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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments I

§ 1: Hin­füh­rung zum Pro­blem

 

Ver­ehr­te Damen und Her­ren,

ich begrü­ße Sie in die­ser Vor­le­sung zu einer Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en  Neu­en Tes­ta­ments!

 

Inhalt

1 Pro­ömi­um
2 Über­blick
3 Das Pro­blem, das hin­ter der Her­me­neu­tik steht: die Fremd­heit der Zei­chen­ver­wen­dung ande­rer Men­schen
4 All­ge­mei­ne und spe­zi­el­le Her­me­neu­tik?

 

Wie Sie am  Inhalts­ver­zeich­nis sehen kön­nen, hat die heu­ti­ge Vor­le­sung vier Abschnit­te. Zunächst erläu­te­re ich im Pro­ömi­um bzw. der Vor­re­de skiz­zen­haft das­je­ni­ge, was ich vor­ha­be. Sodann gebe ich einen Über­blick über den geplan­ten Inhalt und bestimm­te for­ma­le Aspek­te die­ser Vor­le­sung. Wei­ter ver­su­che ich einen Anschluss­punkt für das her­me­neu­ti­sche Pro­blem im Neu­en Tes­ta­ment selbst zu fin­den, da in 1Kor 14 m. E. das zen­tra­le Pro­blem der Fremd­heit expli­zit erwähnt und mit der Metho­de der Über­set­zung ange­gan­gen wird.
Der letz­te Abschnitt the­ma­ti­siert das Pro­blem der all­ge­mei­nen und der spe­zi­el­len Her­me­neu­tik, wie es auch in Schlei­er­ma­chers Her­me­neu­tik und Kri­tik, 1977 (stw 211) for­mu­liert wird.

1. Pro­ömi­um

 

Ange­sichts der hier im Som­mer­se­mes­ter zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zeit ist es bewusst nur eine Ein­füh­rung, die Sie anre­gen soll, selbst­stän­dig wei­ter­zu­ar­bei­ten – oder im eige­nen Leben oder Ihrer beruf­li­chen Pra­xis wei­ter­füh­ren­de Lösun­gen zu fin­den, die Sie zufrie­den­stel­len.
Das Neue Tes­ta­ment ist ein inter­es­san­ter Gegen­stand, der sich auf das indi­vi­du­el­le und sozia­le Leben von Men­schen bezieht und prak­tisch ange­wen­det wer­den will. Natür­lich han­delt es von Jesus von Naza­reth usf. Aber es geht immer dar­um, dass sol­che Rede von Jesus, vom Geist, auch vom Vater auf die Lebens­si­tua­ti­on der dama­li­gen Men­schen bezo­gen war und auch dar­auf bezo­gen wer­den soll­te. Das Neue Tes­ta­ment ist also eine Art Gebrauchs­li­te­ra­tur, die in der reli­giö­sen Pra­xis ent­stan­den und auf die Fort­set­zung der reli­giö­sen Pra­xis bezo­gen ist. Denn wie Jesus in Mk 13,37 den vier Schü­lern sagt: „Was ich zu Euch sage, sage ich allen!“
Es gibt daher nie­mals ein Neu­es Tes­ta­ment ohne das Alte Tes­ta­ment bzw. die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden und Jüdin­nen, denn die­se Schrif­ten gehör­ten zur Pra­xis­si­tua­ti­on der dama­li­gen Men­schen, wir wer­den das in der Vor­le­sung ein wenig ver­fol­gen, weil der kano­ni­sche Cha­rak­ter des Alten Tes­ta­ments für das Chris­ten­tum immer wie­der pro­ble­ma­ti­siert wor­den ist. Aber es ist der Fall, dass man/frau neu­tes­ta­ment­li­che Tex­te am bes­ten ver­steht, wenn man/frau sie als Fort­schrei­bung alt­tes­ta­ment­li­cher Tex­te ver­steht, was durch­aus auch Kri­tik bedeu­ten kann. Und die Rezipient*innen des Neu­en Tes­ta­ments kön­nen sich die Fra­ge stel­len, ob sie das für ihr Leben anre­gend fin­den – oder nicht.

Dass es sich um alte Tex­te han­delt, die gut 1800 oder 1900 Jah­re alt sind, hat zu beson­de­ren Fra­gen geführt. Ist es über­haupt reli­gi­ös zuläs­sig, sol­che alten Tex­te Men­schen zuzu­mu­ten, die heu­te mit Smart­pho­ne oder Tablet unter­wegs sind? Selbst Flücht­lin­ge sind heu­te zwar noch zu Fuß, aber jeden­falls oft mit Smart­pho­ne auf dem Weg und machen Sel­fies mit der Bun­des­kanz­le­rin, was dann über Sozia­le Medi­en ver­brei­tet wird – und anhal­ten­de poli­ti­sche Debat­ten aus­löst. Lei­der steht vom Smart­pho­ne und von Face­book oder Twit­ter und sogar von Goog­le nichts im Neu­en Tes­ta­ment, dafür aber von Dämo­nen, Engeln und dem „Auf­ste­hen“ Jesu bzw. sei­nem „Auf­ge­weckt­wer­den“, was häu­fig falsch oder zumin­dest fahr­läs­sig über­setzt wird, indem man es in einen dog­ma­ti­schen Begriff ver­wan­delt, kirch­lich und theo­lo­gisch ist von der Auferste­hung bzw. der Auferweckung die Rede. Aber sowohl in den Hei­li­gen Schrif­ten der Juden*1 als auch im Neu­en Tes­ta­ment ist stets nur von „auf­ste­hen“ und „auf­ge­weckt wer­den“ die Rede – also ein her­me­neu­ti­sches Pro­blem, dem wir uns hier wid­men müs­sen. Vor allem Joh 11 ist dafür von Belang, weil hier expli­zit offen­ge­legt wird, was biblisch seit der „Jesa­ja-Apo­ka­lyp­se“ (Jes 24-27) gilt: Es gibt in der Bibel weder eine grie­chi­sche, hebräi­sche oder ara­mäi­sche Voka­bel für z. B. „Auf­er­ste­hung“ o. Ä. קוֻם (kum), ἀνίσταναι (anhi­sta­nai) und ἐγείρεσθαι (ege­i­rest­hai) bezeich­nen sowohl den all­täg­li­chen Vor­gang des Auf­ste­hens bzw. Auf­ge­weckt­wer­dens als auch den­je­ni­gen, wel­cher dem Tod folgt. Die glei­che Ambi­gui­tät liegt beim „Schla­fen“ (κοιμᾶν [koiman]) vor, vgl. z. B. Dan 12,2f. Zur­zeit respek­tie­ren offen­bar nur eini­ge weni­ge der Übersetzer*innen der „Bibel in gerech­ter Spra­che“ (BgS) die­sen bibli­schen Sach­ver­halt. Offen­bar wer­den zur Bezeich­nung zen­tra­ler reli­giö­ser Kon­zep­te ganz all­täg­lich ver­wen­de­te Kon­zep­te ver­wen­det und ihr Sinn aus­ge­dehnt.
Offen­bar ste­cken daher sol­che her­me­neu­ti­schen Pro­ble­me schon in den Tex­ten selbst. Und in die­ser Vor­le­sung wird die The­se ver­tre­ten, dass das her­me­neu­ti­sche Pro­blem nicht erst mit der Auf­klä­rung ent­stan­den ist, son­dern schon seit dem Juden­tum in auf­schluss­rei­cher Wei­se behan­delt wird. Auch der Unter­schied von Katho­li­zis­mus, Ortho­do­xie einer­seits und Pro­tes­tan­tis­mus ande­rer­seits lässt sich dar­auf zurück­füh­ren – und Luthers gegen die Römi­sche Kir­che gewen­de­tes Prin­zip sola scrip­tu­ra bezieht sich auf Auf­fas­sun­gen, die in der schrift­ge­lehr­ten Debat­te im Juden­tum ent­stan­den sind, weil dort erkannt wur­de, dass die Schrift nicht ein­heit­lich ist, son­dern in ihr recht ver­schie­de­ne Posi­tio­nen ent­wi­ckelt wer­den, wes­halb Ver­fah­ren ent­wi­ckelt wur­den, Tex­te zu gewich­ten. Damit ist gemeint, in den Schrif­ten gibt es ange­sichts der gegen­wär­ti­gen Got­tes­er­fah­rung wich­ti­ge­re und unwich­ti­ge­re Schrif­ten. Und Luthers Prin­zip sola scrip­tu­ra ist gewich­tet, weil nicht alles gleich wich­tig ist, son­dern s. E. z. B. der Jako­bus­brief eine „stro­her­ne Epis­tel“ dar­stellt (http://www.reformiert-info.de/daten /File/Upload/doc-6102-1.pdf) . Kern die­ses Kon­zepts ist das­je­ni­ge, was „Chris­tum trei­bet“, also eine bestimm­te Erlö­sungs­kon­zep­ti­on, die sich auf Chris­tus bezieht. Die­se Ent­schei­dung ist aber durch­aus auch anders mög­lich – und setzt eine her­me­neu­ti­sche Refle­xi­on vor­aus, weil dann etwa die Pau­lus­brie­fe in den Vor­der­grund der Auf­merk­sam­keit tre­ten.
„Her­me­neu­tik“ in dem Sinn, wie der Aus­druck in die­ser Vor­le­sung basal ver­stan­den wer­den soll, besagt also:

Ver­ste­hen, was der Sinn von Tex­ten oder all­ge­mei­ner von Zei­chen­kom­ple­xen, die vor­lie­gen, besagt – und zu fra­gen, ob und wie ‚wir‘ damit ein­ver­stan­den sein kön­nen.“ Das ist m. E. nicht erst seit der Auf­klä­rung und Schlei­er­ma­cher der Fall.

Das schließt auch die­je­ni­gen Rede­wei­sen ein, falls wir sagen: „Das ver­ste­he ich jetzt nicht!“ bzw. „Ich ver­ste­he mein*e Freund*in nicht!“ Das sind Fäl­le von Des­ori­en­tie­rung, die einen Ori­en­tie­rungs­be­darf anzei­gen2, die frei­lich eben­falls nur über die Inter­pre­ta­ti­on von Zei­chen­pro­zes­sen gelöst wer­den kön­nen. Die im Anschluss an Mar­tin Hei­deg­ger und Lud­wig Witt­gen­stein ent­wi­ckel­ten Her­me­neu­ti­ken las­sen sich als der­ar­ti­ge Kunst­leh­ren ver­ste­hen, mit­tels derer wir uns ori­en­tie­ren kön­nen. Eine Kunst­leh­re ist ein Regel­sys­tem, das sich bewährt hat, das aber nicht garan­tie­ren kann, dass es aktu­el­le Ein­zel­fäl­le aus schon vor­han­de­nen Regeln ablei­ten kann. Wir wer­den die­sen seit der Anti­ke ver­wen­de­ten Begriff der τέχνη (tech­ne), der Kunst­leh­re in § 3 genau klä­ren, wenn wir Schlei­er­ma­cher bespre­chen. „Her­me­neu­tik“ scheint daher eine regel­mä­ßi­ge krea­ti­ve Tätig­keit zu bezeich­nen, für die es kei­nen Algo­rith­mus gibt. Goog­le arbei­tet zwei­fel­los dar­an, aber die bis­her vor­han­de­nen Pro­gram­me schaf­fen es allen­falls All­tags­kom­mu­ni­ka­ti­on zu über­set­zen, in wel­cher die Ver­wen­dungs­re­geln recht sta­bil sind.
Das Chris­ten­tum ist also von Anfang an eine her­me­neu­ti­sche Reli­gi­on, die stets auf Schrift­aus­le­gung ange­wie­sen ist, wel­che die Schrift auf die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on bezieht – und sie in der Regel im Licht der gegen­wär­ti­gen Got­tes­er­fah­rung fort­schreibt.
Ich begin­ne daher in der über­nächs­ten Woche mit einer Skiz­ze die­ses Pro­blems, wor­in deut­lich wer­den könn­te, wie das hier iden­ti­fi­zier­te – und von mir auch als nor­ma­tiv gül­tig ver­tre­te­ne – Modell ent­stan­den ist und wel­che ande­ren Optio­nen es in Juden­tum und Chris­ten­tum gege­ben hat, gibt bzw. geben könn­te.

 

2. Über­blick

 

1: Hin­füh­rung zum Pro­blem (15.04)

Ostern

2: Die Ent­ste­hung der Schrift­re­li­gi­on im Juden­tum und ihre Bedeu­tung für das her­me­neu­ti­sche Pro­blem (29.04.)

I. Moder­ne

3: Das Modell Fried­rich Schlei­er­ma­chers in der „Kur­zen Dar­stel­lung“: „exege­ti­sche Theo­lo­gie“ und Her­me­neu­tik als Kunst­leh­re (06.05)
4: Das Pro­blem der im All­tag prä­sen­ten expe­ri­men­tel­len Metho­de in den Natur­wis­sen­schaf­ten und die Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung: Rudolf Bult­mann (13.05.)
5: Die Not­wen­dig­keit, die Geschlech­ter­fra­ge zu berück­sich­ti­gen (Mag­da­le­ne F. Frett­löh) (20.05.)

II. Vor­schlag: Bild­lich­keit und Nar­ra­ti­vi­tät berück­sich­ti­gen

6: Die Fra­ge der Bild­lich­keit reli­giö­ser Rede und Zei­chen­kom­ple­xe (27.05.)
7: Die (mög­li­che) Extra­va­ganz reli­giö­ser Bil­der, Charles Peirce u. a. (03.06.)

Pfings­ten

8: Pro­blem­ge­schich­ten: Mar­kus, Pau­lus und Johan­nes (17.06.)
9: Dua­lis­ti­sche Erzähl­wei­sen: Mat­thä­us, Hebrä­er­brief und Apo­ka­lyp­se des Johan­nes – und „Ver­schwö­rungs­my­then“ ([Micha­el Blu­me] 24.06.)
10: Erfolgs­ge­schich­ten: Luka­ni­sches Dop­pel­werk, Her­aus­ge­ber der „Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on“ (01.07.)
11: Die Berg­pre­digt (08.07.)
12: Extra­va­ganz in Para­beln Jesu (παραβολαί [para­bo­lai]) (15.07.)

13: Epi­log, Abschluss­dis­kus­si­on (22.07.)

Die Vor­le­sung prä­sen­tiert mit­hin her­me­neu­ti­sche Model­le – und führt in ihren Voll­zug ein, sodass Sie sich ori­en­tie­ren kön­nen. Das habe ich in Mar­burg und Zürich so gelernt, Her­me­neu­tik ist prak­tisch und kon­kret. In Mar­burg durch den Geist Ernst Fuchs′, der durch Wolf­gang Har­nisch und Gerd Schu­n­ack prä­sent war, vor allem aber durch Fuch′    bedeu­ten­den Ver­such, der „Mar­bur­ger Her­me­neu­tik“ 3 In Zürich durch Hans Weder, der eben­falls durch Fuchs und des­sen Schü­ler Eber­hard Jün­gel beein­flusst war. Dadurch wer­den Model­le stets an Tex­ten erprobt – und Sie kön­nen einen eige­nen Ein­druck gewin­nen, was die­se leis­ten kön­nen. Neben­bei the­ma­ti­siert die­se Vor­le­sung daher das gesam­te Neue Tes­ta­ment.
Ich beschrän­ke die detail­liert erör­ter­ten moder­nen Posi­tio­nen exem­pla­risch auf die­je­ni­gen Fried­rich Schlei­er­ma­chers, Rudolf Bult­manns und der femi­nis­ti­schen Posi­ti­on Mag­da­le­ne Frett­löhs. M. E. sind damit alle Pro­ble­me zu bear­bei­ten. Ich unter­stel­le mit­hin, dass die Rede von Post- oder Spät­mo­der­ne wenig sach­hal­tig ist.

 

Zwei Punk­te sind für die Vor­le­sung wich­tig:

1. M. E. ist „Reli­gi­on“ nicht unver­nünf­tig. Daher erör­ter­te ich expli­zit Fra­gen der dua­lis­ti­schen Erzähl­mus­ter. All­ge­mein gehört zur Ver­nunft, dass wir uns nar­ra­tiv selbst ver­stän­di­gen. Und wir dür­fen das auch bild­lich tun.
2. Für das Chris­ten­tum gilt, dass unter­stellt wird, wir stün­den stän­dig in der Gefahr, uns reli­gi­ös zu ver­feh­len, mit­hin zu sün­di­gen o. Ä. Daher ver­tre­ten vie­le neu­tes­ta­ment­li­che Tex­te wie im Juden­tum die Idee einer Lebens­wen­de, den­ken Sie exem­pla­risch an die „ver­lo­re­nen Söh­ne“ in Lk 15. M. E. reagie­ren eini­ge Tex­te im Neu­en Tes­ta­ment dar­auf – und bil­den „extra­va­gan­te Mus­ter“ aus, all­täg­lich Gewohn­tes wird zitiert, ver­frem­det und poe­tisch-rhe­to­risch wei­ter­ge­führt.
Ich beab­sich­ti­ge immer ca. Ein­ein­Vier­tel-Stun­den zu lesen, Ver­ständ­nis­fra­gen äußern Sie bit­te nach Ende eines Abschnitts und vor dem Beginn des nächs­ten. Ich wün­sche mir nach dem gesam­ten Vor­trag eine Sach­dis­kus­si­on, die eine hal­be Stun­de dau­ern kann. Ob und wann Sie zuvor eine Pau­se wün­schen, ent­schei­den Sie.
Ihnen liegt stets eine knap­pe Zusam­men­fas­sung von Struk­tur und Inhalt jeder Vor­le­sung vor. Die Vor­le­sung steht als Gan­ze jeden Sonn­tag Abend unter www.alltagundphilosophie.com. Eben­so fin­det sich dort die Zusam­men­fas­sung der Vor­le­sung. Sie kön­nen sie  Sonn­tag Abend laden bzw. aus­dru­cken, hier über WLAN ver­fol­gen oder nur zuhö­ren. Ich fra­ge zu Beginn jeder Vor­le­sung, ob Rück­fra­gen oder Ergän­zun­gen zur letz­ten Stun­de Ihrer­seits vor­lie­gen.
Die­je­ni­gen Damen und Her­ren, die Leis­tungs­punk­te möch­ten, müs­sen sich ent­spre­chend anmel­den. Glei­ches gilt für die­je­ni­gen, die eine Beno­tung möch­ten (Vor­le­sungs­prü­fung oder eine stu­di­en­gang­ty­pi­sche Arbeit). Schei­ne sind, falls erfor­der­lich, immer noch mög­lich.

 

Das Neue Tes­ta­ment ist in Grie­chisch geschrie­ben, nach mei­ner Auf­fas­sung war auch Jesus zumin­dest zwei­spra­chig, wie auch die Evan­ge­li­en andeu­ten, er braucht beim Ver­hör mit Pila­tus kei­nen Über­set­zer. Grie­chisch ist damals eine ubi­qui­tä­re Ver­kehrs­spra­che wie heu­te in unse­rer Welt­ge­gend Eng­lisch. Jesus hat also min­des­tens Ara­mä­isch und Grie­chisch gespro­chen. Fremd­spra­chi­ge Tex­te wer­den daher hier immer über­setzt, wenn ich sie aus­le­ge. Zum Ori­gi­nal bie­te ich einen beque­men Link. Natür­lich kön­nen Sie auch das grie­chi­sche Neue Tes­ta­ment als Buch mit­brin­gen. Fremd­spra­chi­ge Begrif­fe ste­hen Ihnen immer auch in Umschrift zur Ver­fü­gung. Kei­ne* soll­te sich daher aus die­ser Vor­le­sung aus­ge­grenzt füh­len. Falls den­noch I. E. etwas zu ver­bes­sern sein soll­te, äußern Sie sich bit­te ganz frei und offen: martin.poettner@wts.uni-heidelberg.de.

 

3. Das Pro­blem, das hin­ter der Her­me­neu­tik steht: die Fremd­heit der Zei­chen­ver­wen­dung ande­rer Men­schen

 

Auch die­ses Pro­blem ist im Neu­en schon bekannt (1Kor 14,1-16.23f [Ori­gi­nal: wibilex.de (http://www.bibelwissenschaft.de/de/online-bibeln/novum-testamentum-graece-na-28/lesen-im-bibeltext /bibelstelle/1Kor%2014/bibel/text/lesen/ch/b959d3da38c694955a76be29e95d8fd3/) ]):

1 Setzt alles auf die Lie­be und bemüht euch um eure geist­ge­wirk­ten Fähig­kei­ten, am meis­ten dar­um pro­phe­tisch zu reden. 2Wenn ihr in Zun­gen redet, sprecht ihr nicht mit Men­schen, son­dern mit Gott. Nie­mand sonst ver­steht es, ihr redet aus Ein­ge­bung des gött­li­chen Geis­tes geheim­nis­voll.
3Wenn ihr aber pro­phe­zeit, dann bewirkt eure Rede, dass Gemein­schaft auf­ge­baut wird und Men­schen gestärkt und getrös­tet wer­den.
4Wer in Zun­gen redet, baut sich selbst auf. Wer pro­phe­tisch redet, baut die Gemein­de auf. 5 Ich fin­de es gut, wenn ihr alle in Zun­gen redet, bes­ser aber, wenn ihr pro­phe­tisch redet. Die pro­phe­ti­sche Rede ist der Zun­gen­re­de vor­zu­zie­hen, es sei denn, die Zun­gen­re­de wird über­setzt, sodass die Gemein­de davon auf­ge­baut wird.
6 Jetzt seht, Geschwis­ter, wenn ich zu euch kom­me und rede in Zun­gen – was habt ihr davon, wenn ich nicht auch über ande­res zu euch spre­che: über Offen­ba­run­gen, Got­tes­er­fah­run­gen, pro­phe­ti­sche Erkennt­nis­se, Leh­ren?
7 Eben­so ver­hält es mit den unbe­leb­ten Musik­in­stru­men­ten, sei es eine Flö­te oder eine Lau­te, wenn ich die Klän­ge nicht unter­scheid­bar mache, wie soll dann das gehört wer­den, was ich mit Flö­te oder mit der Lau­te spie­le? 8Oder auch wenn ich einen unkla­ren Fan­fa­ren­ton abge­be – wer wird sich zum Krieg bereit­ma­chen? 9 So ist es auch bei euch: Wenn ihr beim Reden kei­ne deut­li­chen Wor­te von euch gebt, wie soll das Gere­de­te ver­stan­den wer­den? Ihr wer­det in den Wind reden.
10 Es gibt wer weiß wie vie­le Spra­chen in der Welt, und nichts ist ohne Spra­che. 11Wenn ich den Sinn der Spra­che nicht ken­ne, blei­be ich für die, die sie spre­chen, ein unver­ständ­li­cher Aus­län­der und sie eben­so für mich. 12So soll­tet auch ihr, wenn ihr um die Gaben des Geis­tes ringt, nach dem suchen, was die Gemein­de auf­baut. Das wird euch reich beschen­ken. 13 Des­halb soll­ten alle, die in Zun­gen reden, dar­um beten, ihre Wor­te auch über­set­zen zu kön­nen. 14Wenn ich näm­lich in Zun­gen rede, betet mein Herz, was ich aber im Sinn habe, bleibt fol­gen­los. 15Was bedeu­tet das? Ich wer­de mit dem Her­zen und mit dem Ver­stand beten. Ich wer­de mit dem Her­zen und mit dem Ver­stand sin­gen.
16Wenn du Gott mit dem Her­zen dankst, wie sol­len die Unkun­di­gen auf ihren Plät­zen das Amen zu dei­nem Dank­ge­bet spre­chen? …
23Wenn nun die gan­ze Gemein­de an einem Ort zusam­men­kommt und alle in Zun­gen reden, und es kom­men Unkun­di­ge oder Ungläu­bi­ge dazu, wer­den sie nicht fra­gen: Seid ihr ver­rückt gewor­den? 24Wenn aber alle pro­phe­tisch reden, und Unkun­di­ge oder Ungläu­bi­ge kom­men her­ein, so wer­den sie von allen mit der Wahr­heit kon­fron­tiert und her­aus­ge­for­dert.4

Der Autor ist als Abwe­sen­der anwe­send, dem Leib nach abwe­send, im Geist jedoch anwe­send, wie es in 1Kor 5,3 heißt: ἀπὼν τῷ σώματι παρὼν δὲ τῷ πνεύματι [apon to soma­ti paron de to pneu­ma­ti]). Wir unter­stel­len heu­te, dass die Brie­fe im Got­tes­dienst vor­ge­le­sen, dis­ku­tiert – und beant­wor­tet wur­den. Für die gele­gent­lich etwas unbe­son­nen geführ­te Debat­te um die „Digi­ta­le Kir­che“ kön­nen wir dar­aus schlie­ßen, dass für Pau­lus jeden­falls nicht galt, dass die Gemein­de (ἐκκλησία [ekkle­sia]) nur in Situa­tio­nen per­so­na­ler Koprä­senz exis­tie­re. Daher ist es m. E. durch­aus legi­tim, sich ihn heu­te in einem You­Tube-Chan­nel vor­zu­stel­len.

In Korinth war eine etwas wil­de Situa­ti­on ein­ge­tre­ten, wenn wir Pau­lus fol­gen kön­nen. Wer die bes­ten Geis­tes­ga­ben besit­ze, könn­te das The­ma gewe­sen sein. Dabei hat die Zun­gen­re­de offen­bar einen Vor­sprung, wohl doch ein Lal­len o. Ä., das fast dada­is­tisch die gewöhn­li­che Spra­che zer­stört. Schott­roff über­setzt γλώσση (glos­se) mit „Eksta­se“. Das fin­de ich zu extrem. Aber sicher fin­det bei die­sem dada­is­ti­schen Reden ein Über­gang in Tran­ce­phä­no­me­ne statt. Mir kommt es bei der alten Über­set­zung Zun­gen­re­de auf die­ses von Pau­lus her­vor­ge­ho­be­ne Phä­no­men ihrer öffent­li­chen Unver­ständ­lich­keit an.
Pau­lus ist kein schlim­mer Geg­ner der lal­len­den Zun­gen­re­de, sie gilt ihm als indi­vi­du­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on (des Her­zens) mit Gott, die für Ein­zel­ne o. k. ist, aber für den Gemein­de­zu­sam­men­hang nicht. Vgl. die Anti­the­se in 14,2:

Wenn ihr in Zun­gen redet, sprecht ihr nicht mit Men­schen, son­dern mit Gott.

D. h.:

  • Es gibt einen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang zwi­schen der* Ein­zel­nen und Gott, in dem die Zun­gen­re­de als die Spra­che des Her­zens (vgl. 14,14ff) das geeig­ne­te Medi­um ist. Gott ver­steht also dada­is­ti­sche Zei­chen. –

Und

  • es gibt einen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang unter den Men­schen. Und hier gilt: Alle Betei­lig­ten soll­ten mög­lichst so mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, dass alle teil­ha­ben kön­nen. Pau­lus bezieht sogar den Unkun­di­gen bzw. Lai­en ein, wie ἰδιώτης (idio­tes [vgl. 14,16 u. 23f) über­setzt wer­den kann.

In 14,23f radi­ka­li­siert Pau­lus das sogar noch. Der Got­tes­dienst soll so gestal­tet sein, dass ein Unkun­di­ger oder Ungläu­bi­ger über­zeugt wer­den kann. Und in die­sen Zusam­men­hang gehört die Her­me­neu­tik, die hier mit διερμηνεύειν (diher­me­neu­ein [vgl. 14,5 u. 13]) gemeint ist und kon­kret das Über­set­zungs­phä­no­men meint. Wer also Zun­gen­re­de für den öffent­li­chen Gemein­de­kon­text über­set­zen kann, ist eine* Her­me­neu­ti­ke­rin*. Das gilt für alle Fremd­heits­phä­no­me­ne. Pau­lus wen­det hier Erkennt­nis­se der stoi­schen Semio­tik an, die schon auf Aris­to­te­les und mög­li­cher­wei­se die Sophis­ten zurück­ge­hen. Der Sinn von Zei­chen wird durch Dif­fe­renz erzeugt, was Pau­lus an Musik­tö­nen exem­pli­fi­ziert, den­ken Sie an die Ton­lei­ter.

… wenn ich die Klän­ge nicht unter­scheid­bar mache, wie soll dann das gehört wer­den, was ich mit Flö­te oder mit der Lau­te spie­le? (14,7)

Und die­je­ni­gen ver­ste­hen ein Trom­pe­ten­si­gnal, die sei­ne regel­mä­ßi­ge Ver­wen­dung ken­nen:

Oder auch wenn ich einen unkla­ren Fan­fa­ren­ton abge­be – wer wird sich zum Krieg bereit­ma­chen? (14,8)

Dar­aus ergibt sich induk­tiv für das Spre­chen, weil es ein ähn­li­ches zei­chen­haf­tes Phä­no­men ist, das sich eben­falls an öffent­lich bekann­te Regeln hält:

So ist es auch bei euch: Wenn ihr beim Reden kei­ne deut­li­chen Wor­te von euch gebt, wie soll das Gere­de­te ver­stan­den wer­den? Ihr wer­det in den Wind reden. (14,9)

An die­sem Text lässt sich erken­nen, dass in der Anti­ke vie­le Ele­men­te schon ange­dacht oder aus­ge­ar­bei­tet waren, die dann von Charles Peirce zu einer gewis­sen Per­fek­ti­on gebracht wor­den sind.5

D. h.: Pau­lus ver­tritt die The­se, öffent­li­che Zei­chen­sys­te­me sei­en dazu da, dass Fremd­heit gemil­dert oder über­wun­den wer­de. Und wo das schwie­rig ist, wie bei den Zungenredner*innen oder den Ausländer*innen hilft die Her­me­neu­tik, wel­che die Kunst ist, Zei­chen aus einem Ver­wen­dungs­kon­text in einen ande­ren zu über­set­zen.
Wir ver­su­chen das in der Fol­ge kurz mit­tels Peirce‘ drei­stel­li­ger bzw. genu­in tria­di­scher Bezeich­nungs­re­la­ti­on zu ver­ste­hen.

Abb. 1 ist die all­ge­mei­ne Beschrei­bung der genu­in tria­di­schen Bezeich­nungs­re­la­ti­on.

Ver­bun­den sind durch die­se tria­di­sche Rela­ti­on zuerst
• das Zei­chen, ein mate­ri­el­les Etwas, das wahr­ge­nom­men wer­den kann, sodann
• das Objekt, das wir ein­fach als das Bezeich­ne­te ver­ste­hen – und schließ­lich
• der Inter­pre­tant, wel­cher die Rela­ti­on von Zei­chen und Bezeich­ne­tem selbst­re­fe­ren­zi­ell dar­stellt.
Wie Umber­to Eco gezeigt hat, lässt sich in die­se tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on auch die struk­tu­ra­le Zei­chen­auf­fas­sung von Signi­fi­kant und Signi­fi­kat inte­grie­ren. Nur wenn alle die­se Aspek­te mit­ein­an­der ver­bun­den und durch die­se tria­di­sche Rela­ti­on dif­fe­ren­ziert sind, han­delt es sich um eine Bezeich­nungs­re­la­ti­on 6
Wir wen­den das für den Aspekt der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Men­schen in 1Kor 14 an:

Nach Pau­lus kön­nen nur teil­wei­se so alle etwas ver­ste­hen, wie Abb. 2 zu zei­gen ver­sucht.

 

Aber er lässt die Mög­lich­keit der indi­vi­du­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on des Her­zens mit Gott durch die wohl lal­len­de Zun­gen­re­de zu – und durch die Über­set­zung ver­ste­hen dann im Got­tes­dienst alle etwas:

Abb. 3: Die Mög­lich­keit indi­vi­du­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on gemeind­lich zu ver­ste­hen

Das ver­hin­dert Pau­lus zufol­ge, dass das korin­thi­sche Chris­ten­tum zu einem Mys­te­ri­en­kult wird, son­dern sei­ne got­tes­dienst­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on muss auch von Lai­en oder Ungläu­bi­gen ver­stan­den wer­den kön­nen. Theo­lo­gisch-nor­ma­tiv besagt das, gött­li­che Rede usf. kommt indi­rekt – durch Über­set­zung – im öffent­li­chen Kon­text zur Spra­che bzw. zur Dar­stel­lung.
Das wäre kein pau­li­ni­scher Text, wenn die Her­me­neu­tik nicht ein Fall der zen­tra­len christ­li­chen Tugend, des zen­tra­len christ­li­chen Ver­nunft­po­ten­zi­als wäre, wie wir im Anschluss an Schlei­er­ma­chers Ethik for­mu­lie­ren wol­len: 7: ἀγάπη (aga­pe), der Lie­be (vgl. 14,1). Die­se nimmt den Verstand/Schottroff: Sinn zur Hil­fe, um eine Kom­mu­ni­ka­ti­on auf­zu­bau­en, die nie­man­den aus­schließt, son­dern für die Gemein­de inklu­siv ist. Pau­lus ver­wen­det den Ver­stan­des­be­griff wie Kant. Es han­delt sich mit Schlei­er­ma­cher um das Ver­nunft­po­ten­zi­al der Beson­nen­heit, wie der Ver­stand ver­wen­det wer­den soll. Dem­ge­gen­über ver­weist der Geist hier wie in Röm 8,26f auf das indi­vi­du­el­le Phä­no­men der direk­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on des Her­zens mit Gott. Gott ver­steht auch ganz indi­vi­du­el­le Zei­chen, er ist ein Super-Her­me­neu­ti­ker. Das kann er, weil er der Inbe­griff jenes Ver­nunft­po­ten­zi­als der Lie­be ist.

 

4. All­ge­mei­ne und spe­zi­el­le Her­me­neu­tik?

Das ist auch eine Fra­ge über die inten­dier­ten Rezipient*innen die­ser Vor­le­sung, aber auch der Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments ins­ge­samt. Inner­theo­lo­gisch ori­en­tie­re ich mich an Schlei­er­ma­cher – und ver­su­che das „Wesen des Chris­ten­tums“ zu bestim­men. Das aber ist für Men­schen nur dann inter­es­sant, wenn sie selbst Christ*en sein wol­len. Aber für eher anders- oder nicht­re­li­giö­se Men­schen gibt es ein kul­tur­his­to­ri­sches Inter­es­se am Chris­ten­tum, das die­se Vor­le­sung eben­falls zufrie­den­zu­stel­len ver­sucht.
Schlei­er­ma­cher hat­te aber die­se Fra­ge so ver­stan­den, ob es beson­de­rer Regeln bedür­fe, die ange­wen­det wer­den müs­sen, um neu­tes­ta­ment­li­che Tex­te zu ver­ste­hen, die über das­je­ni­ge hin­aus­gin­gen, die man/frau benö­tig­te, um ande­re auf Grie­chisch geschrie­be­ne Tex­te zu ver­ste­hen. Er hat­te das bejaht, weil er dem Hebrais­mus vie­ler neu­tes­ta­ment­li­cher Tex­te ein beacht­li­ches Gewicht zuschrieb. Damit ist gemeint, dass das Grie­chi­sche im Neu­en Tes­ta­ment gele­gent­lich so klingt, als hät­te ein Hebrä­isch oder Ara­mä­isch spre­chen­der Mensch die­sen Text ver­fasst, der dabei aus einer die­ser Spra­chen ins Grie­chi­sche über­setzt hät­te. Dazu kom­men noch Tex­te wie der Kreu­zes­schrei Jesu im Mar­ku­sevan­ge­li­um und Mat­thäu­sevan­ge­li­um (vgl. Mk 15,33f par):

Mein Gott, mein Gott, war­um hast du mich ver­las­sen? –

ein Zitat aus Ps 22, des­sen Laut­struk­tur ara­mä­isch bzw. hebrä­isch in grie­chi­schen Zei­chen dar­ge­legt: „Eli, Eli, lama sabacht­ha­ni“ – und dann expli­zit ins Grie­chi­sche über­setzt wird.

Schlei­er­ma­cher ist wei­ter im Recht, dass wir sol­che Sprach­ei­gen­tüm­lich­kei­ten berück­sich­ti­gen müs­sen. Den­noch unter­schätzt er wohl die Bedeu­tung der Sep­tuag­in­ta (LXX), der grie­chi­schen jüdi­schen Bibel, die oft den Hin­ter­grund „hebrai­sie­ren­der“ Tex­te aus­macht. Vie­le Pas­sa­gen des Neu­en Tes­ta­ments sind durch die Spra­che der LXX geprägt, denn das Chris­ten­tum ist im Grie­chisch spre­chen­den Juden­tum ent­stan­den, ich hat­te ein­gangs auch auf Jesus ver­wie­sen. Zudem kommt in die­sem Bezug zur LXX zum Aus­druck, dass das Alte Tes­ta­ment der ers­ten Christ*en die LXX war. Den­noch ist die­se Sprach­ei­gen­tüm­lich­keit zu berück­sich­ti­gen. Und natür­lich fiel das dem Pla­ton-Über­set­zer Schlei­er­ma­cher auf.
Gleich­wohl war Schlei­er­ma­cher der Über­zeu­gung, dass die all­ge­mei­nen her­me­neu­ti­schen Regeln ange­wen­det und wenn nötig ergänzt wer­den müss­ten. 1977 wur­de sei­ne „Her­me­neu­tik und Kri­tik“ bei Suhr­kamp durch Man­fred Frank neu her­aus­ge­ge­ben, weil Schlei­er­ma­cher Frank zufol­ge die all­ge­mei­nen Regeln des Ver­ste­hens, die semio­tisch rekon­stru­ier­bar sind, am bes­ten dar­ge­legt hat. Inter­es­san­ter­wei­se hat das eher in Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie Berück­sich­ti­gung gefun­den und lei­der weni­ger in jener Dis­zi­plin, die für Schlei­er­ma­cher selbst so wich­tig war: im Neu­en Tes­ta­ment bzw. der neu­tes­ta­ment­li­chen Theo­lo­gie. Immer­hin nähert sich die­se heu­te doch der Über­zeu­gung an, dass die neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te Gat­tun­gen ver­wen­den, die in der grie­chi­schen Lite­ra­tur üblich waren – und wei­te Stre­cken des Neu­en Tes­ta­ments bes­ser ver­stan­den wer­den kön­nen, wenn sie als Tex­te ver­stan­den wer­den, wel­che die Regeln der anti­ken Rhe­to­rik ver­wen­den, weil die­se zur grie­chi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on dazu­ge­hör­ten und schon ele­men­tar beim Erler­nen der grie­chi­schen Spra­che mit­ge­lernt wur­den.
Die Fra­ge Schlei­er­ma­chers ist also ernst zu neh­men und immer mit zu bear­bei­ten.

Dem­ge­gen­über gibt es aber kon­ser­va­ti­ve Grup­pie­run­gen, die mei­nen, es gebe eine beson­de­re theo­lo­gi­sche Her­me­neu­tik, mit der man/frau die Bibel bes­ser und gege­be­nen­falls nur ver­ste­hen kön­ne. Danach gibt es beson­de­re spi­ri­tu­el­le Regeln, wel­che den all­ge­mei­nen Regeln hin­zu­fü­gen wären. Das wird von Grup­pen z. B. um das Geist­li­che Rüst­zen­trum Kre­lin­gen ver­tre­ten (http://www.grz-krelingen.de/) , also Grup­pen, die aus der Bekentnnis­be­we­gung „Kein ande­res Evan­ge­li­um“ ent­stan­den sind, die sich gegen Bult­manns Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­pro­gramm for­miert hat­te. So etwas gibt es nicht nur in Nie­der­sach­sen, son­dern auch in Baden-Würt­tem­berg. Wer die Dis­kus­si­on um den Bil­dungs­plan der vori­gen Lan­des­re­gie­rung ver­folgt hat, konn­te dort die Stim­me radi­ka­ler evan­ge­li­ka­ler Grup­pie­run­gen ver­neh­men. Denn weib­li­che und männ­li­che Homo­se­xua­li­tät sind zu ver­ur­tei­len, ja – und was ist Trans­se­xua­li­tät? Steht gar nicht in der Bibel!
Ähn­li­ches fin­det sich in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, im Bibel­gür­tel des Mitt­le­ren Wes­tens, dem bible belt.

Ich erwäh­ne das, weil ich selbst mer­ke, dass man­che Stu­die­ren­de in Hei­del­berg und Darm­stadt dadurch geprägt sind – und man glau­ben könn­te, wie­der in den 1950er Jah­ren ange­kom­men zu sein. Die­se Vor­le­sung geht auf bestimm­te Aspek­te ein, wel­che sol­che Grup­pie­run­gen trak­tie­ren und zeigt, dass das argu­men­ta­tiv halt­los ist. Ins­be­son­de­re ist mit den in Kre­lin­gen und anders­wo belieb­ten Inspi­ra­ti­ons­the­sen die tat­säch­li­che Gestalt der Bibel nicht zu erfas­sen.
Die Extrem­po­si­tio­nen bil­den also die kul­tur­his­to­risch Inter­es­sier­ten und die­je­ni­gen, die zu mei­nen wis­sen, dass nur beson­de­re spi­ri­tu­el­le Erfah­run­gen den Sinn der Schrift bzw. neu­tes­ta­ment­li­cher Tex­te erschlös­sen. Dazwi­schen gibt es vie­le Zwi­schen­po­si­tio­nen, wie die Abb. 4 dar­zu­le­gen ver­sucht. Alle sind will­kom­men! Die Zwi­schen­po­si­tio­nen haben dem Modell zufol­ge stets in ver­schie­de­nen Ver­hält­nis­sen Antei­le der Extrem­po­si­tio­nen in sich.

Abb. 4: Das inten­dier­te Publi­kum der Vor­le­sung

Mei­ne ver­ehr­ten Damen und Her­ren!

Wir befin­den uns in einer schwie­ri­gen Pha­se unse­rer Gesell­schaft, aber auch Euro­pas ins­ge­samt. Eine Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments muss dar­auf ein­ge­hen, damit nicht eine Wie­der­ho­lung der Jah­re nach 1933 ein­tritt. Durch die AfD kom­men die eben genann­ten Grup­pen wie­der in Kon­takt mit den­je­ni­gen Tra­di­tio­nen, die sie selbst in der Wei­ma­rer Repu­blik unter­stützt hat­ten, näm­lich den deutsch­na­tio­na­len und natio­nal­so­zia­lis­ti­schen, die den Art. 137 WRV ablehn­ten, der die Tren­nung von Staat und Kir­che regel­te – und für vie­le Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten, aber auch Welt­an­schau­un­gen offen war. Ich erwar­te daher auch ein Wie­der­erstar­ken des offe­nen Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land. In der AfD ist er bis­her nur latent vor­han­den und wird durch die Isla­mo­pho­bie ver­deckt, aber die­se ist nichts ande­res. Z. B. auf Twit­ter kön­nen Sie mei­ne Behaup­tung über­prü­fen. M. E. kann hier eine semio­tisch infor­mier­te Her­me­neu­tik auf­klä­re­risch wir­ken. Im Gespräch mit dem Reli­gi­ons- und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten des Lan­des Baden-Würt­tem­berg Micha­el Blu­me ver­su­chen wir zu ver­ste­hen, wel­ches dua­lis­ti­sche Erzähl­mus­ter „Ver­schwö­rungs­my­then“ erzeugt, ein wie­der recht aktu­el­les Phä­no­men.

M. E. ist hier die anti­ke Rhe­to­rik hilf­reich, die Erzähl­mus­ter und Argu­men­te ver­schränkt, was auch im Neu­en Tes­ta­ment vor­liegt. Wis­sen­schafts­sys­te­ma­tisch betrach­tet geht es also eher um Rhe­to­rik und Poe­tik, die nach Schlei­er­ma­cher als Kunst­leh­re bzw. kri­ti­sche Dis­zi­plin zur Ethik gehö­ren. Es erwar­tet Sie daher kei­ne Meta­phy­sik, was ich ernst mei­ne.

Pro­ble­ma­tisch könn­ten wei­ter Kolleg*en sein, die sich der evan­ge­li­ka­len Tra­di­ti­on ver­dan­ken und z. B. in Tübin­gen Neu­es Tes­ta­ment gelehrt haben …

Nicht so pro­ble­ma­tisch für den Ent­wurf, den ich ver­tei­di­ge, ist die Schu­le Karl Barths. Denn wir wer­den Mag­da­le­ne Frett­löh ken­nen­ler­nen, die als eine Art Uren­ke­lin Posi­ti­ves aus Barth her­aus­holt – und Barth viel­leicht bes­ser ver­steht als die­ser sich selbst ver­stan­den hat. Aber Barth hat selbst 1968 sei­ne Schlei­er­ma­cher-Kri­tik mit einem Fra­ge­zei­chen ver­se­hen. Und in den 1960er Jah­ren hat­te Eber­hard Jün­gel in „Got­tes Sein ist im Wer­den“ gezeigt, dass es kei­ne unüber­wind­li­chen Grä­ben zwi­schen Barth und Bult­mann gibt.

Spe­zi­ell und „all­ge­mein“ besagt in unse­rer Gesell­schaft auf jeden Fall, dass die Eigen­art die­ser Tex­te als reli­giö­se Tex­te wahr­ge­nom­men wird. Denn Reli­gio­si­tät ist nicht mehr selbst­ver­ständ­lich. Das merkt man zur­zeit recht deut­lich an der fatal unge­bil­de­ten Debat­te über den Islam. Dabei ergibt sich m. E. als Haupt­pro­blem, dass die Bild­lich­keit die­ser Tex­te als „blo­ße“ Bild­lich­keit“ inter­pre­tiert wer­den kann. Sie könn­ten dann als fik­tio­na­le Bei­trä­ge wie in der „Heu­te-Show“ oder bei Jan Böh­mer­mann miss­ver­stan­den wer­den, nur nicht ganz so wit­zig.

M. E. geht es dar­um, dass die neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te als reli­giö­se Tex­te wahr­ge­nom­men wer­den, die bild­lich kom­mu­ni­zie­ren und das häu­fig im Medi­um der Erzäh­lung, ohne kon­tra­dik­to­ri­sche Unter­schei­dung zu Argu­men­ten. Und die Her­me­neu­tik hat die Auf­ga­be, die Tex­te gut zu ver­ste­hen – und in den Kon­text einer plu­ra­len und demo­kra­ti­schen Gesell­schaft zu über­set­zen bzw. Vor­schlä­ge dazu zu machen. Und sie soll dazu bei­tra­gen, dass die­se Tex­te auch noch 2019 im Leben wei­ter fort­ge­schrie­ben wer­den kön­nen.

Ich fas­se knapp zusam­men:

1. Das Chris­ten­tum ist als her­me­neu­ti­sche Reli­gi­on mit Bezug auf Schrift­aus­le­gung vor dem Hin­ter­grund ent­spre­chen­der Pro­zes­se im Juden­tum ent­stan­den.
2. Die Her­me­neu­tik nimmt die Fremd­heit der Zei­chen­ver­wen­dung ande­rer Men­schen ernst.
3. Sie über­setzt die frem­den neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te für eine plu­ra­le und demo­kra­ti­sche Gesell­schaft.
4. Sie ist enga­giert für die erzäh­le­ri­sche Bild­lich­keit neu­tes­ta­ment­li­cher Tex­te, weil die­se eine Chan­ce bie­ten könn­te, har­te Gewohn­hei­ten infra­ge zu stel­len, um Neu­ori­en­tie­rung zu ermög­li­chen.

 

« Der gute Mensch Leo Tol­stoi. Das Pro­blem ernst­haf­ter Ethik (VHs Bad Rap­penau)
(http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/2016/04/10/der-gute-mensch-leo-tolstoi/) – Pre­digt zu Gen
1,26-31 (EfG Gries­heim) (http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/2016/04/16/predigt-zugen-126-31-efg-griesheim/) »
Info:
Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments I (Uni Hd) ist Bei­trag Nr. 5018
Autor:
Mar­tin Pött­ner am 10. April 2016 um 13:55
Cate­go­ry:
Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments (http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/category/was-istphilosophie/zeichen-und-philosophie/hermeneutik-des-neuen-testaments/) ,Zei­chen und Phi­lo­so­phie
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  1. Gene­ri­sche Aus­drü­cke wer­den in der Vor­le­sung durch das Gen­der­stern­chen gekenn­zeich­net.
  2. Vgl. Ingolf U. Dal­ferth, Die Kunst des Ver­ste­hens. Grund­zü­ge einer Her­me­neu­tik der Kom­mu­ni­ka­ti­on durch Tex­te, 2018, 8 u. ö.
  3. E. Fuchs, Mar­bur­ger Her­me­neu­tik, 1968.
  4. Die Über­set­zung des Tex­tes lehnt sich teil­wei­se an Lui­se Schott­roff, „Bibel in gerech­ter Spra­che“, 2. Aufl. 2005, 2125f, an. In der Fol­ge in der Regel mit „BgS“ abge­kürzt.
  5.   Vgl. Charles Peirce, Phä­no­men und Logik der Zei­chen, 1993 (stw 425), 64: „Ein Zei­chen oder Reprä­sen­ta­men ist alles, was in einer sol­chen Bezie­hung zu einem Zwei­ten steht, das sein Objekt genannt wird, dass es fähig ist ein Drit­tes, das sein Inter­pre­tant genannt wird, dahin­ge­hend zu bestim­men, in der­sel­ben tria­di­schen Rela­ti­on zu ste­hen, in der es selbst steht. Das bedeu­tet, dass der Inter­pre­tant selbst ein Zei­chen ist, das ein Zei­chen des­sel­ben Objekts bestimmt – und so fort ohne Ende.“ – Mar­tin Pött­ner, Rea­li­tät als Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ansät­ze zur Beschrei­bung der Gram­ma­tik des pau­li­ni­schen Spre­chens in 1Kor 1,4-4,21 im Blick auf lite­ra­ri­sche Pro­ble­ma­tik und Situa­ti­ons­be­zug des 1. Korin­ther­briefs, 1995 (Theo­lo­gie 2); Gesche Lin­de, Zei­chen und Gewiss­heit. Semio­ti­sche Ent­fal­tung eines pro­tes­tan­tisch theo­lo­gi­schen Begriffs (RPT 69), 2013.
  6. Vgl. auch die aus­führ­li­che Dis­kus­si­on bei Dal­ferth (s. o. Anm. 2).
  7. Vgl. Schlei­er­ma­cher, Ethik (1812/13) mit spä­te­ren Fas­sun­gen der Ein­lei­tung, Güter­leh­re und Pflich­ten­leh­re, hg. u. ein­gel. v. H.-J. Bir­kner, 1981 (PhB 335), 16 u. ö.

« Tod Got­tes und Wahr­heit, Joh 18,28ff – EfG Gries­heim – 

Info:
Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments I ist Beitrag Nr. 7802
Autor:
Martin Pöttner am 13. April 2019 um 14:28
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Hermeneutik des Neuen Testaments,Zeichen und Philosophie
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