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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Pre­digt Lk 15 1-10: EfG Gries­heim

 

Cara­va­g­gio, Die Beru­fung des Zöll­ners Zachä­us (1600)

 

 

 

 

 

 

Lk 15,1-10

15 1Es kamen immer wie­der alle, die beim Zoll beschäf­tigt waren und zu den Sün­dern gezählt wur­den, zu Jesus, um ihn zu hören. 2Die Ange­hö­ri­gen der pha­ri­säi­schen Glau­bens­rich­tung und die Schrift­ge­lehr­ten murr­ten und sag­ten: »Der akzep­tiert ja sün­di­ge Leu­te und isst mit ihnen!«

3 Jesus aber erzähl­te ihnen fol­gen­de Para­bel:

4»Gibt es jeman­den unter euch, der 100 Scha­fe hat, und wenn er eines von ihnen ver­liert, nicht die 99 in der Wild­nis zurück­lässt, um dem Ver­lo­re­nen nach­zu­ge­hen, bis er es fin­det? 5Und wenn er es gefun­den hat, so setzt er es voll Freu­de auf sei­ne Schul­tern. 6Zu Hau­se ruft er sei­ne Freun­de und die Nach­bar­schaft zusam­men und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir: Ich habe mein Schaf gefun­den, das ver­lo­ren war!‹

7Ich sage euch: So wird im Him­mel mehr Freu­de sein über einen Sün­der, der umkehrt, als über 99 Gerech­te, die eine Umkehr nicht nötig haben.

8 Oder: Gibt es eine Frau, die zehn Sil­ber­stü­cke hat und eins davon ver­liert, die nicht eine Lam­pe anzün­det und das Haus mit dem Besen kehrt und sorg­fäl­tig durch­sucht, bis sie das Geld­stück fin­det? 9Und wenn sie es gefun­den hat, ruft sie ihre Freun­din­nen und die Nach­bar­schaft zusam­men und sagt: ›Freut euch mit mir: Ich habe das Sil­ber­stück, das ich ver­lo­ren hat­te, wie­der gefun­den!‹

10Ich sage euch: Genau­so wird bei den Engeln Got­tes Freu­de sein über eine sün­di­ge Per­son, die umkehrt.«1

 

Lie­be Gemein­de,

am drit­ten Sonn­tag nach Tri­ni­ta­tis geht es um die Umkehr, das wich­tigs­te Anlie­gen bei vie­len Schrift­ge­lehr­ten im Juden­tum und in der Jesus­tra­di­ti­on. Luthers Über­set­zung ist durch die Buß­pra­xis der katho­li­schen Kir­che bestimmt, aber Umkehr bzw. umkeh­ren ist doch kla­rer als Buße tun.2

Jesus isst und dis­ku­tiert mit Leu­ten, die als Unter­neh­mer für den römi­schen Staat Steu­ern ein­trei­ben und als betrü­ge­risch oder kor­rupt gel­ten, was bei Pha­ri­sä­ern* und Schrift­ge­lehr­ten* Anstoß erregt.

Dar­auf reagiert Jesus mit einer kom­men­tier­ten Para­bel bzw. einem Dop­pel­gleich­nis, das jeweils als Fra­ge ans Publi­kum for­mu­liert ist.
Jesus unter­stellt mit die­sen Fra­gen rhe­to­risch, jede* wür­de so han­deln, wie ein Mann, der von 100 Scha­fen eins ver­liert – und wie eine Frau, die von zehn Sil­ber­stü­cken eins ver­liert. Bei­de set­zen alles dar­an, das ver­lo­re­ne Schaf oder das ver­lo­re­ne Geld­stück wie­der­zu­fin­den. Sie sagen nicht, ein biss­chen Ver­lust ist immer, der Schaf­be­sit­zer ris­kiert sogar wei­te­re Such­ak­tio­nen, wenn er die 99 ande­ren in der Wild­nis zurück­lässt.

Offen­bar geht es um das anfäng­lich erzähl­te Drei­er­ver­hält­nis von Jesus, Zöll­nern bzw. Sün­dern, die zusam­men essen – und die sie dabei miss­bil­li­gend beob­ach­ten­den Pharisäer*/Schriftgelehrten*. Es han­delt sich um eine Kluft, eine gesell­schaft­li­che Spal­tung, wie häu­fig heu­te gesagt wird. Mit Zöllnern/Sündern isst man/frau nicht, lau­tet ihre Regel.

Dage­gen erzählt Jesus zwei fra­gen­de Geschich­ten, die nahe­le­gen, dass jener Mann und die­se Frau das ein­zel­ne Ver­lo­re­ne suchen, ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te und Anstren­gung. Und die Geschich­ten erzäh­len von der Freu­de des Fin­dens, die sogar Reso­nanz im Him­mel fin­det. Iro­nisch spielt die Erzäh­lung von den 99 in der Wild­nis zurück­ge­las­se­nen Scha­fen damit, dass es ja Pha­ri­sä­er* und Schrift­ge­lehr­te* gibt, die sich auf­grund ihrer per­fek­ten Lebens­pra­xis nicht mehr als ver­lo­ren betrach­ten – und daher mit Sünder*innen nicht zusam­men essen möch­ten.

Wir hören, dass der Him­mel es gut fin­det, es gibt himm­lisch gro­ße Freu­de, wenn ein Ver­lo­re­ner gefun­den wird – und die­ser umkehrt, aber 99, die sich nicht zur Umkehr beru­fen füh­len, weil sie sich ganz o. k. fin­den, erzeu­gen himm­lisch weni­ger Freu­de. Eine Umkehr ist also erfreu­li­cher als das Behar­rungs­ver­mö­gen von 99 schrift­ge­lehr­ten Men­schen, die rich­tig und ange­mes­sen zu leben mei­nen. So ste­he es ja in der Schrift, man/frau gebe sich Mühe – und lebe ordent­lich und ange­mes­sen.

Das scheint unge­recht. War­um freut sich der Him­mel über 99 Men­schen nicht mehr, die das Leben ordent­lich hin­be­kom­men? Statt­des­sen freu­en sich die Engel über einen Men­schen, der umkehrt? War­um kei­ne freu­di­ge Aner­ken­nung der Anstren­gung und Mühe von Men­schen, die das Leben ordent­lich hin­be­kom­men? Weil das dazu führt, dass man/frau sich ande­ren über­le­gen fühlt – und nicht mit ihnen zusam­men isst.

Die­ses gemein­sa­me Essen von Sün­dern* und Gerech­ten* bzw. sol­chen, die sich dafür hal­ten, stellt eines der zen­tra­len Pro­ble­me im Chris­ten­tum dar. Statt sich wie in der Schrift­le­sung aus Psalm 103 ehr­lich zu bedan­ken und froh zu sein, dass einem alle Schuld ver­ge­ben ist, grenzt man/frau sich von ande­ren ab und kri­ti­siert sie wg. ihrer Sün­den.

Natür­lich ist Kor­rup­ti­on ver­werf­lich, wie es den Zöll­nern als für die Römer Steu­ern ein­trei­ben­den Men­schen vor­ge­wor­fen wird. Aber nun zu unter­stel­len, man selbst mache alles rich­tig, wäh­rend die Zöll­ner arme Sün­der sei­en, ist der Pha­ri­säis­mus des (ehe­ma­li­gen) Zöll­ners, wie der Theo­lo­ge Karl Barth in sei­nem Römer­brief-Kom­men­tar im Blick auf pro­tes­tan­ti­sche Ver­hält­nis­se sag­te. Wer so argu­men­tiert, sei nur noch in der eige­nen Grup­pe gesprächs­fä­hig und rech­ne nicht damit, dass Jesus das Ver­lo­re­ne suche.

Vor eini­gen Tagen ging Jesus inko­gni­to und in einem Busi­ness-Anzug mit Busi­ness-Ruck­sack gut ver­klei­det3 in Dort­mund zum evan­ge­li­schen Kir­chen­tag. Er setz­te sich mit­tags an einen durch zusam­men­ge­stell­te Sitz­kar­tons mar­kier­ten Ort, wo meh­re­re Men­schen mit grü­nen Schals saßen, die vega­ne oder gewöhn­li­che Cur­ry­wurst aßen – und dar­über strit­ten, ob es rich­tig oder falsch sei, die AfD-Funk­tio­nä­re nicht ein­ge­la­den zu haben.

Ja,“ mein­ten die meis­ten, „die wür­den hier nur Pro­pa­gan­da betrei­ben – und wahr­schein­lich het­zen!“ Weni­ge ent­geg­ne­ten: „Unser Mot­to heißt: ‚Was für ein Ver­trau­en …‘ – Soll­ten wir nicht doch mehr Ver­trau­en in die gewalt­lo­sen Gesprächs­re­geln unse­rer Podi­en hier haben?“

Jesus hat­te, wäh­rend er sei­ne gewöhn­li­che Cur­ry­wurst aß, ruhig zuge­hört. Als er fer­tig war, hol­te er ein Tablet aus sei­nem Ruck­sack, rief Lk 15,1-10 auf und schlug vor, dar­über eine Bibel­ar­beit zu machen. Er kön­ne etwas dazu sagen, auch erst zu die­ser Mit­tags­zeit. Die meis­ten ver­ab­schie­de­ten sich, sie müss­ten schnell zu Podi­en … Eini­ge blie­ben sit­zen und die Dis­kus­si­on ging dar­um, ob AfD-Funk­tio­nä­re schlim­mer als betrü­ge­ri­sche Zöll­ner sei­en. Wahr­schein­lich nicht, war dann die ver­brei­te­te Ver­mu­tung.

Lie­be Gemein­de,

Jesus isst mit sün­di­gen Zöll­nern. Für christ­li­che Gemein­den ist die­se Pra­xis Jesu bis zum heu­ti­gen Tag eine gro­ße Her­aus­for­de­rung.

Mein Sohn hat­te in sei­ner münd­li­chen Abitur-Prü­fung in Reli­gi­on das The­ma: „Wür­de Jesus Αdolf Hit­ler zum Abend­mahl ein­la­den?“ – ein The­ma, dass in der badi­schen Lan­des­kir­che kon­tro­vers dis­ku­tiert wird. Auch mein Sohn hat auf das gemein­sa­me Essen Jesu mit sün­di­gen Zöll­nern ver­wie­sen – und  auch auf die Erzäh­lung vom Zöll­ner Zachä­us (Lk 19,1ff). Es sei ein Irr­tum Sün­den gewis­ser­ma­ßen quan­ti­ta­tiv zu mes­sen, zumal die deut­sche Bevöl­ke­rung wie bei­spiel­haft sei­ne Oma den Aus­schluss der Juden* und ande­rer Grup­pen zuge­las­sen habe, Hit­ler mit­hin nicht allein gehan­delt habe.

Las­sen wir uns von die­ser Pra­xis Jesu mit Sünder*innen zu essen ermu­ti­gen, offen zu sein – und auch mit den­je­ni­gen das Gespräch zu wagen, die wir für Sünder*innen hal­ten! Denn wir ver­ges­sen viel­leicht leicht, dass wir selbst auch sün­di­gen, daher immer wie­der umkeh­ren müs­sen – und daher erwar­ten dür­fen, dass ande­re auch umkeh­ren kön­nen.

Amen

 

  1. Vgl. BgS zur Stel­le.
  2. Μετανοία met­a­noia bzw. μετανοεῖν met­a­no­ein bezeich­net, dass jemand sei­nen bzw. ihren Sinn ändert, es han­delt sich um eine Lebens­weg­me­ta­pher.
  3. In der Gemein­de ist fol­gen­des Lied beliebt: „Man sagt, er war ein Gamm­ler …“

« Zusam­men­fas­sung vom 25.06. – Elf­te Vor­le­sung zur Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments »

Info:
Pre­digt Lk 15 1-10: EfG Gries­heim ist Beitrag Nr. 8173
Autor:
Martin Pöttner am 3. Juli 2019 um 15:15
Category:
Bildung,Religiöse Rede
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