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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Clau­de Lévi-Strauss (1908-2009)

 

 


Es ist wich­tig, Lévi-Strauss als Phi­lo­so­phen zu dis­ku­tie­ren, weil er bemüht war, die Kul­tu­ren außer­eu­ro­päi­scher Men­schen zu ver­ste­hen, ins­be­son­de­re süd- bzw. mit­tel­ame­ri­ka­ni­scher India­ner­stäm­me. Zu Lévi-Strauss‘ Bil­dungs­gang vgl. hier.

Der semio­tisch und her­me­neu­tisch inter­es­sier­te Phä­no­me­no­lo­ge Paul Ricœur nahm ihn gera­de phi­lo­so­phisch ernst, Lévi-Strauss selbst hat zuletzt rück­bli­ckend geäu­ßert, er habe zei­gen wol­len, dass die Men­schen zu allen Zei­ten gleich gut gedacht hät­ten. (Sehen Hören Lesen, 1993) Kon­kret befass­te er sich mit mythi­schen Erzäh­lun­gen, sam­mel­te die Vari­an­ten die­ser Erzäh­lun­gen – und ver­such­te sie mit Ritua­len zu ver­bin­den: Mythen und Ritua­le gehö­ren für ihn stets zusam­men. In den Ritua­len wer­den die Mythen hand­lungs­mä­ßig dar­ge­stellt. Die Gemein­schaf­ten kom­mu­ni­zie­ren in den Ritua­len, wie sie sich selbst ver­ste­hen.
Die Begeg­nung mit dem berühm­ten struk­tu­ra­lis­ti­schen Semio­ti­ker und Lin­gu­is­ten Roman Jakobson brach­te ihn dazu, sei­ne eth­no­lo­gi­schen Befun­de struk­tu­ra­lis­tisch zu inter­pre­tie­ren. Jakobson ist des­we­gen ein Glücks­fall, weil er Peirce wahr­ge­nom­men – und m. E. auch ver­stan­den hat­te.

 

Abbil­dung 1: Peirce‘ Ansatz

 

 

 

Abbil­dung 2: Durch­schnitt­li­ches struk­tu­ra­les Modell:

M. E. hat Lévi-Strauss bei­de Model­le für sei­ne Zwe­cke ver­bun­den. Ähn­lich wie Eco, Ein­füh­rung in die Semio­tik, 1975, dürf­te er Peirce‘ Modell vom Inter­pre­t­an­ten her gele­sen haben. Wäh­rend bei Peirce die Bezie­hung von Zei­chen und bezeich­ne­tem Objekt im Inter­pre­t­an­ten dar­ge­stellt wird, kann man/frau es auch so inter­pre­tie­ren, dass der Inter­pre­tant über­haupt in einem all­mäh­lich fort­schrei­ten­den Pro­zess das genaue Ver­hält­nis von Zei­chen und bezeich­ne­tem Objekt erschließt.

 



Abbil­dung 3: Inter­pre­ta­ti­on auf den Men­schen als sol­chen sei­tens Lévi-Strauss:

Die­sen Ein­druck ver­mit­telt jeden­falls das Vor­ge­hen von Lévi-Strauss in sei­nem reflek­tier­ten Haupt­werk über die struk­tu­ra­le Anthro­po­lo­gie. Denn dort befasst er sich mit India­ner­my­then, zugleich aber auch mit grie­chi­schen Mythen wie dem Ödi­pus- und dem Pro­me­theus-Mythos – und der Freud­schen psy­cho­ana­ly­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on des Ödi­pus-Mythos. Dabei ist spek­ta­ku­lär, dass Lévi-Strauss behaup­tet, die Annah­men Freuds sei­en eine wei­te­re Vari­an­te des anti­ken Ödi­pus-Mythos.
Das ist dann kein belie­bi­ges Spiel von eines über­reiz­ten Geis­tes, wenn sich bestimm­te seman­ti­sche Gehal­te in einem glei­chen Ver­hält­nis im Ödi­pus-Mythos und in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Inter­pre­ta­ti­on des Ödi­pus-Mythos wie­der­fin­den, mit­hin die ödi­pa­le Pha­se und deren bei Freud unter­stell­te sexu­el­le Kon­flik­te (Begeh­ren der Mut­ter durch den Sohn, Tötungs­wunsch in Bezug auf den Vater) in der Beschrei­bung Freuds selbst als Mythos-Struk­tur ana­ly­sier­bar ist.
Es muss also eine kon­ti­nu­ier­li­che Struk­tur geben, die sich in tra­di­tio­nel­len Tex­ten, aber z. B. auch in dog­ma­ti­schen Tex­ten fin­det. Ich ver­deut­li­che das an einem christ­li­chen Bei­spiel. Dabei unter­stel­le ich, dass es drei ver­schie­de­ne Typen mythi­scher Erzäh­lun­gen gibt, dar­in tei­le ich die Kri­tik, dass Lévi-Strauss zu undif­fe­ren­ziert vie­les nach nur einem Sche­ma inter­pre­tiert hat.
Es geht im Chris­ten­tum um Erlö­sung, was in den drei „ethi­schen“ Reli­gio­nen nach Schlei­er­ma­cher, aber auch in den Hin­du-Reli­gio­nen und selbst­ver­ständ­lich auch in den Vari­an­ten der bud­dhis­ti­schen Reli­gi­on der Fall ist. Im Neu­en Tes­ta­ment haben wir es mit Erzäh­lun­gen von Erlö­sung zu tun.
Drei Typen domi­nie­ren:

  1. Pro­blem­ge­schich­ten (Erzäh­lun­gen, in denen das Pro­blem über­wun­den, aber in der Zeit immer wie­der auf­ge­baut wird)
  2. Dua­lis­ti­sche Erzähl­wei­sen (Erzäh­lun­gen, in denen am Anfang, in der Mit­te und am Ende jeweils ein kon­tra­dik­to­ri­scher Gegen­satz besteht)
  3. Erfolgs­ge­schich­ten (Erzäh­lun­gen, in denen das am Anfang bestehen­de Pro­blem durch eine Wen­de über­wun­den wird und dann nicht mehr besteht).

Der Aus­druck „Pro­blem­ge­schich­ten“ nimmt auf eine bestimm­te Wei­se, das Wort „Pro­blem“ zu ver­wen­den, Bezug:
„Kein Pro­blem!“, „Damit haben wir kein Pro­blem!“, „alles kein Pro­blem!“ – ver­weist dar­auf, dass es schwie­rig wäre, wenn doch ein Pro­blem bestün­de oder man ein Pro­blem­hät­te … Genau dar­auf nimmt der Aus­druck „Pro­blem­ge­schich­te“ Bezug. Es gibt ein Pro­blem, hier mit der Erlö­sung. Kom­ple­xe Fas­sun­gen des Erlö­sungs­bil­des ver­su­chen es mit Pro­blem­ge­schich­ten, weil damit ein­fa­che, leicht ver­ständ­li­che und beherrsch­ba­re „Lösun­gen“ als irre­füh­rend begrif­fen wer­den müs­sen. Die in die­sen Pro­blem­ge­schich­ten bild­lich aus­ge­drück­te exis­ten­zi­el­le Erfah­rung ist mit­hin sehr kom­plex. ”Pro­blem­ge­schich­ten” ent­fal­ten in der Regel zunächst drei Schrit­te.
Dar­stel­lung einer nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on (1).
Erzäh­lung der Über­win­dung die­ser nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on durch eine Erlö­sungs­fi­gur (2).
Dar­stel­lung der gewen­de­ten nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on (3).
Dann baut sich in ihnen ein ambi­va­len­ter vier­ter Schritt auf, in dem red­un­dant betont wird, dass die nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on in der Zeit nur vor­über­ge­hend oder nicht blei­bend über­wun­den ist. Das ”Pro­blem” ver­schwin­det daher auch durch ”Erlö­sung” nicht voll­stän­dig, son­dern bleibt in der Zeit bestehen, kann gemil­dert, muss aber stets beach­tet und ernst­ge­nom­men wer­den. Schritt 2 und Schritt 4 sind die am schwers­ten zu ver­ste­hen­den Ele­men­te der Pro­blem­ge­schich­ten in Erlö­sungs­er­zäh­lun­gen. Schritt 1 und Schritt 3 ste­hen ein­an­der kon­tra­dik­to­risch gegen­über: nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on (z. B. tot sein) und Dar­stel­lung der über­wun­de­nen nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on (leben­dig sein) Grund­le­gend wird in Erzäh­lun­gen die­ser Art unter­stellt, dass man mit mensch­li­cher Kraft nicht von Schritt 1 zu Schritt 3 kom­men kann. Daher bedarf es einer Erlö­sungs­fi­gur, die die­sen Über­gang von 1 nach 3 ermög­licht. Sie wird in Schritt 2 dar­ge­stellt. Sie muss immer den kon­tra­dik­to­ri­schen Gegen­satz von 1 und 3 reprä­sen­tie­ren, also z. B. muss sie zugleich tot und leben­dig sein. Schritt 4 zeigt die Ambi­va­lenz von Pro­blem­ge­schich­ten beson­ders stark. Denn auch dann, wenn Schritt 3 mit­hil­fe der Erlö­sungs­fi­gur erreicht wird, kann man in der Ten­denz wie­der hin­ter die Über­win­dung der nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on zurück­fal­len, also z. B. wie­der tot sein oder vom Tod stark gefähr­det sein.

 

 

 

Pro­blem­ge­schich­ten-Modell

Abbil­dung 4

Ins­be­son­de­re Clau­de Lévi‐Strauss hat die­se Erzähl­wei­se ana­ly­siert und aus­schließ­lich sie mit (den) „Mythen“ in Ver­bin­dung gebracht (Struk­tu­ra­le Anthro­po­lo­gie, 1977 [stw 226]). Wesent­lich ist, dass die­se Struk­tur von Erlö­sungs­ge­schich­ten im NT auf­tritt. Lévi‐Strauss unter­stell­te, dass jene Struk­tur „tra­gisch“ sei, man ent­kom­me ihr nicht. Die neu­tes­ta­ment­li­chen Pro­blem­ge­schich­ten stim­men damit über­ein, dass es in der erfahr­ba­ren Zeit in der Tat eine der­ar­ti­ge tra­gi­sche Struk­tur des Exis­tie­rens gibt. Sie unter­stel­len aber, dass der Grund­ge­gen­satz von nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on und gewen­de­ter nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on nicht schon immer bestan­den hat, son­dern erst gewor­den ist (impli­zit ein Art von Schöp­fungs­bild). Und sie fügen hin­zu, dass das Schwan­ken von nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on und gewen­de­ter nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on nicht für immer bestehen wird (impli­zit eine Art von End­zeit­bild). Doch die erfahr­ba­re Zeit zwi­schen den durch das Schöp­fungs­bild und das End­zeit­bild aus­ge­drück­ten Zustän­den ist durch das Schwan­ken der Pro­blem­ge­schich­ten gekenn­zeich­net. Das hat ein­schnei­den­de Kon­se­quen­zen für das Gemein­de­ver­ständ­nis in Pro­blem­ge­schich­ten: Denn die so erzähl­te Erlö­sung ent­zieht sich in der Zeit jedem Tri­um­pha­lis­mus, weil im Leben der Gemein­de der Grund­ge­gen­satz von nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on und gewen­de­ter nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on in man­cher­lei Form wie­der­kehrt. Daher lässt sich in die­sen Kon­zep­tio­nen kein strik­ter ”Innen”/”Außen”‐Dual errich­ten. Die nega­ti­ve Sei­te des Grund­ge­gen­sat­zes betrifft immer auch die­je­ni­gen, die aus einer vor­der­grün­di­gen Per­spek­ti­ve ”innen” zu sein schei­nen. Und die „drau­ßen“ Sei­en­den, die nicht zur Gemein­de gehö­ren, müs­sen nicht unbe­dingt schlim­mer dran sein als die­je­ni­gen, die sich „drin­nen“ befin­den. Im NT fol­gen ins­be­son­de­re die ech­ten Pau­lus­brie­fe, das Mar­ku­sevan­ge­li­um und das Johan­nes­evan­ge­li­um die­sem mythi­schen Erzähl­mus­ter der Pro­blem­ge­schich­ten.
Lévi-Strauss fol­gend über­prü­fen wir das jetzt noch am zen­tra­len Gemein­schafts­ri­tu­al des Chris­ten­tums.
Das jetzt Aus­ge­führ­te lie­ße sich auch an Pau­lus zei­gen. Aber Mk 14 ist leich­ter dar­stell­bar. Das Johan­nes­evan­ge­li­um kennt kein Abend­mahl als Ritu­al. An sei­ne Stel­le tritt in Joh 13 die Fuß­wa­schung. Ein Ritu­al besitzt eine (fest­ge­leg­te) Hand­lungs­struk­tur. Ihre Bedeu­tung erfährt die jewei­li­ge Ritu­al­struk­tur durch das ent­spre­chen­de Bild­mo­dell, hier das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell. Daher gibt es im Neu­en Tes­ta­ment nicht nur eine Auf­fas­sung des Abend­mahls. Wir beschäf­ti­gen uns jetzt mit der Pro­blem­ge­schich­ten­auf­fas­sung des Abend­mahls. Das Abend­mahl kennt in allen neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­ten (1Kor 11, Mk 14, Mt 26, Lk 22) zwölf Sequen­zen:

 


Abbil­dung 12 Sequen­zen des Abend­mahls:

Die Sequen­zen 6. und 11., in denen Jesus das Brot und den Becher (der syn­ek­dochisch für „Wein“ steht) auf „mei­nen Leib“ und „mein Blut“ deu­tet, haben die größ­te Auf­merk­sam­keit in der Chris­ten­tums­ge­schich­te auf sich gezo­gen. Man inter­es­sier­te sich (im Hori­zont der Sub­stan­zon­to­lo­gie bzw. der Sub­stanz­me­ta­phy­sik) dann für die Sub­stan­zen. Doch die­se Inter­pre­ta­ti­on geht in die Irre. Zunächst: war­um „Brot“ und „Becher“ (der syn­ek­dochisch für „Wein“ steht)? Man muss an den nar­ra­ti­ven Kon­text kurz vor dem gewalt­sa­men Tod in Jeru­sa­lem den­ken. Dies gilt auch für Pau­lus in 1Kor 11 („in der Nacht, in der er aus­ge­lie­fert wur­de …“). Die­ser als heil­voll ver­stan­de­ne gewalt­sa­me Tod steht im Zen­trum des Abend­mahls. Es ist ein gewalt­sa­mer Tod, mit­hin kön­nen nur sol­che Medi­en in die­sem Ritu­al ver­wen­det wer­den, die einen gewalt­sa­men Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess durch­lau­fen haben – das ist bei Brot und Wein der Fall: Mah­len, Erhit­zen beim Backen, Zer­tre­ten der Trau­ben, Gärung bei der Wein­her­stel­lung. Zugleich sind aber bei­de Medi­en dem Men­schen freund­lich und hilf­reich, sie spen­den Freu­de, Sät­ti­gung usf. Daher fun­gie­ren Brot und Wein (Trau­ben­saft) als Tod Jesu und sein Auf­ste­hen. Die Form der Anre­de an die Schü­ler ist als iko­ni­sches Zei­chen im Sin­ne einer extra­va­gan­ten Meta­pher für gewalt­sa­men Tod zu ver­ste­hen: Dies ist mein Leib. Dies ist mein Blut (des neu­en Tes­ta­ments), das für vie­le ver­gos­sen wird – kön­nen in der erzähl­ten Situa­ti­on gar nicht wört­lich genom­men wer­den, son­dern man muss hier einen Über­tra­gungs­pro­zess unter­stel­len: Die­se Ele­men­te Brot und Wein ste­hen in die­sem Kon­text unse­res Mahls für Leib und Blut – sie sind dies nicht sub­stan­zi­ell. Auch die Schü­ler reagie­ren ja nicht ver­wun­dert, etwa: Falsch bezeich­net! – weil sie das ihnen Ver­trau­te schme­cken. Oder: Das schmeckt ja grau­en­haft, ich bin doch kein Kan­ni­ba­le oder ein Vam­pir! – weil sie Fleisch und Blut Jesu zu sich neh­men. Nicht ein­mal der Außen­sei­ter Judas nahm die Gele­gen­heit wahr, hef­tig gegen der­ar­ti­ge Absur­di­tä­ten zu pro­tes­tie­ren. Wir neh­men das als semio­ti­sches Indiz, dass sie in den Tex­ten auch gar nicht ste­hen …
Mit den letz­ten Bemer­kun­gen sind wir zu einer tie­fe­ren Deu­tung im Sin­ne des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells über­ge­gan­gen. Der gewalt­sa­me Tod Jesu gehört ja zur nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on im Sin­ne der mar­ki­ni­schen Erzähl­wei­se. Er ist durch die gewalt­sa­men Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se von Getrei­de und Trau­ben zu Brot und Wein iko­nisch (struk­tu­rell ähn­lich) bezeich­net. Aber die­ser Tod ist auch als heil­voll ver­stan­den und so muss auch die gewen­de­te nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on im Ritu­al prä­sen­tiert sein. Dafür ste­hen iko­nisch die Leben und Freu­de spen­den­den Fähig­kei­ten von Brot und Wein.

 

Abb. Iko­ni­sche Zei­chen im Abend­mahl

In der mar­ki­ni­schen Erzäh­lung zeigt das Ver­tei­len der Stü­cke des gebro­che­nen Bro­tes an die Schü­ler eben­so wie das gemein­sa­me Trin­ken aus dem gereich­ten Becher, dass das Ritu­al als Gemein­schafts­ri­tu­al gel­ten muss. der am auf­ge­weck­ten Gekreu­zig­ten ori­en­tier­ten Ver­trau­en­den bzw. Glau­ben­den. Dar­in besteht frei­lich auch die ganz und gar nicht harm­lo­se Bot­schaft die­ses Mahls. Nach­dem man der­art geges­sen und getrun­ken hat­te, wur­de Jesus ver­haf­tet – und alle Schü­ler flo­hen, weil sie sich fürch­te­ten. Das Mahl hat­te sie jeden­falls nicht gegen die Furcht immu­ni­siert oder ihnen eine höhe­re geist­li­che Sub­stanz ein­ge­flößt. Das betrifft im Übri­gen nach Mk eben nicht nur Judas, wenn auch ihn in beson­de­rem Maße, weil er Jesus an den Ober­pries­ter aus­ge­lie­fert hat: Und wäh­rend sie saßen und aßen, sag­te Jesus:… „ Einer von euch wird mich aus­lie­fern, einer, der mit mir isst!“ Sie began­nen betrübt zu wer­den und zuein­an­der zu sagen: „ Doch nicht ich?“ Kei­ner von ihnen konn­te also die­se Tat für sich aus­schlie­ßen, Judas voll­zog sie tat­säch­lich, dafür flo­hen alle ande­re aus Furcht … Das Abend­mahl ist nach Mk also das Mahl der­je­ni­gen, die Jesus hät­ten aus­lie­fern kön­nen und schließ­lich furcht­sam geflo­hen sind. Schritt 4 hat sich also wie­der auf­ge­baut. Die Erlö­sung ist voll­zo­gen, gleich­wohl fal­len die Erlös­ten immer wie­der hin­ter sich zurück. An die­se fort­wäh­ren­de Gefähr­dung erin­nert das Abend­mahl mit­hin im Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell. Es geht auch um die Stär­kung der so Gefähr­de­ten in einem Gemein­schafts­mahl. Aber Mann oder Frau ist nur gestärkt, wenn sie oder er wis­sen, dass man mit sei­ner oder ihrer nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on immer erneut rech­nen muss. Nur so lässt sich aus der Sicht des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells rea­lis­tisch eine Gemein­de auf­bau­en. Dar­auf ver­weist auch der Aus­blick auf die End­zeit in Sequenz 12 des Abend­mahls. Jesus will vom Pro­dukt des Wein­stocks erst wie­der im end­zeit­li­chen Freu­den­mahl trin­ken. Dann ist aller Wider­spruch dahin. Bis dahin erin­nert das Abend­mahl aber an das fort­wäh­ren­de „tra­gi­sche“ Spiel von Schritt 1 bis 4, das ein rea­lis­ti­sches reli­giö­ses Bild des Lebens dar­zu­stel­len ver­sucht. Wie das jüdi­sche Pascha­mahl ist das Abend­mahl ein Über­gangs­ri­tu­al. Da es in Sequenz 12 eine escha­to­lo­gi­sche Poin­te auf­weist, muss es in der Zeit als per­ma­nen­tes Über­gangs­ri­tu­al ver­stan­den wer­den. Mit Vic­tor Tur­ner (The Ritu­al Pro­cess: Struc­tu­re and Anti‐Structure, 1995) ist auch hier zu unter­stel­len, dass (vie­le) Ritua­le struk­tu­rell Gegen­wel­ten zur als fra­gil und pro­ble­ma­tisch erleb­ten All­tags­welt ent­wer­fen – hier im Sin­ne des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells. Ob man soweit gehen muss wie Gerd Thei­ßen, ent­spre­chend von „sym­bo­li­schem Kan­ni­ba­lis­mus“ zu spre­chen, erscheint mir frag­lich. Denn im Abend­mahl wird iko­nisch die Tötung Jesu dar­ge­stellt, die im All­tag nicht gesche­hen sol­le – und doch geschieht, dar­auf ver­wei­sen die Deu­te­wor­te. Auf die Ver­spei­sung Jesu von Naza­reth ver­wei­sen sie m. E. auch sym­bo­lisch nicht … Das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell befin­det sich also nicht nur in der mar­ki­ni­schen Erzäh­lung, son­dern dem Anspruch nach auch in den Sequen­zen des Ritu­als.
Soweit ein christ­li­ches Bei­spiel. Lévi-Strauss hat die Erlö­sungs­struk­tur nicht expli­zit ana­ly­siert. Aber sei­ne India­ner­my­then ent­hal­ten Hel­fer­fi­gu­ren, die eben­so ambi­va­lent kon­zi­piert sind.
Was Lévi-Strauss behaup­tet, mag über­ra­schend klin­gen. Sol­che Mythen sind nicht irra­tio­nal, son­dern kom­ple­xe Erzäh­lun­gen, wel­che die Men­schen als pro­ble­ma­ti­sche Wesen ver­ste­hen, die unkri­tisch ver­füh­ren, sofern sie unter­stell­ten, sie hät­ten sich und die Welt im Griff. Das gilt für India­ner­my­then, für den Pro­me­theus-Mythos und christ­li­che Pro­blem­ge­schich­ten. Aber es gilt auch nicht nur für Reli­gio­nen. Paul Ricœur hat auf die gro­ße Nähe zur Dog­ma­tis­mus-Kri­tik von Kant hin­ge­wie­sen, dass unse­re ver­nünf­ti­gen Fähig­kei­ten nicht zu zwin­gen­den Sicher­hei­ten füh­ren, wie wir genau leben sol­len. „Kan­tia­nis­mus ohne Sub­jekt“ sei das, so der Phä­no­me­no­lo­ge. Ob das exakt ist, darf bezwei­felt wer­den. Aber Sub­jek­ti­vi­tät ist stets in Zei­chen­pro­zes­se ein­ge­las­sen, die eben­falls stets sozi­al ver­mit­telt sind, so Lévi-Strauss. Was er gezeigt haben dürf­te: Dass jene India­ner­my­then auf nar­ra­ti­ve Wei­se eine kri­ti­sche Weis­heit kom­mu­ni­zie­ren, die auch uns viel­leicht anspre­chen könn­te. Wir könn­ten auch aus ihnen ler­nen, dass wir uns in der Natur nicht über­he­ben sol­len. So wie auch Pro­me­theus den Göt­tern zwar das Feu­er ent­wen­det, aber zur Stra­fe ange­ket­tet wird – und ein Adler sei­ne Leber pickt. Tat­säch­lich kreist Lévi-Strauss‘ Den­ken um den Gegen­satz von Natur und Kul­tur, der uns heu­te als öko­lo­gi­sche Fra­ge immer neu gestellt wird. Das ist in den India­ner­my­then prä­sent, aber auch im Abend­mahl, das mit den gewalt­sam her­ge­stell­ten Ele­men­ten Brot und Wein arbei­tet.

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Clau­de Lévi-Strauss (1908-2009) ist Beitrag Nr. 7447
Autor:
Martin Pöttner am 10. November 2018 um 13:55
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Allgemein
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