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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


18. Januar 2012

In eigener Sache

 

Ich habe seit Juli gelegentlich an dieser Stelle über mich selbst geschrieben und meine Leser/innen und Kund/innen über meinen Werdegang nach meinem Schlaganfall am 11.04.2011 informiert. Dies war ein deutlicher Einschnitt in meinem Leben, ich habe wie ein Kleinkind erst Krabbeln und dann ganz langsam Laufen gelernt. Neben der Begleitung in der Kopfklinik und den Schmieder-Kliniken (Heidelberg) habe ich schon bald versucht, Kontakt zu Osteopath/inn/en zu suchen. Zum Einen, weil ich in der Fertigstellung der Übersetzung von Margaret Sorrels Buch über Charlotte Weaver durch den Schlaganfall unterbrochen wurde. Hier traf ich auf großes Entgegenkommen. Da meine Genesung noch fortdauert, wird die Fertigstellung bis Ende Februar andauern – aber das Ende ist in Sicht. Zum Anderen, weil ich aufgrund meiner Beschäftigung vor allem mit Still und Littlejohn durchaus zu den Kennern der „klassischen Osteopathie“ zähle, erhoffte ich mir von Osteopathenseite wesentliche Unterstützung beim Rehabilitations- und Genesungsprozess. Denn die recht verstandene Osteopathie ist eine (auch pragmatistisch inspirierte) Theorie der Nervensysteme, welche diese zu beeinflussen unternimmt. Diese Hoffnung hat nicht getrogen, drei Behandlungen führten zu Anstößen für teils dramatische Verbesserungen. Sodass ich jetzt begründet hoffen kann, dass ich im Frühsommer 2012 wieder zu einem Menschen werde, der jenem stark ähnelt, welcher glaubte, im März 2011 am bisherigen Höhepunkt seines Lebens angekommen zu sein. Dies wurde am 11.04.2011 als wahrscheinliche Illusion entlarvt, zumal mir am Abend dieses Tages in der Kopfklinik deutlich wurde, dass meine Frau sich mit hoher Wahrscheinlichkeit scheiden lassen werde. Diese Abduktion traf zu, obgleich ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe.
Das führte im November 2011 zu einer starken Identitätskrise, die bis Mitte Januar anhielt. Seit einigen Tagen hat sich aber meine Wahrnehmung aufgehellt. Teilweise habe ich wieder ein normales Körpergefühl. Die Zeiten als disembodied spirit scheinen der Vergangenheit anzugehören. Mein Tageslauf ist mir wieder zugänglich, ich kehre zu selbstbestimmten Formen des Lebens zurück. Aber es hat erheblich länger gedauert, als ich im Mai/Juni 2011 selbst erwartet hatte.
Am 11. März 2011 wurde auch für weniger ambitioniert denkende Menschen deutlich, dass diejenigen seit Peirce und Russel Wallace, welche auf die möglicherweise desaströsen Rückkopplungsprozesse des technisch-wirtschaftlich-wissenschaftlichen Komplexes verwiesen hatten, im Recht waren. Wie Peirce wohl spätestens 1904 gezeigt hat, ist die Ethik der Logik wissenschaftssystematisch vorzuordnen. Dieser Gedanke beruht u. a. auf Ideen des  „Amerikanischen Transzendentalismus“, welcher die amerikanische Romantik darstellt. Und ohne diese ist auch die Osteopathie Stills nicht möglich gewesen. Ich werde diesen Zusammenhang hier Mitte Februar ausführlich darstellen. Mithin wird sich zeigen, warum Philosophie der Osteopathie so wichtig ist – und heute wieder Zukunft hat.

30. Oktober 2011

EFG-Griesheim

http://www.servicioskoinonia.org/cerezo/dibujosB/16ordinarioB7.jpg


 

Der Text der heutigen Predigt steht in Mk 2, in den VV. 1-12:

 

1 Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapharnaum; und es wurde bekannt, dass er im Haus war.

2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht genügend Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.

3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten – dieser wurde von vier Menschen getragen.

4 Und da die Träger ihn wegen der Menge nicht zu ihm bringen konnten, deckten sie das Dach auf, wo Jesus war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.

5 Als nun Jesus ihr Vertrauen sah, sprach er zu dem Gelähmten:

„Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“

6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen:

7 „Was redet der da so?

Er lästert Gott!

Wer kann außer Gott allein Sünden vergeben?“

8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen:

„Was denkt Ihr so etwas in Euren Herzen?

9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen:

Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm Dein Bett und geh umher?

10 Damit Ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden“ – Dabei wandte er sich zu dem Gelähmten –:

11 „Ich sage Dir, steh auf, nimm Dein Bett und geh heim!“

12 Und dieser stand auf, nahm sein Bett und ging sofort hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

 

Liebe Gemeinde,

 

nach heutiger medizinischer Einsicht beruhen Lähmungen mit ganz überwiegender Wahrscheinlichkeit auf z. T. schweren Störungen des Zentralen Nervemsystems, auch der peripheren Nerven, die medizinischer Therapie zugänglich sind, wie das bei meinem Schlaganfall war, dann geht man nach einiger Zeit wieder umher. Oder diese Störungen des Nervensystems sind der medizinischen Therapie bislang nicht zugänglich, dann bleibt man sitzen – zumindest im Rollstuhl. Es ist ein schweres Schicksal.

Die Schwere der Krankheit wird in unserer Erzählung aus Kapharnaum betont. Jesus ist wie immer unterwegs und verkündigt seine Botschaft vom Evangelium, das nahegekommen ist, eben das Wort – und dem man Vertrauen schenken und entsprechend von seinem bisherigen Lebenswandel umkehren soll.

Das Interesse der Menschen ist groß. Das Haus, in dem Jesus sich befindet, ist überfüllt. Auch vor dem Haus ist alles überfüllt. Dennoch bringen vier Menschen einen Gelähmten zu Jesus, durchs Dach, es wird von den Vieren aufgegraben. Jesus sieht das Vertrauen der vier Menschen, die sich gegen Widerstände durchsetzen. Damit ist nach der Logik des Markusevangeliums eigentlich das Problem gelöst. Wer auf das Evangelium vertraut, nimmt an der Schöpfermacht Gottes Teil – und vermag ganz Außergewöhnliches zu leisten, wie es die vier Träger des Gelähmten auch tun. Sie graben das Dach über Jesus auf, umgehen so die Menge und bringen den Gelähmten zu Jesus, damit er ihn heile.

Jesus sieht das Vertrauen der vier Träger. Seine Reaktion ist aber etwas auffällig:

„Mein Sohn, Deine Sünden sind Dir vergeben!“ – sagt er zu dem Gelähmten.

Das ist eine merkwürdige Provokation. Sie reagiert darauf, dass in einigen jüdischen und biblischen Texten solche Krankheiten wie diejenige des Gelähmten als Folge seiner Verstöße gegen das Gesetz Gottes verstanden wurden. Ich selbst bin religiös mit dieser Tradition erzogen worden.

Jesus diskutiert das nicht weiter, sondern vergibt dem Gelähmten seine Sünden. Das empfinden nun die „Schriftgelehrten“ als ungeheuerliche Provokation. Sie sitzen im Haus:

„Was redet der da so?

Er lästert Gott!

Wer kann außer Gott allein Sünden vergeben?“ – so denken sie. Jesus kann Gedanken lesen:

„Was denkt ihr solches in euren Herzen?

9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen:

Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?

10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – so sprach er zu dem Gelähmten:

11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“

Das macht der bisher Gelähmte und alle sind erstaunt und guter Dinge.

Der Text erweckt den Eindruck, als ob sogar die Schriftgelehrten in den allgemeinen Lobpreis Gottes einstimmen, mithin ihre religiöse Empörung vergessen oder über den Haufen geworfen haben. Aus dem weiteren Verlauf des Markusevangeliums wissen wir aber, dass die Mehrheit der Schriftgelehrten auf jeden Fall am Vorwurf der Gotteslästerung festhält. Jesus wird zudem als messianischer Aufrührer verdächtigt und so den Römern präsentiert, damit diese ihn am Kreuz hinrichten.

Jesus vermeidet dennoch nicht die Provokation der Schriftgelehrten. Denn ihm geht es um dem gelähmten Menschen, der von den vier Trägern mit Vertrauen auf das Evangelium gebracht wird. So ist er im Horizont des Evangeliums, des Vertrauens und der Umkehr. Er partizipiert über die vertrauende Aktion der Träger an der Schöpfermacht Gottes. Dass er gesündigt hat, wird schon so sein, Jesus vergibt ihm seine Sünden. Aber das eigentliche Hemmnis sind die Schriftgelehrten, die religiös empört im Haus sitzen.

Jesus stellt ihnen eine argumentative Frage. Es ist ein Schluss vom Kleineren auf das Größere – oder umgekehrt, je nach Position:

„ Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen:

Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?“

Ja, was ist leichter?

Wir wissen medizinisch, dass gegenwärtig keineswegs alle Lähmungen geheilt werden können, ganz im Gegenteil. Bei meiner war es wahrscheinlich, wenn auch keineswegs sicher. Ich habe viele Patient/inn/en erlebt, bei denen eine Heilung nicht eintrat – die Ärzt/inn/e/n waren rat- und hilflos. Weil ich Theologieprofessor bin, sagte der Chefarzt der Schmieder-Kliniken zu mir: „Wir machen keine Heilsversprechen!“ Gemeint war: „Das könnt ihr schon machen! Aber hier geht es um stets unsichere Heilungswahrscheinlichkeiten …“

Daher dürften wir aus unserer Erfahrungsperspektive wahrscheinlich antworten: „Es ist leichter zu sagen: Deine Sünden sind Dir vergeben!“ So was können Theolog/inn/en immer behaupten, überprüfen kann man es ohnehin nicht …

Natürlich lässt Jesus die Debatte nicht ganz offen, er heilt den Gelähmten.

Er hat natürlich die Vollmacht Sünden zu vergeben und er heilt den Gelähmten. Wäre die Lehre richtig, dass Sünden die Ursache von Krankheiten sind, ist damit aus Jesu Perspektive dennoch klar: Es geht um den Gelähmten im Horizont des Vertrauens seiner Träger auf das Evangelium.

 

Liebe Gemeinde,

 

das ist nach meiner Überzeugung der Kern dieser Erzählung, die auch in unser z. T. durch schweres Leiden gezeichnetes Leben eingreifen, uns dennoch aktivieren und trösten kann. Wer auf einer Lehre beharrt, dass Krankheiten durch Sünden verursacht sind, hat die Logik des Evangeliums und des Vertrauens auf es nicht verstanden – und versucht sich selbst in den Vordergrund zu spielen.

„Ich bin ganz gesund, also habe ich nicht gesündigt. Also bin ich gut und gerecht.“

Nach Jesu Meinung ist dies nicht der Fall. Er sei zu den Kranken gekommen, die Gesunden bedürften ja keines Arztes, wie er in der Folgeerzählung ironisch sagen wird, die wir in der Schriftlesung gehört haben. Diese Überheblichkeit der religiös Tollen und sich als Gerechte verstehenden Menschen geht Jesus hier provokativ an.

Zugleich hält die Erzählung aber auch einen Hoffnungsüberschuss für diejenigen bereit, welche die Grenze ärztlicher Kunst erfahren mussten und ein schweres Schicksal meistern müssen: Selbst wenn mir direkt nicht geholfen wird, so gibt es doch andere Träger, die für mich vertrauen. Das tun vielleicht nicht viele, aber doch einige – diese Erfahrung habe ich im letzten halben Jahr machen dürfen. Ohne solche Träger geht es nicht. In einer solchen Situation trennt sich die Spreu vom Weizen. Und es bleibt wahr, dass es gut ist, dass Vertrauen und die Hoffnung nie ganz aufzugeben. Insofern stimme ich nach dem letzten halben Jahr in den Lobpreis Gottes ein.

20. Oktober 2011

Die „Pragmatische Maxime“ – eine kulturphilosophische Regel

Wir haben uns in der Sitzung vom 17.10. um ein ausreichendes Verständnis des allgemeinen und umfassenden Philosophieansatzes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der metaphysischen Probleme besprochen, das Peirce tatsächlich behandelt: die Gottesfrage, wobei Peirce viele allgemeine Äußerungen hinzuzieht, welche ihn anregen. Neben Traditionen von Judentum, Christentum und Islam spielen bei Peirce auch Neohinduideen eine nicht unbeachtliche Rolle. Dies war alles am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA bekennt und wurde kontrovers diskutiert.[1] Philosophie verarbeitet solche Traditionen und reflektiert sie kritisch darauf, ob sie Erfahrungsgehalte symbolisieren – oder ob man aufgrund solcher Bilder Erfahrungen machen kann. Welches Thema man metaphysisch durch allgemeine Unterstellungen angeht: Peirce hält nichts von geschmäcklerischen, vielleicht schöngeistigen Theoriedebatten, weil Theorien selbst durch Praxis gewonnen wurden, praktisch überprüft und ggf. dann verändert oder auch verworfen werden. Die pragmatistische Philosophie konzentriert sich mithin auf den kulturellen Kontext der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem klar wurde, dass die soziale Ausdifferenzierung der Wissenschaften sogenanntes „Wissen“ bereitstellt, das es ermöglicht, praktische Regeln zu entwerfen, die sich therapeutisch, pädagogisch und ökonomisch sehr gut bewährten. Das sind entweder Techniken oder Kunstlehren.

  • Um Techniken handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, die das angestrebte Ziel stets erreichen, also z. B. Glühbirnen produzieren, die immer dann leuchten, sofern man auf einen Schalter drückt (Th. A. Edison).
  • Um Kunstlehren handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, bei denen der Erfolg im Einzelfall nicht sicher ist, die mithin stets vom Einzelfall her angepasst werden müssen (etwa Pädagogik, Medizin).

Das ist keine typisch „amerikanische“ Entdeckung. Aber im amerikanischen Pragmatismus brachen sich – vermittelt durch den „Amerikanischen Transzendentalismus (Emerson, Thoreau, Fuller u. a.) die Ideen, die von den Frühromantiker/innen, Goethe, Schleiermacher und Humboldt stammen, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kontext der Demokratie verwiesen, der für das Verständnis der Werke von Peirce, James und Dewey sehr ausschlaggebemd ist, der natürlich in Deutschland in einem ernsthaften Sinn erst nach 1968 existierte, im Kern erst in den 1970er Jahren bestimmend wurde. Denn die Möglichkeiten politischer Freiheit setzten die Energien frei, welche ein Leben in Selbstbestimmung schön machen können. Das formuliert in der Unabhängigkeitserklärung die Rede vom „pursuit of happiness). Aber – so reflektiert die sogenannte „pragmatische Maxime“, welche praktische Folgen bzw. Wirkungen eine wissenschaftliche Theorie haben kann, sollte abgeschätzt werden.

Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jahren (z. B. Einleitung zu „Phänomenologie und Logik der Zeichen“) darauf verwiesen, dass Grundfragen des „Prinzips Verantwortung“ (Hans Jonas, ein Heideggerschüler) hier völlig klar formuliert werden. Wenn also zu den abgeschätzten möglichen Wirkungen solche gehören, die sittlich missbilligt werden müssen, ergeben sich konfliktreiche ethische Aufgaben. Wie ist z. B. eine demokratische Kontrolle der Wissenschaften möglich? Peirce setzt also darauf, dass neben der philosophischen Tätigkeit der Wissenschaftler/innen ein universaler Horizont in der Gesellschaft entsteht, der eben verantwortlich darüber entscheidet, welche technischen und kunstmäßigen Projekte durchgeführt werden – und welche besser unterlassen werden sollten, weil ihre Wirkungen die Möglichkeit der Freiheit negieren.

Der Europäische Gerichtshof (EGH) hat in dieser Woche in diesem Sinne eine entsprechende Entscheidung zur Stammzellenforschung getroffen, die den Wünschen und gedanklichen Ambitionen der Zivilgesellschaft in Teilen Europas entspricht – ein Beispiel für die Institutionalisierung solcher demokratischer Meinungsbildungsprozesse, die auch Peirce für notwendig hielt. Natürlich lässt sich ökonomisch besser mit (finanzieller und technischer) Industrieunterstützung forschen. Aber die hierzu erforderliche Patentierung von bestimmten praktisch hervorgerufenen Zellveränderungen widerspricht elementaren Prinzipien der Menschenrechte. Um dies zu verstehen, muss man nur allgemein gebildet sein, welches eine Voraussetzung von Demokratie im Sinne von Peirce und seinem Schüler Dewey ist.

  • Die in den Wissenschaften entworfenen Abduktionen (Hypothesen)
  • werden mithin deduktiv auf Überprüfungskontexte in der kunstmäßig oder technisch modellierten Erfahrung (etwa des Labors) bezogen,
  • wo sie auf ihre induktive Tauglichkeit in immer neuen Erfahrungen überprüft werden.

Die „pragmatische Maxime“ formuliert diesen durch und durch praktischen Zusammenhang. Und Handlungen gehören ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den negativen – und wie wir heute u. a. an der Klimakatastrophe und Fukushima sehen – fatalen Folgen des Erfolgs von Positivismus und Neopositivismus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ideen klar gemacht werden, aus dem Bereich der Ethik in einen angeblich „neutralen“ wissenschaftlichen Bereich transformiert haben, wo (was nicht so gerne zugegeben wird) letztlich kurzfristige ökonomische Interessen den Ausschlag geben, siehe den sich immer noch brüstenden Oliver Brüstle (Universität Bonn).

Logisch-semiotisch verhält es sich so: Das Ziel wäre eine Therapie für Parkinson. Die Abduktion lautet: Dieses Ziel kann durch gentechnologische Manipulation von Zellen „überzähliger Embryonen“ erreicht werden, weil sich hieraus geeignete Präparate gegen Parkinson gewinnen lassen. Deduktiv findet diese Manipulation seit drei Jahren oder mehr statt. Eine Überprüfung, die induktiv den Erfolg einigermaßen sicherstellen könnte, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Menschenrechte die Konsequenzen gezogen. Embryonen dürfen nicht als Mittel behandelt werden. Sie tragen die reale Möglichkeit des Menschseins in sich. Im positivistischen und neopositivistischen Kontext werden entsprechende elementare ethische Fragen bewusst ausgeklammert. Mithin sind die Ideen solcher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufolge unklar.

  • Warum?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hätte der Papst argumentiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jahren darauf verwiesen, dass die Philosophie durch eine derartige logisch-semiotische Subtilität gesellschaftliche Streitfragen klären helfen kann – und dadurch dazu beiträgt, die geistige „Umweltverschmutzung“ zu mildern. Das ist eine schöne Aufgabe der Philosophie.


[1] Es ist unbestritten, dass es auch Cowboys und Cowgirls gab. Sie waren kulturell aber weniger bedeutend, als das Genre „Western“ nahelegen könnte. Auch im Mittleren Westen und an der Frontier wurden philosophische Fragen diskutiert, wie man sich an dem Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Stil exemplarisch klar machen kann.

10. September 2011

Die Philosophie von Charles Peirce

Die Philosophie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktuell. Nach konservativer Meinung hat sich die Bundeskanzlerin als „Pragmatistin“ erwiesen, weil sie angesichts der „tagespolitischen Ereignisse“ (FAZ) von Fukushima ihre Haltung zur Kernenergie geändert hat – was entsprechende Konsequenzen hatte. Dabei ist ein Begriff von „Pragmatismus“ impliziert, der unterstellt, man setze politisch nur dasjenige durch, was sich angesichts von Widerständen gegenüber der Bevölkerung vertreten lasse. Aber auch im Sinne von Peirce war das eine „pragmatistische“ Entscheidung. Denn angesichts unabweisbarer Erfahrungen ließ sich feststellen, dass die Betreibung der Kernergie offensichtlich tödliche Folgen haben kann, mithin mit den Menschenrechten unvereinbar ist. Folglich ist das Betreiben der Kernergie in einem Land, das die Menschenrechte achtet, nicht weiter möglich.

Nicht nur diese Aktualität besteht, sondern Peirce bietet eine breite Themenpalette, von der wir im Kurs an der VHS Neckargemünd einige Themen besprechen wollen:

 

10.10. Wechselseitige Vorstellung und Kursplan

17.10. Leben und Werk

24.10. Die „pragmatische Maxime“

31.10. Der Primat der Ethik

07.11. Semiotik I

14.11. Semiotik II

21.11. Wahrnehmung und Erfahrung

28.11. Pragmatismus und Phänomenologie

05.12. Religionsphilosophie

12.12. Abschlussdiskussion

 

Aus der Perspektive der Teilnehmer/innen können diese Themen verändert werden. Bitte schreiben Sie mir hierzu eine E-Mail mit ihren Vorschlägen.

6. April 2011

„Kompatibilismus“ bei Ernst Tugendhat – Akzeptiert den „Mythos des Sisyphos“!

 

Mythos des Sisyphos, 530 v. d. Z.

Ernst Tugendhat hat am 28.07.2007 in einem taz-Interview auf den offen zutage liegenden Sachverhalt hingewiesen, dass der auslösende Faktor der neueren Debatte weitgehend gegenstandslos ist, weil gar keine belastbaren wissenschaftlichen Ergebnisse vorliegen:

„Bei der Hirnforschung finde ich ziemlich verrückt, was da heute läuft. […] Man kann lediglich feststellen, in welchen Bereichen des Gehirns welche Typen von Prozessen ablaufen. Aber dann kommen diese Professoren der Gehirnphysiologie und stellen Theorien über die Nichtexistenz menschlicher Freiheit auf, die sich nur darauf stützen, dass sie sagen, wir sind Wissenschaftler und glauben an den Determinismus. Sie nehmen die philosophische Literatur der ganzen letzten Jahrzehnte überhaupt nicht wahr, in der versucht wird, Determinismus und Willensfreiheit nicht als Gegensatz zu sehen. Das halte ich für eine völlig haltlose Spekulation. […] In hundert Jahren kann die Hirnphysiologie vielleicht interessant werden für die Philosophie, aber bisher ist sie es nicht. Ich bin freilich ein Naturalist, ich sehe den Menschen als einen Teil der biologischen Entwicklung. Aber was in den biologischen Wissenschaften mit Bezug auf den Menschen gemacht wird, da ist sehr wenig Sinnvolles.“ (http://www.taz.de/?id=digitaz-artikel&ressort=do&dig=2007/07/28/a0001&no_cache=1://) (more…)

30. März 2011

Das freie Spiel des dialogischen Selbstverhältnisses der Person. Der Ansatz von Thomas Fuchs

 

1               Erinnerung an den 28.03. (Vhs Neckargemünd)

Hauptthema war der Text von Wolf Singer: „Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen“. Ist dieser Text nicht mechanistisch zu interpretieren, spricht Singer doch von „Freiheit“? Wurde seitens des Dozenten Singers Text eine unfaire Interpretation zugemutet? Ist es möglicherweise ein Hinweis auf eine derartige Fehlinterpretation, dass Singer vielleicht gar nicht den Titel selbst gewählt hat? (more…)

22. März 2011

Zurück zur gesellschaftlichen Dominanz des Mechanismus (VHs Neckargemünd)!

1               Erinnerung an den 21.03.2011

Der freie Wille wird bei den Pragmatisten im Rahmen der Demokratie und der Menschenrechte betrachtet, Mechanismen werden als Teil der Realität nicht geleugnet, aber weder das Universum noch die Gesellschaft sind Maschinen. Tatsächlich sind alle möglichen Beziehungen zu den beiden Nervensystemen, zu „I“ und „Me“ und zu den zukünftigen Folgen meiner Willenshandlungen zu betrachten. Sind die Widerstände auf den jeweiligen Ebenen zu groß, besteht eben kein freier Wille. Dieser zeigt sich stets öffentlich und körperlich, wo für das Individuum auch entsprechende Widerstandsphänomene auftreten. (more…)

11. März 2011

Der „Alleszermalmer“ Kant hatte eine konstruktive Idee

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Nach meiner Überzeugung hat die aristotelische Auffassung des Willens, die in ein umfassendes Ethikkonzept, das auch gesellschaftstheoretisch argumentiert, eingebettet ist, einen der wesentlichen Beiträge auch zum „freien“ Willen erbracht. Die Einschränkungen des freien Willens liegen vor allem in emotionalen, sozialen und biotischen Zwängen, die mehr oder weniger unüberwindbare Widerstände zu sein scheinen. Die Ethik des Aristoteles ist eine Güterethik, Tugenden und Pflichten sind dieser zugeordnet, sie erläutern, wie ein Gut erbracht wird.

Insofern lässt sich die Auffassung des Aristoteles so fassen:

 

„Ich will, dass in Zukunft mein Ziel der Fall ist.“ (more…)

19. Februar 2011

Freiheitstexte (Vhs Neckargemünd 28.02.2011)

Aristoteles: „Indes gehören zum Glück doch auch die äußeren Güter, wie wir gesagt haben. Denn es ist unmöglich, zum mindesten nicht leicht, durch edle Taten zu glänzen, wenn man über keine Hilfsmittel verfügt. Lässt sich doch vieles nur mithilfe von Freunden, von Geld und politischem Einfluss, also gleichsam durch Werkzeuge, erreichen.“ (Nikomachische Ethik) (more…)

21. November 2009

Molekularbiologie und Genetik aus semiotischer Sicht — Jesper Hoffmeyer

Jesper Hoffmeyer ist ein dänischer Biosemiotiker, lehrt an der Universität Kopenhagen und hat neben größeren Werken zu diesem Thema (vor allem Hoffmeyer 2005 als großartige Zusammenfassung und Präzisierung) auch den entsprechenden Artikel Hoffmeyer 2008 in Thure von Uexküll 2008 geschrieben. 

Jesper Hoffmeyer *1949

In der Biosemiotik folgt er meistens Jakob von Uexküll 1928. Daneben gibt es aber auch klassische Studien von Roman Jakobson und Thomas A. Sebeok aus den 1970er Jahren, vor allem aber auch eine Peirce-Rezeptionsschiene, die sich bei Thure von Uexküll 2008 auch in der Grundlegung der Psychosomatischen Medizin findet. Dort finden Sie auch weitere, reiche Literaturangaben.

Grundlegend ist die Interpretation der Vererbung als semiotisches Phänomen:

„Da lebende Systeme sterblich sind, muss ihr Überleben eher durch semiotische als durch physikalische Mittel sichergestellt werden. Vererbung ist semiotisches Überleben, d. h. Überleben durch eine Botschaft, die im Genom einer winzigen Zelle enthalten ist, dem befruchteten Ei sich geschlechtlich reproduzierender Spezies.“ (Hoffmeyer 2008, 97; H. v. M. P.) (more…)