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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments, ach­te Vor­le­sung

Mei­ne Damen und Her­ren,

ich begrü­ße Sie zur ach­ten Vor­le­sung über die Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments. Gibt es noch Rück­fra­gen zu Bild­lich­keit und Extra­va­ganz?

1. Hin­füh­rung: das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell
2. Pau­lus Mar­kus Johan­nes
3. Das Abend­mahl im Hori­zont der Pro­blem­ge­schich­te

 

1. Hin­füh­rung: das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell

Es geht im Chris­ten­tum um Erlö­sung, was in den drei „ethi­schen“ Reli­gio­nen nach Schlei­er­ma­cher, aber auch in den Hin­du-Reli­gio­nen und selbst­ver­ständ­lich auch in den Vari­an­ten der bud­dhis­ti­schen Reli­gi­on der Fall ist.


Im Neu­en Tes­ta­ment haben wir es mit Erzäh­lun­gen von Erlö­sung zu tun. Drei Typen domi­nie­ren:

1. Pro­blem­ge­schich­ten (Erzäh­lun­gen, in denen das Pro­blem über­wun­den, aber in der Zeit immer wie­der auf­ge­baut wird);
2. Dua­lis­ti­sche Erzähl­wei­sen (Erzäh­lun­gen, in denen am Anfang, in der Mit­te und am Ende jeweils ein kon­tra­dik­to­ri­scher Gegen­satz besteht);
3. Erfolgs­ge­schich­ten (Erzäh­lun­gen, in denen das am Anfang bestehen­de Pro­blem durch eine Wen­de über­wun­den wird und dann nicht mehr besteht).

Damit knüp­fen wir zugleich an Bult­mann an – und erwei­tern sein Modell zugleich. Wie ich in der vier­ten Vor­le­sung zu zei­gen ver­sucht habe, fol­gen die Pau­lus- und Johan­nes-Inter­pre­ta­ti­on der Mythos-Gram­ma­tik von Lévi-Strauss,1 wir modi­fi­zie­ren heu­te die­ses Modell. Damit glaub­te Bult­mann die dua­lis­ti­schen Tex­te „ent­my­tho­lo­gi­siert“ zu haben. Das ist m. E. zu kor­ri­gie­ren, denn die­se Tex­te bil­den ein eige­nes, m. E. durch­aus ambi­va­len­tes Erzähl­mus­ter.

Als drit­tes Mus­ter tritt die Erfolgs­ge­schich­te hin­zu, die Ass­mann u. a. auch als „tra­di­tio­nel­le Erzäh­lung“ bezeich­nen. Erst dadurch gelingt ein Über­blick über die Haupt-Erzähl­mus­ter im NT, aber auch in der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on ins­ge­samt.

Sät­ze wer­den in der grie­chi­schen Spra­che vom Prä­di­kat her rela­tio­nal erzeugt. Sub­jek­te, Objek­te wer­den mit­hil­fe von Fäl­len, Prä­po­si­tio­nen usf. als Rela­ta bestimmt. Ich zei­ge das am deut­schen Wort „geben“.

 

Abb. 17: Geben als Rela­tiv in einem Satz mit mög­li­chen Rela­ta

Dar­aus lässt sich ele­men­tar eine Geschich­te erzäh­len. Auf­grund des­sen ent­wi­ckel­te Eco in Lec­tor in fabu­la die Rela­tio­nen­lo­gik Peirce’ nar­ra­tiv wei­ter. In einer aktu­el­len neu­tes­ta­ment­li­chen Hei­del­ber­ger Dis­ser­ta­ti­on zeigt Mir­jam Dau­be-Wolff, dass das auch mit der kano­ni­schen Nota­ti­on der Princi­pia Mathe­ma­ti­ca von Bert­rand Russell/Alfred North Whitehead funk­tio­niert. Mit der Kon­zen­tra­ti­on auf Erzäh­lun­gen lie­gen wir daher wohl rich­tig.

Der Aus­druck „Pro­blem­ge­schich­ten“ nimmt auf eine bestimm­te Wei­se, das Wort „Pro­blem“ zu ver­wen­den, Bezug: „Kein Pro­blem!“, „Damit haben wir kein Pro­blem!“, „alles kein Pro­blem!“ – ver­weist dar­auf, dass es schwie­rig wäre, wenn doch ein Pro­blem bestün­de oder man ein Pro­blem hät­te … Genau dar­auf nimmt der Aus­druck „Pro­blem­ge­schich­te“ Bezug. Es gibt ein Pro­blem, hier mit der Erlö­sung.

Kom­ple­xe Fas­sun­gen des Erlö­sungs­bil­des ver­su­chen es mit Pro­blem­ge­schich­ten, weil damit ein­fa­che, leicht ver­ständ­li­che und beherrsch­ba­re „Lösun­gen“ als irre­füh­rend begrif­fen wer­den müs­sen. Die in die­sen Pro­blem­ge­schich­ten bild­lich aus­ge­drück­te exis­ten­zi­el­le Erfah­rung ist mit­hin sehr kom­plex.

Pro­blem­ge­schich­ten” ent­fal­ten in der Regel zunächst drei Schrit­te.

1. Dar­stel­lung einer nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on.

2. Dar­stel­lung einer Erzäh­lung der Über­win­dung die­ser nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on durch eine Erlö­sungs­fi­gur

3. Dar­stel­lung der gewen­de­ten nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on.

4. Dann baut sich in ihnen ein ambi­va­len­ter vier­ter Schritt  auf, in dem red­un­dant betont wird, dass die nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on in der Zeit nur vor­über­ge­hend oder nicht blei­bend über­wun­den ist. Das ”Pro­blem” ver­schwin­det daher auch durch ”Erlö­sung” nicht voll­stän­dig, son­dern bleibt in der Zeit bestehen, kann gemil­dert, muss aber stets beach­tet und ernst­ge­nom­men wer­den.

Schritt 2 und Schritt 4 sind die wohl am schwers­ten zu ver­ste­hen­den Ele­men­te der Pro­blem­ge­schich­ten in Erlö­sungs­er­zäh­lun­gen. Schritt 1 und Schritt 3 ste­hen ein­an­der kon­tra­dik­to­risch gegen­über: nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on (z. B. tot sein) und Dar­stel­lung der über­wun­de­nen nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on (leben­dig sein). Grund­le­gend wird in Erzäh­lun­gen die­ser Art unter­stellt, dass man/frau mit mensch­li­cher Kraft nicht von Schritt 1 zu Schritt 3 kom­men kann. Daher bedarf es einer Erlö­sungs­fi­gur, die die­sen Über­gang von 1 nach 3 ermög­licht. Sie wird in Schritt 2 dar­ge­stellt. Sie muss immer den kon­tra­dik­to­ri­schen Gegen­satz von 1 und 3 reprä­sen­tie­ren, also z. B. muss sie zugleich tot und leben­dig sein.
Schritt 4 zeigt die Ambi­va­lenz von Pro­blem­ge­schich­ten beson­ders stark. Denn auch dann, wenn Schritt 3 mit­hil­fe der Erlö­sungs­fi­gur erreicht wird, kann man in der Ten­denz wie­der hin­ter die Über­win­dung der nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on zurück­fal­len, also z. B. wie­der tot sein oder vom Tod stark gefähr­det sein.

Abb. 18 Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell im NT

Ins­be­son­de­re Clau­de Lévi‐Strauss hat die­se Erzähl­wei­se ana­ly­siert und sie mit (den) „Mythen“ in Ver­bin­dung gebracht (Struk­tu­ra­le Anthro­po­lo­gie, 1977 [stw 226]). Das kann hier auf sich beru­hen. Wesent­lich ist, dass die­se Struk­tur von Erlö­sungs­ge­schich­ten im NT auf­tritt.
Lévi‐Strauss unter­stell­te, dass jene Struk­tur „tra­gisch“ sei, man ent­kom­me ihr nicht. Die neu­tes­ta­ment­li­chen Pro­blem­ge­schich­ten stim­men damit über­ein, dass es in der erzähl­ten erfahr­ba­ren Zeit in der Tat eine der­ar­ti­ge tra­gi­sche Struk­tur des Exis­tie­rens gibt. Sie unter­stel­len aber, dass der Grund­ge­gen­satz von nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on und gewen­de­ter nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on nicht schon immer bestan­den hat, son­dern erst gewor­den ist (impli­zit ein Art von Schöp­fungs­bild). Und sie fügen hin­zu, dass das Schwan­ken von nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on und gewen­de­ter nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on nicht für immer bestehen wird (impli­zit eine Art von End­zeit­bild). Doch die erzähl­te erfahr­ba­re Zeit zwi­schen den durch das Schöp­fungs­bild und das End­zeit­bild aus­ge­drück­ten Zustän­den ist durch das Schwan­ken der Pro­blem­ge­schich­ten gekenn­zeich­net. Das hat ein­schnei­den­de Kon­se­quen­zen für das Gemein­de­ver­ständ­nis in Pro­blem­ge­schich­ten: Denn die so erzähl­te Erlö­sung ent­zieht sich in der Zeit jedem Tri­um­pha­lis­mus, weil im Leben der Gemein­de der Grund­ge­gen­satz von nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on und gewen­de­ter nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on in man­cher­lei Form wie­der­kehrt. Daher lässt sich in die­sen Kon­zep­tio­nen kein strik­ter  „Innen”/”Außen”-Dual errich­ten. Die nega­ti­ve Sei­te des Grund­ge­gen­sat­zes betrifft immer auch die­je­ni­gen, die aus einer vor­der­grün­di­gen Per­spek­ti­ve „innen” zu sein schei­nen. Und die „drau­ßen“ Sei­en­den, die nicht zur Gemein­de gehö­ren, müs­sen nicht unbe­dingt schlim­mer dran sein als die­je­ni­gen, die sich „drin­nen“ befin­den. Im NT fol­gen ins­be­son­de­re die ech­ten Pau­lus­brie­fe, das Mar­ku­sevan­ge­li­um und das Johan­nes­evan­ge­li­um die­sem Erzähl­mus­ter der Pro­blem­ge­schich­ten.

2.1 Pau­lus

Pau­lus war zu Beginn zwei­fel­los der­je­ni­ge, der am ehes­ten eine Per­spek­ti­ve dar­aus ent­wi­ckelt hat, was mit dem Auf­tre­ten Jesu von Naza­reth mög­li­cher­wei­se gesche­hen sein konn­te. Jesus von Naza­reth wur­de nach römi­schem und jüdi­schen Recht ver­ur­teilt – und ent­spre­chend berech­tigt gewalt­sam getö­tet. Gleich­wohl schien es Pau­lus, dass die­ser Jesus nicht im Tod geblie­ben war. So hat­te Pau­lus, der zunächst die jun­ge Gemein­de der Jesus‐Anhänger*innen mit Zwang in den jüdi­schen Main­stream zurück­brin­gen woll­te, eine Visi­on des „Auf­ge­stan­de­nen“. An der Visi­on sind m. E. kei­ne his­to­ri­schen Zwei­fel erlaubt, natür­lich aber an ihrer Deu­tung. Für Pau­lus jeden­falls bedeu­te­te sei­ne Visi­on, jenes Bild des gekreu­zig­ten Auf­ge­stan­de­nen, dass er sein Leben ganz ändern muss, um die For­mu­lie­rung von Witt­gen­stein auf­zu­neh­men. Er wur­de Mis­sio­nar für die Nicht‐Juden im Mit­tel­meer­raum.

Inhalt­lich war klar, dass der Pau­lus Erschie­ne­ne das jüdi­sche und römi­sche Gesetz negiert hat­te. Er war zwar for­mal zu Recht ver­ur­teilt wor­den. Aber durch die­se Ver­ur­tei­lung und die gewalt­sa­me Hin­rich­tung war nicht zuletzt auch die Tora außer Kraft gesetzt:

Chris­tus ist das Ende des Geset­zes. (Röm 10,4)

Pau­lus ging frei­lich mit die­ser Ein­sicht reli­gi­ös vir­tu­os um. In der Regel ver­wen­de­te er das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell, um sei­ne Erlö­sungs­bil­der zu ent­wer­fen. Aber er pass­te die kon­kre­ten Kon­stel­la­tio­nen der Pro­blem­ge­schich­te den aktu­el­len Situa­tio­nen sei­ner Gemein­den an. Wenn das Pro­blem des Geset­zes und des Befol­gens des Geset­zes im Vor­der­grund stand, dann hob er im Anschluss an Dtn 30 auf das The­ma Segen und Fluch ab. Chris­tus war vom Gesetz ver­flucht wor­den, aber

er ist für uns zum Fluch gewor­den“ (Gal 3,13)

Sei­ne geset­zes­för­mi­ge Hin­rich­tung hat das Gesetz ver­flucht und als Heils­weg auf­ge­ho­ben. Stand stär­ker das Moment der Sün­de und der Sün­den­ver­ge­bung im Fokus der Auf­merk­sam­keit, dann konn­te er schlicht sagen:

Gott hat Chris­tus für uns zur Sün­de gemacht, damit wir Gerech­tig­keit wür­den (2Kor 5,21).

Wohl­ge­merkt: nicht zum Sün­der, son­dern zur Sün­de – und „wir“ nicht bloß „gerecht“, son­dern „Gerech­tig­keit“. Eben­so kann Chris­tus zur „Tor­heit für uns“ (1Kor 1,18ff) wer­den, wenn wei­se sein, töricht sein usf. als Haupt­pro­blem der Erlö­sung erschei­nen (etwa im Hori­zont des alex­an­dri­ni­schen Juden­tums mit sei­ner auch phi­lo­so­phisch reflek­tier­ten Weis­heits­tra­di­ti­on).

Pau­lus ist also ein Vir­tuo­se dar­in, die nega­ti­ve Sei­te der Erlö­sungs­fi­gur zu zeich­nen:

[Als ich zu euch kam, habe ich euch] Chris­tus als Gekreu­zig­ten vor Augen gemalt (Gal 3,1).

Im Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell muss immer in der Erlö­sungs­fi­gur die nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on bezeich­net wer­den. Pau­lus wählt dazu immer den gewalt­sa­men Tod Jesu von Naza­reth:

Als ich zu euch kam, woll­te ich nichts ande­res wis­sen als Jesus – und die­sen als Gekreu­zig­ten (1Kor 2,2).

Die­ser gewalt­sa­me Tod Jesu von Naza­reth wird bei Pau­lus zei­chen­haft nega­tiv gedeu­tet: als zur Sün­de wer­den, zur Tor­heit wer­den, zum Fluch wer­den. Doch die­se Nega­ti­vi­tät hat erlö­sen­de Funk­ti­on: damit wir Gerech­tig­keit wer­den, wir Segen emp­fan­gen, wir wahr­haft wei­se wer­den. Aller­dings nicht an die­ser Nega­ti­vi­tät vor­bei. Man wird nicht bloß durch Weis­heit, Gerech­tig­keit und Segen wei­se, gerecht und geseg­net, son­dern immer unter Ein­schluss der Tor­heit, der Sün­de und des Flu­ches. Kurz­um: die pau­li­ni­sche Erlö­sungs­fi­gur reprä­sen­tiert immer sowohl die dia­gnos­ti­zier­te nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on des Sün­derseins, der törich­ten Lebens­wei­se und des Lebens im Fluch. Für Pau­lus ist dabei frei­lich typisch, dass er unter­stellt, die Men­schen hiel­ten sich selbst für gerecht, für wei­se und für eher geseg­net. Doch dabei täu­schen sie sich. Und des­halb wählt Gott eine absur­de Erlö­sungs­fi­gur:

Für den Juden ein Skan­dal, für den Grie­chen eine Tor­heit (1Kor 1,18ff).

Das Kreuz Chris­ti reprä­sen­tiert in sei­ner gewalt­sa­men Absur­di­tät immer die von Pau­lus als nega­tiv dia­gnos­ti­zier­te Aus­gangs­si­tua­ti­on bei den jewei­li­gen Ori­en­tie­run­gen (Grie­chen und Juden z. B.). Dar­aus erlöst es, weil es vor dem Hin­ter­grund des Auf­ste­hens­bil­des als heil­voll inte­griert wer­den kann: „für uns“…

Pau­lus ist nicht nur ein Vir­tuo­se in der Dar­stel­lung der Erlö­sungs­fi­gur im Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell. Er hat eben­falls einen Schwer­punkt in der Dar­stel­lung des ambi­va­len­ten Schrit­tes 4. Sei­ne Gemein­den rich­ten sich nicht beson­ders gut nach dem „Evan­ge­li­um“, das er ihnen gebracht hat. Sie ver­fal­len der Weis­heit der Welt, wol­len wie­der das Gesetz befol­gen und füh­len sich durch die enthu­si­as­ti­schen Wir­kun­gen des Geis­tes in Zun­gen­re­de, Kran­ken­hei­lun­gen und Pro­phe­zei­un­gen welt­über­le­gen. Immer wie­der das alte Pro­blem: sich auf die eige­nen Fähig­kei­ten und Kom­pe­ten­zen ver­las­sen, auf die eige­nen Fähig­kei­ten ver­trau­en. Nach Pau­lus ist das eigent­lich vor­bei, wenn ein recht­mä­ßig ver­ur­teil­ter Ver­bre­cher „auf­steht“. Aber es bleibt doch plau­si­bel, wie er ein­se­hen muss. Also schreibt er sei­ne Brie­fe, um die Gemein­den vor Schritt 4 zu war­nen, nicht zuletzt vor der dar­in ste­cken­den Über­heb­lich­keit gegen­über ande­ren. Auch das Schöp­fungs­bild und das End­zeit­bild als Begren­zun­gen des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells ver­gisst Pau­lus nicht. Ihm zufol­ge wird

Gott alles in allem sein“ (1Kor 15,28),

d. h. der Grund­ge­gen­satz von „nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on“ und „gewen­de­ter nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on“ (die wie­der umschla­gen kann), besteht nicht mehr. Und die Pro­blem­ge­schich­ten­kon­stel­la­ti­on hät­te nicht sein müs­sen. Mit der Weis­heit Salo­mos (13,1ff) unter­stellt Pau­lus, dass die Men­schen an den Wer­ken der Schöp­fung Gott hät­ten eigent­lich erken­nen kön­nen. Er denkt an eine abduk­ti­ve Schluss­fol­ge­rung, einen Schluss vom Klei­ne­ren (den Wer­ken) auf den Schöp­fer. Er wäre exis­ten­zi­ell enga­giert zu wah­rer Reli­gi­on gewor­den (Röm 1,19ff). Aber so kam es nicht. Also doch Pro­blem­ge­schich­ten …

 

 

 

Abb. 19 Pro­blem­ge­schich­te bei Pau­lus

2.2 Mar­kus

Die Sturm­stil­lungs­er­zäh­lung bei Mk lebt von dem kras­sen Gegen­satz des im Sturm auf einem Kopf­kis­sen schla­fen­den Jesus und den von Todes­angst geplag­ten Schü­lern, deren Boot unter­zu­ge­hen droht.

Leh­rer, küm­mert es dich nicht, dass wir unter­ge­hen?“

Eine nach­voll­zieh­ba­re Reak­ti­on? Aus der Sicht des Mk eher nicht. Er lässt Jesus den Sturm stil­len, dann aber setzt die har­te Kri­tik Jesu an sei­nen Schü­lern ein:

Was seid ihr [so] furcht­sam? Habt ihr noch kein [exis­tenz­be­stim­men­des] Ver­trau­en?“

Trotz Sturm­stil­lung gera­ten die Schü­ler ange­sichts die­ser Kri­tik in immer grö­ße­re Furcht:

Und sie fürch­te­ten sich mit gro­ßer Furcht und sag­ten zuein­an­der: „ Wer ist die­ser, dass sowohl der Wind als auch der See ihm gehor­chen?“

Wie­so kri­ti­siert Jesus die Schü­ler ange­sichts einer an sich doch ver­ständ­li­chen Reak­ti­on? Was soll der Hin­weis auf das „exis­tenz­be­stim­men­de Ver­trau­en“? Wor­auf sol­len sie ver­trau­en? Und wie­so gera­ten die Schü­ler in immer grö­ße­re Furcht? Der schla­fen­de Jesus im Sturm ver­kör­pert die­ses Ver­trau­en (auf die schöp­fe­ri­sche Macht Got­tes). Und wenn die Schü­ler exis­tenz­be­stim­mend ver­trau­ten, ihr gan­zes Leben dar­auf­hin wag­ten, dann könn­ten sie selbst den Sturm stil­len:

Ver­traut auf Gott! … Wer dar­auf ver­traut, dass das, was er sagt, geschieht, dem wird es zu Teil wer­den!“ (Mk 11,22f)

Aber wie man an den Schü­lern exem­pla­risch sieht, ver­trau­en die Men­schen auch in der nächs­ten Nähe zu Jesus gera­de nicht, son­dern sie fürch­ten sich. Die nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on im Mkev ist mit­hin die Furcht. Ihr gegen­über steht als über­wun­de­ne nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on das Ver­trau­en auf Gott, als Teil­ha­be an der Schöp­fer­macht Got­tes. Im Evan­ge­li­um reprä­sen­tie­ren nur sehr weni­ge Erzähl­fi­gu­ren jenes Ver­trau­en auf Gott, die blut­flüs­si­ge Frau (Kap. 5), der blin­de Bar­ti­mai­os (Kap. 10), teil­wei­se die Frau­en, die Jesus in Gali­läa nach­ge­folgt sind und nahe am Kreuz ste­hen (15). Doch auch sie ereilt – wie zuvor schon die geflo­he­nen Schü­ler – die Furcht. Das alles sind erzäh­le­ri­sche Reprä­sen­ta­tio­nen, die in Rich­tung des ambi­va­len­ten Schrit­tes 4 im Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell gehen. Die ver­trau­en­de Nähe zu Jesus schlägt in Furcht um. Jesus selbst steht im Evan­ge­li­um ganz über­wie­gend auf der Ver­trau­ens­sei­te. Aber er könn­te im Sin­ne des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells kei­ne erlö­sen­de Erzähl­fi­gur sein, wenn er nicht auch von der Furcht betrof­fen wäre.

Das ist in der Get­se­ma­ni­sze­ne im Mkev der Fall:

Und er nimmt den Petrus und den Jako­bus und den Johan­nes mit sich und fängt an zu erschre­cken und hef­tig zu zit­tern. Und er sagt zu ihnen: „Ich bin zu Tode betrübt! Bleibt hier und wacht!“

Wäh­rend Jesus also Todes­furcht erlebt, sol­len die Schü­ler wachen. Doch ihre Augen wer­den ihnen schwer – und sie schla­fen ein. Die Get­se­ma­ni­sze­ne ist nar­ra­tiv eine raf­fi­nier­te Umkeh­rung der Sturm­stil­lungs­pe­ri­ko­pe. Wäh­rend die Schü­ler den Schlaf und zumin­dest als Anspie­lung das Ver­trau­en reprä­sen­tie­ren, bezeich­net die Erzähl­fi­gur Jesus hier die Furcht. Daher kann Jesus erzäh­le­risch im Sin­ne des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells als Erlö­sungs­fi­gur im Mkev gel­ten. Er reprä­sen­tiert das (exis­tenz­be­stim­men­de) Ver­trau­en und die Furcht, mit­hin nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on und gewen­de­te nega­ti­ve Aus­gangsi­tua­ti­on. Die ande­ren Erzähl­fi­gu­ren reprä­sen­tie­ren in der Regel die Furcht, bes­ten­falls aber Schritt 4 als Zurück­fal­len hin­ter die gewen­de­te nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on. Mar­kus ent­wirft also eine etwas von Pau­lus abwei­chen­de Stra­te­gie. An sich scheint es unpro­ble­ma­tisch, das Gesetz zu erfül­len:

Sie­he das sind mei­ne Mut­ter und mei­ne Brü­der. Wer den Wil­len Got­tes tut, der ist mir Bru­der und Schwes­ter und Mut­ter!“ (Mk 3,31)

Aber die­ses Modell funk­tio­niert nicht, weil die Furcht so tief die Men­schen bestimmt, dass es nicht zur Erfül­lung des in der Tora reprä­sen­tier­ten Wil­lens Got­tes kommt. Mar­kus ver­tritt also eine an den (den gr. παθήματα pathe­ma­ta Emo­tio­nen bzw. Lei­den­schaf­ten) ori­en­tier­te Anthro­po­lo­gie. Die­se Lei­den­schaf­ten sind vor allem auf Ver­trau­en (πίστις pis­tis) und Furcht (φόβος pho­bos ) zen­triert.

Aus der Furcht erwächst aber vor allem der Herr­schafts­trieb. So gel­ten Mk die Jeru­sa­le­mer Aris­to­kra­ten (Pries­ter, Ältes­te und die meis­ten der mit ihnen asso­zi­ier­ten Schrift­ge­lehr­ten) und der Römer Pila­tus immer als fei­ge und furcht­sam. Sie ste­hen ent­spre­chend nicht zu Ein­sich­ten – und so kommt Jesus gewalt­sam zu Tode.

Sieht man genau­er zu, dann ist der Gegen­satz von Furcht und Ver­trau­en im Mkev mit einem zwei­ten Gegen­satz hin­ter­grün­dig kom­bi­niert, dem Gegen­satz von Macht und Ohn­macht. Dabei gibt es im Macht­phä­no­men eine wei­te­re wich­ti­ge Dif­fe­ren­zie­rung: Unter­schie­den wird zwi­schen poli­ti­scher Herr­schaft und gött­li­cher schöp­fe­ri­scher Macht. An letz­te­rer nimmt das Ver­trau­en Teil. Die ers­te­re tötet Jesus von Naza­reth. Aller­dings wird er als Men­schen­sohn auf den Wol­ken des Him­mels wie­der­kom­men – und dann auch die Herr­schaft des Römi­schen Rei­ches been­den (Mk 13,24ff). Die­se End­zeit­vi­si­on ist wie bei Pau­lus als gegen­satz­los zu ver­ste­hen. Wenn der Men­schen­sohn wie­der­kommt, sind alle Gestir­ne ver­lo­schen, es ist ganz dun­kel. Nur er leuch­tet. Aber es gibt kein Gegen­licht und kein rele­van­tes Dun­kel …

 

Abb. 20 Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell im Mkev

2.3 Johan­nes

Hier soll nur vom Johan­nes­evan­ge­li­um (Johev) die Rede sein. Es ist viel­leicht um die Jahr­hun­dert­wen­de vom 1. zum 2. Jahr­hun­dert der Zeit­rech­nung geschrie­ben wor­den. Das bleibt aber sehr unsi­cher. Sehr wahr­schein­lich kann­te der tat­säch­li­che Autor des Tex­tes das Mkev. Jeden­falls steht er ihm nar­ra­tiv sehr nahe, näher als die bei­den kla­ren Benut­zer des Mkev bei Mat­thä­us und Lukas.2 Das Johev ist mit hoher Wahr­schein­lich­keit ein rela­tiv spä­ter Text. Es ver­wen­det ver­schie­de­ne Bil­der­wel­ten und ver­sucht sie zu inte­grie­ren. Als Modell dient das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell. In der Regel wird in der Inter­pre­ta­ti­on des Tex­tes ver­mu­tet, es han­de­le sich um einen dua­lis­ti­schen Text.

Joh ver­wen­det (schein­bar) kon­tra­dik­to­ri­sche Gegen­sät­ze wie Licht vs. Fins­ter­nis, Fleisch vs. Geist (bzw. Gott), Fleisch vs. Logos (Rede, Wort, Ver­nunft):

Er (der Logos, die Rede, das Wort, die Ver­nunft) kam in das Sei­ne. Aber die Sei­ni­gen nah­men ihn nicht auf. Den­je­ni­gen, die ihn den­noch auf­nah­men, gab er die Voll­macht Kin­der Got­tes zu sein – jene, die an sei­nen Namen glau­ben. Sie sind nicht aus Blut oder aus dem Wil­len des Flei­sches, auch nicht aus dem Wil­len eines Man­nes gezeugt, son­dern aus Gott (Joh 1,11-13).

Dass es sich bei der dua­lis­ti­schen Inter­pre­ta­ti­on des Johev um einen gro­ben Miss­griff han­delt, zeigt aber 1,14:

Und der Logos (die Rede, das Wort, die Ver­nunft) wur­de Fleisch und wohn­te unter uns. Und wir sahen sei­nen Glanz, einen Glanz wie ihn der ein­zi­ge Sohn von sei­nem Vater hat, voll Gna­de und Wahr­heit.

Das „Fleisch“ ist hier als eigen­mäch­ti­ge, sich selbst von der gött­li­chen Sphä­re abschlie­ßen­de Sphä­re ver­stan­den:

… die Sei­ni­gen nah­men ihn nicht auf.

Doch der gött­li­che Logos  wird Fleisch, nimmt also die Gestalt der nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on an. Inso­fern stellt das Johev einen beson­ders deut­li­chen Fall des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells dar. Zwei­fel­los ist der reli­gi­ons­ge­schicht­li­che Hin­ter­grund die­ses Tex­tes stark durch das alex­an­dri­ni­sche Juden­tum mit sei­ner Weis­heits­auf­fas­sung geprägt. Die „Weis­heit“ heißt hier gött­li­cher Logos, weil die Erlö­ser­fi­gur des Johev kon­kret als die Men­schen anre­dend ver­stan­den ist:

und er wohn­te unter uns“.

Die­ser Logos wird Fleisch, er nimmt das Fleisch nicht nur an oder erscheint im Fleisch, wie spä­ter häu­fig gesagt wur­de. Er wird Fleisch, wie Chris­tus bei Pau­lus zur Sün­de und zum Fluch wird – und sich fürch­tet wie bei Mar­kus. Die Erlö­sungs­fi­gur ist eine Zeit­lang da, dann geht sie wie­der zum Vater:

Nie­mand hat Gott jemals gese­hen, der ein­zi­ge Sohn, der an der Brust des Vaters liegt, der hat ihn aus­ge­legt … (Joh 1,18)

Der Sohn (bzw. Logos) liegt an der Brust des Vaters, ein sinn­li­ches Bild der Lie­be. Und die­se himm­li­sche Lie­bes­be­zie­hung hat­te der Sohn aus­ge­legt, mit­ge­teilt und offen­bart:

Ein neu­es Gebot gebe ich euch, dass ihr ein­an­der lie­ben sollt, wie ich euch geliebt habe. (Joh 13,35)

Das Sym­bol die­ser Lie­bes­be­zie­hung ist der namen­lo­se „Schü­ler, den Jesus lieb­te“, der beim letz­ten Mahl an Jesu Brust liegt – eine sym­bo­li­sche Wie­der­ho­lung der gött­li­chen Lie­bes­be­zie­hung in der himm­li­schen Welt. Jesus gibt die­se himm­li­sche Lie­be in die mensch­li­che Wirk­lich­keit wei­ter an sei­ne  Schüler*innen, sym­bo­lisch ver­dich­tet dar­ge­stellt durch die Figur des „Schü­lers, den Jesus lieb­te“:

Vater … ich habe ihnen dei­nen Namen offen­bart und wer­de dies wei­ter tun, damit die Lie­be, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen (Joh 17, 25f)

Die über­wun­de­ne nega­ti­ve Aus­gangs­po­si­ti­on besteht im Johan­nes­evan­ge­li­um daher in der Him­mel und Erde über­grei­fen­den gött­li­chen Lie­be.

Auch für das Johev ist Schritt 4 ganz wesent­lich. Die Lie­be setzt sich in der Wirk­lich­keit nicht ein­fach so durch. Das soll frei­lich sein:

Nicht nur für die­je­ni­gen, die du mir gege­ben hast, bit­te ich, Vater. Ich bit­te auch für die­je­ni­gen, die durch ihr Wort glau­ben, damit alle eins sei­en, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir … (Joh 17,20f)

So kön­nen die Schü­ler von der Trau­rig­keit der Welt betrof­fen wer­den und sich in der Welt ängs­ti­gen. Sie wer­den gehasst. Doch es gilt:

In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrös­tet, ich habe die Welt über­wun­den – (Joh 16,33)

weil er den Hass der Welt, ihre Trau­rig­keit am eige­nen Lei­be am Kreuz gespürt hat. Damit die Schü­ler in der Welt aus­har­ren und ihre Lie­be unter­ein­an­der so attrak­tiv dar­stel­len, dass sich die Lie­be welt­weit aus­brei­tet, bedür­fen sie eines Schut­zes. Es ist die johann­ei­sche Geist­funk­ti­on, die dies über­nimmt. Es han­delt sich um den Geist der Wahr­heit, um den Trös­ter – der vom Vater und vom Sohn aus­geht. Im Johev ist sie des­halb erfor­der­lich, weil die Schü­ler sonst in ihrer Lie­be wahr­schein­lich zu schwach, zu ängst­lich und zu trau­rig wären. Dage­gen hilft ihnen der „Trös­ter“ und er wird sie in

alle Wahr­heit füh­ren“ (Joh 16,13).

Neben der „Berg­pre­digt“ (Mt 5‐7) ist das Johev der Text mit der deut­lichs­ten Lie­bes­op­ti­on. Gott ist himm­li­sche Lie­be und sei­ne Ver­wirk­li­chung auf der Erde besteht in der uni­ver­sa­len Lie­be aller Men­schen. Dies soll frei­lich nicht naiv‐enthusiastisch klin­gen: Alles wird gut! Dafür steht das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell im Johev. Die Erlö­sung kommt durch Ver­mitt­lung der nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on und der gewen­de­ten nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on in der Erlö­sungs­fi­gur zustan­de. Und die Gegen­wart Got­tes als Lie­be unter den Men­schen bleibt immer gefähr­det. Daher die Trös­ter­fi­gur des Geis­tes der Wahr­heit.

Das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell hat im Johev sicher­lich einen gewis­sen Höhe­punkt im NTer­reicht: Es geht um eine gro­ße Hoff­nung auf die Gegen­wart Got­tes in der Lie­be der Men­schen unter­ein­an­der. Aber die­se soll nicht naiv opti­mis­tisch, son­dern rea­lis­tisch dar­ge­stellt wer­den.

 

Abb. 21 Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell im Johev

3. Das Abend­mahl im Hori­zont der Pro­blem­ge­schich­te

Das jetzt Aus­ge­führ­te lie­ße sich auch an Pau­lus zei­gen. Aber Mk 14 ist leich­ter dar­stell­bar. Das Johev kennt kein Abend­mahl als Ritu­al. An sei­ne Stel­le tritt in Joh 13 die Fuß­wa­schung. Ein Ritu­al besitzt eine (fest­ge­leg­te) Hand­lungs­struk­tur. Ihre Bedeu­tung erfährt die jewei­li­ge Ritu­al­struk­tur durch das ent­spre­chen­de Bild­mo­dell, hier das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell. Daher gibt es im NT nicht nur eine Auf­fas­sung des Abend­mahls. Wir beschäf­ti­gen uns jetzt mit der Pro­blem­ge­schich­ten­auf­fas­sung des Abend­mahls. Das Abend­mahl kennt in allen neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­ten (1Kor 11, 14, Mt 26, Lk 22) zwölf Sequen­zen:

 

 

 

Abb. 22  Zwölf Sequen­zen im Ritu­al Abend­mahl

Die Sequen­zen 6. und 11., in denen Jesus das Brot und den Becher (der syn­ek­dochisch für „Wein“ steht) auf „mei­nen Leib“ und „mein Blut“ deu­tet, haben die größ­te Auf­merk­sam­keit in der Chris­ten­tums­ge­schich­te auf sich gezo­gen. Man inter­es­sier­te sich (im Hori­zont der Sub­stan­zon­to­lo­gie bzw. der Sub­stanz­me­ta­phy­sik) dann für die Sub­stan­zen. Doch die­se Inter­pre­ta­ti­on geht in die Irre. Zunächst: war­um „Brot“ und „Becher“ (der syn­ek­dochisch für „Wein“ steht)? Man muss an den nar­ra­ti­ven Kon­text kurz vor dem gewalt­sa­men Tod in Jeru­sa­lem den­ken. Dies gilt auch für Pau­lus in 1Kor 11 („in der Nacht, in der er aus­ge­lie­fert wur­de …“). Die­ser als heil­voll ver­stan­de­ne gewalt­sa­me Tod steht im Zen­trum des Abend­mahls. Es ist ein gewalt­sa­mer Tod, mit­hin kön­nen nur sol­che Medi­en in die­sem Ritu­al ver­wen­det wer­den, die einen gewalt­sa­men Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess durch­lau­fen haben – das ist bei Brot und Wein der Fall: Mah­len, Erhit­zen beim Backen, Zer­tre­ten der Trau­ben, Gärung bei der Wein­her­stel­lung. Zugleich sind aber bei­de Medi­en dem Men­schen freund­lich und hilf­reich, sie spen­den Freu­de, Sät­ti­gung usf. Daher fun­gie­ren Brot und Wein (Trau­ben­saft) als Bezeich­nun­gen vom Tod Jesu und sei­nem Auf­ste­hen. Die Form der Anre­de an die Schü­ler ist als iko­ni­sche Zei­chen ver­wen­den­de extra­va­gan­te Meta­pher für gewalt­sa­me und heil­vol­le Ereig­nis­se zu ver­ste­hen: „Dies ist mein Leib“, „Dies ist mein Blut (des neu­en Tes­ta­ments), das für vie­le ver­gos­sen wird“ – kön­nen in der erzähl­ten Situa­ti­on gar nicht wört­lich genom­men wer­den, son­dern man muss hier einen Über­tra­gungs­pro­zess unter­stel­len: Die­se Ele­men­te Brot und Wein ste­hen in die­sem Kon­text unse­res Mahls für Leib und Blut – sie sind dies nicht sub­stan­zi­ell. Auch die Schü­ler reagie­ren ja nicht ver­wun­dert, etwa: Falsch bezeich­net! – weil sie das ihnen Ver­trau­te schme­cken. Oder: Das schmeckt ja grau­en­haft, ich bin doch kein Kan­ni­ba­le oder ein Vam­pir! – weil sie Fleisch und Blut Jesu zu sich neh­men. Nicht ein­mal der Außen­sei­ter Judas nahm die Gele­gen­heit wahr, hef­tig gegen der­ar­ti­ge Absur­di­tä­ten zu pro­tes­tie­ren. Wir neh­men das als semio­ti­sches Indiz, dass sie in den Tex­ten auch gar nicht ste­hen …

Die zwei­te gro­ße Inter­pre­ta­ti­ons­li­nie geht eben­so in die Irre, sie ist jüngst auch von Peter Lam­pe sub­til wie­der­holt wor­den. Sie knüpft an die For­mu­lie­rung „Dies ist mein Blut des neu­en Tes­ta­ments, das für vie­le ver­gos­sen wird“. Da die­ser Text unzwei­fel­haft auf Ex 24 anspielt, glaubt man, das Abend­mahl sei ein Opfer­mahl, man par­ti­zi­pie­re zumin­dest an jener Opfer­sub­stanz des Blu­tes. Auch hier han­delt es sich um eine unge­naue Lek­tü­re, in die­sem Fall bei­der Tex­te Mk 14 und Ex 24. Hier ist in der Tat von einem Opfer die Rede. Man hat ein Tier geschlach­tet. Mose gießt einen Teil des Blu­tes des geschäch­te­ten Tie­res in die Becken am Altar­rand. Mit dem Rest besprengt er das Volk, um es zu rei­ni­gen. So wird es fähig, das schrift­li­che Tes­ta­ment Got­tes, das Bun­des­buch ent­ge­gen­zu­neh­men.

Mit den letz­ten Bemer­kun­gen sind wir zu einer tie­fe­ren Deu­tung im Sin­ne des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells über­ge­gan­gen. Der gewalt­sa­me Tod Jesu gehört ja zur nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on im Sin­ne der mar­ki­ni­schen Erzähl­wei­se. Er ist durch die gewalt­sa­men Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se von Getrei­de und Trau­ben zu Brot und Wein iko­nisch bezeich­net. Aber die­ser Tod ist auch als heil­voll ver­stan­den und so muss auch die gewen­de­te nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on im Ritu­al prä­sen­tiert sein. Dafür ste­hen iko­nisch die Leben und Freu­de spen­den­den Fähig­kei­ten von Brot und Wein.

 

 

Abb. 23: Brot und Wein als iko­ni­sche Zei­chen im Abend­mahl

In der mar­ki­ni­schen Erzäh­lung zeigt das Ver­tei­len der Stü­cke des gebro­che­nen Bro­tes an die Schü­ler eben­so wie das gemein­sa­me Trin­ken aus dem gereich­ten Becher, dass das Ritu­al als Gemein­schafts­ri­tu­al der am auf­ge­weck­ten Gekreu­zig­ten ori­en­tier­ten Ver­trau­en­den gel­ten muss.  Dar­in besteht frei­lich auch die ganz und gar nicht harm­lo­se Bot­schaft die­ses Mahls. Nach­dem man der­art geges­sen und getrun­ken hat­te, wur­de Jesus ver­haf­tet – und alle Schü­ler flo­hen, weil sie sich fürch­te­ten. Das Mahl hat­te sie jeden­falls nicht gegen die Furcht immu­ni­siert oder ihnen eine höhe­re geist­li­che Sub­stanz ein­ge­flößt. Das betrifft im Übri­gen nach Mk eben nicht nur Judas, wenn auch ihn in beson­de­rem Maße, weil er Jesus an den Ober­pries­ter aus­ge­lie­fert hat:

Und wäh­rend sie saßen und aßen, sag­te Jesus:… „ Einer von euch wird mich aus­lie­fern, einer, der mit mir isst!“ Sie began­nen betrübt zu wer­den und zuein­an­der zu sagen: „ Doch nicht ich?“

Kei­ner von ihnen konn­te also die­se Tat für sich aus­schlie­ßen, Judas voll­zog sie tat­säch­lich, dafür flo­hen alle ande­ren aus Furcht …

Das Abend­mahl ist nach Mk also das Mahl der­je­ni­gen, die Jesus hät­ten aus­lie­fern kön­nen und schließ­lich furcht­sam geflo­hen sind. Schritt 4 hat sich also wie­der auf­ge­baut. Die Erlö­sung ist voll­zo­gen, gleich­wohl fal­len die Erlös­ten immer wie­der hin­ter sich zurück. An die­se fort­wäh­ren­de Gefähr­dung erin­nert das Abend­mahl mit­hin im Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell. Es geht auch um die Stär­kung der so Gefähr­de­ten in einem Gemein­schafts­mahl. Aber Mann oder Frau ist nur gestärkt, wenn sie oder er wis­sen, dass man mit sei­ner oder ihrer nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on immer erneut rech­nen muss. Nur so lässt sich aus der Sicht des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells rea­lis­tisch eine Gemein­de auf­bau­en.

Dar­auf ver­weist auch der Aus­blick auf die End­zeit in Sequenz 12 des Abend­mahls. Jesus will vom Pro­dukt des Wein­stocks erst wie­der im end­zeit­li­chen Freu­den­mahl trin­ken. Dann ist aller Wider­spruch dahin. Bis dahin erin­nert das Abend­mahl aber an das fort­wäh­ren­de „tra­gi­sche“ Spiel von Schritt 1 bis 4, das ein rea­lis­ti­sches reli­giö­ses Bild des Lebens dar­zu­stel­len ver­sucht. Wie das jüdi­sche Pascha­mahl ist das Abend­mahl ein Über­gangs­ri­tu­al. Da es in Sequenz 12 eine escha­to­lo­gi­sche Poin­te auf­weist, muss es in der Zeit als per­ma­nen­tes Über­gangs­ri­tu­al ver­stan­den wer­den. Mit Vic­tor Tur­ner (The Ritu­al Pro­cess: Struc­tu­re and Anti‐Structure, 1995) ist auch hier zu unter­stel­len, dass (vie­le) Ritua­le struk­tu­rell Gegen­wel­ten zur als fra­gil und pro­ble­ma­tisch erleb­ten All­tags­welt ent­wer­fen – hier im Sin­ne des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells. Ob man soweit gehen muss wie Gerd Thei­ßen, ent­spre­chend von „sym­bo­li­schem Kan­ni­ba­lis­mus“ zu spre­chen, erscheint mir frag­lich. Denn im Abend­mahl wird iko­nisch die Tötung Jesu dar­ge­stellt, die im All­tag nicht gesche­hen sol­le und doch geschieht, dar­auf ver­wei­sen die Deu­te­wor­te. Auf die Ver­spei­sung Jesu von Naza­reth ver­wei­sen sie m. E. auch sym­bo­lisch nicht … Das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell befin­det sich also nicht nur in der mar­ki­ni­schen Erzäh­lung, son­dern dem Anspruch nach auch in den Sequen­zen des Ritu­als. Aus heu­ti­ger Sicht kann dies semio­tisch so rekon­stru­iert wer­den, dass sprach­li­che und schrift­li­che, aber auch gusta­to­ri­sche Zei­chen über das Zen­tra­le Ner­ven­sys­tem ver­mit­telt zu gespei­cher­ten moto­ri­schen Sequen­zen wer­den kön­nen und so auf ande­re Wei­se dem Leib ein­ge­schrie­ben wer­den.

 

  1. Vgl. Vor­le­sung 4, Abb. 14-16.
  2. Man darf aber mit Thy­en, Johan­nes­evan­ge­li­um, 2015, erwä­gen, οb das Johan­nes­evan­ge­li­um nicht alle syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en vor­aus­setzt.

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Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments, ach­te Vor­le­sung ist Beitrag Nr. 8080
Autor:
Martin Pöttner am 15. Juni 2019 um 13:21
Category:
Hermeneutik des Neuen Testaments,Kunstlehre,Zeichen und Philosophie
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