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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


11. Juli 2018

Eine mythi­sche Erzäh­lung von der Ent­ste­hung der Sün­de nach Röm 7,7ff – und ihrer frei­heits­zer­stö­ren­den töd­li­chen Fol­gen

Das The­ma der Sün­de bzw. bzw. des Sün­di­gens ist in der Bibel schon vor der Gesetz­ge­bung am Sinai prä­sent: Vgl. ἥμαρτες in Gen 4,7, zu den hebräi­schen Lexe­men אטח (ḥṭʼ), עשׁר (rš‘), הוע (‘wh) und עשׁפ (pš‘); dazu עער (r‘‘) vgl. hier.  Den­noch beschränkt Pau­lus die Rol­le des Geset­zes auf die päd­ago­gi­sche Funk­ti­on zur Erkennt­nis der Sün­de, wie wir in Gal 3 sahen, zudem von Engeln lan­ciert. Es ist erst 430 Jah­re nach Abra­ham dazu­ge­kom­men. Die­se Per­spek­ti­ve ist nur dann sinn­voll, wenn den Men­schen wie Gott die Fähig­keit zur sitt­li­chen Urteils­kraft zukommt, näm­lich „gut“ und „böse“ unter­schei­den zu kön­nen (expli­zit: Gen 3,22).
Pau­lus struk­tu­riert sei­nen Dis­kurs in Röm 7,7ff durch zwei Fra­gen:

ὁ νόμος ἁμαρτία; (7,7bff)
Τὸ οὖν ἀγαθὸν ἐμοὶ ἐγένετο θάνατος; (7,13ff) (more…)

4. Juli 2018

Gal 5,1-6

 

Gal 5,1-6 ist mit dem Polyp­to­ton ἐλευθερίᾳ … ἠλευθέρωσεν der rhe­to­risch stark sti­li­sier­te bedeu­ten­de pau­li­ni­sche Frei­heits­text, der sich hier vom Skla­ve­rei-Kon­text (ζυγῷ δουλείας [5,1]) der wohl durch mis­sio­na­ri­sche Emp­feh­lung am „Gesetz der Väter“ ori­en­tier­ten Galater*innen, klar absetzt. Da der Text wich­ti­ge Aspek­te des Vor­tex­tes resü­miert, nutz­ten wir das zur Wie­der­ho­lung von zuvor Erar­bei­te­ten. Der Frei­heits­be­griff liegt sowohl der jüdi­schen Reli­gi­on seit Ex 20 als auch der grie­chi­schen poli­ti­schen und phi­lo­so­phi­schen Tra­di­ti­on zugrun­de, stets mit dem Gegen­satz der Skla­ve­rei. Es wur­de auch von einer Teil­neh­me­rin erwähnt, dass der Skla­ven­los­kauf von Pau­lus als Erlö­sungs­bild ver­wen­det wird. (more…)

28. Juni 2018

Das Gesetz als päd­ago­gi­scher Unfall, Gal 3,15ff

Gal 3,15ff ist einer der wich­tigs­ten Tex­te zur pau­li­ni­schen Bewer­tung bzw. Abwer­tung der jüdi­schen Tora. Man/frau sieht, dass Gott ins­be­son­de­re mit den Juden* dar­über inter­agiert, wäh­rend der Segen Abra­hams ande­ren Völ­kern ohne Tora zugäng­lich ist. (more…)

22. Juni 2018

Segen, Fluch und dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung (Gal 3,1ff)

Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments VIII

Wir näher­ten uns einem der ers­ten Tex­te zur pau­li­ni­schen Geset­zes­kri­tik, im Sin­ne der jüdi­schen Tora. Wir wer­den das in den nächs­ten Sit­zun­gen ver­tie­fen. Zunächst wur­den wir mit dem pau­li­ni­schen Gegen­satz von ἐξ ἔργων νόμου vs. ἐξ ἀκοῆς πίστεως kon­fron­tiert. Dabei wird gefragt, woher die Geis­ter­fah­rung der gala­ti­schen Gemein­de­glie­der stam­me (Gal 3,1ff). Pau­lus betont, er habe ihnen Chris­tus als Gekreu­zig­ten vor Augen gestellt bzw. gemalt (vgl. auch 6,17). Und dass nun eine Ori­en­tie­rung an der Beschnei­dung erfol­ge, hält Pau­lus für unbe­son­nen.

Das Pro­blem

In der Tat ist das The­ma der Beschnei­dung (περιτομή), vgl. 5,6ff, zen­tral für Gal. Zunächst ver­such­ten wir anhand von Ex 4,24ff zu ver­ste­hen, was gemeint ist. Dort will der Herr Mose töten. Moses Frau Zip­po­ra beschnei­det zuerst ihren Sohn und berührt mit dem Blut Moses Scham. Dar­aus lässt sich ent­neh­men, dass die­se schmerz­haf­te Ver­let­zung des Penis ein Ersatz für die Tötung ist, denn der Herr lässt nach. Da es ein patri­ar­cha­les Initia­ti­ons­ri­tu­al ist, wer­den die Frau­en ein­be­zo­gen.
Es stell­te sich die Fra­ge, was das hier soll? Wahr­schein­lich behaup­te­ten eini­ge Mis­sio­na­re, man müs­se sich beschnei­den las­sen, damit man so das Gesetz der Väter ach­te – und dem römi­schen Staat kei­nen Anlass gebe, die Christ*innen als Aufrührer*innen zu ver­däch­ti­gen (vgl. auch B. Kahl in der Bibel in gerech­ter Spra­che). Das könn­te erklä­ren, war­um Pau­lus betont, wenn man ein Gebot erfül­le, müs­se man das gesam­te Gesetz hal­ten (vgl. 3,10).

Segen und Fluch, die dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung

Gal 3 ist ein bedeu­ten­des Bei­spiel für die im schrift­ge­lehr­ten Juden­tum ent­wi­ckel­te Metho­de der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung. Zu einer Dar­stel­lung vgl. hier. Die Idee, dass Pau­lus anti­ju­da­is­tisch inter­pre­tiert wer­den kön­ne, beruht auf einer unge­nau­en Kennt­nis des Juden­tums. Gleich­wohl wer­den bis zur Edi­ti­on der Pau­lus­brief­samm­lung vor allem wg. des The­mas „Geset­ze der Väter“ („Sit­ten der Älte­ren“) die vom tat­säch­li­chen Autor Pau­lus stam­men­den Brie­fe über­ar­bei­tet, durch Brie­fe mit „Pau­lus“ als fik­ti­vem Autor ergänzt – und nicht zuletzt durch eine anders­ar­ti­ge Dar­stel­lung des Pau­lus flan­kiert, vgl. dazu.
Bei der Debat­te sahen wir, dass im NT in der Regel die LXX als AT betrach­tet wird. Denn Pau­lus nimmt auf die Abra­hams­fi­gur Bezug. Das ist abso­lut ent­schei­dend, denn nach Gen 12,3 gilt:

προευηγγελίσατο τῷ Ἀβραὰμ ὅτι
ἐνευλογηθήσονται ἐν σοὶ πάντα τὰ ἔθνη. (Gal 3,8)

Wir mach­ten uns klar, dass „Natio­nen“ hier durch eine Ent­wick­lung im 19. Jhdt. bedingt ist und „Völ­ker“ bzw. „Eth­ni­en“ gewählt wer­den soll­te. Sowohl in der Urge­schich­te als auch bei Amos und Jesa­ja ist Gott mit­hin nicht aus­schließ­lich auf Isra­el kon­zen­triert, son­dern inter­agiert mit ande­ren Völ­kern, welt­weit. Dar­auf nimmt Pau­lus hier Bezug, zumal in der Urge­schich­te klar ist, dass es kei­ne Beschnei­dung gibt – und der Bund mit Noah (Gen 9) auch kei­ne Spei­se­ge­bo­te vor­sieht. Die­sen Punkt ver­tie­fen wir noch. Jeden­falls ist der Bezug auf eine frü­he Stel­le der Hei­li­gen Schrif­ten der Jüdin­nen* typisch für die schrift­ge­lehr­te dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung. Daher gehört der „Segen Abra­hams“ auch den eth­nisch anders ori­en­tier­ten Christ*innen in Klein­asi­en.
Wer das aber durch die Beschnei­dung ergänzt, zieht sich den Fluch zu, alle Gebo­te erfül­len zu müs­sen, wie Pau­lus mit Bezug auf Lev 18,5 for­mu­liert. Und Pau­lus löst mit Bezug auf Dtn 21,3 die­ses Pro­blem pro­blem­ge­schicht­lich. Da Chris­tus am Pfahl starb, wur­de er vom Gesetz ver­flucht – und „für uns“ zum Fluch, sodass wir den Segen Abra­hams emp­fan­gen kön­nen. Die Erlö­ser­fi­gur muss in Pro­blem­ge­schich­ten stets bei­de Ele­men­te des Haupt­ge­gen­sat­zes der Erzäh­lung an sich tra­gen, so wird er vom Gesetz ver­flucht, sodass er „für uns“ zum Fluch wur­de (vgl. 2Kor 5,21). Dar­aus ent­steht die Mög­lich­keit, ohne Beschnei­dung und Gesetz den Segen Abra­hams zu emp­fan­gen.
Wir hat­ten das pro­blem­ge­schicht­li­che Modell schon an der Schlan­ge in Gen 2f ken­nen­ge­lernt.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

1. Über­set­zen Sie Gal 3,15-29 und glie­dern Sie den Text!
2. Was meint Pau­lus mit den Zah­len­an­ga­ben in 3,17?
3. Was oder wer ist mit dem μεσίτης in 3,20 gemeint – und was ist die Poin­te?
4. Wor­auf läuft die gesam­te Argu­men­ta­ti­on hin­aus?

 

 

14. Juni 2018

1Kor 10,23ff

 

Die Sit­zung erör­ter­te wei­ter den refle­xi­ven Begriff συνείδησις, der auch in 10,23ff lei­tend ist. Er bezeich­net die selbst­be­stimm­te Hand­lungs­ori­en­tie­rung, die sich in plu­ra­len Situa­tio­nen als hilf­reich erwei­sen kann. Pau­lus zufol­ge ergibt sich ein Feld von Bezugs­punk­ten zwi­schen ἀγάπη, ἐλευθερία. Dabei wird ein kom­ple­xes Modell ent­fal­tet, in dem das Gewis­sen sich am Ande­ren ori­en­tie­ren soll, der nicht aus der Gemein­de her­aus­fal­len soll, sodass Frei­heit auch die Fähig­keit zur Selbst­zu­rück­nah­me ein­schließt.
Wir erör­ter­ten das an aktu­el­len kirch­li­chen Fäl­len wie der „Ehe für alle“, wo eben­falls zugleich inhalt­li­che Bestimmt­heit und Anders­sein ver­mit­telt wer­den müs­sen.
Gibt es Gren­zen? – war eine wich­ti­ge Fra­ge, die uns in der Fol­ge beglei­ten wird.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

1. Über­set­zen und glie­dern Sie Gal 3,1-14!
2. Was ist das Pro­blem?
3. Wes­halb und wie ist vom „Fluch“ die Rede?
4. Was soll der Bezug auf Abra­ham?

6. Juni 2018

Der eine Gott, das Gewis­sen und der Bru­der (1Kor 8) – Uni Hd

Wir ver­stan­den, dass als der Hin­ter­grund am ehes­ten die Gel­tung der LXX als hei­li­ge Schrif­ten in der korin­thi­schen Gemein­de anzu­se­hen ist. Dort ist ins­be­son­de­re seit Ex 20,4 von εἴδωλον usf. die Rede. Wich­tig sind Dtjes und Sap­Sal. Ob jemand in Korinth die Kri­tik des Xeno­pha­nes kann­te, ist nicht sicher. Sowohl die jüdi­sche Reli­gi­on als auch eini­ge grie­chi­sche Phi­lo­so­phen ent­wi­ckel­ten ein mono­the­is­ti­sches Got­tes­ver­ständ­nis. Vgl. als Beleg, dass die­ser Sach­ver­halt biblisch prä­sent ist: Sap­Sal 13, aber auch Röm 1,19ff. (more…)

1. Juni 2018

Sym­me­tri­en in Gal 3,26-29 (Uni Hd)

 

Die Sit­zung befass­te sich zunächst mit dem Rekurs auf φύσις in 1Kor 11 und Röm 1. Es bestand Einig­keit dar­in, dass es nicht ein­fach „natür­lich“ sein kann, son­dern einen kul­tu­rel­len Sinn haben muss, auch weil Pau­lus συνήθεια in der Fol­ge ver­wen­det. Es geht mit­hin um eine Gewohn­heit, die aktu­ell eta­bliert ist. Wir mach­ten uns an Ri klar, dass biblisch gele­gent­lich auch Män­ner lan­ge Haa­re tra­gen, es ist mit­hin ein aktu­el­les Gen­der­zei­chen. (more…)

17. Mai 2018

1Kor 11,3ff Uni Hd, 14.05.

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Ent­schei­dend war die Ein­sicht, dass Pau­lus nicht ein­fach das Gesag­te vor­schreibt, son­dern an die Urteils­kraft der Korinther*innen appel­liert, die sie als Gemein­de­glie­der hät­ten (11,13ff). Pau­lus ver­steht hier ἐκκλησία (Gemein­de, Kir­che) als Rats­ver­samm­lung, was wohl schon in der LXX so ist. Damit knüpft er an Gen 3,1ff an, wo Eva und Adam mit­hil­fe der Schlan­ge die sitt­li­che Urteils­kraft erwer­ben.

Der Vor­schlag fand Zustim­mung, die letz­te Sit­zung statt­fin­den zu las­sen. Die wei­te­ren Gene­sis­tex­te, die den schrift­ge­lehr­ten Hin­ter­grund der pau­li­ni­schen Argu­men­ta­ti­on in Gal und Röm bil­den könn­ten, wer­den par­al­lel zur Behand­lung der Pau­lus­tex­te zur Kennt­nis genom­men. alltagundphilosophie.com/1Hen6_bis_11.pdf (Link zu einer Über­set­zung.)

1. Die mut­maß­li­che Pro­ble­ma­tik

Die Aus­le­gung des Tex­tes ist kon­tro­vers, zumal er in sich gespannt erscheint. Vgl. http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/2016/05/28/einfuehrung-in-die-hermenutik-des-neuen-testaments-%c2%a7-5-magdalene-l-frettloeh/ zu bestimm­ten femi­nis­ti­schen Fra­gen. Wir erör­ter­ten zunächst, ob es um die Haar­tracht der Frau­en oder eine zusätz­li­che Kopf­be­de­ckung geht. Die Wen­dung ἡ κόμη ἀντὶ περιβολαίου δέδοται [αὐτῇ] in 11,15 spricht für Ers­te­res. Nur κατὰ κεφαλῆς ἔχων im Blick auf Män­ner (11,4) könn­te eine zusätz­li­che Kopf­be­de­ckung im Blick haben, ist aber auch als lan­ges Haar inter­pre­tier­bar. Die Über­set­zung von Lui­se Schott­roff in der „Bibel in gerech­ter Spra­che“ fin­det mei­ne Zustim­mung. Sehr wahr­schein­lich wird es, dass es um Pro­ble­me der Haar­tracht geht, wenn man/frau die For­men von ξυράω bzw. κείρω in 11,6f ein­be­zieht. Selbst „die Gescho­re­ne“ als Bezeich­nung einer Hetä­re kommt vor. (more…)

1. Mai 2018

Mythen in Gen 1-3: Uni Hei­del­berg, 30.04.

Die Datie­rung der Tex­te setzt wohl das baby­lo­ni­sche Exil vor­aus, auch 2,4bff mag zwar eine län­ge­re Vor­ge­schich­te in Meso­po­ta­mi­en haben, als Weis­heits­text wür­de ich ihn in das vier­te Jhdt. v. d. Z. set­zen. 1,26ff lässt sich gut als Ant­wort auf Xeno­pha­nes ver­ste­hen, also auch 5. oder 4. Jhdt v. d. Z.
Zu den Mythos­fra­gen recht instruk­tiv Micha­el Blu­mes Antritts­re­de in Hei­del­berg vom 25.04., als Video leicht erreich­bar über sei­nen Twit­ter­ac­count @BlumeEvolution. (more…)

26. April 2018

Ver­an­stal­tung in Hei­del­berg am 23.04.

 

 

Die Schöp­fungs- und Para­die­s­er­zäh­lung (Gen 1,1-3,24)

Bei­de Erzäh­lun­gen gehö­ren zur Urge­schich­te, die eine Ein­lei­tung zur Bibel dar­stellt. M. E. bezie­hen sich alle Tex­te zum Geschlech­ter­ver­hält­nis in der Bibel auf sie bzw. sind mit ihnen ver­bun­den. Für Pau­lus ist zudem wesent­lich, dass Eva und Adam hier mit­hil­fe der Schlan­ge die sitt­li­che Urteils­kraft erlan­gen – und in die­sem Sinn wer­den wie Gott (vgl. Gen 3,22). Wei­ter wird am Anfang der Bibel deut­lich, dass die­ses Buch nicht mit Ein­heit­lich­keits-Fan­ta­si­en gefüllt sein könn­te.
In Gen 1,1ff geht es nicht um die Erzäh­lung einer crea­tio ex nihi­lo. Statt­des­sen ist vom תֹ֨הוּ֙ וָבֹ֔הוּ [tohu wa bohu] die Rede, mit­hin ein Cha­os­zu­stand. Im Semi­nar wur­de betont, dass in Gen 1 dar­auf eine Ord­nung auf­baut. Das geschieht in sie­ben Tages­schrit­ten. Dabei ent­steht die mensch­li­che Lebens­welt, zu der Gewäs­ser, Pflan­zen, Tie­re, Gestir­ne und Zei­ten gehö­ren. Die viel­leicht wich­tigs­te Zeit­ord­nung ist die Unter­schei­dung von sechs­tä­gi­ger Arbeits­zeit und ein­tä­gi­ger Ruhe­zeit im Wochen­rhyth­mus. (more…)