Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Gal 2,16ff: Mys­tik für uns? – EfG Gries­heim

16Aber wir wis­sen, dass kein Mensch ins Recht gesetzt wird durch vor­schrifts­mä­ßi­ge Erfül­lung der Geset­zes­ver­ord­nung, son­dern nur durch den Glau­ben an bzw. das Ver­trau­en auf Jesus, den Chris­tus. Dar­um sind auch wir zum Ver­trau­en auf den Chris­tus Jesus gelangt, damit wir ins Recht gesetzt wür­den aus de–m Glau­ben an bzw. Ver­trau­en auf den Chris­tus und nicht aus vor­schrifts­mä­ßi­ger Erfül­lung der Geset­zes­ver­ord­nung. Denn aus vor­schrifts­mä­ßi­ger Erfül­lung der Geset­zes­ver­ord­nung gibt es kei­ne Gerech­tig­keit für die Mensch­heit als gan­ze. 17Aber wenn nun wir, die wir ins Recht gesetzt wer­den wol­len durch den Chris­tus, auch selbst als Sün­de­rin­nen und Sün­der daste­hen, ist dann der Chris­tus ein Hand­lan­ger der Sün­de? Nein, und aber­mals nein. 18Stattdessen: Wenn ich genau das wie­der auf­rich­te, was ich nie­der­ge­ris­sen habe, bezich­ti­ge ich mich selbst der Über­tre­tung. 19Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestor­ben, damit ich für Gott lebe. Mit dem Chris­tus bin ich mit­ge­kreu­zigt wor­den. 20Und ich lebe nicht mehr, son­dern in mir lebt der Chris­tus. Was ich jetzt in mei­ner leib­li­chen Exis­tenz lebe, lebe ich im Ver­trau­en auf den Sohn Got­tes, der mich geliebt und sich selbst aus­ge­lie­fert hat für mich. 21Ich erklä­re nicht das Geschenk der Zuwen­dung Got­tes für null und nich­tig. Denn wenn die Gerech­tig­keit durch gesetz­te Ord­nung käme, wäre der Chris­tus umsonst gestor­ben. (Vgl. BgS, zur Stel­le.)

Lie­be Gemein­de,

zum 11. Sonn­tag nach Tri­ni­ta­tis ein Text des Pau­lus, der das geset­zes­freie Evan­ge­li­um für die Christ*innen in Gala­ti­en in unse­rem bzw. ihrem Mit­ster­ben und Mit­ge­kreu­zigt­wer­den mit Chris­tus begrün­det.

19Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestor­ben, damit ich für Gott lebe. Mit dem Chris­tus bin ich mit­ge­kreu­zigt wor­den. 20Und ich lebe nicht mehr, son­dern in mir lebt der Chris­tus. Was ich jetzt in mei­ner leib­li­chen Exis­tenz lebe, lebe ich im Ver­trau­en auf den Sohn Got­tes, der mich geliebt und sich selbst aus­ge­lie­fert hat für mich.

In Gala­ti­en waren viel­leicht juden­christ­li­che Mis­sio­na­re auf­ge­taucht, die sich auf Ver­tre­ter der Urge­mein­de in Jeru­sa­lem berie­fen und behaup­te­ten, die gala­ti­schen Jun­gen und Män­ner müss­ten sich beschnei­den las­sen, um so die Aner­ken­nung des Geset­zes der Väter deut­lich zu zei­gen. Denn das Römi­sche Reich war reli­gi­ös tole­rant, aber fand es ver­däch­tig, wenn reli­giö­se Grup­pen die tra­di­tio­nel­len reli­giö­sen Geset­ze der Väter bzw. die Sit­ten der Älte­ren miss­ach­te­ten. Dann bestand Revo­lu­ti­ons- bzw. Auf­stands­ver­dacht.
Und Pau­lus ist des­we­gen im frü­hen Chris­ten­tum und im Neu­en Tes­ta­ment so umstrit­ten, was bis zum heu­ti­gen Tag nach­hallt. Denn er sah, dass in der jüdi­schen Bibel das Gesetz für Nicht­ju­den kaum Rele­vanz hat­te, son­dern Gott sich auf die ande­ren Völ­ker anders als durch Gesetz und Tem­pel bezieht. Und Gala­ti­en liegt in der heu­ti­gen Tür­kei, was zunächst von den Grie­chen und dann den Römern besetzt war – und zur römi­schen Pro­vinz Klein­asi­en gehör­te. Also müs­sen sich männ­li­che Glau­ben­de auch nicht an der Vor­haut des Penis beschnei­den las­sen.
Dage­gen hält Pau­lus fest, dass Chris­tus nach jüdi­schem und römi­schen Recht bzw. Gesetz gewalt­sam hin­ge­rich­tet wur­de. Da er aber nicht im Tod geblie­ben sei, ver­hiel­te es sich mit uns Glau­ben­den so, dass wir auch wie Chris­tus vom Gesetz getö­tet wor­den sei­en und mit Chris­tus gekreu­zigt wor­den sei­en.

19Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestor­ben, damit ich für Gott lebe. Mit dem Chris­tus bin ich mit­ge­kreu­zigt wor­den. 20Und ich lebe nicht mehr, son­dern in mir lebt der Chris­tus. Was ich jetzt in mei­ner leib­li­chen Exis­tenz lebe, lebe ich im Ver­trau­en auf den Sohn Got­tes, der mich geliebt und sich selbst aus­ge­lie­fert hat für mich.

Das sind Wor­te, die bis heu­te auch im pro­tes­tan­ti­schen Chris­ten­tum miss­ach­tet wer­den, weil sie unver­ständ­lich zu klin­gen schei­nen. Pau­lus unter­stellt, dass wir alle anfäl­lig für das Gesetz sind, denn irgend­wie müs­sen wir ja gesagt bekom­men, was gut und böse ist. Nicht nur Katholik*innen ver­ges­sen des­halb ger­ne, dass Eva und Adam mit­hil­fe der Schlan­ge die sitt­li­che Urteils­kraft erwar­ben, wie Gott „gut“ und „böse“ zu unter­schei­den.

Gen 3,22Und Gott der HERR sprach: Sie­he, der Mensch ist gewor­den wie unser­ei­ner und weiß, was gut und böse ist.

Jeden­falls Pau­lus hat es nicht ver­ges­sen, son­dern baut dar­auf auf. Das Gesetz ist am Sinai dazu­ge­kom­men, damit die Sün­de erkenn­bar ist. Das war nicht nur gut, wie Pau­lus im Gala­ter- und Römer­brief sagt. Denn bei der Erkennt­nis der Sün­de kann es zu einem Unfall kom­men, bei dem die Sün­de erst rich­tig groß und leben­dig wird.
Wenn uns das Gesetz ein Gebot gibt, wie:

Du sollst Dei­nen Nächs­ten lie­ben wie Dich selbst. Ich bin der Herr! (Lev 19,18)“

– dann könn­ten wir wie klei­ne Kin­der reagie­ren und sagen: „Machen wir nicht! Unser Nächs­ter ist so gemein zu uns … “, also Pro­test. Und wir wür­den das Gebot über­tre­ten. Das scheint mir aber nicht gemeint zu sein.
Wahr­schein­li­cher ist: „Dann wol­len wir den Nächs­ten lie­ben, weil Gott es gebo­ten hat, auch wenn es uns schwer fällt …“ Und wir füh­len uns gut, weil wir das Gebot erfül­len. Das ist der Punkt, an dem die Sün­de groß und leben­dig wird. Denn unser Selbst­bild scheint uns nahe­zu­le­gen, dass wir uns gut füh­len müs­sen, uns auf die Schul­ter klop­fen und sagen: „Gut gemacht!“ Aber nach Gen 3,22 kön­nen wir ja genau­so gut wie Gott zwi­schen „gut“ und „böse“ unter­schei­den, also wis­sen wir, dass wir unse­ren Nächs­ten lie­ben sol­len, denn wir erwar­ten auch, dass unse­re Nächs­ten uns eben­falls lie­ben.
Sobald man/frau sich also rühmt, ein Gebot zu erfül­len bzw. das von der sitt­li­chen Urteils­kraft her Nahe­lie­gen­de zu tun, sich dabei auf die Schul­ter klopft, dann wird die Sün­de groß und mäch­tig, wir waren bzw. ich war gut – und des­halb muss Gott uns recht­fer­ti­gen. Das gau­kelt die Sün­de uns vor, das gau­keln wir uns selbst vor – und blei­ben nur bei uns.
Daher ster­ben wir mit Jesus dem Gesetz – und wer­den mit Jesus gekreu­zigt. Da ist jedes Rüh­men umsonst. Wir leben nicht mehr, son­dern neh­men am „Aufstehens“leben Jesu Teil, Jesus lebt in uns. Jesus hat sich für uns dahin gege­ben, er hat sich für uns aus­ge­lie­fert. Wir leben von sei­nem „Aufstehens“leben.
Das ist mys­tisch for­mu­liert, Luther, aber auch Pie­tis­ten wie Ange­lus Sile­si­us  und der Graf von Zin­zen­dorf  haben z. T. auch musi­ka­lisch an die­sen Text ange­knüpft. Die­se mys­ti­sche Fröm­mig­keit war und ist noch ver­brei­tet.
Mei­ne Mut­ter hat jeden Abend mit mir gebe­tet:

Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll nie­mand drin woh­nen als Jesus allein!“

Das war schön, es däm­mer­te und über mei­nem Bett leuch­te­te ein Kreuz, wel­ches das am Tag auf­ge­so­ge­ne Licht abgab.
Dar­in ist m. E. rich­tig gese­hen, dass wir Schwie­rig­kei­ten haben, uns nicht das Gute, das wir tun, selbst zuzu­schrei­ben, uns zu rüh­men, uns auf die Schul­ter zu klop­fen.

… soll nie­mand drin woh­nen, als Jesus allein!“

Das Herz als Inbe­griff unse­rer leib­li­chen Exis­tenz ist also vom „auf­ge­stan­de­nen“ Jesus besetzt, der für uns gestor­ben und mit dem wir dem Gesetz gestor­ben sind, damit wir frei für ande­re da sein kön­nen.
Viel­leicht wird es dadurch leich­ter, wenn wir das Gute, das wir tun, Jesus zuschrei­ben. Das kann absurd klin­gen. M. E. ist es aber das stärks­te reli­giö­se Bild, das ich ken­ne. Wohl weil mei­ne Mut­ter jeden Abend unter dem Leucht­kreuz mit mir bete­te:

Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll nie­mand drin woh­nen als Jesus allein!“

Amen

« Rosa Luxem­burg (1871-1919) – Mein ers­ter Guten­berg-Bei­trag »

Info:
Gal 2,16ff: Mys­tik für uns? – EfG Gries­heim ist Beitrag Nr. 7225
Autor:
Martin Pöttner am 11. August 2018 um 10:30
Category:
Religiöse Rede
Tags:
 
Trackback:
Trackback URI

Keine Kommentare »

No comments yet.

Kommentar-RSS: RSS feed for comments on this post.

Leave a comment