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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Über­le­gun­gen zur Wider­spruchs­lö­sung


Da es die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin seit eini­ger Zeit gibt, ist es mög­lich, für Herz-, Nie­ren-, Leber-Patient*innen u. a. lebens­ver­län­gern­de Organ­trans­plan­ta­tio­nen durch­zu­füh­ren. Die Hirn­todthe­se ermög­licht es, inten­siv­me­di­zi­nisch „fri­sche“ Orga­ne zu ent­neh­men, weil der Ver­fall der Orga­ne auf­ge­hal­ten wer­den kann. Der gewöhn­li­che Ster­be­pro­zess wird mit­hin inten­siv­me­di­zi­nisch unter­bro­chen. Zugleich kön­nen Ängs­te ent­kräf­tet wer­den, dass man/frau bei leben­di­gem Leib aus­ge­wei­det wer­den könn­te, denn das Ner­ven­sys­tem ist nicht mehr exis­tent. Zwei Ärzt*innen müs­sen den Zustand des Hirn­tods unab­hän­gig von­ein­an­der fest­stel­len.
Der Gesund­heits­mi­nis­ter @jensspahn hat nun die Wider­spruchs­lö­sung zur Dis­kus­si­on gestellt, für die z. B. @Karl_Lauterbach schon län­ger ein­tritt. „Wider­spruchs­lö­sung“ besagt, dass ein Mensch expli­zit erklä­ren muss, dass sie/er nicht zu einer Organ­spen­de bereit sei. Liegt die­se Erklä­rung nicht vor, wird bei den Ange­hö­ri­gen nach­ge­fragt, wel­che Hal­tung die betref­fen­de Per­son zu die­ser Fra­ge ein­ge­nom­men habe.
Ich bin mit @Karl_Lauterbach einer Mei­nung, dass die­se Lösung dem kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv Kants ent­spricht. Für die­je­ni­gen, die selbst eine Trans­plan­ta­ti­on für sich in Anspruch neh­men wür­den, ist es eine Pflicht, Orga­ne zu spen­den. Eine Frei­heits­pro­ble­ma­tik gibt es nicht, da eine Ver­wei­ge­rung in einem Regis­ter fest­ge­hal­ten wird. Die gele­gent­lich geäu­ßer­te Ver­mu­tung, ein expli­zi­tes „Nein!“ genü­ge nicht, weil dar­aus nicht fol­ge, dass die­je­ni­gen, die ein sol­ches „Nein!“ nicht geäu­ßert hät­ten, schlicht geschwie­gen haben könn­ten und nicht expli­zit „Ja!“ gesagt haben, ist ange­sichts des­sen, dass jede/r ein­ze­le Mann oder Frau genau infor­miert wur­de, was es heißt, nicht expli­zit „Nein!“ zu sagen, nicht über­zeu­gend. Gleich­wohl reagiert die Idee, dass bei den Ange­hö­ri­gen nach­zu­fra­gen sei, auf Ängs­te, die ver­mut­lich vor­han­den sind. Was tat­säch­lich für die Wider­spruchs­lö­sung spricht, ist der Sach­ver­halt, dass 85 % der erwach­se­nen Bevöl­ke­rung für Organ­spen­de sind, aber nur 36 % einen Spender*innenpass haben. Hier wür­de dies eine Klä­rung her­bei­füh­ren, die schon in 17 EU-Staa­ten besteht.
Wer also aus reli­giö­sen, welt­an­schau­li­chen Grün­den – oder weil er/sie dem Trans­plan­ta­ti­ons­sys­tem aus medi­zi­nisch-wis­sen­schaft­li­chen bzw. ethi­schen Grün­den miss­traut – nicht spen­den möch­te, sagt expli­zit „Nein!“ und nimmt sei­ne Orga­ne mit ins Grab oder in die Urne. Alle ande­ren gel­ten als poten­zi­el­le Spender*innen, wobei die Ange­hö­ri­gen gefragt wer­den. Es ist mit­hin etwas fami­liä­re oder freund­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on erfor­der­lich. Mei­ne bei­den Kin­der wis­sen, dass ich bereit bin, Orga­ne zu spen­den, falls ich im Kran­ken­haus ster­ben soll­te. Auch hier sage ich öffent­lich, dass mei­ne Zustim­mung zur Wider­spruchs­lö­sung besagt, selbst als Spen­der zur Ver­fü­gung zu ste­hen.
M. E. sind Ängs­te ver­ständ­lich. Die­se sind wegen eini­ger Trans­plan­ta­ti­ons­skan­da­le stark beför­dert wor­den. Wenn aber die Fest­stel­lung des Hirn­tods sach­ge­recht durch­ge­führt wird und die Kli­ni­ken kon­trol­liert wer­den, ist das hin­nehm­bar. Weni­ge möch­ten frü­her ster­ben. Sicher muss gut über­prüft wer­den, dass es kei­ne Geschäf­te­ma­che­rei mit Orga­nen gibt. Das ist mög­lichst sicher­zu­stel­len.
Aus evan­ge­li­scher Sicht gibt es kei­ne reli­giö­sen Grün­de, war­um nicht gespen­det wer­den dürf­te. So besagt die Rede vom „Auf(er)stehen des Lei­bes“ nach 1. Korin­ther 15, dass unser Leib in einen geist­li­chen Leib ver­wan­delt wer­de. Es geht mit­hin um einen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess, der einer Neu­schöp­fung durch Gott gleich­kommt. Ein ernst­haf­tes Leib­ver­ständ­nis unter­stellt ohne­hin nicht, dass wir sta­tisch stän­dig unver­än­der­lich die­sel­ben sind, son­dern wir ver­hal­ten uns dyna­misch stän­dig zu uns selbst. Dazu gehört z. B. auch, dass unse­re Zel­len stän­dig erneu­ert wer­den.
Die katho­li­sche Sicht­wei­se ist oft an der angeb­li­chen Unsterb­lich­keit der See­le ori­en­tiert, die auch in evan­ge­li­schen Häu­sern ver­brei­tet ist – und biblisch schwach bezeugt wird (vor allem Weis­heit Salo­mos 6-9). Man/frau lässt dann häu­fig bei Ster­ben­den das Fens­ter offen, damit die See­le ent­wei­chen kann. Da die See­le nicht trans­plan­tiert wer­den kann, gibt es m. E. auch kei­ne katho­li­schen Grün­de gegen Trans­plan­ta­ti­on.
Wer aber ein sta­ti­sches sub­stan­zia­lis­ti­sches Leib­ver­ständ­nis hat, wird anders optie­ren. Das ermög­licht die Wider­spruchs­lö­sung, die nie­man­den zwingt zu spen­den. Man/frau muss nur expli­zit „Nein!“ sagen.

« Die Mut­ter aller Pro­ble­me – Jesa­ja 1-12 (Bibel­kun­de Hei­del­berg) »

Info:
Über­le­gun­gen zur Wider­spruchs­lö­sung ist Beitrag Nr. 7328
Autor:
Martin Pöttner am 13. September 2018 um 14:00
Category:
Alltagsphilosophische Kolumne
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