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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


30. August 2009

Der Ansatz von Tho­mas Fuchs

Auf­grund von Erfah­run­gen in Ver­an­stal­tun­gen über den phi­lo­so­phi­schen Ver­such von Tho­mas Fuchs, zu denen Reak­tio­nen von Leser/innen der bis­he­ri­gen Bei­trä­ge hier im Blog kom­men, möch­te ich eini­ge grund­sätz­li­che Bemer­kun­gen machen. Für mich selbst sind Fuchs’ leib­phä­no­me­no­lo­gi­sche Erwä­gun­gen anre­gend. Ich selbst bin kein phä­no­me­no­lo­gi­scher Phi­lo­soph, aber die Zei­ten von Schul­p­hi­lo­so­phi­en dürf­ten längst vor­bei sein. Was Phänomenolog/inn/en und Pragmatist/inn/en ver­bin­det, ist die Ein­sicht, dass eine phi­lo­so­phi­sche Anschau­ung nur dann für uns rele­vant sein kann, wenn sie unser all­täg­li­ches Erle­ben und Han­deln auf­zu­neh­men ver­mag. Die Phänomenolog/inn/en nei­gen gele­gent­lich zu sehr weit gespann­ten Anschau­un­gen, wie der auch von Tho­mas Fuchs posi­tiv rezi­pier­te Her­mann Schmitz:

Mir genügt nicht die iso­lie­ren­de Durch­mus­te­rung des eigen­leib­lich spür­ba­ren Gegen­stands­ge­biets; ich bin viel­mehr bestrebt, des­sen zen­tra­le Bedeu­tung im Mensch­sein und in der Lebens­er­fah­rung nach allen Sei­ten aus­zu­leuch­ten …

Was ich zu sagen habe, kann nur zur Gel­tung kom­men, wenn zähe, jahr­tau­sen­de­al­te Dog­men der klas­si­schen Erkennt­nis­theo­rie und Anthro­po­lo­gie mit den zuge­hö­ri­gen Schein­pro­ble­men aus­ge­rot­tet wer­den.“[1]

Schmitz zufol­ge wur­de die Bedeu­tung jenes „eigen­leib­li­chen Spü­rens“ und des­sen Gegen­stands­ge­biet seit gut 2.400 Jah­ren durch eine „Intel­lek­tual­kul­tur“ ver­deckt[2], die sich u. a. in Natur­wis­sen­schaft, Psy­cho­lo­gie, phy­si­scher Tech­nik und Sozi­al­tech­no­lo­gie nie­der­ge­schla­gen habe. Wer das etwas anders sieht – und dies ist bei mir der Fall – kann den­noch sehr inter­es­siert die leib­phä­no­me­no­lo­gi­schen Meta­phern zur Kennt­nis neh­men und sich von ihnen anre­gen las­sen. Vie­le Phänomenolog/inn/en sind der Über­zeu­gung, dass ihre phi­lo­so­phi­schen Über­zeu­gun­gen in mehr oder weni­ger schar­fen „Begrif­fen“ aus­ge­drückt wer­den. Das ist für Außenbeobachter/innen nicht sehr über­zeu­gend, aber auch für durch­aus von der phä­no­me­no­lo­gi­schen Phi­lo­so­phie stark beein­druck­te „Insi­der“ nicht[3]. Auch Fuchs’ stark durch Raum­me­ta­phern gepräg­te Spra­che erregt in Phi­lo­so­phie­kur­sen gele­gent­lich Erstau­nen und durch­aus auch Unver­ständ­nis.

Leib­lich­keit ist die grund­le­gen­de Wei­se des mensch­li­chen Erle­bens – inso­fern der Leib nicht als Kör­per­ding, son­dern als Zen­trum räum­li­chen Exis­tie­rens auf­ge­fasst wird, von dem gerich­te­te Fel­der von Wahr­neh­mung, Bewe­gung, Ver­hal­ten und Bezie­hung zur Mit­welt aus­ge­hen. Leib­lich­keit in die­sem umfas­sen­den Sinn tran­szen­diert den Leib und bezeich­net dann das in ihm ver­an­ker­te Ver­hält­nis von Per­son und Welt, bis hin zu ihren sozia­len und öko­lo­gi­schen Bezie­hun­gen.“[4]

Wer als Physiker/in das Wort „Fel­der“ jetzt in einem phy­si­ka­li­schen Kode rekon­stru­iert, bekommt mög­li­cher­wei­se beacht­li­che Rezep­ti­ons­pro­ble­me. Den­noch wird man selbst erle­ben kön­nen, dass Schmitz und Fuchs mit sol­chen Meta­phern auf etwas Rea­les Bezug neh­men, wel­ches wir „leib­lich“ spü­ren kön­nen. Für Fuchs sind jeden­falls räum­li­che Meta­phern, um unse­re Exis­tenz in der Welt zu beschrei­ben, grund­le­gend.

Josef Forster, ohne Titel, wohl nach 1916
Abb. 1 Josef Fors­ter, ohne Titel, wohl nach 1916

Wer­fen wir zum Schluss noch ein­mal einen Blick auf das Bild von Josef Fors­ter. Der Mann steht nicht auf sei­nen Füßen, sein Gesicht ist mas­kiert; er hat den Kon­takt zur Erde und zu ande­ren ver­lo­ren. Er geht auf Stel­zen, mit denen er ‚Gewicht‘ zu gewin­nen ver­sucht, was wir als eine kon­kre­tis­ti­sche Rede­wei­se anse­hen und so über­set­zen kön­nen: Er sucht den emp­fun­de­nen Ver­lust von Selbst­sein und Selbst­wert aus­zu­glei­chen. Wir kön­nen anneh­men, dass das Bild einem Kampf ums see­li­sche Über­le­ben in der Ver­lo­ren­heit einer Anstalt, in der Ein­sam­keit des psy­chi­schen Anders­seins abge­run­gen ist. Und doch schwingt auch ein Moment von Freu­de und Stolz in die­sem Bild mit, wenn es heißt, mit Hil­fe sei­ner Stel­zen kön­ne die­ser Mann ‚mit gro­ßer Geschwin­dig­keit durch die Luft gehen‘. So mag der schi­zo­phre­ne Künst­ler bei allem Lei­den in sei­nen eigen­welt­li­chen Bild­schöp­fun­gen auch eine Art von Freu­de gefun­den haben, die wir nur von fer­ne zu erah­nen ver­mö­gen.“ [5]

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28. August 2009

Aktu­el­le Ver­an­stal­tun­gen

Im Moment füh­re ich mit dem Phi­lo­so­phie­kreis Hei­del­berg eine Camus-Lek­tü­re durch („Der Mythos des Sisy­phos“, 112009). Hier geht es um das Absur­de ange­sichts der Deter­mi­na­ti­on des Men­schen, ist das aktu­ell, von vor­ges­tern – oder hat es etwas mit jün­ge­ren Debat­ten etwa im neu­ro­bio­lo­gi­schen Bereich zu tun?

Die Evan­ge­lisch-Frei­kirch­li­che Gemein­de in Darm­stadt-Gries­heim ver­an­stal­tet am 05.09. und 06.09. eine Tagung zum The­ma „Evan­ge­li­en und Rhe­to­rik“, die ich lei­te. Hier­bei geht es um eine den Ent­ste­hungs­um­stän­den ange­mes­se­ne Rezep­ti­on der Evan­ge­li­en­tex­te der christ­li­chen Bibel, die eine nicht­dog­ma­ti­sche Lek­tü­re im gegen­wär­ti­gen Lebens­voll­zug erlau­ben. His­to­risch-semio­ti­sche und reli­gi­ons-phi­lo­so­phi­sche Über­le­gun­gen kön­nen dazu posi­tiv bei­tra­gen.

31. Mai 2009

Tho­mas Fuchs‘ Kri­tik an bestimm­ten Ver­tre­tern der Gehirn­for­schung – und sein eige­ner Ent­wurf

Fuchs hat in den letz­ten Jah­ren eine Rei­he von Bei­trä­gen zur Kri­tik an der Gehirn­for­schung bzw. beson­ders an sol­chen Ver­tre­tern die­ser Dis­zi­plin ver­öf­fent­licht, die wohl nicht zuletzt in den Mas­sen­me­di­en u. a. durch die „Gior­da­no-Bru­no-Stif­tung“, die ähn­lich wie die „Initia­ti­ve für Neue Sozia­le Markt­wirt­schaft“ medi­en­be­glei­tend zu agie­ren scheint, in einer brei­te­ren Öffent­lich­keit pro­mi­nent sind. Damit soll kei­ne vor­schnel­le Iden­ti­fi­zie­rung bei­der Strö­mun­gen vor­ge­nom­men wer­den. Es ist aber klar, dass der neo­li­be­ra­le Homo oeco­no­mi­c­us durch­aus mit dem Sin­ger­schen Men­schen ver­wandt ist, des­sen neu­ro­na­le Ver­schal­tun­gen ihn fest­le­gen – und der des­we­gen „nicht anders kann“[1]. Denn bei­de ken­nen kei­ne rea­le Frei­heit. Und bei­de haben Pro­ble­me, ein rea­lis­ti­sches Ver­hält­nis zum Ande­ren ein­zu­neh­men, bei­spiels­wei­se die Art. 5, 14 und 15 des Grund­ge­set­zes der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hin­rei­chend und ange­mes­sen zu wür­di­gen. (more…)

26. Mai 2009

Bru­ta­ler Mord an einem Ehe­paar und das Pro­blem der Frei­heit – Tho­mas Fuchs zu Felix D. und Tor­ben B., Tes­sin, Meck­len­burg

Das  Böse“- gibt es das über­haupt? [1] Han­delt es sich nicht um eine Fik­ti­on, die wir wis­sen­schaft­lich erle­di­gen kön­nen, wenn wir wis­sen, wie es zu bestimm­ten Hand­lun­gen kommt, die wir gewöhn­lich als „böse“ bezeich­nen? Natür­lich beob­ach­tet man in den Mas­sen­me­di­en bei Amok­läu­fen wie zuletzt in Win­nen­den ein Ent­set­zen, hier ließ sich kei­ne leich­te Erklä­rung fin­den, sieht man davon ab, dass der Vater des Täters gegen die Waf­fen­ge­set­ze ver­sto­ßen hat. In Foren konn­te man gele­gent­lich sehr schnel­le psy­cho­lo­gi­sche Fern­dia­gno­sen lesen. Mann oder Frau ver­sucht, der­ar­ti­ge Ereig­nis­se induk­tiv unter eine schon bekann­te Regel zu brin­gen, das Ent­set­zen ist dann jeden­falls eini­ger­ma­ßen ordent­lich „wis­sen­schaft­lich“ zu erfas­sen.

Tho­mas Fuchs wen­det sich die­ser Fra­ge anhand eines u. a. auch mas­sen­me­di­al kom­mu­ni­zier­ten Fal­les zu:

An einem Sams­tag­abend im Janu­ar 2007 klin­geln der 17-jäh­ri­ge Felix D. und sein gleich­alt­ri­ger Freund Tor­ben B. an einer Haus­tür in Tes­sin, ihrem klei­nen meck­len­bur­gi­schen Hei­mat­dorf. Der Bewoh­ner öff­net, er kennt die bei­den seit lan­gem aus der Nach­bar­schaft, es sind freund­li­che und höf­li­che Jun­gen aus intak­ten Fami­li­en. Doch da ruft Felix ‚Reno!‘, das ist das Code­wort zum Los­schla­gen. Die bei­den Jun­gen zie­hen ihre mit­ge­brach­ten Mes­ser und hal­ten sie dem Mann an die Keh­le mit den Wor­ten: ‚Auf die Knie!‘ Er wehrt sich und erfasst ein Mes­ser, doch da las­sen die Ein­dring­lin­ge alle Hem­mun­gen fah­ren und ste­chen blind­lings auf ihn ein. Wäh­rend er im Todes­kampf zu Boden geht, stür­men die 17-Jäh­ri­gen die Trep­pe hoch, tref­fen auf die Ehe­frau des Man­nes, die sie mit ins­ge­samt 62 Mes­ser­sti­chen töten. Als sie spä­ter noch röchelt, sticht Felix sie noch ein­mal in den Kopf, um sie end­gül­tig zu töten. Der Sohn des Ehe­paa­res ent­geht nur knapp dem Blut­rausch, weil es ihm gelingt, in Todes­angst in sei­nem Zim­mer ein­ge­sperrt die Poli­zei zu benach­rich­ti­gen, die das Paar schließ­lich stellt und zur Auf­ga­be zwingt. Weder Alko­hol, Dro­gen oder eine psy­chi­sche Krank­heit noch Feind­schaft gegen­über den Opfern erklä­ren die Tat; es hät­te eben­so belie­bi­ge ande­re im Dorf tref­fen kön­nen.“ (172)

  • Nach einer kur­zen Skiz­zie­rung die­ses Gesche­hens stellt Fuchs zunächst all­ge­mein die Fra­ge nach „dem Bösen“, wobei er sich nicht zuletzt an den „mythi­schen“ Erzäh­lun­gen in 1. Mose (Gene­sis) 2 bis 4 (Para­dies­sto­ry, Kain und Abel) ori­en­tiert, hier­bei erör­tert er auch ver­schie­de­ne Ansich­ten, die „das Böse“ natur­wis­sen­schaft­lich (u. a. sozio­bio­lo­gisch, sozi­al­dar­wi­nis­tisch, evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch) erklä­ren wol­len (S. 173-186 [1]).
  • Danach erör­tert Fuchs den kon­kre­ten Fall (S. 186-190 [2]).
  • Abschlie­ßend gibt Fuchs einen „Aus­blick“, in dem das Ver­hält­nis von „dem Bösen“ und der „Frei­heit“ (S. 190-194 [3]) noch­mals prä­zi­siert wird.

Die­ser Auf­satz setzt rela­tiv aktu­ell an und führt die­se Aktua­li­tät auf psych­ia­tri­sche und phi­lo­so­phi­sche Grund­fra­gen zurück, die wir hier auch schon im Kon­text der Posi­ti­on Fuchs‘ bespro­chen haben. Anhand der kri­ti­schen Bespre­chung die­ses Arti­kels sol­len auch Grund­struk­tu­ren von Fuchs‘ Ansatz und häu­fig wie­der­keh­ren­de Argu­men­te deut­lich wer­den. (more…)

22. Mai 2009

Zur Phi­lo­so­phie von Tho­mas Fuchs

In den fol­gen­den Wochen wer­de ich hier im Blog meh­re­re Arbei­ten von Tho­mas Fuchs bespre­chen.

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Heidelberg Fuchs ist Psych­ia­ter an der Uni­ver­si­täts­kli­nik Hei­del­berg und arbei­tet an einer phä­no­me­no­lo­gi­schen Auf­fas­sung von Psy­cho­pa­tho­lo­gie und Psy­cho­the­ra­pie. Er ist als einer der schärfs­ten Kri­ti­ker der neue­ren Gehirn­for­schung her­vor­ge­tre­ten. Fuchs schreibt sen­si­bel, kann sar­kas­tisch-iro­nisch sein und poin­tiert scharf. In den fol­gen­den bei­den Mona­ten wer­den hier sei­ne Bücher „Das Gehirn ein Bezie­hungs­or­gan“ und „Leib und Lebens­welt“ bespro­chen.

Dabei wer­den nicht vor­der­grün­di­ge Pole­mi­ken inter­es­sie­ren. Es steht hier natür­lich der phi­lo­so­phi­sche Ansatz im Fokus, inwie­weit eine phä­no­me­no­lo­gi­sche Fra­ge­stel­lung bei­spiels­wei­se in der Auf­fas­sung von Wahr­neh­mung unse­re lebens­welt­li­che Erfah­rung recht­fer­ti­gen kann, obwohl die­se durch man­che natur­wis­sen­schaft­li­chen Auf­fas­sun­gen infra­ge gestellt erscheint. Fuchs steht einer Rei­he von Ent­wick­lun­gen der Lebens­wis­sen­schaf­ten äußerst skep­tisch, fast schon resi­gna­tiv gegen­über. Wir wer­den fra­gen, ob dies plau­si­bel ist, ob es hier­zu viel­leicht Alter­na­ti­ven gibt.

Fuchs‘ Arbei­ten fin­den inzwi­schen ein brei­te­res auch außer­aka­de­mi­sches Inter­es­se, der Phi­lo­so­phie­kurs Hei­del­berg behan­delt am 29.05. einen Auf­satz („Quer durch jedes Men­schen­herz“) über das Böse aus psych­ia­tri­scher Per­spek­ti­ve, in der VHs Neckar­ge­münd fin­det am 20.06. ein ganz­tä­ti­ger Kurs zu Fuchs‘  Buch über das „Gehirn als Bezie­hungs­or­gan“ statt.

13. Mai 2009

All­tags­phi­lo­so­phie ach­te Sit­zung

20          Erin­ne­rung an den 11.05.

Update 14.05.

Ich habe den Kurs zum The­ma „All­tags­phi­lo­so­phie“ ange­bo­ten, weil ich die Sach­fra­gen zu die­sem Pro­blem aus­dis­ku­tie­ren möch­te. Mein Wunsch war es, inhalt­lich stär­ker Übun­gen durch­zu­füh­ren, weil die­se erfor­der­lich sind, um All­tags­phi­lo­so­phie zu erpro­ben. Doch han­delt es sich um den Kurs der Teilnehmer/innen – und die­se pro­ble­ma­ti­sie­ren teil­wei­se den Ansatz von sei­ten der Wis­sen­schaf­ten oder von alter­na­ti­ven Ansät­zen her stär­ker, als ich dies erwar­tet hat­te. Folg­lich müs­sen wir die­sen Punkt tat­säch­lich aus­dis­ku­tie­ren. Die Teilnehmer/innen, die stär­ker an den Übun­gen inter­es­siert waren, bit­te ich um Nach­sicht. Wir kom­men – auch des­we­gen, weil am nächs­ten Ter­min vie­le gar nicht da sind – nur zur aus­führ­li­chen Bestim­mung der Argu­men­ta­ti­on, auch im Ver­gleich mit wis­sen­schaft­li­chen Argu­men­ta­tio­nen.

Am 11.05. konn­te die aus­führ­li­che Dis­kus­si­on in einem nicht unwich­ti­gen Punkt erreicht wer­den, es wur­de nach sorg­fäl­ti­ger Kennt­nis­nah­me des Tex­tes von Wolf Sin­ger nicht mehr infra­ge gestellt, dass die­ser beab­sich­tigt, die soge­nann­ten „sub­jek­ti­ven“ Qua­li­tä­ten unse­rer Selbst­wahr­neh­mung und Selbst­in­ter­pre­ta­ti­on durch eine soge­nann­te „objek­ti­ve“ wis­sen­schaft­li­che Beschrei­bung zu erset­zen. Für die­se Absicht lie­gen aber bis­her kei­ne belast­ba­ren wis­sen­schaft­li­chen Ergeb­nis­se vor. Damit hat sich die The­se bestä­tigt, dass Model­le, die das Pro­blem unse­res Selbst­ver­hält­nis­ses aus der Per­spek­ti­ve von Wis­sen­schafts­ty­pus 1 im Sin­ne der klas­si­schen Phy­sik beschrei­ben, unser all­täg­li­ches Selbst­ver­ständ­nis als Täu­schung erklä­ren müs­sen – wor­in ein wesent­li­cher Punkt des Kurs­kon­zep­tes und der Bedeu­tung von All­tags­phi­lo­so­phie liegt. Ob es rich­tig ist, dass die Fra­ge der Wil­lens­frei­heit durch Ger­hard Roth neu­er­dings anders als noch im Jahr 2003 beant­wor­tet wird, wur­de erör­tert – und dies scheint wahr­schein­lich. Aller­dings ist die Posi­ti­on Pau­ens, aus dem Jahr 2007, auf die Roth neu­er­dings ein­ge­schwenkt zu sein scheint, m. E. kei­ne hin­rei­chen­de Frei­heits­auf­fas­sung und kein ent­spre­chen­des Selbst­ver­ständ­nis, wohl aber han­delt es sich um eine etwas erträg­li­che­re Posi­ti­on als die­je­ni­ge von 2003 (und sie ist auch mit dem Grund­ge­setz eher ver­ein­bar). Die­se Fra­gen sind all­tags­phi­lo­so­phisch ins­be­son­de­re des­halb von Inter­es­se, weil von den Posi­tio­nen Peirce‘ und Brod­becks her die selbst­be­stimm­te und freie Ver­än­de­rung von Gewohn­hei­ten unse­res Erle­bens und Han­delns als wesent­lich erach­tet wird. D. h., gera­de die bud­dhis­tisch inspi­rier­te Posi­ti­on Brod­becks äußert eine empha­ti­sche Frei­heits­auf­fas­sung. Es reicht nicht aus, dass ich damit ein­ver­stan­den bin, wie ich gewor­den bin und wer­de – und dies Selbst­be­stim­mung nen­ne. Ich soll­te mich ange­sichts des­sen, wie ich gewor­den bin, in ver­schie­de­nen Gra­den selbst­be­stimmt neu ent­wer­fen kön­nen, erst dann ist man bei attrak­ti­ven Frei­heits­ver­ständ­nis­sen ange­langt, wie sie etwa Tugend­hat und Sart­re ver­tre­ten bzw. ver­tre­ten haben. Zur Aus­bil­dung einer der­ar­ti­gen frei­en Hal­tung sind selbst­ver­ständ­lich Gesund­heit und ent­spre­chen­de sozia­le Ver­hält­nis­se nötig, nur ist das schon seit der Niko­ma­chi­schen Ethik des Aris­to­te­les bekannt und phi­lo­so­phisch reflek­tiert. Inso­fern erbrin­gen in die­ser Fra­ge die Fra­ge nach Ver­let­zun­gen des Vor­der­hirns oder Pro­ble­me bei der Sero­to­nin- bzw. Dopa­min­aus­schüt­tung allen­falls eine empi­ri­sche Ver­fei­ne­rung von Ein­sich­ten, an den Grund­fra­gen hat die Gehirn­for­schung nichts geän­dert. (more…)

9. Mai 2009

VHs Eber­bach-Neckar­ge­münd, Sams­tag, den 20.06.

fuchswerbung1

Das Gehirn - ein Bezie­hungs­or­gan, Tho­mas Fuchs

6. Mai 2009

All­tags­phi­lo­so­phie sieb­te Sit­zung

18          Erin­ne­rung an den 04.05.

Ich begin­ne mit einer aus­führ­li­chen Ergän­zung, die auf­grund einer län­ge­ren Dis­kus­si­on im Anschluss an die Erin­ne­rung an den 27.04. ent­stan­den ist. Sie kreis­te um das Pro­blem des klas­si­schen Ansat­zes der Phy­sik, sofern er im Kon­text der Gehirn­for­schung ver­wen­det wird, aber auch um das Pro­blem des „Radi­ka­len Kon­struk­ti­vis­mus“, der heu­te − nach­dem der frü­he­re anders­ge­ar­te­te Erlan­ger „Kon­struk­ti­vis­mus“ wohl über­wie­gend schon ver­ges­sen ist – in der Regel allei­ne als „Kon­struk­ti­vis­mus“ gilt. Die­ser wur­de in Fort­füh­rung und Wei­ter­bil­dung der auto­po­ie­ti­schen Sys­tem­theo­rie der Bio­lo­gen Hum­ber­to Matu­rana und Fran­ces­co Vare­la in der femi­nis­ti­schen Theo­rie­bil­dung, in der Sozio­lo­gie, in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und auch in Tei­len der Neu­ro­bio­lo­gie vor allem seit der zwei­ten Hälf­te der 1980er Jah­re ange­wen­det. Sogar in der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie zeig­ten sich Reso­nan­zen. Inzwi­schen sind eher Nach­hut­ge­fech­te zu beob­ach­ten, aber auch die­se sind noch hef­tig.

Über mei­ne Kri­tik an Ger­hard Roth als radi­ka­lem Kon­struk­ti­vis­ten kam es zu einer Kon­tro­ver­se, weil Herr Deth­lef­sen mein­te, die­ser sei ein empi­ri­scher Wis­sen­schaft­ler – und empi­ri­sche Wis­sen­schaft­ler könn­ten so etwas nicht behaup­ten:

Die Fest­stel­lung, dass die von mir erleb­te Welt des Ichs, mei­nes Kör­pers und des Rau­mes um mich her­um ein Kon­strukt des Gehirns ist, führt zu der viel dis­ku­tier­ten Fra­ge: Wie kommt die Welt wie­der nach drau­ßen? Die Ant­wort hier­auf lau­tet: Sie kommt nicht nach drau­ßen, sie ver­lässt das Gehirn gar nicht. Das Arbeits­zim­mer, in dem ich mich gera­de befin­de, der Schreib­tisch und die Kaf­fee­tas­se vor mir wer­den ja von mir als ‚drau­ßen‘ in Bezug auf mei­nen Kör­per und mein Ich erlebt. Die­se bei­den sind aber eben­falls Kon­struk­te, nur ist es so, dass mit der Kon­struk­ti­on mei­nes Kör­pers auch der zwin­gen­de Ein­druck erzeugt wird, die­ser Kör­per sei von der Welt umge­ben und ste­he in deren Mit­tel­punkt. Und schließ­lich wird […] ein Ich erzeugt, das das Gefühl hat, in die­sem Kör­per zu ste­cken, und dadurch wird es erleb­nis­mä­ßig zum Zen­trum der Welt. (Aus der Sicht des Gehirns, Frankfurt/M. 2003, 48)

Mög­li­cher­wei­se ver­steht sich Ger­hard Roth also eher nicht als „empi­ri­schen Wis­sen­schaft­ler“ im Sin­ne von Herrn Deth­lef­sen. Typisch – auch im Sin­ne der bis­he­ri­gen Kurs­er­geb­nis­se – die Pro­duk­ti­on von Schein­pro­ble­men („das Ich“), ohne dass irgend­wie ange­ge­ben wür­de, wie das alles „kon­stru­iert“ wird. Öko­lo­gisch ist die Posi­ti­on von Roth natür­lich sehr hilf­reich, wenn alles im Gehirn ist und da auch nicht her­aus­kommt, kön­nen wir uns an sich viel Umwelt­ver­schmut­zung und -ver­brauch und auch vie­le Debat­ten erspa­ren. Mein sar­kas­ti­scher Kom­men­tar im letz­ten Satz – ich füge das hin­zu, um mög­li­che Miss­ver­ständ­nis­se die­ses Sat­zes zu ver­mei­den – soll dar­auf hin­wei­sen, dass Roth die Wor­te nicht im all­täg­li­chen Sinn gebraucht. Mut­maß­lich fin­det das Arbeits­zim­mer von Ger­hard Roth selbst in sei­nem Super­hirn kei­nen Platz. Und selbst die Kaf­fee­tas­se, die dar­in einen Ort fin­den könn­te, wür­de mut­maß­lich doch Beschä­di­gun­gen bei­spiels­wei­se des lim­bi­schen Sys­tems her­vor­ru­fen. Nicht ein­mal die Wor­te „Kaf­fee­tas­se“ und „Arbeits­zim­mer“ befan­den sich bei nüch­ter­ner Betrach­tung in Roths Gehirn, als er sie schrieb. Danach befan­den sie sich im Buch – und jetzt vor Ihnen am Bild­schirm oder auf dem Aus­druck. Und ich ver­mu­te ganz stark, dass Sie von den 40 Hertz-Schwin­gun­gen der Stoff­wech­sel­pro­zes­se, die beim Schrei­ben der Wor­te in Ger­hard Roths Gehirn statt­fan­den, nichts mehr spü­ren. Wenn doch, tei­len Sie mir dies bit­te aus­führ­lich und auf jeden Fall expe­ri­men­tell wie­der­hol­bar mit! Aus der Kur­s­per­spek­ti­ve kann das Zitat von Ger­hard Roth jeden­falls als wun­der­schö­nes Bei­spiel dafür die­nen, wel­che Beu­len man sich beim Den­ken holen kann, wenn man den all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch nicht hin­rei­chend beach­tet, son­dern frei­schwe­bend theo­re­ti­siert. Ich belas­se es bei die­sen Sar­kas­men und erspa­re mir die Par­al­le­li­sie­rung der­ar­ti­ger Äuße­run­gen mit ent­spre­chen­den Bei­spie­len aus der Psy­cho­pa­tho­lo­gie, die Tho­mas Fuchs (Das Gehirn – ein Bezie­hungs­or­gan, 2008) für die­se Fäl­le nicht sel­ten durch­führt. Zu Fuchs‘ Buch fin­det hier in der VHs Neckar­ge­münd am Sams­tag, dem 20.06. ein ganz­tä­gi­ger Kurs statt.

Zur eben­falls ange­spro­che­nen Fra­ge der Wil­lens­frei­heit hier ein Bei­spiel aus einem Streit­ge­spräch vor der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten:

Natür­lich geht die Mehr­heit der Straf­rechts­theo­re­ti­ker nicht von einer unbe­ding­ten Frei­heit aus, son­dern von einer Art ein­ge­schränk­ter Wil­lens­frei­heit, wie sie zum Bei­spiel der Phi­lo­soph Peter Bie­ri ver­tritt (Bie­ri 2001), das heißt von der Fähig­keit, vor der Tat von sei­ner eige­nen Moti­va­ti­ons­la­ge zurück­zu­tre­ten und die­se zu über­den­ken (Deli­be­ra­ti­ons­fä­hig­keit). Aus hand­lungs­psy­cho­lo­gi­scher und neu­ro­bio­lo­gi­scher Sicht ist die­se Fähig­keit zwar wich­tig für eine „ver­nünf­ti­ge“, weil lang­fris­ti­ge Hand­lungs­pla­nung, aber hier­bei ist nichts an Hand­lungs­frei­heit zu fin­den. Es han­delt sich um einen kom­ple­xen, wenn­gleich voll­stän­dig deter­mi­niert ablau­fen­den Pro­zess des Wider­streits der Moti­ve.

Auf­grund psy­cho­lo­gi­scher und neu­ro­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se müs­sen wir von fol­gen­dem Sach­ver­halt aus­ge­hen: Men­schen kön­nen im Sin­ne eines per­sön­li­chen Ver­schul­dens nichts für das, was sie wol­len und wie sie sich ent­schei­den, und dies gilt unab­hän­gig davon, ob ihnen die ein­wir­ken­den Fak­to­ren bewusst sind oder nicht, ob sie sich schnell ent­schei­den oder lan­ge hin und her über­le­gen. Sie wer­den in dem jeweils einen oder ande­ren Fall even­tu­ell völ­lig unter­schied­li­che Din­ge tun, aber sie tun dies nicht frei. Die Gene, die vor- und nach­ge­burt­li­chen Ent­wick­lun­gen und Fehl­ent­wick­lun­gen, die früh­kind­li­chen Erfah­run­gen und Trau­ma­ti­sie­run­gen, die spä­te­ren Erfah­run­gen und Ein­flüs­se aus Eltern­haus, Freun­des­kreis, Schu­le und Gesell­schaft – all dies formt unser emo­tio­na­les Erfah­rungs­ge­dächt­nis, und des­sen Aus­wir­kun­gen auf unser Han­deln unter­lie­gen nicht dem frei­en Wil­len. Dies gilt selbst­ver­ständ­lich auch für Per­so­nen, die Straf­ta­ten bege­hen.“ (Ger­hard Roth)

Soll­te Roth inzwi­schen die­se bei­den Posi­tio­nen hin­rei­chend klar revi­diert haben, behaup­te ich für die­se Revi­sio­nen natür­lich das Gegen­teil, aber vor allem die ers­te Äuße­rung ist in schwe­rer Wei­se irre­füh­rend, die zwei­te nur ganz schwach gedank­lich kon­trol­liert. Phi­lo­so­phisch geht die Moti­v­i­dee wohl vor allem auf Scho­pen­hau­er zurück, der expli­zit den „frei­en Wil­len“ im gewöhn­li­chen Ver­stand bestrit­ten hat – frei­lich einen tran­szen­den­ta­len frei­en Wil­len unter­stell­te, wohl auch ein Vor­bild für Roths erstaun­li­ches Pos­tu­lat eines „rea­len Gehirns“ im Unter­schied zum „wirk­li­chen Gehirn“, wobei er unter­stellt, das „wirk­li­che Gehirn“ sei Teil der erleb­ba­ren Wirk­lich­keit, die vom „rea­len Gehirn“ kon­stru­iert wer­de[1]. Doch Prä­gun­gen und Moti­ve unter­lie­gen stets der mög­li­chen Refle­xi­on und damit ihrer mög­li­chen selbst­be­stimm­ten Ver­än­de­rung – wie wir hier im Kurs ja fest­ge­stellt haben. Ob die­se Refle­xi­on greift und eine Ver­än­de­rung statt­fin­det, ist damit nicht gesagt, dies genügt aber für das Argu­ment ihrer rea­len Mög­lich­keit. Der Mini­mal­be­griff der Frei­heit setzt vor­aus, dass ich unter iden­ti­schen Umstän­den hät­te anders han­deln kön­nen, es han­delt sich um eine Fra­ge, die sich in der Rück­schau stellt. Wie die frü­he­ren Arbei­ten von Pau­en[2] und jetzt wie­der die gemein­sa­me Arbeit mit Roth zei­gen, akzep­tiert er die­sen Mini­mal­be­griff von Frei­heit gera­de nicht (vgl. Micha­el Pau­en, Ger­hard Roth, Frei­heit, Schuld und Ver­ant­wor­tung. Grund­zü­ge einer natu­ra­lis­ti­schen Theo­rie der Wil­lens­frei­heit, Frankfurt/M. 2008, 166 u. ö.) – m. E. auf­grund einer unzu­tref­fen­den Dar­stel­lung. Inso­fern dürf­te auch Roth sei­ne Äuße­run­gen nicht ernst­haft kor­ri­giert, bes­ten­falls gemä­ßigt haben. Von Frei­heit in einem ernst zu neh­men­den Sinn ist nicht die Rede, wenn ich mich refle­xiv damit ein­ver­stan­den erklä­re, was ohne­hin geschieht, also davon über­zeugt bin, was ich tue. Das ist sicher eine not­wen­di­ge, aber in kei­ner Wei­se eine hin­rei­chen­de Bedin­gung einer frei­en Hand­lung. Das unter iden­ti­schen Umstän­den auch anders Han­deln­kön­nen lässt sich nicht eli­mi­nie­ren. Maß­stab sind hier die Bestim­mun­gen der Men­schen­rech­te in der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te der UNO (1948) und im Grund­ge­setz (1949), dazu die höchst­rich­ter­li­chen Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes.

Unklar schien mir auf­grund der Dis­kus­si­on im bis­he­ri­gen Kurs­ver­lauf geblie­ben zu sein, dass es bei aus­schließ­li­cher Gel­tung der Unter­stel­lun­gen des Wis­sen­schafts­ty­pus 1 (vgl. Abbil­dung 1) für alle Sach­ver­hal­te tat­säch­lich kei­ne Frei­heit im Sin­ne des von mir skiz­zier­ten Mini­mal­be­griffs der Frei­heit geben kann. Solan­ge man also wie Roth und Sin­ger das Grund­mo­dell der klas­si­schen Phy­sik als das wis­sen­schaft­lich aus­schlag­ge­ben­de ansieht, mit denen auch die Fra­gen von Frei­heit, Selbst­be­stim­mung usf. behan­delt wer­den, müs­sen die­se von uns all­täg­lich unter­stell­ten Phä­no­me­ne als Täu­schung gedeu­tet wer­den, was u. a. der Sinn des Kon­struk­ti­vis­mus bei Roth ist. Auch Sin­ger hat sich nach anfäng­li­cher Zurück­hal­tung in einem ähn­li­chen Kon­text als Kon­struk­ti­vist geou­tet, wie der Abschnitt „Das Sub­jekt als kul­tu­rel­les Kon­strukt“ in sei­nem Büch­lein „Vom Gehirn zum Bewusst­sein“, Frankfurt/M. 2006, 47-57, beweist. Ob er sei­ne eige­ne neu­ro­bio­lo­gi­sche For­schung auch als „Kon­strukt“ bewer­tet, geht dar­aus bis­lang aber nach mei­ner Wahr­neh­mung nicht her­vor, kon­se­quent aber wäre das, denn auch die Neu­ro­bio­lo­gie „ist nichts ande­res“ als ein Phä­no­men der „kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on“.

Mir scheint …, dass die Ich-Erfah­rung bzw. die sub­jek­ti­ven Kon­no­ta­tio­nen von Bewusst­sein kul­tu­rel­le Kon­struk­te sind, sozia­le Zuschrei­bun­gen, die dem Dia­log zwi­schen Gehir­nen erwuch­sen und des­halb aus der Betrach­tung ein­zel­ner Gehir­ne nicht erklär­bar sind. Die Hypo­the­se, die ich dis­ku­tie­ren möch­te, ist, dass die Erfah­rung ein auto­no­mes, sub­jek­ti­ves Ich zu sein, auf Kon­struk­ten beruht, die im Lau­fe unse­rer kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on ent­wi­ckelt wur­den. Selbst­kon­zep­te hät­ten dann den onto­lo­gi­schen Sta­tus einer sozia­len Rea­li­tät … Wir Men­schen … sind in … der Lage, in Dia­lo­ge ein­zu­tre­ten der Art ‚ich weiß, dass du weißt, wie ich füh­le‘ oder ‚ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß, wie du fühlst“ usw. Inter­ak­tio­nen die­ser Art füh­ren also zu einer ite­ra­ti­ven wech­sel­sei­ti­gen Bespie­ge­lung im je ande­ren. …

Der Dia­log, der den Indi­vi­dua­ti­ons­pro­zess erst mög­lich macht, voll­zieht sich bereits in der frü­hen Kind­heit und erlaubt ers­te Ich-Iden­ti­fi­ka­tio­nen schon nach den ers­ten Lebens­jah­ren. Die­ser frü­he Dia­log zwi­schen Bezugs­per­so­nen und Kind ver­mit­telt die­sem in sehr prä­gnan­ter und asym­me­tri­scher Wei­se die Erfah­rung, offen­bar ein auto­no­mes, frei agie­ren­des, ver­ant­wort­li­ches Selbst zu sein, hört es doch ohne Unter­lass: ‚tu nicht dies, son­dern tu das, lass dass, sonst –‘, oder ‚mach das, andern­falls –!‘ …

Wich­tig für mein Argu­ment ist …, dass die­ser frü­he Lern­pro­zess in einer Pha­se sich ereig­net, in der die Kin­der noch kein epi­so­di­sches Gedächt­nis auf­bau­en kön­nen. Wir erin­nern uns nicht an die ers­ten zwei bis drei Lebens­jah­re, weil in die­ser frü­hen Ent­wick­lungs­pha­se die Hirn­struk­tu­ren noch nicht aus­ge­bil­det sind, die zum Auf­bau eines epi­so­di­schen Gedächt­nis­ses erfor­der­lich sind. Es geht dabei um das Ver­mö­gen, Erleb­tes in raum­zeit­li­che Bezü­ge ein­zu­bet­ten und den gesam­ten Kon­text des Lern­vor­gan­ges und nicht nur das Erlern­te selbst zu erin­nern …

Die­se früh­kind­li­che Amne­sie scheint mir dafür ver­ant­wort­lich, dass die sub­jek­ti­ven Kon­no­ta­tio­nen von Bewusst­sein für uns eine ganz ande­re Qua­li­tät haben als die Erfah­run­gen mit ande­ren sozia­len Kon­struk­ten. Viel­leicht erle­ben wir die­se Aspek­te unse­res Selbst des­halb auf so eigen­tüm­li­che Wei­se als von ganz ande­rer Qua­li­tät, als aus Bekann­tem nicht her­leit­bar, weil die Erfah­rung, so zu sein, in einer Ent­wick­lungs­pha­se instal­liert wor­den ist, an die wir uns nicht erin­nern kön­nen. Wir haben an den Ver­ur­sa­chungs­pro­zess kei­ne Erin­ne­rung …

Inner­halb neu­ro­bio­lo­gi­scher Beschrei­bungs­sys­te­me wäre das, was wir als freie Ent­schei­dung erfah­ren, nichts ande­res als eine nach­träg­li­che Begrün­dung von Zustands­än­de­run­gen, die ohne­hin erfolgt wären, deren tat­säch­li­che Ver­ur­sa­chun­gen für uns aber in der Regel nicht in ihrer Gesamt­heit fass­bar sind.“

Auch hier die glei­chen Schein­pro­ble­me wie bei Roth, „das Ich“ usf. Da Sin­ger kei­ne ande­ren als die Argu­men­ta­tio­nen auf dem Niveau der klas­si­schen Phy­sik zulas­sen will, kann er auch zu kei­nen ande­ren Ergeb­nis­sen kom­men. Wer also „natu­ra­lis­tisch“ in die­sem Sinn ver­steht, kann kei­ne Frei­heit im Sin­ne des mini­ma­len Frei­heits­be­griffs zulas­sen, dies habe ich jetzt noch ein­mal sehr aus­führ­lich belegt, weil mir dies ange­sichts der Dis­kus­si­on noch nicht aus­rei­chend ver­stan­den zu sein erschien. Der per­for­ma­ti­ve Selbst­wi­der­spruch in Äuße­run­gen wie den­je­ni­gen von Sin­ger oder Roth besteht dar­in, dass sie den Art. 5 des Grund­ge­set­zes, wel­cher die Frei­heit von Wis­sen­schaft und Kunst garan­tiert, dazu benut­zen, genau die­sen Vor­gang als nicht frei­en dar­zu­stel­len. Frei­heit ist eine auf­grund der früh­kind­li­chen Amne­sie man­gels des epi­so­di­schen Gedächt­nis­ses als Kon­struk­ti­on ver­ges­se­ne Kon­struk­ti­on. Man sieht dar­an, dass die Bun­des­re­pu­blik immer noch ein libe­ra­ler Staat ist. Sie erlaubt es beam­te­ten Pro­fes­so­ren, die Frei­heits­grund­la­ge des Grund­ge­set­zes im Sin­ne der Men­schen­rech­te öffent­lich wis­sen­schaft­lich infra­ge zu stel­len, weil eine libe­ra­le Ord­nung dar­auf setzt, dass auch gro­tes­ke Irr­tü­mer im offe­nen Dis­kurs kor­ri­giert wer­den kön­nen.

Wie bei dem Aus­druck „Kon­struk­ti­vis­mus“ ist beim Aus­druck „natu­ra­lis­tisch“ im Kon­text des Frei­heits­pro­blems sehr genau zu beach­ten, was die jewei­li­gen Auto­ren dar­un­ter ver­ste­hen. Ver­ste­hen sie den Aus­druck im Sin­ne von Wis­sen­schafts­typ 1, kann es kei­ne Frei­heit im Sin­ne des Mini­mal­be­griffs, den ich hier skiz­ziert habe, geben. Auto­ren, die die­sen Frei­heits­be­griff ver­tre­ten, wie Ernst Tugend­hat, und zugleich den Begriff „natu­ra­lis­tisch“ ver­wen­den, ver­su­chen daher Klä­run­gen her­bei­zu­füh­ren, hier ein nicht unpo­le­mi­sches Bei­spiel:

Bei der Hirn­for­schung fin­de ich ziem­lich ver­rückt, was da heu­te läuft. […] Man kann ledig­lich fest­stel­len, in wel­chen Berei­chen des Gehirns wel­che Typen von Pro­zes­sen ablau­fen. Aber dann kom­men die­se Pro­fes­so­ren der Gehirn­phy­sio­lo­gie und stel­len Theo­ri­en über die Nicht­exis­tenz mensch­li­cher Frei­heit auf, die sich nur dar­auf stüt­zen, dass sie sagen, wir sind Wis­sen­schaft­ler und glau­ben an den Deter­mi­nis­mus. Sie neh­men die phi­lo­so­phi­sche Lite­ra­tur der gan­zen letz­ten Jahr­zehn­te über­haupt nicht wahr, in der ver­sucht wird, Deter­mi­nis­mus und Wil­lens­frei­heit nicht als Gegen­satz zu sehen. Das hal­te ich für eine völ­lig halt­lo­se Spe­ku­la­ti­on. […] In hun­dert Jah­ren kann die Hirn­phy­sio­lo­gie viel­leicht inter­es­sant wer­den für die Phi­lo­so­phie, aber bis­her ist sie es nicht. Ich bin frei­lich ein Natu­ra­list, ich sehe den Men­schen als einen Teil der bio­lo­gi­schen Ent­wick­lung. Aber was in den bio­lo­gi­schen Wis­sen­schaf­ten mit Bezug auf den Men­schen gemacht wird, da ist sehr wenig Sinn­vol­les.“ (taz-Inter­view vom 28.07.2007)

Damit ist nur ange­deu­tet, dass die Wis­sen­schaf­ten vom Typ 1 noch eine Ent­wick­lung durch­lau­fen müs­sen, bis sie phä­no­me­n­ad­äquat wer­den. Der wich­tigs­te aktu­el­le Ver­such – im Kern wohl der ein­zi­ge – ist der­je­ni­ge von Thomas/Brigitte Gör­nitz, Der krea­ti­ve Kos­mos, Heidelberg/Berlin 2002. Er zeigt zumin­dest an, dass im quan­ten­phy­si­schen Bereich ver­stan­den wor­den ist, dass es so nicht mehr wei­ter­ge­hen kann, weil die Rea­li­tät kom­ple­xer ist, als sie in der klas­si­schen Phy­sik beschrie­ben wird. Mit Peirce dür­fen von daher zumin­dest kei­ne fal­schen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen kom­men.

Das Haupt­the­ma der Sit­zung waren die Argu­men­ta­ti­ons­ty­pen von Abduk­ti­on, Induk­ti­on und Deduk­ti­on im All­tag. Damit sind wir nicht fer­tig gewor­den, sodass wir dies in der Sit­zung am 11.05. ver­voll­stän­di­gen, erwei­tern und ganz gründ­lich aus­dis­ku­tie­ren müs­sen. Stel­len die­se Argu­men­ta­ti­ons­ty­pen im All­tag, die zwar gewohnt, aber häu­fig nicht bewusst sind, doch eine der wesent­li­chen Bedin­gun­gen der Mög­lich­keit dar, dass All­tags­phi­lo­so­phie eine Rea­li­tät sein kann und auch fak­tisch statt­fin­det. Dies ist seit der klas­si­schen Pha­se der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie bekannt – und wur­de dort im Kon­text der Rhe­to­rik refle­xiv erar­bei­tet. Inso­fern ver­lang­sa­men wir mit guten Grün­den das The­ma des Kur­ses – und fas­sen die Übun­gen zu Gewohn­hei­ten und Krea­ti­vi­tät zu einer Sit­zung zusam­men. Nicht erwar­ten darf man, dass im All­tag irgend­wie argu­men­tiert wird wie an der Uni­ver­si­tät, sofern dort auf Sorg­falt Wert gelegt wird, oder in einem wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut. Das wäre in den All­tags­er­for­der­nis­sen schon aus Zeit­grün­den eher kon­tra­pro­duk­tiv – und wie Aris­to­te­les mein­te, auch eher lang­wei­lig, es fehlt dazu der die Rezi­pie­ren­den ein­schlie­ßen­de und her­aus­for­dern­de Esprit. Denn die Rezi­pie­ren­den stel­len die Voll­stän­dig­keit der Argu­men­ta­ti­on selbst­tä­tig her, es han­delt sich ja um Kom­mu­ni­ka­tio­nen. Von „Bewei­sen“ ist übri­gens umge­kehrt auch im Wis­sen­schafts­be­reich so häu­fig nicht die Rede.

Zum bes­se­ren Über­blick zitie­re ich die Auf­ga­ben­bei­spie­le noch ein­mal und füge dar­an die schon erar­bei­te­ten Lösun­gen an. Ich habe mit 16.1.7, 16.1.8 und 16.1.9 drei wei­te­re Tex­te hin­zu­ge­fügt, die von Wolf Sin­ger und Ger­hard Roth stam­men, deren argu­men­ta­ti­ve Struk­tur unter­sucht und mit den All­tags­ar­gu­men­ta­tio­nen hier ver­gli­chen wer­den soll. 16.1.4 (Frank-Wal­ter Stein­mei­er in Afgha­ni­stan) und 16.2 (Zu jeder Argu­men­ta­ti­on Gegen­ar­gu­men­te bil­den) waren noch nicht bear­bei­tet und wer­den uns dann in der Sit­zung am Mon­tag, dem 11.05. beschäf­ti­gen.

16.1.1  Thors­ten Hild (Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler), taz-online 29.04.2009

Löh­ne haben für das Über­le­ben der Wirt­schaft eine gar nicht zu über­schät­zen­de Bedeu­tung. Geht die Lohn­sum­me plötz­lich und unkon­trol­liert zurück, droht nichts weni­ger, als dass der Wirt­schafts­kreis­lauf zum Erlie­gen kommt.“

Der Wirt­schafts­kreis­lauf darf nicht zum Erlie­gen kom­men!

Der Wirt­schafts­kreis­lauf kann zum Erlie­gen kom­men, wenn die Lohn­sum­me plötz­lich und unkon­trol­liert zurück­geht.

→           Die Lohn­sum­me soll­te mög­lichst kon­stant blei­ben!

Die Schluss­form bzw. Argu­men­ta­ti­ons­form ist deduk­tiv, es han­delt sich um einen prak­ti­schen Syl­lo­gis­mus, wie ihn Aris­to­te­les sowohl in der „Niko­ma­chi­schen Ethik“ als auch in der „Rhe­to­rik“ ana­ly­siert hat. Hier müs­sen aus dem Kon­text und der eige­nen Beschäf­ti­gung mit sol­chen Sach­ver­hal­ten die Ergän­zun­gen der Argu­men­ta­ti­on erbracht wer­den. Dies wird von Ihnen als akti­ven und selbst­stän­di­gen Bürger/innen erwar­tet. Ob der Zusam­men­hang, den Hild unter­stellt, besteht, kön­nen Sie bei­spiels­wei­se unter Euro­stat, den Publi­ka­tio­nen der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on zu sta­tis­ti­schen Fra­gen nach­se­hen – oder sich um ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chun­gen in Buch­form bemü­hen.

16.1.2   Wolf­gang Wag­ner, Angst ist ein guter Rat­ge­ber, FR-Online, 30.04.2009

Wenn einem heu­te in der S-Bahn jemand in den Nacken niest, hat der Schau­er, der einen über­fällt, sicher auch psy­chi­sche Grün­de. Man­cher wird es bereu­en, die schweiß­feuch­te Hand, die ihm gereicht wur­de, gedrückt zu haben. Schul- und Kin­der­gar­ten­lei­ter wer­den auf­merk­sa­mer auf ihre Zög­lin­ge ach­ten.

Dok­to­ren wer­den noch mehr ein­ge­bil­de­te Kran­ke beru­hi­gen und die Kran­ken­häu­ser mehr ver­meint­li­che Not­fäl­le behan­deln. Die Schwei­ne­grip­pe hat Deutsch­land erreicht.“

Ver­schie­de­ne Fäl­le, die auch anders betrach­tet wer­den kön­nen, bil­den sich zu einer Regel aus: Die „Schwei­ne­grip­pe“ hat Deutsch­land erreicht.

Mein Nie­sen oder das Nie­sen ande­rer in mei­ner direk­ten Umge­bung könn­te ein Sym­ptom der „Schwei­ne­grip­pe“ sein.

→ Zur Vor­sicht suche ich doch einen Dok­tor auf.

Hier berei­te­te die mög­li­cher­wei­se iro­ni­sche For­mu­lie­rung des Tex­tes von Wag­ner Schwie­rig­kei­ten, den argu­men­ta­ti­ven Weg zu erken­nen. Schließ­lich wur­de die Schluss­form aber auf­grund der Infor­ma­ti­on aus der Über­schrift ein­hel­lig als Induk­ti­on erkannt. Die Induk­ti­on ist in der Rhe­to­rik die häu­figs­te Schluss­form in der poli­ti­schen Bera­tungs­re­de und wird von Wag­ner hier auch so ver­wen­det. Dis­ku­tiert wur­de hier auch der Weg von einer aller­ers­ten Abduk­ti­on zur schließ­li­chen Regel­bil­dung, was gera­de durch den mehr­deu­ti­gen Text ange­regt wur­de.

16.1.3   Barack Oba­ma, Pres­se­kon­fe­renz zum 100. Tag sei­ner Prä­si­dent­schaft, SZ-Online, 30.04.2009

Barack Oba­ma hat kei­nen Grund für Selbst­zwei­fel: Auf der lan­des­weit über­tra­ge­nen Pres­se­kon­fe­renz zum 100. Tag sei­ner Prä­si­dent­schaft gibt es nicht eine ein­zi­ge böse, schmerz­haf­te Fra­ge. ‚Wir sind gut gestar­tet‘, lau­tet der Tenor Oba­mas bei sei­nem wie stets sou­ve­rä­nen Auf­tritt. Nie­mand im tra­di­ti­ons­rei­chen, präch­tig möblier­ten East Room des Wei­ßen Hau­ses wider­spricht.

Oba­mas Start war der ein­drucks­volls­te seit Fran­k­lin D. Roo­se­velt‘, hat­te schon der Time-Kolum­nist Joe Klein jubi­lie­rend geschrie­ben. Aber auch Oba­ma weiß, dass er trotz sei­ner unge­bro­che­nen Beliebt­heit bei Öffent­lich­keit und Medi­en nur Schon­zeit hat.

Eine dra­ma­ti­sche Wirt­schafts­kri­se, rie­si­ge Staats­schul­den und zwei Krie­ge las­ten auf der neu­en Regie­rung. Dazu will Oba­ma auch das maro­de Gesund­heits­we­sen und die Schu­len refor­mie­ren, den Kli­ma­wan­del bekämp­fen und vie­les mehr. ‚Wir wer­den das schaf­fen‘, sag­te Oba­ma selbst­be­wusst. Sei­ne ers­ten 100 Tage wer­te­te er posi­tiv: ‚Ich bin stolz auf das, was wir erzielt haben, … erfreut über den Fort­schritt, aber nicht zufrie­den.'“

Wir wer­den es schaf­fen, es zei­gen sich schon ers­te Indi­zi­en! Eine Neu­auf­la­ge von „Yes, we can!“

Schluss­form: Abduk­ti­on, gro­ße Tei­le des Tex­tes in der SZ die­nen nur zur Empha­se der Abduk­ti­on. Ob die­se zutrifft, wird und kann sich auch erst an fol­gen­den Ereig­nis­sen zei­gen, kann also frü­hes­tens in zwei oder drei Jah­ren eini­ger­ma­ßen beur­teilt wer­den. Vie­le poli­ti­sche Pro­gram­me und Ver­laut­ba­run­gen sind Abduk­tio­nen, weil sie auf die Zukunft aus­ge­rich­tet sind, über die mut­maß­lich nie­mand so genau Bescheid weiß.

16.1.4  Außen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter Stein­mei­er bei sei­nem Afgha­nistan­be­such, SZ-Online 30.04.2009

Die Anschlä­ge über­schat­te­ten den unan­ge­kün­dig­ten Besuch von Außen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter Stein­mei­er in Kabul. Stein­mei­er ver­ur­teil­te den töd­li­chen Anschlag als ‚fei­ges und heim­tü­cki­sches Ver­bre­chen‘. Deutsch­land las­se sich durch sol­che Taten nicht davon abbrin­gen, ‚die­sem geschun­de­nen Volk bei­sei­te zu ste­hen'“.

Noch nicht ana­ly­siert!

16.1.5   Uli Hoe­neß, FC Bay­ern FanTV vom 27.04.2009, zur Ent­las­sung von Jür­gen Klins­mann

Ich möch­te viel­leicht noch hin­zu­fü­gen, dass wir nicht den Feh­ler machen soll­ten, den sicher wahn­sin­ni­gen Aus­rut­scher in Bar­ce­lo­na zum ent­schei­den­den Maß­stab zu machen. Gegen Bar­ce­lo­na wer­den auch noch ande­re Mann­schaf­ten ver­lie­ren. Es kommt auf den Trend an, seit Weih­nach­ten haben wir in allen Spie­len, wo es drauf ankam, Tabel­len­füh­rer zu wer­den, in Ham­burg, in Ber­lin, jetzt gegen Schal­ke ver­lo­ren. Das muss uns zu den­ken geben.“

Es ergibt sich seit Weih­nach­ten ein Trend, Ham­burg, Ber­lin usf.: Wir ver­lie­ren jedes Spiel, in dem es dar­um geht, Tabel­len­füh­rer zu wer­den!

Dies gefähr­det unse­re sport­li­chen und wirt­schaft­li­chen Zie­le, dar­an muss der Trai­ner Schuld sein!

→ Klins­mann wird ent­las­sen!

Schluss­form: Induk­ti­on, der abduk­ti­ve Pro­zess, wie es zu die­ser Induk­ti­on gekom­men ist, ist in die­sem Zitat beson­ders gut zu erken­nen, mög­li­cher­wei­se hat es bei Hoe­neß nach dem Ham­burg­spiel zum ers­ten Mal in die­se Rich­tung wickie­mä­ßig geblitzt. Wickie ist der Star einer gleich­na­mi­gen Kin­der­buch­se­rie, die auch zei­chen­trick­film­ar­tig ver­filmt wur­de, z. B. regel­mä­ßig in Kika zu sehen. Wickie ist das hel­le, jun­ge Köpf­chen in einer Wikin­ger­grup­pe, in der das krea­ti­ve Den­ken in der Regel durch Kraft­aus­übung ersetzt wird. Dadurch gerät die Grup­pe auf ihren Raub­zü­gen nicht sel­ten in aus­sichts­lo­se Situa­tio­nen, aus denen dann der krea­ti­ve klei­ne Wickie abduk­tiv einen Aus­weg fin­det. Den Moment, in dem die Abduk­ti­on auf­tritt, mar­kie­ren die klei­nen Ster­ne, die hier auf dem Bild zu sehen sind. Sie tre­ten stets blitz­ar­tig auf. Das ist noch bes­ser in fol­gen­dem Video zu sehen: Wickie­vor­spann. Wickies Abduk­tio­nen funk­tio­nie­ren immer, mal sehen, ob die zu einer Induk­ti­on aus­ge­ar­bei­te­te Abduk­ti­on von Uli Hoe­neß genau­so gut funk­tio­niert.

16.1.6   Chris­to­pher Flowers zum Über­nah­me­an­ge­bot, Faz.net vom 30.04.2009

Der Groß­ak­tio­när der Immo­bi­li­en­bank Hypo Real Esta­te (HRE), der ame­ri­ka­ni­sche Inves­tor J. C. Flowers, hat das Über­nah­me­an­ge­bot der Bun­des­re­gie­rung abge­lehnt. Die Offer­te der Bun­des­re­gie­rung für die Akti­en der HRE bezeich­ne­te Flowers in einer am Don­ners­tag ver­öf­fent­lich­ten Erklä­rung als zu nied­rig.“

Die ange­bo­te­ne Ent­schä­di­gung ist zu nied­rig!

→ Das Ange­bot der Bun­des­re­gie­rung wird abge­lehnt!

Schluss­form: Deduk­ti­on.

Neue Bei­spie­le:

Ver­su­chen Sie hier­bei Unter­schie­de und Gemein­sam­kei­ten zwi­schen den All­tags­ar­gu­men­ta­tio­nen in 16.1.1-6 und den wis­sen­schaft­li­chen Argu­men­ta­tio­nen von Sin­ger und Roth in 16.1.7-9 zu beschrei­ben!

16.1.7 Ger­hard Roth, Aus der Sicht des Gehirns

Die Fest­stel­lung, dass die von mir erleb­te Welt des Ichs, mei­nes Kör­pers und des Rau­mes um mich her­um ein Kon­strukt des Gehirns ist, führt zu der viel dis­ku­tier­ten Fra­ge: Wie kommt die Welt wie­der nach drau­ßen? Die Ant­wort hier­auf lau­tet: Sie kommt nicht nach drau­ßen, sie ver­lässt das Gehirn gar nicht. Das Arbeits­zim­mer, in dem ich mich gera­de befin­de, der Schreib­tisch und die Kaf­fee­tas­se vor mir wer­den ja von mir als ‚drau­ßen‘ in Bezug auf mei­nen Kör­per und mein Ich erlebt. Die­se bei­den sind aber eben­falls Kon­struk­te, nur ist es so, dass mit der Kon­struk­ti­on mei­nes Kör­pers auch der zwin­gen­de Ein­druck erzeugt wird, die­ser Kör­per sei von der Welt umge­ben und ste­he in deren Mit­tel­punkt. Und schließ­lich wird […] ein Ich erzeugt, das das Gefühl hat, in die­sem Kör­per zu ste­cken, und dadurch wird es erleb­nis­mä­ßig zum Zen­trum der Welt.“

16.1.8. Ger­hard Roth, Bran­den­bur­ger Debat­te

Auf­grund psy­cho­lo­gi­scher und neu­ro­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se müs­sen wir von fol­gen­dem Sach­ver­halt aus­ge­hen: Men­schen kön­nen im Sin­ne eines per­sön­li­chen Ver­schul­dens nichts für das, was sie wol­len und wie sie sich ent­schei­den, und dies gilt unab­hän­gig davon, ob ihnen die ein­wir­ken­den Fak­to­ren bewusst sind oder nicht, ob sie sich schnell ent­schei­den oder lan­ge hin und her über­le­gen. Sie wer­den in dem jeweils einen oder ande­ren Fall even­tu­ell völ­lig unter­schied­li­che Din­ge tun, aber sie tun dies nicht frei. Die Gene, die vor- und nach­ge­burt­li­chen Ent­wick­lun­gen und Fehl­ent­wick­lun­gen, die früh-kind­li­chen Erfah­run­gen und Trau­ma­ti­sie­run­gen, die spä­te­ren Erfah­run­gen und Ein­flüs­se aus Eltern­haus, Freun­des­kreis, Schu­le und Gesell­schaft – all dies formt unser emo­tio­na­les Erfah­rungs­ge­dächt­nis, und des­sen Aus­wir­kun­gen auf unser Han­deln unter­lie­gen nicht dem frei­en Wil­len. Dies gilt selbst­ver­ständ­lich auch für Per­so­nen, die Straf­ta­ten bege­hen.“

16.1.9 Wolf Sin­ger, Vom Gehirn zum Bewusst­sein

Die­se früh­kind­li­che Amne­sie scheint mir dafür ver­ant­wort­lich, dass die sub­jek­ti­ven Kon­no­ta­tio­nen von Bewusst­sein für uns eine ganz ande­re Qua­li­tät haben als die Erfah­run­gen mit ande­ren sozia­len Kon­struk­ten. Viel­leicht erle­ben wir die­se Aspek­te unse­res Selbst des­halb auf so eigen­tüm­li­che Wei­se als von ganz ande­rer Qua­li­tät, als aus Bekann­tem nicht her­leit­bar, weil die Erfah­rung, so zu sein, in einer Ent­wick­lungs­pha­se instal­liert wor­den ist, an die wir uns nicht erin­nern kön­nen. Wir haben an den Ver­ur­sa­chungs­pro­zess kei­ne Erin­ne­rung …“

16.2     Übung 2

Noch durch­zu­füh­ren!

Bil­den Sie zu jedem der vor­ste­hen­den Argu­men­te Gegen­ar­gu­men­te, selbst wenn Ihnen die Argu­men­ta­ti­on bzw. Begrün­dung ein­leuch­ten soll­te!


[1] Ger­hard Roth, Das Gehirn und sei­ne Wirk­lich­keit. Kogni­ti­ve Neu­ro­bio­lo­gie und ihre phi­lo­so­phi­schen Kon­se­quen­zen. Suhr­kamp, Frank­furt 82000, 314ff.328ff (Taschen­buch­aus­ga­be).

[2] Vgl. vor allem den groß ange­leg­ten Ver­such von Micha­el Pau­en, Was ist der Mensch? Die Ent­de­ckung der Natur des Geis­tes, Mün­chen 2007, 164ff.

24. März 2009

All­tags­phi­lo­so­phie 2

2 Erin­ne­rung an den 09.03.2009

Die Sit­zung befass­te sich vor allem mit dem Ver­ständ­nis des The­mas All­tags­phi­lo­so­phie. Die Duden­hin­wei­se auf bestimm­te Ver­wen­dungs­wei­sen des Aus­drucks „All­tag“ und „all­täg­lich“ führ­ten bei einer Mehr­heit der Teilnehmer/innen eher nicht zur Zustim­mung. Wich­tig war sicher­lich der Hin­weis von Herrn Deth­lef­sen, dass das Gemein­te mög­li­cher­wei­se bes­ser durch „Lebens­welt“ aus­ge­drückt wer­den kön­ne. Der Aus­druck „All­tag“, sofern er nicht mit „Werk­tag“ ineins gesetzt und dann von „Sonn­tag“ oder „Wochen­en­de“ unter­schie­den wird, umfasst alles das­je­ni­ge, was uns jeden Tag begeg­net, wor­in wir leben, was uns stört, was wir tun und las­sen. Und das sind kei­nes­wegs nur lebens­welt­li­che Bezü­ge in einem empha­ti­schen Sinn, auch die täg­li­che oder häu­fi­ge Benut­zung des Inter­nets, die unver­meid­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on über Geld usf. gehö­ren zu unse­rem All­tag. Über die­se ganz ver­schie­de­nen und z. T. durch­aus wider­sprüch­li­chen Aspek­te des All­tags kann im All­tag selbst eine kri­ti­sche oder nach­denk­li­che Refle­xi­on ent­ste­hen, das ist der Anfang der All­tags­phi­lo­so­phie, die jede/m/r prin­zi­pi­ell mög­lich ist. Dabei geht es dar­um, wie man den All­tag bewäl­ti­gen kann, wie das alles zu ver­ste­hen ist, auch anspruchs­vol­ler, wie gutes Leben im All­tag mög­lich ist.

Dass man die­se Fra­gen phi­lo­so­phisch nen­nen kann, weil es ja um Lie­be zur Weis­heit geht, ist viel­leicht weit­ge­hend unbe­strit­ten. Schwie­rig wird die Ver­wen­dung des Aus­drucks „All­tags­phi­lo­so­phie“ aber im Blick auf öffent­li­che Debat­ten, die etwa in den Medi­en aus­ge­tra­gen wer­den. Auch in ent­spre­chen­den Sen­dun­gen zur Phi­lo­so­phie­the­ma­tik steht das eher nicht im Vor­der­grund, falls ich nichts über­se­hen oder über­hört habe. Dies ist nach mei­nem Ein­druck vor allem ein Pro­blem der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie, die oft den Über­sprung zu ihrer grie­chi­schen Her­kunft vom Athe­ner Markt­platz nicht mehr recht zu leis­ten ver­mag. Sokra­tes hat ja dort durch sei­ne Fra­ge­kunst nur die Auf­ga­be der Heb­am­me, der die Gefrag­ten dabei unter­stützt, die für sie rich­ti­gen Ant­wor­ten her­aus­zu­fin­den bzw. zu gebä­ren. Das zeigt vor allem, dass es je nach indi­vi­du­el­ler Per­spek­ti­ve mög­li­cher­wei­se meh­re­re Ant­wor­ten auf eine Fra­ge gibt. Und auch Sokra­tes, der etwas para­dox vor­gibt, nur das­je­ni­ge zu wis­sen, dass er nichts wis­se, gibt nicht die „rich­ti­gen“ Ant­wor­ten. Schon damals war jeden­falls man­chen klar, dass es für vie­le Fra­gen offen­bar kei­ne letz­ten Ant­wor­ten gibt.

An die­sem Ergeb­nis setzt auch Peirce an. Er beob­ach­tet frei­lich, dass vie­le Men­schen, er unter­stellt offen­bar sogar alle Men­schen, all­ge­mei­ne Lebens­über­zeu­gun­gen hegen, die eine Inter­pre­ta­ti­on aller Sach­ver­hal­te ein­schlie­ßen, wie unscharf oder „unge­schlacht“ der­ar­ti­ge Inter­pre­ta­tio­nen auch sein mögen. Ver­hiel­te es sich so, dann phi­lo­so­phier­ten alle Men­schen, denn eine beson­ne­ne Lebens­kon­zep­ti­on zu haben, ist ein phi­lo­so­phi­sches Ide­al. Der Aus­druck „meta­phy­sisch“ bezieht sich auf all­ge­mei­ne Über­zeu­gun­gen, also dar­über, wie die Sach­ver­hal­te immer sind o. Ä. Peirce zufol­ge han­delt es sich hier­bei nicht nur um Kopf­ge­bur­ten, auch der Bauch und die Mus­keln spie­len eine gewis­se Rol­le.

Wäh­rend Peirce jeden­falls eine Vari­an­te von All­tags­phi­lo­so­phie ver­trat, ist genau dies bei Sin­ger eher aus­ge­schlos­sen. Er steht beson­ders deut­lich für eine Welt­sicht, die von den Wis­sen­schaf­ten beein­druckt ist und deren Wirk­lich­keits­auf­fas­sung für ange­mes­se­ner als unse­re All­tags­wahr­neh­mun­gen und -erfah­run­gen hält. Wenn unser Gehirn mit uns äqui­va­lent wäre und man das Gehirn so inter­pre­tie­ren müss­te, wie es Wolf Sin­ger vor­schrifts­mä­ßig frei­lich nur hypo­the­tisch tut – weil bis­lang kei­ner­lei belast­ba­re empi­ri­schen Erkennt­nis­se vor­lie­gen -, dann wäre unser all­täg­li­ches Selbst­ver­ständ­nis als abwä­gen­de Men­schen, die sich zu man­chen Tätig­kei­ten ent­schei­den, frei­lich vom Illu­si­ons­ver­dacht bedroht. Sin­ger deu­tet im Text indi­rekt an, dass kei­nes­wegs alle Naturwissenschaftler/innen mit sei­ner Sicht­wei­se über­ein­stim­men und ver­sucht daher, ins­be­son­de­re quan­ten­phy­si­ka­li­sche Bei­trä­ge aus der Debat­te her­aus­zu­hal­ten, wie sie etwa Carl-Fried­rich von Weiz­sä­cker oder Tho­mas Gör­nitz geäu­ßert haben.

Inso­fern soll­te ein Kurs über All­tags­phi­lo­so­phie auch die Gegen­ar­gu­men­te abwä­gen und die posi­ti­ven Argu­men­te ken­nen­ler­nen, die es für oder gegen die sinn­vol­le Mög­lich­keit von All­tags­phi­lo­so­phie gibt.

3 Die Situa­ti­on an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de

Es mag viel­leicht über­ra­schen, aber die Zeit der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de bie­tet für den­je­ni­gen oder die­je­ni­ge, die oder der sich damit beschäf­tigt, weit­hin ähn­li­che Struk­tu­ren – und man kann nur hof­fen, dass die teil­wei­se unbe­son­ne­ne Auf­re­gung und Ver­drän­gung damals nicht zu ähn­lich ver­hee­ren­den Ergeb­nis­sen wie 1914 und in der Fol­ge auch 1939 führt. Der gesell­schaft­li­che Grad der Ver­un­si­che­rung ist in unse­rer Zeit min­des­tens genau­so hoch wie damals, etwa die Exzes­se in Win­nen­den sind ein grel­les Schlag­licht – und es gibt eine gan­ze Rei­he von Stra­te­gi­en, wie man die­se Ver­un­si­che­rung zu ver­drän­gen ver­sucht. Davon ist eine die­je­ni­ge des angeb­lich sta­bi­len öko­no­mi­schen Erfolgs, eine ande­re die­je­ni­ge der angeb­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Sicher­heit. In unse­rer Zeit ist die Öko­no­mie erst kürz­lich sowohl wirt­schaft­lich kon­kret als auch als Wis­sen­schaft von ihrem Thron gestürzt, kein bedeu­ten­der aka­de­mi­scher Öko­nom hat ernst­haft die Finanz­kri­se und die dar­aus ent­ste­hen­de Welt­wirt­schafts­kri­se vor­aus­ge­sagt, obgleich die Wirt­schafts­wis­sen­schaft vor­gibt, in bestimm­ten Gren­zen Pro­gno­sen abge­ben zu kön­nen. Wenn Sie den letz­ten Bericht des Sach­ver­stän­di­gen­rats lesen, wer­den Sie fest­stel­len, dass die gut 500 Sei­ten ver­druckt sind, aber Sie kön­nen ihn kos­ten­frei im Inter­net zur Not am Bild­schirm lesen. Vor­aus­ge­sagt wur­de das frei­lich eher von poli­tisch-öko­no­mi­schen Außen­sei­tern, die auf­grund ihrer Vor­aus­sa­gen ent­spre­chend ver­spot­tet und ver­höhnt wur­den. Auch die­se Struk­tur fin­det sich an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de: Men­schen, denen es oft nicht gelang, dau­er­haft eine aka­de­mi­sche Stel­le zu errei­chen, gehö­ren zu den lang­fris­tig inter­es­san­tes­ten Den­kern der Epo­che wie etwa Charles Peirce oder der deut­sche Kul­tur­phi­lo­soph Georg Sim­mel. Selbst­ver­ständ­lich gab es damals ent­ge­gen der offi­zi­el­len wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritts­rhe­to­rik inner­halb und außer­halb der Wis­sen­schaf­ten Kri­tik an den domi­nie­ren­den Ten­den­zen, bei­spiels­wei­se in der Medi­zin. Hier waren etwa Deutsch­land und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten in den alter­na­ti­ven Ten­den­zen füh­rend, in Deutsch­land vor allem im Blick auf die Homöo­pa­thie, in den USA sowohl auf die­se als auch auf die Osteo­pa­thie. Aus­schlag­ge­bend bei­spiels­wei­se für die staat­li­che Akzep­tanz der Osteo­pa­thie in vie­len Staa­ten der USA war die posi­ti­ve Reso­nanz bei den Patient/inn/en, trotz aller­schärfs­ter Gegen­wehr der Medi­cal Asso­cia­ti­on. Heu­te ist die Situa­ti­on kei­nes­wegs anders. Trotz aller­hef­tigs­ten Beschus­ses durch die evi­dence based medi­ci­ne wün­schen sich 79 % der gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­ten die Erstat­tung von homöo­pa­thi­schen Heil­mit­teln. Die­ses Bei­spiel soll zei­gen, dass es all­täg­li­che Über­zeu­gun­gen gibt, die für die ein­zel­nen Men­schen auf All­tags­er­fah­run­gen, die sie selbst betref­fen, beru­hen. Die­se blei­ben von der wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritts­rhe­to­rik weit­ge­hend unbe­rührt und unbe­ein­druckt, weil sie eine eige­ne, für sie selbst wich­ti­ge Erfah­rung gemacht haben.

Die Zeit seit den 1860er Jah­ren ist im Wis­sen­schafts­sys­tem die Zeit der Auf­lö­sung der gro­ßen phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät, zu der alle Wis­sen­schaf­ten als Unter­ab­tei­lun­gen mit Aus­nah­me der Medi­zin, der Theo­lo­gie und der Rechts­wis­sen­schaft gehör­ten. Zuerst lösen sich die Natur­wis­sen­schaf­ten wie die Phy­sik und Che­mie, dann die Bio­lo­gie ab. Psy­cho­lo­gie, Öko­no­mie und Sozio­lo­gie fol­gen. In der Psy­cho­lo­gie ist bis heu­te umstrit­ten, ob sie nun eher zu den Natur­wis­sen­schaf­ten, den Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten oder gar zu den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten gehö­re. Die wis­sen­schaft­li­che Fort­schritts­rhe­to­rik hat­te sug­ge­riert, dass mit der Zeit – etwa durch das Expe­ri­ment – die wis­sen­schaft­li­chen Fra­gen ent­schie­den wür­den. Das ist nicht ein­ge­tre­ten, wer heu­te Tex­te vom Ende des 19. Jahr­hun­derts zur Gehirn­for­schung liest, wie ich es selbst aus Inter­es­se, aber auch beruf­lich als Über­set­zer getan habe, wird fest­stel­len, dass die glei­chen Pro­ble­me schon damals dis­ku­tiert wor­den, etwa das Ver­hält­nis von neu­ro­na­len Pro­zes­sen und Bewusst­sein. Kei­nes von ihnen ist einer all­seits akzep­tier­ten Lösung näher gebracht wor­den. Zum einen stellt sich hier ein leicht erkenn­ba­res Sach­pro­blem: Die Leit­un­ter­schei­dung von Frau Ler­che, die ich in der vor­letz­ten Woche an die Tafel geschrie­ben habe, lau­tet: „Ratio­nal“ vs. „emo­tio­nal“. Dies ist sprach­lich aus­ge­drückt und folgt bestimm­ten sprach­li­chen Regeln, die man münd­lich oder schrift­lich aus­drü­cken kann. Kei­ne die­ser Regeln lässt sich fin­den, wenn nun Frau Ler­ches Gehirn unter­sucht wird, denn dort gel­ten rhyth­mi­sche che­misch-elek­tri­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­geln. Das Pro­blem einer man­geln­den Lösung hängt aber auch mit einer inne­ren wis­sen­schaft­li­chen Struk­tur zusam­men, wel­che durch­aus die Wis­sen­schaf­ten rela­ti­viert. Eine wis­sen­schaft­li­che For­schung beginnt mit einer mög­li­cher­wei­se erstaun­li­chen Beob­ach­tung, die viel­leicht eine Hypo­the­se ent­ste­hen lässt, wie Ereig­nis­se, Zusam­men­hän­ge usf. erklärt wer­den könn­ten. Die­se Regel oder das Gesetz sind erfun­den oder jeden­falls frei ent­wor­fen, um das Ereig­nis oder den Zusam­men­hang zu erklä­ren. Man stellt hypo­the­tisch-abduk­tiv eine Regel oder ein Gesetz auf, die das Beob­ach­te­te erklä­ren könn­ten – und ver­sucht die­se Regel oder das Gesetz dann durch Expe­ri­men­te usf. zu bestä­ti­gen. Wenn man gut geforscht hat, hält die Regel oder das Gesetz eini­ge Jah­re oder Jahr­zehn­te, wes­halb Nobel­prei­se oft sehr lan­ge nach den Ent­de­ckun­gen ver­lie­hen wer­den, weil in der Zwi­schen­zeit mit Recht ver­sucht wird, die auf­ge­stell­te Regel oder das Gesetz wis­sen­schaft­lich zu über­prü­fen oder zu wider­le­gen. Erst wenn das über län­ge­re Zeit nicht gelun­gen ist, kann ein Nobel­preis ver­lie­hen wer­den.

Dabei sind in den Wis­sen­schaf­ten unter­schied­li­che Ansprü­che an Genau­ig­keit uner­läss­lich, was sich eben­falls schon seit den 1860er Jah­ren abge­zeich­net hat­te, sofern die Wis­sen­schaf­ten die gesam­te Wirk­lich­keit umfas­sen wol­len:

Es gibt in der Wirk­lich­keit all­ge­mein meh­re­re Typen, m. E. drei Typen von Regeln, denen auch drei Wis­sen­schafts­ty­pen ent­spre­chen:

(1) Regeln, die gegen die Wahr­schein­lich­keit 1 ten­die­ren (es ist nahe­zu immer so – wie etwa, dass der Apfel immer nach unten vom Baum fällt, wenn wir das gewöhn­li­che Bezugs­sys­tem hier auf der Erde akzep­tie­ren), das sind die soge­nann­ten Natur­ge­set­ze, die frei­lich sehr wahr­schein­lich auch nur Nähe­run­gen sind. Hier­mit beschäf­ti­gen sich die Natur­wis­sen­schaf­ten, wobei die Bio­lo­gie schwä­che­re Wahr­schein­lich­eits­er­war­tun­gen hat als die Phy­sik, wie etwa die Akzep­tanz des Zufalls als ent­schei­den­des Ele­ment der Evo­lu­ti­on durch Dar­win gezeigt hat. Metho­de: Induk­ti­ves Schlie­ßen auf der Grund­la­ge von Expe­ri­men­ten, d. h.: Es gibt ver­schie­de­ne Fäl­le, die ein­an­der ähn­lich zu sein schei­nen, sodass man für sie eine gemein­sa­me Regel oder ein Gesetz unter­stellt. Die­ses muss aber in der Zukunft immer wei­ter unter­sucht wer­den. Dabei las­sen sich Hypo­the­sen nie­mals aus­schlie­ßen, wie jetzt in der aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Kri­tik der Dar­win­schen Posi­ti­on auf­grund neue­rer Ein­sich­ten in die Genom­struk­tur deut­lich wird.

(2) Regeln, die eher um die Wahr­schein­lich­keit 0,5 oder etwas höher schwan­ken (alles kann immer auch anders sein), das sind die sozia­len Regeln, z. B.: Ob Bay­ern Mün­chen Meis­ter wird, hat auf die letz­ten 40 Jah­re berech­net die Wahr­schein­lich­keit 0,5, dass Ange­la Mer­kels CDU zukünf­tig stärks­te Par­tei wird, viel­leicht 0,7. Für die­se Regeln, die sozia­len Regeln, ist es kon­sti­tu­tiv, dass sie Aus­nah­men ken­nen. Mit die­sen Regeln befas­sen sich die Sozi­al- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten. Metho­den: Induk­ti­ves und abduk­ti­ves bzw. hypo­the­ti­sches Schlie­ßen, z. B. für qua­li­ta­ti­ve Stu­di­en in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten uner­läss­lich, weil ein­zel­ne Äuße­run­gen eines Indi­vi­du­ums bei genau­er Betrach­tung schwer­lich unter eine all­ge­mei­ne Regel fal­len. Dann kann man die ein­zel­ne Äuße­rung auch nicht aus einer sol­chen Regel ablei­ten. Ein Pro­blem, das als Wis­sen­schaf­ten übri­gens nach mei­ner Wahr­neh­mung sowohl Psy­cho­lo­gie als auch Medi­zin haben …

(3) Regeln, die deut­lich zwi­schen 0,00000001 und viel­leicht 0,1 schwan­ken, das sind die Regeln, in denen Indi­vi­du­en dann viel­leicht doch über­ein­stim­men. Sol­che Regeln wer­den von den Wis­sen­schaf­ten erforscht, die man tra­di­tio­nell „Geis­tes­wis­sen­schaf­ten“ nennt. Da man hier in der Regel die Selbst­be­stim­mung und Frei­heit, das Sich-zu-sich-Selbst-Ver­hal­ten als Ver­hal­ten zu mei­ner Zukunft, d. h. den Ent­wurf mei­ner selbst unter­stellt, kann das auch nicht anders sein. Ich bin durch­aus jeden­falls auch selbst­be­stimmt anders als mei­ne Frau und sehr vie­le ande­re Men­schen – und will dies auch sein. Sowohl in der bil­den­den Kunst als auch in der Lite­ra­tur kom­men der­ar­ti­ge Ent­wür­fe zum Aus­druck, wes­halb sich die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten u. a. hier­mit befas­sen. Metho­de: Schwa­ches induk­ti­ves Schlie­ßen, star­ke qua­li­ta­ti­ve Beschäf­ti­gung mit dem Ein­zel­fall, Vor­herr­schen der Abduk­ti­on bzw. der Hypo­the­se.

Induk­ti­on und Abduk­ti­on bzw. Hypo­the­se sind die wich­tigs­ten wis­sen­schaft­li­chen Schluss­ver­fah­ren, deduk­ti­ve Schluss­ver­fah­ren sind sowohl im All­tag als auch in der Wis­sen­schaft nicht sehr pro­mi­nent. Dabei wird ange­nom­men, dass man aus einer oder meh­re­ren Prä­mis­sen zwin­gend auf etwas schlie­ßen kann.

Alle Men­schen sind sterb­lich.

Mar­tin Pött­ner ist ein Mensch.

Also ist Mar­tin Pött­ner sterb­lich (= wird ster­ben).

 

Nie­mand bestrei­tet das wohl hier im Raum, gleich­wohl bleibt eine letz­te Unsi­cher­heit, wenn Sie genau nach­den­ken. Erleich­tert wur­de die Klas­si­fi­zie­rung der Regeln in den Wis­sen­schaf­ten durch bestimm­te Ent­wick­lun­gen in der Mathe­ma­tik, wozu unter ande­rem die Wahr­schein­lich­keits­ma­the­ma­tik und vor allem die Rela­tio­nen­lo­gik gehö­ren, aber das ist jetzt nur ein Hin­weis … Die Schluss­for­men der Deduk­ti­on, Induk­ti­on und Abduk­ti­on sind seit der Anti­ke bekannt und wur­den im letz­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts logisch per­fek­tio­niert.

Die fol­gen­de Abbil­dung 1 fasst die­se Über­le­gun­gen zusam­men und weist der Phi­lo­so­phie einen Ort zu, an dem sie sich sowohl auf den All­tag als auch auf die ein­zel­nen Wis­sen­schafts­ty­pen bezieht. Damit sind alle Mög­lich­kei­ten ver­bun­den, wie Phi­lo­so­phie betrie­ben wer­den kann, eher all­tags­phi­lo­so­phisch, eher natur­wis­sen­schaft­lich inspi­riert, eher an Fra­gen der Gesell­schafts­ent­wick­lung ori­en­tiert oder eher auf Fra­gen der Kunst usf. bezo­gen.

Mögliche Beziehungen von Philosophie

Abbil­dung 1: Bezie­hung der Phi­lo­so­phie auf die ver­schie­de­nen Wis­sen­schafts­ty­pen und auf den All­tag

Die Phi­lo­so­phie bezieht sich auf alle drei Wis­sens­be­rei­che, dar­über aber auch noch auf Sitt­lich­keit und vor allem den All­tag. Letz­te­rer könn­te nur dann ernst­haft aus­ge­klam­mert wer­den, so mei­ne Posi­ti­on, wenn aus­schließ­lich wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­gen vom Wis­sen­schafts­ty­pus (1) ernst­haft sach­hal­tig wären. Man liest – auf­grund die­ses Glau­bens von Wissenschaftler/inne/n dann häu­fig, dass ein Autor wie Dar­win (so bei Joa­chim Bau­er) etwas „vor­weg­ge­nom­men“ habe, was erst heu­te wis­sen­schaft­lich und damit „rich­tig“ begrif­fen wer­den kön­ne. Es geht hier­bei um fol­gen­de Aus­sa­ge Dar­wins:

Sobald der Lei­den­de [nach Ver­lust einer gelieb­ten Per­son] sich voll­stän­dig bewusst wird, dass nichts mehr getan wer­den kann, nimmt Ver­zweif­lung oder tie­fer Kum­mer die Stel­le des wahn­sin­ni­gen Schmer­zes ein. Der Lei­den­de sitzt bewe­gungs­los da oder schwankt lang­sam hin und her. Die Zir­ku­la­ti­on [wohl vor allem der Blut­kreis­lauf; M. P.] wird trä­ge … Ist der Schmerz sehr hef­tig, so führt er bald äußers­te Nie­der­ge­schla­gen­heit oder Erschöp­fung her­bei.“ (Der Aus­druck der Gemüts­be­we­gun­gen bei dem Men­schen und den Tie­ren, [1872] Frank­furt a. M. 2000, 92)

Die­se Aus­sa­ge Dar­wins ist offen­sicht­lich auch dann rich­tig, wenn man nicht weiß, wel­che neu­ro­lo­gi­schen Sach­ver­hal­te mit den ent­spre­chen­den Selbst­be­ob­ach­tun­gen und Fremd­be­ob­ach­tun­gen nach den gegen­wär­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Hypo­the­sen kor­re­lie­ren. Es gibt über die Jahr­hun­der­te und Jahr­tau­sen­de ver­streut sehr vie­le Tex­te, die sehr genaue Beob­ach­tun­gen des­sen dar­le­gen, was wir heu­te über­wie­gend als „psy­cho­so­ma­tisch“ bezeich­nen. „Über­ra­schend“ ist das nur für den­je­ni­gen, der sich selbst gegen die wis­sen­schaft­li­che Igno­ranz die­ser All­tags­be­ob­ach­tun­gen auf­leh­nen muss­te und als ein­zi­ge Gegen­stra­te­gie den wis­sen­schaft­li­chen „Beweis“ kennt, der aber – wie schon im 19. Jahr­hun­dert gezeigt – äußerst ver­gäng­lich sein kann, weil irgend­ein jun­ger Mann oder eine jun­ge Frau, viel­leicht eine geschlecht­lich pari­tä­tisch besetz­te Arbeits­grup­pe, das dann doch wie­der modi­fi­ziert, auf einen bestimm­ten Bereich ein­schränkt oder gar wider­legt. Aber für vie­le alltags„psychologischen“ Hal­tun­gen ist das, was Dar­win sagt, alles ande­re als über­ra­schend. Ich selbst habe das an mir und ande­ren auch schon so oder jeden­falls ver­gleich­bar beob­ach­tet.

Wie das Bei­spiel Dar­wins zeigt, war man im 19. Jahr­hun­dert nur teil­wei­se der Ansicht, dass aus­schließ­lich eine wis­sen­schaft­lich-natur­wis­sen­schaft­li­che Erklä­rung vom Wis­sen­schafts­typ (1) bestimm­ter erleb­ter und wahr­ge­nom­me­ner Phä­no­me­ne deren Rea­li­tät ver­bür­ge. Dar­win war offen­sicht­lich nicht die­ser Ansicht – und dies soll­te stark zu den­ken geben.

Dies ist noch viel stär­ker bei den­je­ni­gen Sach­ver­hal­ten der Fall, die sich mit unse­rer Selbst­be­stim­mung, unse­rem Lebens­ent­wurf und der Sitt­lich­keit oder Ethik befas­sen. Wenn man alles im Modell des Wis­sen­schafts­ty­pus (1) zu erklä­ren ver­sucht, gibt es kei­nen eige­nen Lebens­ent­wurf oder kei­ne Sitt­lich­keit, denn die­se All­tags­vor­stel­lun­gen unter­stel­len so etwas wie abwä­gen­de Über­le­gung, Selbst­be­stim­mung und eine Unter­schei­dung des Bes­se­ren oder Schlech­te­ren nach Grün­den, was vor­zu­zie­hen wäre, viel­leicht auch die Unter­schei­dung des Guten vom Bösen – tat­säch­lich aber hat man bis­lang nur das Natur­ge­setz ver­kannt, nach dem sich sol­che Abwä­gun­gen, Ent­schei­dun­gen usf. voll­zie­hen. Ist alles nach Wis­sen­schafts­typ (1) zu erklä­ren, dann sind sol­che Erwä­gun­gen bes­ten­falls Illu­sio­nen. Nur ist Wis­sen­schafts­typ (1) nicht allei­ne, es gibt ja auch Wis­sen­schafts­typ (2) und (3), wel­che kei­ner­lei prin­zi­pi­el­le Pro­ble­me mit den Phä­no­me­nen des Lebens­ent­wur­fes, der Selbst­be­stim­mung oder der Sitt­lich­keit haben. Schon am Ende des 19. Jahr­hun­derts gab es daher Ver­su­che, das Bewusst­sein des Men­schen, sei­ne Spra­che, die Kul­tur fak­tisch auf bio­ti­sche bzw. genau­er phy­sio­lo­gi­sche Pro­zes­se zu redu­zie­ren, die von den gewöhn­li­chen Men­schen frei­lich als phy­sio­lo­gi­sche Pro­zes­se undurch­schaut sind.

Zusam­men­fas­send kann gesagt wer­den, dass sich an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de das Struk­tur­mus­ter des Ver­hält­nis­ses von Phi­lo­so­phie, Wis­sen­schaf­ten und All­tag her­aus­ge­bil­det hat­te, das auch heu­te noch gül­tig ist.

Beziehung zwischen Alltag und Wissenschaft im Kontext philosophischer Positionen

Abbil­dung 2: Stru­kur­mus­ter des Ver­hält­nis­ses von Phi­lo­so­phie und All­tag, das sich an der vor­letz­ten Jahr­hun­dert­wen­de aus­ge­bil­det hat.

Die Abbil­dung 2 soll dar­le­gen, wie das Ver­hält­nis von All­tag und Wis­sen­schaft im Blick auf die Phi­lo­so­phie struk­tu­riert ist. An den jewei­li­gen Extre­men ste­hen Phä­no­me­no­lo­gie und Posi­ti­vis­mus. Letz­te­rer ist fak­tisch eine 100%ige Wis­sen­schafts­phi­lo­so­phie, Fra­gen sind nur phi­lo­so­phisch rele­vant, wenn sie wis­sen­schaft­lich oder auf die Wis­sen­schaf­ten bezo­gen geklärt wer­den kön­nen. Dem­ge­gen­über ist die Phä­no­me­no­lo­gie wis­sen­schafts­skep­tisch bis wis­sen­schafts­kri­tisch, ihr gilt das eige­ne, beson­nen reflek­tier­te Erle­ben und Han­deln als der wah­re Wirk­lich­keits­be­zug, auf deren Grund­la­ge dann auch die Wis­sen­schaf­ten ope­rie­ren könn­ten, aber dies oft nicht tun, son­dern das erschlie­ßen­de Erle­ben und Han­deln oft durch abs­trak­te Theo­ri­en ver­stel­len. Die Phä­no­me­no­lo­gie ist daher im Kern rei­ne All­tags­phi­lo­so­phie. Prag­ma­tis­mus und Neu­kan­tia­nis­mus sind Phi­lo­so­phi­en, die bei­de Ele­men­te in sich ent­hal­ten, der Prag­ma­tis­mus geht wie die Phä­no­me­no­lo­gie von der All­tags­er­fah­rung aus, nimmt aber die Wis­sen­schaf­ten sehr genau wahr, weil die All­tags­er­fah­rung durch die Wis­sen­schaf­ten ja infra­ge gestellt wer­den kann. Der Neu­kan­tia­nis­mus akzep­tiert fak­tisch die ent­stan­de­nen Wis­sen­schaf­ten als Grund­la­ge der Phi­lo­so­phie und ist dar­in dem Posi­ti­vis­mus recht ver­wandt. Aber er glaubt, das Indi­vi­du­um kön­ne trotz aller wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se den­noch Wer­te bestim­men oder set­zen. Und dies ist für Fra­gen der Ethik oder Sitt­lich­keit aus­schlag­ge­bend. Nur ist das in der Wis­sen­schaft selbst nicht mög­lich, denn die­se kennt aus­schließ­lich Tat­sa­chen und Geset­ze, wel­che die Tat­sa­chen bestim­men, die jeweils wer­tungs­frei sein müs­sen.

Am Ende des 19. Jahr­hun­derts und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts zeig­te sich also, dass auf­grund der ver­schie­de­nen phi­lo­so­phi­schen Posi­tio­nen ein Pan­ora­ma von Mög­lich­kei­ten ent­stan­den war, wel­ches das Feld der mög­li­chen Bezie­hun­gen von All­tag und Wis­sen­schaft im Blick auf die Phi­lo­so­phie abge­steckt hat. All­tag und Wis­sen­schaft kön­nen in Bezug zur Phi­lo­so­phie unter­schied­lich kom­bi­niert wer­den. Oder man setzt aus­schließ­lich auf All­tag, dann beson­ders in Form der Lebens­welt. Es ist aber auch mög­lich, allein auf die Wis­sen­schaf­ten zu set­zen – und kein Ver­trau­en in die all­täg­li­chen Erfah­run­gen zu haben.

25. Dezember 2008

Karl-Heinz Brod­becks “bud­dhis­ti­sche Wirt­schafts­ethik”

Die Buddhistische Wirtschaftsethik von Karl-Heinz Brodbeck (Aachen 2002) wird hier ausführlich in fünf Beiträgen besprochen, um die genaue Argumentation und das inhaltliche Profil dieses interessanten und aufschlussreichen Ansatzes zu erfassen. Brodbeck – buddhistische Wirtschaftsethik, Homepagebild Brodbeck betreibt eine instruktive Homepage, auf der eine Reihe von Texten geladen werden können.
Brodbeck lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule Würzburg. In das hier besprochene Thema führt gut ein Vortrag ein, der im MP3-Format gehört werden kann. Brodbeck hat auch Philosophie studiert und besitzt sehr gute philosophische Kenntnisse. Das macht die Lektüre seiner Texte vielleicht auch für diejenigen spannend, die von Wirtschaftswissenschaftlern nicht sehr viel Erhellendes zu erwarten pflegen. Unter seinen Fachkolleg/inn/en stellt er eine der wirklich interessanten Ausnahmen dar, so gibt er zu, dass die Ökonomie als empirische Wissenschaft, welche ja Prognosen mit einigermaßen verlässlichen Charakter aufstellen können soll, gescheitert sei, wie es im Zitat der letzten Dezemberwoche heißt.
Philosophisch ist auch Brodbecks Zugang zum Buddhismus, wobei er mit Recht hervorhebt, dass im Buddhismus recht viele Konzepte ausgearbeitet worden sind, die man auch vor dem Hintergrund des Entstehens der Philosophie in Griechenland als „philosophisch“ bezeichnen kann. Wer einen gewissen Überblick über philosophische Positionen besitzt, wird bei Brodbeck nicht überrascht sein, dass hier bestimmte Pointen hervorgehoben werden:

  • die Rolle des Bewusstseins;
  • die Organisation des Erlebens und Handelns in Gewohnheiten;
  • den möglicherweise täuschenden und selbsttäuschenden Charakter solcher Gewohnheiten;
  • den möglichen erfolgreichen Versuch, bei Bewusstwerden solcher Gewohnheiten diese kreativ zu verändern.

Insofern kreist Brodbecks Denken um das Freiheitsproblem und in eins damit um das Kreativitätsproblem, welches auch für wirtschaftliches Handeln ausschlaggebend ist. Ob man in Brodbecks Buch einen religiös oder religionswissenschaftlich zutreffenden Eindruck buddhistischer Positionen oder Verhaltensweisen erhält, ist eher fraglich. Das ist aber auch nicht der Punkt des Buches. Es geht um eine philosophisch produktive Rekonstruktion bestimmter buddhistischer Unterstellungen, die auch gesprächsfähig für andere philosophische Positionen sind.
Die „buddhistische Wirtschaftsethik“ umfasst gut 160 Seiten Text, sodass wir in jedem Beitrag jeweils etwa 40 Seiten besprechen, der fünfte Beitrag wird eine kritische Würdigung enthalten, inwiefern eine alltagsphilosophische Position von Brodbeck etwas lernen kann.

Der buddhistische philosophische Ansatz und buddhistische Ethik

Brodbeck versteht den buddhistischen Ansatz als praktische Philosophie. Dabei steht im Vordergrund, dass Brodbeck wohl mit Recht formuliert, der Buddhismus sei schon bei Buddha selbst praktizierte Erkenntnis. Dadurch, dass man erkennt, in der Wirklichkeit sei alles Leiden bzw. Erleiden, wird also das Element der Rezeptivität oder Passivität betont. In dieser Betonung des Wirklichkeitsaspektes der Rezeptivität liegt sicher eine Eigentümlichkeit des Buddhismus begründet.

Warum gibt sich Buddha nicht damit zufrieden, dass es stets auch Spontaneität gibt oder geben kann, wenn es Rezeptivität gibt – also ein Ausgleich oder ein Überwiegen eines der beiden Wirklichkeitselemente vorliegt?

„Der Grund ist eine Täuschung. Sie beruht auf einem Mangel an Wissen und führt zu einer falschen Wahrnehmung der Welt. Die Menschen existieren nicht zuerst als Menschen und unterliegen dann, wie nebenbei, auch noch so etwas wie einer Täuschung. Vielmehr ist dies, ein Lebewesen zu sein, selbst ein Prozess der Täuschung. Das klingt dunkel, und es ist auch sehr schwer, die volle Tragweite dieser Täuschung zu sehen – und deshalb gibt es nicht besonders viele Buddhas unter den Menschen. Dennoch ist der Grundgedanke relativ einfach verstehbar. Ein Mensch zu sein heißt, in einem grundlegenden Nichtwissen… gefangen zu sein. Weil dieses Nichtwissen jedoch beim Menschen den Charakter eines Irrtums besitzt, deshalb kann man ihn auch beseitigen.“ (23)

Die Menschen täuschen sich darüber, dass sie bestimmten Aspekten der Wirklichkeit einen dauernden Bestand zuschreiben, worauf dann beispielsweise beständiges Glück aufbauen könnte. Doch nichts in der Wirklichkeit ist derart unabhängig, sondern alles ist mit allem verbunden und wechselseitig voneinander abhängig. Daraus folgt: Nichts hat einen derartigen unabhängigen Bestand, dass man sich darauf verlassen könnte, alles ist relativ und dem Werden unterworfen, die Wirklichkeit ist ein Prozess.
Man könnte nur nachvollziehbar glücklich sein, wenn diese grundlegende Prozessualität und Relationalität der Wirklichkeit nicht bestünde – aber so verhält es sich nicht. Daher bekämpft der Buddhismus vor allem unhaltbare Selbstfestlegungen wie die Scheinidee, der einzelne Mensch habe ein „Ich“ oder sei ein „Ego“, die sich neuerdings auch empirisch-wissenschaftlich in der philosophisch ganz irreführenden Gehirnforschung erneut manifestiert. Jetzt ist das philosophisch ohnehin unhaltbare „Ich“ ins Gehirn gerutscht… Das „Ich“ oder „Ego“ jedenfalls dient dann in bestimmten Auffassungen der Wirtschaft als entscheidende Instanz, um bestimmte weitergehende Auffassungen, wie Wirtschaft verlaufen muss, zu rechtfertigen. Natürlich wird das auch evolutionsbiologisch durch Thesen wie diejenige von Dawkins über das angebliche selfish gene gestützt, welche die allgemeine Theorie des Selbsterhaltungstriebs weiter fortführt:

„Der Widerspruch zwischen dem Bestreben, sich zu erhalten, und einer sich wandelnden Umwelt ist der Grund für den Prozess der Evolution des Lebendigen.“ (24)

Das ist eine interessante These, der Selbsterhaltungstrieb ist als conatus spätestens seit Spinozas Ethik zugestanden. Spinoza googlebildGekoppelt ist er hier mit der seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts schwer abweisbar gewordenen These, dass sich zumindest Leben nur in Auseinandersetzung mit und Anpassung an seine Umwelt erhält. Brodbecks Fassung des Problems ist natürlich schon systemtheorisch-wirtschaftstheoretisch etwa durch das St. Galler-Management-Modell festgestellt:

„Die hohe Umweltdynamik, an deren Erzeugung menschliche Neugierde und Kreativität im Allgemeinen und innovative Unternehmungen im Besonderen maßgeblich beteiligt sind, bringt für jede Unternehmung das Erfordernis einer kontinuierlichen Weiterentwicklung mit sich.“
Johannes Rüegg-Sturm, Das neue St. Galler Management-Modell, 2003, 23.

Brodbecks buddhistisch inspirierter Analyseperspektive zufolge ist das St. Galler-Modell vielleicht richtig, aber nicht empirisch verbreitet. Denn die Menschen sind an der Bestätigung ihrer Illusionen, Gewohnheiten in der sinnlichen Wahrnehmung, ihren Emotionen und Stimmungen, aktiven Festlegungen, wie eine Situation in ihren verschiedenen Aspekten wahrzunehmen bzw. zu interpretieren ist, durch gewohnte Bewegungsmuster und durch angewöhnte Denkprozesse orientiert, weshalb die „Weiterentwicklung“ angesichts der sich verändernden Umwelt in der Gesellschaft und bei den Individuen eher selten vorkommt, es gibt ja wenige Buddhas.
Aus dem Ensemble der etwa in der Rhetorik des Aristoteles im zweiten Buch breit analysierten Palette von Leidenschaften wählt die buddhistische Auffassungen nun zwei als Sicherung der illusionären Ich-Zentrierung aus. Bin ich ein Ich, das vielleicht auch sich nicht ganz seiner selbst sicher sein kann, dann bilden sich bei mir vorwiegend zwei Leidenschaften aus:

  • die Begierde, in der ich meinerseits vieles an mich ziehen kann, mein Geld, meine Tasse, mein Bauch, my castle is my home – vice versa usf.;
  • die Aggression, in der ich Einschränkungen meines als bedroht anzusehenden Ich-Bereiches heftig verteidige.

Demgegenüber steht nun als buddhistische Erkenntnis, dass diese grundlegende Zentrierung leer ist, auch unsere Selbstwahrnehmung und Selbstfestlegung ist ein dynamischer Prozess, der sich ständig verändert bzw. verändert wird – also nichts, was sich unverändert erhält und insofern Bestand hätte. Hat man dies einmal eingesehen – was nach Brodbeck selten ist, es gibt ja nur wenige Buddhas – dann ist man offen für die ethische Neuorientierung aus buddhistischer Perspektive, dem universal ausgelegten Mitgefühl mit allem Seienden, also nicht nur mit den Menschen.
Buddha googlebild
Diese Einsicht und die Wende zum Mitgefühl ist aber ein längerer Prozess, der geübt werden muss, es ist der Weg der Achtsamkeit auf dem von Buddha stammenden Edlen Achtfachen Pfad. Dieser ist der meditativ-praktische Pfad achtsamer Lebensführung. Er umfasst drei Stufen, die sich in acht Unterabschnitte einteilen und methodisch unterscheiden lassen:

edlerachtgliedrigerpfad.jpg

Grafik 1: Brodbeck, 37
Prajna steht für den Erkenntnisprozess, wird er achtsam (rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung) ausgeübt, ergibt sich Sila als Moral im Sinne rechter Rede, rechten Tuns und rechten Lebensunterhaltes. Dies könnte freilich nur zum Festhalten an einer bestimmten Sittlichkeit, Wohlanständigkeit usf. führen. Daher setzt anschließend das Dhyana ein als Praxis zur „Erlösung vom Irrtum“ (36) in rechter Anstrengung, rechter Achtsamkeit und rechter Sammlung, womit Konzentration gemeint ist. Ursprünglich handelt es sich bei diesem Modell um eine mönchische bzw. nonnenmäßige Praxis, die radikal vom Geschehen der gewöhnlichen Gesellschaft unterschieden ist. Brodbeck bevorzugt freilich diejenigen Weiterentwicklungen im Buddhismus, die sich etwa im tibetischen Buddhismus als einer Variante des Vajrayana-Buddhismus oder im Zen-Buddhismus zeigen, in welchen diese Praxis durchaus auch sozusagen alltäglich von gewöhnlichen Menschen durchgeführt wird, um sich zu befreien. Diesen Zusammenhang hellt Brodbeck wenig auf, er orientiert sich beispielsweise an den auch in Deutschland relativ bekannten Äußerungen des Dalai Lama. Dalai Lama googlebild
Brodbeck rennt mit bestimmten besonders betonten Unterstellungen bei vielen denkenden Menschen offene Türen ein, wenn er gegen immer noch bei Wirtschaftswissenschaftler/innen anzutreffende positivistische Unterscheidungen von Bewertung bzw. Wert und Tatsache nun auch noch buddhistische Denkweisen anführt. Aber es ist schon lange klar, dass es logisch-semiotisch keine „Wertfreiheit“ gibt. Entscheidend ist in Brodbecks Ansatz über diese innerwirtschaftswissenschaftliche Unvernunftdebatte hinaus, dass er damit

  • einen Durchbruch der Ethik in die Wirtschaftswissenschaften erreichen will, wie es ja noch bei Adam Smith prinzipiell der Fall war, der seine Wirtschaftswissenschaft unter Moraltheorie darstellte;
  • für den einzelnen Menschen die Möglichkeit erreichen will, Zwangsfiguren seiner eigenen Selbstfestlegungen zu durchschauen;
  • an sich philosophisch witzige Figuren wie die Vergegenständlichung „des Marktes“ als agierender Entität als falsche Gewohnheit des Denkens durchschauen möchte.

Im Fokus dieser Kritik stehen vor allem neoliberale Positionen, die auch in ihrer stärksten Variante wie derjenigen von Hayeks seitens Brodbeck als illusionär eingeschätzt werden. Dabei teilt er mit von Hayek freilich dessen richtige Einschätzung, dass man nichts, also auch nicht „den Markt“, sozusagen von oben oder von außen überschauen kann. Das würde im Übrigen auch Keynes nicht bestreiten, allerdings Steuerungsmöglichkeit durch Notenbanken und nachfragestimulierende staatliche Programme durchaus betonen, auch wenn dadurch keine sichere Steuerungsmethode für wirtschaftliche Prozesse gefunden werden kann.
Auch Brodbecks buddhistische Position ist mit der Implementierung achtsamen Verhaltens und Mitgefühl in die wirtschaftlichen Prozesse dem pragmatischen muddling through nicht enthoben. Ihm zufolge setzt aber die Befolgung achtsamer Praxis und das Mitgefühl jene Kreativität frei, die sittlich haltbar ist. „Sittlich haltbar“ heißt im buddhistischen Sinn Brodbecks, dass sie nicht wieder zum Aufbau des scheinbaren Egos oder des sogenannten „Ichs“ führt, in dem Sinne, wenn ich mich so verhalte, bin ich ein sittlich guter Mensch. Das ist eigentlich kaum zu vermeiden, weshalb ich den religiös-philosophischen Punkt von Brodbeck als eher paradox-mystisch einschätze. Über die buddistische Position und Praxis wird das Paradox hoher Sittlichkeit bearbeitet. Diese kann zu Überlegenheitsgefühlen über andere, Selbstüberschätzung, falscher Demut usf. führen. Achtsamkeit und Konzentration wirken diesem Prozess entgegen.

Damit rückt eine Persönlichkeitsstruktur in das wirtschaftliche Geschehen ein, die nicht unbedingt mit dem homo oeconomicus der Wirtschaftswissenschaften oder jedenfalls vieler Wirtschaftswissenschaftler/innen äquivalent ist. Vor allem ist eine solche Persönlichkeitsstruktur von Mitgefühl für alle Wesen erfüllt, weshalb hier die ökologische Frage nicht irgendwie eine bloße Frage der Umwelt des Wirtschaftssystems ist, die leider nicht über Preise repräsentiert ist, weil nur diese ja die Sprache des Wirtschaftssystems darstellen. Gegen bloße konstruktivistische Positionen ist Brodbecks Position also realistisch. Werden viele derartige Persönlichkeitsstrukturen im Wirtschaftssystem agieren, muss es sich verändern, nicht revolutionär, sondern mit Geduld und achtsamem langem Atem. Revolutionen – wie Brodbeck mit Recht hervorhebt – sind zwingend hasserfüllt und gewaltsam. Es spricht daher sehr viel für pazifistische, friedliche und evolutionäre Veränderungen.