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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Joh 1,18 Darm­stadt

 

Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments:
Männ­li­che und weib­li­che Rede vom Gott im NT?

Pro­to­kol­lan­tin: Frie­de­ri­ke Götz
Leh­ren­der: Herr Pött­ner
Datum: 04.12.2018

The­ma der Sit­zung: Ein Lie­bes­bild: Joh 1,18

  1. Orga­ni­sa­to­ri­sches
    Nach­be­spre­chung der letz­ten Sit­zung und des Pro­to­kolls von Herrn Ebe­ling. Da es von allen gut auf­ge­nom­men wur­de, gibt es kei­ne Ergän­zun­gen oder Nach­fra­gen.
  2. The­ma­ti­sche Dis­kus­si­on
    Die Bibel­stel­le Johan­nes 1,18 ist das zen­tra­le The­ma der heu­ti­gen Semi­nar­sit­zung. Dabei wer­den zwei Über­set­zun­gen mit­ein­an­der ver­gli­chen und die Unter­schie­de bzw. die mög­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen dazu dis­ku­tiert.

Luther­über­set­zung:
„Nie­mand hat Gott je gese­hen; der Ein­ge­bo­re­ne, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es ver­kün­digt.“
Bibel in gerech­ter Spra­che (BgS) im Ver­gleich:
„Nie­mand hat Gott jemals gese­hen. Der ein­zi­ge Kind, das im Mut­ter­schoß des Vaters ist, jenes ist uns vor­an­ge­gan­gen.“

Die Stel­le zeigt die Bezie­hung zwi­schen Vater und Sohn und der Gemein­de. Dabei stol­pert man beson­ders über die For­mu­lie­rung in der BgS, in der es heißt: „Im Mut­ter­schoß des Vaters“.
Im Grie­chi­schen ist das Wort, das hier mit „Schoß“ über­setzt wur­de aber dop­pel­deu­tig: Es kann sowohl im Schoß als auch an der Brust bedeu­ten (εἰς τὸν κόλπον – eis ton kol­pon). In Johan­nes 21,20 („Petrus aber wand­te sich um und sah den Jün­ger fol­gen, den Jesus lieb hat­te, der auch beim Abend­essen an sei­ner Brust gele­gen und gesagt hat­te: Herr, wer ist’s, der dich ver­rät?“) ist die Über­set­zung sehr ein­deu­tig, dass es sich in die­sem Kon­text um die Brust han­delt (ἐπὶ τὸ στῆθος – epi to ste­thos). In Johan­nes 13,21 („Als Jesus das gesagt hat­te, wur­de er erregt im Geist und bezeug­te und sprach: Wahr­lich, wahr­lich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich ver­ra­ten.?“) – ἐν τῷ κόλπῳ – en to kol­po – und in unse­rem Bei­spiel Johan­nes 1,18 kann es als Brust und Schoß gedeu­tet wer­den. Dass der letz­te Teil von Joh 1,18 in der BgS absicht­lich falsch übrr­setzt wur­de, sei  noch ange­merkt.
Da Luther aber die Über­set­zung mit Schoß wähl­te und die BgS an die­ser Über­set­zung ori­en­tiert ist, führ­te es dazu, dass die BgS von der Mut­ter­schö­ßig­keit spricht. In die­ser Über­set­zung wird grund­sätz­lich ver­sucht das Vater- und Mut­ter­mo­dell irgend­wie aus­zu­glei­chen
Herr Pött­ner merkt an, dass man geteil­ter Mei­nung sein kann, ob eine sol­che Über­set­zung sinn­voll ist. Trotz­dem sieht man in der Tra­di­ti­on, dass der Begriff sowohl als Schoß oder Brust über­setzt wer­den kann. Das Johan­nes-Evan­ge­li­um ist sich hier in der Über­set­zung also nicht einig.

Wel­ches Bild wird in Johan­nes 1,18 kon­stru­iert?
Jesus wird als der Sohn Got­tes, der wie­der zu sei­nem Vater zurück geht dar­ge­stellt. Er liegt an der Brust oder im Schoß bezie­hungs­wei­se im Mut­ter­schoß des Vaters. Die Logik die­ser Pas­sa­ge ist gege­ben, da der Pro­log den kom­plet­ten Pro­zess beschreibt, der im Johan­nes­evan­ge­li­um the­ma­ti­siert wird. Das Bild, das kon­stru­iert wird, kann laut einer Kom­mi­li­to­nin auch wie ein Kreis­lauf ver­stan­den wer­den.
Grund­sätz­lich kann man auch einen Zusam­men­hang zwi­schen Johan­nes 1,1 und 1,18 fest­stel­len, da sie sich zuein­an­der ver­hal­ten. Jesus kehrt zu Gott zurück, es zeich­net sich als ein fried­li­ches Bild ab. In der Ein­heits­über­set­zung wird der Schoß mit „am Her­zen“ ruhen über­setzt. Aber wie kann das gedeu­tet wer­den, wenn jemand am Her­zen einer Per­son ruht? Es asso­zi­iert gegen­sei­ti­ge Lie­be, Gebor­gen­heit, aber auch die Bezie­hung zwi­schen einem Kind und den Eltern/dem Vater/der Mut­ter. Obwohl die Bezeich­nung des „Soh­nes“ ver­mie­den wird.
Die Über­set­zung „sein ein­ge­bo­re­ner Sohn“ ist ohne­hin ver­al­tet und kann auch als der ein­zig gebo­re­ne Sohn ver­stan­den wer­den. Es wird ein Bild der Lie­be gezeich­net. Es zeigt noch ein­mal, dass das Haupt­the­ma des Johan­nes­evan­ge­li­ums die Lie­be ist. Eine Lie­be in der gött­li­chen Sphä­re, die sich erst im Him­mel und dann auf der Erde ver­brei­ten wird bezie­hungs­wei­se ver­brei­tet hat. Im ers­ten Johan­nes­brief 5 wird noch ein­mal deut­lich: Gott ist die Lie­be.
Es han­delt sich also um ein ambi­tio­nier­tes Bild der Lie­be zwi­schen Vater und Sohn oder Kind und Vater mit Mut­ter­schoß. Der Mut­ter­schoß gibt der männ­li­chen Per­son Got­tes eine weib­li­che Kom­po­nen­te und macht ihn viel­leicht wei­cher.
In die­sem Zusam­men­hang spre­chen wir auch über die Bezeich­nung „Macho“, doch schnell wird klar, dass zu die­sem Begriff unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen oder Bil­der inner­halb der Semi­nar­grup­pe bestehen. Dies lässt sich auf die teil­wei­se unter­schied­li­chen Lebens­wel­ten von Män­nern und Frau­en über­tra­gen. Auch hier kön­nen ver­schie­de­ne Asso­zia­tio­nen (wie bei Frett­löh) mit dem Vater- oder Mut­ter­bild ent­ste­hen. Aber genau die­se kla­ren Bil­der von Mut­ter und Vater wer­den durch die For­mu­lie­rung vom Vater mit Mut­ter­schoß auf­ge­bro­chen. Dies ist beson­ders für Men­schen von Bedeu­tung, die z. B. ein schlech­tes Bild von Vater oder Mut­ter haben und sich so ihre Vor­stel­lung von Gott nicht dar­an fest­ma­chen kön­nen.
In einer ande­ren Bibel­über­set­zung einer Kom­mi­li­to­nin wird wie folgt über­setzt: „der Gott selbst ist“. Laut Herrn Pött­ner steht dies aber nicht so im grie­chi­schen Text, son­dern die alte Über­set­zung ist rich­tig. Hier ist der „ein­zig gebo­re­ne Gott“ gemeint. Dies zeigt noch ein­mal, dass in Über­set­zun­gen auch immer eine star­ke Inter­pre­ta­ti­on mög­lich ist. In vie­len Bibel­aus­ga­ben wer­den daher oft Anmer­kun­gen zu sol­chen Pas­sa­gen mit abge­druckt. In sol­chen wird dann immer the­ma­ti­siert wie der Text auch anders ver­stan­den wer­den kann.
Herr Pött­ner sieht die Über­set­zung mit Mut­ter­schoß in die­sem Kon­text eher kri­tisch, da der Mut­ter­schoß mit Vul­va ver­knüpft wird und Gott somit weib­lich sein müss­te. Ein mög­li­cher vor­han­de­ner Penis wird nicht the­ma­ti­siert. Er wür­de sich in die­sem Fall für die Über­set­zung mit Brust ent­schei­den. Herr Pött­ner stört in der Über­set­zung nicht die Bezeich­nung des Mut­ter­scho­ßes son­dern der eigent­li­che Punkt ist: Mut­ter­schoß heißt Vul­va, das stößt sich sehr mit Johan­nes 3, in dem man in den Mut­ter­schoß hin­ein­krie­chen soll. Das wür­de somit einen etwas pro­ble­ma­ti­schen Bild­bruch bedeu­ten. Bes­ser wäre hier die Über­set­zung: Liegt am Mut­ter­schoß des Vaters und ver­sucht nicht ein­zu­drin­gen.

Ver­stoß gegen das Bil­der­ver­bot?
Dazu gab es in der Semi­nar­grup­pe ver­schie­de­ne Mei­nun­gen. Eine davon war, dass Men­schen Bil­der brau­chen um etwas zu ver­ste­hen, sich vor­stel­len zu kön­nen oder sich klar zu machen. Durch die For­mu­lie­rung in Johan­nes 1,18 wird also kein Bil­der­ver­bot gebro­chen.
Trotz­dem muss beach­tet wer­den, dass das Ver­bot in Deu­te­ro­no­mi­um 4 erläu­tert wird und klar macht, was man darf und was nicht. Das Anbe­ten bei einer Gleich­set­zung des Bil­des mit dem Bild Got­tes ist bei­spiels­wei­se nicht erlaubt.
Auch das Dar­stel­len des Got­tes als Mann oder als Frau ist ver­bo­ten. Das bedeu­tet, dass ein Ver­ge­gen­ständ­li­chen nicht erfol­gen darf. In Johan­nes 1,18 wird Gott nicht als ein­deu­tig männ­lich oder weib­lich dar­ge­stellt. Hier besteht eine Ähn­lich­keit zu Hie­ro­ny­mus und der Vul­ga­ta, was auch in dem Text von Frett­löh bespro­chen wird. Der Bezug auf Gott ist ein­deu­tig aus­ge­wo­gen und auch der Sohn ist hier kein Sohn, son­dern ein­fach ein Kind. So soll ver­mie­den wer­den, dass Gott als Vater oder Mut­ter dar­ge­stellt wird. Beto­nung liegt in Joh 1,18 auf dem Bild der Lie­be. Die Über­set­zung in der BgS ver­sucht das Bil­der­ver­bot ein­zu­hal­ten, indem kei­ne ein­deu­tig weib­li­che oder männ­li­che gött­li­che Vor­stel­lung trans­por­tiert wird. Die Über­set­zung ist ernst zu neh­men und weist auch auf die Vor­stel­lun­gen von Frett­löh hin.

Das Geschlecht Got­tes als Unbe­kann­tes
Für vie­le reli­giö­se Men­schen ist die­ses „Unbe­kann­te“ kaum zu ertra­gen oder auch nach­zu­voll­zie­hen. Auch vie­le gläu­bi­ge Men­schen wis­sen gar nicht über die­se Kom­po­nen­te Bescheid. Die Ver­wir­rung um das Geschlecht Got­tes kommt durch die Über­set­zung mit „der“ Weis­heit zustan­de, die als weib­lich auf­ge­fasst wird, aber nach der irre­füh­ren­den Über­set­zung in der BgS Mate­rie gewor­den ist. Die­se kon­stru­iert weib­li­che Figur spielt auch mit JHWH in Prov 8. Man kann sagen, reli­gi­ons­ge­schicht­lich ist die­se Über­set­zung eigent­lich ver­brei­tet, da die Weis­heit als eine weib­li­che Figur bezeich­net wird (im Hebräi­schen und im Grie­chi­schen). Die Erzäh­lung von der Weis­heit, hat eher ein sym­me­tri­sches Ver­hält­nis zwi­schen männ­li­chen und weib­li­chen Attri­bu­ten her­ge­stellt. Trotz­dem über­wiegt die männ­li­che Vor­stel­lung von Gott meist, auch wenn die Weis­heit dage­gen spricht, da sie ein­deu­tig weib­lich zuge­ord­net wer­den kann.

Sind die „alten“ Vor­stel­lun­gen die man von Gott hat, über­haupt änder­bar und wie kann man damit umge­hen?
Es ist wich­tig die eige­ne Per­spek­ti­ve mit ein­zu­brin­gen. Trotz­dem ist es so, dass kon­ser­va­ti­ve­re Ein­stel­lun­gen eher zur Spra­che kom­men als neue Inter­pre­ta­tio­nen. Beson­ders da es im Pro­tes­tan­tis­mus eine Art Phä­no­men des „Absprin­gens“ von bestimm­ten Tei­len der Gemein­schaft gibt. Aktu­ell lässt sich das am Bei­spiel der AfD zei­gen. Es gibt eini­ge Chris­ten die sich die­ser Par­tei nahe füh­len, daher wäre es wich­tig, sol­che The­men auch am Kir­chen­tag anzu­spre­chen, bezie­hungs­wei­se die AfD dazu ein­zu­la­den. Es ist auch für Chris­ten beson­ders wich­tig mit­ein­an­der zu spre­chen und so ver­schie­de­ne Mei­nun­gen ken­nen zu ler­nen.
Für das Ver­ständ­nis der Bibel und auch der Geschlecht­lich­keit von Gott ist es wich­tig zu wis­sen, dass kein Vers iso­liert steht, son­dern immer in einen Kon­text ein­ge­bun­den ist. Es beginnt mit der Weis­heit in der BgS (und anschlie­ßend kommt das „Wort“ (grie­chisch männ­lich) im letz­ten Vers des Pro­logs nach Joh 1,14. So ent­steht ein aus­ge­wo­ge­nes Bild Got­tes. Es ist also immer eine Text-Kon­text-Fra­ge.
In den Gemein­den ist eine sol­che Dis­kus­si­on über die Geschlecht­lich­keit Got­tes noch schwe­rer als hier im Semi­nar oder in der Arbeit unter Theo­lo­gen, da alle unter­schied­li­che Wahr­neh­mun­gen und Vor­stel­lun­gen haben. Trotz­dem ist es wich­tig, dass auch sol­che The­men inner­halb einer Gemein­de the­ma­ti­siert wer­den um eine Abspal­tung zu ver­mei­den oder Gemein­den etwas „über­zu­stül­pen“.

Anmer­kun­gen zur BgS:
In der BgS wur­de die Geschlecht­lich­keit in allen Ver­sen aus­ge­wo­gen for­mu­liert. Sie wur­de durch Über­set­zer*innen teil­wei­se unter­schied­lich über­setzt. Die Vor­ge­hens­wei­se ist den­noch klar: es wur­de gezählt wie oft von dem Mann bzw. der Frau die Rede ist und dann das Geschlech­ter­ver­hält­nis aus­ge­gli­chen bzw. gleich­ge­stellt. Durch die vie­len Über­set­zer*innen fin­den sich auch unter­schied­li­che Metho­den des Gen­derns in der BgS. Die Bibel ent­stand zwi­schen 1995-2005 und wur­de von meh­re­ren Per­so­nen (ca. 100) aus meh­re­ren Genera­tio­nen über­setzt.

« Geschlech­ter­kampf in der Bibel? Vor­trag TUD 11.12. – Joh 21 Hei­del­berg »

Info:
Joh 1,18 Darm­stadt ist Beitrag Nr. 7525
Autor:
Martin Pöttner am 9. Dezember 2018 um 11:48
Category:
Allgemein
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