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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Tod Got­tes und Wahr­heit, Joh 18,28ff – EfG Gries­heim

Lovis Corinth, Ecce homo, hier ist der Mensch! (1925)

 

Schrift­le­sung: Psalm 43,1-5

 

18,28 Sie brach­ten Jesus vom Ober­pries­ter Kaja­phas zum Prä­to­ri­um [der Resi­denz des Römi­schen Statt­hal­ters]. Es war früh am Mor­gen. Und sie gin­gen nicht in das Prä­to­ri­um hin­ein, um sich nicht zu ver­un­rei­ni­gen, damit sie das Pes­sach­mahl [bzw. Pas­sa­mahl] essen könn­ten. 29 Also kam Pila­tus zu ihnen her­aus und sag­te: »Wel­che Ankla­ge erhebt ihr gegen die­sen Men­schen?« 30 Sie ant­wor­te­ten und sag­ten zu ihm: »Wenn er nicht ein Ver­bre­cher wäre, hät­ten wir ihn dir nicht aus­ge­lie­fert.« 31 Da sag­te Pila­tus zu ihnen: »Nehmt ihr ihn und ver­ur­teilt ihn nach eurem Gesetz­buch!« Die Juden* sag­ten zu ihm: »Es ist uns nicht erlaubt, einen Men­schen hin­zu­rich­ten.« 32 Dies geschah, damit das Wort Jesu erfüllt wer­de, mit dem er ange­kün­digt hat­te, auf wel­che Wei­se er ster­ben soll­te. 33 Pila­tus ging wie­der hin­ein ins Prä­to­ri­um, rief Jesus und sag­te zu ihm: »Bist du der König des jüdi­schen Vol­kes?« 34 Jesus ant­wor­te­te: »Ist das dei­ne Mei­nung oder haben es dir ande­re über mich gesagt?« 35 Pila­tus ant­wor­te­te: »Bin ich etwa ein Jude? Ange­hö­ri­ge dei­nes Vol­kes und die Ober­pries­ter haben dich mir aus­ge­lie­fert. Was hast du getan?« 36 Jesus ant­wor­te­te: »Mein König­reich gehört nicht die­ser Welt an. Wenn mein König­reich die­ser Welt ange­hö­ren wür­de, wür­den mei­ne Leu­te kämp­fen, damit ich nicht der Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft 1 wer­de. Mein König­reich ist aber nicht von hier.« 37Da sag­te Pila­tus zu ihm: »Bist du also doch König?« Jesus ant­wor­te­te: »Du sagst, dass ich König bin. Ich bin dazu gebo­ren und in die Welt gekom­men, dass ich die Wahr­heit bezeu­ge. Alle, die der Wahr­heit ange­hö­ren, hören auf mei­ne Stim­me.« 38 Pila­tus frag­te ihn: »Was ist Wahr­heit?« Und als er dies gesagt hat­te, ging er wie­der hin­aus zu den Ver­tre­tern der Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft und sag­te ihnen: »Ich sehe kei­nen Grund, ihn zu ver­ur­tei­len. 39 Es ist aber Sit­te bei euch, dass ich euch zum Pes­sach­fest jemand frei­las­se. Wollt ihr nun, dass ich euch den König des jüdi­schen Vol­kes frei­las­se?« 40 Da schrien sie wie­der und sag­ten: »Nicht ihn, son­dern Bar­ab­bas.« Bar­ab­bas war ein Räu­ber. 19,1 Da nahm Pila­tus Jesus und ließ ihn aus­peit­schen. 2 Die Sol­da­ten floch­ten einen Kranz aus Dor­nen und set­zen ihn auf sei­nen Kopf. Sie zogen ihm ein Pur­pur­ge­wand an, 3 kamen zu ihm, sag­ten: »Sei gegrüßt, König von Isra­el!« und gaben ihm Ohr­fei­gen. 4 Pila­tus ging wie­der hin­aus und sag­te zu ihnen: »Hier brin­ge ich ihn zu euch hin­aus, damit ihr erkennt, dass ich kei­nen Grund sehe, ihn zu ver­ur­tei­len.« 5 Jesus kam her­aus und trug den Kranz aus Dor­nen und das Pur­pur­ge­wand. Und er sag­te zu ihnen: »Hier ist der Mensch!«2

Lie­be Gemein­de,

eine Sze­ne „anti­ker Grau­sam­keit“, wie Gerd Thei­ßen die Pas­si­on Jesu nennt. Der isla­mi­sche Staat, aber auch der rechts­ex­tre­me Ter­ro­rist in Neu­see­land ver­schaf­fen uns aktu­el­le Bei­spie­le sol­cher Grau­sam­keit. Wir kön­nen sie, falls wir das möch­ten, digi­tal wahr­neh­men, weil sie gefilmt und gestreamt wur­den. Unser Text ist eine Erzäh­lung, die wie alle Pas­si­ons­er­zäh­lun­gen der bibli­schen Evan­ge­li­en die Gewalt­sam­keit durch­aus dras­tisch und detail­liert dar­stellt.

Jesus wird aus der römi­schen Gesell­schaft gewalt­sam, mit gro­ßen Schmer­zen, Hohn und Spott aus­ge­schlos­sen. Denn die Kreu­zi­gung ist die Todes­stra­fe für Men­schen, die kein römi­sches Bür­ger­recht besit­zen, für Auf­stän­di­sche, Sklav*innen und Ver­bre­cher*.

Jesus ist nach der Mei­nung der Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft ein gefähr­li­cher reli­giö­ser Kon­kur­rent, den sie durch die Römer hin­rich­ten las­sen wol­len. Daher muss er als Auf­stän­di­scher, als König der Juden* aus­ge­ge­ben wer­den, der gegen die Römer Krieg füh­ren möch­te.
Alle Evan­ge­li­en leh­nen die­se Inter­pre­ta­ti­on ab, sicher gab es unter den Nachfolger*innen Jesu aber eini­ge, die das von ihm erwar­te­ten, wie in der Sze­ne mit den bei­den Emma­us­schü­lern in Lk 24 erzählt wird.
Unser Text ist mit dem Ver­hör durch Pila­tus auf die­sen Sach­ver­halt kon­zen­triert: Ist Jesus ein Mensch, der ein mes­sia­ni­scher König der Juden wer­den will, wie es in Psa­Sal 17f dar­ge­stellt wird, die Römer krie­ge­risch zu besie­gen vor­gibt – und ein mes­sia­ni­sches Frie­dens­reich auf­rich­ten möch­te?
Doch Jesus bestrei­tet, dass sein König­reich von die­ser Welt sei. Statt­des­sen legt er dar, dass er ein Kom­mu­ni­ka­tor der Wahr­heit sei.

Du sagst, dass ich König bin. Ich bin dazu gebo­ren und in die Welt gekom­men, dass ich die Wahr­heit bezeu­ge.

Und Pila­tus hält das für etwas unge­wöhn­lich:

Was ist Wahr­heit?

– ant­wor­tet er. Dar­aus spricht die Stim­me eines phi­lo­so­phi­schen Skep­ti­kers, der die eige­ne offi­zi­el­le Reli­gi­on intel­lek­tu­ell nicht ernst nimmt. Eben­so sind die Strei­tig­kei­ten der Juden* unter­ein­an­der unter­halb sei­nes intel­lek­tu­el­len Niveaus. Die­se Form der Skep­sis ist heu­te eben­falls nicht sel­ten. Für Pila­tus als Statt­hal­ter ist allein die Macht­fra­ge aus­schlag­ge­bend – und in die­ser Bezie­hung scheint ihm Jesus unge­fähr­lich zu sein. Also über­lässt er die Ent­schei­dung den Ver­tre­tern der Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft. Die wol­len, dass Jesus gekreu­zigt wird. Er erhält eine Dor­nen­kro­ne und ein Pur­pur­ge­wand, höh­ni­sche Zei­chen sei­ner ange­maß­ten Königs­herr­schaft.

War­um ist hier von der Wahr­heit die Rede – und was hat das mit Gott zu tun? Leser*innen des Johan­nes­evan­ge­li­ums könn­ten sich erin­nern, dass Jesus ja in 14,6 gesagt hat­te, er sei der Weg, die Wahr­heit und das Leben – und die­se Wel­ten pral­len im Ver­hör im Prä­to­ri­um auf­ein­an­der. Hier der­je­ni­ge, der von sich sagt, er sei die Lebens­wahr­heit jedes suchen­den ein­zel­nen Men­schen, der sich bewegt. Dort der phi­lo­so­phi­sche Skep­ti­ker, der sol­che Wahr­heits­an­sprü­che allen­falls mit Ach­sel­zu­cken begeg­net. Pila­tus ist Macht­zy­ni­ker.

Aus der Sicht des Johan­nes­evan­ge­li­ums aber lei­tet die gewalt­sa­me Zusam­men­ar­beit von Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft und dem wahr­heits­skep­ti­schen Römer Pila­tus die Wen­de im Welt­pro­zess sowie im Leben jedes beweg­li­chen wahr­heits­su­chen­den Men­schen ein. Beweg­lich soll­ten Frau­en und Män­ner sein – und sich nicht auf das schon Erreich­te im Leben ver­las­sen, Pila­tus tut das Gegen­teil, indem er sich auf sei­ne skep­ti­sche Hal­tung ver­lässt – und kei­ne ande­re Lebens­wahr­heit als das Macht­in­ter­es­se kennt. Das ist unbe­weg­lich.
Die Ver­tre­ter der Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft gehen nicht ins Prä­to­ri­um, weil sie sich nicht für das Pas­safest ver­un­rei­ni­gen wol­len. Also blei­ben sie drau­ßen ste­hen, unbe­weg­lich. Sie haben ja schon ihre pries­ter­li­che Wahr­heit.

Sie brin­gen bei­de Jesus gewalt­sam und grau­sam zu Tode. Aber sie lei­ten die Wen­de im Welt­pro­zess ein. Dar­auf ver­weist der Aus­spruch des Pila­tus:

Hier ist der Mensch!

Also der Mensch ist ver­höhnt, grau­sam gepei­nigt, wie es vie­le Künstler*innen dar­ge­stellt haben, z. B. Lovis Corinth. Der Satz „Hier ist der Mensch!“ wird in sei­ner latei­ni­schen Über­set­zung „Ecce homo!“ als The­ma der Bil­der gewählt. Jesus in Pur­pur­man­tel und Dor­nen­kro­ne steht für den Men­schen, der als grau­sam behan­delt gilt. D. h. für alle Men­schen. Und die Erlö­sung die­ser grau­sam behan­del­ten Men­schen kann nur gött­lich gesche­hen, indem Gott die­se Grau­sam­keit bis zum Tod an sich erträgt. Gott stirbt als Sohn – und lei­det als Vater mit.

Der Skep­ti­ker Pila­tus sagt, ich bin nicht ver­ant­wort­lich für den Tod Jesu. Die Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft sagt, wir kön­nen ihn gar nicht hin­rich­ten, nur die Römer dür­fen das. So kommt der Sohn Got­tes, die Wahr­heit, grau­sam zu Tode.
Und für alle beweg­li­chen und suchen­den Men­schen eröff­net sich der Weg zu ihrer eige­nen Lebens­wahr­heit. Sie kön­nen aus ihrer Selbst­be­zo­gen­heit und fal­schen Selbst­si­cher­heit erlöst wer­den.

Der Skep­ti­ker Pila­tus sagt, es kommt nur auf die Macht­in­ter­es­sen der Men­schen an. Ihr ver­ehrt einen gewalt­sam als Auf­rüh­rer Hin­ge­rich­te­ten, weil Ihr selbst Unter­drück­te seid und dadurch an die Macht kom­men wollt – und das ist Eure Wahr­heit!
Die­ser Vor­wurf ist aber zynisch. Denn Gott ver­zich­tet ja auf sei­ne All­macht am Kreuz Jesu. Jesus erwähnt, wenn sein König­reich von die­ser Welt wäre, wäre er nicht an die Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft aus­ge­lie­fert wor­den. Gott erträgt also gewalt­los die Gewalt der Welt, um den Welt­pro­zess mit sanf­ten Zügen der Lie­be mit lan­gem Atem gewalt­lo­ser zu machen. Wie wir zuletzt an den ermor­de­ten Mus­li­men in Neu­see­land sahen, kön­nen wir etwas dazu bei­tra­gen. Dem Wahn­sinn des Islam­has­ses ruhig und freund­lich ent­ge­gen­tre­ten. Die Fein­des­lie­be ist die ent­schei­den­de christ­li­che Tugend.

Dazu führt unser Text – und will uns dazu ermu­ti­gen!

Amen

 

 

  1. Ich über­set­ze den Aus­druck οἱ* Ἰουδαῖοι* (hoi Iou­daioi – die* Juden*) im Sin­ne des­sen, was gemeint ist. Es han­delt sich um eine rhe­to­ri­sche Figur, Meto­ny­mie bzw. pars pro toto, Teil für das Gan­ze bzw. umge­kehrt. Der Aus­druck „die Juden“ könn­te das Miss­ver­ständ­nis aus­lö­sen, als hät­ten alle Juden* o. Ä. Jesus getö­tet, was aber nicht der Sinn des Tex­tes ist. Seit Bult­manns Kom­men­tar 1941 m. E. klar.
  2. Vgl. BgS zur Stel­le!

« Tri­to­je­sa­ja (Jes 56-66) – Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments I »

Info:
Tod Got­tes und Wahr­heit, Joh 18,28ff – EfG Gries­heim ist Beitrag Nr. 7782
Autor:
Martin Pöttner am 2. April 2019 um 15:31
Category:
Allgemein
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