schen Bega­bun­gen rich­ten, wäre das Modell per­fekt – und man könn­te Arbeits­lo­sen vor­wer­fen, nicht nach ihrer Bega­bung vor­ge­gan­gen zu sein, die­se ver­leug­net zu haben. Da auch heu­te die­se Argu­men­ta­ti­on nicht ver­brei­tet ist, dürf­te Ker­schen­stei­ners Modell schlicht falsch sein. Wer ein­deu­tig auf die Äqui­va­lenz von Berufs­bil­dung und Bil­dung setzt, muss die Berufs­bil­dung von den stark wech­seln­den Markt­er­for­der­nis­sen abhän­gig machen. Es ehrt Ker­schen­stei­ner, dass er dies nicht woll­te, aber das Ver­sa­gen sei­ner Theo­rie an die­sem Punkt zeigt klar, dass Bil­dung und Berufs­bil­dung nicht äqui­va­lent sind.
Ker­schen­stei­ners Ver­dienst liegt daher vor allem dar­in, dass er gezeigt hat, es müs­se eine vier­te Form der Bil­dungs­or­ga­ni­sa­ti­on geben, das soge­nann­te „Dua­le Sys­tem der Berufs­aus­bil­dung“ – und dass die­ses auch Ele­men­te der All­ge­mein­bil­dung ent­hal­ten müs­se. Wich­ti­ger ist aber noch sein reform­päd­ago­gi­scher Impuls, obgleich er dies zu schwach phi­lo­so­phisch reflek­tiert hat. Sein Pro­test gegen die „Lern­schu­le“ ist ohne­hin klar und rich­tig. Aber er mein­te dar­über hin­aus die „Buch­schu­le“, d. h. die Ver­mitt­lung und den Erwerb von Wis­sen aus­schließ­lich über Tex­te und Spra­che. Nun ist es aber gar nicht so, dass das mensch­li­che Zei­chen­ver­hal­ten auf Spra­che ein­ge­schränkt ist, eben­so sind die Moto­rik und Sen­so­rik des Men­schen semio­tisch rele­vant – und kön­nen ent­spre­chend auch kom­plex ver­stan­den wer­den. Kom­ple­xe Sach­ver­hal­te wer­den nicht nur sprach­lich aus­ge­drückt, son­dern auch bild­lich, wie Peirce in sei­ner Gra­fi­schen Logik (Semio­ti­sche Schrif­ten 3, Frankfurt/M. 1993) gezeigt hat­te – und was Schlei­er­ma­cher mit der Rede von der Fan­ta­sie andeu­ten woll­te. Eben­so ver­hält es sich mit den hap­ti­schen Zei­chen, also Berüh­run­gen, Han­tie­run­gen usf. Auch die­se sind ent­spre­chend semio­tisch bil­dungs­re­le­vant, denn Intel­li­genz oder auch „Geist“ wohnt nicht nur im sprach­li­chen Zei­chen­sys­tem, son­dern in allen Zei­chen­sys­te­men, die Men­schen unbe­wusst und bewusst ver­wen­den. Die Reform­päd­ago­gik stieß hier oft prak­tisch-zufäl­lig-abduk­tiv – das gilt auch für Maria Montesso­ri – in Berei­che vor, Maria Montessori – googlebilddie in der dama­li­gen Zeit z. T. nur schwach gedank­lich erfasst waren, wie etwa von Peirce. Die Selbst­stän­dig­keit, Mün­dig­keit der Schüler/innen kann also auch durch prak­ti­sche, hap­ti­sche Ver­fah­ren unter­stützt wer­den, ihre Demo­kra­tiefä­hig­keit bei­spiels­wei­se auch durch Model­le der Schü­ler­selbst­ver­wal­tung, wie sie ansatz­wei­se auch Ker­schen­stei­ner schon erprob­te. Auch die Pro­jekt- und Ver­suchs­ori­en­tie­rung för­dert ent­spre­chen­de Kom­pe­ten­zen der Team­fä­hig­keit, die für eine kom­plex wahr­ge­nom­me­ne Wirt­schaft und Poli­tik wich­ti­ge soft skills dar­stel­len.

8. November 2008

Attac-Kino­vi­deo zur Finanz­kri­se

31. Oktober 2008

Erin­ne­rung an die letz­te Sit­zung

Auf die Zusam­men­fas­sung folg­te eine Debat­te der wahr­ge­nom­me­nen Män­gel der heu­ti­gen Schul­pra­xis sei­tens der Teilnehmer/innen, wobei nicht schnell deut­lich wur­de, wer hier stär­ker Schuld sei, das Lehr­per­so­nal oder doch die eher unwil­li­gen Schüler/innen, zumal vie­le von die­sen ja aus „bil­dungs­fer­nen Schich­ten“ kämen, beklagt wur­de auch das drei­glied­ri­ge Schul­sys­tem. Der Kurs­lei­ter hat­te Mühe dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass die Debat­te nicht unbe­dingt etwas
• mit der phil­an­thro­pi­schen Päd­ago­gik zu tun habe – und die Debat­te zudem
• eine sta­ti­sche Gesell­schaft unter­stel­le, wel­che die Phil­an­thro­pen gera­de hat­ten über­win­den wol­len.
In der Tat lebt die phil­an­thro­pi­sche Päd­ago­gik von der Unter­stel­lung, durch die Akti­vie­rung der Men­schen der unte­ren und mitt­le­ren Schich­ten (im dama­li­gen Sinn) lie­ßen sich öko­no­mi­sche Erfol­ge erzie­len, wel­che die Herr­schaft des Adels bre­chen, das Bevöl­ke­rungs­wachs­tum kon­trol­lie­ren und Wohl­fahrt her­vor­bräch­ten. Genau dies ist mit einer sta­ti­schen Auf­fas­sung von Gesell­schaft unver­ein­bar. Tat­säch­lich war bei den Phil­an­thro­pen die Auf­fas­sung einer dyna­mi­schen Gesell­schaft vor­herr­schend, öko­no­misch-theo­re­tisch ist das im Grun­de erst am Ende des 19. Jahr­hun­derts und im 20. Nikolai Kondratjew - googlebild Jahr­hun­dert bei Kond­rat­jew und Keynes John Maynard Keynes - googlebild ein­ge­holt wor­den. Smith, Ricar­do und Marx unter­stell­ten dem­ge­gen­über Gleich­ge­wichts­ge­sell­schaf­ten, in denen es öko­no­misch im Kern auf ein Null­sum­men­spiel hin­aus­läuft. Die Idee einer Gesell­schaft, in der Bil­dung das domi­nie­ren­de Ele­ment dar­stellt, setzt auf Krea­ti­vi­tät und damit auf die Ent­wick­lung neu­er Mög­lich­kei­ten, mit­hin auf Expan­si­on. Sobald die­se expan­si­ve Rich­tung der Gesell­schaft nicht besteht, kann das Bil­dungs­ele­ment kaum hel­fen, sozia­len Aus­gleich zu schaf­fen. Den­noch steckt in ihm die Mög­lich­keit der Expan­si­on, denn man kann Ide­en ent­wi­ckeln, die eine öko­no­mi­sche Bedeu­tung ent­fal­ten, wel­che nicht von vor­han­de­nen Gege­ben­hei­ten wie indus­tri­ell ver­ar­beit­ba­ren Roh­stof­fen aus­geht. Z. B. ist die Nut­zung von erneu­er­ba­ren Ener­gi­en als nach­in­dus­tri­el­lem Ener­gie­ty­pus ganz erheb­lich auf krea­ti­ve Bil­dungs­leis­tun­gen ange­wie­sen. Ohne die­se sehr krea­ti­ven Bil­dungs­leis­tun­gen kön­nen Wind, Erd­wär­me, Was­ser und Son­ne ihr Poten­zi­al gar nicht ent­fal­ten.
Im Moment sind die Bil­dungs­auf­ru­fe – etwa zur Ver­voll­stän­di­gung des Haupt­schul­ab­schlus­ses – eher nicht krea­tiv, son­dern reak­tiv. AlG II-Bezie­her kom­men mit einer guten Aus­bil­dung auch kaum aus ihrer Situa­ti­on her­aus, wenn sie dort mit 53 Jah­ren hin­ein­ge­kom­men sind. Es geht nur mit krea­ti­ven Leis­tun­gen. Und eben­dies sahen m. E. die Phil­an­thro­pen genau. Daher auch die Beto­nung der Geschäfts­tä­tig­keit des Bür­ger­tums. Das aber ist anstren­gend, wes­halb schon in der Schu­le der Müßig­gang aus­ge­trie­ben wer­den soll­te.

Smith u. a. begin­gen wohl den Feh­ler, dass sie die Öko­no­mie als eine Art klas­si­sche Mecha­nik for­mu­lie­ren woll­ten. Dar­in liegt eine gewis­se Ele­ganz, die ja auch Marx beein­druckt hat. Aber über irgend­wel­che Not­wen­dig­keits­pos­tu­la­te kommt man damit nicht hin­aus. Gegen das angeb­li­che Geschichts­ge­setz Marx‘ wur­de schon von Max Weber his­to­risch ein­ge­wen­det, dass die Ent­wick­lung der chi­ne­si­schen Geschich­te nicht so ver­lau­fen ist, wie Marx‘ Gesetz es eigent­lich vor­sah. Es ist bes­ten­falls euro­zen­trisch. Denn die Chi­ne­sen waren noch zur­zeit der Ver­fas­sung von Smith‘ „Wohl­stand der Natio­nen“ öko­no­misch den Euro­pä­ern vor­aus. Folg­lich muss­te auch die Ent­wick­lung des Max Weber - googlebildKapi­ta­lis­mus Weber zufol­ge von ande­ren Phä­no­me­nen abhän­gig sein, als einem abs­trak­ten Ent­wick­lungs­ge­setz. Er wähl­te kul­tu­rell die Men­ta­li­täts­struk­tur in bestimm­ten For­men des Pro­tes­tan­tis­mus aus. Damit tritt eine zusätz­li­che Betrach­tungs­wei­se in das Ver­ständ­nis öko­no­mi­scher Pro­zes­se ein, die man spä­ter etwa auch bei Schum­pe­ter fin­det, wel­che kul­tu­rel­len Ein­flüs­se man auch nam­haft macht, etwa den Kon­fu­zia­nis­mus usf.

23. Oktober 2008

Bil­dung und Unend­lich­keit

Erin­ne­rung an die letz­te Sit­zung

Die phil­an­thro­pi­sche Päd­ago­gik star­tet in die Moder­ne und ori­en­tiert sich am Beginn der Arbeits­ge­sell­schaft, die mit Bevöl­ke­rungs­wachs­tum ein­her­geht. Dabei ent­wi­ckelt sie Grund­ge­dan­ken, die bis heu­te fort­wir­ken:

  •       Bil­dung dient der Armuts­be­kämp­fung und der sozia­len Sta­bi­li­tät;
  •       sie ermög­licht jen­seits sta­ti­scher, vor­ge­ge­be­ner Ver­hält­nis­se eine dyna­mi­sche Öko­no­mie.

Die phil­an­thro­pi­sche Päd­ago­gik wird im Inter­es­se des Bür­ger­tums und der abhän­gig in Manu­fak­tu­ren beschäf­tig­ten Hand­wer­ker ent­wi­ckelt, sie sol­len Wohl­fahrt erle­ben und krea­tiv durch öko­no­mi­schen Erfolg ermög­li­chen. Dazu soll eine all­mäh­li­che Ent­wick­lung zur Demo­kra­tie erfol­gen. Den Spon­ta­nei­täts­as­pekt der Bil­dung sehen die Phil­an­thro­pen in der „Anla­ge und Bestim­mung der ein­zel­nen Men­schen“, die sich in der Berufs­bio­gra­fie zuguns­ten der gesam­ten Gesell­schaft ver­wirk­licht. Wir haben es hier mit einem sozi­al­li­be­ra­len Bil­dungs­kon­zept zu tun, wie es bis heu­te immer wie­der in bestimm­ter Form auf­tritt.

Dabei steht im Mit­tel­punkt die Brauch­bar­keit und Nütz­lich­keit der Bil­dungs­in­hal­te für die jewei­li­ge Berufs­bio­gra­fie, dies sei ja im Inter­es­se eines gelun­ge­nen Lebens des Kin­des. Und hier­zu müs­sen vor allem die Erzie­her erzo­gen wer­den, ein ins­ge­samt grund­le­gen­der päd­ago­gi­scher Gedan­ke: Päd­ago­gik wen­det sich zual­ler­erst an die erwach­se­nen Erzieher/innen.

Der Brauch­bar­keit und Nütz­lich­keit für die Berufs­bio­gra­fie wer­den wei­te­re Bil­dungs­in­hal­te unter­ge­ord­net oder gar geop­fert, die­se kann man im Ver­lauf des Berufs­le­bens „ver­ges­sen“. Eben­so wird im Zuge der Aus­bil­dung der Arbeits­ge­sell­schaft der „Müßig­gang“ in der Schu­le bekämpft, eher soll­te schon in der Schu­le der Arbeits­rhyth­mus ein­ge­übt wer­den, man kann auch sagen: dem Kör­per in For­men von auto­ma­ti­schen Mus­tern des Ner­ven­sys­tems ein­ge­schrie­ben wer­den.

Die phil­an­thro­pi­sche Päd­ago­gik strebt am ehes­ten ein Gleich­ge­wicht des spon­ta­nen und rezep­ti­ven Bil­dungs­as­pek­tes an. Anhand ihrer wird aber auch sicht­bar, dass es ein wei­te­res Gegen­satz­paar beim Bil­dungs­be­griff gibt:

  •       umfas­sen­de Bil­dung vs.
  •        zweck­ori­en­tier­te Bil­dung.

Dies kann im Sin­ne der Phil­an­thro­pen durch­aus durch den Gegen­satz von (umfas­sen­der) Bil­dung vs. Aus­bil­dung aus­ge­drückt wer­den. Und die Aus­rich­tung auf „Aus­bil­dung“ bevor­zugt beim Men­schen Ver­stan­des­leis­tun­gen, die sein Han­deln auf Brauch­bar­keit und Nütz­lich­keit fokus­sie­ren.

Die Kri­tik Schlei­er­ma­chers man­geln­de Gesell­schafts­ana­ly­se

An der phil­an­thro­pi­schen Päd­ago­gik wur­de schon am Ende des 18. Jahr­hun­derts schar­fe Kri­tik geäu­ßert. Das geschah beson­ders deut­lich bei Fried­rich Schlei­er­ma­cher (1768-1834). Schlei­er­ma­chers Leis­tung wird manch­mal unter­schätzt, da er sich letzt­lich immer als evan­ge­li­scher Theo­lo­ge dem kul­tu­rel­len Gedächt­nis ein­ge­schrie­ben hat bzw. so ihm ein­ge­schrie­ben wor­den ist, tat­säch­lich war er aber einer der bedeu­tends­ten Phi­lo­so­phen sei­ner Zeit – und die ernst­haf­te Rezep­ti­on sei­ner phi­lo­so­phi­schen Wer­ke, die manch­mal arg knapp auf die The­sen sei­ner Vor­le­sun­gen, die er frei zu hal­ten pfleg­te, redu­ziert sind, beginnt erst seit gut 20 Jah­ren.

Öffent­lich star­te­te Schlei­er­ma­cher vor allem mit sei­ner reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­schen Schrift „Über die Reli­gi­on“, in der er unter roman­ti­schen Vor­zei­chen die Reli­gi­on neu inter­pre­tier­te – und so als Lebens­mög­lich­keit in der Moder­ne zu ver­tei­di­gen ver­such­te. Die­ser Ver­such ist aber umfas­send, er muss­te ent­spre­chend jeden­falls ansatz­wei­se eine ent­spre­chen­de phi­lo­so­phi­sche Theo­rie der Moder­ne ent­wi­ckeln. Natür­lich will Schlei­er­ma­cher nicht zei­gen, dass es zwin­gend sei, reli­gi­ös zu leben, aber eben doch gut mög­lich. Uns inter­es­sie­ren an die­ser Stel­le nur sei­ne Dar­le­gun­gen zur Bil­dung, die er ins­be­son­de­re in der drit­ten Rede „Über die Bil­dung zur Reli­gi­on“ (Reden 1799 [1984], 248ff) dar­ge­legt hat. In die­sen kon­kre­ten, auf das Reli­gi­ons­pro­blem bezo­ge­nen Erwä­gun­gen, steckt die all­ge­mei­ne Bil­dungs­auf­fas­sung Schlei­er­ma­chers.

googlebilder Schleiermacher, jungMit Schmer­zen sehe ich es täg­lich, wie die Wut des Ver­ste­hens den Sinn gar nicht aufkom­men lässt, und wie alles sich ver­ei­nigt, den Men­schen an das End­li­che und an einen sehr klei­nen Punkt des­sel­ben zu befes­ti­gen, damit das Unend­li­che ihm so weit als mög­lich aus den Augen gerückt wer­de… (252)

Der „Sinn“ fun­giert in den Reden als grund­le­gen­der Begriff. Die­ser „Sinn“ macht den Men­schen als Men­schen aus. Er nimmt die Wirk­lich­keit aus einer bestimm­ten Per­spek­ti­ve wahr. Da die Wirk­lich­keit als Gan­ze aber durch Bezie­hun­gen zuein­an­der ver­netzt ist, nimmt man per­spek­ti­visch die gesam­te Wirk­lich­keit wahr, der jeweils wahr­ge­nom­me­ne Aus­schnitt ver­weist durch­aus auf die gesam­te Wirk­lich­keit. „Sinn“ ver­weist also auf die mit­tels der Sin­ne per­spek­ti­visch wahr­ge­nom­me­ne gesam­te Wirk­lich­keit. Schlei­er­ma­cher zufol­ge gibt es in der Gesell­schaft vor allem zwei Sys­te­me, deren Auf­ga­be es ist, die­sen Sinn mög­lichst umfas­send zu erfas­sen und dar­zu­le­gen, das Wis­sen­schafts­sys­tem und das Reli­gi­ons­sys­tem. Dane­ben gibt es Schlei­er­ma­cher zufol­ge eine Ein­heit von Poli­tik- und Wirt­schafts­sys­tem sowie die „Freie Gesel­lig­keit“, für die zeit­ge­nös­sisch damals der Roman­ti­sche Salon steht. Die Kunst wird nicht als eige­nes Sys­tem ver­stan­den, son­dern sie gilt Schlei­er­ma­cher als bestimm­tes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um, das stär­ker oder schwä­cher in den Kom­mu­ni­ka­tio­nen der ande­ren Sys­te­me auf­tritt, stär­ker bei der Reli­gi­on, schwä­cher bei Wis­sen­schaft, Staat/Wirtschaft, stär­ker in der „Frei­en Gesel­lig­keit“.

Einspruch.org Pöttner

Abb. 1: Dar­stel­lung der vier grund­le­gen­den Sys­te­me jeder Gesell­schaft durch Schlei­er­ma­cher

Ergänzt und umschlos­sen wird die­se Vie­rer­kon­stel­la­ti­on durch das Fami­li­en­sys­tem und die über­grei­fen­de kon­ti­nen­ta­le kul­tu­rel­le Prä­gung, die Schlei­er­ma­cher noch „Ras­se“ nennt.

Je nach­dem, wel­chen Schwer­punkt man in der Vie­rer­kon­stel­la­ti­on im Lebens­lauf setzt, wird die Wahr­neh­mungs­per­spek­ti­ve anders geprägt. Setzt man stär­ker auf Politik/Wirtschaft, so betrach­tet man vie­le Ereig­nis­se stär­ker aus der Per­spek­ti­ve ihrer Mach­bar­keit, Nütz­lich­keit, Brauch­bar­keit. Hat man einen umfas­sen­den wis­sen­schaft­li­chen Blick, ver­sucht man dies zu erwei­tern: Wie ist die jewei­li­ge Mach­bar­keit eigent­lich begrün­det, wor­um geht es im Leben und im unend­li­chen Uni­ver­sum? Die Reli­gi­on sucht weni­ger nach Grün­den, son­dern schaut das Uni­ver­sum eher an, daher ist sie Schlei­er­ma­cher zufol­ge „Sinn und Geschmack fürs Unend­li­che“. Die „Freie Gesel­lig­keit“ orga­ni­siert dem­gen­über eher Spie­le, Kon­ver­sa­ti­ons- und Kunst­for­men, wie die ver­schie­de­nen Indi­vi­du­en in ihrer Ver­schie­den­heit kom­mu­ni­ka­tiv zuein­an­der fin­den kön­nen.

Die Gesell­schafts­dia­gno­se Schlei­er­ma­chers lau­tet auf­grund die­ser Über­le­gun­gen nun so, dass zu sei­ner Zeit im Kon­text der Nord­ame­ri­ka­ni­schen und Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on die Kom­bi­na­ti­on von Poli­tik- und Wirt­schafts­sys­tem im bür­ger­li­chen Zeit­al­ter die Füh­rung in der Gesell­schaft und damit auch in der Wahr­neh­mung der Indi­vi­du­en ein­ge­nom­men hat, die hier­durch stark vor­ge­prägt wird. Im Blick auf die reli­giö­se Bil­dung sagt er des­halb:

Die ver­stän­di­gen und prak­ti­schen Men­schen, die­se sind in dem jet­zi­gen Zustan­de der Welt das Gegen­ge­wicht gegen die Reli­gi­on, und ihr gro­ßes Über­ge­wicht ist die Ursa­che, war­um sie eine so dürf­ti­ge und unbe­deu­ten­de Rol­le spielt. Von der zar­ten Kind­heit an miss­han­deln sie den Men­schen und unter­drü­cken sein Stre­ben nach dem Höhe­ren. Mit gro­ßer Andacht kann ich der Sehn­sucht jun­ger Gemü­ter nach dem Wun­der­ba­ren und Über­na­tür­li­chen zuse­hen. Schon mit dem End­li­chen und Bestimm­ten zugleich suchen sie etwas ande­res, was sie ihm ent­ge­gen­set­zen kön­nen; auf allen Sei­ten grei­fen sie dar­nach, ob nicht etwas über die sinn­li­chen Erschei­nun­gen und ihre Geset­ze hin­aus­rei­che; und wie sehr auch ihre Sin­ne mit irdi­schen Gegen­stän­den ange­füllt wer­den, es ist immer, als hät­ten sie außer die­sen noch ande­re, wel­che ohne Nah­rung ver­ge­hen müss­ten. Das ist die ers­te Regung der Reli­gi­on. (252)

Den kon­kre­ten Punkt der Reli­gi­on kann man hier in unse­rem Zusam­men­hang ver­nach­läs­si­gen. Es geht Schlei­er­ma­cher um die Fest­le­gung der Wahr­neh­mung auf das Ver­stän­di­ge und Prak­ti­sche, was auch mit der „Wut des Ver­ste­hens“ gemeint ist. Mit den Miss­hand­lern sind vor allem die­je­ni­gen Men­schen gemeint, die den Rat­schlä­gen der phil­an­thro­pi­schen Päd­ago­gen fol­gen. Die Kon­zen­tra­ti­on auf das Ver­stän­di­ge und Prak­ti­sche drängt die Fan­ta­sie­leis­tun­gen der Kin­der zurück, die fan­tas­ti­sche Figu­ren des Unend­li­chen ersin­nen.

Was ist das Unend­li­che? Es ist das­je­ni­ge, was schon Spi­no­za damit gemeint hat­te: Jede Bestim­mung ist eine Ver­nei­nung. Dies bedeu­tet genau, wenn ich etwas bestim­me, dann ver­nei­ne ich alles ande­re. Spinoza googlebilderGleich­wohl exis­tiert das von mir Bestimm­te nur, weil es von allem ande­ren mit­be­stimmt ist. Mit­hin kann ich eigent­lich etwas nur genau bestim­men, wenn ich alles ande­re mit­be­stim­me – was aber in Unend­lich­keits- und Unüber­schau­bar­keits­pro­ble­me führt, weil alles, das mit­be­stimmt, wie­der von allem ande­ren mit­be­stimmt ist. Die­ser Sach­ver­halt wird Schlei­er­ma­cher zufol­ge eher gefühls­mä­ßig-indi­vi­du­ell im Reli­gi­ons­sys­tem erfasst und dort bild­lich sym­bo­li­siert. Die Wis­sen­schaft erfasst es mög­lichst genau begriff­lich-theo­re­tisch. Da es sich aber um Unend­lich­keitspro­ble­me han­delt, lässt sich dies nie abschlie­ßend genau in einem abge­schlos­se­nen Sys­tem dar­stel­len. Die Pra­xis in Poli­tik und Wirt­schaft muss – ver­steht sie sich rich­tig im unend­li­chen Uni­ver­sum –  die­sen unab­ge­schlos­se­nen Cha­rak­ter des Sys­tems stets mit­be­rück­sich­ti­gen.

Nach Schlei­er­ma­cher ist das aber im auf Brauch­bar­keit und Nütz­lich­keit aus­ge­rich­te­ten Sys­tem der Phil­an­thro­pen gera­de nicht der Fall. Gegen Armuts­be­kämp­fung und wirt­schaflti­chen Erfolg, auch die Ten­denz zur Demo­kra­tie ist selbst­ver­ständ­lich nichts ein­zu­wen­den. Aber dar­in steckt die fal­sche Idee einer Erfolgs­ge­schich­te, man arbei­tet zweck­ra­tio­nal auf die­se Zie­le hin – und alles wird gut. Aber gesteck­te Zie­le, die dann erreicht wer­den, sind immer nur Ele­men­te im Kon­text des immer noch kom­ple­xe­ren Unend­li­chen. Und die Phil­an­thro­pen über­se­hen ganz den Grund, war­um man über das vor­der­grün­dig leicht Sicht­ba­re den zweck­ra­tio­na­len Hand­lungs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­typ so ein­sei­tig in den Vor­der­grund rückt und alles zu ver­end­li­chen ver­sucht. In Wirk­lich­keit ist ja die Rea­li­tät dyna­misch und insta­bil, das hat sich in der Umori­en­tie­rung der Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se und den revo­lu­tio­nä­ren Erschüt­te­rung der jün­ge­ren Zeit gezeigt:

Wo nichts unter den mensch­li­chen Din­gen uner­schüt­tert bleibt; wo jeder gera­de das, was sei­nen Platz in der Welt bestimmt und ihn an die irdi­sche Ord­nung der Din­ge fes­selt, in jedem Augen­blick im Begriff sieht, nicht nur ihm zu ent­flie­hen und sich von einem ande­ren ergrei­fen zu las­sen, son­dern unter­zu­ge­hen im all­ge­mei­nen Stru­del; wo die einen kei­ne Anstren­gung ihrer Kräf­te scho­nen, und noch nach allen Sei­ten um Hil­fe rufen, um das­je­ni­ge fest­zu­hal­ten, was sie für die Angeln der Welt und der Gesell­schaft der Kunst und der Wis­sen­schaft hal­ten, die sich nun durch ein unbe­greif­li­ches Schick­sal wie von selbst aus ihren inners­ten Grün­den empor­he­ben, und fal­len las­sen, was sich so lan­ge um sie bewegt hat­te, und wo die ande­ren mit eben dem rast­lo­sen Eifer geschäf­tig sind, die Trüm­mer ein­ge­stürz­ter Jahr­hun­der­te aus dem Wege zu räu­men, um unter den ers­ten zu sein, die sich ansie­deln auf dem frucht­ba­ren Boden, der sich unter ihnen bil­det aus der schnell erkal­ten­den Lava des schreck­li­chen Vul­kans; wo jeder, auch ohne sei­ne Stel­le zu ver­las­sen, von den hef­ti­gen Erschüt­te­run­gen des Gan­zen so gewal­tig bewegt wird, dass er in dem all­ge­mei­nen Schwin­del froh sein muss, irgend­ei­nen ein­zel­nen Gegen­stand fest genug ins Auge zu fas­sen, um sich an ihn hal­ten und sich all­mäh­lich über­zeu­gen zu kön­nen, dass doch etwas noch ste­he; in einem sol­chen Zustan­de wäre es töricht zu erwar­ten, dass vie­le geschickt sein könn­ten, das Unend­li­che wahr­zu­neh­men. (249)

Die Idee, sich an das Brauch­ba­re und Nütz­li­che zu hal­ten, ist also ange­sichts der gesell­schaft­li­chen Erschüt­te­run­gen ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar. Aber hat man sich in die Berufs­bio­gra­fie ein­ge­klinkt, glaubt man, dies sei das Gan­ze und hält die­sen ein­zel­nen Punkt ganz fest, weil er einem ja Sicher­heit zu geben scheint.

Schlei­er­ma­chers Dia­gno­se hat sich als rich­tig erwie­sen. Die Berufs­bio­gra­fie und ihre Inte­gra­ti­ons­kraft in die Gesell­schaft war nicht bestän­dig, was sich ins­be­son­de­re an der offen­bar unaus­rott­ba­ren Arbeits­lo­sig­keit in unse­rem Gesell­schafts­sys­tem zeigt. Die gro­ße Armut etwa in Afri­ka stellt eine wei­te­re Her­aus­for­de­rung dar. Roman­tisch schon geahnt hat sich zudem seit dem Ende des 19. Jahr­hun­derts gezeigt, dass es öko­lo­gi­sche Rück­kopp­lungs­pro­zes­se der ent­spre­chen­den Wirt­schafts­form gibt, das so harm­los erschei­nen­de Koh­len­di­oxid kann eine Schicht in der Atmo­sphä­re bil­den, wel­che die Erwär­mung des Erd­kli­mas beför­dert. Die­ser Zustand wur­de um 1900 vom Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gen  Alfred Rus­sell Wal­lace theo­re­tisch weit­ge­hend zutref­fend erfasst, aber kaum jemand hat sich in den dar­auf fol­gen­den acht­zig Jah­ren dann mit sei­nen Ein­sich­ten befasst, vor allem führ­te die­ser Hin­weis auf das Unend­li­che bzw. die mög­li­che schäd­li­che Ver­end­li­chung des Unend­li­chen nicht zu einer ent­spre­chen­den Pra­xis in Poli­tik und Wirt­schaft.

googlebilder Russell WallaceDie­se Über­le­gun­gen zei­gen, was ein umfas­sen­der Bil­dungs­be­griff bzw. ein umfas­sen­des Bil­dungs­ver­stän­dis wie bei Schlei­er­ma­cher zu leis­ten ver­sucht. Er soll ermög­li­chen, dass sich der Mensch auch in den Zer­brech­lich­kei­ten der Moder­ne, in der kaum noch etwas tra­di­tio­nell vor­ge­ge­ben ist, zu ori­en­tie­ren ver­mag. Wenn das Leben recht beschau­lich und mit wenig Über­ra­schun­gen ver­läuft, genügt eine rela­tiv schma­le Ori­en­tie­rung auf das Erwart­ba­re hin. In der Moder­ne haben wir es aber stets mit Über­ra­schun­gen und Neu­ori­en­tie­run­gen zu tun. Das hängt damit zusam­men, dass wir die Gesell­schaft fak­tisch stets neu erzeu­gen und auch erzeu­gen müs­sen, sie ist dyna­misch, insta­bil und alles ande­re als sta­tisch. Nur die­je­ni­gen Bil­dungs­ver­ständ­nis­se sind daher erfolg­reich, die es den Men­schen erlau­ben, krea­tiv auf Über­ra­schun­gen zu reagie­ren. Daher muss nach Schlei­er­ma­cher bei aller Fest­le­gung auf bestimm­te End­lich­kei­ten immer der noch viel kom­ple­xe­re unend­li­che Hori­zont des End­li­chen bewusst gehal­ten wer­den, weil sich aus ihm ja noch immer ande­re Mög­lich­kei­ten ent­fal­ten kön­nen, alles kann immer auch anders sein – die­se Maxi­me des Aris­to­te­les bewährt sich Schlei­er­ma­cher zufol­ge auch für die Aus­bil­dung eines umfas­sen­den Bil­dungs­ver­ständ­nis­ses. So wich­tig die Berufs­bio­gra­fie also ist: Sie kann die­sen Unend­lich­keits­ho­ri­zont im All­tag nicht auf­sau­gen, die Über­ra­schun­gen, das Sich-immer-anders-ent­wi­ckeln-Kön­nen in der Gesell­schaft. Eine sol­che Sicht der Gesell­schaft und der Bil­dung wäre auch den öko­lo­gi­schen Risi­ken gewach­sen, weil stets bewusst wäre, dass es mög­li­che Wir­kun­gen unse­res wirt­schaft­li­chen Han­delns geben kann, die wir gera­de noch nicht über­schau­en, also müss­ten wir vor­sich­tig sein. Damit ist aber auch die Schwie­rig­keit eines der­ar­ti­gen Ansat­zes gege­ben, man hält das für Beden­ken­trä­ger­tum o. Ä. Und ori­en­tiert sich lie­ber an den Phil­an­thro­pen und ihrer Nütz­lich­keit und Brauch­bar­keit.