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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


29. Juli 2015

Der Offenbarungseid der Deutschen Bahn

Die Deutsche Bahn gibt nun zu, dass die Politik der letzten Jahre bei den Kunden nicht angekommen ist. Warum konnte mit ihren Beschäftigten keine Einigung erzielt werden? Weshalb haben auch ökologisch orientierte Kunden wie ich gelegentlich auf Fernbusse zurückgegriffen? Weil die Bahn nur noch sporadisch ihre Leistung erbringt. Da ich oft von Heidelberg nach Darmstadt fahre, bin ich schon genervt auf den Nahverkehr umgestiegen, weil da häufiger ein einigermaßen erträgliches Ergebnis erzielt wird. Aber nur häufiger. Man muss leider damit rechnen, dass eine Lokomotive kurz vor Darmstadt ausfällt – und dann die Botschaft durch den Zug hallt, das Ersatzfahrzeug sei geordert, wann es ankäme, sei unbestimmt. Logistikprobleme, die sich unter Grube nicht verbessert haben.

Falls die Fernbuslinie dienstags und sonntags besser wird, fahre ich dann damit. Der CO2-Nachteil besteht dann zwar immer noch, aber das nehme ich hin.

Mit dem wahrheitsliebenden Pofalla wird nun alles besser …

3. September 2013

Marie Katharina Wagner, FA(Z)S 01.09., 5: Keine Homosexualität bei Protestant/inn/en!

Die Orientierungshilfe des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken hat etwa so viel Aufmerksamkeit erregt wie die erstaunliche Behauptung der Bundeskanzlerin, das Internet sei für uns alle Neuland.

Einen gewissen Höhepunkt der Debatte stellt ein Artikel der FAZ-Autorin Marie Katharina Wagner auf Seite 5 der FAZS vom 01.09. unter der Überschrift Ehekrise dar. Einen Bericht findet man hier. Vorausgegangen war dem schon ein kritisches Interview mit dem Präsidenten der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau Jung, der zu den Autoren der Studie zählt.

Die junge Autorin (*1981) beginnt ihren Artikel mit einem Faux pas. In Bezug auf den früheren Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber teilt sie mit, dass dieser das Oberhaupt der Protestanten (!) gewesen sei – und jene Aufgabe formuliert habe, dass es Ziel der Studie sein solle „Ehe und Familie“ im Kontext der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse zu stärken. Ich kann mich angesichts dieses Faux pas schwerlich im Kontext der Vornamen der Autorin der Hypothese erwehren, die Autorin sei katholisch. Jedenfalls ist ihre Betrachtung der evangelischen Kirchen sehr traditionell, an Bischöfen, der Unterscheidung von Theologen und Laien usf. orientiert. Man kann vielleicht auch unterstellen, dass sie eine konservative Protestantin ist, sagen wir mal der Art der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Jedenfalls existiert unter Protestant/inn/en kein Oberhaupt. Und es gibt Bischöf/inn/e/n und Kirchenpräsidenten, ein relativ buntes Bild. Seit Schleiermachers „Kurzer Darstellung des theologischen Studiums“ (1811) gilt für viele Protestant/inn/en, dass Theologe bzw. später Theologin alle diejenigen sind, die an der „Kirchenleitung“ teilhaben – und das beginnt in heutiger Sprache beim Ehrenamt.

Die Autorin teilt mit einer Reihe von innerprotestantischen Kritiker/inne/n der Orientierungshilfe die Überzeugung, dass (more…)

9. November 2012

Die Erkenntnis von Naturgesetzen

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Die Sitzung über alltägliche Erfahrung, deren Abschluss eine „Erkenntnis“ ist, verlief konstruktiv. Bestimmte Aspekte der Phänomenologie wurden kurz angesprochen, wie dass es in ihr wie im Pragmatismus keine Subjekt-Objekt-Spaltung gibt. Daher sind wir im Alltag mit den Gegenständen unseres Erkennens verbunden bzw. gehen mit ihnen in intersubjektiv offenen Situationen um. Diese Einsicht geht u. a. auf das Mitspieler-Sein im Sinne Kants zurück. Wir stehen der Realität gar nicht getrennt von ihr gegenüber – und dies lässt sich im Alltag erfahren.

2               Die Erkenntnis von Naturgesetzen

„Das Wort Erkenntnis ist ebenfalls ein passender Terminus, um Ziel und Abschluss der Forschung zu bezeichnen. Aber es leidet ebenfalls unter einer Zweideutigkeit. Wenn man sagt, die Gewinnung von Erkenntnis oder Wahrheit sei das Ziel der Forschung ist diese Aussage, nach der hier eingenommenen Position eine Tautologie. Das, was die Forschung auf befriedigende Weise abschließt, ist per definitionem Erkenntnis; es ist Erkenntnis, weil es der angemessene Abschluss der Forschung ist. Aber man kann vermuten, und es ist vermutet worden, diese Aussage drücke etwas Bedeutsames und nicht eine Tautologie aus. Als Tautologie definiert sie Erkenntnis als das Ergebnis kompetenter und kontrollierter Forschung. (John Dewey, Logik. Die Theorie der Forschung (stw 1902), 2002, 20f [in der Folge: Dewey 2002)

In Aufnahme und Präzisierung wesentlicher Positionen seines Lehrers Peirce formuliert Dewey seine Auffassung sehr klar. Nicht zuletzt wissenschaftliches Vorgehen ist ein Fall von Problemlösen. Der Forschungsprozess ist der methodologisch kontrollierte Versuch aus der Zusammenhanglosigkeit von Wahrnehmungen und Gedanken zu einer kohärenten und möglichst umfassenden Bestimmtheit zu kommen. Dieser Abschluss wird als (fallible) Erkenntnis bezeichnet. Diese muss immer weiter überprüft werden.

Unterscheiden sich die Verfahren in den Wissenschaften Physik, Biologie und Chemie voneinander, wie ein solcher Abschluss erreicht werden soll, kann es zu unterschiedlichen Auffassungen davon kommen, was ein biologisches oder physikalisches Naturgesetz ist (Hampe 2007, 150ff).

Allgemein gilt, dass Naturgesetze wissenschaftliche Gesetze sind. Dabei handelt es sich um generelle Aussagen, die sich auf experimentelle Situationen beziehen.

Da es sich um universale Aussagen handelt, sind sie als Handlungsvorschriften zu verstehen: Immer wenn Du X tust, musst Du Y tun. Wohl etwas genauer als Peirce – wenn ich recht sehe – interpretiert er daher Gesetzesaussagen in den Naturwissenschaften als „Vorschriften für eine spezifische Form des Handelns in der materiellen oder natürlichen Welt, nämlich für das experimentelle Handeln.“ (Hampe 2007, 143)

Dewey zufolge sind immer „Tun und Machen im Spiel. Die Art des Tuns und Machens ist die, die – materielle und prozedurale – Mittel bestimmt, um ein prospektives Ziel, eine vereinheitlichte Situation zu bewirken. Diese vereinheitlichte Situation ist das letzte (wenngleich nicht nächste) Ziel jeder Forschung.“ (Dewey 2002, 530)

Um das Apfelbaumbeispiel zu verwenden, das uns im Kurs begleitet:

Die Gesetzesaussage: „Alle Äpfel fallen mit 9,81 m/s2 nach unten“ wird – sofern sie so zutreffen sollte, in prinzipiell wiederholbaren Situationen erhoben, die hier z. B. Vorschriften für ein Zeitmessgerät einschließen muss – und sie wird weiterhin überprüft bzw. möglicherweise korrigiert. Man darf sich durch die mathematische Formulierung dabei  nicht täuschen lassen – dieses Naturgesetz, sofern es tatsächlich bestehen sollte, lässt sich nur aufgrund solcher vereinheitlichten Situationen erfassen und überprüfen. „Das Naturgesetz ist eine Handlungsvorschrift für die Erzeugung einer solchen Situation und Erfahrung.“ (Hampe 2007, 143)

Das ist keine Übertreibung. Hampe verweist mit Recht darauf, dass dies tatsächlich auf die frühe Neuzeit bei Galilei und Newton zurückgeht (experimentelle Philosophie [2007, 145]).

Jedenfalls Peirce und Dewey erkannten, dass Naturgesetze Abschluss eines Forschungsprozesses sind, der prinzipiell wiederholbar und überprüfbar ist. Logisch ist die These Deweys bei Peirce in dessen Quantorenlogik (insbesondere der spieltheoretischen Auffassung von All-Aussagen) vorbereitet. Dewey zieht freilich wohl als erster genau diese Konsequenz. Zu den Handlungsvorschriften gehören auch Anweisungen, welches mathematische Regelsystem Anwendung findet – was ebenfalls immer weiter überprüft wird.

Deweys These beruht auf seinem Erfahrungsbegriff und ist eine konsequente Explikation desselben.

11. Mai 2012

Alles Leben lebt von anderem Leben (EfG Griesheim)

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Weingärtner.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. (more…)

25. April 2012

Hans Jonas, Prinzip Verantwortung (VHs Neckargemünd)

Für nachdenklichere Menschen waren die 1970er Jahre nicht nur die Jahre, in denen die Leistungsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft deutlich wurde, weil die deutsche Arbeiterschaft durch die sozialliberale Koalition in die Bundesrepublik integriert wurde. Durch die Ölpreiskrise 1973 sowie durch den ersten Bericht des „Club of Rome“ 1972 wurde deutlich, dass dies möglicherweise auf Sand gebaut war – die Konflikte seit Ende der 1970er Jahre waren sehr heftig. (more…)

25. Januar 2012

Hungerkrise und ökologische Ernährung

Stellt ökologische Ernährung einen Luxus dar, den sich in unserer Gesellschaft nur einige Gutmenschen leisten können – oder bietet diese einen haltbaren Ausweg aus der Krise, dass zurzeit eine Milliarde Menschen hungern? Der Vortrag in La casa verde am 10.02., ab 20 Uhr, in einem schönen Ambiente mit guten Speisen und Weinen, handelt von einem ernsten Thema der individuellen Lebensführung, welche ethisch selbstbestimmt sein will.

14. Dezember 2011

Die Religionsphilosophie Peirce‘

 

Wir haben uns in der letzten Sitzung mit den Problemen der Wahrnehmung aus phänomenologischer Perspektive, aber auch entsprechenden Leistungen des Zeichenbegriffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meissner dankenswerterweise auf Kants merkwürdige Annahme hinwies, man werde vom „Ding an sich“ affiziert.

In der Auseinandersetzung mit Merleau-Ponty und Fuchs wurde erörtert, inwiefern Wahrnehmung auch Kommunikation oder Austausch sei, was von Peirce und dieser grenzwertigen Auffassung Kants tatsächlich unterstellt wird. In der Sprache von Peirce ist also zu sagen, das (dynamische) Objekt bilde mit dem Zeichen eine derartige Beziehung, dass es den Interpretanten bestimme, in derselben triadischen Relation zu stehen, in der es selbst stehe. M. E. ist hier nur fraglich, ob man the same wie Pape mit „derselben“ oder „der gleichen“ übersetzen sollte, wohl das Letztere … Worauf es ankommt, ist der Sachverhalt, dass Peirce diese Affizierung des Interpreten über die triadische Bezeichnungsrelation eindeutig gedacht hat.

Wir haben versucht, uns ausführlicher mit dem Gedanken der „Zwischenleiblichkeit“ auseinanderzusetzen, was z. T. humorig ablief. Hier ist m. E. noch ein beachtliches Potenzial, das vor allem von der Phänomenologie entwickelt wird.

Der Kurs schließt mit einer Besinnung zur Religionsphilosphie Peirce’. Viele Texte finden sich in der Übersetzung Hermann Deusers „Religionsphilosophischen Schriften“ ([RPh] 1995). Hinzutreten muss noch der Aufsatz „Evolutionäre Liebe“ aus „Naturordnung und Zeichenprozess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu denjenigen originellen Denkern, die sich nicht vom Positivismus abschrecken ließen, obgleich er die wissenschaftliche Leistung der Positivisten ausdrücklich anerkannte. Aber er formulierte eine witzige Polemik über deren Lebensauffassung:

„Das Leben auf dem Globus ist eine gänzlich zufällige Enwicklungsphase, die, soweit wir wissen, keinem dauerhaften Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nutzen, außer dass sie hin und wieder ein angenehmes Nervenkitzeln bei diesem oder jenem Wanderer auf dieser ermüdenden und zwecklosen Reise hervorruft – einer Reise, die in einer Tretmühle nirgendwo beginnt und nirgendwo endet und deren Maschinerie ganz und gar nichts hervorbringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gelegentlichen Freuden, und die sind trügerisch und werden bald vollständig verschwinden.“ (RPh 61f [1867/68]) (more…)

8. Dezember 2011

Pragmatismus und Phänomenologie

Wir haben noch einmal in einer sehr intensiven Diskussion das Relationenproblem und die damit verbundenen Kritiken und teilweise großen Hoffnungen thematisiert, durchaus anregend kontrovers. Von dieser Stimmung war auch die Debatte zu „Wahrnehmung“ und „Erfahrung“ geprägt. Herr Dethlefsen vermisste an meinen Vorschlägen das Moment der Kreativität bei der Erfahrung, ich stelle in den Vordergrund, dass etwas auch als Neues für eine bestimmte Menschengruppe nur erfahren werden kann, wenn es mit eigenen Erfahrungen oder Erfahrungen anderer vor dem Hintergrund geteilter Zeichensysteme verglichen werden kann. Daher existiert das Problem des Neologismus, also der Bezeichnung von etwas, das bisher im Sprachsystem oder in bildlichen Darstellungsweisen noch keine Repräsentation gefunden hat. Dieses Problem wurde sehr sachgerecht erörtert, wobei deutlich wurde, dass die Induktion, die stets in der Zukunft neu bewährt werden muss, der dominante Schlusscharakter der Erfahrung ist.

Peirce rechnet systematisch damit, dass auch Wahrnehmung ein genuin triadischer Zeichenprozess ist. Mithin ist er kein infallibler Ausgangspunkt, was besonders Bertrand Russell irritierte. Wahrnehmung impliziert mithin also Interpretation – sie ist kein absoluter Ausgangspunkt, weil jedes Zeichen schon Interpretant sein soll usf.

Das Ende des 19. Jahrhunderts sah den anscheinenden Erfolg der Wissenschaften, aber eine Minderheit sah, dass dieser Erfolg, der industrielle Konsequenzen hatte, offensichtlich fatale Rückkopplungsprozesse haben könnte, so u. a. der Biologe Russell Wallace. Wir haben in diesem Kurs die Reaktion Peirce’ auf diese Kriseneinsichten in der „Pragmatischen Maxime“ ausführlich besprochen. Die Mehrheit hoffte entweder auf eine Humanisierung des Kapitalismus oder wandte sich sozialistischen Theorien zu, um den Kapitalismus abszuschaffen. In beiden Bewegungen war aber der Glaube an die Kompetenz der Wissenschaften, die sich in wirtschaftlichem Fortschritt niederschlage. Das ist der Hintergrund dafür, dass es eher wissenschaftszentrierte und stärker alltags- oder lebensweltorientierte Philosophien gab. Zu Grundinformationen zur Phänomenologie in der Folge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls.  Der Lebenswelt-Begriff ist übrigens erst in der Spätphilosophie Husserls in dieser Zuspitzung entwickelt worden. Dort wird eine Art unmittelbarer Zugang zur Wirklichkeit postuliert, der durch die Wissenschaften verstellt werde. Zu den „Sachen selbst“ komme man im lebensweltlichen Umgang mit den Sachverhalten, indem man sie „sein lasse“, wie Heidegger formulierte, dessen praxisphilosophischen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in seiner Schrift über „Die Krisis der europäischen Wissenschaften“ stärker intellektualistisch reformulierte. Die Lebenswelt und deren praktischer Umgang mit den Sachverhalten werde „mathematisiert“ und damit verstellt bzw. entstellt. Heidegger sieht seit Mitte der 1930er Jahre vor allem den technischen Umgang mit den Sachverhalten hinter dem „Begreifen“ durch die Wissenschaften. Es ist schon lange gesehen worden, dass der praxisphilosophische Ansatz Heideggers in „Sein und Zeit“ zumindest Parallelen zum klassischen Pragmatismus aufweist. Das gilt im Allgemeinen für die Phänomenologie insgesamt, da diese wie Peirce u. a. das angebliche Subjekt-Objekt-Problem als irrig ansieht, der praxisphilosphische Ansatz Heideggers zeigt dies, wie dies auch bewusstseinsphilosophisch bei Husserl und Sartre zu zeigen versucht wurde. Der und das Andere sind im Bewusstsein schon „intentional“ mitgesetzt, man muss also hier keinen Sprung vollziehen.

Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Subjektivität und Personalität wohl am ehesten gelungen, weil Personen als diejenige Entität verstanden wird, die sich zu sich selbst und zu anderem verhält, wobei sie stets Stellung zu sich nimmt – und darüber entscheidet, ob sie weiterleben will. Hier wird keine substanzontologische Philosophie des Subjekts vertreten, was in den transzendentalphilosophischen Versuchen Husserls wohl eher der Fall sein dürfte, also die Bewusstseinsprozesse finden am oder im transzendentalen Subjekt statt – dies kann mit den pragmatistischen Überlegungen nicht mithalten, die den Prozess der Subjektivität zu erfassen suchen. Wobei Heideggers Ansatz ganz gewiss so nicht zu verstehen ist …

Das ist dann existenzialistisch weiterentwickelt worden. Eine interessante Entwicklung innerhalb der Phänomenologie stellt die Wahrnehmungsphilosophie Maurice Merleau-Pontys dar. Sie wird stark von Thomas Fuchs aufgenommen – und hat nicht zuletzt im therapeutischen, auch medizinischen Bereich starke Resonanz gefunden, wobei er betont, dass Wesentliches an der Wahrnehmung mittels des Subjekt-Objekt-Schemas nicht erklärt werden könne. D. h., er unterstellt ähnlich wie Peirce, dass Wahrnehmung kein absoluter Ausgangspunkt ist, sondern ein Beziehungsgeschehen, was Peirce detailliert und nicht ganz einfach nachzuweisen sucht. Therapeutisch ist vor allem Merleau-Pontys Konzept der Zwischenleiblichkeit wichtig, als ein interpersonales Medium, das Personen verbindet. Hier liegt eine Parallele zu den Interaktionstheorien der Pragmatisten vor, aber Merleau-Ponty ist hier originell darin, dass eine Sphäre der sinnlich vermittelten Leiblichkeit besteht, die einen Austausch zulässt. Fuchs hat vor diesem Hintergrund das Entstehen von Selbstbewusstsein bei etwa acht Monate alten Kindern erklärt. Dieser Gedanke ist Peirce nicht fremd, schon die frühe Philosophie formuliert durchaus Vergleichbares – aber er kommt nach meinem Urteil zu nichts Konkretem. M. E. bieten sich in der Leiblichkeitsauffassung und der Wahrnehmungsphilosphie noch Chancen wechselseitgeen Lernens.

6. Dezember 2011

Gal 3,26-29

Die Teilnehmer/innen hatten noch etliche Nachfragen zu 1Kor 15. Dabei stand der Verwandlungs- und Prozessgedanke im Vordergrund, von dem manche kirchlich noch nichts gehört haben. Möglich ist, dass auch Paulus durchaus „negativ“ von Gott und der Auferweckung spricht. Gleichwohl ist positiv zu erkennen, dass der „Leib“ für ihn ein Beziehungsbegriff ist, der ein Selbstverhältnis, Weltverhältnisse und das durch Christus vermittelte Gottesverhältnis bezeichnet. Als „Leib Christi“ kann das Wort metaphorisch sogar die Gemeinde bezeichnen. Zwar erfährt man wenig darüber, wie dieser „geistliche“ Leib nun genau aussieht, aber klar ist, dass auch der Leib im „Glanz“ auf andere, anderes, sich selbst und Gott bezogen ist.

Mit der ausführlichen Erörterung von Gal 3,26-29 schlossen wir den Paulusteil zur Anthropologie ab, bevor wir zu Mt 6,19ff übergehen. Manchen erschien der Text vor dem Hintergrund ihrer kirchlichen Erfahrung eher revolutionär. Natürlich gibt es bei Paulus auch gegenteilige Texte, es ist unsicher, ob diese nachpaulinisch sind – oder Paulus einen schwachen Tag hatte. Jedenfalls ist Gal 3,26-29 wohl ein altes Taufbekenntnis o. Ä., das Paulus hier zustimmend zitiert. Danach wird der „Christus“ bzw. Messias „angezogen“, die Bekleidungsmetaphorik ist in der Antike verbreitet. Die Folge ist, dass weder „Männliches noch Weibliches, weder Jude noch Grieche bzw. Sklave noch Freier“ in Christus etwas gelten. Dominanzbestrebungen usf. sollen daher nicht sein. Für unser Grenzthema ist das wichtig: Anthropologisch werden gesellschaftliche und biotische Grenzen überschritten – ähnlich wie beim „natürlichen“ und „geistlichen“ Leib. Alle erfahren sich „in Christus“, sind also auf ihn bezogen. Das Christentum hat überwiegend in seiner Geschichte das Potenzial dieses Textes nicht hinreichend genutzt.

Interessant ist auch der Bezug auf „Abraham“, den „Vater des Glaubens“ usf. (vgl. Röm 4). In ihm sind nach 1. Mose 12 alle Völker gesegnet – eine durchaus aangemessene schriftgelehrte Interpretation, die diesem Text gegenüber anderen Texten den Vorzug gibt.

Paulinisch ist wieder klar: Der Mensch kommt aus dem „Glanz“. Dieser ist verlustig gegangen („Adam“) – und wird durch Kreuz und Auferweckung Jesu wieder für die Menschen vermittelt. Hier werden für die Gegenwart dann die dominanten gesellschaftlichen Gegensätze als vorübergehend verstanden.

Die Getauften stehen exemplarisch für alle Menschen, die dieser Prozess betrifft.

 

26. November 2011

Wahrnehmung und Erfahrung (Vhs Neckargemünd)

Die Teilnehmer/innen waren uneins darüber, ob den Erwägungen Peirce’ zu den kategorialen Umbesetzungen hin zur fundamentalen Funktion der Relation eine Bedeutung zukäme. Peirce folgt Aristoteles, Humboldt und Schleiermacher in der Einschätzung, dass die Philosophie sprachabhängig ist. Mit Schleiermacher und stärker als dieser betont er aber die Bedeutung aller Zeichenformen, um Kategorien ausbilden zu können. Dies ist eine Konsequenz aus der Annahme, alle Menschen philosophierten. Peirce ist entsprechend der Nachweis gelungen, dass die elementaren Zeichensysteme die Bezeichnung der Relation derart unterstellen, dass alle anderen kategorialen Bestimmungen von ihr abhängen. Etwa Heidegger und Brodbeck, Die Herrschaft des Geldes, hier im Blog z. B. http://alltagundphilosophie.com/2010/12/09/zinsen/ u. ö. ahnen, dass das moderne Dilemma sich durch eine derartige Umbesetzung, die praxisleitend wird, ändern könnte, bei Brodbeck mit expliziter Nennung des Relationsproblems. Wie Görnitz/Görnitz, Die Evolution des Geistigen, 2007, zeigen, ist auch die Quantenphysik als wesentliche Theorie dessen, was die Bestandteile und Prozesse der Realität sein könnten, hierzu auf dem Wege. Für den Beobachter interessant näherte sich der Kurs dennoch in seinen Erörterungen fast unmerklich der im Alltag und in der oft unzureichend verstandenen bzw. reflektierten Umgangssprache implizieren Unendlichkeitsproblematik, der Selbstreferenzproblematik vor allem des Interpretanten, entsprechender Aufgabe falscher Sicherheiten und demjenigen, was Schleiermacher freundlich als „Übereilung“, Peirce als nicht „selbstkontrolliertes Denken“ bezeichnete, heute vor allem durch finanziell erzeugte Zeitnot angeblich unvermeidbar … Ob das nicht zu ändern ist, blieb nach Wahrnehmung des Dozenten eher unentschieden. Es ist auch nach meiner Überzeugung so, dass die Krisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts jedenfalls auch auf einen entsprechenden Mangel an „selbstkontrolliertem Denken“ zurückgehen, der zur alltäglichen Gewohnheit geworden ist, vgl. http://alltagundphilosophie.com/2011/11/03/die-semiotik-charles-peirce%E2%80%99-vhs-neckargemund/.

Das heutige Thema der (sinnlichen) Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung in der Erfahrung ist seit gut 100 Jahren erforscht und umstritten, natürlich auch unter Beteiligung der semiotischen Philosophie von Peirce, der beides als aufeinander aufbauende Zeichenprozesse analysiert hat, wobei er Wert darauf legt, dass es sich um „geistige“, „selbstkontrollierte“ und „selbstkritische“ Leistungen des einzelnen Menschen handelt, die perspektivisch ist – und daher auf Austausch mit anderen Menschen angewiesen ist. Auch Tiere haben bei Peirce – ähnlich wie bei von Uexküll – zumindest elementar Teil an solchen selbstkritischen Fähigkeiten.

 

Wahrnehmung:    Ich/Wir nehmen etwas als etwas wahr.

Erfahrung:           Ich/Wir erfahre/n etwas Wahrgenommenes als etwas Bekanntes.

 

Kreative Prozesse sind dann nötig, wenn etwas zum ersten Mal wahrgenommen wird, aber auch erfahren wird. Hier sind Formen der sozialen Gemeinschaft hilfreich, können aber auch störend sein, wenn relativ zu einer sozialen Gemeinschaft ein einzelner Mensch etwas neu sieht, hört, riecht, tastet, schmeckt oder empfindet. Peirce zufolge wird dabei stets ein genuin triadischer Zeichenprozess gestartet, der sicherstellt, dass immer auch ein sinnlich erfasstes Etwas als etwas interpretiert wird. Solche sinnliche Wahrnehmung kann tendenziell das wahrgenommene Etwas vereinzeln. Der Erfahrungsprozess bezieht es auf die Erfahrungstradition und bestimmt es in seinem Beziehungsaspekt zu allem Anderen. Die Prozesse der sinnlichen Wahrnehmung werden teilweise von den empirischen Wissenschaften wie Neurologie und Psychologie erforscht, gehaltvoll und integrativ wird das aber erst dann, wenn man den gesamten Zusammenhang beschreiben kann. Nach Peirce ist das dann der Fall, sofern man die einzelnen Aspekte des Prozesses als Zeichenprozess analysieren kann.

Die allgemeinen Probleme, die auch nicht selten in unserem Kurs thematisiert werden, fasse ich folgendermaßen zusammen:

Seit die empirischen Wissenschaften im Abendland und dann auch in Nordamerika starke Erkenntnisfortschritte gemacht haben, tritt ein Problem auf, das sich insbesondere seit der Verwendung des Teleskops in der Astronomie geltend gemacht hat: Unsere sinnliche Wahrnehmung scheint uns über die Realität zu täuschen, die Sonne geht am Morgen nicht auf, weder die Erde noch die Sonne sind auch nur im Entferntesten im Zentrum des Weltalls. Und ebenso scheinen uns unsere Selbstbeobachtungen, unsere Alltagswahrnehmung und Alltagserfahrung im Blick auf unsere Selbsteinschätzung zu täuschen. Wir erleben uns selbst zumindest gelegentlich als selbstbestimmt handelnde Personen, doch das ist eine Illusion – wie seit der Aufklärung manche Wissenschaftler/innen behaupten. Das ist nur eine Seite der Aufklärung, aber sie ist nicht ganz unerheblich. Die Wissenschaftsseite ist hierbei im Übrigen keineswegs eindeutig. In der Zeit von etwa 1700 bis 1900 herrschte durch die Dominanz der klassischen Physik auch im naturwissenschaftlichen Denken ein strenger Determinismus vor. Dieser wurde aber vonseiten der Biologie durch Charles Darwin durchbrochen, weil ihm zufolge das Zufallsmoment bei der Entstehung der Arten mitwirkte. Entscheidend wurden die Naturwissenschaften dann durch die Quantenphysik verändert, die keine eindeutig deterministischen Beschreibungen mehr zulässt.[1] Die Kulturwissenschaften haben in der Regel keinen Anlass gehabt, strenge deterministische Unterstellungen in den Vordergrund zu stellen. Häufig ist hier die Unterstellung der Freiheit zu Hause.[2]

Ich werde zunächst aus einer philosophischen Perspektive kurz die Grundtypen der möglichen Erfassung des Verhältnisses von Alltagserfahrung und Selbsterfahrung auf der einen Seite, von wissenschaftlichen Theorien auf der anderen Seite beleuchten.

Die Philosophie in unserer Weltgegend und in Nordamerika hat angesichts dieses immer wiederkehrenden Problems im Wesentlichen vier Typen des Umgangs damit entwickelt, die in sehr vielen Spielarten auftreten (vgl. Grafik 4 des Kurses):

 

Grafik 4 des Kurses

Grafik 4 des Kurses

An den Extremen stehen die Positionen, die eines der beiden Elemente des Problems „Alltagserfahrung“ und „Wissenschaft“ zuungunsten des anderen eliminieren wollen. Man kann vertreten, nur die Alltagserfahrung im Unterschied zur Wissenschaft gibt uns einen sicheren Einblick in die Realität – und umgekehrt. Entsprechend gibt es Philosophien, die sich faktisch mit den Fragestellungen der Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften identifizieren – und diese logisch-theoretisch reflektieren. Dies ist der Wissenschaftstypus der Philosophie, wie er in einigen Positionen der Analytischen Philosophie, in der positivistischen und neopositivistischen Philosophie auftritt.[3] Auch die frühe Philosophie Ludwig Wittgensteins gehört tendenziell dazu. Scharf gegenüber stehen dieser Position die verschiedenen Spielarten der phänomenologischen bzw. hermeneutischen Philosophie, die der Alltagserfahrung eine eigene Würde zugestehen. Das ist der Alltagstypus der Philosophie. Auch die Spätphilosophie Ludwig Wittgensteins tendiert in diese Richtung – mit einer durchaus beachtlichen Kritik an Formen des Wissenschaftsimperialismus. Das kann soweit führen, dass die Wissenschaften aus dieser Perspektive in ihrer Praxis scharf kritisiert werden, weil ihre Ergebnisse die Alltagserfahrung, überhaupt die Phänomene verfehlen. Im Hintergrund stehen hier nicht selten wissenschaftliche und philosophische Rezeptionen von Reflexionen künstlerisch-philosophischer Art – etwa von Johann Wolfgang von Goethe[4] und/oder von Ralph Waldo Emerson[5].

Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine Reihe von Philosophen, die beide Positionen für zu extrem hielten. Sie suchten also Vermittlungspositionen, in denen beide Aspekte vorkommen. Dies ist zum einen die neukantianische Philosophie, welche die Sittlichkeit und das Bewusstsein aus dem Zugriff der empirischen Wissenschaften heraushalten wollte. Das Hauptargument besteht darin, dass die Bewusstseinsebene elementarer angesiedelt ist als die wissenschaftliche Ebene. Das Bewusstsein und seine transzendentalen Strukturen begründen die Wissenschaften überhaupt erst, weil ja Bewusstsein zur Durchführung wissenschaftlicher Tätigkeiten erforderlich ist. Man kann also ein sittlicher Mensch sein und trotzdem ein richtig empirisch vorgehender Wissenschaftler. Zum anderen ist dies aber vor allem die semiotische Philosophie von Charles Peirce, die mit den Phänomenologen überzeugt ist, dass der Alltagserfahrung eine große Würde zuzuschreiben ist. In ihr sind alle allgemeinen Strukturen unserer Wirklichkeitserfahrung enthalten. Gleichwohl ist es nicht unmöglich, dass wir uns in unserer Alltagserfahrung täuschen, auch in der Erfassung ihrer allgemeinen Strukturen. Denn alle allgemeinen Annahmen müssen sich immer weiter in der Erfahrung – auch der Erfahrung anderer – bewähren. Und dazu gehören auch die wissenschaftlich aufbereiteten Erfahrungen. Dabei ist festzuhalten, dass die beiden Hauptschlussformen in der Alltagserfahrung und den Wissenschaften die Abduktion bzw. Hypothese und die Induktion sind. Auch relativ stabile Induktionen müssen in der Zukunft stets weiter in der Erfahrung überprüft werden. Peirce’ Philosophie wehrt daher sowohl dem Fundamentalismus der Alltagserfahrung als auch demjenigen der Wissenschaften, es kommt auf die kritische Überprüfung in der Erfahrung an. Gegen die Neukantianer kann eingewendet werden, dass sich auch das Bewusstsein aller Wahrscheinlichkeit nach erst in der Evolution der biotischen Arten entwickelt hat, daher als Letztbegründungsmuster schwerlich tauglich ist.

 

 


[1] Vgl. die Einführung durch T. Görnitz, Quanten sind anders. Die verborgene Einheit der Welt, Heidelberg/Berlin 1999.

[2] Zu entgegengesetzten Tendenzen in den Wirtschaftswissenschaften, die mit entsprechenden Verlusten wissenschaftlicher Genauigkeit und Prognosefähigkeit einhergehen, vgl. K.-H. Brodbeck, Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie. Eine philosophische Kritik der modernen Wirtschaftswissenschaften, Darmstadt 22000. Ähnliches tritt auch in manchen Konzeptionen der Soziologie auf.

[3] Vgl. als Beispiel im Blick auf die aktuelle Diskussion T. Metzinger, Vorwort, in: ders. (Hg.), Bewusstsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie, Paderborn 52005: „In Westdeutschland […] haben nach dem Zweiten Weltkrieg viele verschiedene Formen des Philosophierens, bei denen die Standards der begrifflichen Klarheit und der rationalen Argumentation nicht mehr im Mittelpunkt stehen, einen ungeahnten Aufschwung erlebt. Nach wie vor herrscht in weiten Teilen der akademischen Philosophie ein Ressintement gegenüber den empirischen Wissenschaften, das nicht selten von einem generellen Desinteresse an interdisziplinären Dialogen begleitet wird.“

[4] Vgl. Naturwissenschaftliche Schriften, in: Goethe Werke (Jubiläumsausgabe), Bd. 6, Darmstadt 1998, 631ff.

[5] Vgl. insbesondere Die Natur. Ausgewählte Essays, Stuttgart 2000.