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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Das Jere­miabuch (insb. 1-25)

Jere­mia

Wirk­sam­keit

Der Pro­phet Jere­mia („JHWH grün­det“) stammt, so die Über­schrift, aus einer pries­ter­li­chen Fami­lie aus dem Ort Ana­tot bei Jeru­sa­lem. Jere­mia wirk­te von 627-587, sei­ne Wirk­sam­keit ist in vier Pha­sen zu unter­tei­len:

– Früh­zeit­ver­kün­di­gung unter Joschi­ja vor 609: Jer 1-6
– Regie­rungs­zeit Jojakims (bis 598): Jer 7-20
– 597 bis zum Ende Jeru­sa­lems: Jer 21-22+24+27-29
– Nach Beginn des Exils (587/6): Jer 40-44 (Bericht).

Das Jere­miabuch berich­tet im Unter­schied zu Jesa­ja von nur einem Pro­phe­ten, doch lässt sich auch in ihm ein kom­pli­zier­ter Wachs­tums­pro­zess fest­stel­len, den man zumin­dest in sei­nen Grund­zü­gen ken­nen soll­te.

Text­for­men

Über­sicht über den Auf­bau des Jere­miabu­ches nach MT (Maso­re­ti­schem Text) und LXX (griech. Übs.)
MT                                                       LXX
1,1-25,14 Wor­te gegen Juda             1,1-25,13
25,15-38 Fremd­völ­ker­sprü­che          25,15-38+
(in LXX abwei­chen­de Rei­hen­fol­ge)    Kap. 46-51
………………………………………………….26-35
26-35 Bericht und Heils­an­sa­gen 36-45
36-45 Jere­mi­as Lei­den
46-51 wei­te­re Fremd­völ­ker­sprü­che
52 Die Zer­stö­rung Jeru­sa­lems …………..52

Auf­fäl­lig ist zunächst, dass die grie­chi­sche Über­set­zung (Sep­tuag­in­ta) des Buches zum ers­ten einen deut­lich kür­ze­ren Text als die hebräi­sche Ver­si­on, zum zwei­ten eine unter­schied­li­che Anord­nung der ein­zel­nen Kapi­tel bie­tet. In Qum­ran wur­den auch hebräi­sche Frag­men­te gefun­den, die offen­bar die glei­chen Merk­ma­le auf­wei­sen. Daher kann man davon aus­ge­hen, dass die LXX die ursprüng­li­che Form bewahrt hat. So fin­det sich in der grie­chi­schen Ver­si­on das auch für ande­re Pro­phe­ten­bü­cher beleg­te Auf­bau­sche­ma: Unheil über Israel// Unheil über die Fremdvölker// Heil über Isra­el.

Wachs­tum des Buches

Die drei Stu­fen des Wachs­tums des Buches sind fol­gen­der­ma­ßen zu cha­rak­te­ri­sie­ren: In einer ers­ten Pha­se wur­den die Aus­sprü­che Jere­mi­as gesam­melt, sie sind in den Kapi­teln 1-23 und 46-49 erhal­ten. Damit ver­bun­den wur­den dann Erzäh­lun­gen über Jere­mia, die auf sei­nen Schrei­ber Baruch zurück­ge­führt wer­den (19,1-20,6; 26; 28-29; 34; 36-45) mit der beson­de­ren Pro­ble­ma­tik der Lei­dens­ge­schich­te Jere­mi­as in 36-43. Hin­zu kommt eine umfang­rei­che deu­te­ro­no­mis­ti­sche Redak­ti­on, die sich nicht als grö­ße­rer Text­kom­plex von den ande­ren bei­den Blö­cken abhe­ben lässt, son­dern in die­se ein­ge­ar­bei­tet wur­de.

Der ers­te Kom­plex des Jere­miabu­ches, die Wor­te gegen Juda, wer­den zwar gele­gent­lich in drei Tei­le unter­glie­dert (1-10; 11-20; 21-25), doch hat dies kaum Anhalt am Text.
Wich­ti­ge Ein­zel­tex­te

Jere­mi­as Beru­fung

Wich­ti­ge Ein­zel­tex­te sind beson­ders die Beru­fung in Kap. 1 mit der Visi­on vom Man­del­zweig und vom Kes­sel, der von Nor­den her kommt, um Unheil zu brin­gen. Ein cha­rak­te­ris­ti­scher Zug: Jere­mi­as Ein­wand „Ich bin noch zu jung“ (V. 6), dazu: Gott kün­digt Jere­mia die Schwe­re des Auf­trags an (V. 19).

Gerichts­wor­te

Kap 2-6 sam­meln Gerichts­wor­te gegen Israel/ Juda und dro­hen das Kom­men des Fein­des aus dem Nor­den an (Expli­ka­ti­on der Visi­on in Kap. 1). Bereits in die­sen Kapi­teln las­sen sich typisch deu­te­ro­no­mis­ti­sche Wen­dun­gen fin­den, dane­ben gibt es aber auch ein­deu­ti­ge Anspie­lun­gen an Hosea-Tex­te bis hin zu Wie­der­auf­nah­men. So fin­det sich Hos 4,12f. „unter jedem grü­nen Baum buhlt Isra­el…“ in Jer 2,20 und 3,6; man ver­glei­che auch das gan­ze Kap. 3 mit Hos 6,1-3.

Tem­pel­re­de

Kap. 7 ist wohl einer der wich­tigs­ten Tex­te des Buches, die sog. Tem­pel­re­de Jere­mi­as, in Kap. 26 wird der dazu gehö­ren­de Bericht gege­ben. Jere­mia kün­digt den Unter­gang des Tem­pels an, wohin­ge­gen sei­ne Geg­ner aus dem Ruf (7,4) „der Tem­pel JHWHs, der Tem­pel JHWHs, der Tem­pel JHWHs ist dies“ (in Über­ein­stim­mung mit der „offi­zi­el­len“ Zions­theo­lo­gie) die Hoff­nung auf ewi­ges Bestehen des Got­tes­hau­ses ablei­ten. Jere­mia zer­stört die­se Heils­si­cher­heit, was ihn bei­na­he das Leben gekos­tet hät­te. Der Hin­weis der Ältes­ten in 26,18 auf Jere­mi­as Vor­gän­ger Micha (vgl. Mi 3,12), der Jere­mia ret­te­te, ist der ein­zi­ge Beleg für das Tem­pel­wort Michas außer­halb des Michabu­ches. Jer 7,9 ist evtl. eine Anspie­lung auf den Deka­log oder eine Vor­form, vgl. auch Hos 4,2.

Kla­ge

Die beson­de­re Auf­ga­be Jere­mi­as besteht dar­in, dass er das Gericht nicht nur ansa­gen, son­dern das Volk auch zur Umkehr rufen soll (vgl. 5,1-6; 6,9ff.; 6,27ff.. Kap. 8-10 wur­de dann zusam­men­ge­stellt unter dem Aspekt der Unbe­greif­lich­keit des Abfalls die­ses Vol­kes von sei­nem Gott.

Kon­fes­sio­nen Jere­mi­as

Über­sicht über die Kon­fes­sio­nen Jere­mi­as
Kap 11-20 wer­den oft als eige­ne Ein­heit her­aus­ge­stellt, weil sich in ihnen die soge­nann­ten Kon­fes­sio­nen Jere­mi­as fin­den, Kla­gen des lei­den­den Pro­phe­ten über die Zumu­tun­gen sei­nes Amtes. Den Tex­ten ist zu ent­neh­men, wie sehr Jere­mia unter sei­nen Mit­bür­gern wegen sei­ner Auf­ga­be zu lei­den hat­te. Es ist dem Pro­phe­ten unver­ständ­lich, wie Gott dies alles zulas­sen kann, wo er ihn doch selbst zum Dienst beauf­tragt hat. Gott sichert Jere­mia zwar Unter­stüt­zung zu, sagt ihm aber gleich­zei­tig an, dass er noch mehr zu lei­den habe. Die Lie­der und Gebe­te sind der Form nach Kla­gen des Ein­zel­nen, wie sie sich auch im Psal­ter fin­den (vgl. das The­ma-Kapi­tel „Psal­men­gat­tun­gen“). Inhalt­lich stei­gern sie sich aber bis zur Ankla­ge gegen Gott, was bereits auf die ent­spre­chen­den Reden Hiobs vor­ver­weist.

Zei­chen­hand­lun­gen

Inner­halb die­ses Text­ab­schnitts fin­den sich auch Berich­te über Zei­chen­hand­lun­gen, die Jere­mia vor dem Volk zur Illus­tra­ti­on sei­ner Bot­schaft aus­zu­füh­ren hat, so Kap. 13 vom Gür­tel und vom Krug mit Wein. In Kap. 16 wird das Leben Jere­mi­as selbst zur Zei­chen­hand­lung; die Trau­rig­keit sei­ner Exis­tenz zeigt die kom­men­de Trau­er im Lan­de an (vgl. Jes 8,18). In Kap. 19 folgt das berühm­te Töp­fer­gleich­nis: Isra­el ist in der Hand Got­tes wie Ton in der des Töp­fers. Nach Kap. 19 muss Jere­mia einen Krug als Zei­chen für das kom­men­de Ende Jeru­sa­lems zer­bre­chen und kommt zur Stra­fe dafür in das Gefäng­nis (Kap 20).
Ein­zel­sprü­che

Kap. 21-25,14 sind eine the­ma­tisch ange­ord­ne­te Samm­lung von Ein­zel­sprü­chen, die sich mit Wor­ten an die Füh­ren­den im Volk beschäf­ti­gen, die Köni­ge, die „Hir­ten“ und die Pro­phe­ten. Kap. 23,5f. ist in die­sen Zusam­men­hang eine mes­sia­ni­sche Weis­sa­gung bei­gefügt wor­den, die sicher als Kri­tik an dem zur Zeit bestehen­den König­tum zu lesen ist.

Sprü­che gegen die Völ­ker

Kap. 25,15-38 + Kap. 46-51 (in der LXX fol­gen die­se Tex­te direkt auf­ein­an­der) stel­len Sprü­che gegen die Völ­ker der Umwelt Isra­els zusam­men, ein­ge­lei­tet durch das Bild vom Tau­mel­be­cher. Die Völ­ker wer­den wie toll (betrun­ken) wer­den von dem Schwert, das JHWH über sie brin­gen wird. Die gesam­mel­ten Sprü­che stam­men sicher nicht alle von Jere­mia und nicht alle aus einer Zeit, eine defi­ni­ti­ve Zuord­nung ist aber kaum mög­lich. Inhalt­lich geht es in den Kapi­teln 46 gegen Ägyp­ten, 47 gegen die Phi­lis­ter, 48 gegen Moab, 49 gegen Ammon, Edom, Damas­kus, die Ara­ber und Elam, 50+51 gegen Babel. Der geo­gra­phisch ori­en­tier­te Auf­bau (Süden, Wes­ten, Osten, Nord­os­ten Isra­els) ist unver­kenn­bar. JHWH erweist sich in die­sen Sprü­chen als Herr über die gan­ze Geschich­te, zunächst zum Heil für Isra­el. Dann aber fin­den sich auch (spä­te­re) Wor­te, die eine Heils­per­spek­ti­ve für die Völ­ker aus­sa­gen. Dies ist Ergeb­nis des immer mehr mono­the­is­tisch ori­en­tier­ten Got­tes­bil­des, das not­wen­dig über den strik­ten Gegen­satz Isra­el // Völ­ker­welt hin­aus­kom­men muss (vgl. zuletzt zu Tri­to­je­sa­ja).

Heils­wor­te

Kap. 30-33 sind dann eine Zusam­men­stel­lung von Heils­wor­ten. 30+31 wird als Trostrol­le für Efraim, das wohl ursprüng­lich allein an das unter­ge­gan­ge­ne Nord­reich gerich­tet war und des­sen Bewoh­nern neu­es Heil ankün­digt. Spä­ter wur­de die Per­spek­ti­ve auf ganz Juda erwei­tert, vgl. 31,31-34 (und Ez 36), die Ver­hei­ßung des neu­en Bun­des. Kap. 32 schil­dert die Auf­for­de­rung an Jere­mia, in Ana­tot einen Acker zu kau­fen. Jere­mia signa­li­siert so, dass es für Juda noch eine Heils­per­spek­ti­ve gibt. Dies wur­de in der Situa­ti­on der Bela­ge­rung Jeru­sa­lems gespro­chen, Jere­mia selbst saß im Gefäng­nis! Kap. 33 sam­melt ver­schie­de­ne Ver­hei­ßun­gen.

 

Zu den zuletzt bespro­che­nen Ent­ste­hungs­fra­gen der Tex­te vgl. hier.

 

« Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments I – Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments, zwei­te Vor­le­sung »

Info:
Das Jere­miabuch (insb. 1-25) ist Beitrag Nr. 7831
Autor:
Martin Pöttner am 25. April 2019 um 12:11
Category:
Allgemein
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