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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


13. Oktober 2016

Dostojewswki und Tolstoi (Kolping Heilbronn)

 

1. Dostojewski

Einer der philosophisch relevanten Sinnsprüche Dostojewskis

 

Die Behandlung von Fjodor Michailowitsch Dostojewski in einem Philosophiekurs ist deshalb naheliegend, weil er auf viele der oft behandelten oder zumindest erwähnten Philosophen mittels seiner Romane, Novellen, Briefe usf. gewirkt hat, Friedrich Nietzsche, Jean Paul Sartre, Albert Camus. Ebenso hat seine literarische Methode, die Innenwelt bzw. das Selbstverhältnis seiner Erzählfiguren transparent werden zu lassen, auf die Psychoanalyse Eindruck gemacht, Freud hielt die Brüder Karamasow für den großartigsten Roman, der bislang geschrieben worden sei. Vgl. den Wikipediaartikel. Zu einigen Romanen vgl. den online zugänglichen Text hier (Schuld und Sühne, Der Idiot, Die Dämonen u. a.).

Nicht zuletzt in Fortsetzung der frühromantischen Ästhetik (Schleiermacher, Novalis u. a.) entwickelt Dostojewski ein modernes Erzählkonzept, das eine Reihe von Nachfolger/innen gefunden hat. Philosophisch äußerst relevant sind

  • die Thematisierung vielfältiger Lebensformen – und
  • die Entfaltung des Selbstverhältnisses von Individuen.

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19. April 2014

1Kor 15,20-28 (EfG Griesheim)

20 »Nun aber ist Christus aufgestanden von den Toten[1] als erster unter denen, die schlafen.

21 Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt auch durch einen Menschen das Aufstehen der Toten.

22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.

23 Jeder aber in der angemessenen Reihenfolge: als erster Christus; danach, wenn er kommen wird, diejenigen, die Christus angehören;

24 danach das Ende, wenn dieser das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat.

25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm ›alle Feinde unter seine Füße legt‹ (Psalm 110,1).

26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.

27 Denn ›alles hat er unter seine Füße getan‹ (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, ›alles‹ sei ihm unterworfen, so ist es klar, dass derjenige ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat.

28 Wenn ihm aber alles untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst demjenigen untertan sein, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei.«

 

Liebe Gemeinde,

 

Ostern 2014 – und das mit 1Kor 15, einem Text, in dem das leibliche Aufgewecktsein des vom Römischen Staat gekreuzigten Jesus von Nazareth nicht als individuelle Wiederbelebung, sondern als Beginn desjenigen Prozesses verstanden wird, in dem unsere Leiber verwandelt und mit allen Geschöpfen so gestaltet werden, dass schließlich Gott alles in allem sein wird. (more…)

29. August 2013

Franck Ribéry

Franck Ribéry ist vor allem in den beiden letzten Jahren unter seinem Trainer Jupp Heynckes gereift. Natürlich haben die drei Titel in der letzten Saison entscheidend dazu beigetragen, dass er zu Europas Fußballer des Jahres gewählt wurde.

Die ungeheure Genialität seines Spiels bestand schon länger. Es ist ein sinnlicher Genuss, ihn spielen zu sehen. Er ist unberechenbar, was seine Gegenspieler erleiden müssen. Fußball kann sehr schön sein, es liegt bei Ribéry dann ein schöner Schein über dem Geschäft.

Ribéry ist genial!

14. Dezember 2011

Die Religionsphilosophie Peirce‘

 

Wir haben uns in der letzten Sitzung mit den Problemen der Wahrnehmung aus phänomenologischer Perspektive, aber auch entsprechenden Leistungen des Zeichenbegriffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meissner dankenswerterweise auf Kants merkwürdige Annahme hinwies, man werde vom „Ding an sich“ affiziert.

In der Auseinandersetzung mit Merleau-Ponty und Fuchs wurde erörtert, inwiefern Wahrnehmung auch Kommunikation oder Austausch sei, was von Peirce und dieser grenzwertigen Auffassung Kants tatsächlich unterstellt wird. In der Sprache von Peirce ist also zu sagen, das (dynamische) Objekt bilde mit dem Zeichen eine derartige Beziehung, dass es den Interpretanten bestimme, in derselben triadischen Relation zu stehen, in der es selbst stehe. M. E. ist hier nur fraglich, ob man the same wie Pape mit „derselben“ oder „der gleichen“ übersetzen sollte, wohl das Letztere … Worauf es ankommt, ist der Sachverhalt, dass Peirce diese Affizierung des Interpreten über die triadische Bezeichnungsrelation eindeutig gedacht hat.

Wir haben versucht, uns ausführlicher mit dem Gedanken der „Zwischenleiblichkeit“ auseinanderzusetzen, was z. T. humorig ablief. Hier ist m. E. noch ein beachtliches Potenzial, das vor allem von der Phänomenologie entwickelt wird.

Der Kurs schließt mit einer Besinnung zur Religionsphilosphie Peirce’. Viele Texte finden sich in der Übersetzung Hermann Deusers „Religionsphilosophischen Schriften“ ([RPh] 1995). Hinzutreten muss noch der Aufsatz „Evolutionäre Liebe“ aus „Naturordnung und Zeichenprozess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu denjenigen originellen Denkern, die sich nicht vom Positivismus abschrecken ließen, obgleich er die wissenschaftliche Leistung der Positivisten ausdrücklich anerkannte. Aber er formulierte eine witzige Polemik über deren Lebensauffassung:

„Das Leben auf dem Globus ist eine gänzlich zufällige Enwicklungsphase, die, soweit wir wissen, keinem dauerhaften Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nutzen, außer dass sie hin und wieder ein angenehmes Nervenkitzeln bei diesem oder jenem Wanderer auf dieser ermüdenden und zwecklosen Reise hervorruft – einer Reise, die in einer Tretmühle nirgendwo beginnt und nirgendwo endet und deren Maschinerie ganz und gar nichts hervorbringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gelegentlichen Freuden, und die sind trügerisch und werden bald vollständig verschwinden.“ (RPh 61f [1867/68]) (more…)

20. Oktober 2011

Die „Pragmatische Maxime“ – eine kulturphilosophische Regel

Wir haben uns in der Sitzung vom 17.10. um ein ausreichendes Verständnis des allgemeinen und umfassenden Philosophieansatzes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der metaphysischen Probleme besprochen, das Peirce tatsächlich behandelt: die Gottesfrage, wobei Peirce viele allgemeine Äußerungen hinzuzieht, welche ihn anregen. Neben Traditionen von Judentum, Christentum und Islam spielen bei Peirce auch Neohinduideen eine nicht unbeachtliche Rolle. Dies war alles am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA bekennt und wurde kontrovers diskutiert.[1] Philosophie verarbeitet solche Traditionen und reflektiert sie kritisch darauf, ob sie Erfahrungsgehalte symbolisieren – oder ob man aufgrund solcher Bilder Erfahrungen machen kann. Welches Thema man metaphysisch durch allgemeine Unterstellungen angeht: Peirce hält nichts von geschmäcklerischen, vielleicht schöngeistigen Theoriedebatten, weil Theorien selbst durch Praxis gewonnen wurden, praktisch überprüft und ggf. dann verändert oder auch verworfen werden. Die pragmatistische Philosophie konzentriert sich mithin auf den kulturellen Kontext der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem klar wurde, dass die soziale Ausdifferenzierung der Wissenschaften sogenanntes „Wissen“ bereitstellt, das es ermöglicht, praktische Regeln zu entwerfen, die sich therapeutisch, pädagogisch und ökonomisch sehr gut bewährten. Das sind entweder Techniken oder Kunstlehren.

  • Um Techniken handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, die das angestrebte Ziel stets erreichen, also z. B. Glühbirnen produzieren, die immer dann leuchten, sofern man auf einen Schalter drückt (Th. A. Edison).
  • Um Kunstlehren handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, bei denen der Erfolg im Einzelfall nicht sicher ist, die mithin stets vom Einzelfall her angepasst werden müssen (etwa Pädagogik, Medizin).

Das ist keine typisch „amerikanische“ Entdeckung. Aber im amerikanischen Pragmatismus brachen sich – vermittelt durch den „Amerikanischen Transzendentalismus (Emerson, Thoreau, Fuller u. a.) die Ideen, die von den Frühromantiker/innen, Goethe, Schleiermacher und Humboldt stammen, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kontext der Demokratie verwiesen, der für das Verständnis der Werke von Peirce, James und Dewey sehr ausschlaggebemd ist, der natürlich in Deutschland in einem ernsthaften Sinn erst nach 1968 existierte, im Kern erst in den 1970er Jahren bestimmend wurde. Denn die Möglichkeiten politischer Freiheit setzten die Energien frei, welche ein Leben in Selbstbestimmung schön machen können. Das formuliert in der Unabhängigkeitserklärung die Rede vom „pursuit of happiness). Aber – so reflektiert die sogenannte „pragmatische Maxime“, welche praktische Folgen bzw. Wirkungen eine wissenschaftliche Theorie haben kann, sollte abgeschätzt werden.

Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jahren (z. B. Einleitung zu „Phänomenologie und Logik der Zeichen“) darauf verwiesen, dass Grundfragen des „Prinzips Verantwortung“ (Hans Jonas, ein Heideggerschüler) hier völlig klar formuliert werden. Wenn also zu den abgeschätzten möglichen Wirkungen solche gehören, die sittlich missbilligt werden müssen, ergeben sich konfliktreiche ethische Aufgaben. Wie ist z. B. eine demokratische Kontrolle der Wissenschaften möglich? Peirce setzt also darauf, dass neben der philosophischen Tätigkeit der Wissenschaftler/innen ein universaler Horizont in der Gesellschaft entsteht, der eben verantwortlich darüber entscheidet, welche technischen und kunstmäßigen Projekte durchgeführt werden – und welche besser unterlassen werden sollten, weil ihre Wirkungen die Möglichkeit der Freiheit negieren.

Der Europäische Gerichtshof (EGH) hat in dieser Woche in diesem Sinne eine entsprechende Entscheidung zur Stammzellenforschung getroffen, die den Wünschen und gedanklichen Ambitionen der Zivilgesellschaft in Teilen Europas entspricht – ein Beispiel für die Institutionalisierung solcher demokratischer Meinungsbildungsprozesse, die auch Peirce für notwendig hielt. Natürlich lässt sich ökonomisch besser mit (finanzieller und technischer) Industrieunterstützung forschen. Aber die hierzu erforderliche Patentierung von bestimmten praktisch hervorgerufenen Zellveränderungen widerspricht elementaren Prinzipien der Menschenrechte. Um dies zu verstehen, muss man nur allgemein gebildet sein, welches eine Voraussetzung von Demokratie im Sinne von Peirce und seinem Schüler Dewey ist.

  • Die in den Wissenschaften entworfenen Abduktionen (Hypothesen)
  • werden mithin deduktiv auf Überprüfungskontexte in der kunstmäßig oder technisch modellierten Erfahrung (etwa des Labors) bezogen,
  • wo sie auf ihre induktive Tauglichkeit in immer neuen Erfahrungen überprüft werden.

Die „pragmatische Maxime“ formuliert diesen durch und durch praktischen Zusammenhang. Und Handlungen gehören ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den negativen – und wie wir heute u. a. an der Klimakatastrophe und Fukushima sehen – fatalen Folgen des Erfolgs von Positivismus und Neopositivismus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ideen klar gemacht werden, aus dem Bereich der Ethik in einen angeblich „neutralen“ wissenschaftlichen Bereich transformiert haben, wo (was nicht so gerne zugegeben wird) letztlich kurzfristige ökonomische Interessen den Ausschlag geben, siehe den sich immer noch brüstenden Oliver Brüstle (Universität Bonn).

Logisch-semiotisch verhält es sich so: Das Ziel wäre eine Therapie für Parkinson. Die Abduktion lautet: Dieses Ziel kann durch gentechnologische Manipulation von Zellen „überzähliger Embryonen“ erreicht werden, weil sich hieraus geeignete Präparate gegen Parkinson gewinnen lassen. Deduktiv findet diese Manipulation seit drei Jahren oder mehr statt. Eine Überprüfung, die induktiv den Erfolg einigermaßen sicherstellen könnte, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Menschenrechte die Konsequenzen gezogen. Embryonen dürfen nicht als Mittel behandelt werden. Sie tragen die reale Möglichkeit des Menschseins in sich. Im positivistischen und neopositivistischen Kontext werden entsprechende elementare ethische Fragen bewusst ausgeklammert. Mithin sind die Ideen solcher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufolge unklar.

  • Warum?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hätte der Papst argumentiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jahren darauf verwiesen, dass die Philosophie durch eine derartige logisch-semiotische Subtilität gesellschaftliche Streitfragen klären helfen kann – und dadurch dazu beiträgt, die geistige „Umweltverschmutzung“ zu mildern. Das ist eine schöne Aufgabe der Philosophie.


[1] Es ist unbestritten, dass es auch Cowboys und Cowgirls gab. Sie waren kulturell aber weniger bedeutend, als das Genre „Western“ nahelegen könnte. Auch im Mittleren Westen und an der Frontier wurden philosophische Fragen diskutiert, wie man sich an dem Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Stil exemplarisch klar machen kann.

2. Dezember 2008

Auch Engelinnen machen Fehler

 Sigmund Freud - googlebild

Ein Freudscher Versprecher, aller Wahrscheinlichkeit nach, der Bundeskanzlerin.

Copyright: @StilleMaus, www.einspruch.orgSie ist sicher nicht die/der einzige, die das schon einmal zumindest gedacht hat. Und vielleicht denkt er das:

Copyright: @StilleMaus, www.einspruch.org

15. September 2008

Der 11.09.2001 und die Provokation Stockhausens

Eine interessante und unkonventionelle, auf Schopenhauer, Nietzsche zurückgreifende Debatte um eine Äußerung des Komponisten Karl-Heinz Stockhausen, geführt im Transatlantikblog.

„Nochmals: Stockhausen zum 11.September

UPDATE 12.09.2009: Einen bitteren Kommentar auf diesen Blogbeitrag nehme ich zum Anlass, den Artikel zu präzisieren. Präzisieren heißt nicht ändern, sondern detaillieren. Auch wenn mich der harsche Ton der Kritik nicht gefreut hat, bedanke ich mich insofern dafür, als ich mir nochmals weitergehende und vielleicht klärende Gedanken machen konnte. Die Kritik lautete:

‚Wenn Sie mal lesen wollen, welcher Blödsinn in der Blogosphäre manchmal geschrieben wird, schauen Sie sich den heutigen Artikel des ‚Transatlantikblogs‘ zum 11. September an.

Der Gedankengang dieses Artikels ist falsch, abstoßend und zynisch. Die Realisierung monströser Phantasien, die das Töten von Menschen zum Inhalt haben, ist Kunst? Der Holocaust war Kunst? Auschwitz – ein Happening? Selten so einen ärgerlichen Blödsinn gelesen. Markus Wichmann.‘

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Eine Woche nach den verheerenden Anschlägen des 11. September gab der Komponist Karl-Heinz Stockhausen dem Norddeutschen Rundfunk ein Aufsehen erregendes Interview.

Darin sprach er vom Kunstcharakter des Anschlags:

‚Also – was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle ihr Gehirn umstellen – das größtmögliche Kunstwerk was es je gegeben hat, dass also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben.

Das ist das größte Kunstwerk, was es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen sie sich das doch vor, was da passiert ist, das sind Leute, die sind so konzentriert auf das, auf die eine Aufführung und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts als Komponisten […]'“

Hier können Sie mehr lesen. Der Autor ist Michael Kachel.