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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


4. Dezember 2009

Erinnerung an den 30.11. — Vhs Neckargemünd

Die Sit­zung befass­te sich zum gro­ßen Teil mit Pro­ble­men der letz­ten Sit­zung, weil jetzt kla­rer gewor­den war, dass es meh­re­re mög­li­che Betrach­tungs­wei­sen bio­ti­scher Pro­zes­se gibt. Schon Bau­er, stär­ker aber Hoff­mey­er unter­stel­len, dass der ein­zel­ne Pro­zess nur im Kon­text der gesam­ten Pro­zes­se im Orga­nis­mus ver­stan­den wer­den kann, wes­halb Hoff­mey­er eine semio­ti­sche Ver­net­zung der ein­zel­nen Pro­zes­se unter­stellt.

Dabei stößt man auf Unend­lich­keits­pro­ble­me und Unschär­fen, es wird deut­li­cher, dass auch wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis stets nur vor­läu­fi­gen Wert hat – mit­hin also in Zukunft ver­bes­sert, wider­legt und gege­be­nen­falls nur leicht modi­fi­ziert bestä­tigt wird. Dem­ge­gen­über sug­ge­rie­ren Ver­tre­ter wie Daw­kins, dass wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis einen wesent­li­chen Schlüs­sel fin­den müs­se, mit dem man das gesam­te Schloss auf­schlie­ßen kön­ne, ihm zu Fol­ge geht dies mit der Meta­pher des „ego­is­ti­schen Gens“. Soll­ten die neue­ren For­schun­gen im Recht sein, ist die­se meta­pho­ri­sche Dra­pie­rung des Orga­nis­mus hin­fäl­lig. Wenn das Genom den Pro­zess der Onto­ge­ne­se nicht deter­mi­nie­ren kann, hängt die gan­ze Kon­struk­ti­on des „ego­is­ti­schen Gens“ in der Luft.

Aber falls es unver­meid­lich Unend­lich­keits­pro­ble­me und Unschär­fen gibt, war­um soll man dann über­haupt das Phä­no­men des Gan­zen the­ma­ti­sie­ren – und sich nicht auf die Erkennt­nis von Ein­zel­sach­ver­hal­ten beschrän­ken? Weil das Ein­zel­ne nur im Gesamt­zu­sam­men­hang ange­mes­sen erkannt wer­den kann. Jede Erkennt­nis ist dann aber zumin­dest mit einem hypo­the­tisch-abduk­ti­ven Rest ver­bun­den, sodass gera­de die Hand­lun­gen, die auf einer sol­chen Erkennt­nis beru­hen, stets revi­dier­bar sein müs­sen. Das gilt nicht nur für den Bereich der Medi­zin, son­dern auch für die Berei­che der Poli­tik und der Wirt­schaft. U. a. aus die­sem Grund ist die Demo­kra­tie prin­zi­pi­ell ande­ren Staats­for­men über­le­gen, wird aber stets zu unter­mi­nie­ren ver­sucht.

Dadurch wird nicht auf ein­mal alles bes­ser, wohl aber ist seit dem 16. Jahr­hun­dert doch eini­ges bes­ser gewor­den. Die Demo­kra­tie erzwingt nicht sitt­li­ches oder ver­nünf­ti­ges Han­deln, wohl aber ist sie in der Lage durch Rechts­set­zung sank­ti­ons­be­wehr­te Erwar­tungs­si­cher­heit in bestimm­ten Berei­chen her­zu­stel­len. Daher wur­de seit eini­gen Jah­ren an bestimm­ten Aspek­ten des Grund­ge­set­zes gear­bei­tet, um die­se zu ver­än­dern – zumeist hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der­ar­ti­ge Geset­ze als zumin­dest teil­wei­se ver­fas­sungs­wid­rig erklärt. Die moder­ne Demo­kra­tie funk­tio­niert also nicht ohne das­je­ni­ge Recht, wel­ches seit der euro­päi­schen und nord­ame­ri­ka­ni­schen Auf­klä­rung Gestalt annimmt. Gera­de die Finanz­kri­se hat mus­ter­haft gezeigt, dass das Grund­ge­setz mit den Arti­keln 14 und 15 auch schwie­ri­gen Situa­tio­nen gewach­sen ist.

Wer also hohe sitt­li­che Ansprü­che hat, muss sich in der Demo­kra­tie selbst dafür ein­set­zen, dass die­se auch wirk­sam wer­den.

Das Pro­blem der prä­dik­ti­ven Medi­zin besteht bei mul­ti­fak­to­ri­el­len Krank­hei­ten wie Dia­be­tes mel­li­tus in der Wahr­schein­lich­keits­rech­nung. Soll­te ein Mensch zwei Eltern mit die­ser Krank­heit besit­zen, beträgt die sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit 50 %, dass er die­se auch bekommt. Und sie beträgt 50 %, dass er sie nicht bekommt. Was tun? Hier ver­bin­det sich das kon­kre­te Pro­blem mit dem zuvor erör­ter­ten Pro­blem. Wie geht man eigent­lich mit höchst unschar­fen Ein­sich­ten um? Da Wahr­schein­lich­kei­ten nichts über den tat­säch­li­chen Ver­lauf beim ein­zel­nen Men­schen aus­sa­gen, ist hier höchs­te Zurück­hal­tung gebo­ten – so wie es auch der Bun­des­tag beschlos­sen hat.

24. November 2009

Erinnerung an den 23.11. – Vhs Neckargemünd

Der Kurs hat mit dem Ken­nen­ler­nen der Posi­ti­on von Jesper Hoff­mey­er 2008 das Pan­ora­ma ver­schie­de­ner Posi­tio­nen been­det. Auch Bau­er 2008 hat ein nicht ganz schwa­ches Sen­so­ri­um für die Pro­ble­me der Bio­se­mio­tik, beschei­det sich aber lie­ber mit For­mu­lie­run­gen, wie „das Gehirn schal­tet ein bio­lo­gi­sches Signal an“. Die Semio­tik ist seit gut 130 Jah­ren die­je­ni­ge all­ge­mei­ne phi­lo­so­phi­sche und wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin, die es erlaubt, die oft anschei­nend gegen­ein­an­der agie­ren­den wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen zu ver­ei­nen. Lei­der geht sie sogar auf die klas­si­sche grie­chi­sche Phi­lo­so­phie und Medi­zin, die Stoa und die gro­ßen mit­tel­al­ter­li­chen Dis­kur­se zurück, ganz zu schwei­gen von moder­nen kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Errun­gen­schaf­ten. Daher wird sie oft abge­lehnt, wie­so soll man das jetzt auch noch machen, weil man mit sei­nem klas­sisch-phy­si­ka­lisch-mecha­nis­ti­schen Dis­zi­pli­nen­be­stand irgend­wie zufrie­den ist und nicht so ger­ne wei­ter­fra­gen möch­te. Dem­ge­gen­über steht aber die Tat­sa­che, dass es dadurch kei­ne wis­sen­schaft­li­che Auf­fas­sung der Ganz­heit der Pro­zes­se des Lebens gibt. Die empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten sto­ßen frei­lich nicht sel­ten auf Phä­no­me­ne wie die Rezep­to­ren, wel­che schwer­lich anders inter­pre­tiert wer­den kön­nen, als dass es sich um Aspek­te eines semio­ti­schen Sys­tems han­delt, wobei sol­che Sys­te­me Bot­schaf­ten über­mit­teln, die mehr oder weni­ger gut ver­stan­den wer­den, was für Hoff­mey­er nicht unwe­sent­lich ist. Schon die Arbeit Jakob von Uex­külls hat­te schlich­te Vor­stel­lun­gen wie (angeb­li­che) Reiz-Reak­ti­ons-Pro­zes­se eher rela­ti­viert:

Tie­ri­sche Lebe­we­sen unter­schei­den sich … von Maschi­nen durch die Unvor­her­seh­bar­keit ihres Ver­hal­tens. Reiz und Reak­ti­on sind nicht fixiert gekop­pelt wie die Bewe­gung einer Mimo­se bei Berüh­rung ihrer Blät­ter, son­dern nur schwach gekop­pelt; das heißt, Rei­ze lösen kein fixier­tes Ver­hal­ten aus, son­dern modu­lie­ren eine vor­han­de­ne Eigen­ak­ti­vi­tät, sodass nur die Wahr­schein­lich­keit für ein bestimm­tes Ver­hal­ten des Lebe­we­sens modi­fi­ziert wird. Signa­le kön­nen intern ver­stärkt, mit ande­ren Signa­len ver­gli­chen und vor allem gespei­chert wer­den: Die Varia­bi­li­tät der inne­ren Sys­tem­zu­stän­de erlaubt es, dass in die Trans­for­ma­ti­ons­re­geln für ein­tref­fen­de Rei­ze die jeweils vor­aus­ge­hen­den Ope­ra­tio­nen mit ein­ge­hen – das Grund­prin­zip von Gedächt­nis. Dazu tre­ten schon auf ein­fa­chen Lebens­stu­fen spon­ta­ne Ver­hal­tens­wei­sen, die vom Lebe­we­sen initi­iert, und deren Resul­tat in der Umwelt von ihm bewer­tet wer­den kön­nen.“ (Fuchs 2008, 113)

Auch Fuchs bezieht sich grund­le­gend auf die Bio­se­mio­tik von Uex­külls 1928. Etwa der Auf­bau von Gedächt­nis ist ein phy­sio­lo­gi­scher Vor­gang, der dann Bedeu­tun­gen von erleb­ten Ereig­nis­sen gene­rie­ren kann Wie für Hoff­mey­er ist für Fuchs die Maschi­nen­me­ta­pher in der Bio­lo­gie gänz­lich fehl am Plat­ze. Hoff­mey­er geht aber ins­ge­samt wei­ter als Fuchs und ver­sucht, den Men­schen von der Ein­zel­zel­le zum Orga­nis­mus als Kon­ti­nu­um zu ver­ste­hen, wel­ches durch Zei­chen­aus­tausch und Kom­mu­ni­ka­ti­on kon­sti­tu­iert sei. Die­ser baut sich schwar­mähn­lich und kei­nes­wegs unchao­tisch von unten nach oben auf. Mit­hin wird der onto­ge­ne­ti­sche Pro­zess des Orga­nis­mus kei­nes­wegs durch das Genom deter­mi­niert.

Die Fra­ge des Genoms wird schon gut 50 Jah­re semio­tisch behan­delt – und Hoff­mey­er zieht an sich nur die Kon­se­quen­zen. Beein­dru­ckend ist sei­ne Peirce­in­ter­pre­ta­ti­on in Hoff­mey­er 2005, die teil­wei­se auch phi­lo­so­phisch ihres­glei­chen sucht. Ins­be­son­de­re die Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin hät­te nach mei­nem Ein­druck gro­ßen Anlass ihre Annah­men auf die­ser Grund­la­ge wei­ter zu ent­wi­ckeln. Mög­li­cher­wei­se erhält sie dadurch lang­fris­tig eine höhe­re wis­sen­schaft­li­che Aner­ken­nung.

Die Semio­tik ist bis­her die ein­zi­ge Dis­zi­plin, wel­che die ver­schie­de­nen Sphä­ren, in denen sich Men­schen und ande­re Lebe­we­sen bewe­gen, über­grei­fend beschrei­ben kann. Sie kann auch Schein­de­bat­ten beschrei­ben, wie: Muss man „Bot­schaft“ oder „Infor­ma­ti­on“ sagen? Je nach Kon­text wird „Bot­schaft“ und „Infor­ma­ti­on“ mit ver­schie­de­nen Sinn­ge­hal­ten oder Regeln ver­wen­det. Natür­lich könn­te man ande­ren vor­schrei­ben: Du darfst nur „Bot­schaft“ sagen! Das ist aber von einer zen­tra­len Domi­nanz abhän­gig. Peirce hat das selbst ver­sucht, durch­zu­set­zen, ist damit aber trotz eini­ger Bemü­hun­gen nicht rezi­piert wor­den. Inso­fern sind wir lei­der auch bei wis­sen­schaft­lich anspruchs­vol­len und phi­lo­so­phi­schen Tex­ten auf unse­re von Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz gepräg­te Inter­pre­ta­ti­ons­kom­pe­tenz ange­wie­sen. Die Welt ist nicht ein­för­mig, son­dern plu­ral und dyna­misch. Daher benö­ti­gen wir Krea­ti­vi­tät, um die ver­schie­de­nen semio­ti­schen Regeln bzw. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­geln zu erfas­sen. Zu der ent­spre­chen­den Geduld möch­te ich sie ein wenig ermu­ti­gen.

Hoff­mey­er zeigt, dass in der Erwach­se­nen­bil­dung auch die Unend­lich­keits­as­pek­te der Bil­dung im aller­mo­derns­ten Kon­text nicht aus­ge­blen­det wer­den müs­sen. Wir müs­sen hier nur das Grund­prin­zip ver­ste­hen, jede/r soll­te nach Inter­es­se hier wei­ter­ma­chen und tie­fer gra­ben.—

21. November 2009

Molekularbiologie und Genetik aus semiotischer Sicht — Jesper Hoffmeyer

Jesper Hoffmeyer ist ein dänischer Biosemiotiker, lehrt an der Universität Kopenhagen und hat neben größeren Werken zu diesem Thema (vor allem Hoffmeyer 2005 als großartige Zusammenfassung und Präzisierung) auch den entsprechenden Artikel Hoffmeyer 2008 in Thure von Uexküll 2008 geschrieben. 

Jesper Hoffmeyer *1949

In der Biosemiotik folgt er meistens Jakob von Uexküll 1928. Daneben gibt es aber auch klassische Studien von Roman Jakobson und Thomas A. Sebeok aus den 1970er Jahren, vor allem aber auch eine Peirce-Rezeptionsschiene, die sich bei Thure von Uexküll 2008 auch in der Grundlegung der Psychosomatischen Medizin findet. Dort finden Sie auch weitere, reiche Literaturangaben.

Grundlegend ist die Interpretation der Vererbung als semiotisches Phänomen:

„Da lebende Systeme sterblich sind, muss ihr Überleben eher durch semiotische als durch physikalische Mittel sichergestellt werden. Vererbung ist semiotisches Überleben, d. h. Überleben durch eine Botschaft, die im Genom einer winzigen Zelle enthalten ist, dem befruchteten Ei sich geschlechtlich reproduzierender Spezies.“ (Hoffmeyer 2008, 97; H. v. M. P.) (more…)

14. November 2009

Der Beitrag von Bauer 2008 zu einer nachdarwinistischen Biologie

Joa­chim Bau­er ist Psy­cho­so­ma­ti­ker in Frei­burg. Er hat aber in der Mole­ku­lar­bio­lo­gie und der Neu­ro­bio­lo­gie geforscht – und ent­wi­ckelt nun all­mäh­lich eine eige­ne Theo­rie, Joachim Bauerdie u. a. auf For­schun­gen von James Shapi­ro in den USA beruht. Aus­gangs­punkt sind die im Kurs bespro­che­nen Arbei­ten von Bar­ba­ra McClin­tock. Bau­er hat es sich zur Auf­ga­be gesetzt, die grund­le­gen­den Unter­stel­lun­gen Dar­wins infra­ge zu stel­len.

Der Kern der klas­si­schen, aber auch der moder­nen, ‚New Syn­the­sis‘ genann­ten dar­wi­nis­ti­schen Posi­ti­on bil­det … die Annah­me, neue Spe­zi­es ent­stün­den, indem Geno­me einer kon­ti­nu­ier­li­chen, lang­sa­men und gra­du­el­len Ver­än­de­rung durch Muta­tio­nen aus­ge­setzt sei­en, die nach dem Zufalls­prin­zip auf­tre­ten. Muta­tio­nen sind Ver­än­de­run­gen im ‚Text‘ der Erb­sub­stanz DNA, die sich dar­aus erge­ben, dass ein Ein­zel­bau­stein der DNA durch einen ande­ren ersetzt wur­de. (more…)

31. Oktober 2009

Transpositionselemente – Die Entdeckung Barbara McClintocks

In den 1940er Jah­ren stell­te Bar­ba­ra McClin­tock fest, dass die Gene nicht alle fest im Erb­gut ver­an­kert lie­gen, son­dern sie konn­te zei­gen, dass es soge­nann­te „sprin­gen­de Gene“ gibt, die mit­hin ihren Ort und damit auch die Struk­tur des Genoms ver­än­dern. Eng­lisch hei­ßen die­se popu­lär abge­kürzt trans­po­sons für trans­po­sable ele­ments, auf Deutsch wird von Trans­po­si­ti­ons­ele­men­ten gespro­chen.

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Wohl auch durch eige­ne Pro­ble­me mit der ver­ständ­li­chen Dar­stel­lung ihrer Expe­ri­men­te an Mais­pflan­zen, vor allem aber wegen der Neu­heit und unge­wöhn­li­chen Sicht­wei­se ihrer Auf­fas­sung wur­de ihre Posi­ti­on in der sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty höchs­tens als „ver­rückt“ klas­si­fi­ziert, zumeist aber ganz tot­ge­schwie­gen. Aller­dings stell­te sich bei For­schun­gen jen­seits von Mais her­aus, dass es auch anders­wo so etwas geben muss, sodass McClin­tocks Theo­rie schließ­lich aner­kannt wur­de und sie 1983 den Nobel­preis in Medi­zin bzw. Phy­sio­lo­gie erhielt. Aus der Nobel­preis­re­de hier die Ein­lei­tungs­pas­sa­ge, wel­che die wesent­li­che The­se ihrer For­schun­gen knapp zusam­men­fasst: (more…)

27. Oktober 2009

Erinnerung an den 26.10. – Vhs Neckargemünd

Im Vor­der­grund der Sit­zung stan­den Ver­ständ­nis­pro­ble­me und das Kon­zept von Charles Dar­win. Wie­so haben wir Matu­rana und Daw­kins bespro­chen? Ging es nicht um das Ver­hält­nis von „sys­te­misch“ vs. „nicht-sys­te­misch“? Der Sys­tem­be­griff wird seit der Anti­ke ver­wen­det. In der neue­ren Zeit prägt der Sys­tem­be­griff weit­hin phi­lo­so­phi­sche und wis­sen­schaft­li­che Begriff­lich­kei­ten. Sys­te­me bil­den stets Ele­men­te und Rela­tio­nen (Bezie­hun­gen) aus. Die durch die Rela­tio­nen bestimm­te Gestalt des Sys­tems wird als Struk­tur bezeich­net. Eine sol­che Struk­tur kann als mecha­nis­tisch begrif­fen wer­den, dann sind die Sys­te­me Maschi­nen – wie bei Daw­kins im Gefol­ge einer bedeu­ten­den Tra­di­ti­on seit Des­car­tes. Hier gel­ten sehr star­ke induk­ti­ve oder deduk­ti­ve Regeln, wel­che die Sta­bi­li­tät des Sys­tems erzeu­gen – bei Daw­kins erschaf­fen bei­spiels­wei­se die Gene sol­che „Maschi­nen“. Seit der deut­schen Früh­ro­man­tik und dem Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus wird die­ser Mecha­nis­mus deut­lich kri­ti­siert. Hier ten­die­ren die Sys­te­me dazu, auto­po­ie­tisch zu wer­den, d. h., sie sind so ange­legt, dass sie sich in jedem Voll­zug von Ele­men­ten und Rela­tio­nen im Kon­text ihrer Umwelt auf sich selbst bezie­hen und sich selbst erzeu­gen. Das gilt für bio­ti­sche, psy­chi­sche und sozia­le Sys­te­me. So auch Matu­rana. Dadurch wer­den die Betrach­tungs­wei­sen ungleich kom­ple­xer. Die Sys­tem-Umwelt-Dif­fe­renz ist dann nicht nach der einen oder ande­ren Sei­te ganz ein­deu­tig und leicht fest­zu­le­gen. Sol­che auto­po­ie­ti­schen Sys­te­me gel­ten als selbst­re­fe­ren­zi­ell-geschlos­sen. D. h., ihr Selbst­be­zug bestimmt, wie Ener­gie und Infor­ma­ti­on im Sys­tem selbst inter­pre­tiert bzw. bewer­tet sowie gestal­tet wer­den. Als bekann­tes Bei­spiel geht Tho­mas Fuchs 2008, 111, auf das Eisen ein:

Lebe­we­sen las­sen sich zunächst als kom­ple­xe Kör­per oder Sys­te­me auf­fas­sen, die sich bei fort­wäh­ren­dem Wech­sel ihres Stof­fes in ihrer Form und Struk­tur durch die Zeit hin­durch erhal­ten. Dabei ist die­se Erhal­tung als akti­ve Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on oder Auto­po­ie­se (Matu­rana u. Vare­la 1987) zu begrei­fen, denn die Form des Orga­nis­mus lässt den Stoff nicht ein­fach durch sich hin­durch­strö­men wie die Form eines Stru­dels das Fluss­was­ser, son­dern sie unter­wirft ihn ihrem eige­nen Prin­zip und Zweck, bin­det ihn ein und ver­wan­delt ihn. Dabei gewinnt der Stoff neue, ‚emer­gen­te‘ Eigen­schaf­ten, die ihm nur im sys­te­mi­schen Zusam­men­hang des Orga­nis­mus zukom­men. So ver­hält sich das im Hämo­glo­bin gebun­de­ne Eisen grund­le­gend anders als mine­ra­lisch vor­kom­men­des Eisen: Es oxi­diert nicht irrever­si­bel, son­dern es ist in der Lage, Sauer­stoff rever­si­bel zu bin­den, was eine ent­schei­den­de Vor­aus­set­zung des tie­ri­schen Ener­gie­haus­halts dar­stellt.“

Die Poin­te liegt hier dar­auf, dass die „inne­ren“ che­mi­schen Eigen­schaf­ten des Eisens im Hämo­glo­bin ande­re sind als die­je­ni­gen des mine­ra­li­schen Eisens in der Umwelt. Wie schon frü­her dis­ku­tiert, gilt das dann auch für soge­nann­te Ursa­che-Wir­kungs­be­zie­hun­gen, die nicht ein­fach von „außen“ nach „innen“ unun­ter­bro­chen ver­lau­fen, son­dern durch den selbst­re­fe­ren­zi­el­len Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zess des Sys­tems ent­spre­chend modi­fi­ziert wer­den. Bei einer schlich­ten und ganz ein­för­mi­gen Gestalt der Wirk­lich­keit soll­te so etwas nicht auf­tre­ten. Hier soll­te man erwar­ten dür­fen, dass Eisen über­all die glei­chen che­mi­schen Eigen­schaf­ten hat. Aber die Wirk­lich­keit ist kom­plex und viel­ge­stal­tig. Dar­auf reagie­ren u. a. auto­poe­ti­sche Sys­tem­theo­ri­en.

Nach mei­ner Wahr­neh­mung zeig­te sich noch­mals deut­lich, dass vie­le Teilnehmer/innen es schwer akzep­tie­ren kön­nen, dass Wissenschaftler/innen kei­nes­wegs ohne Bil­der oder Model­le arbei­ten, die nicht schlicht den beob­ach­te­ten Sach­ver­hal­ten ent­nom­men sind – son­dern die­se Sach­ver­hal­te auf die eine oder ande­re Wei­se inter­pre­tie­ren, Daw­kins mit dem mäch­ti­gen Bild der Maschi­ne. In die­sem Sinn gibt es kei­ne „vor­ur­teils­freie Wis­sen­schaft“. Wie u. a. im Gefol­ge des Prag­ma­tis­mus gezeigt wur­de, ist nicht nur die Erläu­te­rung wis­sen­schaft­li­cher Ergeb­nis­se für soge­nann­te „Lai­en“ an All­tags­spra­che und deren Bil­der gebun­den. Dies gilt selbst­ver­ständ­lich auch für die Aus­bil­dung wis­sen­schaft­li­cher Hypo­the­sen und Theo­ri­en.

Dar­wins Evo­lu­ti­ons­theo­rie unter­stellt einen Drei­schritt:

  1. Die grund­le­gen­de Ver­än­de­rung wird durch eine Zufalls­va­ria­ti­on bei der Ver­er­bung erklärt.
  2. Über eine lan­ge Zeit­dau­er muss sich eine der­ar­ti­ge Ver­än­de­rung bewäh­ren.
  3. Über den schließ­li­chen evo­lu­tio­nä­ren Erfolg ent­schei­det die natür­li­che Selek­ti­on im Exis­tenz­kampf (strugg­le for exis­tence) unter Umwelt­be­din­gun­gen.

Wie schon im 19. Jahr­hun­dert sehr kri­tisch dis­ku­tiert wur­de, ent­stammt die Idee und das Leit-Bild für den drit­ten Aspekt aus der Öko­no­mie. Also auch hier nicht ein­fach eine vor­ur­teils­freie Betrach­tung der vor­han­de­nen Abwei­chun­gen, son­dern die Kon­struk­ti­on gro­ßer natur­ge­schicht­li­cher Zusam­men­hän­ge vor dem Hin­ter­grund eines aus der Öko­no­mie ent­nom­me­nen Bil­des. Wie Mal­thus’ Über­be­völ­ke­rungs­theo­rie ist Dar­wins Punkt 3 daher auf jeden Fall eine mecha­nis­ti­sche Theo­rie. Punkt 1 ist aller­dings sehr viel kom­ple­xer zu sehen, hier wird der Mecha­nis­mus viel­leicht durch­bro­chen. Pech für Dar­win: Mal­thus’ Theo­rie ist zwei­fel­los falsch, was schon zu Leb­zei­ten Dar­wins immer­hin behaup­tet wur­de (etwa: Ricar­do).

17. Oktober 2009

Was sind „Gene“? Und wie hängen sie mit der biotischen und kulturellen Evolution zusammen?

Die ers­te Fra­ge: „Was sind Gene?“ kön­nen im Detail sicher die Medi­zi­ner im Kurs bes­ser beant­wor­ten als ich, dar­auf freue ich mich. Ich wer­de dazu nur ganz weni­ge grund­le­gen­de Punk­te nen­nen. Die zwei­te Fra­ge wer­de ich ganz kurz abhan­deln, weil das sozu­sa­gen auf der Hand liegt.

1               Was sind „Gene“?

Die „Gene“ stel­len Abschnit­te „auf der Des­oxy­ri­bo­nu­kle­in­säu­re (DNA)“ dar, „wel­che die Grund­in­for­ma­tio­nen zur Her­stel­lung einer bio­lo­gisch akti­ven Ribo­nu­kle­in­säu­re (RNA)“ ent­hal­ten. „Bei die­sem Her­stel­lungs­pro­zess (Tran­skrip­ti­on genannt) wird eine Nega­tiv­ko­pie in Form der RNA her­ge­stellt. Es gibt ver­schie­de­ne RNAs, die bekann­tes­te ist die mRNA, von der wäh­rend der Trans­la­ti­on ein Pro­te­in über­setzt wird. Die­ses Pro­te­in über­nimmt im Kör­per eine ganz spe­zi­fi­sche Funk­ti­on, die auch als Merk­mal bezeich­net wer­den kann. All­ge­mein wer­den Gene daher als Erb­an­la­ge oder Erb­fak­tor bezeich­net, da sie die Trä­ger von Erb­in­for­ma­ti­on sind, die durch Repro­duk­ti­on an die Nach­kom­men wei­ter­ge­ge­ben wer­den.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Gen – durch Kli­cken kom­men Sie zu den jewei­li­gen Erläu­te­run­gen auf Wiki­pe­dia.)

Ein „Gen“ sieht sche­ma­tisch so aus:

300px-Gene

Abbil­dung 5: Gen auf der DNA bzw. DNS (Quel­le: Art. „Gen“, Wiki­pe­dia)

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10. Oktober 2009

II – Vhs Neckargemünd">Gene und Evolution II – Vhs Neckargemünd

Die Gen­de­bat­te gäbe es nicht, wenn es kei­ne Wis­sen­schaf­ten gäbe. Nun betrifft die­se Debat­te aber min­des­tens zwei phi­lo­so­phi­sche Grund­fra­gen, jeden­falls wenn Phi­lo­so­phie sich als Lie­be zur Weis­heit ver­steht, wor­in ja der grie­chi­sche Wort­sinn von Phi­lo­so­phie (φιλοσοφία [phi­lo­so­phia]) besteht. Die Lie­be zur Weis­heit fragt in die­sem Kon­text min­des­tens:

  • Was ist der Mensch? – Spe­zi­fi­scher: Wer bin ich selbst? Wer sind wir selbst?
  • Wie ist alles zu ver­ste­hen?
  • Wie wol­len wir leben?

Daw­kins gibt uns dar­auf die Ant­wort: Wir sind auf­grund unse­rer Gene „Chi­ca­go­er Gangs­ter“, die sich aber viel­leicht altru­is­tisch beleh­ren las­sen, dass sie ihre ego­is­ti­schen Zie­le nur mit die­ser altru­is­ti­schen Mas­kie­rung errei­chen kön­nen. Das sind ziem­lich deut­li­che Ant­wor­ten auf die Fra­gen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wol­len wir leben?“

Matu­rana sieht das ganz anders. Aber auch sei­ne Ant­wor­ten sind von den Fra­gen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wol­len wir leben?“ bestimmt. Das bio­ti­sche Sein des Men­schen vor dem Hin­ter­grund des grund­le­gen­den Gen­ma­te­ri­als ist durch Lie­be bestimmt. Dage­gen kann man sich weh­ren, ins­be­son­de­re die sprach­li­che Anfer­ti­gung von Beschrei­bun­gen kann uns dazu brin­gen, ande­re aus­zu­gren­zen und die ande­ren Men­schen nicht alle­samt als gleich­wer­tig anzu­se­hen.

Wie die fol­gen­de Abbil­dung 3 zu zei­gen ver­sucht, gibt es sehr vie­le ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten Phi­lo­so­phie zu betrei­ben, sich auf ver­schie­de­ne Wis­sen­schafts­ty­pen zu bezie­hen, auch auf den All­tag. (more…)

3. Oktober 2009

Gene und Evolution – philosophisch betrachtet

Am 05.10. beginnt in Neckar­ge­münd im Prinz-Karl-Gebäu­de um 19.30 Uhr der neue phi­lo­so­phi­sche Kurs in der VHs.

Den Text zur ers­ten Sit­zung fin­den Sie hier.

26. Mai 2009

Brutaler Mord an einem Ehepaar und das Problem der Freiheit – Thomas Fuchs zu Felix D. und Torben B., Tessin, Mecklenburg

Das  Böse“- gibt es das über­haupt? [1] Han­delt es sich nicht um eine Fik­ti­on, die wir wis­sen­schaft­lich erle­di­gen kön­nen, wenn wir wis­sen, wie es zu bestimm­ten Hand­lun­gen kommt, die wir gewöhn­lich als „böse“ bezeich­nen? Natür­lich beob­ach­tet man in den Mas­sen­me­di­en bei Amok­läu­fen wie zuletzt in Win­nen­den ein Ent­set­zen, hier ließ sich kei­ne leich­te Erklä­rung fin­den, sieht man davon ab, dass der Vater des Täters gegen die Waf­fen­ge­set­ze ver­sto­ßen hat. In Foren konn­te man gele­gent­lich sehr schnel­le psy­cho­lo­gi­sche Fern­dia­gno­sen lesen. Mann oder Frau ver­sucht, der­ar­ti­ge Ereig­nis­se induk­tiv unter eine schon bekann­te Regel zu brin­gen, das Ent­set­zen ist dann jeden­falls eini­ger­ma­ßen ordent­lich „wis­sen­schaft­lich“ zu erfas­sen.

Tho­mas Fuchs wen­det sich die­ser Fra­ge anhand eines u. a. auch mas­sen­me­di­al kom­mu­ni­zier­ten Fal­les zu:

An einem Sams­tag­abend im Janu­ar 2007 klin­geln der 17-jäh­ri­ge Felix D. und sein gleich­alt­ri­ger Freund Tor­ben B. an einer Haus­tür in Tes­sin, ihrem klei­nen meck­len­bur­gi­schen Hei­mat­dorf. Der Bewoh­ner öff­net, er kennt die bei­den seit lan­gem aus der Nach­bar­schaft, es sind freund­li­che und höf­li­che Jun­gen aus intak­ten Fami­li­en. Doch da ruft Felix ‚Reno!‘, das ist das Code­wort zum Los­schla­gen. Die bei­den Jun­gen zie­hen ihre mit­ge­brach­ten Mes­ser und hal­ten sie dem Mann an die Keh­le mit den Wor­ten: ‚Auf die Knie!‘ Er wehrt sich und erfasst ein Mes­ser, doch da las­sen die Ein­dring­lin­ge alle Hem­mun­gen fah­ren und ste­chen blind­lings auf ihn ein. Wäh­rend er im Todes­kampf zu Boden geht, stür­men die 17-Jäh­ri­gen die Trep­pe hoch, tref­fen auf die Ehe­frau des Man­nes, die sie mit ins­ge­samt 62 Mes­ser­sti­chen töten. Als sie spä­ter noch röchelt, sticht Felix sie noch ein­mal in den Kopf, um sie end­gül­tig zu töten. Der Sohn des Ehe­paa­res ent­geht nur knapp dem Blut­rausch, weil es ihm gelingt, in Todes­angst in sei­nem Zim­mer ein­ge­sperrt die Poli­zei zu benach­rich­ti­gen, die das Paar schließ­lich stellt und zur Auf­ga­be zwingt. Weder Alko­hol, Dro­gen oder eine psy­chi­sche Krank­heit noch Feind­schaft gegen­über den Opfern erklä­ren die Tat; es hät­te eben­so belie­bi­ge ande­re im Dorf tref­fen kön­nen.“ (172)

  • Nach einer kur­zen Skiz­zie­rung die­ses Gesche­hens stellt Fuchs zunächst all­ge­mein die Fra­ge nach „dem Bösen“, wobei er sich nicht zuletzt an den „mythi­schen“ Erzäh­lun­gen in 1. Mose (Gene­sis) 2 bis 4 (Para­dies­sto­ry, Kain und Abel) ori­en­tiert, hier­bei erör­tert er auch ver­schie­de­ne Ansich­ten, die „das Böse“ natur­wis­sen­schaft­lich (u. a. sozio­bio­lo­gisch, sozi­al­dar­wi­nis­tisch, evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch) erklä­ren wol­len (S. 173-186 [1]).
  • Danach erör­tert Fuchs den kon­kre­ten Fall (S. 186-190 [2]).
  • Abschlie­ßend gibt Fuchs einen „Aus­blick“, in dem das Ver­hält­nis von „dem Bösen“ und der „Frei­heit“ (S. 190-194 [3]) noch­mals prä­zi­siert wird.

Die­ser Auf­satz setzt rela­tiv aktu­ell an und führt die­se Aktua­li­tät auf psych­ia­tri­sche und phi­lo­so­phi­sche Grund­fra­gen zurück, die wir hier auch schon im Kon­text der Posi­ti­on Fuchs‘ bespro­chen haben. Anhand der kri­ti­schen Bespre­chung die­ses Arti­kels sol­len auch Grund­struk­tu­ren von Fuchs‘ Ansatz und häu­fig wie­der­keh­ren­de Argu­men­te deut­lich wer­den. (more…)