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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


14. Oktober 2017

Amerika 2 Bad Rappenau

US-VIZEPRÄSIDENT Pence, katho­lisch, Anhän­ger von Intel­li­gent Design

Zunächst möch­te ich fest­hal­ten, dass ich die Dis­kus­si­on zur Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung sehr gut fand:

  • Das Prin­zip des pur­su­it of Hap­pi­ness fand die gebüh­ren­de Auf­merk­sam­keit, lös­te aber auch Nach­denk­lich­keit aus, „Ego­is­mus“, „Indi­vi­dua­lis­mus“ o. Ä.
  • Es wur­de auch wahr­ge­nom­men, dass die­ses Prin­zip nicht zuletzt wg. der Ver­fol­gung pro­tes­tan­ti­scher Grup­pen durch reichs­re­li­giö­se (staats­kirch­li­che) Grup­pen im Ver­ein mit ter­ri­to­ria­len oder städ­ti­schen staat­li­chen Herr­schaf­ten phi­lo­so­phisch ver­tieft in die Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung auf­ge­nom­men wur­de.
  • Die Erklä­rung lässt sich zugleich reli­gi­ös („crea­tor“), aber auch phi­lo­so­phisch pan­the­is­tis­tisch inter­pre­tie­ren, weil eini­ge Auto­ren Frei­mau­rer waren („god of natu­re“), natur­recht­lich bild­li­che Inter­pre­ta­ti­on von Gen 1,26f. – Wider­stands­recht.

In der Dis­kus­si­on wur­de auf das Pro­blem krea­tio­nis­ti­scher Grup­pen in den USA hin­ge­wie­sen, wel­che die dar­win­sche Evo­lu­ti­ons­theo­rie wis­sen­schaft­lich über­bie­ten wol­len, was nicht nur bei pro­tes­tan­ti­schen Fundamentalist/inn/en beliebt ist, son­dern auch ent­spre­chen­den katho­li­schen, mus­li­mi­schen oder jüdi­schen Brü­dern und Schwes­tern.
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29. Juli 2015

Der Offenbarungseid der Deutschen Bahn

Die Deut­sche Bahn gibt nun zu, dass die Poli­tik der letz­ten Jah­re bei den Kun­den nicht ange­kom­men ist. War­um konn­te mit ihren Beschäf­tig­ten kei­ne Eini­gung erzielt wer­den? Wes­halb haben auch öko­lo­gisch ori­en­tier­te Kun­den wie ich gele­gent­lich auf Fern­bus­se zurück­ge­grif­fen? Weil die Bahn nur noch spo­ra­disch ihre Leis­tung erbringt. Da ich oft von Hei­del­berg nach Darm­stadt fah­re, bin ich schon genervt auf den Nah­ver­kehr umge­stie­gen, weil da häu­fi­ger ein eini­ger­ma­ßen erträg­li­ches Ergeb­nis erzielt wird. Aber nur häu­fi­ger. Man muss lei­der damit rech­nen, dass eine Loko­mo­ti­ve kurz vor Darm­stadt aus­fällt – und dann die Bot­schaft durch den Zug hallt, das Ersatz­fahr­zeug sei geor­dert, wann es ankä­me, sei unbe­stimmt. Logis­tik­pro­ble­me, die sich unter Gru­be nicht ver­bes­sert haben.

Falls die Fern­bus­li­nie diens­tags und sonn­tags bes­ser wird, fah­re ich dann damit. Der CO2-Nach­teil besteht dann zwar immer noch, aber das neh­me ich hin.

Mit dem wahr­heits­lie­ben­den Pofal­la wird nun alles bes­ser …

3. September 2013

FA(Z)S 01.09., 5: Keine Homosexualität bei Protestant/inn/en!">Marie Katharina Wagner, FA(Z)S 01.09., 5: Keine Homosexualität bei Protestant/inn/en!

Die Ori­en­tie­rungs­hil­fe des Rats der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land Zwi­schen Auto­no­mie und Ange­wie­sen­heit. Fami­lie als ver­läss­li­che Gemein­schaft stär­ken hat etwa so viel Auf­merk­sam­keit erregt wie die erstaun­li­che Behaup­tung der Bun­des­kanz­le­rin, das Inter­net sei für uns alle Neu­land.

Einen gewis­sen Höhe­punkt der Debat­te stellt ein Arti­kel der FAZ-Auto­rin Marie Katha­ri­na Wag­ner auf Sei­te 5 der FAZS vom 01.09. unter der Über­schrift Ehe­kri­se dar. Einen Bericht fin­det man hier. Vor­aus­ge­gan­gen war dem schon ein kri­ti­sches Inter­view mit dem Prä­si­den­ten der Evan­ge­li­schen Kir­che von Hes­sen und Nas­sau Jung, der zu den Auto­ren der Stu­die zählt.

Die jun­ge Auto­rin (*1981) beginnt ihren Arti­kel mit einem Faux pas. In Bezug auf den frü­he­ren Rats­vor­sit­zen­den Wolf­gang Huber teilt sie mit, dass die­ser das Ober­haupt der Pro­tes­tan­ten (!) gewe­sen sei – und jene Auf­ga­be for­mu­liert habe, dass es Ziel der Stu­die sein sol­le „Ehe und Fami­lie“ im Kon­text der gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rungs­pro­zes­se zu stär­ken. Ich kann mich ange­sichts die­ses Faux pas schwer­lich im Kon­text der Vor­na­men der Auto­rin der Hypo­the­se erweh­ren, die Auto­rin sei katho­lisch. Jeden­falls ist ihre Betrach­tung der evan­ge­li­schen Kir­chen sehr tra­di­tio­nell, an Bischö­fen, der Unter­schei­dung von Theo­lo­gen und Lai­en usf. ori­en­tiert. Man kann viel­leicht auch unter­stel­len, dass sie eine kon­ser­va­ti­ve Pro­tes­tan­tin ist, sagen wir mal der Art der Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Kris­ti­na Schrö­der. Jeden­falls exis­tiert unter Protestant/inn/en kein Ober­haupt. Und es gibt Bischöf/inn/e/n und Kir­chen­prä­si­den­ten, ein rela­tiv bun­tes Bild. Seit Schlei­er­ma­chers „Kur­zer Dar­stel­lung des theo­lo­gi­schen Stu­di­ums“ (1811) gilt für vie­le Protestant/inn/en, dass Theo­lo­ge bzw. spä­ter Theo­lo­gin alle die­je­ni­gen sind, die an der „Kir­chen­lei­tung“ teil­ha­ben – und das beginnt in heu­ti­ger Spra­che beim Ehren­amt.

Die Auto­rin teilt mit einer Rei­he von inner­pro­tes­tan­ti­schen Kritiker/inne/n der Ori­en­tie­rungs­hil­fe die Über­zeu­gung, dass (more…)

9. November 2012

Die Erkenntnis von Naturgesetzen

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Die Sit­zung über all­täg­li­che Erfah­rung, deren Abschluss eine „Erkennt­nis“ ist, ver­lief kon­struk­tiv. Bestimm­te Aspek­te der Phä­no­me­no­lo­gie wur­den kurz ange­spro­chen, wie dass es in ihr wie im Prag­ma­tis­mus kei­ne Sub­jekt-Objekt-Spal­tung gibt. Daher sind wir im All­tag mit den Gegen­stän­den unse­res Erken­nens ver­bun­den bzw. gehen mit ihnen in inter­sub­jek­tiv offe­nen Situa­tio­nen um. Die­se Ein­sicht geht u. a. auf das Mit­spie­ler-Sein im Sin­ne Kants zurück. Wir ste­hen der Rea­li­tät gar nicht getrennt von ihr gegen­über – und dies lässt sich im All­tag erfah­ren.

2               Die Erkenntnis von Naturgesetzen

Das Wort Erkennt­nis ist eben­falls ein pas­sen­der Ter­mi­nus, um Ziel und Abschluss der For­schung zu bezeich­nen. Aber es lei­det eben­falls unter einer Zwei­deu­tig­keit. Wenn man sagt, die Gewin­nung von Erkennt­nis oder Wahr­heit sei das Ziel der For­schung ist die­se Aus­sa­ge, nach der hier ein­ge­nom­me­nen Posi­ti­on eine Tau­to­lo­gie. Das, was die For­schung auf befrie­di­gen­de Wei­se abschließt, ist per defi­ni­tio­nem Erkennt­nis; es ist Erkennt­nis, weil es der ange­mes­se­ne Abschluss der For­schung ist. Aber man kann ver­mu­ten, und es ist ver­mu­tet wor­den, die­se Aus­sa­ge drü­cke etwas Bedeut­sa­mes und nicht eine Tau­to­lo­gie aus. Als Tau­to­lo­gie defi­niert sie Erkennt­nis als das Ergeb­nis kom­pe­ten­ter und kon­trol­lier­ter For­schung. (John Dew­ey, Logik. Die Theo­rie der For­schung (stw 1902), 2002, 20f [in der Fol­ge: Dew­ey 2002)

In Auf­nah­me und Prä­zi­sie­rung wesent­li­cher Posi­tio­nen sei­nes Leh­rers Peirce for­mu­liert Dew­ey sei­ne Auf­fas­sung sehr klar. Nicht zuletzt wis­sen­schaft­li­ches Vor­ge­hen ist ein Fall von Pro­blem­lö­sen. Der For­schungs­pro­zess ist der metho­do­lo­gisch kon­trol­lier­te Ver­such aus der Zusam­men­hang­lo­sig­keit von Wahr­neh­mun­gen und Gedan­ken zu einer kohä­ren­ten und mög­lichst umfas­sen­den Bestimmt­heit zu kom­men. Die­ser Abschluss wird als (fal­li­ble) Erkennt­nis bezeich­net. Die­se muss immer wei­ter über­prüft wer­den.

Unter­schei­den sich die Ver­fah­ren in den Wis­sen­schaf­ten Phy­sik, Bio­lo­gie und Che­mie von­ein­an­der, wie ein sol­cher Abschluss erreicht wer­den soll, kann es zu unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen davon kom­men, was ein bio­lo­gi­sches oder phy­si­ka­li­sches Natur­ge­setz ist (Ham­pe 2007, 150ff).

All­ge­mein gilt, dass Natur­ge­set­ze wis­sen­schaft­li­che Geset­ze sind. Dabei han­delt es sich um gene­rel­le Aus­sa­gen, die sich auf expe­ri­men­tel­le Situa­tio­nen bezie­hen.

Da es sich um uni­ver­sa­le Aus­sa­gen han­delt, sind sie als Hand­lungs­vor­schrif­ten zu ver­ste­hen: Immer wenn Du X tust, musst Du Y tun. Wohl etwas genau­er als Peirce – wenn ich recht sehe – inter­pre­tiert er daher Geset­zes­aus­sa­gen in den Natur­wis­sen­schaf­ten als „Vor­schrif­ten für eine spe­zi­fi­sche Form des Han­delns in der mate­ri­el­len oder natür­li­chen Welt, näm­lich für das expe­ri­men­tel­le Han­deln.“ (Ham­pe 2007, 143)

Dew­ey zufol­ge sind immer „Tun und Machen im Spiel. Die Art des Tuns und Machens ist die, die – mate­ri­el­le und pro­ze­du­ra­le – Mit­tel bestimmt, um ein pro­spek­ti­ves Ziel, eine ver­ein­heit­lich­te Situa­ti­on zu bewir­ken. Die­se ver­ein­heit­lich­te Situa­ti­on ist das letz­te (wenn­gleich nicht nächs­te) Ziel jeder For­schung.“ (Dew­ey 2002, 530)

Um das Apfel­baum­bei­spiel zu ver­wen­den, das uns im Kurs beglei­tet:

Die Geset­zes­aus­sa­ge: „Alle Äpfel fal­len mit 9,81 m/s2 nach unten“ wird – sofern sie so zutref­fen soll­te, in prin­zi­pi­ell wie­der­hol­ba­ren Situa­tio­nen erho­ben, die hier z. B. Vor­schrif­ten für ein Zeit­mess­ge­rät ein­schlie­ßen muss – und sie wird wei­ter­hin über­prüft bzw. mög­li­cher­wei­se kor­ri­giert. Man darf sich durch die mathe­ma­ti­sche For­mu­lie­rung dabei  nicht täu­schen las­sen – die­ses Natur­ge­setz, sofern es tat­säch­lich bestehen soll­te, lässt sich nur auf­grund sol­cher ver­ein­heit­lich­ten Situa­tio­nen erfas­sen und über­prü­fen. „Das Natur­ge­setz ist eine Hand­lungs­vor­schrift für die Erzeu­gung einer sol­chen Situa­ti­on und Erfah­rung.“ (Ham­pe 2007, 143)

Das ist kei­ne Über­trei­bung. Ham­pe ver­weist mit Recht dar­auf, dass dies tat­säch­lich auf die frü­he Neu­zeit bei Gali­lei und New­ton zurück­geht (expe­ri­men­tel­le Phi­lo­so­phie [2007, 145]).

Jeden­falls Peirce und Dew­ey erkann­ten, dass Natur­ge­set­ze Abschluss eines For­schungs­pro­zes­ses sind, der prin­zi­pi­ell wie­der­hol­bar und über­prüf­bar ist. Logisch ist die The­se Dew­eys bei Peirce in des­sen Quan­to­ren­lo­gik (ins­be­son­de­re der spiel­theo­re­ti­schen Auf­fas­sung von All-Aus­sa­gen) vor­be­rei­tet. Dew­ey zieht frei­lich wohl als ers­ter genau die­se Kon­se­quenz. Zu den Hand­lungs­vor­schrif­ten gehö­ren auch Anwei­sun­gen, wel­ches mathe­ma­ti­sche Regel­sys­tem Anwen­dung fin­det – was eben­falls immer wei­ter über­prüft wird.

Dew­eys The­se beruht auf sei­nem Erfah­rungs­be­griff und ist eine kon­se­quen­te Expli­ka­ti­on des­sel­ben.

11. Mai 2012

Alles Leben lebt von anderem Leben (EfG Griesheim)

1 Ich bin der wah­re Wein­stock und mein Vater ist der Wein­gärt­ner.

2 Eine jede Rebe an mir, die kei­ne Frucht bringt, wird er weg­neh­men; und eine jede, die Frucht bringt, wird er rei­ni­gen, dass sie mehr Frucht brin­ge. (more…)

25. April 2012

Hans Jonas, Prinzip Verantwortung (VHs Neckargemünd)

Für nach­denk­li­che­re Men­schen waren die 1970er Jah­re nicht nur die Jah­re, in denen die Leis­tungs­fä­hig­keit der Sozia­len Markt­wirt­schaft deut­lich wur­de, weil die deut­sche Arbei­ter­schaft durch die sozi­al­li­be­ra­le Koali­ti­on in die Bun­des­re­pu­blik inte­griert wur­de. Durch die Ölpreis­kri­se 1973 sowie durch den ers­ten Bericht des „Club of Rome“ 1972 wur­de deut­lich, dass dies mög­li­cher­wei­se auf Sand gebaut war – die Kon­flik­te seit Ende der 1970er Jah­re waren sehr hef­tig. (more…)

25. Januar 2012

Hungerkrise und ökologische Ernährung

Stellt öko­lo­gi­sche Ernäh­rung einen Luxus dar, den sich in unse­rer Gesell­schaft nur eini­ge Gut­men­schen leis­ten kön­nen – oder bie­tet die­se einen halt­ba­ren Aus­weg aus der Kri­se, dass zur­zeit eine Mil­li­ar­de Men­schen hun­gern? Der Vor­trag in La casa ver­de am 10.02., ab 20 Uhr, in einem schö­nen Ambi­en­te mit guten Spei­sen und Wei­nen, han­delt von einem erns­ten The­ma der indi­vi­du­el­len Lebens­füh­rung, wel­che ethisch selbst­be­stimmt sein will.

14. Dezember 2011

Die Religionsphilosophie Peirce‘

 

Wir haben uns in der letz­ten Sit­zung mit den Pro­ble­men der Wahr­neh­mung aus phä­no­me­no­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve, aber auch ent­spre­chen­den Leis­tun­gen des Zei­chen­be­griffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meiss­ner dan­kens­wer­ter­wei­se auf Kants merk­wür­di­ge Annah­me hin­wies, man wer­de vom „Ding an sich“ affi­ziert.

In der Aus­ein­an­der­set­zung mit Mer­leau-Pon­ty und Fuchs wur­de erör­tert, inwie­fern Wahr­neh­mung auch Kom­mu­ni­ka­ti­on oder Aus­tausch sei, was von Peirce und die­ser grenz­wer­ti­gen Auf­fas­sung Kants tat­säch­lich unter­stellt wird. In der Spra­che von Peirce ist also zu sagen, das (dyna­mi­sche) Objekt bil­de mit dem Zei­chen eine der­ar­ti­ge Bezie­hung, dass es den Inter­pre­t­an­ten bestim­me, in der­sel­ben tria­di­schen Rela­ti­on zu ste­hen, in der es selbst ste­he. M. E. ist hier nur frag­lich, ob man the same wie Pape mit „der­sel­ben“ oder „der glei­chen“ über­set­zen soll­te, wohl das Letz­te­re … Wor­auf es ankommt, ist der Sach­ver­halt, dass Peirce die­se Affi­zie­rung des Inter­pre­ten über die tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on ein­deu­tig gedacht hat.

Wir haben ver­sucht, uns aus­führ­li­cher mit dem Gedan­ken der „Zwi­schen­leib­lich­keit“ aus­ein­an­der­zu­set­zen, was z. T. humo­rig ablief. Hier ist m. E. noch ein beacht­li­ches Poten­zi­al, das vor allem von der Phä­no­me­no­lo­gie ent­wi­ckelt wird.

Der Kurs schließt mit einer Besin­nung zur Reli­gi­ons­phi­lo­s­phie Peirce’. Vie­le Tex­te fin­den sich in der Über­set­zung Her­mann Deu­sers „Reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­schen Schrif­ten“ ([RPh] 1995). Hin­zu­tre­ten muss noch der Auf­satz „Evo­lu­tio­nä­re Lie­be“ aus „Natur­ord­nung und Zei­chen­pro­zess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu den­je­ni­gen ori­gi­nel­len Den­kern, die sich nicht vom Posi­ti­vis­mus abschre­cken lie­ßen, obgleich er die wis­sen­schaft­li­che Leis­tung der Posi­ti­vis­ten aus­drück­lich aner­kann­te. Aber er for­mu­lier­te eine wit­zi­ge Pole­mik über deren Lebens­auf­fas­sung:

Das Leben auf dem Glo­bus ist eine gänz­lich zufäl­li­ge Enwick­lungs­pha­se, die, soweit wir wis­sen, kei­nem dau­er­haf­ten Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nut­zen, außer dass sie hin und wie­der ein ange­neh­mes Ner­ven­kit­zeln bei die­sem oder jenem Wan­de­rer auf die­ser ermü­den­den und zweck­lo­sen Rei­se her­vor­ruft – einer Rei­se, die in einer Tret­müh­le nir­gend­wo beginnt und nir­gend­wo endet und deren Maschi­ne­rie ganz und gar nichts her­vor­bringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gele­gent­li­chen Freu­den, und die sind trü­ge­risch und wer­den bald voll­stän­dig ver­schwin­den.“ (RPh 61f [1867/68]) (more…)

8. Dezember 2011

Pragmatismus und Phänomenologie

Wir haben noch ein­mal in einer sehr inten­si­ven Dis­kus­si­on das Rela­tio­nen­pro­blem und die damit ver­bun­de­nen Kri­ti­ken und teil­wei­se gro­ßen Hoff­nun­gen the­ma­ti­siert, durch­aus anre­gend kon­tro­vers. Von die­ser Stim­mung war auch die Debat­te zu „Wahr­neh­mung“ und „Erfah­rung“ geprägt. Herr Deth­lef­sen ver­miss­te an mei­nen Vor­schlä­gen das Moment der Krea­ti­vi­tät bei der Erfah­rung, ich stel­le in den Vor­der­grund, dass etwas auch als Neu­es für eine bestimm­te Men­schen­grup­pe nur erfah­ren wer­den kann, wenn es mit eige­nen Erfah­run­gen oder Erfah­run­gen ande­rer vor dem Hin­ter­grund geteil­ter Zei­chen­sys­te­me ver­gli­chen wer­den kann. Daher exis­tiert das Pro­blem des Neo­lo­gis­mus, also der Bezeich­nung von etwas, das bis­her im Sprach­sys­tem oder in bild­li­chen Dar­stel­lungs­wei­sen noch kei­ne Reprä­sen­ta­ti­on gefun­den hat. Die­ses Pro­blem wur­de sehr sach­ge­recht erör­tert, wobei deut­lich wur­de, dass die Induk­ti­on, die stets in der Zukunft neu bewährt wer­den muss, der domi­nan­te Schluss­cha­rak­ter der Erfah­rung ist.

Peirce rech­net sys­te­ma­tisch damit, dass auch Wahr­neh­mung ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess ist. Mit­hin ist er kein infal­li­bler Aus­gangs­punkt, was beson­ders Bert­rand Rus­sell irri­tier­te. Wahr­neh­mung impli­ziert mit­hin also Inter­pre­ta­ti­on – sie ist kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt, weil jedes Zei­chen schon Inter­pre­tant sein soll usf.

Das Ende des 19. Jahr­hun­derts sah den anschei­nen­den Erfolg der Wis­sen­schaf­ten, aber eine Min­der­heit sah, dass die­ser Erfolg, der indus­tri­el­le Kon­se­quen­zen hat­te, offen­sicht­lich fata­le Rück­kopp­lungs­pro­zes­se haben könn­te, so u. a. der Bio­lo­ge Rus­sell Wal­lace. Wir haben in die­sem Kurs die Reak­ti­on Peirce’ auf die­se Kri­sen­ein­sich­ten in der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ aus­führ­lich bespro­chen. Die Mehr­heit hoff­te ent­we­der auf eine Huma­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus oder wand­te sich sozia­lis­ti­schen Theo­ri­en zu, um den Kapi­ta­lis­mus abs­zu­schaf­fen. In bei­den Bewe­gun­gen war aber der Glau­be an die Kom­pe­tenz der Wis­sen­schaf­ten, die sich in wirt­schaft­li­chem Fort­schritt nie­der­schla­ge. Das ist der Hin­ter­grund dafür, dass es eher wis­sen­schafts­zen­trier­te und stär­ker all­tags- oder lebens­welt­ori­en­tier­te Phi­lo­so­phi­en gab. Zu Grund­in­for­ma­tio­nen zur Phä­no­me­no­lo­gie in der Fol­ge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls.  Der Lebens­welt-Begriff ist übri­gens erst in der Spät­phi­lo­so­phie Husserls in die­ser Zuspit­zung ent­wi­ckelt wor­den. Dort wird eine Art unmit­tel­ba­rer Zugang zur Wirk­lich­keit pos­tu­liert, der durch die Wis­sen­schaf­ten ver­stellt wer­de. Zu den „Sachen selbst“ kom­me man im lebens­welt­li­chen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten, indem man sie „sein las­se“, wie Hei­deg­ger for­mu­lier­te, des­sen pra­xis­phi­lo­so­phi­schen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in sei­ner Schrift über „Die Kri­sis der euro­päi­schen Wis­sen­schaf­ten“ stär­ker intel­lek­tua­lis­tisch refor­mu­lier­te. Die Lebens­welt und deren prak­ti­scher Umgang mit den Sach­ver­hal­ten wer­de „mathe­ma­ti­siert“ und damit ver­stellt bzw. ent­stellt. Hei­deg­ger sieht seit Mit­te der 1930er Jah­re vor allem den tech­ni­schen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten hin­ter dem „Begrei­fen“ durch die Wis­sen­schaf­ten. Es ist schon lan­ge gese­hen wor­den, dass der pra­xis­phi­lo­so­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers in „Sein und Zeit“ zumin­dest Par­al­le­len zum klas­si­schen Prag­ma­tis­mus auf­weist. Das gilt im All­ge­mei­nen für die Phä­no­me­no­lo­gie ins­ge­samt, da die­se wie Peirce u. a. das angeb­li­che Sub­jekt-Objekt-Pro­blem als irrig ansieht, der pra­xis­phi­lo­s­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers zeigt dies, wie dies auch bewusstseins­phi­lo­so­phisch bei Husserl und Sart­re zu zei­gen ver­sucht wur­de. Der und das Ande­re sind im Bewusst­sein schon „inten­tio­nal“ mit­ge­setzt, man muss also hier kei­nen Sprung voll­zie­hen.

Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Sub­jek­ti­vi­tät und Per­so­na­li­tät wohl am ehes­ten gelun­gen, weil Per­so­nen als die­je­ni­ge Enti­tät ver­stan­den wird, die sich zu sich selbst und zu ande­rem ver­hält, wobei sie stets Stel­lung zu sich nimmt – und dar­über ent­schei­det, ob sie wei­ter­le­ben will. Hier wird kei­ne sub­stan­zon­to­lo­gi­sche Phi­lo­so­phie des Sub­jekts ver­tre­ten, was in den tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­schen Ver­su­chen Husserls wohl eher der Fall sein dürf­te, also die Bewusstseins­pro­zes­se fin­den am oder im tran­szen­den­ta­len Sub­jekt statt – dies kann mit den prag­ma­tis­ti­schen Über­le­gun­gen nicht mit­hal­ten, die den Pro­zess der Sub­jek­ti­vi­tät zu erfas­sen suchen. Wobei Hei­deg­gers Ansatz ganz gewiss so nicht zu ver­ste­hen ist …

Das ist dann exis­ten­zia­lis­tisch wei­ter­ent­wi­ckelt wor­den. Eine inter­es­san­te Ent­wick­lung inner­halb der Phä­no­me­no­lo­gie stellt die Wahr­neh­mungs­phi­lo­so­phie Mau­rice Mer­leau-Pon­tys dar. Sie wird stark von Tho­mas Fuchs auf­ge­nom­men – und hat nicht zuletzt im the­ra­peu­ti­schen, auch medi­zi­ni­schen Bereich star­ke Reso­nanz gefun­den, wobei er betont, dass Wesent­li­ches an der Wahr­neh­mung mit­tels des Sub­jekt-Objekt-Sche­mas nicht erklärt wer­den kön­ne. D. h., er unter­stellt ähn­lich wie Peirce, dass Wahr­neh­mung kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt ist, son­dern ein Bezie­hungs­ge­sche­hen, was Peirce detail­liert und nicht ganz ein­fach nach­zu­wei­sen sucht. The­ra­peu­tisch ist vor allem Mer­leau-Pon­tys Kon­zept der Zwi­schen­leib­lich­keit wich­tig, als ein inter­per­so­na­les Medi­um, das Per­so­nen ver­bin­det. Hier liegt eine Par­al­le­le zu den Inter­ak­ti­ons­theo­ri­en der Prag­ma­tis­ten vor, aber Mer­leau-Pon­ty ist hier ori­gi­nell dar­in, dass eine Sphä­re der sinn­lich ver­mit­tel­ten Leib­lich­keit besteht, die einen Aus­tausch zulässt. Fuchs hat vor die­sem Hin­ter­grund das Ent­ste­hen von Selbst­be­wusst­sein bei etwa acht Mona­te alten Kin­dern erklärt. Die­ser Gedan­ke ist Peirce nicht fremd, schon die frü­he Phi­lo­so­phie for­mu­liert durch­aus Ver­gleich­ba­res – aber er kommt nach mei­nem Urteil zu nichts Kon­kre­tem. M. E. bie­ten sich in der Leib­lich­keits­auf­fas­sung und der Wahr­neh­mungs­phi­lo­s­phie noch Chan­cen wech­sel­seit­ge­en Ler­nens.

6. Dezember 2011

Gal 3,26-29

Die Teilnehmer/innen hat­ten noch etli­che Nach­fra­gen zu 1Kor 15. Dabei stand der Ver­wand­lungs- und Pro­zess­ge­dan­ke im Vor­der­grund, von dem man­che kirch­lich noch nichts gehört haben. Mög­lich ist, dass auch Pau­lus durch­aus „nega­tiv“ von Gott und der Auf­er­we­ckung spricht. Gleich­wohl ist posi­tiv zu erken­nen, dass der „Leib“ für ihn ein Bezie­hungs­be­griff ist, der ein Selbst­ver­hält­nis, Welt­ver­hält­nis­se und das durch Chris­tus ver­mit­tel­te Got­tes­ver­hält­nis bezeich­net. Als „Leib Chris­ti“ kann das Wort meta­pho­risch sogar die Gemein­de bezeich­nen. Zwar erfährt man wenig dar­über, wie die­ser „geist­li­che“ Leib nun genau aus­sieht, aber klar ist, dass auch der Leib im „Glanz“ auf ande­re, ande­res, sich selbst und Gott bezo­gen ist.

Mit der aus­führ­li­chen Erör­te­rung von Gal 3,26-29 schlos­sen wir den Pau­lus­teil zur Anthro­po­lo­gie ab, bevor wir zu Mt 6,19ff über­ge­hen. Man­chen erschien der Text vor dem Hin­ter­grund ihrer kirch­li­chen Erfah­rung eher revo­lu­tio­när. Natür­lich gibt es bei Pau­lus auch gegen­tei­li­ge Tex­te, es ist unsi­cher, ob die­se nach­pau­li­nisch sind – oder Pau­lus einen schwa­chen Tag hat­te. Jeden­falls ist Gal 3,26-29 wohl ein altes Tauf­be­kennt­nis o. Ä., das Pau­lus hier zustim­mend zitiert. Danach wird der „Chris­tus“ bzw. Mes­si­as „ange­zo­gen“, die Beklei­dungs­me­ta­pho­rik ist in der Anti­ke ver­brei­tet. Die Fol­ge ist, dass weder „Männ­li­ches noch Weib­li­ches, weder Jude noch Grie­che bzw. Skla­ve noch Frei­er“ in Chris­tus etwas gel­ten. Domi­nanz­be­stre­bun­gen usf. sol­len daher nicht sein. Für unser Grenz­the­ma ist das wich­tig: Anthro­po­lo­gisch wer­den gesell­schaft­li­che und bio­ti­sche Gren­zen über­schrit­ten – ähn­lich wie beim „natür­li­chen“ und „geist­li­chen“ Leib. Alle erfah­ren sich „in Chris­tus“, sind also auf ihn bezo­gen. Das Chris­ten­tum hat über­wie­gend in sei­ner Geschich­te das Poten­zi­al die­ses Tex­tes nicht hin­rei­chend genutzt.

Inter­es­sant ist auch der Bezug auf „Abra­ham“, den „Vater des Glau­bens“ usf. (vgl. Röm 4). In ihm sind nach 1. Mose 12 alle Völ­ker geseg­net – eine durch­aus aan­ge­mes­se­ne schrift­ge­lehr­te Inter­pre­ta­ti­on, die die­sem Text gegen­über ande­ren Tex­ten den Vor­zug gibt.

Pau­li­nisch ist wie­der klar: Der Mensch kommt aus dem „Glanz“. Die­ser ist ver­lus­tig gegan­gen („Adam“) – und wird durch Kreuz und Auf­er­we­ckung Jesu wie­der für die Men­schen ver­mit­telt. Hier wer­den für die Gegen­wart dann die domi­nan­ten gesell­schaft­li­chen Gegen­sät­ze als vor­über­ge­hend ver­stan­den.

Die Getauf­ten ste­hen exem­pla­risch für alle Men­schen, die die­ser Pro­zess betrifft.