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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Frank­reich I Bad Rap­penau

I. Pro­gramm


Die Abbil­dung 1 zeigt den Inhalt bei­der Semes­ter.


Die fran­zö­si­sche Phi­lo­so­phie ist vor allem durch den Gegen­satz von Phä­no­me­no­lo­gie und Struk­tu­ra­lis­mus bestimmt. Anders als in Deutsch­land dient häu­fig als Hin­ter­grund eine (posi­ti­ve) Aus­ein­an­der­set­zung mit Rene Des­car­tes, was aber auch bei Husserl der Fall war. Der Struk­tu­ra­lis­mus ist die „fran­zö­si­sche“ Vari­an­te der Semio­tik, die zunächst von dem Schwei­zer Lin­gu­is­ten Fer­di­nand de Saus­su­re aus­ge­löst wur­de. Nach Roland Bart­hes ist die Ord­nung der Zei­chen für alle Zei­chen­for­men durch die sprach­li­chen Zei­chen bestimmt. Das war zuvor von Charles Peirce in den 1860er Jah­ren wider­legt wor­den. Seit Umber­to Eco, Ein­füh­rung in die Semio­tik, 1975, wird Peirce auch im struk­tu­ra­len Dis­kurs akzep­tiert. Hier wird in der nächs­ten Woche mit Clau­de Levi-Strauss ein Bei­spiel gewählt, das man­che Vor­ur­tei­le gegen die Struk­tu­ra­lis­ten infra­ge stellt. Er ist der wich­tigs­te Ver­tre­ter der Mythos­for­schung und hat wesent­li­che Bei­trä­ge zur Erzähl­for­schung gelie­fert.
Das zwei­te Semes­ter bie­tet aus­ge­wähl­te Ver­tre­ter der Ent­wick­lung. Die Phä­no­me­no­lo­gie bil­det in Frank­reich mit Jean-Paul Sart­re eine ent­schie­den exis­ten­zia­lis­ti­sche Vari­an­te aus, wel­che die m. E. auf­schluss­reichs­te Posi­ti­on des Frei­heits­pro­blems dar­stellt. Mit Albert Camus tritt das Absur­di­täts­pro­blem hin­zu, das durch­aus schon in anti­ken Äuße­run­gen fest­ge­stellt wer­den kann.
Mit Jac­ques Der­ri­da bespre­chen wir den bedeu­dends­ten Ver­tre­ter des soge­nann­ten Post­struk­tu­ra­lis­mus, der auch meta­phy­sik­kri­ti­sche The­men prä­sen­tiert.
Wer glaubt, fran­zö­si­sche und deut­sche Phi­lo­so­phie sei­en Erb­fein­din­nen, täuscht sich. Trotz der schwe­ren Krie­ge seit Beginn des 19. Jahr­hun­derts liegt ein über­wie­gend frucht­ba­rer Aus­tausch vor, der nicht zuletzt von Man­fred Frank, Das indi­vi­du­el­le All­ge­mei­ne, 1975ff, und Jür­gen Haber­mas, Der phi­lo­so­phi­sche Dis­kurs der Moder­ne, 1988ff, auf­ge­zeigt wur­de.
Ich selbst bin Euro­pä­er, der auch den anglo­ame­ri­ka­ni­schen Dis­kurs für wesent­lich hält. Dass das heu­te ange­grif­fen wird, ist bekannt, spielt aber bei ernst­haf­ten phi­lo­so­phi­schen Argu­men­ten kei­ne Rol­le.

Alle genann­ten Auto­ren set­zen sich mit dem fran­zö­si­schen Kolo­nia­lis­mus aus­ein­an­der

II. Mau­rice  Mau­rice Mer­leau-Pon­ty (1908-1961)

Mer­leau-Pon­ty ver­sucht zeit­le­bens den kar­te­si­schen Dua­lis­mus von res cogi­tans („den­ken­de Sache“) und res exten­sa („aus­ge­dehn­te Sache“) zu über­win­den. Des­car­tes war der Über­zeu­gung, dass der den­ken­de Anteil am Men­schen kei­ne Aus­deh­nung besit­ze, wäh­rend der Kör­per aus­ge­dehnt sei. Alles Aus­ge­dehn­te lässt sich mecha­nis­tisch inter­pre­tie­ren, wes­halb Des­car­tes Tie­re und den mensch­li­chen Kör­per als Maschi­nen bzw. Auto­ma­ten ver­stand.
Die den­ken­de Sache ent­hielt Wil­le und Gefühl – und war zur Frei­heit fähig, was für die aus­ge­dehn­te Sache gera­de nicht galt. Die­se unter­lag s. E. star­ren Ursa­che-Wir­kungs-Ver­hält­nis­sen.
Die Phä­no­me­no­lo­gie knüpft an Des­car­tes an, ver­sucht aber Den­ken, Wol­len und Füh­len im Kör­per zu situ­ie­ren. Bei Mer­leau-Pon­ty zeigt sich der sprach­li­che und gedank­li­che Respekt vor Des­car­tes, sodass er z. B. vom „Kör­per-Ding“ spricht, also zuge­steht, dass man/frau den Kör­per mecha­nis­tisch zum Ding machen kön­ne, ihn ver­ding­li­chen kön­ne.
Genau die­se Mög­lich­keit neh­men s. E. die moder­nen posi­ti­vis­tisch ver­fah­ren­den Natur­wis­sen­schaf­ten in Anspruch, wel­che die scharf unter­schie­de­nen Ein­zel­er­eig­nis­se von Erle­ben und Han­deln wahr­neh­mungs­ori­en­tiert als „Emp­fin­dun­gen“ ver­ge­gen­ständ­li­chen, die mess­bar sei­en – und nichts ande­res als che­mi­sche bzw. elek­tri­sche neu­ro­na­le Pro­zes­se dar­stell­ten.
Dem­ge­gen­über ver­sucht er eine Phi­lo­so­phie der Wahr­neh­mung zu ent­wi­ckeln, die zei­gen kann, dass das Erle­ben und Han­deln von der Per­son selbst berech­tigt rea­lis­tisch als frei usf. ein­ge­schätzt wer­den kann. Sein berühm­tes­tes Bei­spiel geht so anhand der Tas­ter­fah­rung:

Mein Leib, so pflegt man zu sagen, ist an den ‚dop­pel­ten Emp­fin­dun­gen‘ zu erken­nen, die er mir gibt: Berüh­re ich mei­ne rech­te Hand mit der lin­ken, so hat der Gegen­stand rech­te Hand die Eigen­tüm­lich­keit, auch sei­ner­seits die Berüh­rung zu emp­fin­den.“ (Mer­leau-Pon­ty, Phi­lo­so­phie der Wahr­neh­mung, 1966, S. 118)

 

Die­ses bedeut­sa­me Zitat, das die „Dop­pel­emp­fin­dung“ beschreibt, ist grund­le­gend für die Zusam­men­füh­rung des Lei­bes mit der Welt in der „Ambi­gui­tät“. Hier ist die rech­te Hand als Gegen­stand anzu­neh­men, als Ding beschrie­ben, die den Leib selbst in eine Ambi­gui­tät ver­setzt. Der phä­no­me­na­le Leib ist auch Ding, (objek­ti­ver) Kör­per, somit als Gegen­stand unter Din­gen in der Welt anzu­neh­men, zu betrach­ten und zu ver­or­ten. Schau ich auf mich, so bin ich Leib und habe einen Kör­per. Bei­de gehö­ren zu mir, sind aber unter­schied­li­chen Wel­ten zuzu­ord­nen.

Dies kann nur gesche­hen, wenn mei­ne Hand von innen her emp­fun­den und zugleich auch von außen her zugäng­lich ist, wenn sie selbst auch, zum Bei­spiel für mei­ne ande­re Hand, berühr­bar ist, wenn sie einen Platz unter den Din­gen, die sie berührt, ein­nimmt, wenn sie gewis­ser­ma­ßen eben­falls ein sol­ches ist und schließ­lich ein berühr­ba­res Sein eröff­net, an dem sie selbst teil­hat.“ (Mer­leau-Pon­ty, Das Sicht­ba­re und das Unsicht­ba­re, 1986, S. 176)


Mer­leau-Pon­ty ver­sucht mit­hin den Kar­te­sia­nis­mus durch eine Per­spek­tiv­en­theo­rie zu hin­ter­ge­hen, die er aller­dings rea­lis­tisch inter­pre­tiert: Es gibt Kör­per­din­ge – und es gibt das leib­haf­te per­so­na­le Selbst. Bei­de gehö­ren jeweils unter­schied­li­chen Wel­ten an, die ihm zufol­ge aber ver­bun­den sind. Und das Bei­spiel der Hand ist m. E. geeig­net, die­se Ver­bin­dung zwei­er Wel­ten zu sym­bo­li­sie­ren. Sogleich wer­de ich erläu­tern, dass das „Fleisch“ eine ähn­li­che ver­bin­den­de Funk­ti­on im Den­ken Mer­leau-Pon­tys inne­hat.
Bedeut­sam ist hier Mer­leau-Pon­tys spä­te­re Ent­wick­lung hin zu einer „indi­rek­ten Onto­lo­gie“, die er mit der Denk­fi­gur „von innen her emp­fun­den und zugleich auch von außen her zugän­gig“ dar­stellt. Mit der Meta­pho­rik des „Flei­sches“ begrün­det er sei­ne „indi­rek­te Onto­lo­gie“ die im Wesent­li­chen sich auf die Ver­flech­tung vom Leib zur Welt grün­det. Dies zeigt sich exem­pla­risch in der Beschrei­bung: „wenn mei­ne Hand […] für mei­ne ande­re Hand, berühr­bar ist“. Damit wird deut­lich, dass im Ver­hält­nis von akti­vem Berüh­ren zum pas­si­ven Berührt­wer­den (von der Welt) eine Syn­chro­ni­zi­tät von wech­sel­sei­ti­ger Bezug­nah­me frei­ge­setzt wird, die als ‚Ver­flech­tung’, ‚Über­kreu­zung’, als der ‚Chi­as­mus’ bei Mer­leau-Pon­ty bezeich­net wird. Es ist eine Teil­ha­be als „Ver­floch­ten-Sein“ mit den Din­gen in der Welt, die als Über­kreu­zung zwei­er Seins­wei­sen einer gemein­sa­men Welt ver­stan­den wird.
Im Berüh­ren nimmt der Tas­ten­de all­ge­mein etwas wahr –  zugleich bewirkt er auch etwas.
Der aus­füh­ren­de Druck der etwas berüh­ren­den Hand führt glei­cher­ma­ßen zur Ver­än­de­rung auch im Tas­ten­den selbst. Es ist ein Ein­wir­ken auf das Ande­re und ein Wahr­neh­men beim Selbst in einem. Es impli­ziert fer­ner eine damit ver­bun­de­ne Wech­sel­sei­tig­keit von Berüh­ren und Berührt­wer­den. Die­se Rezi­pro­zi­tät ist immer sowohl Bedin­gung als auch Fol­ge der Tast­hand­lung und der damit ver­bun­de­nen Tas­ter­fah­rung. Ein kom­ple­xes Moment von Wech­sel­sei­tig­keit tut sich somit auf. Dies ist gekop­pelt an den Gegen­stand in der Welt, der sich für den Seh­sinn qua­li­ta­tiv far­big erschließt. Dabei neh­men wir jedoch nicht iso­liert als Phä­no­men die Far­be des Gegen­stan­des wahr, die sekun­där zum Gegen­stand mit­ge­se­hen wird. Das Moment ist viel­mehr das Etwas selbst als Wahr­ge­nom­me­nes, wobei die ver­schie­de­nen Sin­ne alle gemein­sam auf ver­schie­de­ne Wei­se ihren Anteil dar­an haben. Mer­leau-Pon­ty geht immer von einem Gesamt­sen­so­ri­um aus, einer Syn­äs­the­sie, die alle Sin­ne gemein­sam und gleich­zei­tig betrifft. Damit folgt er in wesent­li­chen Tei­len David Katz und Erwin Straus, die bei­de gehalt­vol­le Theo­ri­en zum Gesamt­sen­so­ri­um des Men­schen ver­fasst haben und im Beson­de­ren auf das Tast­sen­so­ri­um als einen spe­zi­fi­schen Sinn in der Mit­te des mensch­li­chen Gesamt­sen­so­ri­ums ver­wei­sen. Bedeut­sam dabei ist, dass vor allem Straus zwi­schen einem pathi­schen und einem gnos­ti­schen Moment in der Tas­ter­fah­rung unter­schei­det, die nahe bei­ein­an­der­lie­gen sowohl in der Dif­fe­ren­zie­rung als auch in der Zuord­nung von pal­pa­blen Sin­nes­emp­fin­dun­gen. Erwin Straus kon­tras­tiert bei­spiels­wei­se, dass das „rei­ne Tak­ti­le“ der Erfah­rung z. B. dem Blin­den über­las­sen bleibt, als beson­de­re patho­lo­gi­sche, iso­lier­te Form der Tas­ter­fah­rung „[…] der mit dem Funk­tio­nie­ren des inte­grier­ten Tast­sin­nes nichts gemein hat und daher auch nicht eine Ana­ly­se der Gesamt­er­fah­rung zugrun­de gelegt wer­den kann.“ (Mer­leau-Pon­ty 1966, S. 256) Es stellt sich die Fra­ge, wie der Leib für den Welt­zu­gang durch das Tas­ten zu den­ken ist, um einen unmit­tel­ba­ren Zugang zum Zur-Welt-Sein inne haben muss?
Mer­leau-Pon­ty beschreibt per­spek­ti­visch, vom Leib­li­chen aus­ge­hend in der Ges­te des hän­di­gen Berüh­rens die leib­li­che Situ­iert­heit so:


Die Ges­te der Hand, die sich auf einen Gegen­stand zu bewegt, impli­ziert einen Ver­weis auf den Gegen­stand nicht als sol­chen der Vor­stel­lung, son­dern als die­ses sehr bestimm­te Ding, auf das hin wir uns ent­wer­fen, bei dem wir vor­grei­fend schon sind und das wir gleich­sam umgeis­tern. Bewusst­sein ist Sein beim Ding durch das Mit­tel des Lei­bes. Erlernt ist eine Bewe­gung, wenn der Leib sie ver­stan­den hat, d. h., wenn er sie sei­ner ‘Welt‘ ein­ver­leibt hat, und sei­nen Leib bewe­gen heißt immer, durch ihn hin­durch auf die Din­ge abzie­len, ihn einer Auf­for­de­rung ent­spre­chen las­sen, die an ihn ohne den Umweg über irgend­ei­ne Vor­stel­lung ergeht.“ (Mer­leau-Pon­ty 1966, S. 167 f.)


Wie das Zitat zeigt, eröff­net er damit ein Pro­gramm, das per­spek­ti­visch vom Kör­per aus­ge­hend zur Vor­ran­gig­keit des Lei­bes für mög­li­che Wahr­neh­mungs­er­fah­run­gen aus­holt.
Nimmt man den Gedan­ken eines vor­weg­neh­men­den Bewusst­seins vom „Sein beim Ding durch das Mit­tel des Lei­bes“ ernst und liest dies vor dem pro­gram­ma­ti­schen Hin­ter­grund, Phi­lo­so­phie als Erkun­dung der „wirk­li­chen Welt“ zu betrei­ben, so ergibt sich eine dif­fe­ren­zier­te Sicht­wei­se auf sein phi­lo­so­phi­sches Leib­ver­ständ­nis im Ein­satz des Kör­pers. Der Kör­per ist das „Mit­tel des Lei­bes“ und sei­ne „Orga­ne als Instru­men­te“ sind in der aus­üben­den Funk­ti­on von Wahr­neh­mung anzu­neh­men. Mer­leau-Pon­ty ent­wi­ckelt hier­für eine funk­tio­nel­le Wen­de der Sicht­wei­se auf den ana­to­mi­schen Gewebs­kom­plex von Auge und Hand, indem er den funk­tio­nel­len Bezug des Kör­pers als auch die per­spek­ti­vi­sche Aus­rich­tung des Organ­kom­ple­xes neu denkt. Wenn er schreibt:


Hier ist der Kör­per nicht mehr ein Mit­tel des Sehens und Tas­tens, son­dern ihr Ver­wah­rer. Weit gefehlt, dass unse­re Orga­ne Instru­men­te wären, unse­re Instru­men­te sind viel­mehr ins Ver­hält­nis gesetz­te Orga­ne.“ (Mer­leau-Pon­ty Das Auge und der Geist, S. 300)

Was Mer­leau-Pon­ty meint, zeigt fol­gen­de Abbil­dung 2:

Abbil­dung 2

Mer­leau-Pon­ty ver­sucht mit sei­ner Per­spek­tiv­en­theo­rie also sowohl der posi­ti­vis­tisch ver­fah­ren­den Natur­wis­sen­schaft als auch einem per­so­na­len Selbst gerecht zu wer­den, das ein rea­lis­tisch zu ver­ste­hen­des Selbst­ver­hält­nis hat. Der zuletzt zitier­te Text inter­pre­tiert die Male­rei Paul Cézan­nes. In ihr kommt die phä­no­me­na­le Wahr­neh­mung zum Aus­druck, wie Mer­leau-Pon­ty glaubt.
Die ange­deu­te­te Onto­lo­gie des Flei­sches ist ein natur­phi­lo­so­hi­scher Ver­such, der aber kaum gedank­lich kon­trol­liert ist. Peirce kennt er nicht, Whitehead hat er erst 1958 wahr­ge­nom­men. Den­noch hat Mer­leau-Pon­ty viel erreicht.

Neben dem Natio­nal­so­zia­lis­mus war Mer­leau-Pon­ty ein ent­schie­de­ner Geg­ner des Kolo­nio­na­lis­mus.

« Sor­ry! – Johan­nes 17 »

Info:
Frank­reich I Bad Rap­penau ist Beitrag Nr. 7406
Autor:
Martin Pöttner am 5. November 2018 um 12:30
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Allgemein
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