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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Reli­gi­ons­ge­schich­te Ber­pre­digt, Mt 5-7

Der reli­gi­ons­ge­schicht­li­che Hin­ter­grund der Berg­pre­digt (Mt 5-7)

Das Juden­tum im enge­ren Siinn hat sich erst nach dem Exil der judäi­schen Ober­schicht in Baby­lon aus­ge­bil­det. Um 500 v. d. Z. wird in der per­si­schen Pro­vinz Judäa ein neu­er Tem­pel errich­tet. In die­sem Kon­text setzt auch die Fest­le­gung der hei­li­gen Schrif­ten des Juden­tums ein, wie vie­le glau­ben, im Kon­text des Jeru­sa­le­mer Tem­pels. Die­ser Pro­zess hat viel­leicht schon vor dem Exil begon­nen und setzt sich bis unge­fähr in das ers­te Jahr­hun­dert v. d. Z. fort.
Dies geschieht nun nicht mehr unter per­si­scher Ober­ho­heit. An die Stel­le der Per­ser tre­ten zuerst die Grie­chen unter Alex­an­der dem Gro­ßen, dann sei­nen Nach­fol­gern. Im ers­ten Jahr­hun­dert v. d. Z. tre­ten schließ­lich die Römer auf. Pom­pei­us zieht in Jeru­sa­lem ein.
Sieht man genau­er zu, dann haben die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden die­se geschicht­li­chen Ver­än­de­run­gen notiert. So spie­gelt sich die Erobe­rung Jeru­sa­lems durch Pom­pei­us mut­maß­lich in den Psal­men Salo­mos in der grie­chi­schen jüdi­schen Bibel, der Sep­tuag­in­ta.
Der Pro­zess der Schrift­bil­dung ist also erst im ers­ten Jahr­hun­dert v. d. Z. abge­schlos­sen wor­den. Ein brei­ter Kern der Schrif­ten stand aber wohl schon im 2. Jahr­hun­dert v. d. Z. fest, wie die Schrif­ten­fun­de in den Höh­len von Qum­ran bele­gen.
Ent­schei­den­der als die­se Fak­ten ist aber der Umgang der Juden mit ihren Hei­li­gen Schrif­ten. Per­ser, Grie­chen und Römer ver­folg­ten als Welt­mäch­te eine ein­heit­li­che Stra­te­gie gegen­über unter­wor­fe­nen Völ­kern. Sofern die­se poli­tisch loy­al waren und Steu­ern bzw. Tri­bu­te bezahl­ten, konn­ten sie ihre Ange­le­gen­hei­ten rela­tiv auto­nom regeln, also auch mit einer rela­tiv selbst­stän­di­gen Rechts­ord­nung.

So wur­de dies auch den Juden in Judäa, aber auch in Grie­chen­land und Ägyp­ten gestat­tet, wo zur Zei­ten­wen­de mög­li­cher­wei­se mehr Juden leb­ten als in der Pro­vinz Judäa, dem spä­te­ren Paläs­ti­na. Doch Judäa mit der Tem­pel­stadt Jeru­sa­lem blieb bis 70 d. Z. das rela­ti­ve reli­giö­se Zen­trum des Juden­tums, frei­lich mit beacht­li­cher Kon­kur­renz in der ägyp­ti­schen Stadt Alex­an­dria, die von den Grie­chen zu einer gro­ßen und bedeu­ten­den anti­ken Stadt aus­ge­baut wur­de. Sie war ein bedeu­ten­des Zen­trum der anti­ken Wis­sen­schaft. Und sie besaß eine gro­ße jüdi­sche Gemein­de.
Sowohl in Judäa als auch in ande­ren grie­chisch und römisch beherrsch­ten Städ­ten war es den Juden erlaubt, ihre rela­ti­ve Auto­no­mie auch recht­lich zu leben. Die Juden ver­wen­de­ten dabei jeweils ihre Hei­li­gen Schrif­ten als rela­tiv auto­no­mes Recht.
Sowohl in Judäa als auch in ande­ren grie­chisch und römisch beherrsch­ten Städ­ten war es den Juden erlaubt, ihre rela­ti­ve Auto­no­mie auch recht­lich zu leben. Die Juden ver­wen­de­ten dabei jeweils ihre Hei­li­gen Schrif­ten als rela­tiv auto­no­mes Recht.
Sowohl in Judäa als auch in ande­ren grie­chisch und römisch beherrsch­ten Städ­ten war es den Juden erlaubt, ihre rela­ti­ve Auto­no­mie auch recht­lich zu leben. Die Juden ver­wen­de­ten dabei jeweils ihre Hei­li­gen Schrif­ten als rela­tiv auto­no­mes Recht.
Von die­ser sozia­len, poli­ti­schen und recht­li­chen Situa­ti­on ist die Ent­wick­lung des Juden­tums geprägt. Die Hei­li­gen Schrif­ten waren von den Welt­mäch­ten als rela­tiv auto­no­mes Recht, als Aus­druck von Reli­gi­on und Sitt­lich­keit aner­kannt, die „Sit­ten der Älte­ren“, wie dies die Römer nann­ten. Die Grie­chen bezeich­ne­ten dies als „Geset­ze der Väter“. Es han­delt sich um einen ver­brei­te­ten Umgang der Welt­mäch­te mit besieg­ten Völ­kern.
Was ent­wi­ckel­ten nun die Juden aus die­ser Situa­ti­on? Zunächst ist wich­tig zu sehen, dass vie­le Juden gar nicht in Judäa und in der Nähe der Tem­pel­stadt Jeru­sa­lem wohn­ten, son­dern durch­aus in grie­chi­schen und römi­schen Städ­ten leb­ten, dar­un­ter auch Baby­lon und eben Alex­an­dria. Der sicht­bars­te Aus­druck die­ser Tat­sa­che ist die Exis­tenz einer grie­chisch­spra­chi­gen jüdi­schen Bibel, die frei­lich über­wie­gend auf hebräi­sche und ara­mäi­sche Ori­gi­na­le zurück­geht. Sie ist weit­hin die Hei­li­ge Schrift der Grie­chisch spre­chen­den Juden gewe­sen und wur­de – wie der Aris­teas­brief zeigt – von einem grie­chi­schen Herr­scher in Ägyp­ten auch als „Gesetz der Väter“ aner­kannt. Wir haben also im Juden­tum seit etwa 300 v. d. Z. zwei Arten von Hei­li­gen Schrif­ten: die hebräi­schen und ara­mäi­schen Tex­te, aber auch die grie­chi­schen Über­set­zun­gen. Bei­de Text­über­lie­fe­run­gen sind eben­falls in Qum­ran gefun­den wor­den.
Zwar herrsch­te in Judäa mit der Metro­po­le Jeru­sa­lem eine aris­to­kra­ti­sche Ver­wal­tung vor, die durch eine Pries­ter­herr­schaft um den Jeru­sa­le­mer Tem­pel aus­ge­zeich­net war. Sie wur­de auch von den aris­to­kra­ti­schen Ober­häup­tern ent­spre­chen­der Fami­li­en die­ser Gegend gestützt, den soge­nann­ten „Ältes­ten“. Aber auch in Judäa ent­wi­ckel­te sich seit 300 v. d. Z., spä­tes­tens aber seit dem 2. Jahr­hun­dert v. d. Z. eine wei­te­re wich­ti­ge Grup­pe: die soge­nann­ten „Schrift­ge­lehr­ten“. Sie leg­ten die Schrift aus. Und dabei ereig­ne­ten sich eine Rei­he von Ent­de­ckun­gen.
Sie leg­ten die Hei­li­gen Schrif­ten aus und ent­deck­ten:

1. dass die Hei­li­gen Schrif­ten nicht ein­heit­lich waren;

2. dass man in ihnen Schwer­punk­te set­zen konn­te und sie ent­wi­ckel­ten ent­spre­chen­de Schrift­aus­le­gungs­ver­fah­ren;

3. dass die jewei­li­ge reli­giö­se Erfah­rung der Aus­gangs­punkt der Schrift­aus­le­gung sein muss.

Eine wich­ti­ge Rol­le spielt dabei der viel­leicht aus Baby­lo­ni­en stam­men­de Schrift­ge­lehr­te Hil­lel. So heißt es über ihn im baby­lo­ni­schen Tal­mud (bSuk53a):

Man sag­te über Hil­lel den Älte­ren:
Als er sich beim Fest des Was­ser­gie­ßens freu­te, sag­te er so(lches): Wenn ich hier bin – sind alle hier; und wenn ich nicht hier bin – wer ist hier? … Zu dem Ort, den ich lie­be, dort­hin füh­ren mich mei­ne Füße. Wenn Du zu mei­nem Haus kom­men wirst – wer­de ich zu Dei­nem Haus kom­men; wenn Du nicht zu mei­nem Haus kom­men wirst – wer­de ich nicht zu Dei­nem Haus kom­men, wie es heißt: „An jedem Ort, da ich mei­nen Namen erwäh­nen las­sen wer­de, wer­de ich zu dir kom­men und dich seg­nen.“ (Ex 20,24b). [Über­set­zung Aha­ron Agus]

Das ist zunächst ein typisch schrift­ge­lehr­ter Topos. Einer bestehen­den reli­giö­sen Pra­xis gegen­über wird eine ande­re Schrift­tra­di­ti­on auf­ge­führt. Sie gehört der Aus­zugstra­di­ti­on an. Man kann ihr ent­neh­men, dass das jewei­li­ge indi­vi­du­el­le Leben der Ort der Begeg­nung Got­tes ist. Die Zen­tra­li­sie­rung der jüdi­schen Fröm­mig­keit auf den Jeru­sa­le­mer Tem­pel ist nicht die ein­zi­ge Ansicht, wel­che die Schrif­ten zu die­sem The­ma der Begeg­nung mit Gott ken­nen.
Dar­über hin­aus ent­hält die kur­ze Sequenz aber noch zwei wei­te­re wich­ti­ge Bot­schaf­ten. Dass Hil­lel an die­sem Ritu­al des Was­ser­gie­ßens teil­nimmt, reprä­sen­tiert eine all­ge­mei­ne Struk­tur: „Wenn ich hier bin – sind alle hier“.
Die zwei­te Bot­schaft ist noch wich­ti­ger: Hil­lels Refle­xi­on spielt mit der Bedeu­tung des Wor­tes „Haus“– im Sin­ne eines mehr­deu­ti­gen Wort­spiels. Ein­mal bedeu­tet das Wort „Haus“ den Jeru­sa­le­mer Tem­pel, dann aber das „Haus“ Hil­lels, wo immer es sich gera­de befin­det. Inten­diert ist, den Tem­pel als Ort der Begeg­nung mit Gott in den je indi­vi­du­el­len und von Indi­vi­du­en geteil­ten gemein­schaft­li­chen Lebens­kon­text zu ver­schie­ben. Das ist – so die Refle­xi­on – schrift­ge­mäß. Die­ser Lebens­kon­text ist der Ort der indi­vi­du­el­len und von Indi­vi­du­en geteil­ten Begeg­nung mit Gott.
Die zwei­te Bot­schaft ist noch wich­ti­ger: Hil­lels Refle­xi­on spielt mit der Bedeu­tung des Wor­tes „Haus“– im Sin­ne eines mehr­deu­ti­gen Wort­spiels. Ein­mal bedeu­tet das Wort „Haus“ den Jeru­sa­le­mer Tem­pel, dann aber das „Haus“ Hil­lels, wo immer es sich gera­de befin­det. Inten­diert ist, den Tem­pel als Ort der Begeg­nung mit Gott in den je indi­vi­du­el­len und von Indi­vi­du­en geteil­ten gemein­schaft­li­chen Lebens­kon­text zu ver­schie­ben. Das ist – so die Refle­xi­on – schrift­ge­mäß. Die­ser Lebens­kon­text ist der Ort der indi­vi­du­el­len und von Indi­vi­du­en geteil­ten Begeg­nung mit Gott.
Die ver­schie­de­nen Schrift­aus­le­gun­gen im jewei­li­gen gemeind­li­chen und geschicht­li­chen Kon­text im Lich­te der jewei­li­gen Got­tes­er­fah­rung sind vor allem in den bei­den Tal­mu­den, dem baby­lo­ni­schen und dem Jeru­sa­le­mer Tal­mud gesam­melt. Eine wich­ti­ge Eigen­art die­ser Text­welt besteht dar­in, dass sie auch die Min­der­hei­ten­po­si­tio­nen in einer bestimm­ten Fra­ge berück­sich­tigt und mit über­lie­fert: Denn auch die Min­der­heit könn­te Recht gehabt haben, auch wenn man in einer bestimm­ten Situa­ti­on zu einer mehr­heit­lich ande­ren Auf­fas­sung gelangt war.

 

Text-Welt:

 

 

 

Schrift­aus­le­gungs-Modell:

 

 

 

 

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Info:
Reli­gi­ons­ge­schich­te Ber­pre­digt, Mt 5-7 ist Beitrag Nr. 8004
Autor:
Martin Pöttner am 21. Mai 2019 um 08:30
Category:
Allgemein
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