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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


29. Juli 2015

Der Offenbarungseid der Deutschen Bahn

Die Deut­sche Bahn gibt nun zu, dass die Poli­tik der letz­ten Jah­re bei den Kun­den nicht ange­kom­men ist. War­um konn­te mit ihren Beschäf­tig­ten kei­ne Eini­gung erzielt wer­den? Wes­halb haben auch öko­lo­gisch ori­en­tier­te Kun­den wie ich gele­gent­lich auf Fern­bus­se zurück­ge­grif­fen? Weil die Bahn nur noch spo­ra­disch ihre Leis­tung erbringt. Da ich oft von Hei­del­berg nach Darm­stadt fah­re, bin ich schon genervt auf den Nah­ver­kehr umge­stie­gen, weil da häu­fi­ger ein eini­ger­ma­ßen erträg­li­ches Ergeb­nis erzielt wird. Aber nur häu­fi­ger. Man muss lei­der damit rech­nen, dass eine Loko­mo­ti­ve kurz vor Darm­stadt aus­fällt – und dann die Bot­schaft durch den Zug hallt, das Ersatz­fahr­zeug sei geor­dert, wann es ankä­me, sei unbe­stimmt. Logis­tik­pro­ble­me, die sich unter Gru­be nicht ver­bes­sert haben.

Falls die Fern­bus­li­nie diens­tags und sonn­tags bes­ser wird, fah­re ich dann damit. Der CO2-Nach­teil besteht dann zwar immer noch, aber das neh­me ich hin.

Mit dem wahr­heits­lie­ben­den Pofal­la wird nun alles bes­ser …

11. Mai 2012

Alles Leben lebt von anderem Leben (EfG Griesheim)

1 Ich bin der wah­re Wein­stock und mein Vater ist der Wein­gärt­ner.

2 Eine jede Rebe an mir, die kei­ne Frucht bringt, wird er weg­neh­men; und eine jede, die Frucht bringt, wird er rei­ni­gen, dass sie mehr Frucht brin­ge. (more…)

25. April 2012

Hans Jonas, Prinzip Verantwortung (VHs Neckargemünd)

Für nach­denk­li­che­re Men­schen waren die 1970er Jah­re nicht nur die Jah­re, in denen die Leis­tungs­fä­hig­keit der Sozia­len Markt­wirt­schaft deut­lich wur­de, weil die deut­sche Arbei­ter­schaft durch die sozi­al­li­be­ra­le Koali­ti­on in die Bun­des­re­pu­blik inte­griert wur­de. Durch die Ölpreis­kri­se 1973 sowie durch den ers­ten Bericht des „Club of Rome“ 1972 wur­de deut­lich, dass dies mög­li­cher­wei­se auf Sand gebaut war – die Kon­flik­te seit Ende der 1970er Jah­re waren sehr hef­tig. (more…)

25. Januar 2012

Hungerkrise und ökologische Ernährung

Stellt öko­lo­gi­sche Ernäh­rung einen Luxus dar, den sich in unse­rer Gesell­schaft nur eini­ge Gut­men­schen leis­ten kön­nen – oder bie­tet die­se einen halt­ba­ren Aus­weg aus der Kri­se, dass zur­zeit eine Mil­li­ar­de Men­schen hun­gern? Der Vor­trag in La casa ver­de am 10.02., ab 20 Uhr, in einem schö­nen Ambi­en­te mit guten Spei­sen und Wei­nen, han­delt von einem erns­ten The­ma der indi­vi­du­el­len Lebens­füh­rung, wel­che ethisch selbst­be­stimmt sein will.

14. Dezember 2011

Die Religionsphilosophie Peirce‘

 

Wir haben uns in der letz­ten Sit­zung mit den Pro­ble­men der Wahr­neh­mung aus phä­no­me­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve, aber auch ent­spre­chen­den Leis­tun­gen des Zei­chen­be­griffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meiss­ner dan­kens­wer­ter­wei­se auf Kants merk­wür­di­ge Annah­me hin­wies, man wer­de vom „Ding an sich“ affi­ziert.

In der Aus­ein­an­der­set­zung mit Mer­leau-Pon­ty und Fuchs wur­de erör­tert, inwie­fern Wahr­neh­mung auch Kom­mu­ni­ka­ti­on oder Aus­tausch sei, was von Peirce und die­ser grenz­wer­ti­gen Auf­fas­sung Kants tat­säch­lich unter­stellt wird. In der Spra­che von Peirce ist also zu sagen, das (dyna­mi­sche) Objekt bil­de mit dem Zei­chen eine der­ar­ti­ge Bezie­hung, dass es den Inter­pre­t­an­ten bestim­me, in der­sel­ben tria­di­schen Rela­ti­on zu ste­hen, in der es selbst ste­he. M. E. ist hier nur frag­lich, ob man the same wie Pape mit „der­sel­ben“ oder „der glei­chen“ über­set­zen soll­te, wohl das Letz­te­re … Wor­auf es ankommt, ist der Sach­ver­halt, dass Peirce die­se Affi­zie­rung des Inter­pre­ten über die tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on ein­deu­tig gedacht hat.

Wir haben ver­sucht, uns aus­führ­li­cher mit dem Gedan­ken der „Zwi­schen­leib­lich­keit“ aus­ein­an­der­zu­set­zen, was z. T. humo­rig ablief. Hier ist m. E. noch ein beacht­li­ches Poten­zi­al, das vor allem von der Phä­no­me­no­lo­gie ent­wi­ckelt wird.

Der Kurs schließt mit einer Besin­nung zur Reli­gi­ons­phi­lo­s­phie Peirce’. Vie­le Tex­te fin­den sich in der Über­set­zung Her­mann Deu­sers „Reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­schen Schrif­ten“ ([RPh] 1995). Hin­zu­tre­ten muss noch der Auf­satz „Evo­lu­tio­nä­re Lie­be“ aus „Natur­ord­nung und Zei­chen­pro­zess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu den­je­ni­gen ori­gi­nel­len Den­kern, die sich nicht vom Posi­ti­vis­mus abschre­cken lie­ßen, obgleich er die wis­sen­schaft­li­che Leis­tung der Posi­ti­vis­ten aus­drück­lich aner­kann­te. Aber er for­mu­lier­te eine wit­zi­ge Pole­mik über deren Lebens­auf­fas­sung:

Das Leben auf dem Glo­bus ist eine gänz­lich zufäl­li­ge Enwick­lungs­pha­se, die, soweit wir wis­sen, kei­nem dau­er­haf­ten Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nut­zen, außer dass sie hin und wie­der ein ange­neh­mes Ner­ven­kit­zeln bei die­sem oder jenem Wan­de­rer auf die­ser ermü­den­den und zweck­lo­sen Rei­se her­vor­ruft – einer Rei­se, die in einer Tret­müh­le nir­gend­wo beginnt und nir­gend­wo endet und deren Maschi­ne­rie ganz und gar nichts her­vor­bringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gele­gent­li­chen Freu­den, und die sind trü­ge­risch und wer­den bald voll­stän­dig ver­schwin­den.“ (RPh 61f [1867/68]) (more…)

8. Dezember 2011

Pragmatismus und Phänomenologie

Wir haben noch ein­mal in einer sehr inten­si­ven Dis­kus­si­on das Rela­tio­nen­pro­blem und die damit ver­bun­de­nen Kri­ti­ken und teil­wei­se gro­ßen Hoff­nun­gen the­ma­ti­siert, durch­aus anre­gend kon­tro­vers. Von die­ser Stim­mung war auch die Debat­te zu „Wahr­neh­mung“ und „Erfah­rung“ geprägt. Herr Deth­lef­sen ver­miss­te an mei­nen Vor­schlä­gen das Moment der Krea­ti­vi­tät bei der Erfah­rung, ich stel­le in den Vor­der­grund, dass etwas auch als Neu­es für eine bestimm­te Men­schen­grup­pe nur erfah­ren wer­den kann, wenn es mit eige­nen Erfah­run­gen oder Erfah­run­gen ande­rer vor dem Hin­ter­grund geteil­ter Zei­chen­sys­te­me ver­gli­chen wer­den kann. Daher exis­tiert das Pro­blem des Neo­lo­gis­mus, also der Bezeich­nung von etwas, das bis­her im Sprach­sys­tem oder in bild­li­chen Dar­stel­lungs­wei­sen noch kei­ne Reprä­sen­ta­ti­on gefun­den hat. Die­ses Pro­blem wur­de sehr sach­ge­recht erör­tert, wobei deut­lich wur­de, dass die Induk­ti­on, die stets in der Zukunft neu bewährt wer­den muss, der domi­nan­te Schluss­cha­rak­ter der Erfah­rung ist.

Peirce rech­net sys­te­ma­tisch damit, dass auch Wahr­neh­mung ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess ist. Mit­hin ist er kein infal­li­bler Aus­gangs­punkt, was beson­ders Bert­rand Rus­sell irri­tier­te. Wahr­neh­mung impli­ziert mit­hin also Inter­pre­ta­ti­on – sie ist kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt, weil jedes Zei­chen schon Inter­pre­tant sein soll usf.

Das Ende des 19. Jahr­hun­derts sah den anschei­nen­den Erfolg der Wis­sen­schaf­ten, aber eine Min­der­heit sah, dass die­ser Erfolg, der indus­tri­el­le Kon­se­quen­zen hat­te, offen­sicht­lich fata­le Rück­kopp­lungs­pro­zes­se haben könn­te, so u. a. der Bio­lo­ge Rus­sell Wal­lace. Wir haben in die­sem Kurs die Reak­ti­on Peirce’ auf die­se Kri­sen­ein­sich­ten in der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ aus­führ­lich bespro­chen. Die Mehr­heit hoff­te ent­we­der auf eine Huma­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus oder wand­te sich sozia­lis­ti­schen Theo­ri­en zu, um den Kapi­ta­lis­mus abs­zu­schaf­fen. In bei­den Bewe­gun­gen war aber der Glau­be an die Kom­pe­tenz der Wis­sen­schaf­ten, die sich in wirt­schaft­li­chem Fort­schritt nie­der­schla­ge. Das ist der Hin­ter­grund dafür, dass es eher wis­sen­schafts­zen­trier­te und stär­ker all­tags- oder lebens­welt­ori­en­tier­te Phi­lo­so­phi­en gab. Zu Grund­in­for­ma­tio­nen zur Phä­no­me­no­lo­gie in der Fol­ge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls.  Der Lebens­welt-Begriff ist übri­gens erst in der Spät­phi­lo­so­phie Husserls in die­ser Zuspit­zung ent­wi­ckelt wor­den. Dort wird eine Art unmit­tel­ba­rer Zugang zur Wirk­lich­keit pos­tu­liert, der durch die Wis­sen­schaf­ten ver­stellt wer­de. Zu den „Sachen selbst“ kom­me man im lebens­welt­li­chen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten, indem man sie „sein las­se“, wie Hei­deg­ger for­mu­lier­te, des­sen pra­xis­phi­lo­so­phi­schen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in sei­ner Schrift über „Die Kri­sis der euro­päi­schen Wis­sen­schaf­ten“ stär­ker intel­lek­tua­lis­tisch refor­mu­lier­te. Die Lebens­welt und deren prak­ti­scher Umgang mit den Sach­ver­hal­ten wer­de „mathe­ma­ti­siert“ und damit ver­stellt bzw. ent­stellt. Hei­deg­ger sieht seit Mit­te der 1930er Jah­re vor allem den tech­ni­schen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten hin­ter dem „Begrei­fen“ durch die Wis­sen­schaf­ten. Es ist schon lan­ge gese­hen wor­den, dass der pra­xis­phi­lo­so­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers in „Sein und Zeit“ zumin­dest Par­al­le­len zum klas­si­schen Prag­ma­tis­mus auf­weist. Das gilt im All­ge­mei­nen für die Phä­no­me­no­lo­gie ins­ge­samt, da die­se wie Peirce u. a. das angeb­li­che Sub­jekt-Objekt-Pro­blem als irrig ansieht, der pra­xis­phi­lo­s­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers zeigt dies, wie dies auch bewusstseins­phi­lo­so­phisch bei Husserl und Sart­re zu zei­gen ver­sucht wur­de. Der und das Ande­re sind im Bewusst­sein schon „inten­tio­nal“ mit­ge­setzt, man muss also hier kei­nen Sprung voll­zie­hen.

Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Sub­jek­ti­vi­tät und Per­so­na­li­tät wohl am ehes­ten gelun­gen, weil Per­so­nen als die­je­ni­ge Enti­tät ver­stan­den wird, die sich zu sich selbst und zu ande­rem ver­hält, wobei sie stets Stel­lung zu sich nimmt – und dar­über ent­schei­det, ob sie wei­ter­le­ben will. Hier wird kei­ne sub­stan­zon­to­lo­gi­sche Phi­lo­so­phie des Sub­jekts ver­tre­ten, was in den tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­schen Ver­su­chen Husserls wohl eher der Fall sein dürf­te, also die Bewusstseins­pro­zes­se fin­den am oder im tran­szen­den­ta­len Sub­jekt statt – dies kann mit den prag­ma­tis­ti­schen Über­le­gun­gen nicht mit­hal­ten, die den Pro­zess der Sub­jek­ti­vi­tät zu erfas­sen suchen. Wobei Hei­deg­gers Ansatz ganz gewiss so nicht zu ver­ste­hen ist …

Das ist dann exis­ten­zia­lis­tisch wei­ter­ent­wi­ckelt wor­den. Eine inter­es­san­te Ent­wick­lung inner­halb der Phä­no­me­no­lo­gie stellt die Wahr­neh­mungs­phi­lo­so­phie Mau­rice Mer­leau-Pon­tys dar. Sie wird stark von Tho­mas Fuchs auf­ge­nom­men – und hat nicht zuletzt im the­ra­peu­ti­schen, auch medi­zi­ni­schen Bereich star­ke Reso­nanz gefun­den, wobei er betont, dass Wesent­li­ches an der Wahr­neh­mung mit­tels des Sub­jekt-Objekt-Sche­mas nicht erklärt wer­den kön­ne. D. h., er unter­stellt ähn­lich wie Peirce, dass Wahr­neh­mung kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt ist, son­dern ein Bezie­hungs­ge­sche­hen, was Peirce detail­liert und nicht ganz ein­fach nach­zu­wei­sen sucht. The­ra­peu­tisch ist vor allem Mer­leau-Pon­tys Kon­zept der Zwi­schen­leib­lich­keit wich­tig, als ein inter­per­so­na­les Medi­um, das Per­so­nen ver­bin­det. Hier liegt eine Par­al­le­le zu den Inter­ak­ti­ons­theo­ri­en der Prag­ma­tis­ten vor, aber Mer­leau-Pon­ty ist hier ori­gi­nell dar­in, dass eine Sphä­re der sinn­lich ver­mit­tel­ten Leib­lich­keit besteht, die einen Aus­tausch zulässt. Fuchs hat vor die­sem Hin­ter­grund das Ent­ste­hen von Selbst­be­wusst­sein bei etwa acht Mona­te alten Kin­dern erklärt. Die­ser Gedan­ke ist Peirce nicht fremd, schon die frü­he Phi­lo­so­phie for­mu­liert durch­aus Ver­gleich­ba­res – aber er kommt nach mei­nem Urteil zu nichts Kon­kre­tem. M. E. bie­ten sich in der Leib­lich­keits­auf­fas­sung und der Wahr­neh­mungs­phi­lo­s­phie noch Chan­cen wech­sel­seit­ge­en Ler­nens.

26. November 2011

Wahrnehmung und Erfahrung (Vhs Neckargemünd)

Die Teilnehmer/innen waren uneins dar­über, ob den Erwä­gun­gen Peirce’ zu den kate­go­ria­len Umbe­set­zun­gen hin zur fun­da­men­ta­len Funk­ti­on der Rela­ti­on eine Bedeu­tung zukä­me. Peirce folgt Aris­to­te­les, Hum­boldt und Schlei­er­ma­cher in der Ein­schät­zung, dass die Phi­lo­so­phie sprach­ab­hän­gig ist. Mit Schlei­er­ma­cher und stär­ker als die­ser betont er aber die Bedeu­tung aller Zei­chen­for­men, um Kate­go­ri­en aus­bil­den zu kön­nen. Dies ist eine Kon­se­quenz aus der Annah­me, alle Men­schen phi­lo­so­phier­ten. Peirce ist ent­spre­chend der Nach­weis gelun­gen, dass die ele­men­ta­ren Zei­chen­sys­te­me die Bezeich­nung der Rela­ti­on der­art unter­stel­len, dass alle ande­ren kate­go­ria­len Bestim­mun­gen von ihr abhän­gen. Etwa Hei­deg­ger und Brod­beck, Die Herr­schaft des Gel­des, hier im Blog z. B. http://alltagundphilosophie.com/2010/12/09/zinsen/ u. ö. ahnen, dass das moder­ne Dilem­ma sich durch eine der­ar­ti­ge Umbe­set­zung, die pra­xis­lei­tend wird, ändern könn­te, bei Brod­beck mit expli­zi­ter Nen­nung des Rela­ti­ons­pro­blems. Wie Görnitz/Görnitz, Die Evo­lu­ti­on des Geis­ti­gen, 2007, zei­gen, ist auch die Quan­ten­phy­sik als wesent­li­che Theo­rie des­sen, was die Bestand­tei­le und Pro­zes­se der Rea­li­tät sein könn­ten, hier­zu auf dem Wege. Für den Beob­ach­ter inter­es­sant näher­te sich der Kurs den­noch in sei­nen Erör­te­run­gen fast unmerk­lich der im All­tag und in der oft unzu­rei­chend ver­stan­de­nen bzw. reflek­tier­ten Umgangs­spra­che impli­zie­ren Unend­lich­keits­pro­ble­ma­tik, der Selbst­re­fe­renz­pro­ble­ma­tik vor allem des Inter­pre­t­an­ten, ent­spre­chen­der Auf­ga­be fal­scher Sicher­hei­ten und dem­je­ni­gen, was Schlei­er­ma­cher freund­lich als „Über­ei­lung“, Peirce als nicht „selbst­kon­trol­lier­tes Den­ken“ bezeich­ne­te, heu­te vor allem durch finan­zi­ell erzeug­te Zeit­not angeb­lich unver­meid­bar … Ob das nicht zu ändern ist, blieb nach Wahr­neh­mung des Dozen­ten eher unent­schie­den. Es ist auch nach mei­ner Über­zeu­gung so, dass die Kri­sen zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts jeden­falls auch auf einen ent­spre­chen­den Man­gel an „selbst­kon­trol­lier­tem Den­ken“ zurück­ge­hen, der zur all­täg­li­chen Gewohn­heit gewor­den ist, vgl. http://alltagundphilosophie.com/2011/11/03/die-semiotik-charles-peirce%E2%80%99-vhs-neckargemund/.

Das heu­ti­ge The­ma der (sinn­li­chen) Wahr­neh­mung und ihrer Ver­ar­bei­tung in der Erfah­rung ist seit gut 100 Jah­ren erforscht und umstrit­ten, natür­lich auch unter Betei­li­gung der semio­ti­schen Phi­lo­so­phie von Peirce, der bei­des als auf­ein­an­der auf­bau­en­de Zei­chen­pro­zes­se ana­ly­siert hat, wobei er Wert dar­auf legt, dass es sich um „geis­ti­ge“, „selbst­kon­trol­lier­te“ und „selbst­kri­ti­sche“ Leis­tun­gen des ein­zel­nen Men­schen han­delt, die per­spek­ti­visch ist – und daher auf Aus­tausch mit ande­ren Men­schen ange­wie­sen ist. Auch Tie­re haben bei Peirce – ähn­lich wie bei von Uex­küll – zumin­dest ele­men­tar Teil an sol­chen selbst­kri­ti­schen Fähig­kei­ten.

 

Wahr­neh­mung:    Ich/Wir neh­men etwas als etwas wahr.

Erfah­rung:           Ich/Wir erfahre/n etwas Wahr­ge­nom­me­nes als etwas Bekann­tes.

 

Krea­ti­ve Pro­zes­se sind dann nötig, wenn etwas zum ers­ten Mal wahr­ge­nom­men wird, aber auch erfah­ren wird. Hier sind For­men der sozia­len Gemein­schaft hilf­reich, kön­nen aber auch stö­rend sein, wenn rela­tiv zu einer sozia­len Gemein­schaft ein ein­zel­ner Mensch etwas neu sieht, hört, riecht, tas­tet, schmeckt oder emp­fin­det. Peirce zufol­ge wird dabei stets ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess gestar­tet, der sicher­stellt, dass immer auch ein sinn­lich erfass­tes Etwas als etwas inter­pre­tiert wird. Sol­che sinn­li­che Wahr­neh­mung kann ten­den­zi­ell das wahr­ge­nom­me­ne Etwas ver­ein­zeln. Der Erfah­rungs­pro­zess bezieht es auf die Erfah­rungs­tra­di­ti­on und bestimmt es in sei­nem Bezie­hungs­as­pekt zu allem Ande­ren. Die Pro­zes­se der sinn­li­chen Wahr­neh­mung wer­den teil­wei­se von den empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten wie Neu­ro­lo­gie und Psy­cho­lo­gie erforscht, gehalt­voll und inte­gra­tiv wird das aber erst dann, wenn man den gesam­ten Zusam­men­hang beschrei­ben kann. Nach Peirce ist das dann der Fall, sofern man die ein­zel­nen Aspek­te des Pro­zes­ses als Zei­chen­pro­zess ana­ly­sie­ren kann.

Die all­ge­mei­nen Pro­ble­me, die auch nicht sel­ten in unse­rem Kurs the­ma­ti­siert wer­den, fas­se ich fol­gen­der­ma­ßen zusam­men:

Seit die empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten im Abend­land und dann auch in Nord­ame­ri­ka star­ke Erkennt­nis­fort­schrit­te gemacht haben, tritt ein Pro­blem auf, das sich ins­be­son­de­re seit der Ver­wen­dung des Tele­skops in der Astro­no­mie gel­tend gemacht hat: Unse­re sinn­li­che Wahr­neh­mung scheint uns über die Rea­li­tät zu täu­schen, die Son­ne geht am Mor­gen nicht auf, weder die Erde noch die Son­ne sind auch nur im Ent­fern­tes­ten im Zen­trum des Welt­alls. Und eben­so schei­nen uns unse­re Selbst­be­ob­ach­tun­gen, unse­re All­tags­wahr­neh­mung und All­tags­er­fah­rung im Blick auf unse­re Selbst­ein­schät­zung zu täu­schen. Wir erle­ben uns selbst zumin­dest gele­gent­lich als selbst­be­stimmt han­deln­de Per­so­nen, doch das ist eine Illu­si­on – wie seit der Auf­klä­rung man­che Wissenschaftler/innen behaup­ten. Das ist nur eine Sei­te der Auf­klä­rung, aber sie ist nicht ganz uner­heb­lich. Die Wis­sen­schafts­sei­te ist hier­bei im Übri­gen kei­nes­wegs ein­deu­tig. In der Zeit von etwa 1700 bis 1900 herrsch­te durch die Domi­nanz der klas­si­schen Phy­sik auch im natur­wis­sen­schaft­li­chen Den­ken ein stren­ger Deter­mi­nis­mus vor. Die­ser wur­de aber von­sei­ten der Bio­lo­gie durch Charles Dar­win durch­bro­chen, weil ihm zufol­ge das Zufalls­mo­ment bei der Ent­ste­hung der Arten mit­wirk­te. Ent­schei­dend wur­den die Natur­wis­sen­schaf­ten dann durch die Quan­ten­phy­sik ver­än­dert, die kei­ne ein­deu­tig deter­mi­nis­ti­schen Beschrei­bun­gen mehr zulässt.[1] Die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten haben in der Regel kei­nen Anlass gehabt, stren­ge deter­mi­nis­ti­sche Unter­stel­lun­gen in den Vor­der­grund zu stel­len. Häu­fig ist hier die Unter­stel­lung der Frei­heit zu Hau­se.[2]

Ich wer­de zunächst aus einer phi­lo­so­phi­schen Per­spek­ti­ve kurz die Grund­ty­pen der mög­li­chen Erfas­sung des Ver­hält­nis­ses von All­tags­er­fah­rung und Selbst­er­fah­rung auf der einen Sei­te, von wis­sen­schaft­li­chen Theo­ri­en auf der ande­ren Sei­te beleuch­ten.

Die Phi­lo­so­phie in unse­rer Welt­ge­gend und in Nord­ame­ri­ka hat ange­sichts die­ses immer wie­der­keh­ren­den Pro­blems im Wesent­li­chen vier Typen des Umgangs damit ent­wi­ckelt, die in sehr vie­len Spiel­ar­ten auf­tre­ten (vgl. Gra­fik 4 des Kur­ses):

 

Grafik 4 des Kurses

Gra­fik 4 des Kur­ses

An den Extre­men ste­hen die Posi­tio­nen, die eines der bei­den Ele­men­te des Pro­blems „All­tags­er­fah­rung“ und „Wis­sen­schaft“ zuun­guns­ten des ande­ren eli­mi­nie­ren wol­len. Man kann ver­tre­ten, nur die All­tags­er­fah­rung im Unter­schied zur Wis­sen­schaft gibt uns einen siche­ren Ein­blick in die Rea­li­tät – und umge­kehrt. Ent­spre­chend gibt es Phi­lo­so­phi­en, die sich fak­tisch mit den Fra­ge­stel­lun­gen der Wis­sen­schaf­ten, ins­be­son­de­re der Natur­wis­sen­schaf­ten iden­ti­fi­zie­ren – und die­se logisch-theo­re­tisch reflek­tie­ren. Dies ist der Wis­sen­schafts­ty­pus der Phi­lo­so­phie, wie er in eini­gen Posi­tio­nen der Ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie, in der posi­ti­vis­ti­schen und neo­po­si­ti­vis­ti­schen Phi­lo­so­phie auf­tritt.[3] Auch die frü­he Phi­lo­so­phie Lud­wig Witt­gen­steins gehört ten­den­zi­ell dazu. Scharf gegen­über ste­hen die­ser Posi­ti­on die ver­schie­de­nen Spiel­ar­ten der phä­no­me­no­lo­gi­schen bzw. her­me­neu­ti­schen Phi­lo­so­phie, die der All­tags­er­fah­rung eine eige­ne Wür­de zuge­ste­hen. Das ist der All­tags­ty­pus der Phi­lo­so­phie. Auch die Spät­phi­lo­so­phie Lud­wig Witt­gen­steins ten­diert in die­se Rich­tung – mit einer durch­aus beacht­li­chen Kri­tik an For­men des Wis­sen­schafts­im­pe­ria­lis­mus. Das kann soweit füh­ren, dass die Wis­sen­schaf­ten aus die­ser Per­spek­ti­ve in ihrer Pra­xis scharf kri­ti­siert wer­den, weil ihre Ergeb­nis­se die All­tags­er­fah­rung, über­haupt die Phä­no­me­ne ver­feh­len. Im Hin­ter­grund ste­hen hier nicht sel­ten wis­sen­schaft­li­che und phi­lo­so­phi­sche Rezep­tio­nen von Refle­xio­nen künst­le­risch-phi­lo­so­phi­scher Art – etwa von Johann Wolf­gang von Goe­the[4] und/oder von Ralph Wal­do Emer­son[5].

Am Ende des 19. Jahr­hun­derts gab es eine Rei­he von Phi­lo­so­phen, die bei­de Posi­tio­nen für zu extrem hiel­ten. Sie such­ten also Ver­mitt­lungs­po­si­tio­nen, in denen bei­de Aspek­te vor­kom­men. Dies ist zum einen die neu­kan­tia­ni­sche Phi­lo­so­phie, wel­che die Sitt­lich­keit und das Bewusst­sein aus dem Zugriff der empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten her­aus­hal­ten woll­te. Das Haupt­ar­gu­ment besteht dar­in, dass die Bewusst­seins­ebe­ne ele­men­ta­rer ange­sie­delt ist als die wis­sen­schaft­li­che Ebe­ne. Das Bewusst­sein und sei­ne tran­szen­den­ta­len Struk­tu­ren begrün­den die Wis­sen­schaf­ten über­haupt erst, weil ja Bewusst­sein zur Durch­füh­rung wis­sen­schaft­li­cher Tätig­kei­ten erfor­der­lich ist. Man kann also ein sitt­li­cher Mensch sein und trotz­dem ein rich­tig empi­risch vor­ge­hen­der Wis­sen­schaft­ler. Zum ande­ren ist dies aber vor allem die semio­ti­sche Phi­lo­so­phie von Charles Peirce, die mit den Phä­no­me­no­lo­gen über­zeugt ist, dass der All­tags­er­fah­rung eine gro­ße Wür­de zuzu­schrei­ben ist. In ihr sind alle all­ge­mei­nen Struk­tu­ren unse­rer Wirk­lich­keits­er­fah­rung ent­hal­ten. Gleich­wohl ist es nicht unmög­lich, dass wir uns in unse­rer All­tags­er­fah­rung täu­schen, auch in der Erfas­sung ihrer all­ge­mei­nen Struk­tu­ren. Denn alle all­ge­mei­nen Annah­men müs­sen sich immer wei­ter in der Erfah­rung – auch der Erfah­rung ande­rer – bewäh­ren. Und dazu gehö­ren auch die wis­sen­schaft­lich auf­be­rei­te­ten Erfah­run­gen. Dabei ist fest­zu­hal­ten, dass die bei­den Haupt­schluss­for­men in der All­tags­er­fah­rung und den Wis­sen­schaf­ten die Abduk­ti­on bzw. Hypo­the­se und die Induk­ti­on sind. Auch rela­tiv sta­bi­le Induk­tio­nen müs­sen in der Zukunft stets wei­ter in der Erfah­rung über­prüft wer­den. Peirce’ Phi­lo­so­phie wehrt daher sowohl dem Fun­da­men­ta­lis­mus der All­tags­er­fah­rung als auch dem­je­ni­gen der Wis­sen­schaf­ten, es kommt auf die kri­ti­sche Über­prü­fung in der Erfah­rung an. Gegen die Neu­kan­tia­ner kann ein­ge­wen­det wer­den, dass sich auch das Bewusst­sein aller Wahr­schein­lich­keit nach erst in der Evo­lu­ti­on der bio­ti­schen Arten ent­wi­ckelt hat, daher als Letzt­be­grün­dungs­mus­ter schwer­lich taug­lich ist.

 

 


[1] Vgl. die Ein­füh­rung durch T. Gör­nitz, Quan­ten sind anders. Die ver­bor­ge­ne Ein­heit der Welt, Heidelberg/Berlin 1999.

[2] Zu ent­ge­gen­ge­setz­ten Ten­den­zen in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, die mit ent­spre­chen­den Ver­lus­ten wis­sen­schaft­li­cher Genau­ig­keit und Pro­gno­se­fä­hig­keit ein­her­ge­hen, vgl. K.-H. Brod­beck, Die frag­wür­di­gen Grund­la­gen der Öko­no­mie. Eine phi­lo­so­phi­sche Kri­tik der moder­nen Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, Darm­stadt 22000. Ähn­li­ches tritt auch in man­chen Kon­zep­tio­nen der Sozio­lo­gie auf.

[3] Vgl. als Bei­spiel im Blick auf die aktu­el­le Dis­kus­si­on T. Met­zin­ger, Vor­wort, in: ders. (Hg.), Bewusst­sein. Bei­trä­ge aus der Gegen­warts­phi­lo­so­phie, Pader­born 52005: „In West­deutsch­land […] haben nach dem Zwei­ten Welt­krieg vie­le ver­schie­de­ne For­men des Phi­lo­so­phie­rens, bei denen die Stan­dards der begriff­li­chen Klar­heit und der ratio­na­len Argu­men­ta­ti­on nicht mehr im Mit­tel­punkt ste­hen, einen unge­ahn­ten Auf­schwung erlebt. Nach wie vor herrscht in wei­ten Tei­len der aka­de­mi­schen Phi­lo­so­phie ein Ress­in­te­ment gegen­über den empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten, das nicht sel­ten von einem gene­rel­len Des­in­ter­es­se an inter­dis­zi­pli­nä­ren Dia­lo­gen beglei­tet wird.“

[4] Vgl. Natur­wis­sen­schaft­li­che Schrif­ten, in: Goe­the Wer­ke (Jubi­lä­ums­aus­ga­be), Bd. 6, Darm­stadt 1998, 631ff.

[5] Vgl. ins­be­son­de­re Die Natur. Aus­ge­wähl­te Essays, Stutt­gart 2000.

26. Oktober 2011

TUD)">Psalm 8 (TUD)

Psalm 8 (TUD)

 

Vielleicht entstammt der Text dem vierten oder dritten Jahrhundert v. d. Z. Es handelt sich um ein poetisch entworfenes Lied (Refrainstruktur). Im Refrain wird das Herr-Sein Gottes im Blick auf die Erde betont. Der Mensch wird vor dem Hintergrund der Schöpfungswerke wahrgenommen, die nicht zuletzt aus der Abendhimmel-Perspektive dargestellt werden. Der Text steht sicher in Parallele zu großen Texten der abendländischen Geschichte wie der Antigone des Sophokles, wie Herr Hettler betonte.

Sein Profil erhält der Text durch den Hinweis im Lied, dass der Lobpreis Gottes als Machtmittel von Kindern und gesellschaftlich nicht sehr angesehenen Menschen gesungen werde. Dies wird als Machterweis gegen Gottes Widersacher gedeutet. Nach längerer Diskussion erschien es uns möglich, diesen irritierenden Textbestandteil so zu deuten, dass es Menschen geben könnte, die selbst als Herr der Welt auftreten möchten, der Mensch wäre dann nicht nur als Bild Gottes verstanden, sondern selbst als Gott.

Der Mensch wäre mithin als aktiver Bewahrer in der Schöpfung verstanden, der freilich für die Schöpfung gefährlich werden kann. Insofern näherten wir uns einem Teilthema des Seminars, der Grenzen zu den Tieren, wobei uns wichtig erschien, dass es Wildtiere gibt, mit denen der Mensch lebt und auch Gott interagiert.

So verstanden könnte der Text durchaus der ökologischen Krise standhalten – uns auch noch nach ihrem Eintreten ansprechen.

Innerhalb des Seminars verweist der Text auf paulinische Text, offenkundig natürlich auf Röm 8.

 

Psalm 8 (TUD)

 

Vielleicht entstammt der Text dem vierten oder dritten Jahrhundert v. d. Z. Es handelt sich um ein poetisch entworfenes Lied (Refrainstruktur). Im Refrain wird das Herr-Sein Gottes im Blick auf die Erde betont. Der Mensch wird vor dem Hintergrund der Schöpfungswerke wahrgenommen, die nicht zuletzt aus der Abendhimmel-Perspektive dargestellt werden. Der Text steht sicher in Parallele zu großen Texten der abendländischen Geschichte wie der Antigone des Sophokles, wie Herr Hettler betonte.

Sein Profil erhält der Text durch den Hinweis im Lied, dass der Lobpreis Gottes als Machtmittel von Kindern und gesellschaftlich nicht sehr angesehenen Menschen gesungen werde. Dies wird als Machterweis gegen Gottes Widersacher gedeutet. Nach längerer Diskussion erschien es uns möglich, diesen irritierenden Textbestandteil so zu deuten, dass es Menschen geben könnte, die selbst als Herr der Welt auftreten möchten, der Mensch wäre dann nicht nur als Bild Gottes verstanden, sondern selbst als Gott.

Der Mensch wäre mithin als aktiver Bewahrer in der Schöpfung verstanden, der freilich für die Schöpfung gefährlich werden kann. Insofern näherten wir uns einem Teilthema des Seminars, der Grenzen zu den Tieren, wobei uns wichtig erschien, dass es Wildtiere gibt, mit denen der Mensch lebt und auch Gott interagiert.

So verstanden könnte der Text durchaus der ökologischen Krise standhalten – uns auch noch nach ihrem Eintreten ansprechen.

Innerhalb des Seminars verweist der Text auf paulinische Text, offenkundig natürlich auf Röm 8.

20. Oktober 2011

Die „Pragmatische Maxime“ – eine kulturphilosophische Regel

Wir haben uns in der Sit­zung vom 17.10. um ein aus­rei­chen­des Ver­ständ­nis des all­ge­mei­nen und umfas­sen­den Phi­lo­so­phie­an­sat­zes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der meta­phy­si­schen Pro­ble­me bespro­chen, das Peirce tat­säch­lich behan­delt: die Got­tes­fra­ge, wobei Peirce vie­le all­ge­mei­ne Äuße­run­gen hin­zu­zieht, wel­che ihn anre­gen. Neben Tra­di­tio­nen von Juden­tum, Chris­ten­tum und Islam spie­len bei Peirce auch Neo­hin­du­ide­en eine nicht unbe­acht­li­che Rol­le. Dies war alles am Ende des 19. Jahr­hun­derts und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in den USA bekennt und wur­de kon­tro­vers dis­ku­tiert.[1] Phi­lo­so­phie ver­ar­bei­tet sol­che Tra­di­tio­nen und reflek­tiert sie kri­tisch dar­auf, ob sie Erfah­rungs­ge­hal­te sym­bo­li­sie­ren – oder ob man auf­grund sol­cher Bil­der Erfah­run­gen machen kann. Wel­ches The­ma man meta­phy­sisch durch all­ge­mei­ne Unter­stel­lun­gen angeht: Peirce hält nichts von geschmäck­le­ri­schen, viel­leicht schön­geis­ti­gen Theo­rie­de­bat­ten, weil Theo­ri­en selbst durch Pra­xis gewon­nen wur­den, prak­tisch über­prüft und ggf. dann ver­än­dert oder auch ver­wor­fen wer­den. Die prag­ma­tis­ti­sche Phi­lo­so­phie kon­zen­triert sich mit­hin auf den kul­tu­rel­len Kon­text der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, in dem klar wur­de, dass die sozia­le Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Wis­sen­schaf­ten soge­nann­tes „Wis­sen“ bereit­stellt, das es ermög­licht, prak­ti­sche Regeln zu ent­wer­fen, die sich the­ra­peu­tisch, päd­ago­gisch und öko­no­misch sehr gut bewähr­ten. Das sind ent­we­der Tech­ni­ken oder Kunst­leh­ren.

  • Um Tech­ni­ken han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, die das ange­streb­te Ziel stets errei­chen, also z. B. Glüh­bir­nen pro­du­zie­ren, die immer dann leuch­ten, sofern man auf einen Schal­ter drückt (Th. A. Edi­son).
  • Um Kunst­leh­ren han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, bei denen der Erfolg im Ein­zel­fall nicht sicher ist, die mit­hin stets vom Ein­zel­fall her ange­passt wer­den müs­sen (etwa Päd­ago­gik, Medi­zin).

Das ist kei­ne typisch „ame­ri­ka­ni­sche“ Ent­de­ckung. Aber im ame­ri­ka­ni­schen Prag­ma­tis­mus bra­chen sich – ver­mit­telt durch den „Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus (Emer­son, Tho­reau, Ful­ler u. a.) die Ide­en, die von den Frühromantiker/innen, Goe­the, Schlei­er­ma­cher und Hum­boldt stam­men, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kon­text der Demo­kra­tie ver­wie­sen, der für das Ver­ständ­nis der Wer­ke von Peirce, James und Dew­ey sehr aus­schlag­ge­bemd ist, der natür­lich in Deutsch­land in einem ernst­haf­ten Sinn erst nach 1968 exis­tier­te, im Kern erst in den 1970er Jah­ren bestim­mend wur­de. Denn die Mög­lich­kei­ten poli­ti­scher Frei­heit setz­ten die Ener­gi­en frei, wel­che ein Leben in Selbst­be­stim­mung schön machen kön­nen. Das for­mu­liert in der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung die Rede vom „pur­su­it of hap­pi­ness). Aber – so reflek­tiert die soge­nann­te „prag­ma­ti­sche Maxi­me“, wel­che prak­ti­sche Fol­gen bzw. Wir­kun­gen eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie haben kann, soll­te abge­schätzt wer­den.

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands!

(Charles Peirce, How to make our ide­as clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jah­ren (z. B. Ein­lei­tung zu „Phä­no­me­no­lo­gie und Logik der Zei­chen“) dar­auf ver­wie­sen, dass Grund­fra­gen des „Prin­zips Ver­ant­wor­tung“ (Hans Jonas, ein Hei­deg­ger­schü­ler) hier völ­lig klar for­mu­liert wer­den. Wenn also zu den abge­schätz­ten mög­li­chen Wir­kun­gen sol­che gehö­ren, die sitt­lich miss­bil­ligt wer­den müs­sen, erge­ben sich kon­flikt­rei­che ethi­sche Auf­ga­ben. Wie ist z. B. eine demo­kra­ti­sche Kon­trol­le der Wis­sen­schaf­ten mög­lich? Peirce setzt also dar­auf, dass neben der phi­lo­so­phi­schen Tätig­keit der Wissenschaftler/innen ein uni­ver­sa­ler Hori­zont in der Gesell­schaft ent­steht, der eben ver­ant­wort­lich dar­über ent­schei­det, wel­che tech­ni­schen und kunst­mä­ßi­gen Pro­jek­te durch­ge­führt wer­den – und wel­che bes­ser unter­las­sen wer­den soll­ten, weil ihre Wir­kun­gen die Mög­lich­keit der Frei­heit negie­ren.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof (EGH) hat in die­ser Woche in die­sem Sin­ne eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung zur Stamm­zel­len­for­schung getrof­fen, die den Wün­schen und gedank­li­chen Ambi­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft in Tei­len Euro­pas ent­spricht – ein Bei­spiel für die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung sol­cher demo­kra­ti­scher Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­se, die auch Peirce für not­wen­dig hielt. Natür­lich lässt sich öko­no­misch bes­ser mit (finan­zi­el­ler und tech­ni­scher) Indus­trie­un­ter­stüt­zung for­schen. Aber die hier­zu erfor­der­li­che Paten­tie­rung von bestimm­ten prak­tisch her­vor­ge­ru­fe­nen Zell­ver­än­de­run­gen wider­spricht ele­men­ta­ren Prin­zi­pi­en der Men­schen­rech­te. Um dies zu ver­ste­hen, muss man nur all­ge­mein gebil­det sein, wel­ches eine Vor­aus­set­zung von Demo­kra­tie im Sin­ne von Peirce und sei­nem Schü­ler Dew­ey ist.

  • Die in den Wis­sen­schaf­ten ent­wor­fe­nen Abduk­tio­nen (Hypo­the­sen)
  • wer­den mit­hin deduk­tiv auf Über­prü­fungs­kon­tex­te in der kunst­mä­ßig oder tech­nisch model­lier­ten Erfah­rung (etwa des Labors) bezo­gen,
  • wo sie auf ihre induk­ti­ve Taug­lich­keit in immer neu­en Erfah­run­gen über­prüft wer­den.

Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“ for­mu­liert die­sen durch und durch prak­ti­schen Zusam­men­hang. Und Hand­lun­gen gehö­ren ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den nega­ti­ven – und wie wir heu­te u. a. an der Kli­ma­ka­ta­stro­phe und Fuku­shi­ma sehen – fata­len Fol­gen des Erfolgs von Posi­ti­vis­mus und Neo­po­si­ti­vis­mus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ide­en klar gemacht wer­den, aus dem Bereich der Ethik in einen angeb­lich „neu­tra­len“ wis­sen­schaft­li­chen Bereich trans­for­miert haben, wo (was nicht so ger­ne zuge­ge­ben wird) letzt­lich kurz­fris­ti­ge öko­no­mi­sche Inter­es­sen den Aus­schlag geben, sie­he den sich immer noch brüs­ten­den Oli­ver Brüst­le (Uni­ver­si­tät Bonn).

Logisch-semio­tisch ver­hält es sich so: Das Ziel wäre eine The­ra­pie für Par­kin­son. Die Abduk­ti­on lau­tet: Die­ses Ziel kann durch gen­tech­no­lo­gi­sche Mani­pu­la­ti­on von Zel­len „über­zäh­li­ger Embryo­nen“ erreicht wer­den, weil sich hier­aus geeig­ne­te Prä­pa­ra­te gegen Par­kin­son gewin­nen las­sen. Deduk­tiv fin­det die­se Mani­pu­la­ti­on seit drei Jah­ren oder mehr statt. Eine Über­prü­fung, die induk­tiv den Erfolg eini­ger­ma­ßen sicher­stel­len könn­te, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Men­schen­rech­te die Kon­se­quen­zen gezo­gen. Embryo­nen dür­fen nicht als Mit­tel behan­delt wer­den. Sie tra­gen die rea­le Mög­lich­keit des Mensch­seins in sich. Im posi­ti­vis­ti­schen und neo­po­si­ti­vis­ti­schen Kon­text wer­den ent­spre­chen­de ele­men­ta­re ethi­sche Fra­gen bewusst aus­ge­klam­mert. Mit­hin sind die Ide­en sol­cher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufol­ge unklar.

  • War­um?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hät­te der Papst argu­men­tiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jah­ren dar­auf ver­wie­sen, dass die Phi­lo­so­phie durch eine der­ar­ti­ge logisch-semio­ti­sche Sub­ti­li­tät gesell­schaft­li­che Streit­fra­gen klä­ren hel­fen kann – und dadurch dazu bei­trägt, die geis­ti­ge „Umwelt­ver­schmut­zung“ zu mil­dern. Das ist eine schö­ne Auf­ga­be der Phi­lo­so­phie.


[1] Es ist unbe­strit­ten, dass es auch Cow­boys und Cow­girls gab. Sie waren kul­tu­rell aber weni­ger bedeu­tend, als das Gen­re „Wes­tern“ nahe­le­gen könn­te. Auch im Mitt­le­ren Wes­ten und an der Fron­tier wur­den phi­lo­so­phi­sche Fra­gen dis­ku­tiert, wie man sich an dem Begrün­der der Osteo­pa­thie Andrew Tay­lor Stil exem­pla­risch klar machen kann.

10. September 2011

Die Philosophie von Charles Peirce

Die Phi­lo­so­phie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktu­ell. Nach kon­ser­va­ti­ver Mei­nung hat sich die Bun­des­kanz­le­rin als „Prag­ma­tis­tin“ erwie­sen, weil sie ange­sichts der „tages­po­li­ti­schen Ereig­nis­se“ (FAZ) von Fuku­shi­ma ihre Hal­tung zur Kern­ener­gie geän­dert hat – was ent­spre­chen­de Kon­se­quen­zen hat­te. Dabei ist ein Begriff von „Prag­ma­tis­mus“ impli­ziert, der unter­stellt, man set­ze poli­tisch nur das­je­ni­ge durch, was sich ange­sichts von Wider­stän­den gegen­über der Bevöl­ke­rung ver­tre­ten las­se. Aber auch im Sin­ne von Peirce war das eine „prag­ma­tis­ti­sche“ Ent­schei­dung. Denn ange­sichts unab­weis­ba­rer Erfah­run­gen ließ sich fest­stel­len, dass die Betrei­bung der Kern­er­gie offen­sicht­lich töd­li­che Fol­gen haben kann, mit­hin mit den Men­schen­rech­ten unver­ein­bar ist. Folg­lich ist das Betrei­ben der Kern­er­gie in einem Land, das die Men­schen­rech­te ach­tet, nicht wei­ter mög­lich.

Nicht nur die­se Aktua­li­tät besteht, son­dern Peirce bie­tet eine brei­te The­men­pa­let­te, von der wir im Kurs an der VHS Neckar­ge­münd eini­ge The­men bespre­chen wol­len:

 

10.10. Wech­sel­sei­ti­ge Vor­stel­lung und Kurs­plan

17.10. Leben und Werk

24.10. Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“

31.10. Der Pri­mat der Ethik

07.11. Semio­tik I

14.11. Semio­tik II

21.11. Wahr­neh­mung und Erfah­rung

28.11. Prag­ma­tis­mus und Phä­no­me­no­lo­gie

05.12. Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie

12.12. Abschluss­dis­kus­si­on

 

Aus der Per­spek­ti­ve der Teilnehmer/innen kön­nen die­se The­men ver­än­dert wer­den. Bit­te schrei­ben Sie mir hier­zu eine E-Mail mit ihren Vor­schlä­gen.