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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Pre­digt zum ers­ten Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit (EfG Gries­heim): das Böse tun!

Schrift­le­sung: Psalm 91,1-6

Als Jesus dies gesagt hat­te, war er inner­lich auf­ge­wühlt und bezeug­te und sag­te: »Amen, amen, ich sage euch: Jemand von euch wird mich aus­lie­fern.« 22Die Jünger*innen blick­ten ein­an­der an und wuss­ten nicht, von wem er rede­te. 23Einer von ihnen lag an der Brust Jesu, ihn lieb­te Jesus. 24Diesem nick­te Simon Petrus zu, damit er Jesus fra­ge, von wem er spre­che. 25Jener lehn­te sich also zurück an Jesu Brust und frag­te ihn: »*Rab­bi, wer ist es?« 26Jesus ant­wor­te­te: »Es ist der, für den ich das Stück Brot ein­tun­ken und ihm geben wer­de.« Er nahm also das Stück Brot, tunk­te es ein und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iska­ri­ot. 27Und dann, nach dem Stück Brot, ging der Satan in ihn ein. Also sag­te Jesus zu ihm: »Was du machen willst, das mache schnell!« 28Es ver­stand aber nie­mand von denen, die zu Tisch lagen, wes­halb er ihm dies sag­te. 29Einige mein­ten, dass Jesus, weil Judas die Kas­se führ­te, ihm sagen wür­de: »Kau­fe ein, was wir für das Fest brau­chen!« Oder dass er den Armen etwas geben soll­te. 30Nachdem Judas das Stück Brot bekom­men hat­te, ging er sofort hin­aus. Und es war Nacht. 31Als er hin­aus­ge­gan­gen war, sag­te Jesus: »Jetzt ist der Glanz des Men­schen­sohns auf­ge­strahlt und Got­tes Glanz strahl­te auf in ihm. 1

Lie­be Gemein­de,

am ers­ten Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit hat die Fas­ten­zeit schon begon­nen – und vie­le Gemein­den begin­nen dar­auf zu ach­ten, was nicht so gut läuft oder gar schief läuft im Leben der Gemein­den oder ein­zel­ner Gemein­de­glie­der.
Die Fas­ten­ak­ti­on der Evan­ge­li­schen Kir­chen in Deutsch­land sieht sie­ben Wochen ohne Lügen vor. Auf Twit­ter sind nicht alle Theolog*innen davon begeis­tert. Eine Pfar­re­rin hält es für rich­tig aus Barm­her­zig­keit zu lügen, weil dadurch z. B. Beschä­mun­gen man­cher Men­schen ver­mie­den wer­den kön­nen. Wahr­schein­lich ist das eine Theo­lo­gie, die man­che mei­ner Kolleg*innen als „Gott-ist-lieb“-Theologie kri­ti­sie­ren. Zwei­fel­los hilft dies Kon­flik­te zu ver­mei­den. Ob das am Ende gut für alle ist, ist aber umstrit­ten.  Inso­fern befas­sen sich die Gemein­den und Kir­chen in der Pas­si­ons­zeit beson­ders mit dem­je­ni­gen, was nicht so gut oder gar schief läuft. Und in den Jesus-Erzäh­lun­gen ist es beson­ders Judas, bei dem es über­haupt nicht gut läuft, er lie­fert Jesus näm­lich an die Sicher­heits­kräf­te der Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft aus, sodass Jesus von den Römern unter Pila­tus gewalt­sam und grau­sam hin­ge­rich­tet wer­den kann.

Judas ist in den bibli­schen Evan­ge­li­en eine tra­gi­sche Figur, er lie­fert Jesus aus, er tut etwas Böses, das für Jesus ganz schwe­re Kon­se­quen­zen hat – und doch kann die Erlö­sung nicht ohne die­se böse Tat Judas’ gesche­hen. Sie ist der kon­kre­te Aus­lö­ser des Erlö­sungs­ge­sche­hens. Dass es etwas Schlim­mes, Böses ist, das Judas tut, wird dadurch unter­stri­chen, dass Satan, der Ver­su­cher in ihn hin­ein­geht, Judas gibt der Ver­su­chung nach, Jesus aus­zu­lie­fern. Jesus bestärkt ihn sogar noch es zu tun, damit der Erlö­sungs­weg ans Kreuz statt­fin­den kann.
Denn der gewalt­sa­me, grau­sa­me Tod Jesu am Kreuz bringt den Men­schen­sohn ins strah­len­de Licht Got­tes und lässt auch Gott erstrah­len, glän­zen. Luther über­setz­te „ver­herr­licht wer­den“.

Daher tut Judas etwas Böses, das aber gute Fol­gen hat.

Das wird auch in der Sze­ne ange­deu­tet, in der Petrus den Schü­ler, den Jesus lieb­te, fragt, wer es sei, der Jesus ver­rät – und Jesus dar­auf­hin Judas durch einen getunk­ten Bis­sen iden­ti­fi­ziert. Dadurch, dass jener Schü­ler an Jesu Brust liegt, kön­nen sich die Leser*innen des Johan­nes­evan­ge­li­ums an den Pro­log erin­nern, in dem erzählt wird, Jesus lie­ge aktu­ell an der Brust des Vaters, Joh 1,18, bei­des star­ke sinn­li­che Bil­der der Lie­be.

Was soll das? Die Pas­si­on, das grau­sa­me und gewalt­sa­me Lei­den und Ster­ben Jesu, wird erzäh­lend in den Hori­zont der Auf­fas­sung gebracht, dass Gott Lie­be ist. Das ist einer der schwers­ten Gedan­ken des Chris­ten­tums, der beson­ders sorg­fäl­tig im Johan­nes­evan­ge­li­um erzählt wird.
Auch der Tod Jesu am Kreuz ist ein Gesche­hen der Lie­be, der Vater lei­det mit Jesus, er freut sich nicht über die­ses grau­sa­me Gesche­hen. Und er zeigt, dass der Sohn glänzt, erstrahlt, indem er ihn von den Toten „auf­weckt“ – und an sei­ne Brust zurück­keh­ren lässt – ein sinn­li­ches Bild der Lie­be. Und das Lie­bes­ver­hält­nis des Schü­lers, den Jesus lieb­te, zu Jesus wird in unse­rem Text eben­falls sinn­lich dadurch aus­ge­drückt, dass jener Schü­ler an der Brust Jesu liegt.
Judas darf also im Hori­zont der Lie­be das Böse, gro­ßes Leid brin­gen­de, tun, weil Gott als Lie­be auch das Ande­re, Böse erträgt, annimmt. Und nur so kann das Böse letzt­lich über­wun­den wer­den, nicht indem das Böse als schar­fer Gegen­pol zu Gott auf­ge­fasst wird. Das schließt auch ein, dass Gott unse­re Ver­zweif­lung über das Welt­ge­sche­hen, unse­re Trä­nen und Trau­er über eige­nes und frem­des Leid mit­lei­dend teilt – und schließ­lich wen­den wird.

So ver­ste­he ich auch die Pfar­re­rin, die ich ein­ganngs erwähn­te, die auch in den sie­ben Wochen der Pas­si­ons­zeit das Lügen aus Barm­her­zig­keit nicht las­sen will. Denn natür­lich gilt die Regel: „Ein Nein ist ein Nein – und ein Ja ist ein Ja!“ Aber in der Lie­be sagt Gott zu uns als Sünder*innen „Ja!“ Barm­her­zig, obgleich wir wie Judas das Böse tun. Nur indem Gott uns als die Bösen, die wir sind, annimmt, kön­nen wir uns ändern.

Dar­auf hof­fen wir!

Amen

 

  1. Vgl. BgS, zur Stel­le!

« Über­blick über die Her­me­neu­tik-Vor­le­sung im Som­mer­se­mes­ter – Tri­to­je­sa­ja (Jes 56-66) »

Info:
Pre­digt zum ers­ten Sonn­tag der Pas­si­ons­zeit (EfG Gries­heim): das Böse tun! ist Beitrag Nr. 7732
Autor:
Martin Pöttner am 9. März 2019 um 11:49
Category:
Religiöse Rede
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