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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


11. April 2011

NT (TUD)">Was ist der Mensch? Grenzen des Menschseins aus der Sicht des NT (TUD)

S1 02/330, 11.40 Uhr – 13.20 Uhr

 

18.10. Ken­nen­ler­nen, Semi­nar­plan, Sozi­al­form, Vor­ge­hens­wei­se: „Der Mensch ist eine schwä­bi­sche Haus­frau“

25.10. Psalm 8

01.11. Röm 3,28

08.11. Röm 8,18-49

22.11. 1Kor 15 I

29.11. 1Kor 15 II

06.12. Gal 3,26-29

13.12. Mt 6,19-34

20.12. Mk 10,13-16

1o.01. Kol 1,15-23

17.01. Mk 5,35-43

24.01. Tex­te von Richard Dawkins/Humberto Matu­rana

28.01. Offe­ne Fra­gen (frei­will­lig)

31.01. Offe­ne Fra­gen

07.02. Abschluss­dis­kus­si­on

 

 

7. April 2011

HD, Seminarraum im Dekanat, Di 18-20 Uhr, ab 17.04.2012)">Das „Abendmahl“ als Ritual (Uni HD, Seminarraum im Dekanat, Di 18-20 Uhr, ab 17.04.2012)

  1. 17.04. Ken­nen­ler­nen usf.
  2. 24.04. „Ritu­al“ und „Abend­mahl“ – Art. Ritus, TRE 29, Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lich (259ff)

1               Texte und Sequenzen

  1. 08.05. 1Kor 11,17-34
  2. 15.05. 1Kor 10,1-22
  3. 22.05. Mk 14,12-25
  4. 05.06. Mt 26,17-30
  5. 12.06. Lk 22,7-23
  6. 19.06. Joh 13
  7. 26.06. Joh 6
  8. 03.07. Dida­che 9f
  9. 10.07. Sequen­zen des Mahls??

2               Rezeptionen

  1. 17.07. Cypri­an von Kar­tha­go, 63. Brief – Opfer­theo­lo­gie
  2. 24.07. All­ge­mei­ne Abschluss­dis­kus­si­on

 

Bit­te beschäf­ti­gen Sie sich mit Gerd Thei­ßen, Die Reli­gi­on der ers­ten Chris­ten, 2003, §§ 7-8. Ansons­ten kön­nen Sie ger­ne zu jedem Text einen oder meh­re­re Kom­men­ta­re hin­zu­zie­hen (z. B. Con­zel­mann [1Kor]; Lühr­mann [Mk]; Luz [Mt]; Wol­ter [Lk]; Thy­en [Joh]; Wengst [Dida­che]). Inter­es­sant ist: Hal Taus­sig, In the begin­ning was the meal. Soci­al Expe­ri­men­ta­ti­on and ear­ly Chris­tia­ni­ty, 2009.

 

30. März 2011

Das freie Spiel des dialogischen Selbstverhältnisses der Person. Der Ansatz von Thomas Fuchs

 

1               Erinnerung an den 28.03. (Vhs Neckargemünd)

Haupt­the­ma war der Text von Wolf Sin­ger: „Ver­schal­tun­gen legen uns fest: Wir soll­ten auf­hö­ren, von Frei­heit zu spre­chen“. Ist die­ser Text nicht mecha­nis­tisch zu inter­pre­tie­ren, spricht Sin­ger doch von „Frei­heit“? Wur­de sei­tens des Dozen­ten Sin­gers Text eine unfai­re Inter­pre­ta­ti­on zuge­mu­tet? Ist es mög­li­cher­wei­se ein Hin­weis auf eine der­ar­ti­ge Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on, dass Sin­ger viel­leicht gar nicht den Titel selbst gewählt hat? (more…)

18. November 2010

Geldgier 2, die Einsheit – Karl-Heinz Brodbeck

Baruch de Spi­no­za

Nach mei­ner Wahr­neh­mung schwankt die Bewer­tung eini­ger Teilnehmer/innen des Kur­ses eher. Es gibt grund­sätz­li­che Zustim­mung – aber sind alle Car­te­sia­ner? Ist das Buch nicht z. T. etwas weit­schwei­fig? Macht es sich Brod­beck bei­spiels­wei­se nicht mit „Hegels ‚List der Ver­nunft‘ nicht zu ein­fach?“ Ist Brod­beck zu sei­nen Unguns­ten nicht zu pole­misch? Ver­ein­facht Brod­beck mit der Kon­zen­tra­ti­on auf die „Geld­rech­nung“ als pri­mä­rer Sozia­li­sa­ti­ons­pra­xis nicht zu stark? Was ist mit der Spra­che? (more…)

23. Juli 2010

II">Wissenschaftstheorie II

Die zwei­te Sit­zung befasst sich mit der prag­ma­tis­ti­schen Posi­ti­on. Dazu sind eini­ge ein­lei­ten­de Bemer­kun­gen nötig. Ich begin­ne daher mit ein­lei­ten­den und abgren­zen­den Bemer­kun­gen zur neu­kan­tia­ni­schen und posi­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on (1). Als zwei­ten Punkt erör­te­re ich die Zei­chen­haf­tig­keit der Erkennt­nis und die dar­aus fol­gen­den Kon­se­quen­zen (2). Peirce, Dew­ey und ande­re haben in der jün­ge­ren Zeit ent­spre­chend den Fal­li­bi­lis­mus in den Wis­sen­schaf­ten begrün­det, der gele­gent­lich mit Pop­pers Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus ver­wech­selt wird (3).

Der Prag­ma­tis­mus setzt kei­ne sta­ti­sche Wirk­lich­keit vor­aus, daher setzt er auf Demo­kra­tie und in die­sem Kon­text wur­de ent­spre­chend die wich­tigs­te nach­klas­si­sche Erzie­hungs­theo­rie ent­wi­ckelt. Auch für eine erfolg­rei­che Wis­sen­schaft als gesell­schaft­li­ches Sub­sys­tem ist die­se Erzie­hung aus­schlag­ge­bend. Auf die­sen Punkt gehe ich hier nicht geson­dert ein, son­dern ver­wei­se auf mei­ne aus­führ­li­che Dar­stel­lung.

1               Hinführung und Abgrenzung

Der Prag­ma­tis­mus ist mit eini­gen Auf­sät­zen auch in die wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Dis­kus­si­on ein­ge­tre­ten, die Charles San­ders Peirce seit 1868 in der Zeit­schrift The Jour­nal of Spe­cu­la­ti­ve Phi­lo­so­phy ver­öf­fent­licht hat, dar­un­ter auch der berühm­te Auf­satz How to Make Our Ide­as Clear (1878), am leich­tes­ten erreich­bar in: The Essen­ti­al Peirce I, 1992, 142ff; eine eini­ger­ma­ßen pas­sa­ble Über­set­zung fin­det sich in Apel, Peirce. Schrif­ten zum Prag­ma­tis­mus usf. (1991; stw 945), 182ff. Der phi­lo­so­phi­sche Ansatz der ursprüng­li­chen Prag­ma­tis­ten Peirce, James, Dew­ey schätzt die Bedeu­tung der Wis­sen­schaf­ten hoch ein, daher gebührt ihnen auch phi­lo­so­phi­sche Auf­mer­kam­keit. Aber bei den drei ers­ten bedeu­ten­den Prag­ma­tis­ten gibt es auch all­tags­phi­lo­so­phi­sche, kul­tur­phi­lo­so­phi­sche, sozio­lo­gi­sche, poli­ti­sche, reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­sche und sogar psy­cho­lo­gi­sche Refle­xio­nen. Peirce ist als Ein­zel­wis­sen­schaft­ler Logi­ker gewe­sen, er hat die moder­ne Rela­tio­nen­lo­gik mit ent­wi­ckelt, außer­dem war er einer der Begrün­der der Semio­tik. Wil­liam James gilt mit Recht als einer der Begrün­der der empi­ri­schen Psy­cho­lo­gie. John Dew­ey ist nach mei­nem Urteil der bedeu­tends­te nach­klas­si­sche Päd­ago­ge. Die Prag­ma­tis­ten ver­tre­ten z. T. sehr unter­schied­li­che Posi­tio­nen, aber sie eint den­noch eine Grund­über­zeu­gung, die Dew­ey so zusam­men­fasst:

Sofern sich jemand schon auf die Über­zeu­gung ver­pflich­tet hat, dass die Rea­li­tät sau­ber und abschlie­ßend in einem Paket mit einem Band ver­packt ist, das nicht mehr auf­ge­schnürt wer­den kann, es mit­hin kei­ne unvoll­ende­ten The­men oder neue Aben­teu­er gibt, wird er der Auf­fas­sung wider­spre­chen, dass Wis­sen eine Dif­fe­renz erzeugt, wie man auch sonst jedem unver­schäm­ten auf­dring­li­chen Men­schen wider­spricht. Doch sofern man davon über­zeugt ist, dass sich die Welt selbst im Über­gangs­pro­zess befin­det, war­um soll­te dann die Über­zeu­gung, dass das Wis­sen der bedeu­tends­te Modus ihrer Modi­fi­ka­ti­on und das ein­zi­ge Organ ihrer Lei­tung sei, a prio­ri schäd­lich sein? (Does Rea­li­ty Pos­sess a Prac­tical Cha­rac­ter?, The Essen­ti­al Dew­ey I, 124ff, 125).

Dies besagt im Kon­text die­ses grund­le­gen­den Auf­sat­zes min­des­tens drei­er­lei:

(1)  Die Rea­li­tät sei nicht nur prak­tisch erschließ­bar, das scheint auf­grund der expe­ri­men­tel­len Pra­xis der Natur­wis­sen­schaf­ten seit dem 17. Jahr­hun­dert unab­weis­bar. Das wäre ein blo­ßer tru­ism, eine blo­ße Bin­sen­wahr­heit. Die Prag­ma­tis­ten ver­tre­ten aber dar­über hin­aus:

(2)  Die Rea­li­tät steht den han­deln­den Men­schen, auch den expe­ri­men­tie­ren­den Wissenschaftler/innen nicht sta­tisch gegen­über, son­dern sie wird sowohl durch das Expe­ri­ment als auch durch die dar­auf fol­gen­de Pra­xis ver­än­dert. Inso­fern befin­det sich die Rea­li­tät in einem durch mensch­li­ches wis­sen­schaft­li­ches Erken­nen mit­be­stimm­ten Ver­än­de­rungs­pro­zess. Auch dies war im letz­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts auf­grund der öko­no­misch-tech­ni­schen Umset­zung phy­si­ka­li­scher und che­mi­scher Erkennt­nis­se unab­weis­bar.

(3)  Dar­über hin­aus war allen klas­si­schen Prag­ma­tis­ten klar, dass auch die Fol­gen der Hand­lun­gen in der Wis­sen­schaft in die Erfas­sung wis­sen­schaft­li­cher Hand­lun­gen ein­ge­hen müs­sen. Auch bei heu­ti­gen Prag­ma­tis­ten wie Put­nam, Haber­mas, Ham­pe und Pape wird genau dies betont – und das ist ange­sichts des kata­stro­pha­len Schei­terns des wis­sen­schaft­lich-öko­no­misch-tech­ni­schen Pro­jek­tes an der Kli­ma­ver­än­de­rung über­aus aktu­ell.

So hat­te Peirce als ers­ter die­sen Punkt in sei­ner „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ aus­drück­lich fest­ge­hal­ten:

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands!“

(Charles Peirce, How to make our ide­as clear, 1878)

Für die Prag­ma­tis­ten geht es also kei­nes­wegs nur wis­sen­schaft­lich dar­um, wie etwas ist, son­dern auch dar­um, wie es sein wird, wie also die wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis etwas ver­än­dert, indem sie die Rea­li­tät ver­än­dert, mit­hin eine Dif­fe­renz erzeugt, die prak­tisch wirk­sam ist – gute, aber auch schlech­te Fol­gen haben kann. Dies alles geht in einen ver­ant­wort­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Akt ein, Dew­ey hat mit Recht in sei­ner grund­le­gen­den Dar­stel­lung der ursprüng­li­chen prag­ma­tis­ti­schen Posi­tio­nen betont, dass Peirce gera­de den Uni­ver­sa­li­täts­as­pekt in sei­ner ursprüng­li­chen Bestim­mung des Prag­ma­tis­mus gemeint hat (The Deve­lop­ment of Ame­ri­can Prag­ma­tism, The Essen­ti­al Dew­ey I, 3ff, 4 u. ö.). Und dies besagt, dass die prag­ma­tis­ti­sche Wis­sen­schafts­kon­zep­ti­on stets in ein ethi­sches Kon­zept ein­ge­bet­tet ist.

Pragmatist/inn/en sind also Ethiker/innen, die alle Zusam­men­hän­ge eines wis­sen­schaft­lich zu erfas­sen­den Sach­ver­halts ein­be­zie­hen. Damit waren sie damals nicht unum­strit­ten, denn dies besagt u. a. auch, dass wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­gen nicht „wert­neu­tral“ sind.

Eine „Ueber­ein­stim­mung [sc. der Her­aus­ge­ber des ‘Archivs für Sozi­al­wis­sen­schaft und Sozi­al­po­li­tik’] besteht … bezüg­lich der Schät­zung des Wer­tes theo­re­ti­scher Erkennt­nis unter ‘ein­sei­ti­gen’ Gesichts­punk­ten, sowie bezüg­lich der For­de­rung der Bil­dung schar­fer Begrif­fe und der stren­gen Schei­dung von Erfah­rungs­wis­sen und Wert­ur­teil, wie sie hier … ver­tre­ten wird“  (Max Weber, Die „Objek­ti­vi­tät“ sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher und sozi­al­po­li­ti­scher Erkennt­nis, in: Ders., Gesam­mel­te Auf­sät­ze zur Wis­sen­schafts­leh­re, hg. v. J. Winckel­mann, 71988 (UTB 1495), 146-214 ).

Die Quel­len der fol­gen­den bei­den Zita­te Karl Pop­pers sind ver­linkt:

Aus der Fest­stel­lung einer Tat­sa­che lässt sich nie­mals ein Satz her­lei­ten, der eine Norm, eine Ent­schei­dung oder einen Vor­schlag für ein bestimm­tes Vor­ge­hen aus­spricht.“[4]:77

 

Alle Dis­kus­sio­nen über die Defi­ni­ti­on des Guten oder die Mög­lich­keit es zu defi­nie­ren, sind völ­lig unnütz.“[4]:294

Anders als Weber und auch als Pop­per meint Peirce dem­ge­gen­über:

Ethik ist die Theo­rie des selbst­kon­trol­lier­ten Han­delns und Über­le­gens. Logik ist die Theo­rie selbst­kon­trol­lier­ten oder über­leg­ten Den­kens und muss sich als sol­che in ihren Prin­zi­pi­en auf die Ethik stüt­zen.“ (Phä­no­men und Logik der Zei­chen, 21993 [stw 425]), 41f)

Dadurch kann sich jede/r sein/ihr eige­nes Bild über die völ­li­ge Eigen­stän­dig­keit der prag­ma­tis­ti­schen Ansat­zes bil­den. Es dürf­te auch bei einer auf­merk­sa­men Lek­tü­re der Behaup­tun­gen Webers und Pop­pers klar wer­den, war­um Peirce, James und Dew­ey sich nicht davon über­zeu­gen lie­ßen, dass wis­sen­schaft­li­ches Han­deln wert­neu­tral sei.

2               Semiotik und Erkenntnis

Es war das von allen ande­ren auch aner­kann­te Ver­dienst Peirce’ bestimm­te Grund­la­gen logisch-semio­ti­scher Art gelegt zu haben, die manch­mal nicht direkt zitiert wer­den, aber noch bis zu Dew­eys Theo­ry of Inqui­ry (1938 [vgl. wich­ti­ge Aus­zü­ge in: The Essen­ti­al Dew­ey II]), die akzep­tier­te Grund­la­ge bil­de­ten. Dew­ey hat­te bei Peirce Logik gehört – und das macht sich auf jeden Fall bemerk­bar.

Gra­fik 1: Genu­in Tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on, kei­nes der drei Rela­ta der Bezeich­nungs­re­la­ti­on Zei­chen, Objekt und Inter­pre­tant darf feh­len, alle sind stets durch die genu­in tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on ver­bun­den, der Inter­pre­tant ist stets eine refle­xi­ve Inter­pre­ta­ti­on eines schon vor­han­den Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zes­ses.

Dass Erken­nen und wis­sen­schaft­li­ches Erken­nen Zei­chen­pro­zes­se sind, ist eigent­lich auch ein tru­ism, aber lei­der wird die­ser häu­fig nicht beach­tet. Noch heu­te meint man, eine wis­sen­schaft­li­che Behaup­tung sei eine Vor­stel­lung, ein men­ta­les Urteil, mög­li­cher­wei­se han­delt es sich sogar um – bis­lang unbe­ob­acht­ba­re – Gehirn­pro­zes­se. Davon kann kaum eine Rede sein, wis­sen­schaft­li­che Behaup­tun­gen wer­den öffent­lich gemacht, öffent­lich dis­ku­tiert usf. Mit­hin sind sie Zei­chen­pro­zes­se. Die Poin­te Peirce’ besteht in zwei wesent­li­chen Punk­ten:

(1)  Der wis­sen­schaft­li­che Pro­zess ist als Erken­nen mit dem Objekt in einer genu­in tria­di­schen Rela­ti­on rela­tio­nal ver­bun­den, die sinn­li­che Wahr­neh­mung des „Objekts“ im „Zei­chen“ wird im „Inter­pre­t­an­ten“ dar­ge­stellt. Da der Inter­pre­tant selbst­re­fle­xiv dar­stellt, ist auch unter­stellt, dass schon die sinn­li­che Wahr­neh­mung im Zei­chen auf einen sol­chen tria­di­schen Pro­zess zurück­geht, mit­hin: Sofern sinn­li­che Wahr­neh­mung selbst ein Zei­chen­pro­zess ist, sind die angeb­li­chen Sin­nes­da­ten als abso­lu­ter Aus­gangs­punkt wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis, wie dies die Posi­ti­vis­ten unter­stell­ten, Tei­le eines unend­li­chen Zei­chen­pro­zes­ses, ein Punkt, den beson­ders Bert­rand Rus­sell als über­aus bedroh­lich emp­fand; vgl. die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Rus­sell und Dew­ey in: The Essen­ti­al Dew­ey II, 201ff; 408ff; mit aus­führ­li­chen und fai­ren Rus­sell­zi­ta­ten, in denen Rus­sell auf der Mach­schen Posi­ti­on beharrt.) Dew­ey hat spä­ter mit Recht betont, dass die Ide­en von Peirce mit denen von Whitehead beson­ders ver­wandt sei­en, weil bei­de auf unter­schied­li­che Wei­se, den fal­schen Gemein­platz infra­ge­ge­stellt hät­ten, es gäbe so etwas wie eine Sub­jekt-Objekt-Spal­tung usf. bzw. eine fak­tisch siche­re Aus­gangs­ba­sis in Sin­nes­da­ten. Auch Sin­nes­da­ten beru­hen auf einem Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zess, so Peirce, mit­hin müs­sen vie­le sol­che Inter­pre­ta­tio­nen mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den. Folg­lich ist anders als Pop­per mein­te, nicht nur die Induk­ti­on pro­ble­ma­tisch, wie also die Sin­nes­da­ten zu einer Theo­rie zusam­men­ge­fügt wer­den, schon die sinn­li­che Erfah­rung stellt eine prin­zi­pi­ell fal­li­ble Inter­pre­ta­ti­on dar.

(2)  Für alle Prag­ma­tis­ten bis hin zu Haber­mas heißt das dann, dass der Wis­sen­schafts­pro­zess zukunfts­of­fen ist, er hat als Ziel mit­hin die Zustim­mung aller der­je­ni­gen, die sich wis­sen­schaft­lich kom­pe­tent enga­gie­ren. Bzw. man kann zurück­hal­ten­der sagen, dass er die­ses Ziel  haben kön­nen muss, wenn man gründ­lich nach­denkt. Dies heißt dann aber auch, dass man im Sin­ne der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ Peirce’ stets die Kon­se­quen­zen des eige­nen wis­sen­schaft­li­chen Han­delns mit­be­den­ken muss, Ethik­ko­mis­sio­nen wer­den heu­te addi­tiv sozu­sa­gen stan­dard­mä­ßig auf­ge­baut. Für Dew­ey bedeu­te­te dies, dass die Zahl der­je­ni­gen, die wis­sen­schaft­lich kom­pe­tent sind, durch geeig­ne­te demo­kra­ti­sche Erzie­hung mög­lichst weit gefasst wer­den muss; vgl. dazu mei­ne Dar­stel­lung. Anders als in der spät­po­si­ti­vis­ti­schen oder neo­po­si­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on Pop­pers liegt also kein prin­zi­pi­el­ler Erkennt­nis­zwei­fel vor. Statt­des­sen besteht die Erwar­tung, dass die Wis­sen­schaf­ten vor dem Hin­ter­grund einer brei­ten Kom­pe­tenz in der Bevöl­ke­rung ihre hoch­kom­ple­xen und uni­ver­sal ange­setz­ten Auf­ga­ben eini­ger­ma­ßen lösen und dabei die Rea­li­tät zuguns­ten sitt­li­cher Zie­le ver­än­dern könn­ten. Es sind hier also kei­nes­wegs die wis­sen­schaft­li­chen Expert/inn/en gefragt, son­dern die ursprüng­li­che prag­ma­tis­ti­sche Idee besteht dar­in, dass es zu einer Demo­kra­tie gehört, dass das Wis­sen­schafts­sys­tem mög­lichst vie­le Men­schen durch All­ge­mein­bil­dung und in die Tie­fe gehen­de unend­li­che Bil­dungs­be­mü­hun­gen betei­ligt. Dies ist beson­ders ein­drück­lich von Dew­ey bedacht wor­den, der auch die ent­spre­chen­den sozia­len Vor­aus­set­zun­gen immer deut­li­cher erkann­te, z. B. einen Sozi­al­staat, der deut­lich über gewöhn­li­che „ame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se“ hin­aus­geht; vgl. „Demo­cra­cy is Radi­cal“, in: The Essen­ti­al Dew­ey I, 337ff, aber Dew­ey zufol­ge sehr wohl in den klas­si­schen Doku­men­ten der ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on und Demo­kra­tie ange­legt sei.

Inter­es­sant ist, dass der schon im ers­ten Bei­trag erwähn­te Johann Jakob von Uex­küll prin­zi­pi­ell den Ansatz von Peirce und Dew­ey, dass also „Rea­li­tät“ im dar­ge­stell­ten Sin­ne unter Zei­chen­ver­wen­dung „prak­tisch“ sei, auch bei den leben­den Wesen ab dem Ein­zel­ler unter­stellt:

Gra­fik 2: Quel­le: Thu­re von Uex­küll u. a., Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin, 2008, 9.

Das „Mer­ken“ führt zum „Wir­ken“, wodurch die Rea­li­tät, die wahr­ge­nom­men wur­de, ver­än­dert wird. Dies geht Uex­küll zufol­ge nur durch eine ent­spre­chen­de Inter­pre­ta­ti­on, die u. a. am eige­nen Bedürf­nis ori­en­tiert ist.

Zwi­schen den Prag­ma­tis­ten und von Uex­küll scheint kei­ne wech­sel­sei­ti­ge oder auch nur ein­sei­ti­ge Wahr­neh­mung zustan­de­ge­kom­men zu sein.

3               Fallibilismus

Wer die Rea­li­tät als in einem stän­di­gen Über­gangs­pro­zess begrif­fen sieht, kann die Rol­le der Wis­sen­schaf­ten ganz gelas­sen als sozia­le Sys­te­me mit Fal­li­bi­lis­mus als wesent­li­chem metho­di­schem Aspekt und dau­ern­der selbst­kri­ti­scher Besin­nung bestim­men. Der ent­spre­chen­de Wiki­pe­diaar­ti­kel hat das unbe­streit­ba­re Ver­dienst, die Sache nicht ganz auf Pop­pers Niveau her­un­ter­zu­bea­men. M. E. ist Pop­pers Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus kein Fal­li­bi­lis­mus im Sin­ne von Peirce und Dew­ey, dass dies den­noch oft als Fal­li­bi­lis­mus bezeich­net wird, ist ein bedau­er­li­cher Man­gel, aber so etwas kommt in der Wis­sen­schafts- und Phi­lo­so­phie­ge­schich­te nicht sehr sel­ten vor. Der Fal­li­bi­lis­mus ist auf­grund der Grund­idee der Prag­ma­tis­ten wis­sen­schaft­lich zwin­gend, weil schon die Sin­nes­da­ten Tei­le der dyna­mi­schen genu­in tria­di­schen Bezeich­nungs­re­la­ti­on sind, ganz zu schwei­gen von allen wei­te­ren abduk­ti­ven, induk­ti­ven oder gele­gent­lich auch deduk­ti­ven Inter­pre­ta­tio­nen grö­ße­ren Aus­ma­ßes. Wei­ter ist den Prag­ma­tis­ten zufol­ge die Bedeu­tung einer wis­sen­schaft­li­chen Behaup­tung oder Theo­rie auf die Zukunft aus­ge­legt, mit­hin kön­nen im Ver­lauf ihrer Wei­ter­in­ter­pre­ta­ti­on stän­dig Ver­än­de­run­gen auf­tre­ten – und wie die Wis­sen­schafts­ge­schich­te zeigt, ist dies auch der Fall. Jede Induk­ti­on muss sich in der Zukunft bewäh­ren – und das gilt auch und gera­de für die Natur­ge­set­ze, die man­che für recht gut erkannt hal­ten. Aller­dings zeigt die Geschich­te der Wis­sen­schaf­ten auch, dass bestimm­te Ein­sich­ten wis­sen­schaft­li­cher Art sich bewährt haben. Das ist des­halb der Fall, weil wir unse­re Behaup­tun­gen und Theo­ri­en in ent­spre­chen­den Pra­xis­si­tua­tio­nen stets über­prü­fen und ver­bes­sern kön­nen, das setzt mit Dew­ey eben eine sehr ver­brei­te­te wis­sen­schaft­li­che Kom­pe­tenz in einer mög­lichst brei­ten Öffent­lich­keit vor­aus. Pop­per ist gegen die­se Auf­fas­sung rela­tiv mas­siv vor­ge­gan­gen und hat ent­spre­chen­de Poli­tik­be­ra­tung bei Hel­mut Schmidt u. a. betrie­ben. Das war vor allem in der Fra­ge der Kli­ma­ka­ta­stro­phe fatal – auch das an sich ganz intel­li­gen­te Men­schen wie Hel­mut Schmidt sich von Pop­pers Aura täu­schen lie­ßen, anstatt des­sen Behaup­tun­gen kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Auch die Deut­sche Bahn hat das Pro­blem noch nicht ganz ver­stan­den gehabt, wie sich in den letz­ten drei Wochen offen­bart hat. Daher lässt sich inzwi­schen an die­sem Bei­spiel eigent­lich ganz leicht sehen, dass der Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus Pop­pers mit dem Fal­li­bi­lis­mus von Peirce und Dew­ey schwer­lich mit­hal­ten kann. Pop­per hat die öko­lo­gi­schen Behaup­tun­gen und Theo­ri­en nur als zu fal­si­fi­zie­ren­de Theo­ri­en betrach­tet, dabei waren die Ansich­ten von Alfred Rus­sel Wal­lace im Kern rich­tig. Sie müs­sen wie jede Theo­rie natür­lich ange­passt wer­den. Aber die Idee des Erkennt­nis­zwei­fels, die hin­ter Pop­pers Theo­rie liegt, scheint eher zwei­fel­haft, wie die Ent­wick­lung zeigt.

1. Mai 2010

Die unbeabsichtigten Rückkopplungsprozesse und die magische Geldquelle des Wirtschaftssystems

Alfred Russel Wallace (1823-1913)


Im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts wurde allgemeiner bewusst:

(1)   Die wirtschaftlichen Erfolge beruhen auf der technisch-wirtschaftlichen Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, insbesondere der Physik und Chemie.

(2)   Zugleich war klar, dass wissenschaftliche Erkenntnisse auf einer z. T. experimentellen Praxis beruhen, mithin Formen des Handelns sind. Wie alle Formen des Handelns müssen auch die wirtschaftlich umgesetzten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf ihre möglichen Folgen bedacht werden, Peirce zufolge gilt dies natürlich schon bei der Reflexion der wissenschaftlichen Erkenntnisse selbst.

„Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!“

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

(3)   In der Biologie wurde deutlicher, dass Organismen stets auf ihre Umwelt bezogen sind, eine anständige Bestimmung eines Organismus muss sein Verhältnis zur Umwelt genau erfassen.

(4)   Die Wirklichkeit ist insgesamt als Prozess zu verstehen, keineswegs als eine relativ stabile Ansammlung von Gegenständen, Dingen usf. Neben den Prozesscharakter der Wirklichkeit tritt daher immer stärker die Betonung von Beziehungen von Ereignissen, Dingen und Gegenständen, mithin die Kategorie der Relation. Entsprechend waren mathematisch-logisch in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Wahrscheinlichkeitstheorie und Relationenlogik entstanden.

(5)   Man erkannte, dass der Organismus „Mensch“ mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse seine Umwelt veränderte.

(6)   Und man erkannte, dass es hier Rückkopplungsprozesse geben könne. Diese zeigten sich einerseits bei Arbeitsunfällen, andererseits aber deutlich daran, dass die Luft beispielsweise in großen Städten wie London gesundheitsschädlich, keineswegs nur unangenehm war.

(7)   Alfred Russel Wallace zählte eigentlich nur zwei und zwei zusammen, wendete also die „Grundrechenarten“ (Angela Merkel) an, als er als mögliche Folge der Industrialisierung aufgrund des erhöhten Kohlendioxidstoßes eine menschlich miterzeugte Erwärmung des Klimas ernsthaft in Betracht zog.

„Der große Luftozean, der uns umgibt, hat die wunderbare Eigenschaft, die Wärmestrahlen der Sonne durchzulassen, ohne selbst von ihnen erwärmt zu werden; aber wenn die Erde aufgeheizt wird, erwärmt sich auch die Luft durch den Kontakt mit ihr und auch in erheblichem Maß durch die Hitze, die die warme Erde abstrahlt, denn reine, trockene Luft lässt die dunklen Wärmestrahlen zwar ungehindert passieren, aber der Wasserdampf und die Kohlensäure [CO2] in der Luft fangen sie ein und absorbieren sie.“ (Des Menschen Stellung im Weltall, 1903)

Wallace war eine der interessantesten intellektuellen Figuren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, weil er wie etwa Peirce sich nicht mit dem naiven Materialismus der Zeitgenossen zufriedengab. Selbst Mitentdecker der biologischen Evolutionstheorie bestritt er im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, dass Mathematik, Kunst, Musik usf. durch die natural selection erklärt werden könnten, worauf noch die Erfindung der „Meme“ durch Richard Dawkins reagiert. Er wandte sich wie eine Reihe von Intellektuellen spiritualistischen bzw. auch spiritistischen Experimenten und Denkweisen zu, weil er – in der Tradition der Romantik – die schlichte Kombination von Materialismus und Mechanismus, wie sie uns auch in manchen Wirtschaftstheorien begegnet ist, unbefriedigend fand. Obwohl er Darwin persönlich schätzte, lehnte er die in seiner Theorie enthaltenen sozialdarwinistischen Pointen ab, ebenso die Tendenz zur Eugenik, die ebenfalls in diesem Kontext entstand. Sozial und politisch war er eher demokratischer Sozialist. Vor allem aber zeigten seine eigenen Forschungen:

„In Tropical Nature and Other Essays (1878) warnte er vor den Gefahren der Abholzung und Erosion des Bodens, besonders in tropischen Gebieten mit großen Niederschlagsmengen. Nachdem er auf die komplexen Interaktionen zwischen Vegetation und Klima aufmerksam geworden war, warnte er, dass die übermäßige Abholzung des Regenwaldes für den Kaffee-Anbau in Ceylon und Indien das Klima dieser Länder ungünstig beeinflussen könnte und später zu ihrer Verarmung führen würde, weil die Erosion des Bodens den weiteren Anbau unmöglich machen würde.[2] In seinem Buch Island Life griff Wallace erneut das Thema der Abholzung auf und beschrieb den Effekt von Neobiota, also von invasiven Arten, die durch den Menschen in fragile Ökosysteme eingeschleppt werden.“ (Art. Wikipedia zu Alfred Russel Wallace)

Die spiritualistische Neigung, die Wallace öffentlich verteidigte, war die Angriffsfläche, um seine ökologischen Positionen madig zu machen. Wie sich aber zeigt, hatte er weithin recht. Peirce’ Position besagt, dass die reale Möglichkeit solcher Folgen in das praktische Handeln eingehen muss, Wallace setzte sich beispielsweise für eine bessere Landverteilung ein, mithin übersah er das soziale Problem keineswegs. Die sozialökologische Position von Wallace besagt mithin, dass der Mensch nur dann ethisch reflektiert seine Stellung im Universum findet, wenn er sozialverträglich mit seinesgleichen und mit seiner natürlichen Umwelt lebt. Den Zynismus der darwinschen Theorie lehnte er mithin ab. Die ökonomische Ausbeutung der Erde, wie sie etwa im „Kommunistischen Manifest“ gefordert wird, hielt er entsprechend für naiv, weil auf mittlere und lange Sicht soziales Unheil daraus folge. Auf manche Diskussionen im Kurs bezogen, ist zu sagen, dass dieser Ökologe in keiner Weise eine Randfigur des gesellschaftlichen Diskurses war, sondern eher eine umstrittene Persönlichkeit. Man konnte seine Texte in den USA, Großbritannien und Deutschland lesen. Aber man verweigerte sich seiner Botschaft und lenkte auf Nebenthemen ab.

Hans Christoph Binswanger (*1929)

Binswanger ist wohl der erste bedeutende Ökonom, der auf die ökologische Problematik des wirtschaftlichen menschlichen Handelns wissenschaftlich einging. Ebenso verweigerte er den üblichen Geldtheorien seiner Zunft den Glauben, sondern entwickelte sehr eigenständige Ansichten, die u. a. auf der Romantik und insbesondere Goethe beruhen. Wie Brodbeck glaubt er, dass bestimmte Sachverhalte, die ökonomisch grundlegend sind, zuletzt von Aristoteles in der „Politik“ geäußert worden sind. Binswanger ist ein freundlicher, älterer Herr, der freilich geistig ganz unabhängig ist und dem intellektuellen Geröll seiner Zunftgenossen mit einer bewundernswerten ironischen Unbeugsamkeit gegenübersteht, wie ich auf einer Tagung in Bad Boll zum Zinsthema im Frühjahr 2008 erleben durfte. Er hat in den 1970er Jahren erkannt, dass sowohl die liberalen als auch die marxistischen Wirtschaftstheorien schon deshalb falsch sind, weil sie die u. a. von Wallace herausgefundenen natürlichen Rückkopplungsprozesse des wirtschaftlichen Handelns souverän missachten. In der sogenannten „Finanzkrise“ konnte er nochmals nachweisen, dass die offiziellen ökonomischen Geldtheorien nicht richtig sind, vielleicht bleibt manches von Keynes bestehen. Beide Theorieelemente – ökologisches Wirtschaften und Geldtheorie – hängen im Wachstumsthema zusammen. Binswanger versucht also – pointiert formuliert – zu erklären, warum die Wirtschaft stets wachsen soll bzw. wächst, zugleich aber auch die Grundlagen menschlichen Lebens zerstört. Binswanger geht mithin der Unheimlichkeit unseres eigenen Handelns nach, das wir alltäglich mehr oder weniger akzeptieren, es aber ethisch eigentlich nicht akzeptieren dürften. Da er nach St. Gallen berufen wurde, entwickelte sich an dieser ursprünglichen Handelshochschule eine bedeutende Wirschaftsuniversität, in der ernsthaft über Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt nachgedacht und geforscht wird. Binswangers Arbeiten haben u. a. das „St. Galler-Modell“ beeinflusst.

Binswanger ist ein Mann der ruhig geäußerten deutlichen Worte:

„Die Frage ist also nicht, ob es zu einer neuen Blase kommt, sondern nur, wo und wie?

Das kann ich nicht genau sagen, dazu fehlt mir die Fantasie. Mir wären ja auch nicht die strukturierten Kreditverbriefungen eingefallen, die die jetzige Krise mitverursacht haben. Aber ganz sicher ist, dass eine der nächsten Blasen wieder bei den Rohstoffen und Nahrungsmitteln auftreten wird. Die Internationale Energieagentur hat kürzlich prognostiziert, dass der Ölpreis auf 200 Dollar pro Barrel steigen wird. Ein solcher Trend nach oben muss die Spekulation anreizen.“

taz vom 03.12.2008

Die „Finanzkrise“ ist also Binswanger zufolge kein Zufall, sondern liegt in der ökonomischen Logik des Geldes und entsprechender gewöhnlicher Handlungsweisen. Wie man an der Spekulation gegen Griechenland zurzeit sieht, liegt er damit richtig, denn die Ratingagentur „Standard & Poors“, die schon in der „Finanzkrise“ negativ tätig war, hat die Kreditwürdigkeit von Griechenland, Portugal und Spanien heruntergestuft, was die EU veranlasst, Griechenland mit dem Internationalen Währungsfond finanziell zu helfen, damit dieses Land überhaupt noch seine Schulden bei spekulativ steigendem Zinssatz zurückzahlen kann.

Binswanger hat mit „Geld und Magie“ 1985 eine interessante Faustinterpretation aus ökonomisch-philosophischer Perspektive in einem Buch vorgelegt, dass nicht zufällig 2009 eine dritte Auflage erlebt hat. In diesem Buch sind die ökologische und die geldtheoretische Perspektive miteinander verbunden, es geht um die Klärung der Frage: Worin besteht der ökonomische Grund des Wachstums, das zugleich selbstzerstörerische Folgen zeitigt?

„Wenn wir den Faust aufmerksam lesen, dann kann es keinen Zweifel geben, dass Goethe der modernen Wirtschaft einen … alchemistischen Kerngehalt diagnostiziert. Dieser ist es, der der Wirtschaft heute ihre ungeheure Anziehungskraft verleiht, sodass sie allmählich alle Lebensbereiche in ihren Sog zieht. Es geht um die Möglichkeit eines kontinuierlichen Wachstums der Produktion ohne eine entsprechende Erhöhung des Leistungsaufwands.“ (23)

Das besagt nach Binswanger, das poetische Interieur des „Faust II“ enthalte – in dem allerlei merkwürdige Figuren der Esoterik und Hermetik auftreten, auch der Teufel als Mephistopheles – Goethes zu Lebzeiten nicht veröffentlichte Gesellschaftsdiagnose:

„Heute wird die Alchemie als Aberglaube abgetan. Es heißt, dass sich seit dem Aufkommen der modernen Wissenschaften die Geldmacherei endgültig als Phantasmagorie erwiesen habe und daher niemand mehr sinnlos seine Zeit mit solchen abstrusen Vorhaben vergeuden wolle. Ich behaupte etwas anderes: Die Versuche zur Herstellung des künstlichen Goldes wurden nicht deswegen aufgegeben, weil sie nichts taugten, sondern weil sich die Alchemie in anderer Form als so erfolgreich erwiesen hat, dass die mühsame Goldmacherei im Laboratorium gar nicht mehr nötig war. … Wir können den Wirtschaftsprozess als Alchemie deuten, wenn man zu wertvollem Geld kommen kann, ohne es vorher durch eine entsprechende Anstrengung verdient zu haben, wenn also eine echte Wertschöpfung möglich ist, die das Gesetz der Erhaltung von Energie und Masse außer Kraft setzt, die ein ständiges Wachstum der Wirtschaft möglich macht, das an keine Begrenzung gebunden ist, das schnell und immer schneller vor sich geht und in diesem Sinne Zauberei oder Magie ist.“ (1985, 22f)

Im „Faust II“ tritt Faust als schöpferischer Unternehmer auf, der finanzpolitisch agiert, indem er das Papiergeld einführt, aber vor allem mithilfe moderner Technik Land gewinnen will. Mephistopheles stellt aber die (selbst-)zerstörerische Pointe dieses Vorgehens dar:

„Faust:

Da rase draußen Flut bis an den Rand,

und wie sie nascht, gewaltsam einzuschließen,

Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen. […]

Mephistophes (für sich):

Du bist doch nur für uns bemüht

Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen;

Denn du bereitest schon Neptunen,

Dem Wasserteufel, großen Schmaus.

In jeder Art seid ihr verloren;

Die Elemente sind mit uns verschworen,

Und auf Vernichtung läuft’s hinaus.“

Binswanger kommentiert das folgendermaßen:

„Wer denkt hier nicht unwillkürlich an die Auseinandersetzung über die Atomenergie …, von der die heutigen Jünger Fausts sagen, dass für alle denkbaren Unfälle Sicherheitsvorkehrungen geschaffen und alle Gefahren gebannt werden können, während die Gegner glauben, die Worte des Mephistopheles zu hören?“ (63)

Binswanger zufolge hat die poetische Darstellung Goethes tatsächlich bestimmte Kernelemente der modernen Wirtschaft und ihrer selbstzerstörerischen Aspekte erfasst. Ihm zufolge sieht das Wirtschaftssystem, seine Elemente und Relationen (wie in Grafik 7 dargestellt) aus:

Grafik sieben des Kurses

Grafik sieben des Kurses

Grafik 7 des Kurses (Binswanger, Vorwärts zur Bescheidenheit, 2009, 20)

Das Bild stellt eine stets wachsende Spirale dar, die Wachstumsspirale. Das Wirtschaftssystem besteht aus drei Größen bzw. Elementen:

  • Bankensystem [B];
  • Unternehmen [U];
  • Haushalte [H].

Das Bankensystem (Zentralbank, Geschäftsbanken) steht als „alchemistische“ Geldschöpfungsquelle im Zentrum des Systems. Neben das Papiergeld treten als Beziehungen bzw. Relationen im System nun aber vor allem Sichteinlagen („Bankgeld“), die sich leicht vermehren lassen. Das System ist als prinzipiell dynamisch gedacht, es wird von der Natur als Ressource gespeist, die Steigerungstendenzen werden durch die menschliche Imagination, Fantasie usf. geleistet. Binswanger hält fest, dass es Rückwirkungen auf die Natur seitens der Unternehmen und der Haushalte gibt. Konsumgüter und Arbeits- wie Produktionsleistungen runden das Bild ab, das allerdings keinen Kreis, sondern eine Spirale darstellt. Der magische Aspekt, der dies zusammen mit kostengünstiger Naturvernutzung und Imagination leistet, ist die Geldschöpfung im Bankensystem, die nicht zuletzt über Sichteinlagen bzw. das „Bankgeld“ läuft.

Binswanger selbst kommentiert seine Grafik so:

„Die Ausweitung des Kreislaufs zur Spirale wird ermöglicht durch die Entnahme von Ressourcen aus der Natur (bei gleichzeitiger Abgabe von Abfällen und Emissionen an die Natur), durch die Imagination des Menschen, der neue Produkte und Verfahren erfindet, sowie durch die Geldschöpfung auf dem Kreditweg (dicke Pfeile)“ (2009, 20).

Binswanger zufolge verhält es sich nicht so, dass die Banken bloß die Spareinlagen von Haushalten und Unternehmen wieder an kreative Unternehmer/innen weitergeben. Stattdessen nimmt jede Geschäftsbank für einen Kredit an Haushalte und Unternehmen einen Kredit bei der Zentralbank auf. Dieser ist durch eine Kreditverbriefung des gewährten Kredits „gesichert“ – schon lange nicht mehr durch „Gold“. Mithin befindet sich die in der sogenannten „Finanzkrise“ sicher gesteigerte Methode der „Kreditverbriefung“ im Zentrum des Bankensystems, es geht hier also keineswegs um die ungeheure „Gier“ der Banker/innen, sondern nur um eine Methode, die in allen kapitalistischen Staaten genauso angewendet wird.

Weiter hält Binswanger entsprechend das Kreislaufdenken bzw. die Idee, dass rechnerisch immer ein Gleichgewicht von Gewinnen und Verlusten bestehe, in Wachstumswirtschaften für empirisch falsch, auch wenn die Liberalen und Neoliberalen so gerne vom „Gleichgewicht“ als Prinzip der Wirtschaft reden, hier ist er mit Kondratjew und Keynes einig. Der nötige Geldzufluss für das Wachstum kommt aus dem Bankensystem.

An sich hätte mit Anwendung der „Grundrechenarten“ die heute so sprichwörtliche „württembergische Hausfrau“ selbst darauf kommen können:

Damit die Verwandlung der Geldschöpfung in reale Wertschöpfung gelingt, müssen die Unternehmungen, die in Ergänzung zum Eigenkapital Kredite aufnehmen, einen Gewinn erzielen können, aus dem der Zins für die Kredite bezahlt wird und der darüber hinaus auch noch einen Reingewinn enthält, der das Investitionsrisiko des Eigenkapitals kompensiert. Das Investitionsrisiko besteht darin, dass die Investitionen erst in der Zukunft ausreifen, indem die Güter, die aufgrund der Investitionen heute produziert werden, erst morgen verkauft werden können … Die Arbeitsleistungen und Produktionsmittel (Boden, Energie, Rohstoffe) müssen aber heute schon bezahlt werden – und die Zukunft ist immer unsicher. …

Dies muss im Durchschnitt für alle Unternehmungen gelten, wenn die Wirtschaft funktionieren soll. Das heißt: Es muss die Chance eines Gewinns stets größer sein als die Chance eines Verlusts. Der Erwartungswert des Gewinns in der Gesamtwirtschaft muss positiv sein. Dies ist aber nur dann der Fall, wenn die Häufigkeit des Gewinns stets größer war und weiterhin größer ist als die Häufigkeit des Verlusts, wenn also die Unternehmungen im Saldo stets Gewinne gemacht haben und machen, also aus der Summe von Gewinnen und Verlusten stets ein Gewinnüberschuss resultiert.“ (2009,17f)

Dabei versteht Binswanger den Leitzins der Zentralbank und den Zins der Geschäftsbanken als Preis für den Kredit. Die Gefahren dieses Systems der kontinuierlichen „alchemistischen“ Geldschöpfung im System von Zentralbank und Geschäftbanken über Sichteinlagen, Bankgeld bzw. Kreditverbriefungen sind u. a. Inflation und „Blasen“. Letztere sind wg. der Imagination des Menschen äußerst wahrscheinlich. Wie Keynes unterstellt auch Binswinger, dass es sich in der Wirtschaft in der Regel um Abduktionen auf die Zukunft handelt, weshalb aus seiner Sicht auch unternehmerischer Gewinn gerechtfertigt ist.

Man könnte natürlich versuchen, die Gleichtgewichtsidee und die Anschauung, Wirtschaft sei ein Kreislauf bzw. es gäbe einen Kreislauf des Geldes aufrechterhalten, indem man unterstellt, dass die fortwährenden Gewinne der Unternehmen durch Verluste der Haushalte ausgeglichen werden. So verhält es sich nach Binswanger aber nicht:

„Damit die Unternehmungen zusammen im Saldo stets Gewinne erzielen können, müssen daher die Einnahmen aller Unternehmungen zusammengenommen stets größer sein als die Ausgaben aller Unternehmungen zusammen. Dies ist offensichtlich nicht möglich, wenn das Geld nur im Kreis läuft; d. h., wenn das Geld, das die Unternehmungen den Haushalten für ihre Produktionsleistungen bezahlen, einfach wieder von den Haushalten dazu benutzt wird, die Produkte zu kaufen, die die Unternehmungen mit ihrer Hilfe hergestellt haben.“ (18)

Die Idee, dass es einen Geldkreislauf und sogenannte „Gleichgewichte“ gäbe, ist mithin rein fiktiv, möglicherweise den wahren Sachverhalt sogar verschleiernd:

„Es könnten dann weder Zinsen bezahlt noch Reingewinne erzielt werden, die das Risiko des Kapitaleinsatzes decken. Ein positiver Gewinnsaldo und damit die Möglichkeit, Zinsen für das Fremdkapital zu bezahlen und Reingewinne zu erzielen, kann gesamtwirtschaftlich nur entstehen, wenn ständig Geld zufließt.“ (ebd.)

Es ist keine Frage, dass Binswanger – geleitet von der univeral orientierten romantischen Sichtweise, die durch Goethe moderater und teilweise auch besonnener dargestellt wird – seine Theorie so entwickelt, dass sie selbst zur Ethik beitragen kann.

Binswanger hält es für nötig, dass das Wachstum weltweit auf 1,8 % beschränkt bleibt. D. h., in unserer Weltgegend muss es erheblich niedriger liegen, weil China und Indien, die afrikanischen Länder noch Nachholbedarf haben, um eine menschenwürdige Lebensweise zu erreichen.

  • Raubbau an der Natur wird so begrenzt;
  • Spekulationsblasen mit großen wirtschaftlichen Folgen werden unwahrscheinlicher;
  • Er hält entsprechend eine Transformation der Aktiengesellschaft hin zu eher genossenschaftlichen Unternehmensformen für „nachhaltiger“, dies geht gegen den sogenannten „Shareholder-Value“ der Börsenspekulationen.

Mithin versucht er die Probleme des in Grafik 7 dargestellten Wirtschaftssystems nicht isoliert zu betrachten und bestimmte Aspekte gar nicht zu erwähnen oder auszublenden, wie dies in der Wirtschaftswissenschaft, aber auch in der Wirtschaftspolitik weithin passiert. So müsste in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung auch eine Ökobilanz eingehen. Damit muss auf die eine oder andere Weise der Naturverbrauch bzw. die Naturschädigung finanziell entgolten werden. Dies tendiert wohl dazu, das Wachstum einzuschränken. Die Ökosteuer in Deutschland ist ein erster, aber deutlich umkämpfter Schritt in diese Richtung, nach Binswanger müsste dies erheblich umfassender sein.

Weiter hält er eine Geldreform für entscheidend:

Im Anschluss an Irving Fisher sowie Joseph Huber und James Robertson schlägt Binswanger ein sogenanntes „Vollgeld“ vor. Für die Europäische Zentralbank müsse gelten:

„Der EZB-Rat hat das ausschließliche Recht, die Ausgabe von gesetzlichen Zahlungsmitteln zu genehmigen. Gesetzliche Zahlungsmittel umfassen Münzen, Banknoten und Sichtguthaben.“

So müsse die Satzung der EZB geändert werden.

Das Ziel besteht in der Verhinderung der ständigen Geldvermehrung durch Sichtguthaben bzw. „Bankgeld“. Die Kreditvergabe erfolgt daher nur im Rahmen des verfügbaren Zentralbankgeldes. Zumindest würden „Spekulationsblasen“ hierdurch vermeidbarer. Allerdings muss die Zentralbank auch weiterhin Geldschöpfung betreiben. Denn es bleiben ja weiterhin:

  • Gewinnrate der Unternehmen:
  • Zinsen.

Würde man versuchen, das Wachstum sozusagen auf „Null“ zu bringen, tritt nach Binswanger allmähliche Schrumpfung ein, daher seine weltweite Wachstumsrate von 1,8 %. Wie Wallace sieht Binswanger auch das soziale Problem, das mit seiner Position entsteht. Daher erwägt er, das zusätzlich von der Zentralbank unverschleiert geschaffene Geld nicht nur zusätzlich an die Banken zu verleihen, damit die Kreditrate steigen kann. Auch an den Staat könnte es zur Schuldentilgung ausgezahlt werden. Darüber hinaus hält er es nicht zuletzt für wichtig, zumindest Teile des Geldes an die Privathaushalte zu überweisen – als Zusatzeinkommen, gespeist von einer „Grundeinkommensidee“.

Wie gesagt, die sprichwörtliche württembergische Hausfrau hätte mit Anwendung der Grundrechenarten auch selbst darauf kommen können, dass ihr manches von Wirtschaftswissenschaften und Politik nur vorgespiegelt wird. Auch die Sachverhalte, die Wallace schon im 19. Jahrhundert erfasst hat, könnte sie im Prinzip bei ruhiger Betrachtung und allgemeiner Schulbildung selbst begreifen, wenn sie sich nicht nur dafür interessiert, mehr Haushaltsgeld zu bekommen – und die gesamte Wirklichkeit sonst mutwillig oder desinteressiert auszublenden. Binswanger und Wallace sehen das soziale Problem, das mit einem ökologisch orientierten Wirtschaften zusammenhängt, sehr genau – und versuchen dafür verschiedene Vorschläge zu unterbreiten. Beide sind aber ganz sicher davon überzeugt (gewesen) und haben es auch teilweise nachgewiesen, dass die bis heute dominierende Form des wirtschaftlichen Handelns selbstzerstörerisch ist. Daher unterstellen beide, dass der Mensch, anspruchsvoll Freiheit ausüben und ethisch handeln könne.

14. Februar 2010

Wirtschaft und Ethik

The­men von Wirt­schaft und Ethik, VHS Neckar­ge­münd

(1)  Ken­nen­ler­nen, Plan, vier grund­le­gen­de Tex­te (Charles Peirce, Alfred Rus­sel Wal­lace, Karl Homann, Peter Ulrich) – 15.03.2010

(2)  Adam Smith und Fried­rich von Hay­ek – 29.03.2010

(3)  Karl Marx – 12.04.2010

(4)  Niko­lai Kond­rat­jew – 19.04.2010

(5)  John May­nard Keynes – 26.04.2010

(6)  Kri­tik­punkt: Alfred Rus­sel Wal­lace und Hans-Chris­toph Binswan­ger – 03.05.2010

(7)  Karl Homann – 10.05.2010

(8)  Die St. Gal­ler Schu­le, Ulrich, Ruegg-Sturm I – 17.05.2010

(9)  Die St. Gal­ler Schu­le, Ulrich, Ruegg-Sturm II31.05.2010

(10)   Abschluss – 07.06.2010

Die Tex­te, die ich ver­fas­se, ste­hen Ihnen stets eine Woche vor jeder Sit­zung hier im Blog zur Ver­fü­gung. Emp­feh­lens­wert zur beglei­ten­den und ver­tie­fen­den Lek­tü­re sind Peter Ulrich, Inte­gra­ti­ve Wirt­schafts­ethik, 2000 und meh­re­re neue Auf­la­gen; Karl-Heinz Brod­beck, Die Herr­schaft des Gel­des, 2009.

In jeder Sit­zung bit­te ich Sie in den letz­ten fünf Minu­ten, die Sit­zung mit­tels eines Fra­ge­bo­gens zu bewer­ten.

Ruegg-Sturm 2003, 22 Abb. 2
Gra­fik 1: Ruegg-Stürm 2003, 22 Abb. 2

Wegen beruf­li­cher Belas­tun­gen müs­sen die ange­kün­dig­ten phi­lo­so­phi­schen Vor­trä­ge im März 2010 ent­fal­len.

Neue Ter­mi­ne:

08. Mai 2010 – Grund­zü­ge von Tho­mas Fuchs, Ort: Sand­gas­se 13, 69207 Sand­hau­sen, 14.30 bis 19 Uhr, ein­schließ­lich klei­nem gesel­li­gen Bei­sam­men­sein. Kos­ten: 15 € pro Per­son.

12. Juni 2010 – Grund­zü­ge von Jesper Hoff­mey­ers bio­se­mio­ti­schen Ansatz, alles ande­re wie am 08. Mai 2010

24. November 2009

Erinnerung an den 23.11. – Vhs Neckargemünd

Der Kurs hat mit dem Ken­nen­ler­nen der Posi­ti­on von Jesper Hoff­mey­er 2008 das Pan­ora­ma ver­schie­de­ner Posi­tio­nen been­det. Auch Bau­er 2008 hat ein nicht ganz schwa­ches Sen­so­ri­um für die Pro­ble­me der Bio­se­mio­tik, beschei­det sich aber lie­ber mit For­mu­lie­run­gen, wie „das Gehirn schal­tet ein bio­lo­gi­sches Signal an“. Die Semio­tik ist seit gut 130 Jah­ren die­je­ni­ge all­ge­mei­ne phi­lo­so­phi­sche und wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin, die es erlaubt, die oft anschei­nend gegen­ein­an­der agie­ren­den wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen zu ver­ei­nen. Lei­der geht sie sogar auf die klas­si­sche grie­chi­sche Phi­lo­so­phie und Medi­zin, die Stoa und die gro­ßen mit­tel­al­ter­li­chen Dis­kur­se zurück, ganz zu schwei­gen von moder­nen kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Errun­gen­schaf­ten. Daher wird sie oft abge­lehnt, wie­so soll man das jetzt auch noch machen, weil man mit sei­nem klas­sisch-phy­si­ka­lisch-mecha­nis­ti­schen Dis­zi­pli­nen­be­stand irgend­wie zufrie­den ist und nicht so ger­ne wei­ter­fra­gen möch­te. Dem­ge­gen­über steht aber die Tat­sa­che, dass es dadurch kei­ne wis­sen­schaft­li­che Auf­fas­sung der Ganz­heit der Pro­zes­se des Lebens gibt. Die empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten sto­ßen frei­lich nicht sel­ten auf Phä­no­me­ne wie die Rezep­to­ren, wel­che schwer­lich anders inter­pre­tiert wer­den kön­nen, als dass es sich um Aspek­te eines semio­ti­schen Sys­tems han­delt, wobei sol­che Sys­te­me Bot­schaf­ten über­mit­teln, die mehr oder weni­ger gut ver­stan­den wer­den, was für Hoff­mey­er nicht unwe­sent­lich ist. Schon die Arbeit Jakob von Uex­külls hat­te schlich­te Vor­stel­lun­gen wie (angeb­li­che) Reiz-Reak­ti­ons-Pro­zes­se eher rela­ti­viert:

Tie­ri­sche Lebe­we­sen unter­schei­den sich … von Maschi­nen durch die Unvor­her­seh­bar­keit ihres Ver­hal­tens. Reiz und Reak­ti­on sind nicht fixiert gekop­pelt wie die Bewe­gung einer Mimo­se bei Berüh­rung ihrer Blät­ter, son­dern nur schwach gekop­pelt; das heißt, Rei­ze lösen kein fixier­tes Ver­hal­ten aus, son­dern modu­lie­ren eine vor­han­de­ne Eigen­ak­ti­vi­tät, sodass nur die Wahr­schein­lich­keit für ein bestimm­tes Ver­hal­ten des Lebe­we­sens modi­fi­ziert wird. Signa­le kön­nen intern ver­stärkt, mit ande­ren Signa­len ver­gli­chen und vor allem gespei­chert wer­den: Die Varia­bi­li­tät der inne­ren Sys­tem­zu­stän­de erlaubt es, dass in die Trans­for­ma­ti­ons­re­geln für ein­tref­fen­de Rei­ze die jeweils vor­aus­ge­hen­den Ope­ra­tio­nen mit ein­ge­hen – das Grund­prin­zip von Gedächt­nis. Dazu tre­ten schon auf ein­fa­chen Lebens­stu­fen spon­ta­ne Ver­hal­tens­wei­sen, die vom Lebe­we­sen initi­iert, und deren Resul­tat in der Umwelt von ihm bewer­tet wer­den kön­nen.“ (Fuchs 2008, 113)

Auch Fuchs bezieht sich grund­le­gend auf die Bio­se­mio­tik von Uex­külls 1928. Etwa der Auf­bau von Gedächt­nis ist ein phy­sio­lo­gi­scher Vor­gang, der dann Bedeu­tun­gen von erleb­ten Ereig­nis­sen gene­rie­ren kann Wie für Hoff­mey­er ist für Fuchs die Maschi­nen­me­ta­pher in der Bio­lo­gie gänz­lich fehl am Plat­ze. Hoff­mey­er geht aber ins­ge­samt wei­ter als Fuchs und ver­sucht, den Men­schen von der Ein­zel­zel­le zum Orga­nis­mus als Kon­ti­nu­um zu ver­ste­hen, wel­ches durch Zei­chen­aus­tausch und Kom­mu­ni­ka­ti­on kon­sti­tu­iert sei. Die­ser baut sich schwar­mähn­lich und kei­nes­wegs unchao­tisch von unten nach oben auf. Mit­hin wird der onto­ge­ne­ti­sche Pro­zess des Orga­nis­mus kei­nes­wegs durch das Genom deter­mi­niert.

Die Fra­ge des Genoms wird schon gut 50 Jah­re semio­tisch behan­delt – und Hoff­mey­er zieht an sich nur die Kon­se­quen­zen. Beein­dru­ckend ist sei­ne Peirce­in­ter­pre­ta­ti­on in Hoff­mey­er 2005, die teil­wei­se auch phi­lo­so­phisch ihres­glei­chen sucht. Ins­be­son­de­re die Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin hät­te nach mei­nem Ein­druck gro­ßen Anlass ihre Annah­men auf die­ser Grund­la­ge wei­ter zu ent­wi­ckeln. Mög­li­cher­wei­se erhält sie dadurch lang­fris­tig eine höhe­re wis­sen­schaft­li­che Aner­ken­nung.

Die Semio­tik ist bis­her die ein­zi­ge Dis­zi­plin, wel­che die ver­schie­de­nen Sphä­ren, in denen sich Men­schen und ande­re Lebe­we­sen bewe­gen, über­grei­fend beschrei­ben kann. Sie kann auch Schein­de­bat­ten beschrei­ben, wie: Muss man „Bot­schaft“ oder „Infor­ma­ti­on“ sagen? Je nach Kon­text wird „Bot­schaft“ und „Infor­ma­ti­on“ mit ver­schie­de­nen Sinn­ge­hal­ten oder Regeln ver­wen­det. Natür­lich könn­te man ande­ren vor­schrei­ben: Du darfst nur „Bot­schaft“ sagen! Das ist aber von einer zen­tra­len Domi­nanz abhän­gig. Peirce hat das selbst ver­sucht, durch­zu­set­zen, ist damit aber trotz eini­ger Bemü­hun­gen nicht rezi­piert wor­den. Inso­fern sind wir lei­der auch bei wis­sen­schaft­lich anspruchs­vol­len und phi­lo­so­phi­schen Tex­ten auf unse­re von Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz gepräg­te Inter­pre­ta­ti­ons­kom­pe­tenz ange­wie­sen. Die Welt ist nicht ein­för­mig, son­dern plu­ral und dyna­misch. Daher benö­ti­gen wir Krea­ti­vi­tät, um die ver­schie­de­nen semio­ti­schen Regeln bzw. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­geln zu erfas­sen. Zu der ent­spre­chen­den Geduld möch­te ich sie ein wenig ermu­ti­gen.

Hoff­mey­er zeigt, dass in der Erwach­se­nen­bil­dung auch die Unend­lich­keits­as­pek­te der Bil­dung im aller­mo­derns­ten Kon­text nicht aus­ge­blen­det wer­den müs­sen. Wir müs­sen hier nur das Grund­prin­zip ver­ste­hen, jede/r soll­te nach Inter­es­se hier wei­ter­ma­chen und tie­fer gra­ben.—

21. November 2009

Molekularbiologie und Genetik aus semiotischer Sicht — Jesper Hoffmeyer

Jesper Hoffmeyer ist ein dänischer Biosemiotiker, lehrt an der Universität Kopenhagen und hat neben größeren Werken zu diesem Thema (vor allem Hoffmeyer 2005 als großartige Zusammenfassung und Präzisierung) auch den entsprechenden Artikel Hoffmeyer 2008 in Thure von Uexküll 2008 geschrieben. 

Jesper Hoffmeyer *1949

In der Biosemiotik folgt er meistens Jakob von Uexküll 1928. Daneben gibt es aber auch klassische Studien von Roman Jakobson und Thomas A. Sebeok aus den 1970er Jahren, vor allem aber auch eine Peirce-Rezeptionsschiene, die sich bei Thure von Uexküll 2008 auch in der Grundlegung der Psychosomatischen Medizin findet. Dort finden Sie auch weitere, reiche Literaturangaben.

Grundlegend ist die Interpretation der Vererbung als semiotisches Phänomen:

„Da lebende Systeme sterblich sind, muss ihr Überleben eher durch semiotische als durch physikalische Mittel sichergestellt werden. Vererbung ist semiotisches Überleben, d. h. Überleben durch eine Botschaft, die im Genom einer winzigen Zelle enthalten ist, dem befruchteten Ei sich geschlechtlich reproduzierender Spezies.“ (Hoffmeyer 2008, 97; H. v. M. P.) (more…)

10. Oktober 2009

II – Vhs Neckargemünd">Gene und Evolution II – Vhs Neckargemünd

Die Gen­de­bat­te gäbe es nicht, wenn es kei­ne Wis­sen­schaf­ten gäbe. Nun betrifft die­se Debat­te aber min­des­tens zwei phi­lo­so­phi­sche Grund­fra­gen, jeden­falls wenn Phi­lo­so­phie sich als Lie­be zur Weis­heit ver­steht, wor­in ja der grie­chi­sche Wort­sinn von Phi­lo­so­phie (φιλοσοφία [phi­lo­so­phia]) besteht. Die Lie­be zur Weis­heit fragt in die­sem Kon­text min­des­tens:

  • Was ist der Mensch? – Spe­zi­fi­scher: Wer bin ich selbst? Wer sind wir selbst?
  • Wie ist alles zu ver­ste­hen?
  • Wie wol­len wir leben?

Daw­kins gibt uns dar­auf die Ant­wort: Wir sind auf­grund unse­rer Gene „Chi­ca­go­er Gangs­ter“, die sich aber viel­leicht altru­is­tisch beleh­ren las­sen, dass sie ihre ego­is­ti­schen Zie­le nur mit die­ser altru­is­ti­schen Mas­kie­rung errei­chen kön­nen. Das sind ziem­lich deut­li­che Ant­wor­ten auf die Fra­gen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wol­len wir leben?“

Matu­rana sieht das ganz anders. Aber auch sei­ne Ant­wor­ten sind von den Fra­gen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wol­len wir leben?“ bestimmt. Das bio­ti­sche Sein des Men­schen vor dem Hin­ter­grund des grund­le­gen­den Gen­ma­te­ri­als ist durch Lie­be bestimmt. Dage­gen kann man sich weh­ren, ins­be­son­de­re die sprach­li­che Anfer­ti­gung von Beschrei­bun­gen kann uns dazu brin­gen, ande­re aus­zu­gren­zen und die ande­ren Men­schen nicht alle­samt als gleich­wer­tig anzu­se­hen.

Wie die fol­gen­de Abbil­dung 3 zu zei­gen ver­sucht, gibt es sehr vie­le ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten Phi­lo­so­phie zu betrei­ben, sich auf ver­schie­de­ne Wis­sen­schafts­ty­pen zu bezie­hen, auch auf den All­tag. (more…)