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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Pro­to­koll Sint­flut

 

 

TU Darm­stadt – Insti­tut für Theo­lo­gie und Sozi­al­ethik – Prof. Mar­tin Pött­ner
02-06-0203-se Ein­füh­rung in die exege­ti­schen Metho­den und das wis­sen­schaft­li­che Arbei­ten:
Die Urge­schich­te (Gen 1-11)
2018 Okto­ber 30 – Geschlecht Got­tes, Mono­the­is­ti­scher Gott, Hin­ter­grün­de zur Urge­schich­te – Gen 6,5-8,22 – Noah
Ergeb­nis­pro­to­koll Tho­mas Wendt

In der Logik der Gene­sis (Gen 1 – Him­mels­schleu­sen: Was­ser wird nach oben „ver­bannt“) ist die Flut auf der gedach­ten „Erd­schei­be“ so mög­lich. Sie lässt sich auch anhand von Aus­gra­bun­gen ver­dich­te­ter Erd­schich­ten bele­gen, fin­det Par­al­le­len im meso­po­ta­mi­schen Gil­ga­mesch-Epos und in Über­schwem­mungs­be­rich­ten der Abori­gi­nes (nach einem Meteo­ri­ten­ein­schlag).

Fest­stel­lun­gen:
– Die ers­te Regen­zeit dau­ert 40 Tage und 40 Näch­te. Das sind kei­ne 150 Tage, wie spä­ter berich­tet.
– Gott zeigt Reue, den Men­schen gemacht zu haben, und will daher neu begin­nen.
Aber war­um müs­sen des­halb auch Tie­re und Pflan­zen ster­ben?
– Die Tie­re kom­men als Paa­re von sich aus, sind also auch von Gott aus­ge­wählt und geru­fen.
– Es ster­ben kei­ne Tie­re aus, weil von den gerech­ten je sie­ben Paa­re „ein­ge­packt“ wer­den.

Exkurs:
„Rein“ und „unrein“ als Klas­si­fi­ka­tio­nen kom­men als Anord­nung chro­no­lo­gisch erst spä­ter, fest­ge­macht an der Zehen­hal­tung als Ord­nungs-Ver­such, als Fest­le­gung von „Nor­ma­li­täts­ver­hält­nis­sen“. Sie­he heu­te: Alko­hol ist gesell­schaft­lich genehm, Kana­bis nicht.
Auch die Beschnei­dung und die Klas­si­fi­zie­rung von Schwei­ne­fleisch als „nicht koscher“ sind nicht in den Tex­ten belegt. Die Erklä­rung von der schnel­le­ren Ver­derb­lich­keit von Schwei­ne­fleisch ist eine rein intel­lek­tu­el­le heu­ti­ge Deu­tung.

– War­um zeigt der Herr Reue, sobald er Brand­ge­ruch von Tier­op­fern riecht („Der Herr roch den lieb­li­chen Geruch.“)? Sieht Gott in die­sem Moment sein Bild, das sich hier einer höhe­ren Instanz unter­ord­net mit dem Dar­brin­gen eines Tier­op­fers?

P.: Der Herr pflanzt den Baum der Erkennt­nis von Gut und Böse. Das Böse kommt erst­mals bei Kain zum Tra­gen. Wie kommt es dazu? >> Gen 1-4: „böse von Jugend an“, war­um nicht von Geburt?

Die „Erb­sün­de“ ist eine „Erfin­dung“ vom (katho­li­schen) Kir­chen­leh­rer Augus­ti­nus: Men­schen ten­die­ren grund­sätz­lich vom Her­zen her zum Bösen. „Trach­ten“ ist Her­zens­sa­che (vgl. Gen 3,22 – 6,5). (Die Exis­tenz eines Organs Herz ist schon vor dem Wis­sens­durst der Renais­sance vom Schlacht­feld oder vom Schlach­ten von Tie­ren bekannt).
Die Lebens­er­fah­rung zeigt, dass in der Jugend­pha­se die Rebel­li­on beginnt (>> Essen der Frucht der Erkennt­nis). Durch die Tau­fe erfolgt die Til­gung der Erb­sün­de. Die Not­tau­fe ist daher auch eine katho­li­sche Erfin­dung.

Trotz „tabu­la rasa“ auf der Erde (Tau­fe?), ist das Böse nicht getilgt, es sind ja wei­ter­hin zwar aus­ge­wähl­te, aber den­noch Men­schen der „Null­se­rie“ da. Aber Gott bekommt mit der Reue die Ein­sicht, dass Got­tes Bil­der eben auch nur Got­tes Unzu­läng­lich­keit zei­gen und ver­spricht in sei­nem Bund, ab sofort Gna­de wal­ten zu las­sen, beschränkt aber das Leben auf 120 Jah­re.

P.: Wie kommt es zu der dras­ti­schen (Säuberungs-)Aktion?

S.: Der ewi­ge Schaf­fens­drang des Got­tes­bil­des Mensch führt zu nichts Neu­em, nur zu Leid unter den Men­schen.
P.: The­se: Gen 1-4 ist nur eine knap­pe Fas­sung der Geschich­te im 1. Hen­och-Buch, in dem die Aus­brei­tung des Bösen auf die Ver­ei­ni­gung der Söh­ne Gottes/Engel mit den schö­nen Men­schen
(Kain geht in eine Stadt jen­seits von Eden…) zurück geht, die alles Mög­li­che aus­löst, z. B. die sozi­al akti­ve Form des Bösen: Zau­be­rer …

S.: Gott ist also ein Schöp­fer meh­re­rer Wel­ten (Men­schen- und Engel­welt), die nicht mit­ein­an­der funk­tio­nie­ren? Also wie z. B. natu­ra­lis­ti­sche und moder­ne Kunst oder wie ein ana­lo­ger Wecker, den man, wie einen Auto­mo­tor, mit Ben­zin betrei­ben woll­te…?

S.: Die Gene­sis ist doch eigent­lich der Ur-Stoff des „Faust“ bis zu: Und bes­ser wär’s, wenn nichts ent­stün­de!“

P.: Gott ist spä­tes­tens in Gen 6,5 nicht mehr über­zeugt, dass der Mensch eine gute Idee gewe­sen ist, kommt aber nach lan­ger „Anfangs­pha­se“ zu der Erkennt­nis, dass der Mensch nun mal so ist, wie er ist – und Gott selbst eben auch.

S.: In sei­nem Buch „Der Blick“ gibt Sar­tres die Erklä­rung, wie wir zu Objek­ten ande­rer wer­den, unse­res Selbst bewusst wer­den, am Bei­spiel von Kin­dern, die in Beob­ach­tung durch ande­re zu Objek­ten wer­den. Da der Mensch aber ein Sub­jekt ist, erlangt er in die­sem Bewusst­sein Erkennt­nis über das eige­ne Ich.
Über­tra­gen auf Gott („nach sei­nem Bil­de“) liegt hier die Erkennt­nis der über­mensch­li­chen Züge Got­tes. Aber auch Gott konn­te sich anfangs noch nicht selbst erken­nen, erst durch die Aktio­nen „sei­ner Bil­der“. Gott ist also nicht der tra­di­tio­nell All­wis­sen­de und über Allem Ste­hen­de.

P.: Der Gott des Aris­to­te­les, der „unbe­weg­te Bewe­ger“ hat in die­sem Sin­ne kei­ne „Geschich­te“.
JHWH ist da ein ganz ande­rer, revo­lu­tio­när neu­er Ansatz.

S.: „Da dach­te Gott an Noah“. Gott ver­gisst also auch mal.

P.: Eine Par­al­le­le dazu: Die Söh­ne des Stamm­va­ters Jakob, die den jüngs­ten Bru­der (den Lieb­lings-sohn) nach Ägyp­ten ver­kau­fen und spä­ter in Not­zei­ten zu Bitt­stel­ler bei ihm wer­den und in Ägyp­ten blei­ben. Nach 200 Jah­ren, als Isra­el unter­drückt von Ägyp­ten zu Gott schreit, erin­nert sich Gott sei­nes Vol­kes: Gott ist also kein Dau­er­über­wa­cher (wie die NSA), kein dau­er­ge­schärf­tes Bewusst­sein.

P.: Inter­pre­ta­ti­on am Ende: Gott erkennt nach Aus­füh­rung der Sint­flut, dass der Mensch ein eigen­stän­di­ges Wesen ist („aus krum­mem Holz“). Das ist der Beginn von Men­schen­rech­ten. Er darf auch „Schei­ße bau­en“ und Gott macht ihn dafür nicht nie­der, straft nicht, weil Gott hier mit sei­nem Bild umgeht.

In Gen 4 (Kain ist eifer­süch­tig auf Abel) ist Gott der Aus­lö­ser der Situa­ti­on. Gott hat dann bis 8,22 die Erkennt­nis, dass der Mensch böse wird, weil Gott selbst auch böse wer­den kann.
Die­ser Text von ca. 400 v.Chr., die ältes­ten (Rich­ter, Weis­heit, Sprü­che) sind von ca. 1100-1000 v.Chr., ist auf sehr reflek­tiert, auf ganz hoher Ebe­ne geschrie­ben. Gott ist dar­in ganz anders als weit­hin gese­hen: Gott ist die Lie­be, hat aber auch mensch­li­che Frei­heit, ist ein Gegen­ent­wurf zu denen Pla­tons oder Aris­to­te­les. Gott mag sei­ne Schöp­fung, weil mit leich­ten Feh­lern behaf­tet und eben nicht per­fekt, müss­te sich andern­falls auch selbst ableh­nen, weil nicht per­fekt; wird aber wütend, die sozu­sa­gen eige­nen Feh­ler sehend.

In Gen 8,22 ver­spricht Gott, nie­mals wie­der ein­zu­grei­fen in den Lauf der Welt. Das pas­siert aber dann doch, was mit „Lie­be“ als Inter­pre­ta­ti­on hin­ge­nom­men wer­den kann. Sie wird als Wort nicht genannt, hat aber die ent­schei­den­de Rol­le im NT.

Cxx

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Info:
Pro­to­koll Sint­flut ist Beitrag Nr. 7569
Autor:
Martin Pöttner am 12. Januar 2019 um 10:13
Category:
Einführung in die Exegese und Hermeneutik
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