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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Das Geschlech­ter­ver­hält­nis im Neu­en Tes­ta­ment vor dem bibli­schen Hin­ter­grund

Ich begin­ne mit einer her­me­neu­ti­schen Vor­re­de (I) und stel­le dann wesent­li­che Punk­te des Sach­the­mas dar (II).

I. Her­me­neu­ti­sche Vor­re­de

Ich hal­te vie­le Aspek­te der femi­nis­ti­schen Kri­tik für berech­tigt. Das ist aus lan­gen Dis­kus­sio­nen erwach­sen. Dazu nen­ne ich die Namen der Proff. Drae. Astrid Din­ter, Mag­da­le­ne Frett­löh, Hel­ga Kuhl­mann, Ire­ne Pie­per sowie der Pfar­re­rin­nen Cor­ne­lia Otto und Car­men Schnei­der.

Ähn­lich wie bei ande­ren Fra­gen ist aber ein Grund­satz zu beach­ten, den vor allem Rudolf Bult­mann ver­tre­ten hat (vgl. mei­ne Dar­stel­lung in: Die Ein­heit von Sach­kri­tik und Selbst­kri­tik – ZThK 91, 1994, 396-423, online bezieh­bar): Man/frau kön­ne nicht hilf­reich das NT von außen kri­ti­sie­ren. Wenn also das Geschlech­ter­ver­hält­nis ein­deu­tig patri­ar­chal im NT wäre, wir das aber heu­te als unan­ge­mes­sen anse­hen, dann wäre es das mit der nor­ma­ti­ven Bedeu­tung des NT gewe­sen, ein Punkt, den vie­le Kritiker*innen an der „Bibel in gerech­ter Spra­che“ (BgS) über­se­hen haben. Der Tenor: Damals war die Gesell­schaft patri­ar­chal bestimmt, heu­te sehen wir das anders – ist sach­lich unhalt­bar, wenn es um nor­ma­ti­ve Tex­te geht, die in der Rezep­ti­on als Wort Got­tes erlebt wer­den sol­len.

Denn dann unter­stell­te man/frau fak­tisch, dass Gott vom jewei­li­gen „Zeit­geist“ abhin­ge. Wenn Sach­kri­tik gelin­gen soll, muss es in Bibel und NT also Anhalts­punk­te dafür geben, dass es biblisch und neu­tes­ta­ment­lich zumin­dest als real mög­lich erscheint, dass Frau­en und Män­ner als gleich­be­rech­tigt ange­se­hen wer­den konn­ten. Ansons­ten ist die Bibel eine nur noch kul­tur­ge­schicht­lich inter­es­san­te Text­samm­lung.
Es geht also um Ver­ste­hens- und Ein­ver­ständ­nis­fra­gen, wenn wir uns als wis­sen­schaft­li­che Theolog*innen mit der Bibel beschäf­ti­gen, das gilt auch für Men­schen, die Berufsschul-Religionslehrer*innen wer­den möch­ten. Es ist wis­sen­schaft­lich erlaubt, Fra­gen der Ethik zu erör­tern. Und in ethi­schen Debat­ten darf man/frau Posi­ti­on bezie­hen, ohne die eige­ne als ein­zig mög­li­che dar­zu­stel­len. Wir sind damit in der glei­chen Lage wie gewöhn­li­che Christ*innen.

II. Die Bedeu­tung des anti­ken „Hau­ses“ (οἰκία/οἶκος – oikia/oikos) für unse­re Fra­ge­stel­lung

Spä­tes­tens seit Schlei­er­ma­chers „Kur­zer Dar­stel­lung des theo­lo­gi­schen Stu­di­ums“, 1811ff, steht fest, dass die alt­tes­ta­ment­li­chen Tex­te eine wesent­li­che Sprach­vor­aus­set­zung für die neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te sind. M. E. geht es im NT um Fort­schrei­bun­gen jüdi­scher kano­ni­sier­ter und nicht kano­ni­sier­ter Tex­te, die z. T. auch kri­tisch sein kön­nen.

II.a Der bibli­sche Hin­ter­grund

Gen 1,26ff ent­fal­tet ein sym­me­tri­sches Geschlech­ter­ver­hält­nis, Männ­li­ches und Weib­li­ches sind nach dem Bild Got­tes (κατ᾽ εἰκόνα θεοῦ – kat’ eiko­na theou) als sei­ne Bil­der geschaf­fen. So die LXX, die aber ‎ בּצַלְמֵ֖נוּ (bezal­me­nu) in Gen 1,27 wohl ange­mes­sen über­setzt, vgl. Gen 5,1. Dem steht gegen­über Gen 3,16:

Und dein Ver­lan­gen soll nach dei­nem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. (Gen 3,16 L17)

– wie Luther rich­tig über­setzt. Das ist der klas­si­sche patri­ar­cha­le Satz – und wir fra­gen uns, wie es dazu kom­men kann. Des Rät­sels Lösung steht in Ex 20,17:

17 Du sollst nicht begeh­ren dei­nes Nächs­ten Haus. Du sollst nicht begeh­ren dei­nes Nächs­ten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächs­ter hat. ( L17)

Wenn man/frau an die Stel­le von „Knecht/Magd“ „Sklave/Sklavin“ setzt, sind wir bei einer voll­stän­di­gen Beschrei­bung des Gehalts eines anti­ken Hau­ses ange­kom­men.
Ange­re­det ist mit der 2. Pers. Sg. der Haus­va­ter, der sei­nes Nächs­ten (auch ein Haus­va­ter) Besitz nicht begeh­ren soll, Frau, Sklav*innen, Kin­der, Vieh usf. In der LXX wird ent­spre­chend der Begriff οἰκία ver­wen­det. Dass es um „besit­zen“ geht, hält Luther mit der Über­set­zung „… hat“ fest.
Man/frau könn­te daher ver­ste­hen, dass die Kritiker*innen an der „Bibel in gerech­ter Spra­che“ sag­ten, das war damals so, heu­te sehen wir es aber nach der Auf­klä­rung anders. Dass dies ein theo­lo­gi­scher Fehl­schluss ist, habe ich schon erläu­tert.

Tat­säch­lich bie­tet Gen 1,26ff dar­aus einen mög­li­chen Aus­weg. Wenn es einen sol­chen Text gibt, dazu den von der Mut­ter­schö­ßig­keit Got­tes wie in Jes 46,1ff, dann muss noch mal dar­über nach­ge­dacht wer­den, ob ein Bild Got­tes ein ande­res besit­zen darf, also die weib­li­che Lebens­welt als sekun­där erklä­ren darf.

Es ist seit dem 3. Jhdt. v. d. Z. u. a. der Sinn der Schrift­ge­lehr­sam­keit, Inkon­sis­ten­zen, Wider­sprü­che usf. auf­zu­spü­ren und mit Gewich­tun­gen der Tex­te zu erör­tern. Es ist dann aber auch mög­lich, das Gewicht des zehn­ten Gebots zu beto­nen, indem man sagt, Gen 1 soll­te ja auf Ex 20 zulau­fen, es gibt also kei­nen Grund dar­auf so viel Gewicht zu legen …

II.b Der neu­tes­ta­ment­li­chen Befund

Es ist nach alle­dem nicht zu erwar­ten, dass es im NT ein­deu­ti­ger ver­läuft. Wir haben im Semi­nar den ein­deu­ti­gen Text Gal 3,26ff dis­ku­tiert. Aber natür­lich sind auch bei Pau­lus selbst Unsi­cher­hei­ten zu bemer­ken, wie der Text 1Kor 11,3ff zeigt, dann ganz ins Gegen­teil schla­gen die Haus­ta­feln in Kol 3f und Eph 5f um, die eine voll­stän­di­ge Erör­te­rung der Unter­ord­nungs­ver­hält­nis­se, wel­che aber durch Lie­be gemil­dert wer­den sol­len, bie­ten. Das sind die deu­ter­o­pau­li­ni­schen Bele­ge, dazu kom­men wei­te­re tri­topau­li­ni­sche Bele­ge, auch 1Petr 2 und 5. Vgl. den Art. Haus­ta­fel auf WiBiLex.
Den Vogel schießt der 1Tim ab, der in 3,15 die Gemein­de als Haus Got­tes ver­steht, wobei der Bischof („Mann nur einer Frau“) als Haus­va­ter kon­zi­piert ist, das Haus-Modell ist also noch wirk­sam.

Zugleich ist es aber auch eini­ger­ma­ßen ange­kratzt. Das beginnt schon in der hei­li­gen Fami­lie selbst. Hier ist Maria wesent­lich, sie wird im NT her­vor­ge­ho­ben, etwa in der luka­ni­schen Vor­ge­schich­te. Tat­säch­lich ist die Geschich­te aber durch die Erzäh­lung der Jung­frau­en­geburt eini­ger­ma­ßen schräg. Das zeigt sich vor allem in der mat­thäi­schen Vor­ge­schich­te. Dort will Josef das Sze­na­rio ver­las­sen, aber der Engel des Herrn redet es ihm im Traum aus: Josef wird noch gebraucht, denn Jesus soll ja von David abstam­men – und nur Josef, nicht aber Maria stammt von David ab, eine ziem­lich gro­tes­ke Sto­ry.
Das setzt sich dann im Mkev fort, wo Jesu Fami­lie ihn nach Hau­se holen will:

Mk 3,31 Jesu Mut­ter und Geschwis­ter kamen, stan­den vor dem Haus und lie­ßen ihn zu sich rufen. 32Um Jesus her­um saß eine Volks­men­ge. Da sag­ten eini­ge zu ihm: »Dei­ne Mut­ter, dei­ne Brü­der und dei­ne Schwes­tern sind drau­ßen und suchen dich.« 33Er ant­wor­te­te ihnen und sag­te: »Wer ist mei­ne Mut­ter? Wer sind mei­ne Geschwis­ter?« 34Er schau­te sich um, sah sie im Kreis um ihn her­um sit­zen und sprach: »Ihr seid mei­ne Mut­ter und mei­ne Geschwis­ter. 35Alle, die den Wil­len Got­tes tun, sind mein Bru­der, mei­ne Schwes­ter und Mut­ter.« (BgS)

Der Vater scheint nicht zu Hau­se zu sein, jeden­falls ist von ihm kei­ne Rede. In dem Haus, in dem Jesus jetzt ist, hat er gera­de ein Streit­ge­spräch geführt. Und nun ste­hen sei­ne Geschwis­ter und sei­ne Mut­ter vor der Tür – und wol­len ihn zu sich rufen. Doch Jesus bleibt in dem Haus, wo er jetzt im Kreis sei­ner wah­ren Geschwis­ter und sei­ner wah­ren Mut­ter sitzt. Das ist ein Vor­spiel zum fol­gen­den Text:

Mk 10,24 Wie­der ant­wor­te­te Jesus ihnen: »Kin­der, wie schwer ist es, in Got­tes Reich hin­ein­zu­ge­lan­gen! 25Es ist leich­ter für ein Kamel, durch ein Nadel­öhr hin­durch­zu­kom­men als für Rei­che, in Got­tes Reich hin­ein­zu­ge­lan­gen.« 26Da ent­setz­ten sie sich völ­lig und spra­chen zuein­an­der: »Wer kann dann heil wer­den?« 27Jesus blick­te sie an und sag­te: »Bei den Men­schen ist es unmög­lich, aber nicht bei Gott. Denn bei Gott ist alles mög­lich.« 28Petrus ergriff das Wort und sag­te zu ihm: »Sie­he, wir lie­ßen alles ste­hen und lie­gen und sind dir nach­ge­folgt.« 29Jesus ent­geg­ne­te: »Ja, ich sage euch: Alle, die mei­net­we­gen und der fro­hen Bot­schaft wegen Haus, Brü­der, Schwes­tern, Mut­ter, Vater, Kin­der oder Fel­der ver­las­sen haben, 30werden hun­dert­fach emp­fan­gen: jetzt in die­ser Zeit Häu­ser, Brü­der, Schwes­tern, Müt­ter, Kin­der und Fel­der – wenn auch unter Ver­fol­gun­gen. Und in der kom­men­den Ewig­keit das ewi­ge Leben. 31Viele Ers­te wer­den Letz­te sein und die Letz­ten Ers­te. (vgl. BgS zur Stel­le)

Der rei­che Mann war trau­rig gewor­den, weil Jesus zwar bestä­tigt hat­te, dass er die wesent­li­chen Gebo­te beach­te. Aber eines feh­le ihm noch, er sol­le sei­nen Besitz ver­kau­fen, den Erlös den Armen geben – und ihm nach­fol­gen. Dazu äußert sich Petrus und erhält die Ant­wort, dass die­je­ni­gen, die um Jesu und des Evan­ge­li­ums wil­len Fami­li­en und Besitz ver­las­sen hät­ten, hun­dert­fa­chen Ersatz bekom­men soll­ten, Häu­ser, Äcker, Schwes­tern, Brü­der, Müt­ter, aber kei­nen Vater.
Die­ser Text dekon­stru­iert das anti­ke Haus – und ent­wirft ein neu­es Haus, in dem es kei­nen Haus­va­ter mehr gibt.

Das ist zwei­fel­los der radi­kals­te Text zum The­ma, er hat aber einen Bru­der in 1Kor 7, der von man­chen als Begrün­dung der Ehe ange­se­hen wird, bei Licht bese­hen aber vor allem ein Text über Sexua­li­tät ist, von Kin­dern ist z. B. gar nicht die Rede.

Es gibt mit­hin zwei Ten­den­zen im NT, pro patri­ar­cha­les Haus – und dage­gen.

Damit kom­men wir als inten­dier­te Leser*innen in den Blick. Wir sind es, die im Gespräch mit ande­ren eine Ent­schei­dung zu tref­fen haben. Die Tex­te sind nicht nur an die zeit­ge­nös­si­schen inten­dier­ten Leser*innen gerich­tet, son­dern auch an uns.

Was ich Euch sage, sage ich allen …!

So endet Mk 13. Und das ist ein Hin­weis auf die  Schrift­lich­keit des Tex­tes, die eine uni­ver­sa­le Ver­brei­tung anstrebt. Das ist unter digi­ta­len Bedin­gun­gen eher güns­ti­ger gewor­den, sodass auch wir inten­dier­te Leser*innen sein kön­nen.


 

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Info:
Das Geschlech­ter­ver­hält­nis im Neu­en Tes­ta­ment vor dem bibli­schen Hin­ter­grund ist Beitrag Nr. 7576
Autor:
Martin Pöttner am 13. Januar 2019 um 11:35
Category:
Mann/Frau
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