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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


20. Oktober 2011

Die „Pragmatische Maxime“ – eine kulturphilosophische Regel

Wir haben uns in der Sitzung vom 17.10. um ein ausreichendes Verständnis des allgemeinen und umfassenden Philosophieansatzes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der metaphysischen Probleme besprochen, das Peirce tatsächlich behandelt: die Gottesfrage, wobei Peirce viele allgemeine Äußerungen hinzuzieht, welche ihn anregen. Neben Traditionen von Judentum, Christentum und Islam spielen bei Peirce auch Neohinduideen eine nicht unbeachtliche Rolle. Dies war alles am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA bekennt und wurde kontrovers diskutiert.[1] Philosophie verarbeitet solche Traditionen und reflektiert sie kritisch darauf, ob sie Erfahrungsgehalte symbolisieren – oder ob man aufgrund solcher Bilder Erfahrungen machen kann. Welches Thema man metaphysisch durch allgemeine Unterstellungen angeht: Peirce hält nichts von geschmäcklerischen, vielleicht schöngeistigen Theoriedebatten, weil Theorien selbst durch Praxis gewonnen wurden, praktisch überprüft und ggf. dann verändert oder auch verworfen werden. Die pragmatistische Philosophie konzentriert sich mithin auf den kulturellen Kontext der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem klar wurde, dass die soziale Ausdifferenzierung der Wissenschaften sogenanntes „Wissen“ bereitstellt, das es ermöglicht, praktische Regeln zu entwerfen, die sich therapeutisch, pädagogisch und ökonomisch sehr gut bewährten. Das sind entweder Techniken oder Kunstlehren.

  • Um Techniken handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, die das angestrebte Ziel stets erreichen, also z. B. Glühbirnen produzieren, die immer dann leuchten, sofern man auf einen Schalter drückt (Th. A. Edison).
  • Um Kunstlehren handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, bei denen der Erfolg im Einzelfall nicht sicher ist, die mithin stets vom Einzelfall her angepasst werden müssen (etwa Pädagogik, Medizin).

Das ist keine typisch „amerikanische“ Entdeckung. Aber im amerikanischen Pragmatismus brachen sich – vermittelt durch den „Amerikanischen Transzendentalismus (Emerson, Thoreau, Fuller u. a.) die Ideen, die von den Frühromantiker/innen, Goethe, Schleiermacher und Humboldt stammen, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kontext der Demokratie verwiesen, der für das Verständnis der Werke von Peirce, James und Dewey sehr ausschlaggebemd ist, der natürlich in Deutschland in einem ernsthaften Sinn erst nach 1968 existierte, im Kern erst in den 1970er Jahren bestimmend wurde. Denn die Möglichkeiten politischer Freiheit setzten die Energien frei, welche ein Leben in Selbstbestimmung schön machen können. Das formuliert in der Unabhängigkeitserklärung die Rede vom „pursuit of happiness). Aber – so reflektiert die sogenannte „pragmatische Maxime“, welche praktische Folgen bzw. Wirkungen eine wissenschaftliche Theorie haben kann, sollte abgeschätzt werden.

Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jahren (z. B. Einleitung zu „Phänomenologie und Logik der Zeichen“) darauf verwiesen, dass Grundfragen des „Prinzips Verantwortung“ (Hans Jonas, ein Heideggerschüler) hier völlig klar formuliert werden. Wenn also zu den abgeschätzten möglichen Wirkungen solche gehören, die sittlich missbilligt werden müssen, ergeben sich konfliktreiche ethische Aufgaben. Wie ist z. B. eine demokratische Kontrolle der Wissenschaften möglich? Peirce setzt also darauf, dass neben der philosophischen Tätigkeit der Wissenschaftler/innen ein universaler Horizont in der Gesellschaft entsteht, der eben verantwortlich darüber entscheidet, welche technischen und kunstmäßigen Projekte durchgeführt werden – und welche besser unterlassen werden sollten, weil ihre Wirkungen die Möglichkeit der Freiheit negieren.

Der Europäische Gerichtshof (EGH) hat in dieser Woche in diesem Sinne eine entsprechende Entscheidung zur Stammzellenforschung getroffen, die den Wünschen und gedanklichen Ambitionen der Zivilgesellschaft in Teilen Europas entspricht – ein Beispiel für die Institutionalisierung solcher demokratischer Meinungsbildungsprozesse, die auch Peirce für notwendig hielt. Natürlich lässt sich ökonomisch besser mit (finanzieller und technischer) Industrieunterstützung forschen. Aber die hierzu erforderliche Patentierung von bestimmten praktisch hervorgerufenen Zellveränderungen widerspricht elementaren Prinzipien der Menschenrechte. Um dies zu verstehen, muss man nur allgemein gebildet sein, welches eine Voraussetzung von Demokratie im Sinne von Peirce und seinem Schüler Dewey ist.

  • Die in den Wissenschaften entworfenen Abduktionen (Hypothesen)
  • werden mithin deduktiv auf Überprüfungskontexte in der kunstmäßig oder technisch modellierten Erfahrung (etwa des Labors) bezogen,
  • wo sie auf ihre induktive Tauglichkeit in immer neuen Erfahrungen überprüft werden.

Die „pragmatische Maxime“ formuliert diesen durch und durch praktischen Zusammenhang. Und Handlungen gehören ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den negativen – und wie wir heute u. a. an der Klimakatastrophe und Fukushima sehen – fatalen Folgen des Erfolgs von Positivismus und Neopositivismus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ideen klar gemacht werden, aus dem Bereich der Ethik in einen angeblich „neutralen“ wissenschaftlichen Bereich transformiert haben, wo (was nicht so gerne zugegeben wird) letztlich kurzfristige ökonomische Interessen den Ausschlag geben, siehe den sich immer noch brüstenden Oliver Brüstle (Universität Bonn).

Logisch-semiotisch verhält es sich so: Das Ziel wäre eine Therapie für Parkinson. Die Abduktion lautet: Dieses Ziel kann durch gentechnologische Manipulation von Zellen „überzähliger Embryonen“ erreicht werden, weil sich hieraus geeignete Präparate gegen Parkinson gewinnen lassen. Deduktiv findet diese Manipulation seit drei Jahren oder mehr statt. Eine Überprüfung, die induktiv den Erfolg einigermaßen sicherstellen könnte, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Menschenrechte die Konsequenzen gezogen. Embryonen dürfen nicht als Mittel behandelt werden. Sie tragen die reale Möglichkeit des Menschseins in sich. Im positivistischen und neopositivistischen Kontext werden entsprechende elementare ethische Fragen bewusst ausgeklammert. Mithin sind die Ideen solcher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufolge unklar.

  • Warum?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hätte der Papst argumentiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jahren darauf verwiesen, dass die Philosophie durch eine derartige logisch-semiotische Subtilität gesellschaftliche Streitfragen klären helfen kann – und dadurch dazu beiträgt, die geistige „Umweltverschmutzung“ zu mildern. Das ist eine schöne Aufgabe der Philosophie.


[1] Es ist unbestritten, dass es auch Cowboys und Cowgirls gab. Sie waren kulturell aber weniger bedeutend, als das Genre „Western“ nahelegen könnte. Auch im Mittleren Westen und an der Frontier wurden philosophische Fragen diskutiert, wie man sich an dem Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Stil exemplarisch klar machen kann.

10. September 2011

Die Philosophie von Charles Peirce

Die Philosophie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktuell. Nach konservativer Meinung hat sich die Bundeskanzlerin als „Pragmatistin“ erwiesen, weil sie angesichts der „tagespolitischen Ereignisse“ (FAZ) von Fukushima ihre Haltung zur Kernenergie geändert hat – was entsprechende Konsequenzen hatte. Dabei ist ein Begriff von „Pragmatismus“ impliziert, der unterstellt, man setze politisch nur dasjenige durch, was sich angesichts von Widerständen gegenüber der Bevölkerung vertreten lasse. Aber auch im Sinne von Peirce war das eine „pragmatistische“ Entscheidung. Denn angesichts unabweisbarer Erfahrungen ließ sich feststellen, dass die Betreibung der Kernergie offensichtlich tödliche Folgen haben kann, mithin mit den Menschenrechten unvereinbar ist. Folglich ist das Betreiben der Kernergie in einem Land, das die Menschenrechte achtet, nicht weiter möglich.

Nicht nur diese Aktualität besteht, sondern Peirce bietet eine breite Themenpalette, von der wir im Kurs an der VHS Neckargemünd einige Themen besprechen wollen:

 

10.10. Wechselseitige Vorstellung und Kursplan

17.10. Leben und Werk

24.10. Die „pragmatische Maxime“

31.10. Der Primat der Ethik

07.11. Semiotik I

14.11. Semiotik II

21.11. Wahrnehmung und Erfahrung

28.11. Pragmatismus und Phänomenologie

05.12. Religionsphilosophie

12.12. Abschlussdiskussion

 

Aus der Perspektive der Teilnehmer/innen können diese Themen verändert werden. Bitte schreiben Sie mir hierzu eine E-Mail mit ihren Vorschlägen.

22. März 2011

Zurück zur gesellschaftlichen Dominanz des Mechanismus (VHs Neckargemünd)!

1               Erinnerung an den 21.03.2011

Der freie Wille wird bei den Pragmatisten im Rahmen der Demokratie und der Menschenrechte betrachtet, Mechanismen werden als Teil der Realität nicht geleugnet, aber weder das Universum noch die Gesellschaft sind Maschinen. Tatsächlich sind alle möglichen Beziehungen zu den beiden Nervensystemen, zu „I“ und „Me“ und zu den zukünftigen Folgen meiner Willenshandlungen zu betrachten. Sind die Widerstände auf den jeweiligen Ebenen zu groß, besteht eben kein freier Wille. Dieser zeigt sich stets öffentlich und körperlich, wo für das Individuum auch entsprechende Widerstandsphänomene auftreten. (more…)

16. März 2011

Alles anders als angenommen

Atombusen der Bundeskanzlerin

Atombusen der Bundeskanzlerin

Die Bundeskanzlerin hat am Montag im Bundeskanzleramt in der Gegenwart des Vizekanzlers zwar eine in der Sache weitgehend abwegige Erklärung abgegeben, für den aufmerksamen Beobachter gab es aber kleinere Nebenbemerkungen und Gesichtsbewegungen, die aufhorchen bzw. aufmerken ließen. (more…)

11. März 2011

Der „Alleszermalmer“ Kant hatte eine konstruktive Idee

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Nach meiner Überzeugung hat die aristotelische Auffassung des Willens, die in ein umfassendes Ethikkonzept, das auch gesellschaftstheoretisch argumentiert, eingebettet ist, einen der wesentlichen Beiträge auch zum „freien“ Willen erbracht. Die Einschränkungen des freien Willens liegen vor allem in emotionalen, sozialen und biotischen Zwängen, die mehr oder weniger unüberwindbare Widerstände zu sein scheinen. Die Ethik des Aristoteles ist eine Güterethik, Tugenden und Pflichten sind dieser zugeordnet, sie erläutern, wie ein Gut erbracht wird.

Insofern lässt sich die Auffassung des Aristoteles so fassen:

 

„Ich will, dass in Zukunft mein Ziel der Fall ist.“ (more…)

19. Februar 2011

Freiheitstexte (Vhs Neckargemünd 28.02.2011)

Aristoteles: „Indes gehören zum Glück doch auch die äußeren Güter, wie wir gesagt haben. Denn es ist unmöglich, zum mindesten nicht leicht, durch edle Taten zu glänzen, wenn man über keine Hilfsmittel verfügt. Lässt sich doch vieles nur mithilfe von Freunden, von Geld und politischem Einfluss, also gleichsam durch Werkzeuge, erreichen.“ (Nikomachische Ethik) (more…)

15. Dezember 2010

Kritik der Zukunft (Vhs Neckargemünd)

… who is society? There is no such thing! There are individual men and women and there are families and no government can do anything except through people and people look to themselves first. It is our duty to look after ourselves and then also to help look after our neighbour and life is a reciprocal business and people have got the entitlements too much in mind without the obligations …

http://www.margaretthatcher.org/document/106689 (more…)

12. November 2010

Geldgier 1 – die Hauptleidenschaft bei Karl-Heinz Brodbeck

Uni Zürich, Prof. Dr. Ernst Fehr, Geldgier

Kapitel 5.1, aber auch das gesamte Kapitel 5 unterstellen, dass die Menschen global im Wesentlichen, wenn auch mit Intensitätsunterschieden, durch dieselbe Leidenschaft bestimmt sind, es handelt sich um die Geldgier. Diese wird durch den sozialen Kontakt mit der „Geldrechnung“, mithin mittels einer konkreten Lebenspraxis bestimmt. Es handelt sich also nicht einfach um eine anthropologische Grundkonstante, sondern diese Leidenschaft und ihre hohe Stellung unter allen Leidenschaften wird durch gesellschaftliche Gewöhnung erzeugt. Sie prägt immer stärker unsere Verhältnisse, die Brodbeck als „Ich-Du-Es-Beziehungen“ charakterisiert. (more…)

20. August 2010

Die Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte des jungen Karl Marx

Dieser Kurs des Philosophiekreises Heidelberg befasst sich mit der frühen Philosophie von Karl Marx. Auch die Marx-Engels-Werke haben relativ spät diese Texte aufgenommen. Sie ergeben einen eher anderen Blick auf das Werk von Marx, ­als dieser immer noch gewöhnlich ist. Natürlich ist auch Thema des Kurses, ob Marx’ Auffassung unter heutigen Bedingungen überhaupt noch etwas besagt – ist nicht „Entfremdung“ eher etwas, dass beispielsweise unsere „Einsamkeit“ oder die Bedrohung durch den „Konsumterror“ betrifft? (more…)

7. August 2010

Wissenschaftstheorie IV – Wissenschaftskritik

Ich beschränke mich auf die ausführliche und exemplarische Erläuterung eines Modells, das aber wesentliche Aspekte auch der Kritik an den Wissenschaften, insbesondere an den mathematisch gestützten Naturwissenschaften enthält, die als Prototypen dessen, was „Wissenschaft“ sei, angesehen werden. Es geht um Positionen der frühen „Kritischen Theorie“. Wenn Sie Zeit und Lust haben, können Sie im Blog meine Darstellungen der phänomenologischen Wissenschaftskritik an der Position von Thomas Fuchs verfolgen: http://alltagundphilosophie.com/2009/08/30/der-ansatz-von-thomas-fuchs/ ; http://alltagundphilosophie.com/2009/05/31/thomas-fuchs-kritik-an-bestimmten-vertretern-der-gehirnforschung-und-sein-eigener-entwurf/. In der frühen „Kritischen Theorie“ werden die wesentlichen Argumente genannt. Das Vorgehen von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno lässt sich mit Grundeinsichten verbinden, die in den bisherigen Sitzungen schon erarbeitet worden sind.

Die „Frankfurter Schule“ bzw. die „Kritische Theorie“ gruppierte sich vor 1933 und nach 1945 um das „Institut für Sozialforschung“ an der Universität Frankfurt. Die führenden Intellektuellen Max Horkheimer und Theodor Wiesengrund Adorno erlebten im amerikanischen Exil keine intellektuelle Inspiration, sondern verblieben in ihren deutschen Traditionen. Die wichtigste war diejenige des frühen Marx, der die bürgerlichen Ideale hoch schätzte, aber markierte, dass sie nur einer kleinen Minderheit zugänglich waren und so die Arbeiter entmenschlicht würden. Insofern war die frühe Kritische Theorie ein Wiederaufleben der Humboldt-Schleiermacherschen Universität unter Berücksichtigung einer genaueren Analyse des Kapitalismus.

Dies ändert sich mit der Einsicht in den „industriell“ betriebenen Massenmord an den europäischen Juden. (more…)