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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Johan­ne­s­pro­log und Joh 3

1,15 aα Ἰωάννης μαρτυρεῖ περὶ αὐτοῦ
aβ καὶ κέκραγεν λέγων·
b οὗτος ἦν ὃν εἶπον·
c ὁ ὀπίσω μου ἐρχόμενος ἔμπροσθέν μου γέγονεν,
d ὅτι πρῶτός μου ἦν.
16 aα ὅτι ἐκ τοῦ πληρώματος αὐτοῦ ἡμεῖς πάντες ἐλάβομεν
aβ καὶ χάριν ἀντὶ χάριτος·
17a ὅτι ὁ νόμος διὰ Μωϋσέως ἐδόθη,
b ἡ χάρις καὶ ἡ ἀλήθεια διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ ἐγένετο.
18 a Θεὸν οὐδεὶς ἑώρακεν πώποτε·
bα μονογενὴς θεὸς ὁ ὢν εἰς τὸν κόλπον τοῦ πατρὸς
bβ ἐκεῖνος ἐξηγήσατο.

3 1a Ἦν δὲ ἄνθρωπος ἐκ τῶν Φαρισαίων,
b Νικόδημος ὄνομα αὐτῷ,
c ἄρχων τῶν Ἰουδαίων·
2 aα οὗτος ἦλθεν πρὸς αὐτὸν νυκτὸς
aβ καὶ εἶπεν αὐτῷ·
b ῥαββί,
c οἴδαμεν
dα ὅτι ἀπὸ θεοῦ ἐλήλυθας διδάσκαλος·
dβ οὐδεὶς γὰρ δύναται ταῦτα τὰ σημεῖα ποιεῖν
dγ ἃ σὺ ποιεῖς,
e ἐὰν μὴ ᾖ ὁ θεὸς μετ‘ αὐτοῦ.
3 a ἀπεκρίθη Ἰησοῦς καὶ εἶπεν αὐτῷ·
b ἀμὴν ἀμὴν λέγω σοι,
c ἐὰν μή τις γεννηθῇ ἄνωθεν,
d οὐ δύναται ἰδεῖν τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ.
4 a Λέγει πρὸς αὐτὸν [ὁ] Νικόδημος·
b πῶς δύναται ἄνθρωπος γεννηθῆναι γέρων ὤν;
cα μὴ δύναται εἰς τὴν κοιλίαν τῆς μητρὸς αὐτοῦ δεύτερον εἰσελθεῖν
cβ καὶ γεννηθῆναι;
5 a ἀπεκρίθη Ἰησοῦς·
b ἀμὴν ἀμὴν λέγω σοι,
c ἐὰν μή τις γεννηθῇ ἐξ ὕδατος καὶ πνεύματος,
d οὐ δύναται εἰσελθεῖν εἰς τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ.
6 a τὸ γεγεννημένον ἐκ τῆς σαρκὸς σάρξ ἐστιν,
b καὶ τὸ γεγεννημένον ἐκ τοῦ πνεύματος πνεῦμά ἐστιν.
7 α μὴ θαυμάσῃς
β ὅτι εἶπόν σοι
γ δεῖ ὑμᾶς γεννηθῆναι ἄνωθεν.
8 aα τὸ πνεῦμα ὅπου θέλει πνεῖ
aβ καὶ τὴν φωνὴν αὐτοῦ ἀκούεις,
bα ἀλλ‘ οὐκ οἶδας πόθεν ἔρχεται
bβ καὶ ποῦ ὑπάγει·
c οὕτως ἐστὶν πᾶς ὁ γεγεννημένος ἐκ τοῦ πνεύματος.
9 aα Ἀπεκρίθη Νικόδημος
aβ καὶ εἶπεν αὐτῷ·
b πῶς δύναται ταῦτα γενέσθαι;
10 aα ἀπεκρίθη Ἰησοῦς
aβ καὶ εἶπεν αὐτῷ·
bα σὺ εἶ ὁ διδάσκαλος τοῦ Ἰσραὴλ
bβ καὶ ταῦτα οὐ γινώσκεις;
11 aα ἀμὴν ἀμὴν λέγω σοι
aβ ὅτι ὃ οἴδαμεν λαλοῦμεν
aγ καὶ ὃ ἑωράκαμεν μαρτυροῦμεν,
b καὶ τὴν μαρτυρίαν ἡμῶν οὐ λαμβάνετε.
12 a εἰ τὰ ἐπίγεια εἶπον ὑμῖν καὶ οὐ πιστεύετε,
b πῶς ἐὰν εἴπω ὑμῖν τὰ ἐπουράνια πιστεύσετε;
13 aα καὶ οὐδεὶς ἀναβέβηκεν εἰς τὸν οὐρανὸν
aβ εἰ μὴ ὁ ἐκ τοῦ οὐρανοῦ καταβάς,
b ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου.

Wir erör­ter­ten zunächst die Rede von der δόξα (1,14bc), zumeist in der LXX Über­set­zung von hebr. כּבוֹד (kabod) Schwe­re, Gewicht, aber auch Glanz, was m. E. die bes­te Über­set­zung ist; vgl. auch M. Frett­löh, Gott Gewicht geben, 2005 u. ö.). Wesent­lich sind die Stel­len, die sich auf Mose bezie­hen, etwa im „Zelt der Begeg­nung“ (Ex 25ff). Der Pro­log scheint dar­auf anzu­spie­len. Es ist mög­lich, dass ἐσκήνωσεν in 1,14aβ das tut. Der Logos hat mit­hin eine wahr­nehm­ba­re, sicht­ba­re, schau­ba­re Glanz­ge­stalt, die sei­ne Gött­lich­keit bezeich­net. Und jene Kin­der Got­tes haben sie geschaut. Das ist ein wich­ti­ges The­ma des Johan­nes­evan­ge­li­ums. Für die von M. Frett­löh bevor­zug­te Les­art „Gewicht, Schwe­re, Bedeu­tung“ spricht vor allem der Ring­kampf Jakobs am Jabboq mit dem Herrn, ich plä­die­re also für eine kon­text­be­zo­ge­ne Über­set­zung.
Dass nie­mand jemals Gott in der jüdi­schen (grie­chi­schen) Bibel gese­hen habe, wie Joh 1,18a behaup­tet: …

Θεὸν οὐδεὶς ἑώρακεν πώποτε· …

wur­de anhand von Ex 33,18ff und 24 kon­tro­vers erör­tert. Wäh­rend Mose in 33 den Herrn nur von hin­ten in Bezug auf sei­ne δόξα sieht, urteilt im Blick auf Ex 24,9f auch die BgS anders:

9 Mose und Aaron, Nad­ab und Abi­hu und 70 Ältes­te aus Isra­el stie­gen nun den Berg hin­auf. 10Sie erblick­ten den Gott Isra­els, unter sei­nen Füßen war etwas wie blaue Saphir­plat­ten, wie der inners­te Him­mel, so klar und rein. 11Gott wehr­te die Eli­ten Isra­els nicht ab. Sie sahen die Gott­heit mit eige­nen Augen, sie aßen und tran­ken in ihrer Gegen­wart.

9Καὶ ἀνέβη Μωυσῆς καὶ Ααρων καὶ Ναδαβ καὶ Αβιουδ καὶ ἑβδομήκοντα τῆς γερουσίας Ισραηλ

10καὶ εἶδον τὸν τόπον, οὗ εἱστήκει ἐκεῖ ὁ θεὸς τοῦ Ισραηλ· καὶ τὰ ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ ὡσεὶ ἔργον πλίνθου σαπφείρου καὶ ὥσπερ εἶδος στερεώματος τοῦ οὐρανοῦ τῇ καθαριότητι.

11καὶ τῶν ἐπιλέκτων τοῦ Ισραηλ οὐ διεφώνησεν οὐδὲ εἷς· καὶ ὤφθησαν ἐν τῷ τόπῳ τοῦ θεοῦ καὶ ἔφαγον καὶ ἔπιον

Die „Bibel in gerech­ter Spra­che“ berück­sich­tigt die Par­al­le­len zu Jes 6 und Ez 1, über­setzt aber 24,10f als Face-to-Face-Situa­ti­on, was m. E. für die Mahl­sze­ne V. 11 zwin­gend ist. Was offen­bar bloß „wie“ ist, sind die Saphir­plat­ten, sie sahen aber den Gott Isra­els beim Mahl im Kon­text der Ver­le­sung des Bun­des- bzw. Tes­ta­ments­bu­ches. Dass es hier zumin­dest zwei unter­schied­li­che Erzähl­tra­di­tio­nen gibt, die mit­ein­an­der ver­bun­den sind, belegt m. E. 24,1f. Für die auf Mose sin­gu­lär bezo­ge­ne Erzähl­tra­di­ti­on gilt Joh 1,18a, für die auf Mose und die Ältes­ten bezo­ge­ne Erzähl­tra­di­ti­on gilt das Seg­ment aber m. E. nicht. Das kön­nen wir ger­ne wei­ter erör­tern.
Dass der Logos, Sohn usf. im Schoß bzw. an der Brust Jesu liegt, ist im Kon­text von Joh 13,23 und 21,20 ein sinn­li­ches Bild der Lie­be, das wohl „müt­ter­li­che“ Züge auf­wei­sen könn­te. Wie das Par­ti­zip Prä­sens ὢν … in Joh 1,18bα zeigt, ist von der Gegen­wart, in wel­cher der Text gele­sen wird, die Rede. Nach dem bis Kapi­tel 21 Erzähl­ten ist der Sohn zum Vater zurück­ge­kehrt, sodass der Pro­log Kreuz und „Auf­ste­hen“ Jesu vor­aus­setzt (vgl. auch Kapi­tel 11 zu die­ser Rede­wei­se anstel­le von Auf­er­ste­hung).
Die Tora­kri­tik in Joh 1,17 erin­nert an die pau­li­ni­sche Kri­tik:

ὁ νόμος διὰ Μωϋσέως ἐδόθη …

Daher wird auch gegen­über Johan­nes von eini­gen Men­schen der Anti­ju­da­is­mus- bzw. Anti­se­mi­tis­mus-Vor­wurf erho­ben (vgl. ins­be­son­de­re Kapi­tel 8). Wir sahen frei­lich, dass Joh in 1,1-3 wie Pau­lus in 1Kor 8,6 an die Figur der Weis­heit anknüpft, mit wel­cher der Herr vor der Schöp­fung ἐν ἀρχῇ spiel­te. Die uni­ver­sa­len Züge der jüdi­schen Bibel, die u. a. durch die Weis­heits­fi­gur bezeich­net wer­den, wer­den auf­ge­ru­fen – an die­se knüpft das Chris­ten­tum an und schreibt sie mit dem Bezug auf Chris­tus fort.
Sicher­lich hat das Johan­nes­evan­ge­li­um einen anti­pha­ri­säi­schen Zug, was dann in der Niko­de­mus­sze­ne gleich deut­lich wird. Die Rab­bi­nen waren oft stär­ker an der Tora als Gram­ma­tik der Schöp­fung als an der Weis­heit ori­en­tiert, das scheint mir das Wesent­li­che zu sein.

Der Pha­ri­sä­er Niko­de­mus kommt als ἄρχων τῶν Ἰουδαίων des Nachts zu Jesus, viel­leicht heim­lich, johan­n­eisch aber wohl eher, um sym­bo­lisch anzu­zei­gen, dass er in der Fins­ter­nis ist. Hier­in liegt eine Mög­lich­keit, eine seman­ti­sche Äqui­va­lenz von Pha­ri­sä­ern und Juden* zu behaup­ten, wie Bult­mann es tat. Ich wäre vor­sich­ti­ger. Es han­delt sich um eine syn­ek­dochi­sche Rede­wei­se, aber Bult­mann lag damit m. E. nicht falsch.
Sofort wird Niko­de­mus von Jesus zu einem Miss­ver­ständ­nis pro­vo­ziert, das zeigt, dass er Jesu Spre­chen nicht ver­steht.
Die schwie­ri­ge Lösung, die aus johan­n­ei­scher Per­spek­ti­ve eine Erklä­rung für Jesu fremd­ar­ti­ges Spre­chen bie­tet, wird wie in 1,14.16 in der 1. Per­son Plu­ral prä­sen­tiert. Wir erwo­gen, ob sozu­sa­gen der Evan­ge­list, ein johan­n­ei­scher Chor so spricht – oder ob es sich um eine text­prag­ma­ti­sche Figur han­delt, um Auf­merk­sam­keit für die Rele­vanz der­ar­ti­ger Stel­len im Johan­nes­evan­ge­li­um zu schaf­fen.
In 3,11-13 wird jeden­falls die johan­n­ei­sche Auf­stiegs- und Abstiegs­se­man­tik knapp ent­fal­tet, die es ermög­licht, die völ­li­ge Fremd­heit kon­tra­dik­to­ri­scher dua­lis­ti­scher Posi­tio­nen zu über­win­den:

6 a τὸ γεγεννημένον ἐκ τῆς σαρκὸς σάρξ ἐστιν,
b καὶ τὸ γεγεννημένον ἐκ τοῦ πνεύματος πνεῦμά ἐστιν.

Nur da, wo Fleisch und Geist, Erde und Him­mel, ver­ei­nigt sind, ist eine Über­win­dung der Kon­tra­dik­ti­on von σάρξ und πνεῦμά … mög­lich. Das ist beim Logos der Fall, der Fleisch wur­de, das wird aber hier durch die syn­op­ti­sche Figur des ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου zu leis­ten ver­sucht.

« Der Johan­ne­s­pro­log – Darm­stadt Theo­lo­gie des NT »

Info:
Johan­ne­s­pro­log und Joh 3 ist Beitrag Nr. 7374
Autor:
Martin Pöttner am 25. Oktober 2018 um 11:55
Category:
Theologie des Neuen Testaments
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