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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Deu­tero­je­sa­ja

Ent­ste­hung

Im Unter­schied zum ers­ten Jesa­ja set­zen die Kapi­tel 40-55 vor­aus, dass die frü­her ange­sag­te Kata­stro­phe bereits ein­ge­tre­ten ist, viel mehr noch, die Zeit ist nun reif für eine grund­sätz­li­che Wen­de zum Guten. Die­se Kapi­tel sind dem­nach deut­lich spä­ter ent­stan­den, sie set­zen die Situa­ti­on des Exils vor­aus und ver­wei­sen bereits auf den Per­ser­kö­nig Kyros, der dem neu­ba­by­lo­ni­schen Reich, das Jeru­sa­lem zer­stört hat­te, das Ende berei­ten wird. Die Rück­wan­de­rung der Exu­lan­ten nach Isra­el wird nur erwar­tet, nicht als gesche­hen beschrie­ben, daher sind die Tex­te wohl vor 539 v. d. Z. ent­stan­den, wahr­schein­lich in Baby­lo­ni­en. Es ist mög­lich, dass „Deu­tero­je­sa­ja“ nicht ein ein­zel­ner Autor war, son­dern dass eine Schu­le von Pro­phe­ten hin­ter die­sen Tex­ten steht.

Glie­de­rung

 

Auch hier ist eine Glie­de­rung kaum sinn­voll. Man­che schla­gen einen gro­ßen Ein­schnitt nach Kap. 48 vor, weil danach weder Kyros erwähnt wird noch wei­te­re Göt­zen­po­le­mik folgt und der Tenor der Dar­stel­lung zudem den Tri­to­je­sa­ja-Kapi­teln näher steht. Auch die DtJes-Tei­le sind ihrer­seits spä­ter über­ar­bei­tet und ergänzt wor­den. Es ist not­wen­dig, sich wich­ti­ge Ein­zel­tex­te und The­men anzu­se­hen:

Exo­du­s­er­war­tung

Kap. 40 setzt ein mit der Erwar­tung eines neu­en Exo­dus; auf einer Pro­zes­si­ons­stra­ße wird das ver­bann­te Volk mit­ten durch die Wüs­te nach Isra­el zurück­keh­ren. Das Wort des Herrn wird sich durch­set­zen, V. 8 (vgl. dazu 55,11, „… mein Wort wirkt, was ich beschlos­sen habe …“). Anfang und Ende des Text­kom­ple­xes gehen also davon aus, dass die Ankün­di­gun­gen die­ses Pro­phe­ten sich in der Geschich­te als wahr erwei­sen wer­den oder bereits erwie­sen haben. 40,12-31 stel­len Got­tes Macht gegen­über den Klein­gläu­bi­gen in sei­nem Volk fest. Die­ses Motiv begeg­net in DtJes häu­fig, Hin­ter­grund sind die Zwei­fel, ob sich nicht JHWH mit dem Ver­lust Jeru­sa­lems und des Tem­pels als ein den baby­lo­ni­schen Göt­tern unter­le­ge­ner Gott erwie­sen habe. Als Gegen­ar­gu­ment wird oft auf Schöp­fungs­vor­stel­lun­gen zurück­ge­grif­fen, vgl. 40,12+22. JHWH ist nicht nur Herr der Geschich­te Isra­els, son­dern auch und vor allem Schöp­fer der gan­zen Welt. In fik­ti­ven Dis­kus­sio­nen Got­tes mit dem Volk setzt DtJes die­se Per­spek­ti­ve argu­men­ta­tiv durch.

Mono­the­is­ti­sche Got­tes­kon­zep­ti­on

Damit stellt sich not­wen­dig die Fra­ge, wie die ande­ren Gott­hei­ten zu bewer­ten sind. Hier­auf ant­wor­ten die Tex­te, die eine göt­ter­po­le­mi­sche Ten­denz haben, vgl. bereits 40,19f., dann 46,1-7 u. ö. Im letz­ten Text liegt eine weib­li­che Got­tes­prä­di­ka­ti­on vor: Gott hat mit sei­nem Ute­rus das Volk getra­gen oder geschleppt, im Unter­schied zu Bel und Nebo, den baby­lo­ni­schen Göt­tern.

Die Göt­ter gel­ten als Nicht­se, als ein­fa­che Bil­der, von Hand­wer­kern ver­fer­tigt (41,6+7). Damit wird der gedank­li­che Weg hin zu einem Mono­the­is­mus gebahnt, vgl. 44,6:

Ich bin der ers­te und der letz­te, außer mir ist kein Gott“.

Dies geht so weit, dass JHWH die Völ­ker oder deren Göt­ter vor Gericht zieht, sie­he 41,21-29. Alles gilt nur noch als Werk­zeug des einen Got­tes, Isra­el zum Heil.

Gegen Isra­el gerich­tet liegt nur das Kapi­tel 48 vor. Doch ist die­ses deut­lich spä­ter ent­stan­den, es setzt die Ent­täu­schung nach der Rück­kehr nach Isra­el vor­aus, als die Heils­zeit aus­blieb. Ansons­ten sagt DtJes Heil an, das dann, vgl. 50,10, auch auf die Völ­ker aus­strahlt. Zion wird der Mit­tel­punkt der Erde (49,14-21), die Völ­ker sehen es mit Stau­nen.

Ein wich­ti­ges Ein­zel­mo­tiv ist auch die Bezeich­nung des Per­ser­kö­nigs Kyros als Mes­si­as Got­tes (45,1). Damit wird einer­seits die älte­re Ten­denz fort­ge­setzt, die frem­den Mäch­te als Werk­zeug JHWHs zu begrei­fen, ande­rer­seits spricht dar­aus auch die neue uni­ver­sa­lis­ti­sche Aus­rich­tung, die aus dem erwei­ter­ten Got­tes­bild ent­springt.

Got­tes­knechts­lie­der

Die wich­tigs­te Text­grup­pe des gan­zen Buches ist sicher die der (seit Bern­hard Duhm, 1892) soge­nann­ten Got­tes­knechts­lie­der. Die­se Tex­te sind daher von den ande­ren als viel­leicht zusam­men­ge­hö­ri­ge Text­grup­pe unter­scheid­bar, weil sie einen ver­gleich­ba­ren Sprach­stil haben und pro­non­ciert von einem Knecht (Skla­ven) JHWHs (ebed JHWH) han­deln, der offen­bar eine sehr bestimm­te Auf­ga­be im Heils­plan Got­tes hat. Die Lie­der sind ihrer­seits offen­bar nach­träg­lich erwei­tert wor­den, daher die teil­wei­se unein­heit­li­chen Abgren­zun­gen. Die Grün­de, wes­halb die Lie­der in den jewei­li­gen Text­zu­sam­men­hang ein­ge­fügt wur­den, sind unklar, auch ob sie unter­ein­an­der tat­säch­lich zusam­men­ge­hö­ren.
Im ers­ten Lied (42,1-4) redet Gott zum Knecht.
Das zwei­te (Jes 49,1-6) und drit­te (50,1-5) Lied sind in der 1. Pers. Sg. for­mu­liert. Im drit­ten Lied ist aller­dings gar nicht vom „Knecht“ die Rede.
Im letz­ten Lied (52,13-53,12) spricht die Gemein­de (1. Pers. Pl.), gerahmt wie­der von Wor­ten Got­tes über den Knecht.

Deu­tung

Es ist außer­or­dent­lich umstrit­ten, wer mit die­sem Knecht (Skla­ven) gemeint ist. Ist ein Ein­zel­ner ange­spro­chen, evtl. sogar „Deu­tero­je­sa­ja“ selbst? Oder ist Isra­el gemeint (die soge­nann­te kol­lek­ti­ve Deu­tung)? Für bei­de Deu­tun­gen gibt es Par­al­lel­stel­len aus dem gan­zen AT, vgl. etwa Ps 69,36f. und 135,14. Teil­wei­se wer­den auch bei­de Deu­tun­gen kom­bi­niert („par­ti­ell-kol­lek­tiv“), gemeint sei eine beson­de­re Grup­pe in Isra­el. Beson­ders das vier­te Lied ist für das Neue Tes­ta­ment und die christ­li­che Kir­che wich­tig gewor­den, weil hier die Vor­stel­lung eines stell­ver­tre­ten­den Lei­dens zur Sün­den­ver­ge­bung aus­ge­spro­chen wur­de „… die Stra­fe lag auf ihm zu unse­rem Heil …“ (53,5). Mit die­ser Vor­stel­lung konn­te dann der Tod Jesu als stell­ver­tre­ten­de Süh­ne gedeu­tet (vgl. Röm 3,21ff.) wer­den, wobei hier auch 4Makk 17,23 im Hin­ter­grunf ste­hen kann, wonach Gott das Lei­den eines Gerech­ten als Süh­ne für dir Sün­fen des Vol­kes aner­ken­nen kann. Auch die Rede von Chris­tus als „Lamm Got­tes“ bezieht sich auf die­sen Text zurück (53,7).

Die­se Lie­der sind im Neu­en Tes­ta­ment auf Jesus bezo­gen und somit fort­ge­schrie­ben wor­den, weil der angeb­li­che Heils­plan sich in der Geschich­te des Juden­tums nicht rea­li­siert hat­te, so Pau­lus, Mat­thä­us und Lukas.
Vor allem las­sen die­se Tex­te eine gewalt­lo­se (42,1-4) und lei­den­de (52,13-53,12) Mes­si­as­kon­zep­ti­on zu.
Inner­halb des Juden­tums hat­te sich mit­hin in DtJes eine Ände­rung voll­zo­gen, die Gewalt­lo­sig­keit und Lei­den in die Got­tes­kon­zep­ti­on ein­be­zog. Das ist z. B. noch etwas anders als Jes 11,1ff. Die Got­tes­kon­zep­ti­on ist der­je­ni­gen der Urge­schich­te in Gen 1-12,3 ver­wandt, hat hier aber eine ret­ten­de Poin­te.

 

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Info:
Deu­tero­je­sa­ja ist Beitrag Nr. 7648
Autor:
Martin Pöttner am 28. Januar 2019 um 11:58
Category:
Bibelkunde
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