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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments, zwei­te Vor­le­sung

§ 2: Die Ent­ste­hung der dyna­mi­schen Schrift­re­li­gi­on im Juden­tum – und ihre Fort­set­zung im Neu­en Tes­ta­ment

Inhalt

Zu Ende füh­ren des § 1, Ver­ständ­nis­fra­gen und Kri­tik. Vor­spruch:

Bit­te lesen Sie den Abschnitt 4 von § 1. Mir ist wich­tig, dass Sie Schlei­er­ma­chers Über­le­gun­gen zum Hebrais­mus ver­ste­hen, auch das­je­ni­ge, was ich zur LXX, der grie­chi­schen Über­set­zung der aramäischen/hebräischen Tex­te sage. Dazu kom­men Abgren­zun­gen zu Posi­tio­nen, die unter­stel­len, es gebe beson­de­re geist­ge­wirk­te Regeln, mit­tels derer man/frau ggf. nur den Sinn neu­tes­ta­ment­li­cher Tex­te ver­ste­hen kön­ne.
Abb. 4: http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/wp-content/uploads/2019/04/Screenshot_20190217-200930_PowerPoint-e1555170097239.jpg
M. E. gab es Ver­ständ­nis­fra­gen zu den bei­den fol­gen­den Gra­fi­ken bzw. zu dem damit dar­ge­stell­ten Inhalt:
Abb. 1: http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/wp-content/uploads/2019/02/Zeitliches-Selbstverh%C3%A4ltnis-Zeichen-und-Religiosit%C3%A4t-e1550242280334.jpg
Abb. 2: http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/wp-content/uploads/2019/04/Screenshot_20190217-200930_PowerPoint-e1555170097239.jpg
Dar­über kön­nen wir ger­ne noch ein­mal spre­chen bzw. dis­ku­tie­ren. Eben­so über das Fol­ge­pro­blem, dass ich „die Wahr­heit“ in „unse­rem“ Ver­hält­nis zu Chris­tus sehe, vgl. Joh 14,6 mit 18,37f und die Reich­wei­te in Joh 1,1-3!

Kri­tik

Müss­te nicht „Queer“-Hermeneutik ein­be­zo­gen wer­den https://www.queer.de/ ?!!! M. E. eher nicht, da seit den 1980er Jah­ren die femi­nis­ti­sche Her­me­neu­tik die­ses The­ma mit­be­ar­bei­tet hat, so auch Frett­löh, die sich auf Judith But­ler bezieht. M. E. kommt die früh­ro­man­ti­sche Posi­ti­on hin­zu, die Gegen­sät­ze wie Mann/Frau nicht scharf, son­dern eher als Über­gän­ge ver­steht. So sind Tex­te wie Gen 1,26ff und Gal 3,26ff m. E. am bes­ten zu ver­ste­hen.

1. Ein bibli­sches Bei­spiel: Gen 1,1-2,4a und 2,4b-3,24

2. Die Schrift­ge­lehr­ten im Juden­tum

3. Der Anschluss des Neu­en Tes­ta­ments an die dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung im Juden­tum

 

Mei­ne Damen und Her­ren,

ich begrü­ße Sie zur zwei­ten Vor­le­sung über die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments. Heu­te geht es um die Ent­ste­hung der  dyna­mi­schen Schrift­re­li­gi­on im Juden­tum, von der das Chris­ten­tum des Neu­en Tes­ta­ments geprägt ist und von der es eine Fort­ent­wick­lung dar­stellt. Bevor ich damit begin­ne, möch­te ich fra­gen, ob es Rück­fra­gen zur letz­ten Stun­de gibt oder ob Sie Ein­wän­de äußern möch­ten.

 

Die heu­ti­ge Vor­le­sung hat fol­gen­de Struk­tur:

1 Ein bibli­sches Bei­spiel: Gen 1,1-2,4a und 2,4b-3,24
2 Die Schrift­ge­lehr­ten im Juden­tum
3 Der Anschluss des Neu­en Tes­ta­ments an die dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung im Juden­tum

1 Ein bibli­sches Bei­spiel: Gen 1,1-2,4a und 2,4b-3,24

Wir sahen anhand der Aus­le­gung von 1Kor 14, dass für Pau­lus das her­me­neu­ti­sche Pro­blem als Pro­blem des Ver­ste­hens frem­der Zei­chen und eben­so der Fra­ge des mög­li­chen Ein­ver­ständ­nis­ses mit dem von die­sen Zei­chen Bezeich­ne­ten oder Dar­ge­stell­ten trans­pa­rent war. Den­ken Sie an die Erwäh­nung des* Lai­en* oder Ungläu­bi­gen*, der vor dem Hin­ter­grund trans­pa­ren­ter Zei­chen poten­zi­ell sein Ein­ver­ständ­nis mit der Glau­bens­kom­mu­ni­ka­ti­on der korin­thi­schen Gemein­de äußern könn­te.

Natür­lich könn­te man mei­nen, Pau­lus habe auch die Her­me­neu­tik erfun­den. Aber Pau­lus war ein pha­ri­säi­scher Schrift­ge­lehr­ter (Phil 3). Daher liegt es nahe, dass die­se Fra­gen schon zuvor im Juden­tum dis­ku­tiert wor­den sind. Ähn­lich gibt es im grie­chi­schen Wis­sen­schafts­sys­tem phi­lo­lo­gi­sche Bestre­bun­gen ins­be­son­de­re in Alex­an­dria, Der­ar­ti­ges zu the­ma­ti­sie­ren. Wir kon­zen­trie­ren uns auf den Pro­zess im Juden­tum, der sich aber kei­nes­wegs unab­hän­gig von den Ent­wick­lun­gen in der grie­chi­schen Kul­tur voll­zo­gen hat.

Jeder* Leser* der jüdi­schen Bibel wird sofort in den ers­ten drei Kapi­teln auf das Pro­blem gesto­ßen.
Zum einen wird in Gen 1,26-31 gesagt, Gott habe den Men­schen nach sei­nem bzw. „unse­rem“ Bild gott­ähn­lich geschaf­fen. „Der Mensch“ ist ver­schie­den­ge­schlecht­lich, es han­delt sich um Män­ner und Frau­en. Die­se sind bei­de Bil­der Got­tes, ihm ähn­lich und nach sei­nem Bild geschaf­fen. Die Über­set­zung der LXX κατ᾽ εἰκόνα ἡμετέραν (kat᾽ eiko­na heme­teran) ist rich­tig und gibt m. E. auch die hebräi­sche Wen­dung בצלמנו (bezal­me­nu) ange­mes­sen wie­der. Für uns ist erst ein­mal wich­tig, dass in Gen 1,26ff ein sym­me­tri­sches Geschlech­ter­ver­hält­nis gemeint ist. Dass dies ange­sichts der Tat­sa­che von Per­so­nen mit Trans­gen­der-Ten­denz oder Inter­se­xu­el­len bes­ser nicht als scharf unter­schie­de­ner Gegen­satz in der Schöp­fungs­ord­nung o. Ä. auf­ge­fasst wer­den soll­te, son­dern mit Schlei­er­ma­cher als poten­zi­el­le Über­gangs­sphä­re, habe ich ein­gangs mit Bezug auf die mög­li­che Queer-Her­me­neu­tik schon betont.

Ab Gen 2,4b beginnt aber eine zwei­te Schöp­fungs­er­zäh­lung, die Para­die­s­er­zäh­lung. Dort pflanzt JHWH 1 als Gott einen Gar­ten, in den er den Men­schen bringt. Ihm unter­sagt er, vom Baum der Erkennt­nis des Guten und Bösen zu essen. Da der Mensch ein­sam ist und unter den Tie­ren kei­ne Partner*in fin­det, führt JHWH als Gott einen chir­ur­gi­schen Ein­griff durch, der an die ähn­li­che Akti­on des Zeus erin­nert, die Aris­to­pha­nes in Pla­tons Sym­po­si­on ( http://www.alltagundphilosophie.com/Schleiermacher_Platon.pdf ) erzählt, wohl kaum zufäl­lig, ich unter­stel­le, dass die Urge­schich­te mit Pla­t­on­kennt­nis bes­ser ver­stan­den wer­den kann.
JHWH als Gott ver­setzt den Men­schen in einen Tief­schlaf und ent­nimmt ihm eine Sei­te, aus der dann Eva wird. „Der Mensch“ scheint also ein andro­gy­nes Wesen zu sein, das chir­ur­gisch in einen männ­li­chen und weib­li­chen Teil getrennt wer­den kann. Ähn­lich wie bei Pla­ton stre­ben die chir­ur­gisch getrenn­ten Tei­le nach Wie­der­ver­ei­ni­gung. Und das heißt: Ein-Fleisch-Sein, wie es als sexu­el­le Meta­pher in Gen 2,24 gesagt wird. Viel­leicht lie­ße sich die Inter­pre­ta­ti­on hal­ten, dass die­ser Mythos 2, der an den Mythos erin­nert, den Aris­to­pha­nes im Sym­po­si­on von der chir­ur­gi­schen Ent­ste­hung der drei ver­schie­de­nen Typen der Homo-, Heter-oSe­xua­li­tät bzw. Ero­tik erzählt, eine erzäh­le­risch char­mant gestal­te­te Vari­an­te von Gen 1,26-31 sei. Das bleibt aber schwie­rig, weil die Erzäh­lung dann einen ande­ren Ver­lauf nimmt. Die Schlan­ge tritt auf, weiß sogar bes­ser Bescheid als Gott und bringt Adam und Eva dazu, vom Baum der Erkennt­nis des Guten und Bösen zu essen. Aus den Natur­we­sen Adam und Eva, die frei­lich den gött­li­chen Atem in sich tru­gen (vgl. Gen 2,7), wur­den jetzt sitt­lich kom­pe­ten­te Kul­tur­we­sen, die genau­so gut zwi­schen Gut und Böse unter­schei­den kön­nen wie Gott, was die­ser in Gen 3,22 fest­hält. Damit sie aber nicht auch noch unsterb­lich wer­den, wer­den sie aus dem Para­dies ver­wie­sen, denn dort hat­te JHWH als Gott den Baum des Lebens gepflanzt. Und mut­maß­lich wür­den Eva und Adam auch von die­sem essen – und dann wären sie Gott ganz gleich.

Die Last, jetzt ein sitt­lich kom­pe­ten­tes Kul­tur­we­sen zu sein, trägt aber Eva erheb­lich stär­ker als Adam. Wäh­rend die­ser im Schwei­ße sei­nes Ange­sichts hart arbei­ten muss, erbt Eva die Geburts­schmer­zen. Zu allem Über­fluss hat sie aber eine star­ke Libi­do – und Luther über­setzt:

Und dein Ver­lan­gen soll nach dei­nem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. (Gen 3,16)

Das ist der klas­si­sche patri­ar­cha­le Satz, der Mann soll der Herr der Frau sein. Das unter­schei­det sich aber mar­kant von der sym­me­tri­schen Fas­sung des Geschlech­ter­ver­hält­nis­ses in Gen 1,26ff, dem­zu­fol­ge bei­de Geschlech­ter gott­ähn­li­che Bil­der Got­tes sind. Da bei­de Tex­te ganz eng zusam­men­ste­hen, kommt es vor, dass die Para­diessto­ry aus der Per­spek­ti­ve von Gen 1,26ff gele­sen und auch Gen 3,16ff fak­tisch als sym­me­trisch inter­pre­tiert wird. Zwei mei­ner Stu­den­tin­nen haben das in den letz­ten Jah­ren getan. Aber die Sache mit der star­ken Libi­do der Frau und ihrer Kon­se­quenz, dass der Mann der Herr der Frau sei, spre­chen wohl dage­gen. Das müs­sen wir heu­te Mor­gen nicht ent­schei­den.

Ich habe das etwas aus­führ­lich vor­ge­führt, um zu bele­gen, dass die Text­ba­sis der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden* nicht ein­heit­lich ist. Mei­ne exege­ti­schen Urgroß­vä­ter haben des­we­gen die Urkun­den­hy­po­the­se ent­wi­ckelt, dass Gen 1,1-2,4a einer ande­ren Quel­len­schrift ange­hört als Gen 2,4b-3,24. Wie Jan Ass­mann, Exo­dus, 2015, lesens­wert und leicht ver­ständ­lich dar­ge­legt hat, ist die­se Annah­me heu­te nicht mehr sehr ver­brei­tet. Son­dern die Pries­ter­schrift, zu der 1,1-2,4a gehört, wird heu­te häu­fig als Redak­ti­ons­schicht betrach­tet, die ande­re Tra­di­tio­nen und Tex­te inte­griert. Wenn es sich so ver­hal­ten soll­te, ist die­ser Redak­ti­ons­pro­zess jeden­falls nicht so ver­lau­fen, dass Wider­sprü­che, Abwei­chun­gen usf. weg­re­di­giert wor­den sind.

In der Geschlech­ter­fra­ge prä­sen­tiert sich die Bibel also am Anfang ambi­va­lent – und im Neu­en Tes­ta­ment ist das so geblie­ben. Auch in der digi­ta­len Kir­che  repro­du­ziert sich die­se Ambi­va­lenz im Hero­in­nen-Streit von Jana High­hol­der im EKD-Kanal jana­glaubt und der Pfar­re­rin Han­na Jakobs vom raum­schiff-ruhr, mehr kann ein Her­me­neu­ti­ker gar nicht erhof­fen.

Zumin­dest indi­rekt ist wg. der offen­sicht­li­chen Par­al­le­le zu Pla­ton, Sym­po­si­on, auch das Pro­blem der Homo­se­xua­li­tät ange­spro­chen. ln der Kir­chen­ge­schich­te hat sich eher der patri­ar­cha­le Typ durch­ge­setzt, aber die Ver­än­de­run­gen im Pro­tes­tan­tis­mus, auch im libe­ra­len Juden­tum, wären undenk­bar, wenn nicht auch sym­me­tri­sche Tex­te exis­tier­ten, die nicht zwin­gend auf einen Geschlech­ter-Dual hin­aus­lau­fen.

Ver­sucht man das lite­ra­risch zu ver­ste­hen und zu erwä­gen, wel­chen inten­dier­ten Leser* die Bibel auf der kano­ni­schen Ebe­ne vor­aus­setzt, dann ist es ein* Leser*, der* selbst­stän­dig urtei­len kann und sich mit ande­ren Leser*innen etwa über die Unein­heit­lich­keit beim Geschlech­ter­ver­hält­nis dis­kur­siv aus­ein­an­der­setzt – und dann in Gemein­den eine Ent­schei­dung trifft.

2 Die Schrift­ge­lehr­ten im Juden­tum

Das Juden­tum im enge­ren Sinn hat sich erst nach dem Exil der judäi­schen Ober­schicht in Baby­lon aus­ge­bil­det. Um 500 v. d. Z. wird in der per­si­schen Pro­vinz Judäa ein neu­er Tem­pel errich­tet. In die­sem Kon­text setzt auch die Fest­le­gung der Hei­li­gen Schrif­ten des Juden­tums ein, wie vie­le glau­ben, im Kon­text des Jeru­sa­le­mer Tem­pels. Die­ser Pro­zess hat viel­leicht schon vor dem Exil begon­nen und setzt sich bis unge­fähr in das ers­te Jahr­hun­dert v. d. Z. fort. Dies geschieht nun nicht mehr unter per­si­scher Ober­ho­heit. An die Stel­le der Per­ser tre­ten zuerst die Grie­chen unter Alex­an­der dem Gro­ßen, dann sei­nen Nach­fol­gern. Im ers­ten Jahr­hun­dert v. d. Z. tre­ten schließ­lich die Römer auf. Pom­pei­us zieht in Jeru­sa­lem ein. Sieht man genau­er zu, dann haben die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden* die­se geschicht­li­chen Ver­än­de­run­gen notiert. So spie­gelt sich die Erobe­rung Jeru­sa­lems durch Pom­pei­us mut­maß­lich in den Psal­men Salo­mos in der grie­chi­schen jüdi­schen Bibel, der Sep­tuag­in­ta. Der Pro­zess der Schrift­bil­dung ist also erst im ers­ten Jahr­hun­dert v. d. Z. abge­schlos­sen wor­den. Ein brei­ter Kern der Schrif­ten stand aber wohl schon im 2. Jahr­hun­dert v. d. Z. fest, wie die Schrif­ten­fun­de in den Höh­len von Qum­ran bele­gen. Ent­schei­den­der als die­se Fak­ten ist aber der Umgang der Juden* mit ihren Hei­li­gen Schrif­ten. Per­ser, Grie­chen und Römer ver­folg­ten als Welt­mäch­te eine ein­heit­li­che Stra­te­gie gegen­über unter­wor­fe­nen Völ­kern. Sofern die­se poli­tisch loy­al waren und Steu­ern bzw. Tri­bu­te bezahl­ten, konn­ten sie ihre Ange­le­gen­hei­ten rela­tiv auto­nom regeln, also auch mit einer rela­tiv selbst­stän­di­gen Rechts­ord­nung. So wur­de dies auch den Juden* in Judäa, aber auch in Grie­chen­land und Ägyp­ten gestat­tet, wo zur Zei­ten­wen­de mög­li­cher­wei­se mehr Juden* leb­ten als in der Pro­vinz Judäa, dem spä­te­ren Paläs­ti­na. Doch Judäa mit der Tem­pel­stadt Jeru­sa­lem blieb bis 70 d. Z. das rela­ti­ve reli­giö­se Zen­trum des Juden­tums, frei­lich mit beacht­li­cher Kon­kur­renz in der ägyp­ti­schen Stadt Alex­an­dria , die von den Grie­chen zu einer gro­ßen und bedeu­ten­den anti­ken Stadt aus­ge­baut wur­de. Sie war ein bedeu­ten­des Zen­trum der anti­ken Wis­sen­schaft. Und sie besaß eine gro­ße jüdi­sche Gemein­de. Sowohl in Judäa als auch in ande­ren grie­chisch und römisch beherrsch­ten Städ­ten war es den Juden* erlaubt, ihre rela­ti­ve Auto­no­mie auch recht­lich zu leben. Die Juden* ver­wen­de­ten dabei jeweils ihre Hei­li­gen Schrif­ten als rela­tiv auto­no­mes Recht . Von die­ser sozia­len, poli­ti­schen und recht­li­chen Situa­ti­on ist die Ent­wick­lung des Juden­tums geprägt. Die Hei­li­gen Schrif­ten waren von den Welt­mäch­ten als rela­tiv auto­no­mes Recht, als Aus­druck von Reli­gi­on und Sitt­lich­keit aner­kannt, die „Sit­ten der Älte­ren“, wie dies die Römer nann­ten. Die Grie­chen bezeich­ne­ten dies als „ Geset­ze der Väter“. Das war ein ver­brei­te­ter Umgang der Welt­mäch­te mit besieg­ten Völ­kern.
Was ent­wi­ckel­ten nun die Juden* aus die­ser Situa­ti­on? Zunächst ist wich­tig zu sehen, dass vie­le Juden* gar nicht in Judäa und in der Nähe der Tem­pel­stadt Jeru­sa­lem wohn­ten, son­dern durch­aus in grie­chi­schen und römi­schen Städ­ten leb­ten, dar­un­ter auch Baby­lon und eben Alex­an­dria. Der sicht­bars­te Aus­druck die­ser Tat­sa­che ist die Exis­tenz einer grie­chisch­spra­chi­gen jüdi­schen Bibel, die frei­lich über­wie­gend auf hebräi­sche und ara­mäi­sche Ori­gi­na­le zurück­geht. Sie ist weit­hin die Hei­li­ge Schrift der Grie­chisch spre­chen­den Juden* gewe­sen und wur­de – wie der Aris­teas­brief zeigt – von einem grie­chi­schen Herr­scher in Ägyp­ten auch als „Gesetz der Väter“ aner­kannt. Wir haben also im Juden­tum seit etwa 300 v. d. Z. zwei Arten von Hei­li­gen Schrif­ten: die hebräi­schen und ara­mäi­schen Tex­te, aber auch die grie­chi­schen Über­set­zun­gen. Bei­de Text­über­lie­fe­run­gen sind eben­falls in Qum­ran gefun­den wor­den.
Zwar herrsch­te in Judäa mit der Metro­po­le Jeru­sa­lem eine aris­to­kra­ti­sche Ver­wal­tung vor, die durch eine Pries­ter­herr­schaft um den Jeru­sa­le­mer Tem­pel aus­ge­zeich­net war. Sie wur­de auch von den aris­to­kra­ti­schen Ober­häup­tern ent­spre­chen­der Fami­li­en die­ser Gegend gestützt, den soge­nann­ten „Ältes­ten“. Aber auch in Judäa ent­wi­ckel­te sich seit 300 v. d. Z., spä­tes­tens aber seit dem 2. Jahr­hun­dert v. d. Z. eine wei­te­re wich­ti­ge Grup­pe: die soge­nann­ten „ Schrift­ge­lehr­ten “. Sie leg­ten die Schrift aus. Und dabei ereig­ne­ten sich eine Rei­he von Ent­de­ckun­gen. Man darf sagen, die Schrift­ge­lehr­ten hat­ten das inten­dier­te Leser*innen-Konzept der Bibel erfasst und mach­ten es expli­zit. Sie leg­ten die Hei­li­gen Schrif­ten aus und ent­deck­ten:

1. dass die Hei­li­gen Schrif­ten nicht ein­heit­lich waren;
2. dass man in ihnen Schwer­punk­te set­zen konn­te – und sie ent­wi­ckel­ten ent­spre­chen­de Aus­le­gungs­ver­fah­ren;
3. dass die jewei­li­ge reli­giö­se Erfah­rung der Aus­gangs­punkt der Schrift­aus­le­gung sein muss.

Eine wich­ti­ge Rol­le spielt dabei der viel­leicht aus Baby­lo­ni­en stam­men­de Schrift­ge­lehr­te Hil­lel. So heißt es über ihn im baby­lo­ni­schen Tal­mud (bSuk53a):

Man sag­te über Hil­lel den Älte­ren: Als er sich beim Fest des Was­ser­gie­ßens freu­te, sag­te er so(lches): Wenn ich hier bin – sind alle hier; und wenn ich nicht hier bin – wer ist hier? … Zu dem Ort, den ich lie­be, dort­hin füh­ren mich mei­ne Füße. Wenn Du zu mei­nem Haus kom­men wirst – wer­de ich zu Dei­nem Haus kom­men; wenn Du nicht zu mei­nem Haus kom­men wirst – wer­de ich nicht zu Dei­nem Haus kom­men, wie es heißt: „An jedem Ort, da ich mei­nen Namen erwäh­nen las­sen wer­de, wer­de ich zu dir kom­men und dich seg­nen.“ (Ex 20,24b). [Über­set­zung Aha­ron Agus]

Das ist zunächst ein typisch schrift­ge­lehr­ter Topos. Einer bestehen­den reli­giö­sen Pra­xis gegen­über wird eine ande­re Schrift­tra­di­ti­on auf­ge­führt. Sie gehört der Aus­zugstra­di­ti­on an. Man kann ihr ent­neh­men, dass das jewei­li­ge indi­vi­du­el­le Leben der Ort der Begeg­nung Got­tes ist. Die Zen­tra­li­sie­rung der jüdi­schen Fröm­mig­keit auf den Jeru­sa­le­mer Tem­pel ist nicht die ein­zi­ge Ansicht, wel­che die Schrif­ten zu die­sem The­ma der Begeg­nung mit Gott ken­nen. Dar­über hin­aus ent­hält die kur­ze Sequenz aber noch zwei wei­te­re wich­ti­ge Bot­schaf­ten. Dass Hil­lel an die­sem Ritu­al des Was­ser­gie­ßens teil­nimmt, reprä­sen­tiert eine all­ge­mei­ne Struk­tur:

Wenn ich hier bin – sind alle hier“.

Die zwei­te Bot­schaft ist noch wich­ti­ger: Hil­lels Refle­xi­on spielt mit der Bedeu­tung des Wor­tes „Haus“ – im Sin­ne eines mehr­deu­ti­gen Wort­spiels. Ein­mal bedeu­tet das Wort „Haus“ den Jeru­sa­le­mer Tem­pel, dann aber das „Haus“ Hil­lels, wo immer es sich gera­de befin­det. Inten­diert ist, den Tem­pel als Ort der Begeg­nung mit Gott in den je indi­vi­du­el­len und von Indi­vi­du­en geteil­ten gemein­schaft­li­chen Lebens­kon­text zu ver­schie­ben. Das ist – so die Refle­xi­on – schrift­ge­mäß. Die­ser Lebens­kon­text ist der Ort der indi­vi­du­el­len und von Indi­vi­du­en geteil­ten Begeg­nung mit Gott. Wer die Got­tes­er­fah­rung im indi­vi­du­ell-gemeind­li­chen Kon­text ernst­haft lebt und bei Ver­feh­lun­gen umkehrt bzw. zu einer Lebens­wen­de kommt, benö­tigt daher zur Süh­ne der Sün­den nicht mehr den ver­mit­teln­den Opfer­kult der Pries­ter – so die von Aha­ron Agus, Das Juden­tum in sei­ner Ent­ste­hung, 2001, mit Recht beton­te Schluss­fol­ge­rung.
Die ver­schie­de­nen Schrift­aus­le­gun­gen im jewei­li­gen gemeind­li­chen und geschicht­li­chen Kon­text im Lich­te der jewei­li­gen Got­tes­er­fah­rung sind vor allem in den bei­den Tal­mu­den, dem baby­lo­ni­schen und dem Jeru­sa­le­mer Tal­mud gesam­melt. Eine wich­ti­ge Eigen­art die­ser Text­welt besteht dar­in, dass sie auch die Min­der­hei­ten­po­si­tio­nen in einer bestimm­ten Fra­ge berück­sich­tigt und mit über­lie­fert: Denn auch die Min­der­heit könn­te Recht gehabt haben, auch wenn man in einer bestimm­ten Situa­ti­on zu einer mehr­heit­lich ande­ren Auf­fas­sung gelangt war.

 

 

Abb. 5

So sieht dann der Schrift­aus­le­gungs­pro­zess im paläs­ti­nisch-baby­lo­ni­schen Juden­tum aus:

 

 

 

Abb. 6

Einen ande­ren Weg im anti­ken Juden­tum geht das alex­an­dri­ni­sche Juden­tum. Auch die­se Form des Juden­tums kennt die dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung mit dem Bezug auf die indi­vi­du­el­le Got­tes­er­fah­rung und ent­spre­chen­der Schwer­punkt­set­zung in den Schrif­ten. Aller­dings wählt die­ses Juden­tum eine ande­re Schrift­aus­le­gungs­me­tho­de. Es über­nimmt ins­be­son­de­re in der Gestalt des Reli­gi­ons­phi­lo­so­phen Phi­lo von Alex­an­dria im ers­ten Jahr­hun­dert d. Z. die alle­go­ri­sche Schrift­aus­le­gungs­me­tho­de der Homer-Inter­pre­ta­ti­on. Im Grie­chen­tum und dann bei den Römern wur­den die grie­chi­schen und römi­schen „Mythen“ alle­go­risch aus­ge­legt – auf einen tie­fe­ren Sinn hin, der durch den vor­der­grün­di­gen his­to­risch-wört­li­chen Sinn ver­bor­gen schien. Phi­lo leg­te dabei die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden* im Sin­ne einer pla­to­nisch-phi­lo­so­phi­schen Rezep­ti­on aus. Auch auf die­se Wei­se lös­te man sich von der kon­kre­ten Auf­fas­sung des Opfer­kul­tes. Man ver­geis­tig­te ihn. Auch hier wand­te sich das Juden­tum hin zur indi­vi­du­el­len Got­tes­er­fah­rung, die bei Phi­lo mys­tisch kon­zi­piert scheint.

 

Abb. 7

Sowohl bei den Schrift­ge­lehr­ten im eher judä­isch-paläs­ti­ni­schen Kon­text als auch bei den alex­an­dri­ni­schen Juden* kam es also zu einer dif­fe­ren­zier­ten Schrift­aus­le­gung. Man inter­pre­tier­te die „Geset­ze der Väter“ neu im Lich­te der aktu­el­len Got­tes­er­fah­rung. Dabei spielt die indi­vi­du­el­le Got­tes­er­fah­rung eine bedeu­ten­de Rol­le. Dabei schei­nen sowohl im judä­isch-paläs­ti­ni­schen als auch im alex­an­dri­ni­schen Kon­text mys­ti­sche Kon­zep­tio­nen auf­ge­tre­ten zu sein. Wenn es ver­schie­de­ne Got­tes­er­fah­run­gen gibt und ent­spre­chen­de kon­tro­ver­se Schrift­aus­le­gun­gen, dann stellt sich die Fra­ge nach der Ein­heit des inter­pre­tier­ten Got­tes. Nach mei­nem Ein­druck ist in die­sem Kon­text, dem Kon­text schrift­ge­lehr­ter Kon­tro­ver­se die Beto­nung des Sach­ver­halts ent­stan­den, der in Isra­el ver­ehr­te Gott sei der ein­zi­ge Gott. Die alex­an­dri­ni­schen Juden* zogen hier­aus die wich­ti­ge Kon­se­quenz, dass die­ser Gott dann auch in irgend­ei­ner Wei­se der Gott der grie­chisch-römi­schen Kul­tur sein müs­se. Denn wenn die­ser Gott der Ein­zi­ge ist, dann muss er auch in irgend­ei­ner Wei­se der Gott ande­rer kul­tu­rel­ler For­ma­tio­nen sein – selbst wenn Gott dort nicht expli­zit ver­ehrt wird. Den wich­tigs­ten Aus­druck inner­halb der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden* hat dies dar­in gefun­den, dass man den Namen Got­tes unles­bar schrieb: יהוה bzw. JHWH gibt weder in hebräi­schen, grie­chi­schen oder deut­schen Tran­skrip­tio­nen oder Umschrei­bun­gen einen ver­ständ­li­chen Sinn – und soll dies auch gar nicht tun. Man sieht dar­an, dass die Fra­ge kon­tro­ver­ser Schrift­aus­le­gung und indi­vi­du­el­ler Got­tes­er­fah­rung die Kon­zep­ti­on der Ein­zig­keit des gegen­über jeder Schrift­aus­le­gungs­po­si­ti­on noch ein­mal tran­szen­den­ten Got­tes selbst her­vor­ge­bracht hat­te. Nicht ein­mal den Namen die­ses Got­tes kann man mehr in der Schrift lesen. Nach mei­nem Ein­druck ist zu die­ser Zeit auch die Idee ent­stan­den, die sehr ver­schie­de­nen Rede­wei­sen von Gott als „bild­li­che“ Rede zu ver­ste­hen (Gen 1,26f). Als wäh­rend des ers­ten jüdi­schen Auf­stands der römi­sche Feld­herr Titus im Jahr 70 d. Z. den Jeru­sa­le­mer Tem­pel zer­stör­te, war das Juden­tum eine plu­ra­le Reli­gi­on mit einer welt­of­fe­nen Poin­te. Vor allem hat­te es die reli­gi­ons­ge­schicht­lich ent­schei­den­de Kon­zep­ti­on der dyna­mi­schen Schrift­re­li­gi­on ent­wi­ckelt, die auf den ver­mit­teln­den Dienst der Pries­ter zur Sün­den­ver­ge­bung ver­zich­ten kann – und an ihre Stel­le die direk­te, indi­vi­du­el­le Got­tes­er­fah­rung setzt.

3 Der Anschluss des Neu­en Tes­ta­ments an die dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung im Juden­tum

Das Chris­ten­tum in den bei­den ers­ten Jahr­hun­der­ten der Zeit­rech­nung setzt die jüdi­sche Tra­di­ti­on der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung fort. Man ori­en­tiert sich eben­so am Modell der Aus­le­gung der „Geset­ze der Väter“. So sind die ers­ten christ­li­chen Schrif­ten, die uns erhal­ten sind, die ech­ten Brie­fe des Apos­tels Pau­lus, nicht zuletzt Aus­le­gun­gen der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden, wobei dies in einer stark rhe­to­ri­schen Sti­li­sie­rung sei­ner Brie­fe geschieht. Die rela­ti­ve christ­li­che Neu­ori­en­tie­rung der Reli­gi­on kann zunächst als Zweig der pries­ter­kri­ti­schen jüdi­schen Reli­gi­on gese­hen wer­den. Das begin­nen­de Chris­ten­tum bil­det in den Jah­ren 50 bis 150 d. Z. wei­te­re Schrif­ten aus, die sich mehr oder weni­ger kri­tisch von der Mut­ter­re­li­gi­on Juden­tum abset­zen. Immer aber ist die glei­che sozi­al­ge­schicht­li­che Kon­struk­ti­on sicht­bar wie im Juden­tum: Das Chris­ten­tum ver­sucht die glei­che Aner­ken­nung einer rela­ti­ven Auto­no­mie durch den römi­schen Staat zu erhal­ten, wie es für das Juden­tum galt. Reli­gi­ons­ge­schicht­lich stellt das frü­he Chris­ten­tum also bis in die Mit­te des zwei­ten Jahr­hun­derts nüch­tern betrach­tet einen Zweig des Juden­tums dar. Die­ses Urteil leuch­tet beson­ders dann ein, wenn man/frau bedenkt, dass ins­be­son­de­re im alex­an­dri­ni­schen Juden­tum die Neu­in­ter­pre­ta­ti­on der Hei­li­gen Schrif­ten auch mit der wei­te­ren Pro­duk­ti­on von Hei­li­gen Schrif­ten ver­bun­den war. So ver­hielt es sich auch mit den frü­hen christ­li­chen Schrif­ten. Sie inter­pre­tier­ten die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden* neu und pro­du­zier­ten wei­te­re Schrif­ten, die den Gott Isra­els ver­ehr­ten und ihn auf das Auf­tre­ten Jesu von Naza­reth bezo­gen, mit dem eine Wei­ter­ent­wick­lung in der jüdi­schen Reli­gi­on ein­ge­tre­ten sei. Im paläs­ti­nisch-judäi­schen Juden­tum ent­wi­ckel­te sich nach der Zer­stö­rung des Jeru­sa­le­mer Tem­pels in die­ser Zeit eine zwei­te mes­sia­nisch-poli­ti­sche Stim­mung, die zu einem zwei­ten jüdi­schen Auf­stand führ­te. Auch die­ser ende­te wie der ers­te Auf­stand mit einer ver­nich­ten­den Nie­der­la­ge. Das Image der Juden* war im Römi­schen Reich auf dem Tief­punkt. Kai­ser Hadri­an – so heißt es – habe sogar die Beschnei­dung im gan­zen Römi­schen Reich unter­sagt. Der Ree­der Mar­ki­on lehr­te in der römi­schen christ­li­chen Gemein­de, dass Jesus von Naza­reth einen ande­ren Gott als den Gott der Juden* gebracht habe, einen Gott der unbe­ding­ten Lie­be, wäh­rend der Gott der Juden* doch ein pro­ble­ma­ti­scher, böser Typ gewe­sen sei. Das war mit einer kri­ti­schen Sich­tung der Schrif­ten ver­bun­den. Mar­ki­on ver­such­te nach­zu­wei­sen, dass der Gott Jesu nicht mit dem Gott der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden* iden­tisch sein konn­te. Aber auch aus den bis dahin ent­stan­de­nen Schrif­ten der Chris­ten wähl­te er radi­kal aus. Er ließ nur gro­ße Tei­le der Pau­lus­brief­samm­lung gel­ten und das Luka­sevan­ge­li­um – ent­fern­te aber auch aus ihnen alle „judai­sie­ren­den“ Tei­le. Wahr­schein­lich in die­sem Kon­text oder jeden­falls dadurch moti­viert ent­stand eine kom­ple­xe Samm­lung von Schrif­ten, eine Edi­ti­on, die wohl im zwei­ten Drit­tel des zwei­ten Jahr­hun­derts der Z. im Buch­han­del erhält­lich war. Sie gab vier Bän­de christ­li­cher nor­ma­ti­ver Schrif­ten her­aus, wel­che die Evan­ge­li­en­samm­lung, die Pau­lus­brief­samm­lung, die Taten der Apos­tel (die Apos­tel­ge­schich­te und die übri­gen Brie­fe des Neu­en Tes­ta­ments) und die Offen­ba­rung des Johan­nes umfass­ten. Zusam­men mit die­sen vier Bän­den des Neu­en Tes­ta­ments gab man die Schrif­ten der grie­chi­schen jüdi­schen Bibel, der Sep­tuag­in­ta, als Altes Tes­ta­ment her­aus. Die­se prä­ka­no­ni­sche Edi­ti­on ist dann unge­fähr 200 Jah­re spä­ter im reichs­rö­mi­schen Kon­text (auch recht­lich) als „Kanon“ bezeich­net wor­den, sie hat­te sich tat­säch­lich durch­ge­setzt.

 

 

Abb. 8

Die christ­li­che Edi­ti­on ist als gebun­de­ner Kodex ver­öf­fent­licht wor­den, ein Wan­del gegen­über dem Medi­um der Schrift­rol­le im Juden­tum. Dass es sich um eine Edi­ti­on han­delt, zeigt sich dar­an, dass über­grei­fend ein Abkür­zungs­sys­tem für hei­li­ge Bezeich­nun­gen, nomi­na sacra, in LXX und NT ver­wen­det wird, das sich in jüdi­schen Aus­ga­ben der LXX nicht fin­det, z. B. κς (ks) mit einem Ober­strich für κύριος (kyri­os), „Herr“.3

 

 

Abb. 9 Abkür­zun­gen in der prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on

Alle Tex­te der prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on sind in Grie­chisch geschrie­ben. Zum Erler­nen des Schrei­bens in grie­chi­scher Spra­che gehör­te ein ele­men­ta­rer Kurs in anti­ker Rhe­to­rik. Dies hat sich nie­der­ge­schla­gen im Sprach­stil der Edi­ti­on. Er ist von den rhe­to­ri­schen Stil­fi­gu­ren geprägt, die seit der anti­ken Sophis­tik klas­si­fi­ziert wor­den sind. Aber die­se Klang­fi­gu­ren wie Wort­wie­der­ho­lun­gen, Alli­te­ra­tio­nen, End­rei­me, gleich bedeu­ten­den und ver­schie­den bedeu­ten­den Wort­spie­len, Chi­as­mus, abduk­ti­ve4 (hypo­the­ti­sche) (Schluss vom Klei­ne­ren aufs Grö­ße­re), induk­ti­ve (z. B. Bei­spie­le) und deduk­ti­ve Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter usf. haben eine tie­fe­re Bedeu­tung als blo­ßer Schmuck des inhalt­lich Gesag­ten zu sein: Sie klin­gen über­wie­gend, ver­wei­sen also auf die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­ti­on des Redens — und bei schrift­li­chen Tex­ten auf die Pra­xis des Vor­le­sens, weil in der Anti­ke die Mehr­heit der Men­schen (90 bis 75 % je nach Gegend) Analpha­be­ten waren.
Die Bot­schaft die­ser Edi­ti­on ist klar. Die „Geset­ze der Väter“, die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden* in grie­chi­scher Spra­che wer­den als „Altes Tes­ta­ment“ her­aus­ge­ge­ben. Die neu­tes­ta­ment­li­chen Schrif­ten schrei­ben die­se „Geset­ze der Väter“ fort, ver­or­ten sich dadurch aber in ihrem Kon­text. Der Gott Isra­els ist auch der Gott der Christ*en. An das Römi­sche Reich ergeht die Bot­schaft: Wir sind kei­ne Auf­rüh­rer. Wir ste­hen dem römi­schen Staat loy­al gegen­über, wol­len aber unse­re rela­ti­ve Auto­no­mie. Das Chris­ten­tum inter­pre­tiert sich mit­hin als eine beson­de­re Form des Juden­tums, als sei­ne „rich­ti­ge“ Inter­pre­ta­ti­on. Gleich­wohl wird damit auch der Bruch deut­lich. Er hat­te zwei­fel­los bei Pau­lus begon­nen und war nun nicht mehr zu kit­ten. Das Chris­ten­tum ist spä­tes­tens mit die­ser Edi­ti­on eine eigen­stän­di­ge Reli­gi­on gewor­den. Es bezog sich auf die Schrif­ten sei­ner Mut­ter­re­li­gi­on, aber inter­pre­tier­te sie in ande­rer Wei­se als es im zeit­ge­nös­si­schen Juden­tum der Fall war. Ent­schei­dend ist für die Reli­gi­ons­struk­tur die­ser frü­hen Pha­se des Chris­ten­tums, dass sie von dem Typus der Schrift­ge­lehr­ten im Juden­tum stark beein­flusst war. Der ehe­ma­li­ge Pha­ri­sä­er Pau­lus (vgl. Phil 3) stellt natür­lich das Para­de­bei­spiel dar. Aber so gut wie alle Schrif­ten im Neu­en Tes­ta­ment stel­len jeweils Inter­pre­ta­tio­nen und dyna­mi­sche Fort­schrei­bun­gen von Tex­ten des Alten Tes­ta­ments dar. Die Leser und Lese­rin­nen konn­ten dies ver­fol­gen und nach­voll­zie­hen. Kurz­um: Das Chris­ten­tum in die­ser Pha­se stellt den Reli­gi­ons­ty­pus der dyna­mi­schen Schrift­re­li­gi­on dar, die sich auf die Metho­den der Schrift­aus­le­gung bezog, die im alex­an­dri­ni­schen und paläs­ti­ni­schen Juden­tum ent­wi­ckelt wor­den waren. Mit­hin kann es nicht ver­wun­dern, dass es im Neu­en Tes­ta­ment kei­ne Per­so­nen in gemein­de­lei­ten­den Funk­tio­nen gibt, die Pries­ter wären. Die Schü­ler Jesu, die Apos­tel, auch die eine Apos­te­lin Junia, die gemein­de­lei­ten­den Frau­en, die Ältes­ten und der Bischof im 1. Timo­theus­brief stel­len alle­samt kei­ne pries­ter­li­chen Figu­ren dar – zumal ja der Opfer­kult in Jeru­sa­lem 70 d. Z. gewalt­sam unter­ge­gan­gen war. Wie die jüdi­sche Reli­gi­on kon­zen­triert man/frau sich eher auf lebens­be­stim­men­de Leh­re und Schrift­aus­le­gung.

Ver­ehr­te Damen und Her­ren,
ich fas­se zusam­men:

1. Anhand von Gen 1,1-3,24 ver­such­ten wir uns exem­pla­risch wesent­li­che Aspek­te der bibli­schen Text­welt zu ver­deut­li­chen. Sie wird lite­ra­risch inter­pre­tier­bar, wenn unter­stellt wird, dass die inten­dier­te Leser*in des bibli­schen Kanons jemand ist, die* selbst­stän­dig urtei­len kann und ihr* Urteil mit ande­ren teilt und dis­ku­tiert.
2. Die Schrift­ge­lehr­ten im Juden­tum haben die­se inten­dier­te Leser*innen-Funktion zuerst her­me­neu­tisch ent­fal­tet.
3. Das Chris­ten­tum setzt die dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung fort.

 

  1. Das Tetra­gramm יהוה (JHWH) wird seit dem 8. Jhdt. d. Z. von den Maso­re­ten יִֽהְיֶ֣ה voka­li­siert, nach adonaj, mein(e) Herr(en) https://de.m.wikipedia.org/wiki/Adonai. Das muss aber schon im 3. Jhdt. v. d. Z. so gewe­sen sein, denn die LXX über­setzt stets κύριος, kyri­os, Herr. In der Über­set­zung ori­en­tie­re ich mich an der aus­führ­lich erläu­ter­ten Über­set­zung in der BgS zur Stel­le. Der hebräi­sche Begriff צלה (zela) wird mit Sei­te über­setzt und im Grie­chi­schen der LXX wird πλευρά (pleu­ra) ver­wen­det, was eben­falls Sei­te bezeich­nen kann, sodass Luther mit „Rip­pe“ sehr wahr­schein­lich falsch lag.
  2. Μῦθος (mythos) ist eine rhe­to­ri­sche nar­ra­ti­ve Klein­gat­tung neben γνώμη (Gno­me, Sinn­spruch), χρεία, chreia, Chrie (Streit­ge­sprä­che u. Ä.) und Para­beln (παραβολαί, para­bo­lai). Im Mythos han­deln Gött*innen bzw. Hero*innen, was aber in der klas­si­schen grie­chi­schen Pha­se nicht mehr gegen­ständ­lich ver­stan­den wird.
  3. Vgl. zu den Ein­zel­hei­ten David Tro­bisch, Die End­re­dak­ti­on des Neu­en Tes­ta­ments, 1996. Tro­bisch arbei­tet an den in Hei­del­berg zugäng­li­chen Hand­schrif­ten.  Die­se eher text­kri­ti­sche Arbeit belegt, dass das NT als Lite­ra­tur zu ver­ste­hen ist. Er bezeich­net die Edi­ti­on als „kano­ni­sche Aus­ga­be“, wor­in ich ihm nicht fol­ge. Im reichs­re­li­giö­sen römi­schen Kon­text des 4. Jhdts. wird sie als „Kanon“ bezeich­net, was m. E. ihren Inhalt ver­deckt. Daher spre­che ich von prä­ka­no­ni­scher Edi­ti­on.
  4. Ich über­neh­me die Ände­rung der logi­schen Ter­mi­no­lo­gie durch Peirce, (Vor­le­sung 1, Anm. 5). Er war der Mei­nung, dass Aris­to­te­les dies in der Dia­lek­tik genau­so gese­hen habe, sicher aber ist, dass der Schluss vom Klei­ne­ren auf das Grö­ße­re in der Rhe­to­rik so inter­pre­tiert wer­den muss. Der abduk­ti­ve Schluss setzt bei einem Ein­zel­phä­no­men an, ver­steht es als Fall einer Regel und schließt dar­aus. Das ist hypo­the­tisch und muss in der Erfah­rung über­prüft wer­den.

« Das Jere­miabuch (insb. 1-25) – Berg­pre­digt, Darm­stadt »

Info:
Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments, zwei­te Vor­le­sung ist Beitrag Nr. 7840
Autor:
Martin Pöttner am 25. April 2019 um 13:30
Category:
Hermeneutik des Neuen Testaments,Zeichen und Philosophie
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