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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


25. April 2019

Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments, zwei­te Vor­le­sung

§ 2: Die Ent­ste­hung der dyna­mi­schen Schrift­re­li­gi­on im Juden­tum – und ihre Fort­set­zung im Neu­en Tes­ta­ment

Inhalt

Zu Ende füh­ren des § 1, Ver­ständ­nis­fra­gen und Kri­tik. Vor­spruch:

Bit­te lesen Sie den Abschnitt 4 von § 1. Mir ist wich­tig, dass Sie Schlei­er­ma­chers Über­le­gun­gen zum Hebrais­mus ver­ste­hen, auch das­je­ni­ge, was ich zur LXX, der grie­chi­schen Über­set­zung der aramäischen/hebräischen Tex­te sage. Dazu kom­men Abgren­zun­gen zu Posi­tio­nen, die unter­stel­len, es gebe beson­de­re geist­ge­wirk­te Regeln, mit­tels derer man/frau ggf. nur den Sinn neu­tes­ta­ment­li­cher Tex­te ver­ste­hen kön­ne.
Abb. 4: http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/wp-content/uploads/2019/04/Screenshot_20190217-200930_PowerPoint-e1555170097239.jpg
M. E. gab es Ver­ständ­nis­fra­gen zu den bei­den fol­gen­den Gra­fi­ken bzw. zu dem damit dar­ge­stell­ten Inhalt:
Abb. 1: http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/wp-content/uploads/2019/02/Zeitliches-Selbstverh%C3%A4ltnis-Zeichen-und-Religiosit%C3%A4t-e1550242280334.jpg
Abb. 2: http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/wp-content/uploads/2019/04/Screenshot_20190217-200930_PowerPoint-e1555170097239.jpg
Dar­über kön­nen wir ger­ne noch ein­mal spre­chen bzw. dis­ku­tie­ren. Eben­so über das Fol­ge­pro­blem, dass ich „die Wahr­heit“ in „unse­rem“ Ver­hält­nis zu Chris­tus sehe, vgl. Joh 14,6 mit 18,37f und die Reich­wei­te in Joh 1,1-3!

Kri­tik

Müss­te nicht „Queer“-Hermeneutik ein­be­zo­gen wer­den https://www.queer.de/ ?!!! M. E. eher nicht, da seit den 1980er Jah­ren die femi­nis­ti­sche Her­me­neu­tik die­ses The­ma mit­be­ar­bei­tet hat, so auch Frett­löh, die sich auf Judith But­ler bezieht. M. E. kommt die früh­ro­man­ti­sche Posi­ti­on hin­zu, die Gegen­sät­ze wie Mann/Frau nicht scharf, son­dern eher als Über­gän­ge ver­steht. So sind Tex­te wie Gen 1,26ff und Gal 3,26ff m. E. am bes­ten zu ver­ste­hen.

1. Ein bibli­sches Bei­spiel: Gen 1,1-2,4a und 2,4b-3,24

2. Die Schrift­ge­lehr­ten im Juden­tum

3. Der Anschluss des Neu­en Tes­ta­ments an die dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung im Juden­tum

 

Mei­ne Damen und Her­ren,

ich begrü­ße Sie zur zwei­ten Vor­le­sung über die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments. Heu­te geht es um die Ent­ste­hung der  dyna­mi­schen Schrift­re­li­gi­on im Juden­tum, von der das Chris­ten­tum des Neu­en Tes­ta­ments geprägt ist und von der es eine Fort­ent­wick­lung dar­stellt. Bevor ich damit begin­ne, möch­te ich fra­gen, ob es Rück­fra­gen zur letz­ten Stun­de gibt oder ob Sie Ein­wän­de äußern möch­ten.

 

Die heu­ti­ge Vor­le­sung hat fol­gen­de Struk­tur:

1 Ein bibli­sches Bei­spiel: Gen 1,1-2,4a und 2,4b-3,24
2 Die Schrift­ge­lehr­ten im Juden­tum
3 Der Anschluss des Neu­en Tes­ta­ments an die dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung im Juden­tum

1 Ein bibli­sches Bei­spiel: Gen 1,1-2,4a und 2,4b-3,24

Wir sahen anhand der Aus­le­gung von 1Kor 14, dass für Pau­lus das her­me­neu­ti­sche Pro­blem als Pro­blem des Ver­ste­hens frem­der Zei­chen und eben­so der Fra­ge des mög­li­chen Ein­ver­ständ­nis­ses mit dem von die­sen Zei­chen Bezeich­ne­ten oder Dar­ge­stell­ten trans­pa­rent war. Den­ken Sie an die Erwäh­nung des* Lai­en* oder Ungläu­bi­gen*, der vor dem Hin­ter­grund trans­pa­ren­ter Zei­chen poten­zi­ell sein Ein­ver­ständ­nis mit der Glau­bens­kom­mu­ni­ka­ti­on der korin­thi­schen Gemein­de äußern könn­te.

Natür­lich könn­te man mei­nen, Pau­lus habe auch die Her­me­neu­tik erfun­den. Aber Pau­lus war ein pha­ri­säi­scher Schrift­ge­lehr­ter (Phil 3). Daher liegt es nahe, dass die­se Fra­gen schon zuvor im Juden­tum dis­ku­tiert wor­den sind. Ähn­lich gibt es im grie­chi­schen Wis­sen­schafts­sys­tem phi­lo­lo­gi­sche Bestre­bun­gen ins­be­son­de­re in Alex­an­dria, Der­ar­ti­ges zu the­ma­ti­sie­ren. Wir kon­zen­trie­ren uns auf den Pro­zess im Juden­tum, der sich aber kei­nes­wegs unab­hän­gig von den Ent­wick­lun­gen in der grie­chi­schen Kul­tur voll­zo­gen hat.

Jeder* Leser* der jüdi­schen Bibel wird sofort in den ers­ten drei Kapi­teln auf das Pro­blem gesto­ßen. (more…)

Das Jere­miabuch (insb. 1-25)

Jere­mia

Wirk­sam­keit

Der Pro­phet Jere­mia („JHWH grün­det“) stammt, so die Über­schrift, aus einer pries­ter­li­chen Fami­lie aus dem Ort Ana­tot bei Jeru­sa­lem. Jere­mia wirk­te von 627-587, sei­ne Wirk­sam­keit ist in vier Pha­sen zu unter­tei­len:

– Früh­zeit­ver­kün­di­gung unter Joschi­ja vor 609: Jer 1-6
– Regie­rungs­zeit Jojakims (bis 598): Jer 7-20
– 597 bis zum Ende Jeru­sa­lems: Jer 21-22+24+27-29
– Nach Beginn des Exils (587/6): Jer 40-44 (Bericht).

Das Jere­miabuch berich­tet im Unter­schied zu Jesa­ja von nur einem Pro­phe­ten, doch lässt sich auch in ihm ein kom­pli­zier­ter Wachs­tums­pro­zess fest­stel­len, den man zumin­dest in sei­nen Grund­zü­gen ken­nen soll­te.

Text­for­men

Über­sicht über den Auf­bau des Jere­miabu­ches nach MT (Maso­re­ti­schem Text) und LXX (griech. Übs.)
MT                                                       LXX
1,1-25,14 Wor­te gegen Juda             1,1-25,13
25,15-38 Fremd­völ­ker­sprü­che          25,15-38+
(in LXX abwei­chen­de Rei­hen­fol­ge)    Kap. 46-51
………………………………………………….26-35
26-35 Bericht und Heils­an­sa­gen 36-45
36-45 Jere­mi­as Lei­den
46-51 wei­te­re Fremd­völ­ker­sprü­che
52 Die Zer­stö­rung Jeru­sa­lems …………..52

(more…)

13. April 2019

Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments I

§ 1: Hin­füh­rung zum Pro­blem

 

Ver­ehr­te Damen und Her­ren,

ich begrü­ße Sie in die­ser Vor­le­sung zu einer Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en  Neu­en Tes­ta­ments!

 

Inhalt

1 Pro­ömi­um
2 Über­blick
3 Das Pro­blem, das hin­ter der Her­me­neu­tik steht: die Fremd­heit der Zei­chen­ver­wen­dung ande­rer Men­schen
4 All­ge­mei­ne und spe­zi­el­le Her­me­neu­tik?

 

Wie Sie am  Inhalts­ver­zeich­nis sehen kön­nen, hat die heu­ti­ge Vor­le­sung vier Abschnit­te. Zunächst erläu­te­re ich im Pro­ömi­um bzw. der Vor­re­de skiz­zen­haft das­je­ni­ge, was ich vor­ha­be. Sodann gebe ich einen Über­blick über den geplan­ten Inhalt und bestimm­te for­ma­le Aspek­te die­ser Vor­le­sung. Wei­ter ver­su­che ich einen Anschluss­punkt für das her­me­neu­ti­sche Pro­blem im Neu­en Tes­ta­ment selbst zu fin­den, da in 1Kor 14 m. E. das zen­tra­le Pro­blem der Fremd­heit expli­zit erwähnt und mit der Metho­de der Über­set­zung ange­gan­gen wird.
Der letz­te Abschnitt the­ma­ti­siert das Pro­blem der all­ge­mei­nen und der spe­zi­el­len Her­me­neu­tik, wie es auch in Schlei­er­ma­chers Her­me­neu­tik und Kri­tik, 1977 (stw 211) for­mu­liert wird. (more…)

2. April 2019

Tod Got­tes und Wahr­heit, Joh 18,28ff – EfG Gries­heim

Lovis Corinth, Ecce homo, hier ist der Mensch! (1925)

 

Schrift­le­sung: Psalm 43,1-5

 

18,28 Sie brach­ten Jesus vom Ober­pries­ter Kaja­phas zum Prä­to­ri­um [der Resi­denz des Römi­schen Statt­hal­ters]. Es war früh am Mor­gen. Und sie gin­gen nicht in das Prä­to­ri­um hin­ein, um sich nicht zu ver­un­rei­ni­gen, damit sie das Pes­sach­mahl [bzw. Pas­sa­mahl] essen könn­ten. 29 Also kam Pila­tus zu ihnen her­aus und sag­te: »Wel­che Ankla­ge erhebt ihr gegen die­sen Men­schen?« 30 Sie ant­wor­te­ten und sag­ten zu ihm: »Wenn er nicht ein Ver­bre­cher wäre, hät­ten wir ihn dir nicht aus­ge­lie­fert.« 31 Da sag­te Pila­tus zu ihnen: »Nehmt ihr ihn und ver­ur­teilt ihn nach eurem Gesetz­buch!« Die Juden* sag­ten zu ihm: »Es ist uns nicht erlaubt, einen Men­schen hin­zu­rich­ten.« 32 Dies geschah, damit das Wort Jesu erfüllt wer­de, mit dem er ange­kün­digt hat­te, auf wel­che Wei­se er ster­ben soll­te. 33 Pila­tus ging wie­der hin­ein ins Prä­to­ri­um, rief Jesus und sag­te zu ihm: »Bist du der König des jüdi­schen Vol­kes?« 34 Jesus ant­wor­te­te: »Ist das dei­ne Mei­nung oder haben es dir ande­re über mich gesagt?« 35 Pila­tus ant­wor­te­te: »Bin ich etwa ein Jude? Ange­hö­ri­ge dei­nes Vol­kes und die Ober­pries­ter haben dich mir aus­ge­lie­fert. Was hast du getan?« 36 Jesus ant­wor­te­te: »Mein König­reich gehört nicht die­ser Welt an. Wenn mein König­reich die­ser Welt ange­hö­ren wür­de, wür­den mei­ne Leu­te kämp­fen, damit ich nicht der Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft 1 wer­de. Mein König­reich ist aber nicht von hier.« 37Da sag­te Pila­tus zu ihm: »Bist du also doch König?« Jesus ant­wor­te­te: »Du sagst, dass ich König bin. Ich bin dazu gebo­ren und in die Welt gekom­men, dass ich die Wahr­heit bezeu­ge. Alle, die der Wahr­heit ange­hö­ren, hören auf mei­ne Stim­me.« 38 Pila­tus frag­te ihn: »Was ist Wahr­heit?« Und als er dies gesagt hat­te, ging er wie­der hin­aus zu den Ver­tre­tern der Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft und sag­te ihnen: »Ich sehe kei­nen Grund, ihn zu ver­ur­tei­len. 39 Es ist aber Sit­te bei euch, dass ich euch zum Pes­sach­fest jemand frei­las­se. Wollt ihr nun, dass ich euch den König des jüdi­schen Vol­kes frei­las­se?« 40 Da schrien sie wie­der und sag­ten: »Nicht ihn, son­dern Bar­ab­bas.« Bar­ab­bas war ein Räu­ber. 19,1 Da nahm Pila­tus Jesus und ließ ihn aus­peit­schen. 2 Die Sol­da­ten floch­ten einen Kranz aus Dor­nen und set­zen ihn auf sei­nen Kopf. Sie zogen ihm ein Pur­pur­ge­wand an, 3 kamen zu ihm, sag­ten: »Sei gegrüßt, König von Isra­el!« und gaben ihm Ohr­fei­gen. 4 Pila­tus ging wie­der hin­aus und sag­te zu ihnen: »Hier brin­ge ich ihn zu euch hin­aus, damit ihr erkennt, dass ich kei­nen Grund sehe, ihn zu ver­ur­tei­len.« 5 Jesus kam her­aus und trug den Kranz aus Dor­nen und das Pur­pur­ge­wand. Und er sag­te zu ihnen: »Hier ist der Mensch!«2

Lie­be Gemein­de,

eine Sze­ne „anti­ker Grau­sam­keit“, wie Gerd Thei­ßen die Pas­si­on Jesu nennt. Der isla­mi­sche Staat, aber auch der rechts­ex­tre­me Ter­ro­rist in Neu­see­land ver­schaf­fen uns aktu­el­le Bei­spie­le sol­cher Grau­sam­keit. Wir kön­nen sie, falls wir das möch­ten, digi­tal wahr­neh­men, weil sie gefilmt und gestreamt wur­den. Unser Text ist eine Erzäh­lung, die wie alle Pas­si­ons­er­zäh­lun­gen der bibli­schen Evan­ge­li­en die Gewalt­sam­keit durch­aus dras­tisch und detail­liert dar­stellt. (more…)

  1. Ich über­set­ze den Aus­druck οἱ* Ἰουδαῖοι* (hoi Iou­daioi – die* Juden*) im Sin­ne des­sen, was gemeint ist. Es han­delt sich um eine rhe­to­ri­sche Figur, Meto­ny­mie bzw. pars pro toto, Teil für das Gan­ze bzw. umge­kehrt. Der Aus­druck „die Juden“ könn­te das Miss­ver­ständ­nis aus­lö­sen, als hät­ten alle Juden* o. Ä. Jesus getö­tet, was aber nicht der Sinn des Tex­tes ist. Seit Bult­manns Kom­men­tar 1941 m. E. klar.
  2. Vgl. BgS zur Stel­le!