Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


4. Dezember 2009

Erinnerung an den 30.11. — Vhs Neckargemünd

Die Sitzung befasste sich zum großen Teil mit Problemen der letzten Sitzung, weil jetzt klarer geworden war, dass es mehrere mögliche Betrachtungsweisen biotischer Prozesse gibt. Schon Bauer, stärker aber Hoffmeyer unterstellen, dass der einzelne Prozess nur im Kontext der gesamten Prozesse im Organismus verstanden werden kann, weshalb Hoffmeyer eine semiotische Vernetzung der einzelnen Prozesse unterstellt.

Dabei stößt man auf Unendlichkeitsprobleme und Unschärfen, es wird deutlicher, dass auch wissenschaftliche Erkenntnis stets nur vorläufigen Wert hat – mithin also in Zukunft verbessert, widerlegt und gegebenenfalls nur leicht modifiziert bestätigt wird. Demgegenüber suggerieren Vertreter wie Dawkins, dass wissenschaftliche Erkenntnis einen wesentlichen Schlüssel finden müsse, mit dem man das gesamte Schloss aufschließen könne, ihm zu Folge geht dies mit der Metapher des „egoistischen Gens“. Sollten die neueren Forschungen im Recht sein, ist diese metaphorische Drapierung des Organismus hinfällig. Wenn das Genom den Prozess der Ontogenese nicht determinieren kann, hängt die ganze Konstruktion des „egoistischen Gens“ in der Luft.

Aber falls es unvermeidlich Unendlichkeitsprobleme und Unschärfen gibt, warum soll man dann überhaupt das Phänomen des Ganzen thematisieren – und sich nicht auf die Erkenntnis von Einzelsachverhalten beschränken? Weil das Einzelne nur im Gesamtzusammenhang angemessen erkannt werden kann. Jede Erkenntnis ist dann aber zumindest mit einem hypothetisch-abduktiven Rest verbunden, sodass gerade die Handlungen, die auf einer solchen Erkenntnis beruhen, stets revidierbar sein müssen. Das gilt nicht nur für den Bereich der Medizin, sondern auch für die Bereiche der Politik und der Wirtschaft. U. a. aus diesem Grund ist die Demokratie prinzipiell anderen Staatsformen überlegen, wird aber stets zu unterminieren versucht.

Dadurch wird nicht auf einmal alles besser, wohl aber ist seit dem 16. Jahrhundert doch einiges besser geworden. Die Demokratie erzwingt nicht sittliches oder vernünftiges Handeln, wohl aber ist sie in der Lage durch Rechtssetzung sanktionsbewehrte Erwartungssicherheit in bestimmten Bereichen herzustellen. Daher wurde seit einigen Jahren an bestimmten Aspekten des Grundgesetzes gearbeitet, um diese zu verändern – zumeist hat das Bundesverfassungsgericht derartige Gesetze als zumindest teilweise verfassungswidrig erklärt. Die moderne Demokratie funktioniert also nicht ohne dasjenige Recht, welches seit der europäischen und nordamerikanischen Aufklärung Gestalt annimmt. Gerade die Finanzkrise hat musterhaft gezeigt, dass das Grundgesetz mit den Artikeln 14 und 15 auch schwierigen Situationen gewachsen ist.

Wer also hohe sittliche Ansprüche hat, muss sich in der Demokratie selbst dafür einsetzen, dass diese auch wirksam werden.

Das Problem der prädiktiven Medizin besteht bei multifaktoriellen Krankheiten wie Diabetes mellitus in der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sollte ein Mensch zwei Eltern mit dieser Krankheit besitzen, beträgt die statistische Wahrscheinlichkeit 50 %, dass er diese auch bekommt. Und sie beträgt 50 %, dass er sie nicht bekommt. Was tun? Hier verbindet sich das konkrete Problem mit dem zuvor erörterten Problem. Wie geht man eigentlich mit höchst unscharfen Einsichten um? Da Wahrscheinlichkeiten nichts über den tatsächlichen Verlauf beim einzelnen Menschen aussagen, ist hier höchste Zurückhaltung geboten – so wie es auch der Bundestag beschlossen hat.

24. November 2009

Erinnerung an den 23.11. – Vhs Neckargemünd

Der Kurs hat mit dem Kennenlernen der Position von Jesper Hoffmeyer 2008 das Panorama verschiedener Positionen beendet. Auch Bauer 2008 hat ein nicht ganz schwaches Sensorium für die Probleme der Biosemiotik, bescheidet sich aber lieber mit Formulierungen, wie „das Gehirn schaltet ein biologisches Signal an“. Die Semiotik ist seit gut 130 Jahren diejenige allgemeine philosophische und wissenschaftliche Disziplin, die es erlaubt, die oft anscheinend gegeneinander agierenden wissenschaftlichen Disziplinen zu vereinen. Leider geht sie sogar auf die klassische griechische Philosophie und Medizin, die Stoa und die großen mittelalterlichen Diskurse zurück, ganz zu schweigen von modernen kulturwissenschaftliche Errungenschaften. Daher wird sie oft abgelehnt, wieso soll man das jetzt auch noch machen, weil man mit seinem klassisch-physikalisch-mechanistischen Disziplinenbestand irgendwie zufrieden ist und nicht so gerne weiterfragen möchte. Demgegenüber steht aber die Tatsache, dass es dadurch keine wissenschaftliche Auffassung der Ganzheit der Prozesse des Lebens gibt. Die empirischen Wissenschaften stoßen freilich nicht selten auf Phänomene wie die Rezeptoren, welche schwerlich anders interpretiert werden können, als dass es sich um Aspekte eines semiotischen Systems handelt, wobei solche Systeme Botschaften übermitteln, die mehr oder weniger gut verstanden werden, was für Hoffmeyer nicht unwesentlich ist. Schon die Arbeit Jakob von Uexkülls hatte schlichte Vorstellungen wie (angebliche) Reiz-Reaktions-Prozesse eher relativiert:

„Tierische Lebewesen unterscheiden sich … von Maschinen durch die Unvorhersehbarkeit ihres Verhaltens. Reiz und Reaktion sind nicht fixiert gekoppelt wie die Bewegung einer Mimose bei Berührung ihrer Blätter, sondern nur schwach gekoppelt; das heißt, Reize lösen kein fixiertes Verhalten aus, sondern modulieren eine vorhandene Eigenaktivität, sodass nur die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten des Lebewesens modifiziert wird. Signale können intern verstärkt, mit anderen Signalen verglichen und vor allem gespeichert werden: Die Variabilität der inneren Systemzustände erlaubt es, dass in die Transformationsregeln für eintreffende Reize die jeweils vorausgehenden Operationen mit eingehen – das Grundprinzip von Gedächtnis. Dazu treten schon auf einfachen Lebensstufen spontane Verhaltensweisen, die vom Lebewesen initiiert, und deren Resultat in der Umwelt von ihm bewertet werden können.“ (Fuchs 2008, 113)

Auch Fuchs bezieht sich grundlegend auf die Biosemiotik von Uexkülls 1928. Etwa der Aufbau von Gedächtnis ist ein physiologischer Vorgang, der dann Bedeutungen von erlebten Ereignissen generieren kann Wie für Hoffmeyer ist für Fuchs die Maschinenmetapher in der Biologie gänzlich fehl am Platze. Hoffmeyer geht aber insgesamt weiter als Fuchs und versucht, den Menschen von der Einzelzelle zum Organismus als Kontinuum zu verstehen, welches durch Zeichenaustausch und Kommunikation konstituiert sei. Dieser baut sich schwarmähnlich und keineswegs unchaotisch von unten nach oben auf. Mithin wird der ontogenetische Prozess des Organismus keineswegs durch das Genom determiniert.

Die Frage des Genoms wird schon gut 50 Jahre semiotisch behandelt – und Hoffmeyer zieht an sich nur die Konsequenzen. Beeindruckend ist seine Peirceinterpretation in Hoffmeyer 2005, die teilweise auch philosophisch ihresgleichen sucht. Insbesondere die Psychosomatische Medizin hätte nach meinem Eindruck großen Anlass ihre Annahmen auf dieser Grundlage weiter zu entwickeln. Möglicherweise erhält sie dadurch langfristig eine höhere wissenschaftliche Anerkennung.

Die Semiotik ist bisher die einzige Disziplin, welche die verschiedenen Sphären, in denen sich Menschen und andere Lebewesen bewegen, übergreifend beschreiben kann. Sie kann auch Scheindebatten beschreiben, wie: Muss man „Botschaft“ oder „Information“ sagen? Je nach Kontext wird „Botschaft“ und „Information“ mit verschiedenen Sinngehalten oder Regeln verwendet. Natürlich könnte man anderen vorschreiben: Du darfst nur „Botschaft“ sagen! Das ist aber von einer zentralen Dominanz abhängig. Peirce hat das selbst versucht, durchzusetzen, ist damit aber trotz einiger Bemühungen nicht rezipiert worden. Insofern sind wir leider auch bei wissenschaftlich anspruchsvollen und philosophischen Texten auf unsere von Frustrationstoleranz geprägte Interpretationskompetenz angewiesen. Die Welt ist nicht einförmig, sondern plural und dynamisch. Daher benötigen wir Kreativität, um die verschiedenen semiotischen Regeln bzw. Kommunikationsregeln zu erfassen. Zu der entsprechenden Geduld möchte ich sie ein wenig ermutigen.

Hoffmeyer zeigt, dass in der Erwachsenenbildung auch die Unendlichkeitsaspekte der Bildung im allermodernsten Kontext nicht ausgeblendet werden müssen. Wir müssen hier nur das Grundprinzip verstehen, jede/r sollte nach Interesse hier weitermachen und tiefer graben.—

21. November 2009

Molekularbiologie und Genetik aus semiotischer Sicht — Jesper Hoffmeyer

Jesper Hoffmeyer ist ein dänischer Biosemiotiker, lehrt an der Universität Kopenhagen und hat neben größeren Werken zu diesem Thema (vor allem Hoffmeyer 2005 als großartige Zusammenfassung und Präzisierung) auch den entsprechenden Artikel Hoffmeyer 2008 in Thure von Uexküll 2008 geschrieben. 

Jesper Hoffmeyer *1949

In der Biosemiotik folgt er meistens Jakob von Uexküll 1928. Daneben gibt es aber auch klassische Studien von Roman Jakobson und Thomas A. Sebeok aus den 1970er Jahren, vor allem aber auch eine Peirce-Rezeptionsschiene, die sich bei Thure von Uexküll 2008 auch in der Grundlegung der Psychosomatischen Medizin findet. Dort finden Sie auch weitere, reiche Literaturangaben.

Grundlegend ist die Interpretation der Vererbung als semiotisches Phänomen:

„Da lebende Systeme sterblich sind, muss ihr Überleben eher durch semiotische als durch physikalische Mittel sichergestellt werden. Vererbung ist semiotisches Überleben, d. h. Überleben durch eine Botschaft, die im Genom einer winzigen Zelle enthalten ist, dem befruchteten Ei sich geschlechtlich reproduzierender Spezies.“ (Hoffmeyer 2008, 97; H. v. M. P.) (more…)

14. November 2009

Der Beitrag von Bauer 2008 zu einer nachdarwinistischen Biologie

Joachim Bauer ist Psychosomatiker in Freiburg. Er hat aber in der Molekularbiologie und der Neurobiologie geforscht – und entwickelt nun allmählich eine eigene Theorie, Joachim Bauerdie u. a. auf Forschungen von James Shapiro in den USA beruht. Ausgangspunkt sind die im Kurs besprochenen Arbeiten von Barbara McClintock. Bauer hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die grundlegenden Unterstellungen Darwins infrage zu stellen.

„Der Kern der klassischen, aber auch der modernen, ‚New Synthesis‘ genannten darwinistischen Position bildet … die Annahme, neue Spezies entstünden, indem Genome einer kontinuierlichen, langsamen und graduellen Veränderung durch Mutationen ausgesetzt seien, die nach dem Zufallsprinzip auftreten. Mutationen sind Veränderungen im ‚Text‘ der Erbsubstanz DNA, die sich daraus ergeben, dass ein Einzelbaustein der DNA durch einen anderen ersetzt wurde. (more…)

31. Oktober 2009

Transpositionselemente – Die Entdeckung Barbara McClintocks

In den 1940er Jahren stellte Barbara McClintock fest, dass die Gene nicht alle fest im Erbgut verankert liegen, sondern sie konnte zeigen, dass es sogenannte „springende Gene“ gibt, die mithin ihren Ort und damit auch die Struktur des Genoms verändern. Englisch heißen diese populär abgekürzt transposons für transposable elements, auf Deutsch wird von Transpositionselementen gesprochen.

WF-barbara-mcclintock

Wohl auch durch eigene Probleme mit der verständlichen Darstellung ihrer Experimente an Maispflanzen, vor allem aber wegen der Neuheit und ungewöhnlichen Sichtweise ihrer Auffassung wurde ihre Position in der scientific community höchstens als „verrückt“ klassifiziert, zumeist aber ganz totgeschwiegen. Allerdings stellte sich bei Forschungen jenseits von Mais heraus, dass es auch anderswo so etwas geben muss, sodass McClintocks Theorie schließlich anerkannt wurde und sie 1983 den Nobelpreis in Medizin bzw. Physiologie erhielt. Aus der Nobelpreisrede hier die Einleitungspassage, welche die wesentliche These ihrer Forschungen knapp zusammenfasst: (more…)

27. Oktober 2009

Erinnerung an den 26.10. – Vhs Neckargemünd

Im Vordergrund der Sitzung standen Verständnisprobleme und das Konzept von Charles Darwin. Wieso haben wir Maturana und Dawkins besprochen? Ging es nicht um das Verhältnis von „systemisch“ vs. „nicht-systemisch“? Der Systembegriff wird seit der Antike verwendet. In der neueren Zeit prägt der Systembegriff weithin philosophische und wissenschaftliche Begrifflichkeiten. Systeme bilden stets Elemente und Relationen (Beziehungen) aus. Die durch die Relationen bestimmte Gestalt des Systems wird als Struktur bezeichnet. Eine solche Struktur kann als mechanistisch begriffen werden, dann sind die Systeme Maschinen – wie bei Dawkins im Gefolge einer bedeutenden Tradition seit Descartes. Hier gelten sehr starke induktive oder deduktive Regeln, welche die Stabilität des Systems erzeugen – bei Dawkins erschaffen beispielsweise die Gene solche „Maschinen“. Seit der deutschen Frühromantik und dem Amerikanischen Transzendentalismus wird dieser Mechanismus deutlich kritisiert. Hier tendieren die Systeme dazu, autopoietisch zu werden, d. h., sie sind so angelegt, dass sie sich in jedem Vollzug von Elementen und Relationen im Kontext ihrer Umwelt auf sich selbst beziehen und sich selbst erzeugen. Das gilt für biotische, psychische und soziale Systeme. So auch Maturana. Dadurch werden die Betrachtungsweisen ungleich komplexer. Die System-Umwelt-Differenz ist dann nicht nach der einen oder anderen Seite ganz eindeutig und leicht festzulegen. Solche autopoietischen Systeme gelten als selbstreferenziell-geschlossen. D. h., ihr Selbstbezug bestimmt, wie Energie und Information im System selbst interpretiert bzw. bewertet sowie gestaltet werden. Als bekanntes Beispiel geht Thomas Fuchs 2008, 111, auf das Eisen ein:

„Lebewesen lassen sich zunächst als komplexe Körper oder Systeme auffassen, die sich bei fortwährendem Wechsel ihres Stoffes in ihrer Form und Struktur durch die Zeit hindurch erhalten. Dabei ist diese Erhaltung als aktive Selbstorganisation oder Autopoiese (Maturana u. Varela 1987) zu begreifen, denn die Form des Organismus lässt den Stoff nicht einfach durch sich hindurchströmen wie die Form eines Strudels das Flusswasser, sondern sie unterwirft ihn ihrem eigenen Prinzip und Zweck, bindet ihn ein und verwandelt ihn. Dabei gewinnt der Stoff neue, ‚emergente‘ Eigenschaften, die ihm nur im systemischen Zusammenhang des Organismus zukommen. So verhält sich das im Hämoglobin gebundene Eisen grundlegend anders als mineralisch vorkommendes Eisen: Es oxidiert nicht irreversibel, sondern es ist in der Lage, Sauerstoff reversibel zu binden, was eine entscheidende Voraussetzung des tierischen Energiehaushalts darstellt.“

Die Pointe liegt hier darauf, dass die „inneren“ chemischen Eigenschaften des Eisens im Hämoglobin andere sind als diejenigen des mineralischen Eisens in der Umwelt. Wie schon früher diskutiert, gilt das dann auch für sogenannte Ursache-Wirkungsbeziehungen, die nicht einfach von „außen“ nach „innen“ ununterbrochen verlaufen, sondern durch den selbstreferenziellen Interpretationsprozess des Systems entsprechend modifiziert werden. Bei einer schlichten und ganz einförmigen Gestalt der Wirklichkeit sollte so etwas nicht auftreten. Hier sollte man erwarten dürfen, dass Eisen überall die gleichen chemischen Eigenschaften hat. Aber die Wirklichkeit ist komplex und vielgestaltig. Darauf reagieren u. a. autopoetische Systemtheorien.

Nach meiner Wahrnehmung zeigte sich nochmals deutlich, dass viele Teilnehmer/innen es schwer akzeptieren können, dass Wissenschaftler/innen keineswegs ohne Bilder oder Modelle arbeiten, die nicht schlicht den beobachteten Sachverhalten entnommen sind – sondern diese Sachverhalte auf die eine oder andere Weise interpretieren, Dawkins mit dem mächtigen Bild der Maschine. In diesem Sinn gibt es keine „vorurteilsfreie Wissenschaft“. Wie u. a. im Gefolge des Pragmatismus gezeigt wurde, ist nicht nur die Erläuterung wissenschaftlicher Ergebnisse für sogenannte „Laien“ an Alltagssprache und deren Bilder gebunden. Dies gilt selbstverständlich auch für die Ausbildung wissenschaftlicher Hypothesen und Theorien.

Darwins Evolutionstheorie unterstellt einen Dreischritt:

  1. Die grundlegende Veränderung wird durch eine Zufallsvariation bei der Vererbung erklärt.
  2. Über eine lange Zeitdauer muss sich eine derartige Veränderung bewähren.
  3. Über den schließlichen evolutionären Erfolg entscheidet die natürliche Selektion im Existenzkampf (struggle for existence) unter Umweltbedingungen.

Wie schon im 19. Jahrhundert sehr kritisch diskutiert wurde, entstammt die Idee und das Leit-Bild für den dritten Aspekt aus der Ökonomie. Also auch hier nicht einfach eine vorurteilsfreie Betrachtung der vorhandenen Abweichungen, sondern die Konstruktion großer naturgeschichtlicher Zusammenhänge vor dem Hintergrund eines aus der Ökonomie entnommenen Bildes. Wie Malthus’ Überbevölkerungstheorie ist Darwins Punkt 3 daher auf jeden Fall eine mechanistische Theorie. Punkt 1 ist allerdings sehr viel komplexer zu sehen, hier wird der Mechanismus vielleicht durchbrochen. Pech für Darwin: Malthus’ Theorie ist zweifellos falsch, was schon zu Lebzeiten Darwins immerhin behauptet wurde (etwa: Ricardo).

17. Oktober 2009

Was sind „Gene“? Und wie hängen sie mit der biotischen und kulturellen Evolution zusammen?

Die erste Frage: „Was sind Gene?“ können im Detail sicher die Mediziner im Kurs besser beantworten als ich, darauf freue ich mich. Ich werde dazu nur ganz wenige grundlegende Punkte nennen. Die zweite Frage werde ich ganz kurz abhandeln, weil das sozusagen auf der Hand liegt.

1               Was sind „Gene“?

Die „Gene“ stellen Abschnitte „auf der Desoxyribonukleinsäure (DNA)“ dar, „welche die Grundinformationen zur Herstellung einer biologisch aktiven Ribonukleinsäure (RNA)“ enthalten. „Bei diesem Herstellungsprozess (Transkription genannt) wird eine Negativkopie in Form der RNA hergestellt. Es gibt verschiedene RNAs, die bekannteste ist die mRNA, von der während der Translation ein Protein übersetzt wird. Dieses Protein übernimmt im Körper eine ganz spezifische Funktion, die auch als Merkmal bezeichnet werden kann. Allgemein werden Gene daher als Erbanlage oder Erbfaktor bezeichnet, da sie die Träger von Erbinformation sind, die durch Reproduktion an die Nachkommen weitergegeben werden.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Gen – durch Klicken kommen Sie zu den jeweiligen Erläuterungen auf Wikipedia.)

Ein „Gen“ sieht schematisch so aus:

300px-Gene

Abbildung 5: Gen auf der DNA bzw. DNS (Quelle: Art. „Gen“, Wikipedia)

(more…)

10. Oktober 2009

Gene und Evolution II – Vhs Neckargemünd

Die Gendebatte gäbe es nicht, wenn es keine Wissenschaften gäbe. Nun betrifft diese Debatte aber mindestens zwei philosophische Grundfragen, jedenfalls wenn Philosophie sich als Liebe zur Weisheit versteht, worin ja der griechische Wortsinn von Philosophie (φιλοσοφία [philosophia]) besteht. Die Liebe zur Weisheit fragt in diesem Kontext mindestens:

  • Was ist der Mensch? – Spezifischer: Wer bin ich selbst? Wer sind wir selbst?
  • Wie ist alles zu verstehen?
  • Wie wollen wir leben?

Dawkins gibt uns darauf die Antwort: Wir sind aufgrund unserer Gene „Chicagoer Gangster“, die sich aber vielleicht altruistisch belehren lassen, dass sie ihre egoistischen Ziele nur mit dieser altruistischen Maskierung erreichen können. Das sind ziemlich deutliche Antworten auf die Fragen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wollen wir leben?“

Maturana sieht das ganz anders. Aber auch seine Antworten sind von den Fragen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wollen wir leben?“ bestimmt. Das biotische Sein des Menschen vor dem Hintergrund des grundlegenden Genmaterials ist durch Liebe bestimmt. Dagegen kann man sich wehren, insbesondere die sprachliche Anfertigung von Beschreibungen kann uns dazu bringen, andere auszugrenzen und die anderen Menschen nicht allesamt als gleichwertig anzusehen.

Wie die folgende Abbildung 3 zu zeigen versucht, gibt es sehr viele verschiedene Möglichkeiten Philosophie zu betreiben, sich auf verschiedene Wissenschaftstypen zu beziehen, auch auf den Alltag. (more…)

3. Oktober 2009

Gene und Evolution – philosophisch betrachtet

Am 05.10. beginnt in Neckargemünd im Prinz-Karl-Gebäude um 19.30 Uhr der neue philosophische Kurs in der VHs.

Den Text zur ersten Sitzung finden Sie hier.

26. Mai 2009

Brutaler Mord an einem Ehepaar und das Problem der Freiheit – Thomas Fuchs zu Felix D. und Torben B., Tessin, Mecklenburg

„Das  Böse“- gibt es das überhaupt? [1] Handelt es sich nicht um eine Fiktion, die wir wissenschaftlich erledigen können, wenn wir wissen, wie es zu bestimmten Handlungen kommt, die wir gewöhnlich als „böse“ bezeichnen? Natürlich beobachtet man in den Massenmedien bei Amokläufen wie zuletzt in Winnenden ein Entsetzen, hier ließ sich keine leichte Erklärung finden, sieht man davon ab, dass der Vater des Täters gegen die Waffengesetze verstoßen hat. In Foren konnte man gelegentlich sehr schnelle psychologische Ferndiagnosen lesen. Mann oder Frau versucht, derartige Ereignisse induktiv unter eine schon bekannte Regel zu bringen, das Entsetzen ist dann jedenfalls einigermaßen ordentlich „wissenschaftlich“ zu erfassen.

Thomas Fuchs wendet sich dieser Frage anhand eines u. a. auch massenmedial kommunizierten Falles zu:

„An einem Samstagabend im Januar 2007 klingeln der 17-jährige Felix D. und sein gleichaltriger Freund Torben B. an einer Haustür in Tessin, ihrem kleinen mecklenburgischen Heimatdorf. Der Bewohner öffnet, er kennt die beiden seit langem aus der Nachbarschaft, es sind freundliche und höfliche Jungen aus intakten Familien. Doch da ruft Felix ‚Reno!‘, das ist das Codewort zum Losschlagen. Die beiden Jungen ziehen ihre mitgebrachten Messer und halten sie dem Mann an die Kehle mit den Worten: ‚Auf die Knie!‘ Er wehrt sich und erfasst ein Messer, doch da lassen die Eindringlinge alle Hemmungen fahren und stechen blindlings auf ihn ein. Während er im Todeskampf zu Boden geht, stürmen die 17-Jährigen die Treppe hoch, treffen auf die Ehefrau des Mannes, die sie mit insgesamt 62 Messerstichen töten. Als sie später noch röchelt, sticht Felix sie noch einmal in den Kopf, um sie endgültig zu töten. Der Sohn des Ehepaares entgeht nur knapp dem Blutrausch, weil es ihm gelingt, in Todesangst in seinem Zimmer eingesperrt die Polizei zu benachrichtigen, die das Paar schließlich stellt und zur Aufgabe zwingt. Weder Alkohol, Drogen oder eine psychische Krankheit noch Feindschaft gegenüber den Opfern erklären die Tat; es hätte ebenso beliebige andere im Dorf treffen können.“ (172)

  • Nach einer kurzen Skizzierung dieses Geschehens stellt Fuchs zunächst allgemein die Frage nach „dem Bösen“, wobei er sich nicht zuletzt an den „mythischen“ Erzählungen in 1. Mose (Genesis) 2 bis 4 (Paradiesstory, Kain und Abel) orientiert, hierbei erörtert er auch verschiedene Ansichten, die „das Böse“ naturwissenschaftlich (u. a. soziobiologisch, sozialdarwinistisch, evolutionsbiologisch) erklären wollen (S. 173-186 [1]).
  • Danach erörtert Fuchs den konkreten Fall (S. 186-190 [2]).
  • Abschließend gibt Fuchs einen „Ausblick“, in dem das Verhältnis von „dem Bösen“ und der „Freiheit“ (S. 190-194 [3]) nochmals präzisiert wird.

Dieser Aufsatz setzt relativ aktuell an und führt diese Aktualität auf psychiatrische und philosophische Grundfragen zurück, die wir hier auch schon im Kontext der Position Fuchs‘ besprochen haben. Anhand der kritischen Besprechung dieses Artikels sollen auch Grundstrukturen von Fuchs‘ Ansatz und häufig wiederkehrende Argumente deutlich werden. (more…)