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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


24. September 2018

17. Sonn­tag nach Tri­ni­ta­tis – EfG Gries­heim

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14Als die vier zu den ande­ren Schüler*innen kamen, sahen sie viel Volk um sie her­um und Schrift­ge­lehr­te, die mit ihnen dis­ku­tier­ten. 15Sobald die Leu­te Jesus erblick­ten, geriet das gan­ze Volk in ehr­fürch­ti­ges Stau­nen. Alle lie­fen her­bei und begrüß­ten ihn. 16Er frag­te sie: »Wor­über dis­ku­tiert ihr mit mei­nen Ver­trau­ten?« 17Einer aus dem Volk ant­wor­te­te Jesus: »Leh­rer, ich habe mei­nen Sohn zu dir gebracht. Er hat einen Geist in sich, der ihn sprach­los macht. 18Wo immer er ihn packt, wirft er ihn zu Boden. Mein Sohn hat dann Schaum vor dem Mund, knirscht mit den Zäh­nen und wird starr. Ich habe dei­ne Schüler*innen gebe­ten, sie möch­ten ihn von dem krank machen­den Geist befrei­en, doch sie hat­ten nicht die Kraft.« 19Jesus ent­geg­ne­te ihnen: »Oh, ihr Mit­men­schen ohne Ver­trau­en, wie lan­ge wer­de ich bei euch sein? Wie lan­ge wer­de ich euch ertra­gen? Bringt den Jun­gen zu mir!«
20Sie brach­ten den Jun­gen zu ihm. Als der Jun­ge Jesus sah, riss der Geist ihn sofort hin und her. Er fiel auf die Erde, wälz­te sich und hat­te Schaum vor dem Mund. 21Jesus frag­te den Vater: »Wie lan­ge lei­det er schon dar­an?« Der Vater sag­te: »Von klein auf; 22schon oft hat der Geist mein Kind ins Feu­er oder ins Was­ser gewor­fen, um es zu töten. Wenn du die Macht hast, hilf uns und hab mit uns Erbar­men!« 23Jesus ent­geg­ne­te ihm: »Was heißt: wenn du die Macht hast? Alles ist mög­lich für die­je­ni­gen, die ver­trau­en!« 24Da schrie der Vater des Kin­des auf und sag­te: »Ich ver­traue, hilf mei­nem Man­gel an Ver­trau­en.« 25Als Jesus sah, dass das Volk zusam­men­lief, bedroh­te er den unrei­nen Geist und sag­te zu ihm: »Du sprach­los und taub machen­der Geist, ich gebie­te dir, lass den Jun­gen frei und belas­te ihn nie wie­der!« 26Da schrie der Geist auf, schüt­tel­te den Jun­gen hef­tig und gab ihn frei. Der Jun­ge lag wie tot da, sodass die Men­ge sag­te: »Er ist gestor­ben.« 27Jesus nahm sei­ne Hand, ließ ihn auf­ste­hen, und er stand aus sei­ner Krank­heit auf.
28Nachdem er in ein Haus hin­ein­ge­gan­gen war, frag­ten ihn sei­ne Schüler*innen, als sie allein waren: »Wie kommt es, dass wir ihn nicht von dem Geist befrei­en konn­ten?« 29Er ant­wor­te­te: »Von die­ser Dämo­nen­art kön­nen Men­schen nur durch das Gebet befreit wer­den.« (Vgl. BgS, zur Stel­le)

Lie­be Gemein­de,

zum 17. Sonn­tag nach Tri­ni­ta­tis ein Text, der von der Tie­fe des Glau­bens bzw. Ver­trau­ens erzählt. Vier Schü­ler*innen ist die Aus­trei­bung nicht geglückt, daher bit­tet der Vater Jesus:
»Wenn du die Macht hast – hilf uns und hab mit uns Erbar­men.« 23Jesus ent­geg­ne­te ihm: »Was heißt: >Wenn du die Macht hast<?“

Die Schüler*innen fra­gen, war­um es ihnen nicht gelun­gen sei. Jesus weist dar­auf­hin, dass sol­che Geis­ter durch Gebet aus­füh­ren. Wer hat also gebe­tet? Jesus nicht, es wird jeden­falls nichts davon erzählt. Jesus hat dem Vater mit­ge­teilt, dass es nicht um sei­ne, um Jesu, Macht gehe, son­dern um das­je­ni­ge, was jemand errei­chen kön­ne, der ver­traut. Gemeint ist, dass er oder sie auf Gott ver­traut. Schlicht alles sei einem Men­schen mög­lich, der auf Gott ver­traue. Der Vater spürt das Unge­heu­re die­ser Aus­sa­ge und bit­tet Jesus schrei­end um Hil­fe, sein man­geln­des Ver­trau­en zu ver­bes­sern bzw. die­sem auf­zu­hel­fen. Der Schrei des Vaters ist ein Bitt­ge­bet. Und so ver­traut der Vater – und der Geist beginnt sei­nen Sohn zu ver­las­sen. Eine anti­ke Wun­der­sto­ry, ein Mythos, wie in der anti­ken Rhe­to­rik gesagt wird, eine Erzäh­lung von Gött*innen oder Hero*innen, hel­den­haf­ten Men­schen, wie sie auch bei Grie­chen und Römern hät­te erzählt wer­den kön­nen – und in einer Schrift über die soge­nann­te „Hei­li­ge Krank­heit“ in der Hip­po­kra­ti­schen Samm­lung aus anti­ker medi­zi­ni­scher Sicht wur­den der­ar­ti­ge Sto­rys kri­ti­siert. Einer der Irr­tü­mer in der Aus­le­gung der Bibel besteht dar­in, dass erst mit der Auf­klä­rung seit dem 17. Jahr­hun­dert Sto­rys die­ser Art infra­ge gestellt wur­den, das ist spä­tes­tens seit dem vier­ten Jahr­hun­dert v. d. Z. der Fall – und die Bibel beginnt min­des­tens seit der Über­set­zung ins Grie­chi­sche damit, sol­che mythi­schen Erzäh­lun­gen als bild­lich zu ver­ste­hen. Was bringt das? Die anti­ke Medi­zin ver­stand sich als Kunst­leh­re, man wen­de­te bekann­te Regeln an, konn­te aber nicht garan­tie­ren, dass die­se im Ein­zel­fall auch wirk­sam waren. Daher gehör­te die Eigen­ak­ti­vi­tät der Patient*innen mit zum Hei­lungs­pro­zess – und das ist auch heu­te unter den Beson­ne­nen in der aktu­el­len Medi­zin der Fall. Eine reli­giö­se bild­li­che Erzäh­lung, wel­che die Kraft bzw. Macht des Ver­trau­ens auf Gott zum The­ma hat, ist daher nicht ein­fach unter­ge­gan­gen. Wir erle­ben ähn­li­che Erzäh­lun­gen in Seri­en­pro­duk­ten im Fern­se­hen, etwa in den „Berg­ret­tern“ bzw. im „Berg­dok­tor“ im ZDF. Die Pro­fes­sio­nel­len haben die Aura von Hero*innen. Sie machen natür­lich wis­sen­schaft­lich alles kor­rekt. Aber sie ach­ten auf die Bezie­hung zu den Patient*innen, gera­de bei schein­bar aus­sichts­lo­sen Fäl­len. Oft spielt weni­ger Reli­gi­on als Ero­tik oder Fami­li­en­be­zie­hun­gen eine die Patient*innen moti­vie­ren­de Rol­le. Die­ses Moti­va­ti­ons­mo­tiv ist in unse­rer Erzäh­lung aus­schlag­ge­bend. Denn: Wer auf Gott ver­traut, dem ist alles mög­lich! Das setzt vor­aus, dass es ver­schie­de­ne Auf­fas­sun­gen über Gesun­dun­gen geben kann, die eher agnos­ti­sche Medi­zi­ne­rin, die von „Spon­tan­hei­lung“ spricht. Eine Glau­ben­de aber wird eher beto­nen, dass sie den Gesund­heits­fort­schritt ihrem Ver­trau­en auf Gott bzw. ihrem Glau­ben an Gott ver­dan­ke. Das wider­spricht sich auch nicht. Die Glau­ben­den haben schon in der Anti­ke ver­stan­den, dass man/frau reli­gi­ös nicht „wis­sen­schaft­lich“ über Hei­lung spre­chen soll­te, son­dern bild­lich. Und unse­re Erzäh­lung spricht vom Ein­fluss des stell­ver­tre­ten­den ver­trau­en­den Gebe­tes eines Vaters auf die Gesun­dung sei­nes Soh­nes. Was ist gemeint? Wenn wir selbst oder Fami­li­en­glie­der, auch ande­re Gemein­de­glie­der erkran­ken, ist Depres­si­on nicht hilf­reich. Der Vater ist ver­zwei­felt – und erhofft die Hei­lung sei­nes Sohns von einem Wun­der­tä­ter. Die­ser spricht zu ihm: »Was heißt: >Wenn du die Macht hast<? Alles ist mög­lich für die­je­ni­gen, die ver­trau­en!«
Der Vater ver­fällt nicht in Depres­si­on, son­dern bit­tet um Hil­fe wegen sei­nes man­geln­den Ver­trau­ens.
Das scheint mir selbst auch das Haupt­pro­blem zu sein. https://www.mdr.de/religion/religion/thema-der-woche102.htmlhttps://www.mdr.de/religion/religion/thema-der-woche102.html
Es gibt empi­ri­sche Stu­di­en, die zu bele­gen schei­nen, dass Ver­trau­en auf oder Glau­be an Gott die medi­zi­ni­schen Hei­lungs­chan­cen zu ver­bes­sern schei­nen. Wie immer es damit ste­hen mag, unse­re Erzäh­lung scheint auf etwas zu ver­wei­sen, von dem ich eher nicht glau­be, dass es in sol­chen Stu­di­en erfragt wird.
Wie kommt es zu die­sem Ver­trau­en, dass alles mög­lich ist bzw. wird? Nach mei­ner Erfah­rung am ehes­ten so, dass man alles tut, was einem selbst als mög­lich erscheint. Ruhig, gelas­sen und nicht hek­tisch tun, was einem selbst als mög­lich erscheint. Mir selbst ist es gele­gent­lich so gegan­gen, dass ich ängst­lich und sor­gen­voll auf bestimm­te Ent­wick­lun­gen gestarrt habe – und sich dies dann als nega­tiv her­aus­ge­stellt hat. Der Vater nimmt Hil­fe an und hat dann die Ruhe, stell­ver­tre­tend für sei­nen Sohn ange­foch­ten zu ver­trau­en. Sein Sohn wird geheilt.
Unser Ver­trau­en auf Gott kann ange­foch­ten sein wie das­je­ni­ge des Vaters. Er schreit ja. Das soll uns nicht ent­mu­ti­gen, son­dern ermu­ti­gen. Näm­lich ermu­ti­gen, gelas­sen zu wer­den. Denn das alles mög­lich wird, braucht manch­mal Geduld.

Mit dem Vater rufen wir:

»Ich ver­traue, hilf mei­nem Man­gel an Ver­trau­en.«

Amen

21. September 2018

Jesa­ja 1-12 (Bibel­kun­de Hei­del­berg)

                                                Jesa­ja nach Meis­so­nier 1838

Die pro­phe­ti­schen Bücher

Schrift­pro­phe­ten

Die je nach Zäh­lung 16 (mit Dani­el) oder 15 pro­phe­ti­schen Bücher der hebräi­schen Bibel bie­ten die Ver­kün­di­gung der soge­nann­ten Schrift­pro­phe­ten im Unter­schied zu den vor­li­te­ra­ri­schen Pro­phe­ten. Die­se haben kei­ne eige­nen Schrif­ten hin­ter­las­sen, son­dern es sind nur Berich­te über sie erhal­ten, ins­be­son­de­re in den Königs­bü­chern zu Eli­ja und Eli­scha. Auch von den Schrift­pro­phe­ten wird nur gele­gent­lich berich­tet, dass sie selbst ihre Ver­kün­di­gung auf­ge­schrie­ben haben, zumeist wird dafür der Schü­ler­kreis ver­ant­wort­lich gewe­sen sein, vgl. Jes 8,16: „Ver­wah­ren will ich die Offen­ba­rung und ver­sie­geln die Wei­sung in mei­nen Schü­lern!“ Die­se Krei­se wie auch spä­te­re schrift­ge­lehr­te Grup­pen haben die ori­gi­na­len Aus­sprü­che der Pro­phe­ten nicht nur gesam­melt, son­dern auch the­ma­tisch neu geord­net und ergänzt. Daher ist bei vie­len ein­zel­nen Sprü­chen die Echt­heit des Gutes sehr stark umstrit­ten. (more…)

13. September 2018

Über­le­gun­gen zur Wider­spruchs­lö­sung


Da es die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin seit eini­ger Zeit gibt, ist es mög­lich, für Herz-, Nie­ren-, Leber-Patient*innen u. a. lebens­ver­län­gern­de Organ­trans­plan­ta­tio­nen durch­zu­füh­ren. Die Hirn­todthe­se ermög­licht es, inten­siv­me­di­zi­nisch „fri­sche“ Orga­ne zu ent­neh­men, weil der Ver­fall der Orga­ne auf­ge­hal­ten wer­den kann. Der gewöhn­li­che Ster­be­pro­zess wird mit­hin inten­siv­me­di­zi­nisch unter­bro­chen. Zugleich kön­nen Ängs­te ent­kräf­tet wer­den, dass man/frau bei leben­di­gem Leib aus­ge­wei­det wer­den könn­te, denn das Ner­ven­sys­tem ist nicht mehr exis­tent. Zwei Ärzt*innen müs­sen den Zustand des Hirn­tods unab­hän­gig von­ein­an­der fest­stel­len.
Der Gesund­heits­mi­nis­ter @jensspahn hat nun die Wider­spruchs­lö­sung zur Dis­kus­si­on gestellt, für die z. B. @Karl_Lauterbach schon län­ger ein­tritt. „Wider­spruchs­lö­sung“ besagt, dass ein Mensch expli­zit erklä­ren muss, dass sie/er nicht zu einer Organ­spen­de bereit sei. Liegt die­se Erklä­rung nicht vor, wird bei den Ange­hö­ri­gen nach­ge­fragt, wel­che Hal­tung die betref­fen­de Per­son zu die­ser Fra­ge ein­ge­nom­men habe. (more…)

8. September 2018

Die Mut­ter aller Pro­ble­me

SZ-Foto

Dass die Migration(sfrage) die Mut­ter aller Pro­ble­me sein soll, ist von #Mut­ti sach­lich zurück­ge­wie­sen wor­den. Es han­de­le sich um Her­aus­for­de­run­gen, neben Pro­ble­men gebe es auch Erfol­ge. Man muss #See­ho­fer frei­lich Respekt zol­len, er befin­det sich auf gutem Weg ein gro­ßer Twit­te­rer vor dem Herrn wie @realDonaldTrump zu wer­den. Logisch ist die­ser Sinn­spruch nicht, weil der All­quan­tor empi­risch nicht zu kon­trol­lie­ren ist. Empi­risch hat die Kanz­le­rin das Nöti­ge gesagt. Immer­hin lässt sich der Sinn­spruch als Über­trei­bung ver­ste­hen.
Ent­schei­den­der ist der Ges­tus des kol­por­tier­ten See­ho­fer­schen Sinn­spruchs. Für alle Pro­ble­me ist #Mut­ti mit ihrer Fehl­ent­schei­dung von 2015 ver­ant­wort­lich. Mer­kel muss weg, nur lei­der war das recht­lich o. k., wie der EuGH bestä­tigt hat. Also kämpft die CSU zusam­men mit ande­ren Kräf­ten dar­um, die­sen Feh­ler wie­der gut zu machen.
Dass tat­säch­lich Migrant*innen an der Tötung eines Deutsch-Kuba­ners in #Chem­nitz betei­ligt waren, ist der rea­le Hin­ter­grund. Aber das bei AfDC­SU belieb­te Argu­ment, dass das auf #Mut­ti zurück­ge­he, ist unhalt­bar. Sicher lässt sich ver­tei­di­gen, dass ohne #Mer­kel die­se wohl nicht dage­we­sen wären, schon die unter­blie­be­ne Abschie­bung eines Ver­däch­ti­gen nach Bul­ga­ri­en geht auf ande­re Betei­lig­te zurück. Und für das­je­ni­ge, was ein Mensch tut, ist die Kanz­le­rin nicht ver­ant­wort­lich zu machen.
Daher liegt hier eine unzu­läs­si­ge Ver­all­ge­mei­ne­rung vor. Weder töten Migrant*innen mehr als Deut­sche noch ver­ge­wal­ti­gen sie häu­fi­ger. Lei­der sind nicht alle vor­bild­li­che Men­schen – wie eini­ge Deut­sche auch nicht. Das ent­täuscht sicher­lich eini­ge Men­schen. Aber war das anders zu erwar­ten?
Die ver­all­ge­mei­nern­de Skan­da­li­sie­rung der Taten von Frei­burg, Kan­del und Chem­nitz geht daher in eine fal­sche Rich­tung. Es geht statt­des­sen um ruhi­ge und rea­lis­ti­sche Wahr­neh­mung.
Logisch und empi­risch ist See­ho­fers Sinn­spruch nicht gehalt­voll. Rhe­to­risch immer­hin ein Ver­such. Es geht aber um die prag­ma­ti­sche Poin­te. Die­se liegt in der Bestim­mung der Bedeu­tung des The­mas. Nach einer EMNID-Umfra­ge ist die Flücht­lings­fra­ge nicht mehr pro­mi­nent. Das soll für den Wahl­kampf wie­der anders wer­den. Ob das der CSU nützt – oder doch der AfD? Soll­te das Letz­te­re der Fall sein, hat sich das Pro­blem #See­ho­fer mut­maß­lich erle­digt.
Es ist viel­leicht kein Zufall, dass die Sicht der Kanz­le­rin auch vom säch­si­schen Minis­ter­prä­si­den­ten und vom Ver­fas­sungs­schutz-Prä­si­den­ten ange­grif­fen wird. In ihrem RTL-Som­mer­inter­view weist sie dar­auf hin, dass die Ver­fol­gung von Men­schen bei #Chem­nitz doku­men­tiert sei. Es ist daher m. E. not­wen­dig, dass die Sozialdemokrat*innen hier wach­sam tätig sind. Ob die CSU über­haupt noch regie­rungs­fä­hig oder auch -wil­lig ist, scheint eine offe­ne Fra­ge zu sein.

5. September 2018

Rechts­po­pu­lis­mus? Zur Kri­tik eines in den Medi­en belieb­ten Begriffs

 

Der Begriff wird z. B. auch von seriö­sen Poli­tik­wis­sen­schaft­ler*innen wie @ulrikeguerot über­nom­men, frei­lich wohl nicht ganz über­zeugt. Ich ver­su­che die Gene­se des Begriffs in den letz­ten 30 Jah­ren zu erfas­sen. Der „Populismus“-Begriff ist in jün­ge­rer Zeit im Kon­text der neo­li­be­ra­len Refor­men ent­stan­den bzw. auf­ge­nom­men wor­den, als neo­li­be­ra­le Auf­fas­sun­gen im Sin­ne von Hay­eks für vie­le gesell­schaft­li­che Berei­che als nor­ma­tiv gal­ten bzw. gel­ten soll­ten – und nicht nur als eine Auf­fas­sung zur Opti­mie­rung des Wirt­schafts­sys­tems, etwa im Unter­schied zu keyne­sia­ni­schen Ide­en. Kri­ti­ker*innen der Refor­men wie Oskar Lafon­tai­ne wur­den als „Popu­lis­ten“ bezeich­net, weil sie den neo­li­be­ra­len Rah­men nicht als „ver­nünf­tig“ ansa­hen – und eher (links)keynesianische Model­le etwa in der Fra­ge der Ren­ten­po­li­tik emp­fah­len. „Popu­lis­mus“ soll­te besa­gen, es wird nur ein Teil der Bevöl­ke­rung berück­sich­tigt, aber für das gesam­te Sys­tem sei die neo­li­be­ra­le Sicht­wei­se ver­nünf­tig bzw. ange­mes­sen. Die neo­li­be­ra­le Argu­men­ta­ti­ons­wei­se ist häu­fig ethisch mit einer uti­li­ta­ris­ti­schen Sicht­wei­se ver­bun­den. Lafon­tai­nes Kri­tik dage­gen sei „linkspopu­lis­tisch“. Inzwi­schen ist die Dis­kus­si­on z. B. wg. der „Alters­ar­mut“ wie­der offe­ner gewor­den. So sind ca. 75 % der Bürger*innen zudem nach einer FOR­SA-Umfra­ge davon über­zeugt, dass ein „star­ker Staat“ uner­läss­lich sei, was sowohl sozi­al als auch öko­no­misch gel­ten soll. https://www.abendblatt.de/politik/article208116845/Fast-drei-Viertel-der-Deutschen-fuer-starken-Staat.html

M. E. ist die Ver­wen­dung des Aus­drucks „Rechtspopu­lis­mus“ ähn­lich zu beschrei­ben. Hier spielt die Inter­pre­ta­ti­on des Slo­gans „Wir sind das Volk!“ der Bür­ger­rechts­be­we­gung in der DDR eine bedeu­ten­de Rol­le. Ursprüng­lich bezeich­ne­ten die Bürgerrechtler*innen damit den Sach­ver­halt, dass die DDR-Ver­fas­sung alle Bür­ger­rech­te ent­hielt, die­se aber durch die dik­ta­to­ri­sche Pra­xis der Bevöl­ke­rung nicht gewährt wur­den – was zum fried­li­chen und gewalt­lo­sen Wider­stand gegen SED und Staats­si­cher­heit berech­tig­te. Doch es gab wohl früh schon natio­na­lis­ti­sche Inter­pre­ta­tio­nen die­ses Slo­gans: „Wir sind die Ver­tre­ter des (deut­schen) Vol­kes!“, wie man para­phra­sie­ren könn­te. Dar­auf bezie­hen sich PEGI­DA und AfD. Nun ist es so, dass die AfD zur­zeit am ehes­ten 20 % der Bevöl­ke­rung reprä­sen­tiert, also nicht „das Volk“. Wie das „ZDF-Som­mer-Inter­view“ von Tho­mas Wal­de mit Alex­an­der Gau­land zeigt, ist das der AfD-Füh­rung bewusst. So kann sie hin­rei­chend Unord­nung schaf­fen, ein schar­fer Oppo­si­ti­ons­kurs erscheint ihr aus­rei­chend und legi­tim. Das Schau­spiel der Kri­tik des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters Horst See­ho­fer an der Bun­des­kanz­le­rin und die zeit­wei­se Läh­mung des Regie­rungs­ap­pa­ra­tes ist ein Zei­chen dafür, dass die­se Stra­te­gie funk­tio­niert. Ob es zu einer rela­ti­ven Inte­gra­ti­on von AfD-The­sen kommt, ist noch nicht abseh­bar, scheint aber wahr­schein­lich. Denn die ande­ren Par­tei­en möch­ten ihre Wähler*innen zurück, das ist nicht nur bei CDSU der Fall, son­dern auch bei SPD und „Auf­ste­hen“. Man/frau kann nur hof­fen, dass dabei die Huma­ni­tät und der Art. 1 GG beach­tet wer­den. Jeden­falls ist klar gewor­den, dass die Furcht vor frem­den Men­schen doch ein wesent­li­ches Ele­ment in vie­len Bevöl­ke­rungs­grup­pen ist. Die erstaun­li­che Erfolg­lo­sig­keit der auf­klä­re­ri­schen Beschrei­bung des Islam zeigt m. E. die star­ke Domi­nanz von Emo­tio­nen bzw. antik Lei­den­schaf­ten wie Furcht bzw. Angst bei der Erör­te­rung die­ser Fra­ge. Was kann also die phi­lo­lo­gisch und reli­gi­ons­ge­schicht­lich auf­schluss­rei­che Arbeit der Ber­li­ner Ara­bi­stin #Ange­li­ka­Neu­wirth gegen den bil­dungs­fer­nen Zynis­mus des frü­he­ren Ber­li­ner Finanz­se­na­tors und rech­ten Sozi­al­de­mo­kra­ten #Thi­loS­ar­ra­zin aus­rich­ten?
M. E. erscheint es daher emp­feh­lens­wert, anstel­le der schein­bar über­le­ge­nen Pole­mik gegen „Rechts­po­pu­lis­mus“ eher auf die zum Aus­gleich ten­die­ren­den poli­ti­schen Pro­zes­se zu ach­ten – und dabei zu ver­su­chen, Huma­ni­tät und die Wür­de aller Men­schen zu bewah­ren. Es ist ethisch genau­so gut, Men­schen in ihren Hei­mat­län­dern zu hel­fen wie hier. Ver­zicht auf schein­bar über­le­ge­ne Pole­mik gegen „Rechts­po­pu­lis­mus“ ist auch des­halb emp­feh­lens­wert, weil sich häu­fi­ger zeigt, dass die Idea­li­sie­rung von Grup­pen wie „Flücht­lin­gen“ nicht ent­täu­schungs­fest ist, was zuletzt in #Chem­nitz wie­der deut­lich wur­de.