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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Die Pau­lus­brief­samm­lung

 

 

In allen Brie­fen der Pau­lus­brief­samm­lung fun­giert „Pau­lus“ als expli­zi­ter Autor. Dass der tat­säch­li­che Pau­lus nicht über­all der tat­säch­li­che oder rea­le Autor ist, ist am leich­tes­ten am Hebrä­er­brief zu erken­nen, das ist aber bei Eph, Kol, 2. Thess und 1.2 Tim sowie Tit auch nicht so schwer. Auch in der Anti­ke war das mög­lich, weil meh­re­re Text­edi­tio­nen mit fik­ti­ven, bekann­ten Auto­ren arbei­te­ten. Man­che Ausleger*innen mei­nen, es habe eine Pau­lusschu­le gege­ben. Der ent­schei­den­de Punkt ist aber, dass die Kri­tik des Pau­lus an der Tora, auch ande­re Fra­gen, wie sei­ne Hal­tung zur Skla­ve­rei für die gute Situa­ti­on christ­li­cher Gemein­den in der römi­schen Gesell­schaft zu gefähr­lich sei. Eini­ge Brie­fe der Pau­lus­brief­samm­lung ent­wi­ckeln daher ein Pau­lus­bild, das dem­je­ni­gen der Apos­tel­ge­schich­te ähnelt. Im Kern dreht es sich oft dar­um, ob die Christ*innen die Hei­li­gen Schrif­ten des Juden­tums als „Geset­ze der Väter“ oder  „Sit­ten der Älte­ren“ aner­ken­nen. Dann erkennt sie auch der Römi­sche Staat an, so hoff­te man. Wir sahen uns aus die­ser Text­welt Eph und 1Tim an. Wich­tig war aber, Pau­lus selbst zu erfas­sen. Denn er ist reli­gi­ös und theo­lo­gisch eine Aus­nah­me­ge­stalt im Chris­ten­tum.

I. Der Pau­lus der „ech­ten“ Brie­fe (Röm, 1.2. Kor, Gal, Phil, 1Thess*, Phm)

Pau­lus war zu Beginn zwei­fel­los der­je­ni­ge, der am ehes­ten eine Per­spek­ti­ve dar­aus ent­wi­ckelt hat, was mit dem Auf­tre­ten Jesu von Naza­reth mög­li­cher­wei­se gesche­hen sein konn­te. Jesus von Naza­reth wur­de nach römi­schem und jüdi­schen Recht ver­ur­teilt – und ent­spre­chend berech­tigt gewalt­sam getö­tet.
Gleich­wohl schien es Pau­lus, dass die­ser Jesus nicht im Tod geblie­ben war. So hat­te Pau­lus, der zunächst die jun­ge Gemein­de der Jesus‐Anhänger(innen) mit Zwang in den jüdi­schen Main­stream zurück­brin­gen woll­te, eine Visi­on des „Auf­ge­stan­de­nen“.
An der Visi­on sind m. E. kei­ne his­to­ri­schen Zwei­fel erlaubt, natür­lich aber an ihrer Deu­tung. Für Pau­lus jeden­falls bedeu­te­te sei­ne Visi­on, jenes Bild des gekreu­zig­ten Auf­ge­stan­de­nen, dass er sein Leben ganz ändern muss, um eine For­mu­lie­rung von Witt­gen­stein auf­zu­neh­men. Er wur­de Mis­sio­nar für die Nicht‐Juden im Mit­tel­meer­raum.
Inhalt­lich war klar, dass der Pau­lus Erschie­ne­ne das jüdi­sche und römi­sche Gesetz negiert hat­te. Er war zwar for­mal zu Recht ver­ur­teilt wor­den. Aber durch die­se Ver­ur­tei­lung und die gewalt­sa­me Hin­rich­tung war nicht zuletzt auch die Tora außer Kraft gesetzt:

Chris­tus ist das Ende des Geset­zes. (Röm 10,4)

Pau­lus ging frei­lich mit die­ser Ein­sicht reli­gi­ös vir­tu­os um. In der Regel ver­wen­de­te er das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell, um sei­ne Erlö­sungs­bil­der zu ent­wer­fen. Aber er pass­te die kon­kre­ten Kon­stel­la­tio­nen der Pro­blem­ge­schich­te den aktu­el­len Situa­tio­nen sei­ner Gemein­den an.

Wenn das Pro­blem des Geset­zes und des Befol­gens des Geset­zes im Vor­der­grund stand, dann hob er im Anschluss an Dtn 30 auf das The­ma Segen und Fluch ab.

Chris­tus war vom Gesetz ver­flucht wor­den, aber

er ist für uns zum Fluch gewor­den“ (Gal 3,13) –

sei­ne geset­zes­för­mi­ge Hin­rich­tung hat das Gesetz ver­flucht und als Heils­weg auf­ge­ho­ben.

Stand stär­ker das Moment der Sün­de und der Sün­den­ver­ge­bung im Fokus der Auf­merk­sam­keit, dann konn­te er schlicht sagen:

Gott hat Chris­tus für uns zur Sün­de gemacht, damit wir Gerech­tig­keit wür­den (2Kor 5,21).

Wohl­ge­merkt: nicht zum Sün­der, son­dern zur Sün­de – und „wir“ nicht bloß „gerecht“, son­dern „Gerech­tig­keit“.

Eben­so kann Chris­tus zur „Tor­heit für uns“ (1Kor 1,18ff) wer­den, wenn wei­se sein, töricht sein usf. als Haupt­pro­blem der Erlö­sung erschei­nen (etwa im Hori­zont des alex­an­dri­ni­schen Juden­tums mit sei­ner auch phi­lo­so­phisch reflek­tier­ten Weis­heits­tra­di­ti­on).

Pau­lus ist also ein Vir­tuo­se dar­in, die nega­ti­ve Sei­te der Erlö­sungs­fi­gur zu zeich­nen:

[Als ich zu euch kam, habe ich euch] Chris­tus als Gekreu­zig­ten vor Augen gemalt (Gal 3,1).

Im Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell muss immer in der Erlö­sungs­fi­gur die nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on bezeich­net wer­den. Pau­lus wählt dazu immer den gewalt­sa­men Tod Jesu von Naza­reth:

Als ich zu euch kam, woll­te ich nichts ande­res wis­sen als Jesus – und die­sen als Gekreu­zig­ten (1Kor 2,2).

Die­ser gewalt­sa­me Tod Jesu von Naza­reth wird bei Pau­lus zei­chen­haft nega­tiv gedeu­tet: als zur Sün­de wer­den, zur Tor­heit wer­den, zum Fluch wer­den.

Doch die­se Nega­ti­vi­tät hat erlö­sen­de Funk­ti­on: damit wir Gerech­tig­keit wer­den, wir Segen emp­fan­gen, wir wahr­haft wei­se wer­den.

Aller­dings nicht an die­ser Nega­ti­vi­tät vor­bei. Man wird nicht bloß durch Weis­heit, Gerech­tig­keit und Segen wei­se, gerecht und geseg­net, son­dern immer unter Ein­schluss der Tor­heit, der Sün­de und des Flu­ches.

Kurz­um: die pau­li­ni­sche Erlö­sungs­fi­gur reprä­sen­tiert immer sowohl die dia­gnos­ti­zier­te nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on des Sün­derseins, der törich­ten Lebens­wei­se und des Lebens im Fluch.

Für Pau­lus ist dabei frei­lich typisch, dass er unter­stellt, die Men­schen hiel­ten sich selbst für gerecht, für wei­se und für eher geseg­net. Doch dabei täu­schen sie sich. Und des­halb wählt Gott eine absur­de Erlö­sungs­fi­gur:

Für den Juden ein Skan­dal, für den Grie­chen eine Tor­heit (1Kor 1,18ff).

Das Kreuz Chris­ti reprä­sen­tiert in sei­ner gewalt­sa­men Absur­di­tät immer die von Pau­lus als nega­tiv dia­gnos­ti­zier­te Aus­gangs­si­tua­ti­on bei den jewei­li­gen Ori­en­tie­run­gen (Grie­chen und Juden z. B.). Dar­aus erlöst es, weil es vor dem Hin­ter­grund des Auf­ste­hens­bil­des als heil­voll inte­griert wer­den kann: „für uns“…

Pau­lus ist nicht nur ein Vir­tuo­se in der Dar­stel­lung der Erlö­sungs­fi­gur im Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell. Er hat eben­falls einen Schwer­punkt in der Dar­stel­lung des ambi­va­len­ten Schrit­tes 4.

Sei­ne Gemein­den rich­ten sich nicht beson­ders gut nach dem „Evan­ge­li­um“, das er ihnen gebracht hat. Sie ver­fal­len der Weis­heit der Welt, wol­len wie­der das Gesetz befol­gen und füh­len sich durch die enthu­si­as­ti­schen Wir­kun­gen des Geis­tes in Zun­gen­re­de, Kran­ken­hei­lun­gen und Pro­phe­zei­un­gen welt­über­le­gen. Immer wie­der das alte Pro­blem: sich auf die eige­nen Fähig­kei­ten und Kom­pe­ten­zen ver­las­sen, auf die eige­nen Fähig­kei­ten ver­trau­en. Nach Pau­lus ist das eigent­lich vor­bei, wenn ein recht­mä­ßig ver­ur­teil­ter Ver­bre­cher „auf­steht“. Aber es bleibt doch plau­si­bel, wie er ein­se­hen muss. Also schreibt er sei­ne Brie­fe, um die Gemein­den vor Schritt 4 zu war­nen, nicht zuletzt vor der dar­in ste­cken­den Über­heb­lich­keit gegen­über ande­ren.

Auch das Schöp­fungs­bild und das End­zeit­bild als Begren­zun­gen des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells ver­gisst Pau­lus nicht. Ihm zufol­ge wird „Gott alles in allem sein“ (1Kor 15,28), d. h. der Grund­ge­gen­satz von „nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on“ und „gewen­de­ter nega­ti­ver Aus­gangs­si­tua­ti­on“ (die wie­der umschla­gen kann), besteht nicht mehr.

Und die Pro­blem­ge­schich­ten­kon­stel­la­ti­on hät­te nicht sein müs­sen.

Mit der Weis­heit Salo­mos (13,1ff) unter­stellt Pau­lus, dass die Men­schen an den Wer­ken der Schöp­fung Gott hät­ten eigent­lich erken­nen kön­nen. Er denkt an eine abduk­ti­ve (hypo­the­ti­sche) Schluss­fol­ge­rung, einen Schluss vom Klei­ne­ren (den Wer­ken) auf den Schöp­fer. Er wäre exis­ten­zi­ell enga­giert zu wah­rer Reli­gi­on gewor­den (Röm 1,19ff).

Aber so kam es nicht. Also doch Pro­blem­ge­schich­ten …

Pro­blem­ge­schich­ten bei Pau­lus

II. Eph 5f, 1Tim 2,1ff

Wir sahen uns die soge­nann­te Haus­ta­fel im Eph an, in der Lie­be und Unter­ord­nung kom­bi­niert wer­den. Chris­tus ist im Unter­schied zu 1Kor 12 das Haupt der Gemein­de. Ähn­lich auch 1Tim. Hier ist das Gebet für die Regie­ren­den wich­tig, die den Christ*innen ihre Fröm­mig­keit im Römi­schen Reich zuge­ste­hen. Die Situa­ti­on macht also eine Anpas­sung des von Pau­lus Gesag­ten erfor­der­lich. Wahr­schein­lich sind sei­ne  Brie­fe z. B. in Röm 13,1ff und 1Kor 14,33bff ent­spre­chend bei der Edi­ti­on bear­bei­tet wor­den. Thei­ßen hat das als „Lie­bes­pa­tri­ar­cha­lis­mus“ bezeich­net.

« Eine mythi­sche Erzäh­lung von der Ent­ste­hung der Sün­de nach Röm 7,7ff – und ihrer frei­heits­zer­stö­ren­den töd­li­chen Fol­gen – 

Info:
Die Pau­lus­brief­samm­lung ist Beitrag Nr. 7189
Autor:
Martin Pöttner am 12. Juli 2018 um 12:50
Category:
Bibelkunde
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