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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


12. Juli 2019

Zwölf­te Vor­le­sung zur Εin­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments

 

Verehrte Damen und Herren,

 

ich begrüße Sie zum Epilog der Vorlesung!

 

1. Die Parabel von der selbstwachsenden Saat (Mk 4,26-29)

Ich bin der Überzeugung, dass man das Extravaganzkonzept, welches Harnisch 1 auf große Erzählungen beschränkte wie die Arbeiter im Weinberg, den barmherzigen Samaritaner, den Schalksknecht u. a. m., auch auf kleinere Parabeln anwenden kann, die als rhetorische Gattung der παραβολαί beachtliche Verbreitung besitzen. Wir sehen uns heute exemplarisch die Parabel von der „selbst wachsenden Saat“ in Mk 4,26-29 an. (more…)

  1. Die Gleichniserzählungen Jesu. Eine hermeneutische Einführung, UTB 1343). Vgl. Vorlesung sieben.
15. Juni 2019

Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments, ach­te Vor­le­sung

Mei­ne Damen und Her­ren,

ich begrü­ße Sie zur ach­ten Vor­le­sung über die Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments. Gibt es noch Rück­fra­gen zu Bild­lich­keit und Extra­va­ganz?

1. Hin­füh­rung: das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell
2. Pau­lus Mar­kus Johan­nes
3. Das Abend­mahl im Hori­zont der Pro­blem­ge­schich­te

 

1. Hin­füh­rung: das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell

Es geht im Chris­ten­tum um Erlö­sung, was in den drei „ethi­schen“ Reli­gio­nen nach Schlei­er­ma­cher, aber auch in den Hin­du-Reli­gio­nen und selbst­ver­ständ­lich auch in den Vari­an­ten der bud­dhis­ti­schen Reli­gi­on der Fall ist.

(more…)

17. Mai 2019

Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments, fünf­te Vor­le­sung

 

 

Streik katho­li­scher Frau­en vor Maria mit ange­deu­te­ter Vul­va

VOR­SPRUCH

Zu Schlei­er­ma­cher kön­nen Sie den ver­link­ten Text lesen.   Zu Bult­mann kön­nen wir noch die Abbil­dun­gen ab hier erör­tern, den Bezug auf Hans Jonas, Prin­zip Ver­ant­wor­tung, Mythos-Pro­blem, eben­so Extra­va­ganz, wel­che das Objek­ti­vie­rungs-Pro­blem zu unter­lau­fen ver­sucht.

1 Ein­füh­rung

Die theo­lo­gi­sche Bear­bei­tung der Benach­tei­li­gung der Frau­en begann pro­tes­tan­tisch bei Luther, der erkann­te, dass es nicht schlüs­sig sei, die Frau­en von der Pre­digt­tä­tig­keit aus­zu­schlie­ßen, allein ihre Stim­me sei zu schwach, sodass sie nur dann zum Zuge kämen, wenn kein Mann pre­di­gen kön­ne. Schlei­er­ma­cher sah in sei­ner Päd­ago­gik-Vor­le­sung seit 1814 vor, dass die Mäd­chen zur Schu­le gehen müss­ten, nur durch Bil­dung wür­den die Frau­en an allen Aspek­ten des orga­ni­sie­ren­den und bezeich­nen­den Han­delns par­ti­zi­pie­ren kön­nen. In Deutsch­land zeig­ten sich ers­te Erfol­ge in der Wei­ma­rer Repu­blik, im Wis­sen­schafts­sys­tem zuvor schon in der Schweiz. Intel­lek­tu­el­le Frau­en sind Rosa Luxem­burg und Han­nah Arendt, letz­te­re eine Schü­le­rin Rudolf Bult­manns. Die Posi­ti­on in den frü­hen 1970er Jah­ren, Bibel und Chris­ten­tum sei­en domi­nant patri­ar­chal geprägt, spi­ri­tu­el­le Frau­en müss­ten sich an Göt­tin­nen ori­en­tie­ren, lie­ßen in den 1980er Jah­ren nach. In den 1990er Jah­ren setz­te sich bei man­chen Femi­nis­tin­nen die Ein­sicht durch, dass ihre Zie­le wohl nur gemein­sam mit Män­nern durch­setz­bar wären. Die Frau­en sind heu­te genau­so gut oder bes­ser gebil­det wie bzw. als Män­ner, daher steht ihnen kirch­lich alles offen. (more…)

10. Mai 2019

Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments, vier­te Vor­le­sung

 

 

 

Ver­ehr­te Damen und Her­ren,

ich begrü­ße Sie zur zwei­ten Vor­le­sung über die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments in der Moder­ne, die anhand des Ansat­zes von Rudolf Bult­mann wich­ti­ge Aspek­te der künf­ti­gen Vor­ge­hens­wei­se skiz­ziert.

In der Schlei­er­ma­cher-Vor­le­sung kam es zu Rück­fra­gen oder auch Ein­wän­den bezüg­lich des Wesens des Chris­ten­tums im Blick auf aktu­el­le Erschei­nun­gen wie Pro­tes­tan­tis­mus­kri­tik oder auch Zuge­hö­rig­keits­be­haup­tun­gen der AfD, was man/frau sich etwa an Bea­trix von Storch oder Alex­an­der Gau­land, des­sen Toch­ter Pfar­re­rin der EKHN ist, klar­ma­chen kann. Es ist zu beto­nen, dass das alles fair und auf dem Weg des διαλέγεσθαι (dia­lé­ges­t­hai) gesche­hen muss, mit NT und phi­lo­so­phi­scher Theo­lo­gie als nor­ma­ti­vem Inter­pre­tant unter Ein­be­zug der Kir­chen­ge­schich­te seit dem letz­ten Drit­tel des 19. Jhdts, wobei es in der Wei­ma­rer Repu­blik hef­ti­gen Wider­stand gegen den Art. 137 WRV gab, der Tren­nung von Kir­che und Staat, dazu reli­gi­ös-welt­an­schau­li­chen Plu­ra­lis­mus ver­füg­te und über Art. 140 GG auch für die Bun­des­re­pu­blik gilt. Anhand des Pro­blems des Frem­den­has­ses dürf­te der Schlei­er­ma­cher­sche Bezug auf NT, auch die Bibel ins­ge­samt ein­leuch­ten. Trotz­dem bleibt das aktu­el­le Pro­blem der Aus­ein­an­der­set­zung bestehen. Bestimm­te the­ma­ti­sier­te Sach­ver­hal­te sind m. E. straf­recht­lich rele­vant, aber m. E. ist es bezo­gen auf die Jesus­tra­di­ti­on ange­mes­sen, das Gespräch zu suchen, was offen­sicht­lich anstren­gend ist – und man­chem* als aus­sichts­los erscheint.

Eine wei­te­re Rück­fra­ge galt mei­ner Ver­tei­di­gung von Schlei­er­ma­chers Modell gegen „Dog­ma­tik als Stück der Prak­ti­schen Theo­lo­gie“ (Wil­helm Gräb), weil dann NT und phi­lo­so­phi­sche Theo­lo­gie nicht mehr als nor­ma­ti­ver Inter­pre­tant fun­gie­ren. Das Chris­ten­tum hat m. E. nicht erst mit der Auf­klä­rung begon­nen.

Gibt es wei­te­re Rück­fra­gen zur letz­ten Vor­le­sung?

Ich bezie­he mich heu­te auf fol­gen­de Wer­ke und Auf­sät­ze häu­fig, die ich dann im Text nur mit Namen und Jah­res­zahl zitie­re:

Bult­mann 19511; Bult­mann 19522; Bult­mann 19673; Bult­mann 19844; Dew­ey 19345; Dew­ey 20086; Ditt­mer 20017; 8; Lin­de 20139; Pött­ner 199510.

Ich begin­ne mit einer Ein­füh­rung (1.), wen­de  mich sodann dem Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­pro­gramm bzw. der exis­ten­zia­len Inter­pre­ta­ti­on (2.) zu und erör­te­re schließ­lich mög­li­che Fort­schrei­bun­gen von Bult­manns Posi­ti­on (3.).

1 Ein­füh­rung

Rudolf Bult­mann ist wie Schlei­er­ma­cher ein außer­ge­wöhn­li­cher Theo­lo­ge, der welt­of­fen leb­te und dach­te. Vgl. Sie den Über­blick im (https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Bultmann ) Wiki­pe­dia-Arti­kel, wo auch wich­ti­ge Lite­ra­tur­an­ga­ben zu fin­den sind. Sowohl in sei­ner Schu­le und noch stär­ker bei sei­nen Geg­nern herrscht aber eine Lek­tü­re vor dem Hin­ter­grund von Über­ver­ein­fa­chun­gen vor, die sicht­bar macht, dass im evan­ge­li­schen Dis­kurs zu wenig Übung in wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen und phi­lo­so­phi­schen Fra­ge­stel­lun­gen besteht. In bei­den Dis­zi­pli­nen war Bult­mann aber gut – und daher wird er m. E. auch heu­te noch in man­chen Aspek­ten falsch inter­pre­tiert und/oder auch falsch bewer­tet. Die durch­schnitt­li­chen Feh­ler fin­den sich auch im Wiki­pe­dia-Arti­kel. (more…)

  1. Bult­mann, Rudolf, 1951, Neu­es Tes­ta­ment und Mytho­lo­gie, in: H. W. Bartsch (Hg.), Keryg­ma und Mythos. Ein theo­lo­gi­sches Gespräch, Ham­burg, 15-48
  2. Bult­mann, R., 1952, Zum Pro­blem der Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung, in: H. W. Bartsch (Hg.) Keryg­ma und Mythos. II. Band. Dis­kus­sio­nen und Stim­men zum Pro­blem der Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung, Ham­burg, 179-208
  3. Bult­mann, R., 1967, Exege­ti­ca, E. Dink­ler (Hg.), Tübin­gen
  4. Bult­mann, R., 1984, Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments, 9. Aufl. Tübin­gen
  5. Dew­ey, John, 1934, A Com­mon Faith., new ed. 2013: Th. A. Alex­an­der (Hg.), New York
  6. Dew­ey, J., 2008, Logik. Die Theo­rie der For­schung, stw 1902, Frank­furt u. a.
  7. Ditt­mer, Johan­nes, 2001, Schlei­er­ma­chers Wis­sen­schafts­leh­re als Ent­wurf einer pro­zes­sua­len Meta­phy­sik in semio­ti­scher Per­spek­ti­ve. Tria­di­zi­tät im Wer­den, TBT 113, Ber­lin u. a.
  8. Ditt­mer, J., 2014: Dis­kus­si­ons­bei­trag zum Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­ar­ti­kel: http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/2014/06/29/art-entmythologisierung-diskussionsentwurf
  9. Lin­de, Gesche, 2013, Zei­chen und Gewiss­heit. Semio­ti­sche Ent­fal­tung eines pro­tes­tan­tisch-theo­lo­gi­schen Begriffs, RPT 69, Tübin­gen
  10. Pött­ner, Mar­tin, 1995, Rea­li­tät als Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ansät­ze zur Beschrei­bung der Gram­ma­tik des pau­li­ni­schen Spre­chens in 1Kor 1,4-4,21 im Blick auf lite­ra­ri­sche Pro­ble­ma­tik und Situa­ti­ons­be­zug des 1. Korin­ther­briefs, Theo­lo­gie 2, Ber­lin u. a.
13. April 2019

Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments I

§ 1: Hin­füh­rung zum Pro­blem

 

Ver­ehr­te Damen und Her­ren,

ich begrü­ße Sie in die­ser Vor­le­sung zu einer Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en  Neu­en Tes­ta­ments!

 

Inhalt

1 Pro­ömi­um
2 Über­blick
3 Das Pro­blem, das hin­ter der Her­me­neu­tik steht: die Fremd­heit der Zei­chen­ver­wen­dung ande­rer Men­schen
4 All­ge­mei­ne und spe­zi­el­le Her­me­neu­tik?

 

Wie Sie am  Inhalts­ver­zeich­nis sehen kön­nen, hat die heu­ti­ge Vor­le­sung vier Abschnit­te. Zunächst erläu­te­re ich im Pro­ömi­um bzw. der Vor­re­de skiz­zen­haft das­je­ni­ge, was ich vor­ha­be. Sodann gebe ich einen Über­blick über den geplan­ten Inhalt und bestimm­te for­ma­le Aspek­te die­ser Vor­le­sung. Wei­ter ver­su­che ich einen Anschluss­punkt für das her­me­neu­ti­sche Pro­blem im Neu­en Tes­ta­ment selbst zu fin­den, da in 1Kor 14 m. E. das zen­tra­le Pro­blem der Fremd­heit expli­zit erwähnt und mit der Metho­de der Über­set­zung ange­gan­gen wird.
Der letz­te Abschnitt the­ma­ti­siert das Pro­blem der all­ge­mei­nen und der spe­zi­el­len Her­me­neu­tik, wie es auch in Schlei­er­ma­chers Her­me­neu­tik und Kri­tik, 1977 (stw 211) for­mu­liert wird. (more…)

23. Februar 2019

Über­blick über die Her­me­neu­tik-Vor­le­sung im Som­mer­se­mes­ter

Abschnitt der Vor­le­sung und §:

I.  Pro­emi­um und his­to­ri­sche Expo­si­ti­on des Pro­blems

1: Hin­füh­rung zum Pro­blem (15.04)

Ostern

2: Die Ent­ste­hung der Schrift­re­li­gi­on im Juden­tum und ihre Bedeu­tung für das her­me­neu­ti­sche Pro­blem (29.04.)

II. Moder­ne

3: Das Modell Fried­rich Schlei­er­ma­chers in der „Kur­zen Dar­stel­lung“: „exege­ti­sche Theo­lo­gie“ und Her­me­neu­tik als Kunst­leh­re (06.05)
4: Das Pro­blem der im All­tag prä­sen­ten expe­ri­men­tel­len Metho­de in den Natur­wis­sen­schaf­ten und die Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung: Rudolf Bult­mann (13.05.)
5: Die Not­wen­dig­keit, die Geschlech­ter­fra­ge zu berück­sich­ti­gen (Mag­da­le­ne F. Frett­löh) (20.05.)

III. Vor­schlag: Bild­lich­keit und Nar­ra­ti­vi­tät berück­sich­ti­gen

6: Die Fra­ge der Bild­lich­keit reli­giö­ser Rede und Zei­chen­kom­ple­xe (27.05.)
7: Die (mög­li­che) Extra­va­ganz reli­giö­ser Bil­der, Charles Peirce u. a. (03.06.)

Pfings­ten

8: Pro­blem­ge­schich­ten: Mar­kus, Pau­lus und Johan­nes (17.06.)
9: Dua­lis­ti­sche Erzähl­wei­sen: Mat­thä­us, Hebrä­er­brief und Apo­ka­lyp­se des Johan­nes – sowie  „Ver­schwö­rungs­my­then“ ([Micha­el Blu­me] 24.06.)
10: Erfolgs­ge­schich­ten: Luka­ni­sches Dop­pel­werk, Her­aus­ge­ber der „Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on“ (01.07.)
11: Die Berg­pre­digt (08.07.)
12: Extra­va­ganz in Para­beln Jesu (παραβολαί [para­bo­lai]) (15.07.)

IV. Epi­log

13:  Abschluss­dis­kus­si­on (22.07.)

Die Vor­le­sung prä­sen­tiert mit­hin her­me­neu­ti­sche Model­le – und führt in ihren Voll­zug ein, sodass Sie sich ori­en­tie­ren kön­nen. Das habe ich in Mar­burg und Zürich so gelernt, Her­me­neu­tik ist prak­tisch und kon­kret. In Mar­burg durch den Geist Ernst Fuchs’, der durch Wolf­gang Har­nisch und Gerd Schu­n­ack prä­sent war, vor allem aber durch Fuchs’ bedeu­ten­den Ver­such, der „Mar­bur­ger Her­me­neu­tik“. In Zürich durch Hans Weder, der eben­falls durch Fuchs und des­sen Schü­ler Eber­hard Jün­gel beein­flusst war. Dadurch wer­den Model­le stets an Tex­ten erprobt – und Sie kön­nen einen eige­nen Ein­druck gewin­nen, was die­se zu leis­ten ver­mö­gen. Neben­bei the­ma­ti­siert die­se Vor­le­sung daher das gesam­te Neue Tes­ta­ment.

Ich beschrän­ke die detail­liert erör­ter­ten moder­nen Posi­tio­nen exem­pla­risch auf die­je­ni­gen Fried­rich Schlei­er­ma­chers, Rudolf Bult­manns und der femi­nis­ti­schen Posi­ti­on Mag­da­le­ne Frett­löhs. M. E. sind damit alle Pro­ble­me zu bear­bei­ten. Ich unter­stel­le mit­hin, dass die Rede von Post- oder Spät­mo­der­ne wenig sach­hal­tig ist.

Zwei Punk­te sind für die Vor­le­sung wich­tig:

1. M. E. ist „Reli­gi­on“ nicht unver­nünf­tig. Daher erör­ter­te ich expli­zit Fra­gen der dua­lis­ti­schen Erzähl­mus­ter, die häu­fig mit Kon­tra­dik­tio­nen und logi­schen Wider­sprü­chen arbei­ten. All­ge­mein gehört zur Ver­nunft, dass wir uns nar­ra­tiv selbst ver­stän­di­gen. Und wir dür­fen das auch bild­lich tun.
2. Für das Chris­ten­tum gilt, dass unter­stellt wird, wir stün­den stän­dig in der Gefahr, uns reli­gi­ös zu ver­feh­len, mit­hin zu sün­di­gen o. Ä. Daher ver­tre­ten vie­le neu­tes­ta­ment­li­che Tex­te wie im Juden­tum die Idee einer Lebens­wen­de, den­ken Sie exem­pla­risch an die Para­bel von den „ver­lo­re­nen Söh­nen“ in Lk 15. M. E. reagie­ren eini­ge Tex­te im Neu­en Tes­ta­ment dar­auf – und bil­den „extra­va­gan­te Mus­ter“ aus, all­täg­lich Gewohn­tes wird zitiert, ver­frem­det und poe­tisch-rhe­to­risch wei­ter­ge­führt.

All­ge­mein gilt, dass z. B. gemes­sen an Aris­to­te­les Gefüh­le, Lei­den­schaf­ten, Argu­men­ta­tio­nen, Erzäh­lun­gen u. a. m. für Men­schen typisch sind. Wir ver­su­chen in der Vor­le­sung her­me­neu­tisch zu erar­bei­ten, wo die Gren­ze „vernünftig“/ „unver­nün­tig“ gezo­gen wer­den kann bzw. wo das erfor­der­lich sein könn­te.

20. Juni 2018

Alfred North Whitehead (1861-1947) Bad Rap­penau

 

Dis­kus­si­ons­be­darf vom letz­ten Diens­tag

 

Um das Extra­va­ganz­mo­dell von Peirce zu ver­an­schau­li­chen, habe ich auf fol­gen­den Sach­ver­halt hin­ge­wie­sen:

Es gibt in der Bibel weder eine grie­chi­sche, hebräi­sche oder ara­mäi­sche Voka­bel für z. B. „Auf­er­ste­hung“ o. Ä. קוֻם (kum), ἀνίσταναι (anhi­sta­nai) und ἐγείρεσθαι (ege­i­rest­hai) bezeich­nen sowohl den all­täg­li­chen Vor­gang des Auf­ste­hens bzw. Auf­ge­weckt­wer­dens als auch den­je­ni­gen, wel­cher dem Tod folgt. Die glei­che Ambi­gui­tät liegt beim „Schla­fen“ (κοιμᾶν [koiman]) vor, vgl. z. B. Dan 12,2f. Zur­zeit respek­tie­ren offen­bar nur eini­ge weni­ge der Übersetzer/innen der „Bibel in gerech­ter Spra­che“ die­sen bibli­schen Sach­ver­halt.

Neue Natur­phi­lo­so­phie bei Whitehead

Den umfas­sen­den Anspruch Whiteheads zeigt die­se Äuße­rung:

[…] es muss eines der Moti­ve einer voll­stän­di­gen Kos­mo­lo­gie sein, ein Sche­ma von Ide­en zu ent­wer­fen, in dem die ästhe­ti­schen, mora­li­schen und reli­giö­sen Inter­es­sen mit jenen Begrif­fen von der Welt in Ver­bin­dung gebracht wer­den, die ihren Ursprung in der Natur­wis­sen­schaft haben. (Pro­zess und Rea­li­tät, 22)

Es geht nach die­ser Äuße­rung daher dar­um, den Natur­be­griff bzw. das Natur­ver­ständ­nis so zu erwei­tern, um Ele­men­te des „Geis­tes“ bzw. der Kul­tur ein­be­zie­hen zu kön­nen. Damit folgt auch Whitehead dem Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­ten Emer­son, der in sei­nem Essay „Natu­re“ die­ses Pro­gramm – roman­tisch inspi­riert – poe­tisch ange­deu­tet hat­te.
Ich ver­su­che, Whitehead vor allem vor die­sem prag­ma­tis­ti­schen Hin­ter­grund zu erläu­tern. Es gibt Ver­su­che, das Modell im Kon­text der Sys­tem­theo­ri­en zu beschrei­ben, was mir wie Ham­pe, Whitehead, nicht recht ein­leuch­tet. (more…)

13. Juni 2018

Bad Rap­penau, Phi­lo­so­phie in Nord­ame­ri­ka I: Peirce

Das Pro­gramm im Som­mer: Peirce und Whitehead

Der Phi­lo­so­phie­bei­trag knüpft an die Erwä­gun­gen im letz­ten Herbst an, die das us-ame­ri­ka­ni­sche Sys­tem von der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung her erklä­ren und mit dem deut­schen Sys­tem nach Art. 137 WRV ver­glei­chen bzw. pro­fi­lie­ren woll­ten. In den bei­den phi­lo­so­phi­schen Bei­trä­gen in die­sem Semes­ter bespre­chen wir Charles Peirce und Alfred North Whitehead, bei­des Phi­lo­so­phen, die das Poten­zi­al der us-ame­ri­ka­ni­schen Ent­wick­lung deut­lich machen kön­nen. Bei­de Phi­lo­so­phen akzep­tie­ren die expe­ri­men­tel­le Metho­de in den Natur­wis­sen­schaf­ten, sind aber auch den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten gegen­über offen. Die­se Offen­heit hängt u. a. damit zusam­men, dass in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jhdts. inner­halb der Mathe­ma­tik Ent­wick­lun­gen wie die Men­gen­leh­re, die Wahr­schein­lich­keits­ma­the­ma­tik und die Theo­rie der Rela­tio­nen ent­stan­den. Dadurch wur­de phi­lo­so­phisch man­ches neu denk­bar. Bei­de knüpf­ten an pro­zes­sua­le Vor­stel­lun­gen an, die im 19. Jhdt. bei Schlei­er­ma­cher, Schel­ling und Hegel ent­wi­ckelt wor­den waren.
Ein Aspekt der Kul­tur ist außer den Wis­sen­schaf­ten für bei­de Phi­lo­so­phen wesent­lich, der Aspekt der Reli­gi­on. Und daher liegt in bei­den Ent­wür­fen auch eine pro­zessphi­lo­so­phi­sche Got­tes­leh­re vor. Bei­de Phi­lo­so­phen sind Prag­ma­tis­ten, d. h., sie unter­stel­len, dass wir han­delnd auf die Wirk­lich­keit zugrei­fen – und dass die­ser Zugriff der Wirk­lich­keit nicht äußer­lich ist. Wir klä­ren die genaue Bedeu­tung von „Prag­ma­tis­mus“ sofort bei Peirce. (more…)

23. Juli 2016

§ 12 Schluss

1. Mk 4,26ff

2. The­sen

3. Dis­kus­si­on

  1. Die Para­bel von der selbst­wach­sen­den Saat (Mk 4,26-29)

Ich bin der Über­zeu­gung, dass man das Extra­va­ganz­kon­zept auf vie­le „Para­beln“ anwen­den kann. Har­nisch[1]beschränk­te es auf gro­ße Erzäh­lun­gen wie die Arbei­ter im Wein­berg, den barm­her­zi­gen Sama­ri­ta­ner, den Schalksknecht u. a. m.

Wir sehen uns heu­te exem­pla­risch die Para­bel von der „selbst wach­sen­den Saat“ in Mk 4,26-29 an. Mk erläu­tert in Kap. 4 für das Mar­ku­sevan­ge­li­um, wor­um es bei der Got­tes­herr­schaft bzw. dem Reich Got­tes geht – und wel­che Rezep­ti­ons­pro­ble­me es gibt, schließ­lich kön­nen die Schü­ler nach die­sen gan­zen para­bo­li­schen Beleh­run­gen den Sturm nicht stil­len – und Jesus muss es tun. (more…)

19. Juni 2016

Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Testaments,siebte Vor­le­sung

Charles San­ders Peirce (1839-1914)

Ver­ehr­te Damen und Her­ren,

ich begrü­ße Sie zur sieb­ten Vor­le­sung. Gibt es noch Rück­fra­gen zur letz­ten Vor­le­sung?

  1. Das Pro­blem der Extra­va­ganz
  2. Die Rede vom „Auf­ste­hen des Men­schen­sohns“ im Kon­text von Mk 16,1-8: eine nar­ra­ti­ve Leer­stel­le als Raum für die Dar­stel­lung des Ver­trau­ens auf das Evan­ge­li­um

1.  Das Pro­blem der Extra­va­ganz

Zunächst argu­men­tie­re ich für einen an Schlei­er­ma­cher ori­en­tier­ten Hin­ter­grund – und gehe dann auf den ver­wand­ten Ansatz von Charles Peirce ein, der dann m. E. einen plau­si­blen Vor­schlag macht, wie doch eini­ge reli­giö­se Zei­chen­kom­ple­xe zu ver­ste­hen sind. Es geht also her­me­neu­tisch um ein Pro­blem der Fremd­heit der Zei­chen. (more…)