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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Zwölf­te Vor­le­sung zur Εin­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments

 

Verehrte Damen und Herren,

 

ich begrüße Sie zum Epilog der Vorlesung!

 

1. Die Parabel von der selbstwachsenden Saat (Mk 4,26-29)

Ich bin der Überzeugung, dass man das Extravaganzkonzept, welches Harnisch 1 auf große Erzählungen beschränkte wie die Arbeiter im Weinberg, den barmherzigen Samaritaner, den Schalksknecht u. a. m., auch auf kleinere Parabeln anwenden kann, die als rhetorische Gattung der παραβολαί beachtliche Verbreitung besitzen. Wir sehen uns heute exemplarisch die Parabel von der „selbst wachsenden Saat“ in Mk 4,26-29 an.

Mk erläutert in Kap. 4 für das Markusevangelium, worum es bei der Gottesherrschaft bzw. dem Reich Gottes geht – und welche Rezeptionsprobleme es gibt, schließlich können die Schüler nach diesen ganzen parabolischen Belehrungen den Sturm nicht stillen – und Jesus muss es tun.

26 Und Jesus sagte:
So ist die Gottesherrschaft: wie [wenn] ein Mensch den Samen auf die Erde wirft,
27 und schläft und wacht auf – Nacht und Tag.
Und der Same sprosst und wird groß, wie er selbst nicht weiß.
28 Spontan bringt die Erde Frucht, zuerst Halm, dann Ähre, dann volles Korn in der Ähre. 29 Wenn aber die Frucht es erlaubt, dann sendet er alsbald die Sichel,
denn die Erntezeit ist gekommen.

Zuerst geht es um die Bestimmung der vergleichenden Sprache οὕτως ἐστὶν ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ ὡς … (houtos estin he basileia tou theou hos …), die in einer Reihe von Parabeln vorkommt. Sie hat die Exegese lange vor Rätsel gestellt. Seit Jüngel, Paulus und Jesus, (HUTh 2) hat sich allmählich Besonnenheit durchgesetzt – und es wird häufig so verstanden, dass es sich mit der Gottesherrschaft so verhalte wie in der folgenden Geschichte.

Nicht alle Parabeln werden so auf das Reich Gottes bezogen, aber in Mk 4 ist es öfter der Fall. Jüngels Idee war hinter seinem Vorschlag, die Texte als analoge Sprache lesen zu können, er hat das dann in „Gott als Geheimnis der Welt“ (1977ff) systematisch durchgeführt.

Dabei unterstellte er wohl niemals, dass etwas Unbekanntes durch etwas Bekanntes erläutert würde, was an den Texten vieler Parabeln scheitert. Schon Jüngel sah, dass die Parabeln oft nicht allgemein dem gesunden Menschenverstand zugängliche Sachverhalte präsentieren. Insofern knüpft auch Harnisch an ihn an 2 und hat einen Abschnitt aus Paulus und Jesus veröffentlicht.

Auch dann, wenn die Parabeln im Sinne der antiken Rhetorik als (erfundene) Beispiele in einer induktiven Argumentation verwendet werden (vgl. das zweite Buch der Rhetorik des Aristoteles), verlieren sie diesen von der gewöhnlichen Erfahrung abweichenden Charakter nicht (vgl. Lk 10 und 15). Insofern halte ich Harnischs Extravaganzthese für relativ stark bestätigt. D. h. nicht, dass Sozialgeschichtsforschung wie bei Schottroff unsinnig wäre, aber gerade Musliminnen erkennen bei ruhiger Betrachtung den abweichenden Charakter der Erzählungen, in denen doch manches rechtlich Bekannte steckt (z. B. bei den verlorenen Söhnen).

Die großen Parabeln lösen das poetisch durch dasjenige, was Harnisch das dramatische Zwillingspaar nennt. Abb. 35 zeigt das:

 

Abb. 35

Die ausgewählten Texte zeigen, dass die alte Vorstellung falsch ist, die dramatische Hauptfigur repräsentiert nicht etwa Gott, das ist bei dem Menschen, der unter die Räuber gefallen ist, am leichtesten begreiflich. Durch die Konstellation des dramatischen Zwillingspaars werden alternative Möglichkeiten des Existierens dargestellt, also dasjenige, was wir als reale Möglichkeiten des Existierens erfasst hatten.

Die Parabeln sind durchweg poetische, also erfundene Geschichten, das erleichtert auch weiter, reale Möglichkeiten des Existierens darzustellen. Im Anschluss an Paul Ricœur (Auszüge in Harnisch 1982) entwickelte Harnisch dann eine Theorie, dass die Parabeln die Rezipierenden dazu anregen würden, Geschichten anders weiterzuerzählen bzw. mit ihrer eigenen erzählten Lebensgeschichte zu konfrontieren. Jede* Auslegerin* kann das testen, wenn sie* mit Student*innen oder Schüler*innen Parabeln bespricht.

Studierende stoßen in der Regel auf die Unwahrscheinlichkeiten in den Erzählungen, weil das mit ihrer Erfahrung in Konflikt gerät. Musliminnen z. B. sympathisieren mit dem älteren Sohn in den verlorenen Söhnen – und können schwer verstehen, warum der gutsbesitzende Vater gegenüber seinem jüngeren Sohn so handelt. Harnisch hat also ein mächtiges Theoriestück der neutestamentlichen Exegese entwickelt.

Sind in Erzählungen extravagante Erzählzüge enthalten, thematisieren die Rezipient*innen ihre eigene Erfahrung – und so kann sich eventuell Lebensänderung oder auch nur ein Reflexionsanstoß ereignen.

Mk 4,26-29 ist meine Lieblingsparabel, daher will ich mit ihr meine Vorlesung beschließen. Ich lese sie noch einmal vor – und bitte Sie wahrzunehmen, ob in der Geschichte alles so verläuft, wie es im Alltag eines Menschen, der z. B. ein Blumenbeet oder eine Topfpflanze betreut, geschieht. In der EKHN soll es, so sagt die Frau eines verstorbenen Pfarrers, einen Pfarrer gegeben haben, der diesen Text als Anweisung verstanden hat, seinen Pfarrgarten zu bearbeiten, der Pfarrgatten als kleines Reich Gottes …

26 Und Jesus sagte:
So ist die Gottesherrschaft:
wie [wenn] ein Mensch den Samen auf die Erde wirft,
27 und schläft und wacht auf – Nacht und Tag.
Und der Same sprosst und wird groß, wie er selbst nicht weiß.
28 Spontan bringt die Erde Frucht,
zuerst Halm, dann Ähre, dann volles Korn in der Ähre.
29 Wenn aber die Frucht es erlaubt, dann sendet er alsbald die Sichel,
denn die Erntezeit ist gekommen.

Bei dem Pfarrer der EKHN führte das dazu, dass der Pfarrgarten sehr viel Unkraut aufwies, was ihm dann aber nicht behagte. Eine Studentin aus Berlin fand demgegenüber, dass sie sich das Reich Gottes so nicht wünsche, es sei kein Schlaraffenland …
Nach meiner Meinung geht es um die Bestimmung des Bezeichneten des Umkehrrufs Jesu:

Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehrt um und vertraut auf das Evangelium. (Mk 1,14f)

Denn es heißt in 4,26: So ist die Gottesherrschaft.
Die Bestimmung geht aber nicht begrifflich, sondern narrativ vor, nämlich:

wie [wenn] ein Mensch den Samen auf die Erde wirft …

Der Text ist in der Evangeliensammlung mit anderen Erzählungen vom Säen (z. B. Mk 4,3ffparr.) und vom Unkraut unter der guten Frucht (vor allem Mt 13,37ff) konfrontiert, sodass allein durch die Lektüre dieser Texte sich die erzählerische Unwahrscheinlichkeit von 4,26ff erschließen müsste, eine Erleichterung für Stadtmenschen, die nur künstliche Blumen besitzen.

Wovon in 4,26ff nicht die Rede ist, sind die Hemmnisse des Säens, die etwa in der Qualität der Erde liegen können (Mk 4,3ff). Ebenso ist von einem naheliegenden Hemmnis, das wohl auch bei uns – trotz Glyphosat – noch alle kennen, nicht die Rede: vom Unkraut. Das musste der Pfarrer der EKHN erfahren, der den Text als Anleitung zur Gestaltung eines gottesreichsähnlichen Pfarrgartens verstanden hatte. Und m. E. funktioniert der Text auch heute noch, ich habe jedenfalls viel Erfahrung damit. Sie finde nicht, dass das Reich Gottes ein Schlaraffenland sei, so die Berliner Studentin.

Sie hatte richtig verstanden, dass der Mensch den Samen auf das Land wirft und dann einen gewöhnlichen Rhythmus von Schlafen und Wachsein entwickelt – das störte sie in ihren Erwartungen, wie ein gutes Leben sein müsse oder könne. Anstelle des fleißigen Bauern, der seine Pflanzen hegt und pflegt, tritt hier die Erde auf:

28 Spontan bringt die Erde Frucht,
zuerst Halm, dann Ähre, dann volles Korn in der Ähre.

Der Erde wird also so etwas wie eine schöpferische Qualität zugesprochen, das kommt insbesondere durch αὐτομάτη (automate) zum Ausdruck, das ich mit „spontan“ übersetzt habe. Philosophisch ist das auffällig, denn Aristoteles kennt nicht nur die vier Ursachen von Form, Material, Wirkung und Zweck, sondern es gibt auch Geschehen, das αὐτομάτη (automate) geschieht. Die aristotelische Welt kennt also Zufall und Spontaneität. Und auf diesen Aspekt hebt auch 4,28 ab.
Die erwähnte Studentin scheint also ein Lebenskonzept vertreten zu haben, das der Spontaneität der βασιλεία (basileia) nichts abgewinnen konnte. Die der Spontaneität der Erde entsprechende entspannte Gelassenheit des Menschen, kann also für manche Menschen provozierend wirken. Spontan geht alles vor sich, dann noch die Ernte – das soll es gewesen sein?
Nach meiner Meinung ist das aber gerade ein springender Punkt: dass wir dasjenige, was wir tun, nicht mit Anstrengung, sondern mit Gelassenheit tun. Das steckt auch hinter dem Lebensentwurf in der Bergpredigt, die von der Sorgenfreiheit spricht. Wer also sein Leben ändert und umkehrt, kann gelassen sein, denn die Gottesherrschaft ist spontan und schöpferisch. Und das gilt bis zum Tod. Die Abb. 36 stellt das dar, unser Leben als Zeichen, welches die Spontaneität des Gottesreiches bezeichnet und eine gelassene Haltung im Interpretanten einnimmt.

 

Abb. 36 Lebensvollzug nach Mk 4,26ff

Der auf das Evangelium vertrauende Lebensvollzug der Umgekehrten bezeichnet die schöpferische Spontaneit der βασιλεία, was vom Interpretanten als Sorgenfreiheit und Gelassenheit, durchaus mystisch dargestellt wird. Der Kontext ist problemgeschichtlich, es wird die Spontaneität der βασιλεία bei ihrem Kommen und ihrer Vollendung in der Ernte dargestellt, Schöpfungs- und Endzeitbild.

2. Thesen

1. Hermeneutik hat es stets mit dem Verstehen fremder Zeichen zu tun. Ebenso spielen Fragen möglichen Einverständnisses eine Rolle. Dies lässt sich über den genuin triadischen Zeichenbegriff von Peirce angemessen beschreiben. Dadurch wird die Auffassung von der Mitarbeit der Leser*innen semiotisch präzisierbar (Eco).

2. Die Präkanonische Edition ist nur vor dem Hintergrund der dynamischen Schriftauslegung verständlich, welche die Auslegung der „Gesetze der Väter“ einschließt – und diese reflektiert fortzuschreiben beginnt. Dies beginnt etwa im 3. Jhdt. v. d. Z. im (proto-)rabbinischen Judentum. (Agus)

3. Schon in Gen 1,26fLXX ist vor dem Hintergrund des platonischen Diskurses ein Bildlichkeitsdiskurs angezielt. Hierbei spielen Fragen nach der ikonischen Zeichenfunktion eine wesentliche Rolle.

4. Mit Schleiermacher, Bultmann und Frettlöh lassen sich damit verschiedene Probleme in der Moderne angehen, (a) das Problem des Christentums in einer pluralen und verschiedenreligiösen Gesellschaft, (b) das Problem der experimentellen Methode und (c) dasjenige der Geschlechtergerechtigkeit.

5. Das geht am besten mit einem differenzierten Modell unterschiedlicher Erzählungen, welches die alte Rede vom μῦθος (mythos) ablöst. Als Kleingattung im antiken Kontext (3. Buch der Rhetorik des Aristoteles) ist eine verantwortliche Rede von μύθοι möglich, aber nicht als wesentliches Konzept (Detienne).

6. Diese Erzählungen präsentieren bildlich als Problemgeschichten, kommunikationszentrierte dualistische Erzählweisen und Erfolgsgeschichten verschiedene reale Möglichkeiten des Existierens, was potenziell die* intendierte Leserin* dazu führt, selbsttätig zwischen verschiedenen Modellen auszuwählen – und im eigenen Leben zu erproben sowie ggf. fortzuschreiben. Extravagante Bilder nehmen dabei alltäglich Gewohntes auf und schreiben es ungewöhnlich um. 3

7. Diese Konzeption der intendierten Leserin* wurde in der jüdischen Schriftauslegung entdeckt und liegt der gesamten Präkanonischen Edition zugrunde. Der vorgeschlagene Entwurf respektiert diese fundamentale Rolle der intendierten Leserin* – und darin ist diese Einführung protestantisch und dem Judentum verpflichtet. Beide religiösen Optionen erörtern dies potenziell in Einzelgemeinden.

 

  1. Die Gleichniserzählungen Jesu. Eine hermeneutische Einführung, UTB 1343). Vgl. Vorlesung sieben.
  2. (Hg.), Die neutestamentliche Gleichnisforschung im Horizont von Hermeneutik und Literaturwissenschaft, 1982 (WdF 575).
  3. Bei den dualistischen Erzählweisen mit identitätszentriertem Charakter, auch Verschwörungsmythen, stießen wir auf eine Überschreitung der legitimen Grenzen der Vernunft, die man/frau mit dem Essay von Michael Hampe, Die dritte Aufklärung, 2018, beschreiben kann. Das pragmatistisch bestimmte Element der dritten, nach durch Argumentation, Wissenschaftsorientierung bestimmten Aufklärungsphasen, aktuellen Aufklärungsphase sieht uns als geschichtlich selbstbestimmt Mitwirkende am Weltgeschehen. Das wird durch Dualismen mit identitätszentriertem Charakter geleugnet bzw.  zu hintertreiben versucht.

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Info:
Zwölf­te Vor­le­sung zur Εin­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments ist Beitrag Nr. 8214
Autor:
Martin Pöttner am 12. Juli 2019 um 11:18
Category:
Hermeneutik des Neuen Testaments,Kunstlehre,Zeichen und Philosophie
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