Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Kla­ge­lie­der Jere­mi­as, Eze­chiel I

Kla­ge­lie­der Jere­mi­as / Thre­ni

Die (durch die LXX) dem Jere­mia zuge­schrie­be­nen fünf Kla­ge­lie­der stam­men von unbe­kann­ten Dich­tern der Exils­zeit). Sie geben Auf­schluss über die Situa­ti­on nach Zer­stö­rung des Tem­pels; das ers­te Lied kann mög­li­cher­wei­se schon nach der ers­ten Depor­ta­ti­on 597 ent­stan­den sein. Die Lie­der 1, 2 und 4 set­zen mit dem Wehe­ruf der Toten­kla­ge ein, daher hat das Buch sei­nen hebräi­schen Namen אֵיכָה, ’êkâ. Der auch übli­che Name „Thre­ni“ lei­tet sich von dem in der LXX gebrauch­ten, grie­chi­schen Wort für „Kla­ge­lied“ ab.
Die Per­spek­ti­ve der Lie­der ist trotz aller Zer­stö­rung die Hoff­nung auf erneu­te Zuwen­dung Got­tes. Man akzep­tiert die Gerichts­bot­schaft der Pro­phe­ten, so fin­det sich in 3,40-42 ein Buß- oder Umkehr-Bekennt­nis. Die Lie­der sind wohl bei Kla­ge­fei­ern gesun­gen wor­den, wie sie in Sach 7,3 belegt sind. Der Form nach han­delt es sich um ver­misch­te Gat­tun­gen, wobei die Grund­gat­tung die des Kla­ge­lie­des des Vol­kes ist, Kap. 3 ist aber ein Kla­ge­lied des Ein­zel­nen. Die ers­ten vier Lie­der sind alpha­be­ti­sche Akro­sticha, d. h., dass jeder Vers mit einem Buch­sta­ben des hebräi­schen Alpha­bets beginnt; in Kap. 3 sind es jeweils 3 Ver­se. Daher haben die­se Kapi­tel 22 bzw. 66 Ver­se; in deut­schen Über­set­zun­gen ist das Stil­mit­tel nicht sicht­bar.

Eze­chiel

 Über­sicht über das Eze­chiel­buch

1-24  Unheils­wor­te über Israel/Juda
25-32 Unheils­wor­te über Fremd­völ­ker
33-39  Heils­wor­te nach der Zer­stö­rung Jeru­sa­lems
40-48 Das neue Jeru­sa­lem

Wirk­sam­keit

Der Pro­phet Eze­chiel („Gott möge kräf­ti­gen“; Namens­form nach Luther: Hese­kiel) war ein Pries­ter, der mit der ers­ten Ver­ban­nung 597 nach Baby­lon depor­tiert wur­de und dort von 593 bis ca. 571 gewirkt hat. Sei­ne Ver­kün­di­gung ist nach Spra­che und Inhalt sehr typisch, zu cha­rak­te­ri­sie­ren als theo­lo­gia glo­riae: Eze­chiel schreibt, um die Herr­lich­keit bzw. den Glanz Got­tes zu ver­kün­den. Die typi­schen Merk­ma­le sind auch von Eze­chiels Schü­lern, die für die Kom­po­si­ti­on des Buches ver­ant­wort­lich waren, bei­be­hal­ten wor­den. Der Umfang der spä­te­ren Zufü­gun­gen ist umstrit­ten. Die Spra­che Eze­chiels ist ein­deu­tig pries­ter­lich und steht der Pries­ter­schrift, der Haupt­re­dak­ti­ons­schicht in Gen-Num (1.-4. Mose) nahe, er selbst ist wohl bei Got­tes­diens­ten unter den Exu­lan­ten auf­ge­tre­ten (1,3), so dass er mög­li­cher­wei­se ursprüng­lich Kult­pro­phet war. Wie auch Jesa­ja und Jere­mia warn­te er vor Auf­stands­be­we­gun­gen gegen die Baby­lo­ni­er (Jesa­ja: gegen die Assy­rer), 21,28-30. Ähn­lich dem deu­te­ro­no­mis­ti­schen Geschichts­werk ver­steht Eze­chiel das Exil als ver­dien­te Stra­fe für den Abfall Isra­els zu ande­ren Göt­tern, Kap. 8.

Glie­de­rung

Die Glie­de­rung des Eze­chiel­bu­ches ist sehr ein­fach nach­zu­voll­zie­hen; hier ist das schon bei Jere­mia ange­spro­che­ne Auf­bau­sche­ma Unheil über Israel//Unheil über die Fremdvölker//Heil über Isra­el klar erkenn­bar. Die Wor­te schei­nen auch, zumin­dest in gro­ben Zügen, die ursprüng­li­che chro­no­lo­gi­sche Rei­hen­fol­ge bewahrt zu haben, sodass sich von der Beru­fung bis zu den Heils­wor­ten ein his­to­risch sinn­vol­les Gefäl­le ergibt.

Beru­fung

Kap. 1-3 berich­ten breit über die Beru­fung Eze­chiels, bei der er die Visi­on eines gött­li­chen Thron­wa­gens hat, ein mys­ti­scher, jeden­falls im rab­bi­ni­schen Juden­tum mys­tisch rezi­piert Text. Eze­chiel muss eine Buch­rol­le essen (3,1) und wird dann zu Isra­el geschickt, das als wider­spens­ti­ges, ver­stock­tes Volk geschil­dert ist. Eze­chiel wird als Wäch­ter ange­spro­chen, was bedeu­tet, dass erst­mals dem Pro­phe­ten eine Ver­ant­wor­tung für sei­ne Hörer auf­ge­tra­gen wur­de. Er ist ver­ant­wort­lich dafür, dass alle die Bot­schaft Got­tes hören, 3,16-21. Bei gleich­zei­ti­gem Wis­sen um die Gefähr­dun­gen des Pro­phe­ten­am­tes (3,4-11) wird durch das Wäch­ter­amt die Auf­ga­be und Ver­ant­wor­tung des Pro­phe­ten gegen­über frü­he­ren Zei­ten deut­lich erwei­tert. Der Pro­phet erhält eine noch stär­ke­re Mitt­ler­stel­lung zwi­schen Gott und Volk.

Visi­on

Kap. 10 sieht Eze­chiel erneut den Thron­wa­gen und die Herr­lich­keit (Luther) bzw. den Glanz כָּבוֹד (kābôd) JHWHs. Die vier Tier­ge­sich­ter, die Eze­chiel V. 14 sieht, stam­men aus dem assy­risch-baby­lo­ni­schen Vor­stel­lungs­kreis, wo sie bestimm­te Göt­ter bezeich­ne­ten. Sie wur­den in der christ­li­chen Tra­di­ti­on auf die Evan­ge­lis­ten gedeu­tet: Mensch: Mat­thä­us (Nebo; Stamm­baum Jesu), Löwe: Mar­kus (Ner­gal; Wüs­ten­pre­digt), Stier (aus 1,10): Lukas (Mard­uk; Opfer des Zacha­ri­as), Adler: Johan­nes (Ninur­ta; Geist).

Zei­chen­hand­lun­gen

Kap. 4+5 berich­ten von Zei­chen­hand­lun­gen, die für Eze­chiel typisch sind. Die Zei­chen, etwa das auf einen Stein geritz­te Jeru­sa­lem (4,1), kün­di­gen Bela­ge­rung und Ver­ban­nung an und bezeu­gen Isra­els Schuld an sei­nem Schick­sal, 4,4-8: Eze­chiel muss so lan­ge auf einer Sei­te lie­gen, wie Isra­els Schuld andau­ert.
Kap. 6+7 reden dann Israel/Juda direkt an und ver­kün­den Gerichts­wor­te gegen Land und Volk, 6,3: „Ihr Ber­ge Isra­els, hört das Wort …“. Ange­kün­digt wer­den hier die Been­di­gung des Göt­zen­diens­tes und der Unter­gang des Vol­kes.
Göt­zen­dienst
Kap. 8-11 ist eine visio­nä­re Dar­stel­lung des Göt­zen­diens­tes in Jeru­sa­lem (Eze­chiel wird dort­hin ent­rückt, 8,3). Wich­tig ist ins­be­son­de­re 8,5-18 als eine Dar­stel­lung des Kul­tes in Jeru­sa­lem. Die Herr­lich­keit bzw. der Glanz JHWHs erhebt sich trotz der Für­bit­te Eze­chiels und bleibt auf einem Berg im Osten, wohl dem Ölberg (vgl. 10,18ff). Damit ist die beson­de­re Aus­zeich­nung Jeru­sa­lems hin­fäl­lig gewor­den, die Stadt wird der Erobe­rung preis­ge­ge­ben. Nach Kap. 43 sieht Eze­chiel visio­när, wie die Herr­lich­keit bzw. Glanz wie­der in das neu­erbau­te Jeru­sa­lem ein­zieht.

Gerichts­wor­te

Die Kapi­tel 12-241 sam­meln Gerichts­wor­te über Jeru­sa­lem und Juda, ein­ge­lei­tet durch eine Zei­chen­hand­lung, die das kom­men­de Zit­tern wegen des Unter­gangs Isra­els iko­nisch2bezeich­nen soll (12,2-16). Die Sprü­che sind so viel­fäl­tig, dass eine über­sicht­li­che Glie­de­rung kaum mög­lich ist. Wich­tig ist das Wis­sen um eini­ge Ein­zel­tex­te
Kap. 13 geht gegen fal­sche Pro­phe­tin­nen und Pro­phe­ten an, die (wider bes­se­res Wis­sen?) Heil ange­sagt haben. 14,12-23 stellt dage­gen fest, dass das Gericht unwi­der­ruf­lich ist, nur Noah, Hiob und Dani­el wer­den wegen ihrer Gerech­tig­keit geret­tet wer­den, kön­nen aber das Unglück nicht abwen­den. Der Text hat lite­ra­ri­sche Züge – und stammt viel­leicht erst aus dem zwei­ten Jhdt. v. d. Z.
Geschichts­rück­bli­cke
Bedeut­sam sind wei­ter die Geschichts­rück­bli­cke in den Kapi­teln 16+20+23 (Jeru­sa­lem die Hure; Geschich­te des Abfalls Isra­els; Gleich­nis von den Schwes­tern Oho­la und Oholiba=Samaria und Jeru­sa­lem). In die­sen Stü­cken zeigt sich die Über­zeu­gung, dass die Sün­de in Isra­el stän­dig ange­wach­sen ist, alles drängt damit auf das kom­men­de Straf­han­deln Got­tes hin. Es zeigt sich aber auch, dass mitt­ler­wei­le in pries­ter­li­chen Grup­pen Isra­els ein umfas­sen­des Geschichts­be­wusst­sein aus­ge­bil­det wur­de. Die ober­fläch­lich sicht­ba­re Rei­hung von Ein­zel­er­eig­nis­sen kann nun auf einen über­ge­schicht­li­chen, gött­li­chen Sinn hin trans­pa­rent gemacht wer­den.
Kap. 18 stellt in die­sen Hori­zont eine neue Per­spek­ti­ve dar: Eze­chiel geht aus von dem Sprich­wort „Die Väter haben sau­re Trau­ben geges­sen, und den Kin­dern wer­den die Zäh­ne pel­zig“, mit dem im Volk der Zusam­men­hang zwi­schen frü­he­rer Schuld und aktu­el­ler Bestra­fung hin­ter­fragt wird. Dage­gen wird ange­sagt, dass die­se Per­spek­ti­ve mit dem Fall Jeru­sa­lems nicht mehr gilt. Eine Epo­che ist damit abge­schlos­sen, nun steht jede Genera­ti­on für sich selbst vor Gott: „Dar­um will ich einen jeden von euch nach sei­nem Wan­del rich­ten“, 18,30. Damit ist ein wich­ti­ger Schritt zur Indi­vi­dua­li­sie­rung der Heils­er­war­tun­gen getan, auch zur Indi­vi­dua­li­sie­rung der jüdi­schen Reli­gi­on.
Der Abschnitt schließt in Kap. 24 mit einer erneu­ten Ansa­ge des Falls Jeru­sa­lems und einer Zei­chen­hand­lung: Der Pro­phet darf den Tod sei­ner Frau nicht bekla­gen, als Zei­chen dafür, dass man über den Unter­gang Jeru­sa­lems nicht kla­gen.

  1. Ich bespre­che bis zum nächs­ten sinn­vol­len Abschnitt.
  2. Nach Peirce, Phä­no­men und Logik der Zei­chen, 1983. Es geht um struk­tu­rel­le Über­ein­stim­mung.

« Zwölf­te Vor­le­sung zur Εin­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments – Die drit­te Auf­klä­rung von Micha­el Ham­pe »

Info:
Kla­ge­lie­der Jere­mi­as, Eze­chiel I ist Beitrag Nr. 8247
Autor:
Martin Pöttner am 17. Juli 2019 um 09:53
Category:
Bibelkunde
Tags:
 
Trackback:
Trackback URI

Keine Kommentare »

No comments yet.

Kommentar-RSS: RSS feed for comments on this post.

Leave a comment