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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Joh 11

Joh 11 ist daher von Belang, weil hier expli­zit offen­ge­legt wird, was biblisch seit der „Jesa­ja-Apo­ka­lyp­se“ (Jes 24-27) gilt: Es gibt in der Bibel weder eine grie­chi­sche, hebräi­sche oder ara­mäi­sche Voka­bel für z. B. „Auf­er­ste­hung“ o. Ä. קוֻם (kum), ἀνίσταναι (anhi­sta­nai) und ἐγείρεσθαι (ege­i­rest­hai) bezeich­nen sowohl den all­täg­li­chen Vor­gang des Auf­ste­hens bzw. Auf­ge­weckt­wer­dens als auch den­je­ni­gen, wel­cher dem Tod folgt. Die glei­che Ambi­gui­tät liegt beim „Schla­fen“ (κοιμᾶν [koiman]) vor, vgl. z. B. Dan 12,2f. Zur­zeit respek­tie­ren offen­bar nur eini­ge weni­ge der Übersetzer*innen der „Bibel in gerech­ter Spra­che“ (BgS) die­sen bibli­schen Sach­ver­halt.
Sehr schön zeigt sich das an fol­gen­der Pas­sa­ge:

11,11 Λάζαρος ὁ φίλος ἡμῶν κεκοίμηται·
ἀλλὰ πορεύομαι
ἵνα ἐξυπνίσω αὐτόν.
12εἶπαν οὖν οἱ μαθηταὶ αὐτῷ·
κύριε,
εἰ κεκοίμηται σωθήσεται.

Es wird also mit dem Miss­ver­ständ­nis­mo­tiv gear­bei­tet, wie wir es seit der Niko­de­mus-Sto­ry in Joh 3,1ff ken­nen. Zugleich sagen die Schü­ler aber auch das­je­ni­ge, was tat­säch­lich der Erzäh­lung nach gesche­hen wird: Laza­rus wird geret­tet. Hier wird mit dem mög­li­chen Dop­pel­sinn von σωθήσεται (er wird geheilt/gerettet wer­den) gespielt.

Der Erzäh­ler des Johan­nes­evan­ge­li­ums stellt so etwas regel­mä­ßig klar:

13Jesus hat­te aber über sei­nen Tod gere­det, sie dage­gen mein­ten, dass er über das nor­ma­le Ein­schla­fen gere­det hät­te

– wie die BgS

13εἰρήκει ὁ Ἰησοῦς περὶ τοῦ θανάτου αὐτοῦ,
ἐκεῖνοι δὲ ἔδοξαν
ὅτι περὶ τῆς κοιμήσεως τοῦ ὕπνου λέγει

über­setzt.
Sprach­lich und the­ma­tisch-inhalt­lich steht Joh 11 Joh 3 sehr nahe, die Licht-/Fins­ter­nis-Seman­tik wird aktua­li­siert, vor allem aber die apo­ka­lyp­ti­sche Auf­fas­sung der Auf­er­ste­hung negiert:

… ἐγώ εἰμι ἡ ἀνάστασις καὶ ἡ ζωή

 – wie Jesus mit einer krea­ti­ven Meta­pher auf Marthas Mei­nung, Laza­rus wer­de am „letz­ten Tag“ „auf­ste­hen“, ant­wor­tet. Um den sym­bo­lisch-meta­pho­ri­schen Pro­zess zu bezeich­nen, ver­wen­de ich Anfüh­rungs­zei­chen, wenn es um den Pro­zess nach dem Tod geht.
Wei­ter spiel­te die „kras­se Mate­ria­li­tät“ eine Rol­le, die mit dem stin­ken­den Zustand von Laza­rus ver­bun­den ist, wie mein Züri­cher Leh­rer Hans Weder die­sen Zug in den johann­ei­schen Wun­der­erzäh­lun­gen bezeich­net hat. Das ist eine nar­ra­ti­ve Fol­ge der Flei­sch­wer­dung des Wor­tes – und wir erör­ter­ten, ob im Pro­tes­tan­tis­mus nicht eine zu star­ke Intel­lek­tua­li­sie­rung zuun­guns­ten der Sinn­lich­keit statt­ge­fun­den habe. Der Dozent ver­wies auf Luther, gestand aber zu, dass das im refor­mier­ten Bereich tat­säch­lich pas­siert sein könn­te. Der Film „Katha­ri­na Luther“ wehr­te 2017 bild­stark in Kennt­nis der Tex­te Luthers zur Sexua­li­tät die­sem Ein­druck.

Dies führ­te tie­fer in die Fra­ge der Mys­tik, die bei Luther in „Von der Frei­heit eines Chris­ten­men­schen“ theo­lo­gisch fol­gen­reich wird, inso­fern er den Recht­fer­ti­gungs­pro­zess als Aus­tausch der posi­ti­ven Eigen­schaf­ten Chris­ti mit den nega­ti­ven Eigen­schaf­ten des „Hür­leins See­le“ in ero­ti­schen Far­ben dar­stellt. Mystiker*innen sind oft vom Hohen­lied inspi­riert. Als stark ver­wandt mit Luthers Idee kön­nen die Tex­te der Mecht­hild von Mag­de­burg ange­se­hen wer­den. In mys­ti­schen Tex­ten im Chris­ten­tum geht es oft dar­um, die Ver­ei­ni­gung mit Christus/Gott als indi­vi­du­el­les Gesche­hen zu unter­stel­len, vgl. schon Gal 2,19f. Das war immer von der sakra­men­ta­len Pra­xis der Römi­schen Kir­che pro­vo­ziert, die ein mäch­ti­ges Inzen­tiv für Mystiker*innen wur­de. In die­ser Tra­di­ti­on ste­hen auch Luther und pie­tis­ti­sche Mys­ti­ker wie der Graf von Zin­zen­dorf. Das Her­ren­hu­ter Erbe geht wei­ter bis zu Schlei­er­ma­cher.

Die Ver­wen­dung sexu­el­ler Meta­phern muss kei­ne Ersatz­be­frie­di­gung sein. Viel­leicht ist die­ser Zug tan­tri­schen Avan­cen ver­wandt, in denen unter­stellt wird, es kom­me zu orgi­as­ti­schen Ver­ei­ni­gun­gen mit dem Einen, ohne dass die Geschlechts­or­ga­ne sti­mu­liert wer­den.

Das Schweiß­tuch ver­bin­det Joh 11 und 20, ein wich­ti­ges Detail.

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Info:
Joh 11 ist Beitrag Nr. 7610
Autor:
Martin Pöttner am 17. Januar 2019 um 19:48
Category:
Allgemein
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