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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Eine mythi­sche Erzäh­lung von der Ent­ste­hung der Sün­de nach Röm 7,7ff – und ihrer frei­heits­zer­stö­ren­den töd­li­chen Fol­gen

Das The­ma der Sün­de bzw. bzw. des Sün­di­gens ist in der Bibel schon vor der Gesetz­ge­bung am Sinai prä­sent: Vgl. ἥμαρτες in Gen 4,7, zu den hebräi­schen Lexe­men אטח (ḥṭʼ), עשׁר (rš‘), הוע (‘wh) und עשׁפ (pš‘); dazu עער (r‘‘) vgl. hier.  Den­noch beschränkt Pau­lus die Rol­le des Geset­zes auf die päd­ago­gi­sche Funk­ti­on zur Erkennt­nis der Sün­de, wie wir in Gal 3 sahen, zudem von Engeln lan­ciert. Es ist erst 430 Jah­re nach Abra­ham dazu­ge­kom­men. Die­se Per­spek­ti­ve ist nur dann sinn­voll, wenn den Men­schen wie Gott die Fähig­keit zur sitt­li­chen Urteils­kraft zukommt, näm­lich „gut“ und „böse“ unter­schei­den zu kön­nen (expli­zit: Gen 3,22).
Pau­lus struk­tu­riert sei­nen Dis­kurs in Röm 7,7ff durch zwei Fra­gen:

ὁ νόμος ἁμαρτία; (7,7bff)
Τὸ οὖν ἀγαθὸν ἐμοὶ ἐγένετο θάνατος; (7,13ff)

Wahr­schein­lich bear­bei­tet er so Vor­wür­fe, die gegen sein Modell vor­ge­tra­gen wur­den. 7,7ff ent­fal­ten nar­ra­tiv, wie es zur dann in 7,13ff dar­ge­stell­ten ohn­mäch­ti­gen Situa­ti­on kommt.
Die con­clu­sio in 7,12 hält fest, dass für Tora und das jewei­li­ge Gebot gel­te:

ὥστε ὁ μὲν νόμος ἅγιος
καὶ ἡ ἐντολὴ ἁγία
καὶ δικαία
καὶ ἀγαθή.

Bes­ser kann das Gesetz nicht sein. Trotz­dem ergibt sich bei der Erkennt­nis der Sün­de ein fata­les Pro­blem. Pau­lus erör­tert dies syn­ek­dochisch am Ver­bot

οὐκ ἐπιθυμήσεις (Ex 20,17).

Im Juden­tum wird das zehn­te Gebot als Inbe­griff der Tora ver­stan­den – und so ver­wen­det es Pau­lus hier auch. Wir dis­ku­tier­ten, wie der Ent­ste­hungs­pro­zess der ἁμαρτία vor sich geht. Um einen Enste­hungs­pro­zess han­delt es sich des­we­gen, weil die Sün­de ohne die Exis­tenz des Geset­zes tot war, aber leben­dig wur­de, als das Gebot kam – und die sich mit der 1. Pers. Sg. selbst iden­ti­fi­zie­ren­de Per­son stirbt. Auch im Pro­tes­tan­tis­mus ist die von Augus­ti­nus stam­men­de sexu­al­feind­li­che Rede­wei­se von der „Erb­sün­de“ noch nicht ganz ver­stummt. Auf Pau­lus geht sie nicht zurück, auf Ex 2,4bff auch nicht, wie wir schon sahen.
Pau­lus erzählt hier mit­hin vom Ent­ste­hen der Sün­de im Kon­text des exem­pla­risch ver­wen­de­ten zehn­ten Gebots.

 

Wir erör­ter­ten zwei Typen, wie das sein könn­te.

1. der Typ, in dem man/frau durch das Ver­bot gereizt wer­den, es zu über­tre­ten. Denn jedes Wort erregt den Gegen­sinn. Und wenn mir das Ver­bot sagt, ich sol­le nicht begeh­ren, erfas­se ich mich als Wesen, das begeh­ren kann – und dies kann mir als reiz­voll erschei­nen.
2. der Typ, bei dem man/frau nicht begeh­ren – und sich gut füh­len, wenn sie es schaf­fen nicht zu begeh­ren – und sich des­sen „rüh­men“; vgl. 1Kor 1,30f mit Bezug auf Jer 9,22f. Man/frau sol­len sich des Herrn rüh­men – und nicht ihrer selbst. Vgl. im Röm 2,23. Wir mach­ten uns das an der Para­bel vom Pha­ri­sä­er und Zöll­ner klar, in wel­cher der Zöll­ner gerecht­fer­tigt wird, der sich als Sün­der bekennt.

M. E. ist der zwei­te Typ der­je­ni­ge, der die in 7,13ff dar­ge­stell­ten Kon­se­quen­zen für die Per­son, die sich mit der 1. Pers. Sg. selbst bezeich­net, aus­löst. Sie ist in sich gespal­ten – und kann ihre Gespal­ten­heit beob­ach­ten, aber nicht ver­än­dern. Sie will das Gute tun, tut aber tat­säch­lich das Schlech­te, denn die Sün­de wohnt in ihr, in ihrem Fleisch (ἐν τῇ σαρκί μου) – und sie kann das nur ver­stan­des­mä­ßig beob­ach­ten, muss es aber hin­neh­men.
Dar­aus erlöst nur der Tod Chris­ti, der nach dem Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell die nega­ti­ve Sei­te der Erzäh­lung anneh­men muss, um jener sich mit der 1. Pers. Sg. iden­ti­fi­zie­ren­den toten Per­son, die sich selbst beob­ach­ten kann, aus ihrer ohn­mäch­ti­gen und ver­sklav­ten  Situa­ti­on hel­fen zu kön­nen.
Hier­bei erzählt Pau­lus mit­hin einen Mythos, der die Sün­de als eine Art Vam­pir designt, wel­cher jener sich mit der 1. Pers. Sg. bezeich­nen­den Per­son das Leben aus­saugt. Es han­delt sich sicher­lich um eine exem­pla­ri­sche oder rhe­to­ri­sche Ver­wen­dung von „ich“ usf. Es geht also um eine Struk­tur, die 430 Jah­re nach Abra­ham am Sinai ent­stan­den ist.

In der inten­si­ven Dis­kus­si­on, die folg­te, schien mir noch nicht klar zu sein, ob es erlaubt oder auch nur sinn­voll ist, dass ein Mensch eine der­ar­ti­ge Sto­ry erzählt. M. E. tun es vie­le reli­giö­se Men­schen. Ein Teil­neh­mer hat­te den Ein­druck, dass Pau­lus ein Schwarz-Weiß-Gemäl­de, ohne Grau­tö­ne oder ande­re Far­ben, ent­fal­te. Die Kom­ple­xi­tät und Wider­sprüch­lich­keit von indi­vi­du­el­len Per­so­nen und/oder Situa­tio­nen lie­ße sich dadurch nicht erfas­sen. Wir kamen über­ein, am 16. dar­über wei­ter zu dis­ku­tie­ren.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

1. Den­ken Sie über unse­re Argu­men­te noch­mals ruhig nach!
2. Über­set­zen und glie­dern Sie Röm 11,25-32!
3. Bezie­hen Sie vor allem 11,32 auf unse­re Dis­kus­si­on!

 

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Info:
Eine mythi­sche Erzäh­lung von der Ent­ste­hung der Sün­de nach Röm 7,7ff – und ihrer frei­heits­zer­stö­ren­den töd­li­chen Fol­gen ist Beitrag Nr. 7179
Autor:
Martin Pöttner am 11. Juli 2018 um 17:26
Category:
Das Freiheitsverständnis im Neuen Testament
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